Liljecronas Heimat

Chapter 17

Chapter 173,946 wordsPublic domain

Er sah so streng aus, daß das arme Ding Angst bekam. Aber der Pfarrer und sie waren immer gute Freunde gewesen; sie hatte ihn am liebsten von allen auf dem Hofe, nach seiner Tochter natürlich. Und da sie nicht wollte, daß er etwas Schlechtes von ihr denken solle, beeilte sie sich, zu erzählen, daß die Pfarrfrau sie hier in dem Schrank zurückgelassen habe, während er und die Fremden im Wohnzimmer gewesen seien. Sie seien nur hereingekommen, des Herrn Pfarrers Sonntagsanzug zu holen.

Der Pfarrer blieb nachdenklich stehen. Dann sagte er: »Du kannst ruhig die Wahrheit sagen, denn schlimmer als es ist, kann es nicht mehr werden. Nicht meine Frau, sondern Maja Lisa ist es wohl gewesen, die dich hier in den Schrank gesperrt hat?«

Die Kleine war so außer sich, daß sie kaum die Worte herausbringen konnte.

»Die Pfarrerstochter!« rief sie. »Sie sollte mich in einen Schrank einsperren, um da zu horchen? Da ist sie sich wirklich zu gut dazu.«

Der Pfarrer seufzte. »Es gibt wohl nicht viel, für das sie sich zu gut ist«, sagte er. »Glaube ja nicht, ich werde noch ärgerlicher über dich werden, wenn du gestehst, daß dich Maja Lisa hier hineingestellt hat. Du sollst weder wegen des einen noch wegen des andern gescholten werden, wenn du nur die Wahrheit sagst.«

Die Kleine wußte ganz bestimmt, daß sie, seitdem sie nach Lövdala gekommen war, auch nicht ein unwahres Wort gesprochen hatte, und das sagte sie dem Herrn Pfarrer auch.

Aber das war dem Pfarrer jetzt höchst gleichgültig. »Ich begreife ja, daß Maja Lisa allen Grund hatte, Angst zu haben«, sagte er. »Und deshalb begreife ich auch, daß sie dich gebeten hat, hier hereinzugehen, um zu erlauschen, was wir hier sprachen. Die Frau Pfarrer aber hat ja mit der Sache gar nichts zu tun.«

Die Kleine stand still da und erwiderte kein Wort. Sie wußte nicht, was sie sagen durfte. Von der Pfarrerstochter war ihr streng verboten, dem Pfarrer irgendeine Klatscherei über die Pfarrfrau zu hinterbringen, und ihre eigene Mutter hatte dasselbe gesagt. Es war hier nicht wie in Svansskog; dort hatte sie alles, was es auch sein mochte, erzählen dürfen.

Als sie schwieg, schien der Pfarrer bestimmt anzunehmen, daß alles sei, wie er glaubte, und er gebot ihr, sich zu entfernen.

Sie kam auch bis zur Tür; aber da rief er sie zurück. Es war ihm noch etwas in den Sinn gekommen, worüber er sie befragen wollte.

»Hör' einmal!« begann er. »Da du solche Aufträge für Maja Lisa besorgt hast, bist du vielleicht auch die, die ihr beim Schreiben dieses Briefes geholfen hat? Denn er ist mit einer Kinderschrift geschrieben, und du kannst ja lesen und schreiben.«

»Für Mamsell Maja Lisa habe ich nie einen Brief geschrieben«, sagte die Kleine. »Aber für die Frau Pfarrer habe ich einmal einen geschrieben.«

»Ach so, du hast nur für die Frau Pfarrer geschrieben,« sagte der Pfarrer, »aber für Maja Lisa nicht?« Man konnte es seinem Ton wohl anmerken, daß er auch jetzt nicht glaubte, sie sage die Wahrheit. »Vielleicht kannst du dich noch darauf besinnen, wovon der Brief handelte, den du für die Frau Pfarrer geschrieben hast?«

Die Kleine erwiderte, sie könne ihn, wenn es der Herr Pfarrer wünsche, Wort für Wort hersagen; und da befahl er ihr, es zu versuchen.

»Eigentlich bin ich des Schreibens nicht recht fähig,« fing nun die Kleine an aufzusagen, »und so bitte ich, daß die geschätzte Jungfer selbst nachdenken möge. Pfarrer Liljecrona hat jetzt eine gefunden, die ihn glücklich machen würde, wenn Ihr nicht im Wege stündet. Wenn die Jungfer gutwillig fortginge, so dürfte sie einer nie aufhörenden Dankbarkeit gewiß sein, und für die Zukunft würde gesorgt werden. Außerdem möge die Jungfer auch bedenken, daß man in der neuen Gemeinde eine Pfarrfrau von unbescholtenem Lebenswandel verlangen würde ...«

Der Pfarrer winkte mit der Hand ab. »Das genügt«, sagte er, und dann sah er die Kleine lange und prüfend an. »Und das soll in dem Brief gestanden haben, den du für die Frau Pfarrer geschrieben hast?«

Ohne zu zögern, bejahte es die Kleine. Die Pfarrfrau habe ihr zwar verboten, davon zu sprechen, daß sie lesen und schreiben bei ihr lernte, aber von diesem Brief habe sie nie etwas gesagt.

Der Pfarrer zuckte nur die Achseln. »Jetzt siehst du selbst, wie du lügst«, sagte er müden Tones. »Denn da du die ganze Zeit über in dem Schrank dort gestanden hast, mußt du auch gehört haben, daß Maja Lisa eingestanden hat, den Brief geschrieben zu haben.«

Die Kleine fühlte, daß sie rot wurde. Das konnte sie doch wirklich nicht auf sich sitzenlassen. Es war zu schrecklich, daß der Herr Pfarrer glaubte, sie lüge.

»Du kannst jetzt gehen«, sagte der Pfarrer. »Zuerst konnte ich nicht begreifen, wie es gekommen sein könnte, daß der Brief nicht von Maja Lisas Hand geschrieben war. Aber jetzt ist mir auch das klar. Du kannst zu ihr gehen und ihr das sagen.«

Aber die Kleine ging nicht. »Es ist die Frau Pfarrer gewesen, die mich den Brief hat schreiben lassen«, sagte sie. »Und sie ist es auch gewesen, die mich in den Schrank eingesperrt hat.«

»Ihr beide, du und Maja Lisa, habt wohl miteinander ausgemacht, daß ihr so sagen wollt?«

Der Pfarrer sah allmählich ernstlich böse aus, und die Kleine begriff, daß sie fortgeschickt wurde, wenn sie ihn jetzt nicht durch irgend etwas überzeugen konnte. Ratlos blickte sie sich nach allen Seiten um. Da fiel ihr Blick auf die alte Einliegerin, die gerade am Fenster vorüberging.

»Sehet, Herr Pfarrer, da geht die vorbei, die mit dem Brief nach Svansskog geschickt worden ist,« sagte sie, »und die könnte man gut fragen, ob es die Pfarrerstochter oder die Pfarrfrau war, die sie damit hingeschickt hat.«

Schon wollte der Pfarrer antworten, er wolle jetzt nichts mehr von der Sache hören; aber in der Hartnäckigkeit der Kleinen lag etwas, was ihn bezwang. Er stand auf und schritt auf die Tür zu. Als er diese dann aber rasch öffnete, stieß er gegen jemand, der dicht, ganz dicht davorgestanden hatte. Es war die Pfarrfrau.

Er warf einen Blick auf sie, blieb stehen und sah sie noch einmal an, wie um sich zu vergewissern, daß sie es auch wirklich sei; darauf trat er auf die Treppe hinaus und richtete ein paar Fragen an die Alte. Als er zurückkehrte, war die Pfarrfrau verschwunden.

Nachdem er sich wieder auf seinen Stuhl am Schreibtisch niedergelassen hatte, rief er die Kleine zu sich her. »Nun sollst du mir noch erzählen, wie es zuging als du den Brief schriebst«, sagte er.

Und das Kind gab ihm so genaue Auskunft, daß ihm auch nicht der leiseste Zweifel mehr blieb.

»Ich sehe, ich habe dir unrecht getan, Nora Sausewind«, sagte er dann. »Zur Belohnung dafür darfst du jetzt zu Maja Lisa hinuntergehen und ihr alles erzählen.«

Das brauchte er der Kleinen nicht zweimal zu sagen. Im nächsten Augenblick schon war sie drüben in der Stube des Brauhauses, wo noch großer Jammer herrschte, und erzählte alles, was vorgefallen war. Die Pfarrerstochter hörte im Anfang kaum auf das, was sie sagte; aber schließlich begriff sie doch, daß der geliebte Vater jetzt die Wahrheit wußte, und da sprang sie auf und rief: »Großmutter, Großmutter! Ich muß jetzt gleich zum Herrn Vater hinüber und sehen, wie es ihm geht!«

Aber im selben Augenblick ging die Tür auf, und der geliebte Vater stand selbst auf der Schwelle.

Und es war nicht der Vater von gestern und heute, sondern vor ihr stand der Vater der vergangenen Jahre, ein guter, liebevoller, treuer Vater, der die Arme nach ihr ausbreitete!

Der Ruhestein

Ein paar Tage nach der großen Entdeckung war Maja Lisa zur gewohnten Zeit draußen und ging mit der Kleinen auf der Landstraße spazieren.

Aber an diesem Abend wandelte sie nicht mutlos und schwach mit müden Schritten dahin, sondern jetzt waren es zwei, die das Echo hervorriefen, zwei, die in der Sandgrube nach Katzengold suchten, zwei, die den Bach eindämmten, und zwei, die auf der Weide Anemonen pflückten!

Zu einer Neckerei mit dem Käuzchen aber hatte Maja Lisa doch keine Lust, und so ließ sie die Kleine bei der großen Birke und ging allein den Hügel zum Ruhestein hinauf. Übrigens mußte das Käuzchen heute geselliger als gewöhnlich sein, denn die Kleine gesellte sich weder bei dem Gespenstermäuerchen noch später zu ihr.

Als Maja Lisa so weit gekommen war, daß sie den Ruhestein sehen konnte, blieb sie plötzlich stehen. Dort oben, nicht auf dem schmalen ausgehauenen Sitz, sondern auf dem Felsblock selbst, wurde sie eines Menschen gewahr. Er kauerte auf dem Stein und stützte das Kinn in die Hände. Sein Blick aber haftete nicht am Boden, sondern war auf die Baumwipfel gerichtet, und er war eifrig beschäftigt, einer Drossel zu pfeifen, die auf einer großen Tanne jenseits des Weges saß; er ahmte den Drosselschlag nach und brachte den Vogel so in Eifer, daß diesem fast die Kehle zersprang.

Beide, die Drossel und der Mann, waren so in ihr Spiel vertieft, daß sie Maja Lisas Kommen nicht bemerkten. Sie blieb eine Weile regungslos stehen und hörte zu, während sie den Mann höchst verwundert betrachtete. Sooft sie ihn vorher getroffen hatte, mußte er immer von einem schweren Kummer bedrückt gewesen sein. Und deshalb hätte sie bis zum heutigen Abend nie geglaubt, daß er erst fünfundzwanzig Jahre sein könnte. Jetzt sah er wie ein richtiger Junge aus, und sie war über diese Entdeckung so verdutzt, daß sie unwillkürlich hell auflachte.

Er wandte den Kopf ein wenig, um zu lauschen, während sich sein Blick gleichzeitig auf einen andern Baumwipfel richtete, als meinte er, der Ton sei von dorther gekommen.

Da brach Maja Lisa aufs neue in helles Lachen aus. Und jetzt hörte er, was es war. Rasch sprang er von dem Felsblock herunter und eilte auf sie zu. Gerade auf sie habe er hier gewartet, sagte er. Er sei bei ihrer Freundin Britta in Loby gewesen, um sich zu erkundigen, wie er es anstellen müsse, Mamsell Maja Lisa allein zu treffen. Und Britta habe ihm gesagt, sie pflege jeden Abend bis zum Ruhestein spazierenzugehen.

Maja Lisas Herz begann heftig zu schlagen, als habe es eine große Freude erwartet. Ach, ach, wie konnte es nur so unvernünftig sein! Es mußte doch nachgerade wissen, daß er mit keiner angenehmen Botschaft kommen würde. Wahrscheinlich wollte er wegen seines Bruders mit ihr sprechen, wollte sicher den Vorschlag der Schwägerin unter ruhigeren Verhältnissen noch einmal vorbringen.

Und es war so, wie sie gedacht hatte. Er geleitete sie überaus höflich, fast etwas umständlich, zu dem Ruhestein hin, half ihr auf den Felsblock hinauf, wo er eben gesessen hatte, blieb aber selbst auf dem Wege stehen. Dann begann er sie ganz feierlich zu fragen, ob es sich wirklich so verhalte, daß sie eine Neigung zu seinem Bruder habe.

Und dann war er gerade wieder so wie in Svansskog. Sie wußte nicht, warum sie auf einmal ärgerlich und gerührt zugleich war, auch nicht, warum der Ärger die Oberhand bekam, und ziemlich gereizt erwiderte sie, sie begreife nicht, warum er sich überhaupt die Mühe mache, zu fragen. Er meine wohl, sie könne mit seinem Bruder nicht ein paar Stunden zusammengewesen sein, ohne sich gleich in ihn verliebt zu haben.

Aber er ließ sich nicht anmerken, ob ihn ihr unfreundlicher Ton gekränkt hatte. Sie konnte überhaupt fast nicht glauben, daß dies derselbe Mensch sein sollte, der vorhin hier gesessen und der Drossel gepfiffen hatte. Er war jetzt so abgemessen, als handle es sich um eine Geschäftssache, und als habe er sich jedes Wort, das dabei gesprochen wurde, vorher genau überlegt. Ganz so sah er gewiß aus, wenn er Eisen verkaufte oder einen Kontrakt mit den Kohlenfuhrleuten abschloß.

Er bat, Maja Lisa solle ihn doch nicht für aufdringlich halten; er habe nur gefragt, weil er sich, ehe er fortfahre, vergewissern müsse, ob ihr Herz noch frei sei.

Aber in Maja Lisa erwachte eine unwiderstehliche Lust, ihn zu reizen und ihn aus seiner großen Sicherheit etwas aufzurütteln.

»Das ist noch nicht so ganz selbstverständlich, daß mein Herz frei ist, weil ich Pastor Liljecrona nicht liebe«, warf sie ein. »Vielleicht gibt es andere ...«

Er verneigte sich ein wenig verächtlich. »Das ist durchaus richtig«, sagte er. »Und wenn Ihr nur die geringste Aussicht habt, daß der, an den Ihr denkt, um Eure Hand anhalten wird, dann werde ich nichts mehr sagen.«

Das Blut schoß ihr in die Wangen; aber sie sah ihm fest in die traurigen Augen, als sie antwortete: »Nein, ich habe ganz und gar keine Aussicht dazu.«

»Nun, dann möchte ich Euch um einen Rat bitten«, sagte er, indem er sein Taschentuch herauszog und ihm einen fest zusammengefalteten, versiegelten Brief entnahm, den er aber in der Hand behielt, ohne sie die Adresse sehen zu lassen. »Vielleicht seid Ihr so freundlich, mir zu sagen, ob ich dieses Schreiben abschicken oder zerreißen soll?«

Maja Lisa erwiderte nichts. Sie mußte unwillkürlich an jenen Morgen denken, wo er in die Fuchsgrube hinabgesprungen war. Damals ging es: hier ein Schlag und da ein Schlag, und in einem Nu war alles geschehen. »Warum kann er jetzt nicht einen raschen Sprung machen und zuschlagen, daß ich erfahre, was er eigentlich meint?« dachte sie. »Woher kommt es, daß er jetzt so umständlich vorgeht?«

»Diesen Brief hier, Mamsell Maja Lisa,« fuhr er fort, und seine Stimme klang, wenn möglich, noch kühler und geschäftsmäßiger als vorher, »diesen Brief hat ein junger Mann geschrieben, der vor ein paar Jahren an dem Grab seiner Braut stand und dort das Gelübde ablegte, sein ganzes Leben einsam zu bleiben, um nur immer an sie denken zu können. Seither hat der junge Mann nie einen Augenblick daran gedacht, sein Gelübde zu brechen, ja, er hat sich nicht einmal je dazu versucht gefühlt. Er hat sein Herz mit der Geliebten ins Grab hinabgesenkt, und es kann nicht wieder lebendig werden. Aber, Mamsell Maja Lisa, dieser junge Mann traf vor ein paar Monaten mit einem armen, einsamen und verlassenen Kind zusammen. Er las in dessen Augen die holdeste Vereinigung von Freundlichkeit und Demut, noch mehr aber überraschte ihn eine wunderbare Ähnlichkeit mit der Geliebten. Sofort empfand er die größte Sympathie für sie. Es war ihm, als flüstere ihm die Verstorbene zu, er müsse dieser jungen Einsamen, die ihr Ebenbild sei, zu helfen suchen. Da machte der junge Mann einen Versuch, sie mit dem edelsten Mann, den er kannte, mit seinem eigenen Bruder, zusammenzubringen. Er sah sie beieinander, sah sie vor dem Herde Seite an Seite sitzen und träumte schon von einem großen Glück für beide; aber dann schoben die widerlichsten Umstände sich dazwischen. Dieses Vorgehen des jungen Mannes brachte Unglück über die beiden, deren Glück er hatte begründen wollen. Der geliebte Bruder geriet zuerst in das gräßlichste Elend, und bei dem Versuch, der zu seiner Rettung unternommen wurde, wurde auch das junge Mädchen völlig unverdient in die schwierigste Lage versetzt. Nun aber glaubte der junge Mann Tag um Tag die Stimme seiner Verlobten zu hören, die ihm aus dem Grabe zurief, dem jungen Mädchen wenigstens bei sich ein Heim anzubieten, wo er dann mit der zärtlichsten Fürsorge versuchen könnte, sie glücklich zu machen, und wo sie in sicherem Schutz vor der harten Hand wäre, die jetzt über sie herrsche. So lagen die Dinge, liebste Mamsell Maja Lisa, als der junge Mann diesen Brief schrieb. Er hatte die Absicht, ihn diesen Morgen abzuschicken; aber dann wurde er wieder unschlüssig, und er hielt es für notwendig, erst Euch, Mamsell Maja Lisa, zu Rate zu ziehen.«

Er schwieg, und ohne noch etwas hinzuzufügen, ließ er den Brief in ihren Schoß niedergleiten. Sie las die Adresse. Der Brief war an den hochgelehrten Herrn Hilfsprediger Erik Lyselius gerichtet, also an ihren Vater.

Nie, niemals in ihrem ganzen Leben, hatte sich Maja Lisa so gekränkt gefühlt. Wenn er jetzt das tat, was sie nie erwartet hatte, wenn er jetzt um sie freite, warum mußte es auf diese Weise sein? Nur weil sie ihm leid tat! Ihr erster Gedanke war, aufzuspringen, den Brief zu zerreißen und ihm die einzelnen Stücke ins Gesicht zu werfen. Sie war jetzt aufgebrachter über ihn als über ihren Vater, da dieser die Raclitz geheiratet hatte. Und sie dachte: »Ach, lieber Gott, es kommt mir vor, als könnte ich nur auf die Leute richtig böse sein, die ich liebhabe!«

Aber Maja Lisa hatte seit jenem Tage, wo sie sich dem Vater und der Raclitz gegenüber nicht hatte beherrschen können, viel erlebt, und sie hatte sich jetzt ganz anders in der Gewalt. Sie glitt nur von dem Stein herab, ließ den Brief auf den Weg fallen und begann, ohne ein Wort zu sagen, den Hügel hinunterzugehen.

Und sie durfte eine tüchtige Strecke, ganz bis zum Steinmäuerchen, hingehen, ohne daß ihr jemand nachkam.

Während sie so bergab schritt, merkte sie erst, wie schön der Abend war. In den Bäumen zwitscherten die Vögel, in der Luft tanzten die Mücken, auf dem jungen Grün der Blätter spielte die Frühlingssonne, das Bächlein plätscherte lustig im Graben, überall keimten und sprossen Pflanzen und junge Triebe hervor, ja es war fast, als könne man das Gras wachsen hören.

Aber wie merkwürdig! Gerade das vergrößerte ihren Zorn. Er hätte doch begreifen müssen, daß man an einem solchen Abend, wenn man überhaupt kommen wollte, nur in der richtigen Weise kommen durfte. Ach, wenn er doch so klug gewesen wäre, es bleibenzulassen! Sie wäre nicht so unglücklich gewesen, wenn sie nur ganz im stillen von ihm geträumt hätte.

Außerdem hätte er sich klugerweise auch erst darüber Gewißheit verschaffen müssen, wie es ihr ging, ehe er sich aufmachte und ihr diese große Demütigung zufügte. Hätte er gewußt, daß sie mit ihrem Vater versöhnt war, und daß die Stiefmutter am selben Abend noch, wo er mit seiner Schwägerin auf Lövdala gewesen war, fortgelaufen, ja auf und davon gegangen war, ohne irgendeinem Menschen auch nur ein Wort davon zu sagen, und daß sie auch bis jetzt noch nicht zurückgekommen war, dann hätte er sie mit diesem Beweis seines Erbarmens verschonen können.

An der Sache selbst hätte es freilich nichts geändert. Und wenn sie sich in der allergrößten Not befunden hätte, sie wäre ebenso böse auf ihn geworden, weil er nur aus Mitleid um sie warb. Auf einen andern wäre sie nicht so aufgebracht geworden, auch nicht auf seinen Bruder, wenn es dieser ebenso gemacht hätte.

Plötzlich blieb sie stehen. Warum war sie denn gerade über ihn so erregt? Die Antwort brach wie eine Offenbarung über sie herein. Weil -- weil sie ihn liebte!

Ja, ach ja! Dies war die Liebe! Die Liebe! Sie hatte in den Büchern von ihr gelesen, hatte in Liedern von ihr gesungen, aber im eigenen Herzen hatte sie sie bisher noch nie verspürt gehabt. Nun aber hatte es den ganzen Frühling hindurch wie ein schwaches Feuer in ihr geglimmt, sie aber hatte das Gefühl nicht mit Namen nennen können. Doch jetzt schlug die Liebe in ihr empor wie ein loderndes Feuer, und sie verwunderte sich fast, daß die Flammen nicht aus ihr herausschlugen.

Da wandte sich Maja Lisa um. Alles war auf einmal ganz anders geworden. In ihrem Herzen brannte die Liebe. Seit dieses große Wunder geschehen war, war sie nicht mehr dieselbe. Sie konnte dem, der schuld daran war, daß sie die Liebe kennengelernt hatte, nicht mehr böse sein.

Er war ihr nachgegangen und hatte sie beinahe eingeholt. Als sie sich nun so plötzlich umdrehte, standen sie einander Auge in Auge gegenüber.

Wahrhaftig, mußte nicht eine solche Flammenglut wie die, die jetzt in ihr brannte, auf den andern überspringen? In seinen Augen flammte ein Widerschein auf, oder war es vielleicht nicht nur ein Widerschein? Sie schienen ihr zu stark zu glänzen, diese Augen! Maja Lisa wußte ja noch so wenig von der Liebe, die Leidenschaft aber, mit der er sie jetzt an sein Herz drückte, schien dieselbe heiße Sehnsucht auszudrücken, die sie zu ihm hinzog.

Ihr Erstaunen war unbeschreiblich. Sie wußte nicht, ob sie ihren Sinnen trauen dürfte. Aber die Worte, die er jetzt in kurzen Ausrufen hervorstieß, diese beglückenden Fragen, ob sie ihn liebe, dieses feurige Bekenntnis, daß er sie vom ersten Augenblick an geliebt, sich aber seiner Schwachheit geschämt habe, diese schmerzliche Reue darüber, daß er sich selbst etwas vorzulügen gesucht und sich vor seiner Liebe versteckt hatte, diese trotzige Rede, daß er jetzt weder nach Lebenden noch nach Toten frage, wenn nur sie ihn liebe -- konnte es anders sein, als daß sein Herz in derselben verzehrenden Liebe für sie glühte wie das ihre für ihn?

Die Erdgeister auf Lövdala

Phylax stand auf der Freitreppe und bellte und heulte die ganze Nacht. Die Kleine hatte ihn noch nie so fürchterlich heulen hören, sie konnte unmöglich einschlafen. Mamsell Maja Lisa wachte sicher auch und konnte kein Auge schließen, und sie hätte doch den Schlaf in ihrem angegriffenen Zustand so nötig gehabt. Nein, es ging nicht anders, die Kleine mußte einen Versuch machen, den Hund zum Schweigen zu bringen.

Sie warf sich Rock und Jacke über und schlich durch die Küche in den Flur hinaus. Ehe sie indes die vielen Schlösser und Riegel an der Haustür aufgebracht hatte, war der Hund still geworden; aber sie ging doch für alle Fälle auf die Veranda hinaus, um ihn hereinzulocken.

Aber wie merkwürdig! Sie konnte ihn nirgends sehen. Sie wußte bestimmt, daß er die ganze Nacht auf der Veranda gestanden hatte; jetzt aber, wo sie sich die Mühe gemacht hatte aufzustehen, war er natürlich verschwunden. Sie ging sogar bis auf die Freitreppe vor und rief und lockte ihn; aber der Hund war nirgends zu sehen.

Es war eine herrliche Nacht. Der Himmel war mit kleinen weißen Wolken bedeckt, die sich zu Kränzen und Ringen ineinandergeschoben hatten, als wollten sie nun, wo sie niemand sah, allerlei künstliche Spiele vornehmen. Die Sonne war noch nicht hinter dem Berge aufgegangen, aber trotzdem war es taghell. Dabei war es nicht im geringsten kalt, sondern so lau und mild, daß die Kleine kein bißchen fror, obwohl sie mit bloßen Füßen herausgetrippelt war.

Die sechs großen Ebereschen, die in einer Reihe vor der Scheune standen und mit ihren breiten Wipfeln wie eine grüne Mauer aussahen, entfalteten schon ihre Blüten. Die großen weißen Blütendolden leuchteten hell aus dem dunklen Grün hervor. Das war ebenso schön wie die glänzenden Sternenlichter an einem dunklen Nachthimmel.

Ob es nun der Gegensatz zwischen dem frischen Grün war, das jetzt im Frühling überall hervorleuchtete -- der Kleinen kamen alle die Gebäude, die rings um den Hof standen, plötzlich so alt und so baufällig vor. Sie betrachtete den Altan über dem Stall und die halbrunden Scheunenfenster, die unter dem schwarz gewordenen Strohdach hervorschauten, sowie die schiefe Tür des Brauhauses -- alles sah in dieser Frühlingsnacht gar so betrübt aus und seufzte über sein Alter. Sie betrachtete auch das Gesindehaus, das ein steinernes Erdgeschoß hatte, sowie das Vorratshaus, das auf Pfosten stand. Dann schweifte ihr Blick über die vielen Gattertüren hin, die jetzt im Frühjahr wieder in die Zäune eingesetzt waren, sowie über die langen Reihen von Pfählen, die die Zäune bildeten. Alles war so alt, daß es krumm, schief und verfallen aussah. Die Dachfirste waren eingesunken, die Wände waren grau geworden, und zwischen dem Gebälk wucherte grünes Moos hervor.

Dies war das erstemal, daß der Kleinen der Gedanke kam, der ganze Hof sei allmählich zu alt geworden und bedürfe überall der Erneuerung. Aber so etwas denkt man auch nur im Frühling, wenn man sieht, wie sich die Bäume, die Sträucher und die Felder schmücken und in ihren schönsten Staat kleiden.

Vielleicht, dachte die Kleine, gibt es auch für die Höfe etwas Ähnliches wie Sommer und Winter, obgleich für sie wohl längere Zeiten dazwischenliegen als für Bäume und Sträucher.

Frühling war es auf einem Hofe, wenn ein junges Paar hinkam, das Neues aufbaute und das, was zu alt war, wegriß. Und Winter war es, wenn diese jungen Leute alt geworden waren, wenn das, was sie aufgebaut hatten, dem Einsturz nahe war und sich nach frischen Kräften sehnte, die wiederum neu bauen und Ordnung schaffen sollten.