Chapter 15
Der Vater hatte beim Mittagessen davon gesprochen, und Maja Lisa war sehr rot und erregt geworden. Sie hatte den Vater sofort gefragt, warum Pastor Liljecrona denn die große Pfarrei nicht angenommen habe. Aber darauf hatte der Vater keine Antwort geben können. Er wußte nur, daß Pastor Liljecrona außerordentlich viel für seine Gemeindeglieder tue, und sagte dann, Liljecrona müsse ein besonders edler Mann sein, wenn er auf Wohlstand und eine hohe Stellung verzichten könne, um bei denen zu bleiben, die ihn brauchten.
Auch die Stiefmutter hatte sich ganz auffallend für Vaters Neuigkeit interessiert. Sie fragte, ob es denn auch wirklich wahr sei, daß Liljecrona Sjöskoga ganz aufgegeben habe? Und als Vater ihr dies bestimmt versicherte, war die Mutter in ihrer rücksichtslosen Weise vorgegangen und hatte gesagt, sie meine, nun sollte sich Vater darum melden.
Der gute Vater war gewiß nicht oft in seinem Leben sprachlos gewesen, aber jetzt blieb er stumm und still sitzen und starrte die Mutter nur an. Er sah fast entsetzt aus, wie wenn er es geradezu für ein Unglück hielte, daß Mutter diesen Gedanken gefaßt hatte. Ach, er war wohl nicht mehr recht sicher, ob er die Kraft hätte, ihr eine abschlägige Antwort zu geben.
Auch Maja Lisa war ganz bestürzt. Fast hätte sie geglaubt, die Stiefmutter scherze; aber dazu war diese nicht angetan. Es war auch gar nicht so töricht gedacht -- Maja Lisa hatte selbst oft gemeint, ihr Vater sollte von Rechts wegen mindestens Bischof werden --, aber seit er den Schlaganfall gehabt hatte, wäre es ja das größte Unrecht, wenn man ihn anspornen wollte, sich um ein großes, geschäftsvolles Amt zu bewerben. Der Vater war allerdings in der letzten Zeit viel frischer und jetzt wieder fast ganz wie früher, aber Mutter wußte doch recht gut, daß er nicht mehr bei seiner vollen Kraft war.
Maja Lisa hatte sich gezwungen, zu schweigen. Wenn sie sich mit ihren Einwendungen hervorgewagt hätte, wäre die Stiefmutter erst recht in Eifer geraten. Als die Mutter dann weder von dem einen noch von dem andern eine Antwort erhielt, hatte sie weiter über die Sache geredet.
»Wenn man zu lange auf einer Stelle sitzenbleibt,« sagte sie, »wird man vor der Zeit alt. Nichts trägt sosehr dazu bei, die Bequemlichkeit abzuschütteln, als in eine neue Arbeit hineinzukommen.«
Maja Lisa hatte gedacht, Vater sei schon zu weit in den Jahren fortgeschritten, als daß er durch vermehrte Arbeit wieder frisch gemacht werden könnte; aber immer noch gelang es ihr, zu schweigen. Darauf hatte die Stiefmutter weitergesprochen, als ob es schon beschlossene Sache sei, daß Vater auf ihren Vorschlag eingehe: Natürlich werde ja die ganze Wahl noch einmal vorgenommen, und jedenfalls müsse Vater morgen nach Karlstadt fahren, um sich danach zu erkundigen; ja, das beste wäre, er führe gleich nach Stockholm und meldete sich persönlich bei Seiner Majestät. Sie wisse, wie gelehrt Vater sei und wie leicht er gute Empfehlungen bekommen könne, weil er ja mehrere Jahre bei den hohen Herren, die jetzt an der Spitze standen, Hauslehrer gewesen sei.
Bis jetzt hatte sich Maja Lisa nur für den Vater geängstigt; aber nun fiel ihr noch etwas anderes ein, und da konnte sie sich nicht länger beherrschen, sondern sie unterbrach die Mutter und sagte:
»Wenn Vater nach Sjöskoga zieht, kann er ja Lövdala nicht behalten.«
Darauf hatte sich die Stiefmutter an Maja Lisa gewandt, und zugleich hatten sich ihre Finger so gekrümmt, daß sie wie Krallen aussahen, und mit ihrer rauhen Stimme, die durch den Haß und Widerwillen, den sie gegen Maja Lisa hegte, fast undeutlich klang, erwiderte sie:
»Dein Vater ist doch nicht verpflichtet, sein Leben lang hier zu sitzen und Lövdala für dich zu hüten. Lövdala könnte er leicht loswerden, dann wäre er ein freier Mann und könnte eine Stellung einnehmen, die passend für ihn ist.«
Der Vater war nun fertig mit essen, und so stand er rasch vom Tische auf. Er war nur zu froh, diese Unterhaltung abbrechen zu können.
Aber jetzt wußte Maja Lisa, was die Stiefmutter damals gemeint hatte, als sie sagte, sie wolle Maja Lisa schon noch weinen lehren. Der Vater mußte sich um Sjöskoga bewerben, nur weil die Mutter wußte, daß Maja Lisa ihre Heimat über alle Maßen liebte und daß ihr nichts ein so unheilbares Herzeleid zufügen würde als der Verlust ihrer Kinderheimat.
Eine ganze Woche ungefähr mußte die Mutter den guten Vater bearbeiten, ehe sie ihn einigermaßen gefügig gemacht hatte. Dann hatte aber auch die Stiefmutter jeden Tag bitten und drohen und ihren ganzen Willen einsetzen müssen, daß Vater wenigstens nach Karlstadt fahren sollte, um sich nach der Lage der Dinge zu erkundigen. Aber bis zuletzt hatte es ausgesehen, als sollte es ihr nicht gelingen, und sie hätte den Versuch schließlich doch noch aufgeben müssen, wenn ihr nicht etwas zu Hilfe gekommen wäre.
Der gute Vater war jetzt schon zwanzig Jahre Pfarrer in Svartsjö, und in dieser ganzen Zeit hatte er viele Sorgen und vielen schweren Kummer gehabt. Zuerst hatte die Kirche neugebaut werden müssen. Die alte war nämlich abgebrannt, und da mußte er ja für die Wiederaufrichtung sorgen. Der Vater hatte nicht allein beim König um Unterstützung bitten, sondern auch die Hilfe vieler hoher Herren in Anspruch nehmen müssen, und er war überdies von Kirchspiel zu Kirchspiel gereist, um Beiträge zu sammeln.
Als die Kirche endlich fertig dastand, war sie auch in erster Linie Vaters Werk, und seine Gemeinde hatte ihm viel Dank und Ehre dafür zuteil werden lassen.
Aber in der letzten Zeit war es Vater sicher aufgefallen, daß sich seine Gemeindeglieder allmählich von ihm zurückzogen. Sie kamen nicht mehr wie früher, ihn in allen Angelegenheiten zu Rate zu ziehen. Oh, Maja Lisa wußte wohl, woher es kam! Die Leute glaubten, die Stiefmutter diktiere jetzt Vaters Ratschläge; aber das wußte der gute Vater nicht, er fühlte sich nur zurückgesetzt.
Und gerade wie mit der Gemeinde ging es mit dem eigenen Gesinde. Das Lövdaler Wohnhaus war ja zu Vaters Zeiten damals mit der Kirche abgebrannt, und er hatte schwere Sorgen und große Ausgaben gehabt, bis es wieder aufgebaut war. Alle Leute auf dem Hofe, die schon lange vor Vaters Zeiten da dienten, hatten sich von Herzen über alles gefreut, was Vater als Baumeister und Landwirt zustande gebracht hatte, und wohin er kam, begegnete er immer freundlichen Gesichtern. In der letzten Zeit jedoch war das anders geworden. Vater sah mürrische Gesichter, sowohl im Gesindehaus als in der Küche, und er wollte es durchaus nicht der zur Last legen, die allein schuld daran war, sondern fragte sich nur immer, warum sich denn die alten guten Dienstboten so undankbar und unfreundlich zeigten?
Dies alles half der Stiefmutter in hohem Grad, als sie Vater wegen der Meldung um Sjöskoga bearbeitete. Aber es wäre ihr sicher trotz allem nicht geglückt, wenn nicht auch noch die ärgerliche Geschichte mit dem Kätner Vetter dazugekommen wäre.
Die Pfarrerstochter fühlte sich so müde und matt, daß sie sich nicht recht erinnern konnte, wann das eigentlich gewesen war. Aber sie meinte, es sei wohl Mitte März gewesen, als die Stiefmutter sich vor Angst fast nicht mehr lassen konnte -- weil Vetter aus dem Gefängnis entlassen wieder heimkam.
Vetter wohnte in einer kleinen Kate, eine Strecke nördlich von Lövdala, und eigentlich hätten alle erschrecken müssen, als es ruchbar wurde, daß er wieder da sei, denn Vetter war ein Erzdieb. Aber nun war er schon seit vielen Jahren der Nachbar von Lövdala, und so dachte man nicht weiter darüber nach, ob er daheim war oder nicht, insbesondere nicht, weil man wußte, daß er klug genug war, bei seinen nächsten Nachbarn keinen Einbruch zu verüben.
Sooft Vetter aus dem Gefängnis entlassen wurde, gelobte er sich, nun ordentlich daheim zu bleiben; aber er vermochte eben sein Gelübde doch nicht zu halten. Er hatte Freude an seinem Handwerk und war ebenso stolz auf seine Geschicklichkeit im Stehlen wie die Stiefmutter auf ihre Kochkunst. Die Folge davon aber war, daß Vetter den größten Teil seines Lebens im Gefängnis saß. Als Vater und Mutter heirateten, saß er eben auch wieder hinter Schloß und Riegel, und die Stiefmutter hatte deshalb keine Ahnung davon gehabt, daß ihr nächster Nachbar ein berüchtigter Dieb war.
Jetzt aber wurde die Stiefmutter von einer übermäßigen Angst befallen, die ihr fast den Verstand raubte. Sie glaubte ohnedies, alle Menschen, Vater kaum ausgenommen, seien Diebe, und lebte in beständiger Angst um ihr Eigentum. Während der vielen Jahre, die sie als Haushälterin in vornehmen Häusern verbracht hatte, waren ihr eine Menge Silbersachen geschenkt worden, und sie verwahrte diese in einem Schrein, den sie jede Nacht unter ihr Bett stellte. Dieses Silber war ihr das Liebste, was sie besaß, und jetzt, wo sich ein so berüchtigter Dieb in der Nähe aufhielt, war sie der festen Überzeugung, es zu verlieren.
Die Stiefmutter hatte zwar ihre Schränke und Truhen schon vorher so gut verschlossen und verriegelt wie nur immer möglich; aber seit Vetter zurück war, hatte sie kaum noch für etwas anderes Zeit, als die Schlüssel an ihrem Schlüsselbund zu zählen. Abends holte sie eine große Axt aus der Geschirrkammer und lehnte sie an ihr Bett, auch ließ sie Vater keine Ruhe, bis er eine geladene Flinte über seinem Bett aufhängte.
Vater versuchte sie zu beruhigen und sie zu überzeugen, daß Vetter bei seinen Nachbarn niemals etwas stehle; aber auch er konnte ihr die unvernünftige Angst nicht austreiben.
Nachdem Vetter indes ein paar Tage daheim war, machte er wie gewöhnlich einen Besuch auf Lövdala. Mutter stand eben in der Küche, sah ihn am Fenster vorbeigehen und fragte gleich, wer das sei.
»Das ist ja der Vetter«, sagte die Haushälterin, ohne eine Spur von Verwunderung. »Er kommt natürlich, um dem Herrn Pfarrer seine Rückkehr zu melden.«
Das hatte die Stiefmutter nicht erwartet, denn der Mann, der da in die Studierstube hineingegangen war, hatte ja ganz wie ein ehrbarer, biederer Bauersmann ausgesehen. Ihre Beine versagten ihr den Dienst, und sie sank entsetzt auf einen Stuhl nieder.
So rasch sie es vermochte, raffte sie sich wieder auf, eilte ins Zimmer hinein, ergriff ihren Silberkasten, setzte sich damit auf das Kanapee im Saal und hielt ihn, solange Vetter beim Pfarrer drinnen war, fest umschlungen.
Aber Mutter durfte recht lange mit ihrem Silberkasten im Arm da sitzenbleiben, denn Vater hatte von jeher eine gewisse Schwäche für Vetter gehabt und ließ ihn nicht gehen, bis er ihm alle seine Streiche berichtet hatte. Und dann mußte ihn ja Vater auch noch ein wenig ermahnen, damit es nicht aussah, als habe er Vetter nur zu seinem Vergnügen schwatzen lassen.
Danach hatte sich Mutter wegen der Sachen, die sich im Wohnhaus befanden, doch etwas beruhigt. Um so größere Angst hatte sie aber um ihre Kisten in den Nebengebäuden und noch am allermeisten um das Vorratshaus. Dieses hatte nur ein altes, schlechtes Schloß; wer nur immer wollte, konnte es aufmachen. Wenn man den Schlüssel nicht bei sich hatte, ließ es sich ganz leicht mit einem Hölzchen öffnen.
In derselben Woche nun, wo so viel über Sjöskoga verhandelt wurde, ließ Mutter den Schmied Olaus kommen, der besonders geschickt in seinem Handwerk war, und bestellte ein neues Schloß bei ihm, das so kunstreich sein sollte, daß es jedem Dieb Widerstand leisten würde.
Und vier volle Tage hindurch stand Olaus in seiner Schmiede; aber dann hatte er auch ein so großes und hartes Schloß hergestellt, daß selbst Mutter den Schlüssel kaum umzudrehen vermochte.
Als dieses Schloß dann glücklich in der Tür des Vorratshauses saß, war die Mutter ganz glücklich. Sie schloß es am Abend selbst zu, nahm den Schlüssel mit in ihr Schlafzimmer und sagte, in dieser Nacht werde sie ruhiger schlafen als seit vielen Tagen.
Am nächsten Morgen, als Mutter erwachte, lag der große Schlüssel unberührt unter ihrem Kopfkissen; aber das hatte nicht verhindert, daß im Vorratshaus etwas höchst Absonderliches vorgefallen war.
Dort war zwar die Tür ebenso fest verschlossen wie am vorhergehenden Abend, aber nichtsdestoweniger waren alle beweglichen Gegenstände, die darin gewesen waren -- Fleischbottiche und Bretter voll gebackenem Brot, Schinken und Würste, Maße und Gewichte, Kübel und Säcke --, hinausgetragen und auf den Stufen des Vorratshauses in Reih' und Glied aufgestellt.
Wie gesagt, alles miteinander war herausgetragen, aber nichts gestohlen; und als man alles da vor der wohlverschlossenen Tür stehen sah, mußte man sich wohl verwundert fragen, wie denn das zugegangen war.
Die Mutter dachte natürlich sofort -- und das dachten alle andern auch --, Vetter sei da am Werk gewesen. Aber als sie nachsah und nachzählte und fand, daß auch nicht ein einziges Stückchen Brot fehlte, konnte sie diesen Dieb einfach nicht begreifen.
Als Vater später seinen Morgenspaziergang machte, begegnete er indes dem Vetter, und da erhielt er die Erklärung.
»Vetter, Vetter!« sagte Vater. »Was hat Er da gemacht? Ist Er heute nacht in meinem Vorratshaus gewesen?«
Vetter sah ganz gekränkt aus, und er antwortete: »Der Herr Pfarrer kann die Frau Pfarrer von mir grüßen und sagen, ich stehle nie bei Herrschaften. Aber sie solle doch ja nicht meinen, weil sie so gute Schlösser habe, könnte ich mir das nicht holen, was ich haben möchte.«
Ach, ach! Wenn der gute Vater noch wie früher gewesen wäre, hätte er sich lange Zeit an diesem Ausspruch ergötzt; jetzt aber nahm er Ärgernis daran. Der Vater wußte wohl, daß diese Geschichte im ganzen Kirchspiel bekannt wurde, und daß seine Frau, ja vielleicht auch er selbst, von jedermann darüber ausgelacht würde.
Vater hatte Vetter offenbar kein Wort erwidert. Ach, in seinem Herzen stieg wohl das Gefühl auf, er werde von allen hintergangen und habe keinen Freund mehr in seiner Gemeinde. Und da dachte er, es wäre gewiß am besten, wenn er von Svartsjö wegginge.
Als er auf den Hof zurückkam, sagte er zu Mutter, er wolle am nächsten Tag nach Karlstadt fahren, um sich wegen Sjöskoga zu erkundigen.
Er war dann auch dort gewesen und wieder zurückgekommen, und es hatte wirklich ausgesehen, als sollte die Stiefmutter recht behalten, denn bei seiner Rückkehr war er ganz aufgeräumt. Er war nicht allein in Karlstadt, sondern auch in Stockholm gewesen, wo man ihm alle Hoffnung gemacht hatte, und nun zweifelte er gar nicht daran, daß er von Svartsjö fortkommen werde.
Eine sonderbare Neuigkeit hatte Vater indes auf dieser Reise auch gehört; Pastor Liljecrona in Finnerud hatte sich im Frühling verheiratet. Es sollte eine ganz geringe Person sein, durchaus keine gute Partie. Vater hatte auch gehört, dies sei die Veranlassung gewesen, warum er in Finnerud geblieben war.
Maja Lisa hatte den Vater nicht genauer darüber auszufragen gewagt, weil der Mutter Augen die ganze Zeit durchdringend auf sie gerichtet waren. Aber nun hatte sie jedenfalls erfahren, warum ihre erhofften Nothelfer nichts von sich hören ließen. Und diese Nachricht war der hauptsächliche Grund, warum sie so mutlos geworden und alle Hoffnung verloren hatte. Pastor Liljecrona war ihr damals kampftüchtig und entschlossen vorgekommen; sie hatte sich auf ihn verlassen wie auf einen Bruder, und bis dahin hatte sie auch immer erwartet gehabt, er werde in seiner ganzen stürmischen Jugendkraft eines Tages angefahren kommen und alles für sie recht und gut machen.
Die Anklage
Alle Leute auf Lövdala waren so neugierig, daß sie es kaum aushalten konnten. Konnte man sich aber auch so etwas denken! Der Verwalter von Henriksberg war in Gesellschaft einer Frau angekommen, die kein Mensch kannte; und die beiden waren nicht in den Saal hineingegangen, wie die Leute, die zu Besuch kamen, doch sonst immer taten, sondern hatten den Herrn Pfarrer in seinem Zimmer aufgesucht und verhandelten nun da schon mehrere Stunden lang mit ihm.
Weder die Pfarrfrau noch die Pfarrerstochter, noch die Haushälterin, noch irgendeine von den Mägden konnte sich denken, welche Angelegenheit die beiden hergeführt haben mochte. Das Zimmermädchen, das ihnen beim Aussteigen behilflich gewesen war, sagte, sie hätten ernst und traurig ausgesehen; aber das war auch alles, was sie berichten konnte.
Die Pfarrfrau machte den Versuch, sich mit ihrer Arbeit in die gute Stube zu setzen, die Wand an Wand mit dem Studierzimmer war, und wenn sie da hätte bleiben dürfen, wäre sie wohl auch dahintergekommen, welches Anliegen die Fremden hergeführt hatte. Aber sie war noch keine zwei Minuten da drinnen gewesen, als der Pfarrer zur Tür hereinschaute und sie bat, sich in ein anderes Zimmer zu begeben. Sie werde das, was hier in seiner Stube verhandelt werde, später von ihm selbst erfahren.
Die beiden Gäste waren früh am Nachmittag angekommen, und so war die Pfarrfrau in Sorge, sie hätten am Ende noch nicht zu Mittag gegessen. Sie schickte also das Zimmermädchen hinein und ließ den Pfarrer fragen, ob sie die Gäste zu Tisch erwarten dürfe; aber das Zimmermädchen brachte den Bescheid, sie dankten, nein, sie wollten nichts haben.
Solange das Mädchen im Zimmer war, hatte keines von den dreien ein Wort gesprochen. Das einzige, was sie, als sie wieder herauskam, berichten konnte, war, daß die fremde Frau sich die Augen abgewischt habe, wie wenn sie geweint hätte.
Der Knecht, der sie hergefahren hatte, wurde in die Küche geladen, um da etwas zu essen. Er erzählte auch gerne alles, was er wußte, aber es war nicht viel. Die Frau habe er noch nie gesehen. Sie sei gestern zu Fuß nach Henriksberg gekommen und habe den Verwalter zu sprechen verlangt. Heute in aller Frühe sei der Verwalter selbst im Stall erschienen und habe einen Wagen nach Lövdala bestellt. Der Verwalter gehe auch sonst wochenlang schweigend umher, und heute habe er auf der ganzen Fahrt nicht ein einziges Wort gesprochen.
Die Pfarrfrau hatte seit der Ankunft dieser Gäste keine Ruhe mehr; sie konnte bei keiner Arbeit sitzenbleiben, sondern wanderte nur immer von Zimmer zu Zimmer. Einmal nahm sie die Kleine mit in den Saal und fragte sie, ob sie irgend jemand gesagt habe, daß sie ihr im Lesen und Schreiben Unterricht gebe.
Es wäre ja gar nicht schlimm, wenn sie davon gesprochen hätte, fuhr die Pfarrfrau fort. Aber sie habe eben gedacht, es wäre so schön, wenn sie selbst eines Tages zum Herrn Pfarrer sagen könnte, sie sei jetzt imstand, in seinen Büchern zu lesen, und deshalb solle die Kleine noch eine Weile darüber schweigen.
Die Kleine konnte sie beruhigen, nein, sie hatte mit niemand darüber gesprochen. Im stillen dachte sie, sie habe ohnedies niemals die geringste Lust verspürt, etwas von diesen Schreibübungen zu sagen, weder zum Herrn Pfarrer noch zu sonst jemand. Es gab anderes genug, über das zu schweigen ihr weit schwerer fiel. Sie konnte absolut nicht verstehen, warum Mamsell Maja Lisa ihr aufs strengste befohlen hatte, ihrem Vater nichts davon zu sagen, wie die Stiefmutter gegen sie war. Was hätte es denn geschadet, wenn der Herr Pfarrer erfahren hätte, was er für eine böse Hexe zur Frau hatte?
Maja Lisa zeigte sich am wenigsten neugierig von allen. In der letzten Zeit war ihre Seele wie gelähmt. Sie konnte sich jetzt weder freuen noch traurig sein und kümmerte sich nicht mehr darum, wie es ihr ging. Sie war überzeugt, die Stiefmutter würde sie so lange quälen, bis sie schließlich schwer krank würde. Aber auch das tat jetzt nicht mehr viel. Vor dem Tode fürchtete sie sich am allerwenigsten. Es dünkte sie nur schön und gut, erlöst zu sein und ruhen zu dürfen.
Sie hatte am Webstuhl gesessen, als die Kleine zu ihr gekommen war und ihr mitteilte, der Verwalter von Henriksberg sei nach Lövdala gekommen; aber sie hatte nur einen Augenblick im Weben innegehalten. Der Verwalter von Henriksberg -- das klang ihr ganz fremd in den Ohren. Warum sollte sein Kommen etwas für sie zu bedeuten haben? Ja, wenn es im Winter gewesen wäre, da hätte sie alles mögliche von seiner Ankunft erwartet, aber jetzt ...
Um fünf Uhr klingelte der Pfarrer und befahl, ein Brett mit Butter und Brot und drei Gläser Milch in die gute Stube zu stellen.
Da er ausdrücklich drei Gläser gesagt hatte, merkte die Pfarrfrau, daß sie ihnen nicht dabei Gesellschaft leisten sollte; sie blieb also an ihrer Näharbeit im Saal sitzen und wartete, bis sie die Gäste in der guten Stube wußte. Da legte sie ihre Arbeit zusammen und ging in die Küche.
»Komm mit mir«, sagte sie zu der Kleinen. »Ich muß des Herrn Pfarrers Sonntagsanzug haben, daß er ausgebürstet wird, denn morgen ist ja Sonntag; bis jetzt habe ich nicht in sein Zimmer hineingehen können, aber nun sind sie im Wohnzimmer, und solange sie zu Abend essen, wollen wir einen Versuch machen.«
Sie gingen miteinander auf den Zehen durch den Flur, und die Pfarrfrau öffnete die Tür zum Studierzimmer so leise, daß es die drei in der guten Stube unmöglich hören konnten. Und ebenso vorsichtig öffnete sie auch die Tür des Kleiderschranks.
»Steig einmal hinein!« flüsterte sie der Kleinen zu. »Aber leise, ganz leise!«
Die Kleine stieg in den Schrank, und sofort machte die Pfarrfrau die Türe zu.
»Sie kommen, du mußt jetzt einstweilen drinbleiben!« flüsterte sie noch durch den Türspalt. Dann hörte die Kleine, wie sie davonschlich.
Die Kleine blieb natürlich unbeweglich stehen, obgleich es noch eine gute Weile dauerte, bis sie die andern wieder hereinkommen hörte.
Wenn aber die Pfarrfrau die Kleine in den Schrank sperrte, um zu erfahren, welches Anliegen die Fremden hergeführt hatte, dann hatte sie sich unnötige Mühe gegeben. Denn jetzt ließ der Pfarrer sie und Mamsell Maja Lisa ins Zimmer hereinrufen und überdies auch noch die alte Frau Beata aus dem Brauhausflügel herüberbitten.
Als sie eintraten, stand der Verwalter von Henriksberg mit über der Brust gekreuzten Armen da und lehnte sich gegen das Bücherregal, die Frau aber, die mit ihm gekommen war, saß auf dem kleinen Ecksofa. Sie war nicht wie ein Dienstbote gekleidet, hatte aber zu große und zu grobe Hände, um dem besseren Stand anzugehören. Doch war sie noch jung und wäre auch hübsch gewesen, wenn sie nicht so furchtbar verweint ausgesehen hätte.
Sooft eines von den Herbeigerufenen eintrat, stand der Pfarrer auf und stellte die Gäste vor.
»Dies hier«, sagte er, »ist die Frau Pfarrer Liljecrona, die Frau des Pfarrers von Finnerud. Und dies hier ist ihr Schwager, Hüttenverwalter Liljecrona von Henriksberg.«
Mehr wurde nicht gesagt, bis die Pfarrfrau und Frau Beata sich in den beiden großen Lehnstühlen niedergelassen hatten und die Pfarrerstochter sich auf eine Fußbank gesetzt, wo sie früher, solange sie noch beständig bei ihrem geliebten Herrn Vater drinnen war, immer gesessen hatte.
Alle fühlten, daß ein Gewitter im Anzug war; aber keines wußte, über wen es losbrechen würde, bis der Pfarrer sich jetzt direkt an Maja Lisa wendete.
»Du weißt wohl schon alles von der Frau Pastor Liljecrona, die hier sitzt?« sagte er.
Maja Lisa saß mit niedergeschlagenen Augen da. Sie wagte nicht ihren Vater anzusehen. Gleich als sie ins Zimmer trat, sah sie, daß ihm etwas Furchtbares widerfahren sein mußte.
»Jetzt ist das eingetroffen, was Vater den Todesstoß versetzt«, dachte sie; denn sein Gesicht war aschgrau, und er atmete schwer zwischen jedem Wort, das er sagte. Da erschrak Maja Lisa bis ins tiefste Herz hinein, und die Erschlaffung und Gleichgültigkeit waren mit einem Schlag verschwunden. Ihre Hände begannen zu zittern, und sie mußte sie fest zusammenpressen, daß sie nicht hörbar gegeneinander schlugen. Sie erwartete jeden Augenblick, Vater werde, vom Schlag getroffen, vor ihren Augen tot niederfallen.
Aber der Pfarrer verlangte eine Antwort, und endlich wurde sie so weit Herr ihrer selbst, daß sie mit ziemlich ruhiger Stimme sagen konnte:
»Lieber Herr Vater, ich habe Frau Pastor Liljecrona noch nie gesehen und verstehe nicht, was Ihr meinet.«
Der Vater zuckte die Achseln und sagte, sie verstehe ihn vielleicht besser, wenn er ihr sage, daß dies die Frau Pfarrer sei, die vorher viele Jahre lang Haushälterin bei Pastor Liljecrona gewesen war.