Liljecronas Heimat

Chapter 12

Chapter 123,907 wordsPublic domain

Aber Sven war geblieben, obgleich schließlich fast alle Leute im Hüttenwerk erkrankten. Verwalter und Inspektor ließen nichts von sich hören, im Umkreis von zehn Meilen war kein Arzt aufzutreiben. Sven und eine alte Haushälterin gingen umher und gossen den Kranken alle die Arzneien ein, die sie zur Hand hatten. Einige starben und einige genasen; aber die Seuche konnte ja nicht ewig andauern, schließlich hörte sie von selbst auf. Und dann kam alles wieder ins alte Geleise. Der Inspektor blieb fünf Monate fort und ließ sich's wohl sein. Der Verwalter kaufte ein halbes Jahr lang Kohlen auf, dann hielt er seinen Einzug im Hüttenwerk. Und nun durfte der Lehrling wieder das Kontor auskehren und Unkelejen in der Stromschnelle fischen, gerade wie vorher.

Aber wenn auch das Henriksberger Hüttenwerk noch so weltverlassen in der Wildnis lag, so wurde die Geschichte doch ruchbar und weitum bekannt. Und eines Tages kam Hüttenbesitzer Altringer angefahren. Er sagte kein Wort über die Sache, weder zum Verwalter noch zum Inspektor, sondern fragte nur, wie sich der junge Liljecrona anlasse. Der Hüttenverwalter stellte ihm ein ziemlich gutes Zeugnis aus und meinte, der Junge könnte mit der Zeit recht tüchtig im Hüttenberuf werden, wenn er nur mehr Interesse dafür zeigte. Er sei durchaus nicht unbrauchbar, aber ein Träumer, und er gehe oft umher, als ginge ihn der ganze Hüttenbetrieb gar nichts an.

Altringer verlangte nun Liljecrona selbst zu sprechen und sagte, er solle ins Kontor gerufen werden. Als Sven kam, stellte Altringer ihn vor sich hin, sah ihm fest in die Augen und fragte ihn, warum er nicht wie die andern davongegangen sei, solange die Pockenseuche wütete.

Sven gab keine Antwort, wurde aber dunkelrot, wie wenn dies die schlimmste Frage wäre, die an ihn gestellt werden könnte.

»Hatte Er denn keine Angst?«

»Doch.«

»Meinte Er, Er habe die Verantwortung für das Hüttenwerk?«

»Ach nein!«

Aber schließlich brachte Altringer die Wahrheit doch aus ihm heraus. Sven war dageblieben, weil des Verwalters Geige im Kontor an der Wand hing. Da hatte er, solange er allein war, jeden Tag darauf spielen können.

»Ach so, Er geigt also gern?« fragte Altringer. »Komm Er, wir wollen den Verwalter bitten, Ihm seine Geige noch einmal zu leihen, dann spielt Er mir etwas vor.«

Oh, davor hatte Sven keine Angst! Er stimmte die Saiten und geigte ein altes Liedchen, das er von den Schmieden gelernt hatte.

Altringer lachte zuerst, aber bald wurde er ernsthaft. Er fühlte, der Junge legte etwas in die Musik hinein, davon der alte Gassenhauer in einer ganz neuen Weise erklang.

»Hör' Er,« sagte Altringer, »Er soll morgen mit mir kommen. Er soll nach Stockholm und Geigenspielen lernen.«

Maja Lisa fand die Geschichte wunderschön. Aber eines konnte sie nicht verstehen; und so fragte sie, ob es ihm denn in Stockholm nicht gefallen habe? Warum er denn jetzt wieder auf Henriksberg sei?

Doch, es sei ihm sehr gut dort gegangen, erwiderte Pastor Liljecrona. Fünf Jahre lang habe er in Stockholm studieren dürfen, dann sei er aber auch ein ganzer Künstler gewesen, wenigstens insofern, als ihn im Vaterlande niemand mehr etwas lehren konnte. Altringer sei zufrieden mit ihm gewesen und habe schon gedacht, er wolle ihn ins Ausland schicken, damit er später vor keinem andern zurückzustehen brauchte.

Aber vor drei Jahren sei Sven eines Tages ganz unerwartet nach Ekeby gekommen und habe Altringer gefragt, ob nicht auf einem seiner Hüttenwerke eine Inspektorstelle frei sei.

»Doch, das ist nicht unmöglich«, sagte Altringer. »Hat Er einen guten Freund, für den Er sie gern haben möchte?«

Nein, Sven wollte für sich selbst darum bitten. Er sei ja jahrelang im Hüttenbetrieb gewesen und meine eine Inspektorstelle ausfüllen zu können.

»Na, und die Musik?« fragte Altringer.

Mit der Musik sei es aus und vorbei. Er glaube nicht, daß er je wieder einen Bogen führen könne.

Nun sah sich Altringer den jungen Mann genauer an. Sven hatte immer etwas Trauriges in seinem Blick gehabt, aber jetzt war der ganze Mensch die verkörperte Melancholie.

»Ich sehe, daß Ihm etwas Trauriges widerfahren ist«, sagte Altringer. »Sag' Er mir, was es ist. Ich muß Ihm nämlich sagen, eben vorhin, als Er bei mir eintrat, hatte ich ausgerechnet, ob ich Ihn zu seiner weiteren Ausbildung ins Ausland schicken könnte.«

Sven konnte kaum mit der Sprache heraus. Er biß sich auf die Lippe, während er sich alle Mühe gab, seine Stimme fest zu machen.

»Hat der Herr Altringer nicht gehört, wie es mir gegangen ist?«

Nein, antwortete Altringer, er habe nichts gehört, und Sven solle ihm erzählen, was geschehen sei.

Da erzählte Sven seine Geschichte: Auf einem großen Hof in Näset drunten war Tanzgesellschaft gewesen, und Sven war auch dabei. Aber es wurde nur auf einem sehr alten, verstimmten Klavier aufgespielt, und so kam kein rechtes Leben in den Tanz. Da nahm Sven seine Geige zur Hand, und dann wurde es bald anders. Die Jungen und die Alten tanzten nach Herzenslust, und so oft Sven aufhören wollte, klatschten sie in die Hände, stampften auf den Boden und riefen ihm zu, er müsse wieder anfangen. Aber es nahm ein schreckliches Ende. Eine von den Töchtern des Hauses hatte zu eifrig getanzt. Mitten im wildesten Tanz wurde sie plötzlich ganz schwer im Arm ihres Tänzers, und dann sank sie zu Boden und war tot.

Altringer sagte, er begreife wohl, daß dies schwer für Sven war, meinte aber doch, darum brauchte die Laufbahn eines jungen Mannes nicht zu Ende sein.

»Er muß darüber wegkommen, Sven«, sagte er. »Meiner Ansicht nach hat der, der mit ihr tanzte, die meiste Schuld.«

»Ach nein,« entgegnete Sven, »ich, ich hab' sie zum Tanzen gezwungen. Den ganzen Abend hab' ich nur für sie gespielt. Es war gar so schön, wenn sie tanzte. Sie war lebhaft und leicht wie eine Feuerflamme. Und sie tanzte nur für mich, wie ich auch nur für sie spielte.«

Altringer zuckte die Achseln.

»Das sind nur Grillen, versteht Er. Es ist vielleicht nicht verwunderlich, daß Er jetzt, gleich nachher, so denkt, aber in der nächsten Woche schicke ich Ihn ins Ausland, dann wird es schon vorübergehen.«

»Nein, Herr Altringer, es geht nicht vorüber. Wohin mich der Herr Hüttenbesitzer auch schicken mag, nie werde ich vergessen können, daß ich mit meinem Spiel einen Menschen in den Tod geschickt habe.«

Altringer sah Sven noch einmal fest an und fragte: »Hat Er sie liebgehabt?«

»Ja«, antwortete Sven; »ich hatte an demselben Abend um sie gefreit.«

Nun sagte Altringer kein Wort mehr davon, daß Sven ins Ausland reisen solle.

»Er soll jetzt so lange Verwalter auf Henriksberg bleiben, bis dies vergessen ist«, entschied er. »Zwar glaube ich nicht, daß Er alles kann, was nötig ist, um die Stelle auszufüllen, aber Er wird es wohl lernen können, und überdies weiß ich ja, daß ich mich auf Ihn verlassen kann.«

Auf diese Weise war es also zugegangen, daß Sven Liljecrona sein Geigenspiel aufgegeben und dafür Hüttenverwalter geworden war.

Maja Lisa hatte schweigend zugehört, ohne den Pfarrer ein einziges Mal zu unterbrechen. Ach, es kam ihr ganz merkwürdig vor, daß sie nun den bald sehen sollte, der so Trauriges erlebt hatte und der eine so tiefe Liebe dauernd bewahren konnte!

Eine ganze Weile brachte sie kein Wort heraus; dann aber wendete sie sich plötzlich an Pastor Liljecrona und fragte, ob sein Bruder dunkel sei.

»Ja, gewiß, schwarz wie die Nacht.«

Gleich nachher fiel ihr ein, daß dies eine recht dumme Frage gewesen war. Aber während Pastor Liljecrona von seinem Bruder sprach, hatte sie sich immerfort gefragt, ob er nicht vielleicht wie der große dunkle Schmied von Henriksberg aussehe? Hatte nicht dieser ebenso tieftraurige Augen gehabt? Sie konnte nicht sagen, warum, aber die beiden waren in ihren Gedanken zu einer Person zusammengeschmolzen.

Und auch jetzt, während der Schmied dort drüben am Schrank stand und eine lustige Polka spielte, wurde es ihr schwer, sich von dem Gedanken frei zu machen, daß er nicht der sei, der alles, was ihr vorhin mitgeteilt worden war, durchgemacht hatte.

Er war an ihnen vorbeigefahren, als sie mit Pastor Liljecrona auf der Straße draußen spazierenging, gerade als die Dämmerung richtig hereinbrach und sie vom Hineingehen gesprochen hatten. Der Schlitten war so rasch an ihnen vorübergeeilt, daß sie nicht erkennen konnten, wer darin saß. Pastor Liljecrona hatte geglaubt, es sei sein Bruder von Henriksberg, der sich endlich einstellte. Maja Lisa aber hatte gemeint, der schwarze Schmied sitze im Schlitten; sie hatte aber nichts gesagt.

Und ganz richtig! Als sie auf den Hof zurückkamen, stand der Hausherr auf der Treppe und berichtete, es sei ein Mann von Henriksberg gekommen mit dem Bescheid, der Verwalter könne seinen Bruder heute nicht mehr in Svansskog treffen. Statt dessen bringe er einen Brief. Ja, der Mann sei eben mit dem Pferd im Stall drüben, falls der Herr Pfarrer mit ihm sprechen wolle.

Pastor Liljecrona begab sich gleich nach dem Stall, und Maja Lisa ging zur Tante in die Wohnstube. Diese saß schon mit ihren Mägden vor einem großen Holzfeuer an ihrem Spinnrädchen. Maja Lisa setzte sich neben die Tante und reichte ihr die Wollkämme. Gleich darauf kamen der Hausherr und die Knechte mit ihren Arbeiten, und der Kreis ums Feuer erweiterte sich. Ganz zuletzt trat Pastor Liljecrona herein und mit ihm der Schmied. Sie wollten noch an diesem Abend miteinander nach Henriksberg fahren, aber das Pferd mußte erst ausruhen. Der schöne Pfarrer setzte sich so dicht neben Maja Lisa, als es anging, der Schmied aber ließ sich im dunkelsten Winkel, möglichst weit entfernt von den andern, nieder. Und nun ging die Unterhaltung lebhaft im Kreise; das Lachen und Schwatzen und Geschichtenerzählen nahm kein Ende, bis Tante Margreta sich an den Schmied wendete und ihn fragte, ob er ihnen nicht ein paar von seinen Liedern spielen wolle. Sie habe gehört, er könne gut geigen.

Er hatte sich nicht sehr lange gesträubt. Der Hausherr hatte ihm seine schrille Geige gegeben, und nun stand er dort drüben und spielte Polkas und alte Reigen, weder besser noch schlechter als ein gewöhnlicher Spielmann vom Lande.

Maja Lisa konnte sich nicht helfen, sie fühlte sich etwas enttäuscht. Das kam daher, daß sie von einem Traum befangen war und Einbildung von der Wirklichkeit nicht recht unterscheiden konnte. Den ganzen Abend mußte sie immerfort an den denken, der seine Braut vom Leben zum Tod gespielt hatte, und immer tauchte er in der Gestalt des Schmieds vor ihr auf. Und so hatte sie ganz sicher erwartet, auch dieser werde eine so große gefährliche Macht in seinem Bogen haben, daß er die Menschen aus dem Leben in den Tod geigen könnte.

Nein, sie konnte sich nicht von dem Traum frei machen; wieder und wieder ertappte sie sich darauf, daß sie nach dem Schmied hinüberschaute und sich fragte, ob er nie und nimmer an jemand anders denke, als nur an sie allein, die er verloren hatte.

Der Schmied hatte den steifen, dicht anliegenden Fuhrmannspelz abgeworfen, um die Arme besser bewegen zu können, und jetzt, bei einem von diesen kurzen Blicken, die Maja Lisa auf ihn warf, sah sie, daß an seiner Uhrkette, die ihm aus der Tasche heraushing, eine große glänzende Silbermünze befestigt war.

Maja Lisa fuhr leicht zusammen. War dies der Speziestaler, den sie ihm geschickt hatte? Ein Schmied war doch meistens arm. Wie kam es denn, daß dieser eine Uhr besaß? Hatte vielleicht der Verwalter sie ihm geschenkt? Und selbst wenn es so war, wie konnte er einen Speziestaler ganz nutzlos an seiner Uhrkette baumeln lassen? Er war doch wohl kein -- --

Maja Lisa erstaunte über sich selbst, ja sie wunderte sich, daß sie ruhig sitzenblieb und nicht aufsprang und laut verkündigte, nun verstehe sie plötzlich, wie alles zusammenhänge.

Er war es selbst! Sven Liljecrona war's! Er, der seiner Liebsten jenen Todestanz gespielt hatte, er stand dort drüben! In einem einzigen Augenblick ward sie ihrer Sache so ganz und gar gewiß, daß sie gleich zu ihm hätte treten und sagen können, er solle sich nicht länger verstellen, sie wisse, wer er sei.

Aber warum war er vor ein paar Wochen in der einfachen Tracht eines Vorarbeiters vom Hüttenwerk nach Loby gekommen? Darüber konnte sie sich nicht recht klar werden. Vielleicht weil ihn diese Kleidung am bequemsten dünkte, wenn er auf einen Bauernhof fuhr! Und da ihn niemand erkannte, sondern alle ihn für einen Schmied hielten, hatte er sie eben auf dem Glauben gelassen; vielleicht hatte er sich auch gescheut, ihnen zu sagen, wer er sei, als er da mitten in die Hochzeitsfeier hineingeraten war.

Maja Lisa hörte auf, der Tante die Wollkämme zu reichen, und bedeckte die Augen mit der Hand. Warum hatte er sich auch heute so verkleidet?

Sie brauchte nicht lange zu grübeln. Gleich stand alles deutlich vor ihr. Jetzt wollte er etwas. Diesmal hatte er eine bestimmte Absicht. Er wünschte, daß sie und sein Bruder -- --

Ach, das war gar so schön, und es war höchst wundersam! Nun begriff sie: er hatte gewollt, sie und Pastor Liljecrona sollten sich sehen und sprechen. Ja, so mußte es sein! Als ihm gestern abend der Speziestaler von ihr gegeben worden war, hatte er den Skiläufer zu seinem Bruder geschickt, um ihn nach Svansskog zu locken. Hier hatte er ihn dann den ganzen Tag auf sich warten lassen, und als er am späten Abend eintraf, kam er in dieser Tracht. Er wollte nichts vorstellen. Nein, sie sollte an niemand denken als an den Bruder.

Und jetzt stand er dort drüben und spielte Bauerntänze auf Bauernweise, um die Bauersleute zu erfreuen. Er hatte ja einst gesagt, er könne nie wieder einen Bogen führen, aber dies betrachtete er natürlich gar nicht als Geigenspiel.

Es war nicht der Verstand, der Maja Lisa dies alles sagte. Nein, das Gefühl war's, mit diesem konnte sie alle seine Gedanken erraten. Und sie wußte nicht, ob sie über ihn lachen oder weinen sollte.

Eines war sicher, sie mußte ihm gefallen haben, wenn er diese Zusammenkunft mit seinem Bruder ins Werk gesetzt hatte. Oder hatte sie ihm nur leid getan, weil es ihr daheim so schlecht ging? Hatte er ihr einen guten, klugen Freund verschaffen wollen, der sie von aller Bedrängnis fortführen könnte?

Ja, ja, er selbst hatte seinen großen Kummer. Den konnte er nie überwinden. Seine Liebste war tot, und er würde sie nie vergessen. Maja Lisa war für ihn nur ein armes Mädchen, die, als er mit ihr zusammengetroffen war, im Ofenwinkel gesessen und geweint hatte, und der er nun zu Ehre und Glück verhelfen wollte.

Maja Lisa mußte den Kopf aufrichten und die andern ansehen. Denn wirklich, war sie nicht auf dem Punkt, in Tränen auszubrechen, als sie bedachte, daß er für sich selbst gar nichts mehr vom Leben verlangte!

Aber gerade da, als sie die Augen aufschlug, als ihre Gedanken am eifrigsten arbeiteten und ihr Herz von Schmerz und Freude zugleich erfüllt war, als sie weit, weit weg war von allem, was ihr an andern Tagen Not bereitete, wurde wieder nach der Klinke gefaßt, und jemand steckte den Kopf zur Tür herein.

Maja Lisa starrte der Eintretenden entgegen, als sei es eine ganz unbekannte Person, und sie ging auch nicht auf sie zu. Tante Margreta schob den Spinnrocken zurück und stand auf, aber Maja Lisa blieb unbeweglich sitzen und konnte nicht aus ihren Träumen erwachen. Sie begriff auch kaum, wer eigentlich gekommen war, als sie den Gast mit rauher Stimme sagen hörte, sie habe den langen Bengt begleitet, Maja Lisa abzuholen, und als die Tante antwortete, die Frau Pfarrer werde es doch nicht so eilig haben, daß sie nicht ablegen und zu Abend mit ihnen essen könnte, ehe sie wieder heimfahre.

Der Fähnrich

Die neue Pfarrfrau auf Lövdala hatte die Gewohnheit, durch alle Leute Botensendungen und kleine Aufträge besorgen zu lassen. Wenn irgend jemand am Pfarrhaus vorüberkam, einerlei ob Bauer oder Herr, stets stand die Pfarrfrau auf der Küchentreppe und winkte und rief, bis er anhielt. Dann mußte Maja Lisa oder die Kleine eiligst auf die Straße hinauslaufen und die Vorüberfahrenden bitten, doch so freundlich zu sein, ein Pfund Butter mitzunehmen, das Frau Raclitz dem Hauptmann auf Berga verkaufen wollte, oder einen Weberkamm, den sie von der alten Frau Moreus entlehnt hatte.

Bisweilen gab sie ihnen sogar Sachen mit, die schwer und groß und umständlich zu besorgen waren, und bald waren die Leute in steter Angst, wenn ihr Weg sie an Lövdala vorbeiführte. Es war ihnen unangenehm, der Pfarrfrau ihre Bitte abzuschlagen, aber ganz unmöglich war es, vorbeizukommen, ohne daß sie einen sah.

Nun, jedenfalls hatte sie ein ganz besonderes Talent, die Leute dazu zu bringen, Besorgungen für sie zu machen.

Ja selbst ein solcher Tunichtgut wie der schöne Örneclou mußte ihr notgedrungen einmal einen Gefallen tun.

Es sah indes zuerst nicht danach aus, als sollte zwischen dem Fähnrich und der Pfarrfrau große Freundschaft entstehen, als er in der letzten Januarwoche auf Lövdala eintraf. Er pflegte immer um diese Zeit zu kommen und dann acht bis vierzehn Tage zu bleiben. Aber gleich bei seiner Ankunft sagte die Pfarrfrau, sie werde es schon so einrichten, daß dieser Tagedieb nicht alt auf dem Hofe werde. Er war gerade in die strengen Arbeitstage nach den vielen Weihnachtsfestlichkeiten hineingekommen, und jetzt wollte sie keinen Gast im Hause haben, den man bedienen mußte.

Und dann mußte man ja nicht Örneclou allein aufnehmen, sondern auch noch sein Pferd; denn so arm er auch war, mit einem eigenen Pferd kam er doch angefahren. Und das Pferd mußte sein Futter und seine Wartung haben, gerade wie sein Herr.

Die Pfarrfrau tat alles, was sie konnte, um es Örneclou recht ungemütlich zu machen. Zum ersten ließ sie das Zimmermädchen den schweren Reisesack, worin er seine Brennscheren und Perücken verwahrte, in das geringere Gastzimmer tragen. Örneclou war gewöhnt, in dem guten Gastzimmer zu wohnen, wo es eine Feuerstelle und ein Himmelbett mit feinen Daunenkissen und Federpolstern gab; aber er hatte niemals so befriedigt ausgesehen, wenn er dort eingetreten war, als jetzt, wo er nur in das geringere geführt wurde.

Ei, hier habe er von jeher schlafen wollen! sagte er. Dies sei ja das Zimmer, das man im Pfarrhaus das »Nachtquartier« nenne, weil jeder beliebige Mensch, der daherkomme und um ein Nachtlager bitte, darin aufgenommen werde. Hier könne er fast sicher sein, in später Nacht noch Gesellschaft zu bekommen, er schlafe ohnedies schlecht, da brauche er jemand, mit dem er sich unterhalten könne. Und in dem großen Himmelbett im Gastzimmer sei es immer gleich so dumpfig, da liege er viel lieber hier in der schmalen Bettstelle auf Stroh.

Das allerbeste sei aber doch, daß weder Feuerstelle noch Ofen vorhanden sei, sondern daß das Zimmer seine Wärme von dem großen Kamin bekomme, der von der Küche heraufführe und beinahe die halbe Stube einnehme. Wie schön: kein Rauch und kein Ruß, nur eine gleichmäßige, behagliche Wärme den ganzen Tag hindurch!

Und eine solide, prächtige Einrichtung habe er hier auch mit dem unangestrichenen Tisch und den ungepolsterten Stühlen. Da könne er durchaus nichts verderben, wenn er seine Perücke brenne oder sich den Schnurrbart färbe.

In dieser Weise fuhr er fort, solange sich das Zimmermädchen in der Stube befand. Welches Gesicht er aber machte, als sie gegangen war, das kann niemand wissen. Es war ein kalter Tag, und es war gewiß nicht sehr warm in dem ungeheizten Zimmer, während er sich umzog und sich fein machte. Aber seine Wangen schimmerten im schönsten Rosenrot, und seine Augenbrauen waren prächtig gemalt, als er zum Mittagessen herunterkam; kein Mensch konnte sehen, daß er das Kunstwerk mit vor Kälte steifen Fingern hatte ausführen müssen.

Die Pfarrfrau wußte eines recht gut: es gab keinen größeren Feinschmecker als Örneclou. Nicht genug damit, daß er immer etwas Gutes essen wollte, nein, er legte auch großen Wert darauf, das Essen in einem schönen Zimmer einzunehmen und es auf feinem Damast und blankem Silber zu bekommen.

In früheren Zeiten, darüber hegte die Pfarrfrau durchaus keinen Zweifel, war während seiner Anwesenheit im Saal gegessen worden, und man hatte ihm aufgetischt, was das Haus vermochte; aber jetzt, wo sie seinem Besuch so bald ein Ende machen wollte, deckte sie in der Küchenkammer auf richtige Werktagsweise und bot ihm nichts als Blutklöße und Kohlsuppe an.

Örneclou war in seiner allerliebenswürdigsten Laune und sagte dem Pfarrer eine Schmeichelei um die andere darüber, daß er so klug gewesen sei, sich wieder zu verheiraten. Wenn man bedenke, wie gut es der alte Propst in Sjöskoga, der so viele Jahre lang Witwer gewesen war, hätte haben können! Als er, der Fähnrich, ihn zum letztenmal besuchte, sei im Eßzimmer der Boden nicht gefegt gewesen, und sie hatten in einem der Schlafzimmer essen müssen. Kein einziges reines Tischtuch habe es gegeben, sondern alle voller Flecken, und die Mägde seien zu faul gewesen, jeden Tag zu kochen; die Kohlsuppe vom Sonntag sei jeden Tag wieder aufmarschiert, und sie hätten noch froh sein müssen, wenn sie recht lange reichte.

Da habe es sich sein alter Freund und Bruder auf Lövdala ganz anders gut eingerichtet. Eine so tüchtige Hausfrau, wie seine Gattin, könnte man weit suchen. Überall habe man ihm ihr Lob gesungen, und er sei mit großen Erwartungen aller der Leckerbissen, die er diesmal zu schmecken bekommen werde, hergereist. Und außerdem, wie gut sei es doch für Maja Lisa, daß sie nun lernen könne, wie ein Tisch gedeckt und wie die Speisen angerichtet und aufgetragen werden sollten, und zwar von jemand, der so gut wisse, wie es in feinen Häusern zugehe.

Der schöne Örneclou hatte ein besonderes Talent, Bosheiten zu sagen, und sie trafen meist auch ins Schwarze; aber Anna Maria Raclitz gehörte nicht zu denen, die sich ein paar Stichelreden zu Herzen nahmen, sondern sie sagte mit ihrer rauhen Stimme:

Wenn es dem Herrn Fähnrich bei diesem Witwer nicht gefallen habe, dann hätte er ja leicht abreisen können.

Da merkte Örneclou, daß er, wenn er nicht eine andere Taktik einschlug, weder im Saal speisen noch in dem guten Gastzimmer schlafen durfte.

Am liebsten wäre er gleich wieder abgereist; aber da war noch etwas anderes im Spiel! Ein Frauenzimmer wollte ihn verjagen, das war doch merkwürdig! In seinem ganzen Leben war ihm das noch nicht vorgekommen, und darein konnte er sich nun und nimmer finden!

Er war allerdings bald mitten in den Vierzigern, aber doch immer noch ein schöner Mann, dem bis jetzt kein weibliches Wesen hatte widerstehen können.

Und der Fähnrich blieb da. Ein paar Stunden saß er mit dem Pfarrer am Brettspiel, und als dieser in der Dämmerung hinausging, um mit dem langen Bengt etwas Landwirtschaftliches zu besprechen, ging der Fähnrich in den Saal und unterhielt sich mit der Pfarrfrau.

Frau Raclitz saß kerzengerade auf einem Stuhl am Fenster und benützte das letzte Restchen Tageslicht, ein paar Strümpfe fertig zu stopfen.

Örneclou machte nun einen Versuch, die Festung zu stürmen. Er sagte, er fühle, daß er alt werde, aber mit den Jahren sei er doch allmählich klüger geworden. Die jungen Mädchen seien alle miteinander unbeständig und flatterhaft. Er wolle nun mit diesem Schmetterlingsgegaukel aufhören, und deshalb möchte er die Frau Base fragen -- er hoffe doch, er dürfe als alter Freund Base zu ihr sagen --, ob sie wohl eine etwas ältere Dame kenne, ja natürlich zu alt sollte sie auch nicht sein, aber doch einige zwanzig, die gesetzt und häuslich wäre und sich um so einen armen Kerl, wie er einer sei, annehmen würde?

Die Pfarrfrau saß unbeweglich da. In dem trüben Dämmerlicht war nicht zu erkennen, was für ein Gesicht sie machte. Aber Örneclou glaubte doch zu bemerken, daß sich ihre schmalen Lippen ein wenig verzogen. Sollte sie sich am Ende über ihn lustig machen?

Ei, das war ja eine ganz gefährliche Person, die Lyselius da geheiratet hatte! Örneclou wußte doch bestimmt, wenn man eine ältere Dame für sich einnehmen wollte, gab es kein sichereres Mittel, als daß man sie für seine Heiratspläne zu interessieren suchte.