Liljecronas Heimat

Chapter 16

Chapter 163,888 wordsPublic domain

Vaters Stimme hatte dabei einen sonderbaren, ja verächtlichen, zornigen Klang. Maja Lisa zwang sich aufzusehen. Vaters Stirne war finster zusammengezogen, und er wurde abwechslungsweise blaß und rot. Da sah Maja Lisa, daß ihr Vater über irgend etwas nicht allein tief unglücklich, sondern auch über die Maßen empört war. Und obgleich sie durchaus nicht begreifen konnte, wie das möglich war, mußte sie sich sagen, daß er über sie selbst böse sei.

Da stand sie unwillkürlich von dem Fußbänkchen auf und stellte sich schlank und aufrecht vor ihren Vater hin, wie um sich besser verteidigen zu können.

»Der Herr Vater sieht doch wohl, daß ich jetzt nicht klüger bin als vorher«, sagte sie.

Der Vater sah aus, als hätte er eine solche Widerspenstigkeit nicht erwartet, und erwiderte: Er wisse zwar, daß sie die Geschichte kenne, aber da sie sie noch einmal hören wolle, könne er sie ihr ja ebensogut auch auf seine Weise erzählen. Tante Margareta in Svansskog habe ihr vielleicht keine ganz richtige Schilderung gegeben.

Hier erkühnte sich Maja Lisa, den Vater zu unterbrechen, indem sie sagte, die Tante in Svansskog habe ihr zwar viel von Pastor Liljecrona erzählt, die Haushälterin aber mit keinem Wort erwähnt.

Der Vater machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. Es sei auch einerlei, ob ihr die Tante oder jemand anders den Klatsch zugetragen habe. Jedenfalls sei es ein Frauenzimmer gewesen, denn die Frauen seien allemal am schlimmsten gegeneinander. Wenn ein Mann von der Sache gesprochen hätte, würde er zugleich auch darauf hingewiesen haben, daß man sich in die Lage eines andern versetzen müsse, ehe man ihn verurteile. Wie viele von denen, die froh gewesen waren, daß es Pastor Liljecrona so lange unter den Finnen ausgehalten und dort an ihrer Aufklärung gearbeitet hatte, hätten sich wohl Gedanken darüber gemacht, wie es ihm da droben ging? Er selbst habe erst heute erfahren, daß jener in einer Finnenhütte wohnte, die nur eine einzige Stube hatte, und sich mit einer Besoldung begnügte, die nicht über hundert Taler im Jahre betrug. Welche ungeheure Arbeit also für die Person, die seinem Haus vorstehen und die ärgste Not abwehren sollte! Sie habe nicht allein die Kleider gewoben, sondern sie überdies auch genäht. Sie habe die Kühe und die Schafe in den Wald auf die Weide geführt und da gehütet; und während all der Jahre, die sie in seinem Dienst gestanden, sei sie ihm von viel größerem Nutzen gewesen, als die verwöhnte Tochter eines Herrenhofs sich vorstellen könnte. Und der Frau Pfarrer sei es gewissermaßen zu verdanken, daß Pastor Liljecrona sein gutes Werk da droben habe vollbringen können.

Jetzt fühlte sich die Pfarrerstochter auch etwas gereizt. Warum war der Vater so aufgebracht? Meinte er, sie habe Pastor Liljecrona damals in Svansskog an sich zu locken gesucht? Mit ihm zu sprechen, war doch wohl nicht verboten gewesen?

Aber sie überwand sich und bat den Vater, ihr doch zu glauben, daß sie von alledem nie ein Wort gehört habe.

Des Vaters Finger spielten ungeduldig mit einem zusammengerollten Briefchen, das vor ihm auf dem Schreibtisch lag.

Ja, es sei ihm auch höchst merkwürdig, gab er zu, wie sie das Verhältnis, in dem Pastor Liljecrona zu seiner Haushälterin stand, erfahren hatte, da er es doch bis jetzt nach der Hochzeit sogar vor seinem Bruder habe geheimhalten können. Aber auf irgendeine Weise müsse sie es eben doch erfahren haben, und wie sie es dann übers Herz gebracht habe, so rasch abzuurteilen, das sei ihm unerklärlich; ob sie denn gar nicht begriffen habe, daß die andere die heiligsten Rechte hatte? Selbst wenn sie nicht die rechtmäßige Gattin gewesen, ja selbst wenn sie von niederer Herkunft war, hätte eine so lange Treue, eine so große Aufopferung auch bei dem Hartherzigsten auf Erbarmen rechnen können.

Noch einmal mußte die Pfarrerstochter ihren Vater bitten, zu entschuldigen, aber sie wisse immer noch nicht, was sie Böses getan habe.

Dem Vater war es außerordentlich widerwärtig, so viele Erklärungen geben zu müssen, das war nur zu deutlich; große Schweißtropfen perlten ihm auf der Stirn.

Nun, wenn es eine Neuigkeit für sie sei, so wolle er ihr sagen, daß Pastor Liljecrona vor vielen Jahren versprochen habe, die Frau, die jetzt seine Gattin sei, zu heiraten. Es sei beschlossen gewesen, daß die Hochzeit stattfinde, sobald er eine Stelle habe, auf der er eine Frau versorgen könne, damit diese nicht mehr die Magd machen müsse. Sie habe auch bis letzte Weihnachten nicht die allergeringste Angst gehabt, er werde sein Wort nicht halten. Aber da hatte Pastor Liljecrona eine kleine Reise gemacht -- vorgeblich, um mit seinem Bruder zusammenzutreffen. Er war aber nur bis zur Svansskoger Herberge gefahren, und nach seiner Rückkehr war er vollständig verändert, trübsinnig und aufgeregt und von der Hochzeit war nie mehr die Rede gewesen. Da hatte sich die Haushälterin erkundigt, mit wem er denn in Svansskog zusammengetroffen sei.

Jetzt wendete sich der Pfarrer direkt an Maja Lisa. »Du weißt am Ende nicht einmal, wen er da getroffen hat?«

»Doch, Herr Vater, das weiß ich, mich hat er dort getroffen. Und Pastor Liljecrona hat den ganzen Tag sehr einfach und natürlich ganz wie ein guter Bruder mit mir gesprochen.«

Wieder machte der Vater eine Bewegung, als sei er über ihre Halsstarrigkeit ganz verzweifelt.

»Es kann ja sein, daß Pastor Liljecrona an jenem Tag nicht um dich anhielt; aber du scheinst über seine Gefühle nicht im Zweifel gewesen zu sein. Sonst hättest du doch keinen solchen Brief schreiben ...«

Aber hier unterbrach Maja Lisa ihren Vater ohne alle Umstände.

»Herr Vater,« sagte sie, »ich habe nicht an Pastor Liljecrona geschrieben. Wenn die Frau Pastor das sagt ...«

»Von einem Brief an Pastor Liljecrona ist durchaus nicht die Rede, sondern von dem Billett an seine Haushälterin.«

»Ach so, an die Haushälterin!« entgegnete Maja Lisa, und ihre Stimme klang jetzt ebenso zornig und verächtlich wie die ihres Vaters. »Ach so, der Herr Vater hat erfahren, daß ich an sie geschrieben habe! Dann habe ich sie wohl gebeten, mir Pastor Liljecrona abzutreten?«

Der Vater sah sie kalt an. »Du weißt also doch, was du geschrieben hast«, sagte er.

Aber jetzt war die Pfarrerstochter ernstlich böse. Sie dachte nicht mehr daran, den Vater zu schonen, sondern nur noch, wie sie sich selbst rechtfertigen könnte, und nun mußte sie wissen, wie alles zusammenhing.

»Saget, Herr Vater, steht mein Name unter dem Brief?« fragte sie.

»Nein, es steht kein Name unter dem Brief, aber er ist von deiner Tante in Svansskog nach Finnerud geschickt worden, mit dem Bescheid, er sei von Lövdala gekommen und solle Pastor Liljecronas Haushälterin zugestellt werden.«

Der Vater war gewiß überrascht, daß Maja Lisa nach diesem schlagenden Beweis nicht nachgab, sondern nur weiter fragte:

»Bitte, Herr Vater, erzählet mir noch weiter, was ich getan habe. Es ist so lustig anzuhören. Ich kann nicht alles erraten.«

»Was du weiter getan hast?« Der Vater schlug mit der Faust auf den Tisch. »Ist es nicht genug, daß du den Brief geschrieben hast? Daß du dir einen Mann aneignen wolltest, der einer andern gehört? Daß du ein Weib beleidigt hast, das nur aus Liebe gesündigt hat? Was du getan hast? Du hast dieses andere Weib so zur Verzweiflung gebracht, daß sie in ihrer Desperation die wahnsinnigste Torheit begeht. Sie wandert nämlich nach Karlstadt, sucht den Bischof auf, erzählt ihm alles und bittet um Hilfe. Darauf nimmt sich der Bischof ihrer Sache an und schreibt an Liljecrona, da er jetzt im Begriff stehe, eine große Pfarrei anzutreten, müsse er größere Anforderungen an sich selbst stellen. Er gibt ihm zu verstehen, daß er nicht zum Propst ernannt werden könne, ehe er seine eigenen Angelegenheiten in zufriedenstellender Weise geordnet habe. Der Bischof hat gewiß so freundlich und klug wie möglich geschrieben, aber Pastor Liljecrona ist ein stolzer, heftiger Mann. Er hat sich außerordentlich beschämt gefühlt und ist aufs tiefste verletzt gewesen. Es ist anzunehmen, daß sein gutes Herz schließlich gesiegt hätte, wenn nichts in der Sache geschehen wäre. Er würde die zufällige Leidenschaft, die ihn ergriffen hatte, überwunden und freiwillig dem Gebot der Pflicht gehorcht haben. Jetzt aber fühlt er sich gezwungen, er gerät in Verzweiflung, und es bemächtigt sich seiner ein unauslöschlicher Haß gerade gegen die, die so großes Recht auf seine zärtliche Fürsorge hat. Im Anfang läßt er indes nichts von diesem seinem Hasse merken, und ebensowenig erwähnt er das Schreiben des Bischofs. Aber eines Tages, ungefähr einen Monat, nachdem er das Schreiben empfangen hat, geht er in den Stall, spannt sein Pferd ein, fährt an seiner Tür vor und fragt, ob die Haushälterin ein Stück mitfahren wolle. Dies wird von ihr als eine große Freundlichkeit aufgefaßt, an die sie nicht mehr gewöhnt ist. Sie springt auf, nimmt rasch ein Kopftuch und setzt sich in der kurzen Werktagspelzjacke und in den derben Stiefeln, gerade wie sie geht und steht, in den Schlitten, der sogleich abfährt. Sie kommen an ein paar größeren Höfen vorbei. Es sind allerdings nur Finnenhütten; aber sie gerät doch wegen des Werktagskleides in Verlegenheit und will aussteigen und heimgehen. Doch nein, der Pfarrer will nicht halten. So gibt sie sich zufrieden; es geht in einen öden Wald hinein, die Fahrt wird immer toller. Sie beginnt sich zu fürchten und bittet aufs neue, aussteigen zu dürfen. Da wird ihr mit harter Stimme und zornigen Blicken erklärt, daß sie sich auf der Hochzeitsfahrt befinde; sie sei auf dem Weg nach dem Pfarrhof in Westmarken, um da getraut zu werden. Sie glaubt, es sei ein Scherz, und bleibt eine Zeitlang sitzen, dann bittet sie noch einmal, den Schlitten verlassen und heimgehen zu dürfen. Da wird das Pferd mit einem Ruck angehalten, und sie erfährt, daß es ihr freistehe, den Schlitten zu verlassen, wenn sie es durchaus wolle; tue sie es aber, so verliere sie damit alle Aussicht, jemals getraut zu werden. Er habe jetzt die Absicht, nach Westmarken zu reisen und sich mit ihr trauen zu lassen, wenn sie aber diese Gelegenheit nicht benütze, werde sich eine solche nicht zum zweitenmal bieten. Sie wendet ein, die Trauung sei ja unmöglich, da noch kein Aufgebot stattgefunden habe. Da teilt er ihr mit, daß dies ohne ihr Wissen in ihrer Heimatgemeinde geschehen sei, und sein Gesicht hat dabei einen so erschreckenden Ausdruck, daß sie nahe daran ist, auszusteigen. Aber da fällt ihr ein, daß sie damit ihrem ganzen Lebensglück entsagen müßte, und so bleibt sie sitzen. Während der ganzen weiteren Fahrt ist sie voller Zweifel; sie begreift, wie verhaßt sie ihm sein muß, wenn sie auf diese Weise gezwungen wird, sich ohne ein anständiges Hochzeitskleid trauen zu lassen. Noch vor dem Altar ist sie auf dem Punkt, nein zu sagen; aber sie tut es doch nicht. Sie will den Geliebten nicht der andern überlassen, ihr, die den Brief, jene abscheulichen Zeilen, die das ganze Unglück verursacht haben, geschrieben hat. Sie hofft wohl auch, den Haß mit der Zeit mildern, hofft, zurückerobern und versöhnen zu können. Aber in dieser Beziehung verrechnet sie sich; sie ist ihm wirklich so verhaßt, daß sie sich entsetzt. Es wird ihr mitgeteilt, daß der Mann die große Pfarrei ganz entschieden abgelehnt hat, und sie fühlt, daß er es getan hat, damit sie sich weiter in der Armut wie ein Sklave abschinden soll. Geordnete Verhältnisse und eine angesehene Stellung werden ihr nicht gegönnt. Doch nicht genug damit. Sie entdeckt bald etwas noch viel Schlimmeres, nämlich, daß er sich auf jede Weise zu schaden sucht; sie entdeckt, daß er ohne Maß, ohne Beherrschung zu trinken anfängt. Sie bittet und bettelt, aber es hilft nichts. Sie kann es sich nicht verhehlen, daß er keine Freude mehr am Leben hat. Er fragt nicht einmal mehr nach seiner armen Gemeinde; er will sich zugrunde richten, will untergehen. -- So also ist eine prächtige Laufbahn abgebrochen, ein vortrefflicher Mann ist in ein Ungeheuer verwandelt worden. Und alles infolge der Unbedachtsamkeit eines unvernünftigen jungen Mädchens! Ob du jetzt wohl begreifst, was du getan hast? Ob du vor allen Dingen verstehst, daß du am besten daran tätest, zu gestehen, daß du das Briefchen in einer flüchtigen Leidenschaft geschrieben hast? Denn wenn es nicht so wäre, würdest du deinen Vater zwingen, zu glauben, daß du den Brief aus teuflischer Berechnung geschrieben hast, um Liljecrona zu beseitigen, damit sein Platz in Sjöskoga von einem andern, der dir etwa noch näher steht, eingenommen werden könnte. Doch dann könnte dir nicht verziehen werden -- da könnte ich dich nicht mehr meine Tochter nennen.«

Während dieser ganzen Rede hatte Maja Lisa immerfort überlegt, wie sie den Vater überzeugen könnte, daß sie das Briefchen nicht geschrieben habe. Ach, wenn ihr bei einer andern Gelegenheit diese Geschichte mit so großer Beredsamkeit vorgetragen worden wäre, wie gerührt wäre sie da gewesen! Jetzt aber drehten sich alle ihre Gedanken nur um die Ungerechtigkeit, die ihr widerfuhr, und zwar nicht nur von ihrem Vater. Sie dachte dabei nicht an die arme Frau, sondern an den Mann, der sie hierher begleitet hatte, um sie anzuklagen. Er glaubte also die Beschuldigung auch, glaubte, daß sie geschrieben habe, um sich einen Mann zu erbetteln, der einer andern gehörte!

Da wendete sie sich plötzlich von dem Vater ab und sah Liljecrona an.

Seine Augen waren nicht auf sie gerichtet; trotzdem zuckte er zusammen, als habe er ihren Blick gespürt. Er sah tief bekümmert aus; aber jetzt flog mit einemmal das gütige Lächeln über sein Gesicht. Er warf ihr einen beruhigenden Blick zu, gerade wie einem Kinde, das eine Torheit begangen hat, und schien sie bitten zu wollen, gefaßt zu sein, es sei keine große Gefahr vorhanden. Darauf sah er gleich wieder weg.

Ungeduldig wendete sich Maja Lisa von ihm ab; und während ihr Vater noch weitersprach, richteten sich ihre Augen auf die Großmutter.

Großmutters Blick begegnete den ihrigen mit tiefem Ernst und hatte beinahe denselben Ausdruck wie Liljecronas.

Offenbar dachte Großmutter ganz wie er: Hab' keine Angst, sondern fasse dich! Und auch Großmutter sah gleich darauf nach einer andern Seite, nach derselben wie Liljecrona.

Da schaute auch Maja Lisa dorthin, und da sah sie, wen die beiden anderen betrachteten -- die Stiefmutter.

Diese schien merkwürdig erregt zu sein. Sie war totenblaß, und ihre Augen schauten ganz irr und wirr, ungefähr wie an jenem Morgen, wo Maja Lisa ihr zum erstenmal begegnet war. Man sah deutlich, Mutter war von einem großen Schrecken erfüllt.

Einen Augenblick überlegte Maja Lisa, ob am Ende die Stiefmutter das Briefchen geschrieben habe; aber sie verwarf den Gedanken wieder, da die Mutter ja in der Schreibkunst nicht bewandert war. Überdies war es kein Wunder, wenn Mutter Angst hatte, denn der Vater war jetzt unnatürlich aufgeregt. Sie hatte alle Ursache, unruhig zu sein, wie das enden werde.

Was für ein Glück, daß Maja Lisa Mutter angesehen hatte! Dadurch war ihr wieder eingefallen, daß sie sich hüten mußte, ihren Vater zu erzürnen. Sie hörte ihm also ganz still bis zum Schlusse zu, und als er ausrief, daß er sie nicht mehr seine Tochter nennen wolle, sagte sie ganz demütig: »So tue der Herr Vater mit mir, wie er will. Wenn ich nicht mehr unter seinem Dach leben darf, muß ich wohl ...«

Hier wurde sie von Pfarrer Liljecronas Frau unterbrochen, die jetzt rasch auf sie zutrat.

Jetzt müsse es aber genug sein, rief sie, indem sie angstvoll nach Maja Lisas Hand griff. Es habe weder in ihrer, noch in des Verwalters Absicht gelegen, daß von diesem Briefe weiter die Rede sein solle. Sie hätten ihn dem Pfarrer nur vorgelegt, um ihn zu überzeugen, daß seine Tochter Liljecrona gern habe. Sie selbst habe sich gestern nach Henriksberg begeben, weil sie ganz außer sich gewesen sei. Denn sie wolle nicht, daß Pastor Liljecrona ihretwegen zugrunde gehe. Sie habe auch den Verwalter nur fragen wollen, ob es denn keine Möglichkeit gebe, ihren Mann von ihr zu befreien? Sie wolle ihm die Scheidung anbieten, wolle ihm nie mehr unter die Augen treten, wenn sie nur die Gewißheit erhielte, daß er dann die bekäme, die er liebte. Und nur um darüber zu sprechen, seien sie und der Verwalter hierhergekommen. Sie hätten Maja Lisa nichts Böses antun wollen, nein, sie wollten nur, sie solle ihnen helfen, den zu retten, der im Begriffe stehe, sich zu verderben.

Die Pfarrerstochter sah diese einfache Frau an. Und mit einem Male wurde ihr klar, was für ein prächtiger junger Mann Pfarrer Liljecrona gewesen war, und sie begriff, wie entsetzlich unglücklich sich seine Frau fühlen mußte. Da gewannen bei Maja Lisa die gewohnte Freundlichkeit und Teilnahme wieder die Oberhand, und sie erwiderte mit bebender Stimme:

»Ach, ich kann es nicht! Gewiß würde ich ihm helfen, wenn ich es vermöchte; aber heiraten kann ich ihn niemals, denn er ist nicht der, den ich liebe.«

Sie fühlte, wie ihr bei diesem Geständnis eine heiße Röte Hals und Gesicht überflutete. Fast hätte sie geradezu den Namen dessen genannt, den sie liebhatte.

Doch der Vater machte wieder eine ungeduldige Bewegung, als wolle er all dies beiseiteschieben. »Du hast noch nicht ...«

Aber jetzt wurde der Pfarrer unterbrochen, und zwar von Großmutter Beata, die von ihrem Lehnstuhl aus das Wort ergriff.

»Lieber Sohn!« sagte sie. »Mein lieber Sohn verfährt heute abend recht hart mit Maja Lisa. Er weiß doch, daß eine Siebzehnjährige gewiß nie zugeben wird, jemand liebzuhaben, am allerwenigsten im Beisein von so vielen Leuten. Hätte mein lieber Sohn allein mit Maja Lisa gesprochen, so würde sie sich wohl kaum geweigert haben zu sagen, wie alles zusammenhängt!«

Maja Lisa richtete unwillkürlich ihren Blick auf Großmutter. Es klang eine bestimmte Absicht aus ihrer Stimme, und es war ihr auch, als blinzle ihr Großmutter ganz verstohlen zu.

»Mein lieber Sohn nimmt diese Sache so heftig,« fuhr Großmutter fort, »weil er glaubt, er könne mit in sie hineingezogen werden; aber er soll sich nicht einbilden, daß irgend jemand den Verdacht hege, er könne seine Hand mit im Spiele haben. Jedermann weiß, daß mein lieber Sohn nichts getan hat, um Pfarrer Liljecrona anzuschwärzen und ihn dadurch zum Rücktritt zu zwingen, damit er selbst die große Pfarrei bekommen könnte.«

Ringsumher blieb es still; keines wußte, was es antworten sollte.

»Ich denke,« fuhr die Großmutter fort, »Maja Lisa kann es ruhig auf sich nehmen, den Brief geschrieben zu haben, und mein lieber Sohn kann ihr ruhig verzeihen. Jedermann wird verstehen, daß sie aus jugendlichem Unverstand so gehandelt hat. Daß es so schlimm ausfallen würde, konnte sie sich doch nicht denken.«

Maja Lisa sah, daß ihr die Großmutter zublinzelte, sie solle die Schuld auf sich nehmen; aber sie begriff nicht, warum Großmutter das wünschte. Da machte die Alte endlich eine schwache Handbewegung und deutete auf die Stiefmutter.

Diese saß noch ebenso von Schrecken erfüllt da wie vorher, und nun verstand Maja Lisa Großmutters Gedanken. Großmutter glaubte, Mutter habe das Briefchen abgeschickt, und da hielt sie es in Anbetracht des Vaters für besser, wenn sich Maja Lisa, die es ja aus Liebe und Unvernunft getan haben konnte, schuldig bekannte, als daß er erführe, daß die Gattin, die doch nur die größte Bosheit dazu getrieben haben konnte, die Schuldige war.

Ach, Maja Lisa kam dieses Verlangen zu schwer vor! In ihrer Unentschlossenheit wendete sie sich um und warf einen verstohlenen Blick auf den, der auch jetzt noch ganz still an dem Bücherregal stand. Ihr war, als erwidere er ihren Blick liebevoll und teilnehmend; aber das war wohl ein Irrtum, er mußte sie ja hassen.

»Lieber Herr Vater!« sagte dann Maja Lisa. »Verzeiht mir, daß ich geleugnet habe. Aber der Herr Vater hat mir so große Angst ...«

Doch als sie fortfahren wollte, kam es ihr zum Bewußtsein, daß das, was sie auf sich zu nehmen im Begriff stand, so gemein und erniedrigend, ja ein zu großes Unrecht gegen sich selbst war. Sie brach in Tränen aus, warf sich in die Arme der Großmutter und schluchzte:

»Es ist zu schwer! Ich kann nicht!«

»Gewiß ist es schwer, ich begreife es gut«, sagte Großmutter. »Aber nun ist es ja gesagt. Jetzt kommst du hinüber zu mir, damit du dich ausweinen kannst.«

Zugleich legte die Großmutter den Arm um sie, und während sie noch immer schluchzte und versicherte, sie könne es nicht tun, führte Großmutter sie nach der Tür.

»Du brauchst nichts mehr zu sagen«, tröstete sie. »Der Herr Vater versteht alles. Du bist ja noch ein Kind.«

Da, als sie schon auf der Türschwelle standen, kam endlich Leben in Liljecrona.

Er trat vor und machte Großmutter die Tür auf, und als er sah, daß die Haustür auch eingeklinkt war, ging er mit hinaus und machte auch diese auf.

Als er dann sah, daß die Stufen vor dem Hause steil und für einen alten Menschen beschwerlich waren, und daß es überdies auch nach dem Brauhaus ziemlich steil abwärts führte, ging er noch weiter mit und stützte die Großmutter auf dem ganzen Wege. Dann kam noch die schwierige Treppe zu Großmutters Zimmer hinauf. Da konnte er nicht umkehren, sondern geleitete sie auch noch da hinauf.

Aber als sie dann in Großmutters Zimmer angelangt waren, schlang er plötzlich, ohne ein Wort zu sagen, beide Arme um Großmutters Hals und küßte sie auf die Wange. Und dann machte er es bei Maja Lisa geradeso. Er zog sie in seine Arme und küßte sie.

Und ohne ein einziges Wort zu sagen, war er dann verschwunden.

Aber alles, was dieser Mensch tat, kam plötzlich und überraschend, gerade wenn man es am wenigsten erwartete, so daß man nicht sich dagegen wehren konnte -- --

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Schließlich war es dann die Kleine und niemand anders, die die Sache zu Ende führte.

Gleich nachdem Mamsell Maja Lisa die Großmutter in die Brauhauskammer hinunterbegleitet hatte, verabschiedeten sich auch die Fremden und fuhren sofort ab. Dem Pfarrer aber mußte es nicht ganz wohl sein, denn er blieb in seinem Stuhl sitzen und begleitete sie nicht einmal auf die Treppe hinaus. Sobald die Fremden fort waren, kam die Pfarrfrau zu ihm herein und sagte, sie habe im Saal ein kleines Abendbrot hergerichtet. Nach alledem, was er heute durchgemacht habe, müsse er sich ein wenig stärken. Aber er sagte nur, man solle ihn jetzt in Frieden lassen. Es sei Samstagabend, und er müsse seine Predigt noch fertigmachen.

Er nahm auch seine Papiere aus der Schreibtischschublade heraus und kritzelte ein paar Zeilen nieder. Aber mehr wurde nicht daraus, und er warf die Feder wieder weg.

Dann schob er den Stuhl zurück, ging eine Zeitlang im Zimmer hin und her, und schließlich legte er sich auf das Ecksofa.

Nun war es ganz still geworden, so still, daß die Kleine sich fragte, ob er am Ende eingeschlafen sei. Durch einen Spalt in der Schranktür konnte sie sehen, daß er auf dem Sofa lag; aber es gelang ihr nicht, herauszubringen, ob er die Augen geschlossen hatte.

Wenn sie ganz sicher sein dürfte, daß er schliefe, wollte sie jetzt den Versuch machen, sich davonzuschleichen. Sie war unbeschreiblich müde von dem langen Stehen in dem engen Schrank. Und dabei war es doch so notwendig, daß sie herauskam, damit sie mit der Pfarrerstochter und Frau Beata sprechen konnte! Sie, sie konnte ihnen ja etwas mitteilen, über das sie sich sehr freuen würden.

Jetzt hatte der Pfarrer so lange stillgelegen, daß es gar nicht anders möglich war, er mußte eingeschlafen sein. Sie meinte, sie dürfe die Schranktür wohl ein klein wenig zurückschieben, um zu erfahren, wie es stehe. Ganz leise ging die Tür auf; aber der Pfarrer schlief nicht, sondern starrte regungslos auf die gegenüberliegende Wand. Gerade als die Kleine die Tür wieder zuziehen wollte, sah er auf und erblickte sie.

Er richtete sich auf und ging auf den Schrank zu. Da blieb der Kleinen nichts anderes übrig, als die Tür aufzustoßen und herauszusteigen.

»Was soll das heißen?« sagte der Pfarrer. »Was hast du in meinem Schrank zu tun?«