Chapter 11
Bei diesen Worten stand Maja Lisa auf. Sie meinte, sie dürfe nun nicht länger hier sitzenbleiben und seine Geheimnisse mit anhören. Aber er gehörte zu denen, die auch hinten Augen zu haben scheinen. Sobald er merkte, daß sie sich bewegte, sagte er, sie solle nur sitzenbleiben, es sei ihm eine wahre Freude, etwas Hübsches zum Ansehen zu haben.
Wie sonderbar, nun hatte sie sich schon so an ihn gewöhnt, daß sie nicht einmal errötete! Aber sie brauchte auch wirklich gar nicht verlegen darüber zu werden, denn das merkte sie nur zu gut, er betrachtete sie ganz so wie eine schöne Puppe. Es fiel ihm gewiß nicht einen Augenblick ein, daß diese Puppe sehen und auch hören konnte.
Als er jetzt mit der Tante redete, setzte er sich mit dem Rücken gegen die Pfarrerstochter auf den breiten Tisch. Maja Lisa glaubte, er habe sie ganz vergessen. Aber mittendrin setzte er sich rittlings auf einen Stuhl und starrte ihr wieder gerade ins Gesicht.
Nun also, zum ersten wolle er fragen, ob Mutter Margreta gehört habe, wieviel Kummer er den Leuten in Finnerud von der ersten Zeit seines Aufenthaltes an gemacht habe? Ob sie wisse, daß schon bei seiner ersten Predigt in der Finneruder Kapelle die Finnenmänner und die Finnenweiber sich höchst verwundert gefragt hatten, was er wohl Böses getan habe, dessentwegen er zu ihnen heraufgeschickt worden sei?
Die Tante wollte antworten, aber er ließ ihr keine Zeit dazu. Ja, wahr und wahrhaftig, gerade darüber hätten sie sich gewundert, und sie hätten vielleicht auch Grund dazu gehabt! Sie wußten ja wohl, welche Art Wohnung sie ihrem Pfarrer zu bieten hatten, und welche Besoldung er bei ihnen bekam, und daß sie deshalb nur Pfarrer bekamen, die keine andere Gemeinde haben wollte. Wenn sie nun also ihn bekommen hatten, so ...
Der stattliche Mann hielt inne und wußte nicht, wie er weitermachen sollte, aber die Tante vollendete den Satz:
»Sie dachten wohl, der Herr Pfarrer sei zu jung und zu schön, um zu ihnen dahinauf zu kommen.«
Nun redete der Pfarrer rasch weiter. »Na ja, sie sahen ja, daß er noch nicht uralt war, und obgleich sie nicht verstanden, was er in seiner Predigt sagte, weil er schwedisch predigte, hörten sie doch, daß er vortragen und auch singen konnte. Und so kamen sie, Männer und Frauen, miteinander überein, er sei ein Mann, der in einem Pfarrhaus mit hohen Zimmern und großen Glasfenstern wohnen sollte, und er wäre nie und nimmer zu ihnen heraufgezogen, wenn es nicht irgendeinen Haken mit ihm hätte.
»Es wäre ihnen auch wohl nicht leicht gefallen, irgend etwas anderes zu denken«, warf die Tante ein.
»Ja, ja, es mußte einen Haken haben. Und sobald einer von ihnen in den schwedischen Bezirk hinunterfuhr, um seine Bärenhäute und Schafpelze zu verkaufen, gaben sie ihm den Auftrag, sich zu erkundigen, was es mit dem Pfarrer für eine Bewandtnis habe.«
Bei diesen Worten sprang der Pfarrer von seinem Stuhl auf und wanderte wieder im Zimmer hin und her. Er war gewiß bis auf den heutigen Tag noch empört darüber. Tante Margreta aber lachte nur und fragte, ob die Abgesandten irgend etwas erfahren hätten.
»Ach, was hätten sie denn erfahren sollen? Sicherlich konnten sie bei ihrer Rückkehr nichts weiter berichten, als daß ihr Pfarrer auf seinen eigenen Wunsch nach Finnerud geschickt worden war.
Die Finnenmänner und die Finnenweiber waren also nachher so klug wie vorher! Natürlich konnte sich nun und nimmer auch nur einer denken, der Pfarrer sei zu ihnen gekommen, weil sie ein verlassenes, verwahrlostes und von ihrem eigenen Volk geschiedenes Häuflein waren. Nein, nein, es mußte sich anders verhalten.«
»Ach, die sind eben gar so klug da droben, Herr Pfarrer. Da darf man nicht so genau mit ihnen ins Gericht gehen.«
»Nachdem sie nun aus ganz sicherer Quelle erfahren hatten, daß er nichts Böses getan hatte, mußten sie es ja glauben; aber sie gaben sich nicht zufrieden, bis sie sich eine Erklärung nach ihrem eigenen Kopfe zurechtgemacht hatten. Er sei wohl nur deshalb zu ihnen heraufgekommen, um sich an das Amt zu gewöhnen und sich darin zu üben; und sobald er sich auf einer Kanzel daheim fühle, werde er sicher auf und davon gehen.«
»Und auch darin bekamen sie nicht recht?«
»Nein, auch darin bekamen sie nicht recht. Jetzt bin ich seit elf Jahren dort,« rief der Pfarrer mit einem unwilligen Auflachen, »aber heutigestags noch können sie es nicht lassen, über mich nachzugrübeln. Im ganzen Dorfe gibt es nicht einen einzigen Mann von Stande, und wenn ich mich nun über meine Einsamkeit beklagt hätte, dann hätten sie mich verstanden. Und wenn ich mich mit meinen Büchern als einzige Gesellschaft in mein Pfarrhaus eingeschlossen hätte, so würden sie auch das verstanden haben. Aber ein Pfarrer, der spät und früh draußen war, und der sich an dem Umgang mit Finnenbauern genügen ließ! Einer, der wissen wollte, wie das Moorheu gemäht und versorgt und wie das Land abgeschwendet wurde, und der mit ihnen auf die Jagd ging, nein, aus einem solchen Pfarrer konnten sie nicht klug werden!«
Liljecrona setzte sich jetzt wieder rittlings auf den Stuhl und drehte sich mit ihm herum, daß er Maja Lisa Auge in Auge gegenübersaß. Aber er sprach fortgesetzt mit der Tante.
»Nachdem ich ein paar Jahre in Finnerud gewesen war,« erzählte er weiter, »habe ich eines Sonntags auf Finnisch zu predigen versucht. Da haben sie in der Kirche geweint, alle miteinander ohne Ausnahme, so überwältigt waren sie. Und solange der Gottesdienst dauerte, ist es auch gewiß nicht einem einzigen eingefallen, über mich nachzugrübeln. Nein, aber kaum waren sie aus der Kirche heraus, als sie auch schon in der alten Weise fortmachten. Was konnte doch der Pfarrer für eine Absicht dabei haben, ihnen jetzt finnisch zu predigen? Sie gingen dann zu Pekka, dem Knecht im Pfarrhaus, und fragten ihn, wie es denn sei, ob sich der Herr Pfarrer ein neues Pfarrhaus wünsche? Aber Pekka sagte, er habe nichts anderes gemerkt, als daß der Pfarrer mit der einfachen Finnenhütte, die nur eine Stube und keinen Schornstein hatte, so daß man eine Luke öffnen mußte, um den Rauch abziehen zu lassen, ganz zufrieden sei. Und so mußten sie wieder fortgehen und waren abermals nicht klüger als vorher.«
»Ach, Herr Pfarrer, bedenken Sie, wir Ansässigen hier sind nicht immer gut gegen die Fremden gewesen«, warf die Tante ein.
»Keiner von allen konnte etwas so Einfaches wie das, daß man ihnen wohlwollte, begreifen. Sie wären wirklich erfreut gewesen, wenn ich eine betrübte Miene aufgesetzt und wenn ich mich darüber gegrämt hätte, meine Jugend unter armen Finnenbauern vertrödeln zu müssen. Aber weil ich froh und zufrieden aussah, das regte sie auf.
In einem der Jahre hatte ich einigen Finnenkindern zugeredet, zu mir zu kommen; ich sagte, ich wolle sie Schwedisch lehren, damit sie beim Thing und bei den Jahrmärkten im schwedischen Bezirk drunten nicht so hilflos seien wie ihre Eltern. Aber als die Finnenmänner und Finnenweiber die Kinder schwedisch sprechen hörten, erwachte die alte Unruhe in ihren Herzen. Und sofort gingen sie zu Pekka. Der Herr Pfarrer möchte vielleicht eine größere Besoldung haben? Aber Pekka ließ sie wissen, er habe nie anderes gehört, als daß der Pfarrer mit seiner Besoldung, die nicht größer war, als was ein Knecht bei einem schwedischen Bauern bekommt, zufrieden sei. Pekka war der einzige da droben, der ein bißchen Verstand hatte.
Ganz das gleiche wiederholte sich, als ich die Finnenweiber Flachsbauen lehrte. Ich war mit ihnen aufs Feld hinausgegangen, hatte ihnen alles gezeigt, hatte selbst gesät, gehechelt und gebrochen. Aber als sie nun schließlich in den Finnenhütten eigenen Flachs zu spinnen hatten, da erwachte auch das alte Mißtrauen in ihren Herzen. Warum hatte der Pfarrer sie gelehrt, Flachs zu bauen? Das war absolut nicht zu verstehen. Und wieder mußten sie ihre Zuflucht zu Pekka nehmen. Der Herr Pfarrer werde doch wohl keinen neuen Weg nach dem Pfarrhaus angelegt haben wollen? Pekka antwortete, sein Herr sei zufrieden mit dem Weg, den er habe, obgleich er so uneben und ausgefahren sei, daß man außer zur Winterszeit mit einem Pferd fast nicht durchkommen könne.« -- Ja, so etwas war sehr ärgerlich, das begriff Mutter Margreta recht wohl, und sie sagte, vielleicht habe er sich deshalb von dort weggemeldet?
»Ja, das hat auch dazu beigetragen. Ich habe es sehr bitter empfunden, daß ich mir ihr Vertrauen niemals erwerben konnte. Aber hauptsächlich habe ich es doch getan, weil mir meine Mutter, ja, und auch die ganze Verwandtschaft, immer mit Bitten in den Ohren gelegen haben. Sie sind ebenso unverständig gewesen wie meine Finnenbauern. Unaufhörlich haben sie mir geschrieben, ich verspiele mein Leben da droben. Immer hatten sie mich verlocken wollen, mich zu melden, sobald nur ein einigermaßen anständiges, südlicher gelegenes Pastorat aufging. Es ist mir zwar immer widerwärtig gewesen; aber früher habe ich nichts danach gefragt, denn ich wollte meinen Beruf nach Kräften erfüllen. Als dann aber Sjöskoga --«
Hier brach der Pfarrer ab, er stellte sich gerade vor die Pfarrerstochter hin und sah sie an.
»So eine, wie diese da,« sagte er nachdenklich »könnte ich natürlich nie bekommen, wenn ich in Finnerud bliebe.«
Es war ganz deutlich, er fand sie schön. Aber weiter auch nichts. Er sah sie nur an wie ein lebloses Bild. Nicht einmal die Stiefmutter hätte die geringste Spur von Zärtlichkeit in seinem Blick, der solange auf ihr ruhte, entdecken können.
Gleich darauf sprach er auch schon wieder von seinen Sorgen und Kümmernissen.
»Als der alte verwitwete Propst Cameen in Sjöskoga im letzten Sommer starb und das Pastorat frei wurde, fiel mir ein, ich könnte mich ja darum bewerben. Ich dachte, ich könnte meiner Mutter die Freude machen, mich zu melden, denn es war absolut keine Gefahr da, daß ich die Stelle bekommen würde. Sjöskoga ist von jeher immer einem alten Professor oder einem alten Schulrat, der sich direkt an den König wendete, gegeben worden, und außerdem hätte ich auch gerne gewußt, was meine Bauern in Finnerud für Gesichter machen würden. Aber jedenfalls reiste ich hauptsächlich aus Mutwillen mit meinen Papieren hinunter nach Karlstadt.
Während der Fahrt wurde ich immer unschlüssiger. Ach, die Leute würden mich vielleicht auslachen und sagen, es sei doch zu unverschämt von einem Finnenkaplan, sich für diese große Pfarrei zu melden! Aber dann dachte ich, da ich nun doch schon unterwegs sei, könne ich ebenso gut vollends nach Karlstadt reisen. Ich wollte auch meine Papiere gar nicht herausholen, bis ich erfahren hätte, wer sich sonst noch gemeldet hatte.
Die Reise dauerte länger, als ich angenommen hatte, und ich erreichte die Stadt gerade nur eine Stunde vor dem Ablaufen des Meldungstermins. Ich hatte eben noch Zeit, das Pferd unterzubringen, dann mußte ich eiligst aufs Konsistorium. Auf der Treppe, die zur Kanzlei hinaufführte, bereute ich die ganze Sache abermals und wollte lieber noch warten.
Aber der Konsistorialsekretär war ja mein guter Freund, und da ich nun doch einmal da war, wollte ich ihn auch begrüßen. Sjöskoga aber wollte ich gar nicht erwähnen. Ich konnte ja sagen, ich sei nach Karlstadt gekommen, um mit meiner Mutter zusammenzutreffen.
Doch kaum hatte ich den Kopf zur Tür hereingesteckt, als der Konsistorialsekretär mir auch schon entgegenrief: 'Da kommt doch endlich einer, der sich um Sjöskoga bewerben will! Während der ganzen Meldungszeit habe ich auf dich gewartet.'
Zuerst war ich der Meinung, der andere mache sich einen Scherz mit mir, und ich sagte, ich sei nur meiner Mutter wegen in die Stadt gekommen. Wie er denn darauf komme, ich wolle mich um Sjöskoga bewerben? So auf den Kopf gefallen sei ich doch nicht, und ich wisse recht wohl, daß Seine Majestät Sjöskoga nur einer alten Leuchte der Wissenschaft von Upsala oder Lund geben werde.
'Das mögt ihr euch alle miteinander einbilden', versetzte der Konsistorialsekretär. 'Ihr seid so mutlos, daß sich keiner zu melden wagt. Aber jetzt ist eine andere Zeit als zu Lebzeiten des vorigen Königs. Ich war so froh, als ich dich sah, denn ich habe bis jetzt nur zwei Meldungen bekommen, und drei müssen wir doch mindestens haben. Rück' jetzt nur mit deinen Papieren heraus.'
Seht, auf diese Weise bin ich zu meiner Meldung verführt worden. Als ich dann wieder daheim war, fragte ich mich in den ersten Tagen öfters, ob ich wohl Aussicht hätte. Aber schon nach kurzer Zeit war ich wieder bei meinen gewohnten Beschäftigungen und hatte alles andere vergessen. Da, eines schönen Tages erhalte ich ein Schreiben vom Konsistorium. Ich war der dritte im Vorschlag, und in einigen Wochen sollte ich nach Sjöskoga fahren, meine Probepredigt zu halten.
Ich habe mich nicht darüber gefreut, nein, keinen Augenblick. Am liebsten hätte ich meine Meldung zurückgezogen, tat es dann aber doch nicht, weil ich mir nicht nachsagen lassen wollte, ich fürchte mich vor der Probepredigt in einer Gemeinde, wo so viele Großbauern und Herrschaften wohnten. Mutter Margreta, Ihr wißt ja, daß ich aus einem alten Pfarrergeschlecht stamme, und da wollte ich nicht für geringer gelten als mein Vater und mein Großvater. Ich fuhr also hin und predigte, und die Zuhörer saßen auch recht andächtig in der Kirche; aber niemand konnte wissen, was sie dachten, und als ich wieder heimwärts fuhr, war ich sehr vergnügt. Jetzt war diese Geschichte doch zu Ende. Aber siehe da, gerade vor Weihnachten erhielt ich die Nachricht, daß die Wahl stattgefunden habe und alle Stimmen auf mich gefallen seien.«
Dies sagte der Pfarrer mit so betrübter Miene, daß Mutter Margreta hell auflachen mußte.
Nun, wenn er durchaus nicht wolle, könne er ja noch zurücktreten, sagte sie.
»Ja, das habe ich auch getan; aber dann kam ein Brief vom Bischof selbst, in dem er mich aufforderte, bei meiner Meldung zu bleiben. Ich hätte alle Hoffnung, gewählt zu werden. Und meine Mutter hatte auch Wind von der Sache bekommen, und sie flehte und bat, ich solle doch mein Glück nicht von mir werfen. Ach, und nicht allein meine Mutter, nein, auch die Brüder und Schwestern und Vettern und Basen! Ich habe wahrhaftig früher gar nicht gewußt, daß ich eine so große Verwandtschaft habe.«
»Die haben ja auch ganz recht«, sagte Mutter Margreta. »Sie könnten doch auch nicht ewig ...«
Aber Liljecrona unterbrach sie schnell. Er lief nun beinahe im Zimmer hin und her und drückte sich die geballten Fäuste mit einer Art tragikomischer Verzweiflung auf die Stirne.
»Aber meine lieben Finnenbauern, Mutter Margreta! Wißt Ihr, was sie taten, als sie erfuhren, daß ich fortziehen würde? Bäume haben sie im Walde gefällt und mir vor die Haustür gefahren zu einem neuen Pfarrhaus! Meine Besoldung haben sie nicht erhöht, aber sie haben sie auf die eine oder andere Art zu bessern gesucht. Eines Tages lag eine neue Elchhaut in meinem Schlitten, und an einem andern Tag fand ich einen Kübel Butter vor meiner Tür. Sie sagten nicht viel, wenn ich mit ihnen zusammentraf; aber wenn ich auf der Kanzel stand, waren aller Blicke, die der Großen und die der Kleinen, unverwandt auf mich gerichtet, und da verstand ich, was sie dachten. So dachten sie: 'Du kannst uns nicht verlassen wollen. Dann wäre es besser gewesen, du wärest gar nicht gekommen.' Nun wußte ich also endlich, daß sie mich gerne behalten wollten.«
Er trat zu Mutter Margreta, setzte sich neben sie und nahm eine ihrer harten verarbeiteten Hände in die seinige.
»Denkt Euch einmal, Mutter Margreta,« sagte er so schön und innig, daß der Tante und Maja Lisa die Tränen in die Augen traten, »es würde jemand daherkommen und sagen, Ihr dürftet auf einen Herrenhof ziehen, aber Ihr müßtet den Hof hier und alles, womit Ihr Euch Euer ganzes Leben lang beschäftigt habt, dahinten lassen. Was würdet Ihr tun?«
Aber was die Tante hatte antworten wollen, bekam niemand zu wissen, denn jetzt konnte sich Maja Lisa unmöglich mehr still verhalten. Mit glühenden Wangen und einer vor Eifer zitternden Stimme rief sie, er solle doch ganz gewiß in Finnerud bleiben. Warum er denn nach Sjöskoga ziehen wolle? Dort könnte man gut ohne ihn zurechtkommen. Nun habe er soviel für seine Finnenbauern getan, wie er da nur daran denken könnte, von ihnen fortzugehen?
Sie hätte noch lange weitergeredet, wenn nicht in diesem Augenblick jemand nach der Türklinke gegriffen hätte. Da verlor sie den Faden, und obgleich es nicht die Stiefmutter war, sondern nur eine der Mägde, blieb sie doch ganz verwirrt stehen und konnte nicht weiterreden.
Aber der junge Pfarrer hatte sie verstanden. Er sprang auf, trat auf sie zu und streckte ihr die Arme entgegen. Es sah aus, als wolle er sie an sein Herz drücken, er faßte dann aber doch nur ihre beiden Hände und drückte sie zwischen den seinigen.
»Mamsell Maja Lisa, liebste Mamsell Maja Lisa!« sagte er mit großer Wärme. »Ihr seid die erste von meinem eigenen Stand, die glaubt, ich sei denen dort droben von Nutzen, und ich danke Euch von ganzem Herzen. Gewiß, gewiß, ich werde -- --«
Doch in dem Augenblick, wo er das Versprechen geben wollte, brach er jäh ab. Die Stimme blieb ihm im Halse stecken, seine Hände zuckten, und als die Pfarrerstochter verwundert ihre Augen auf sein Gesicht richtete, sah sie, daß alle seine Züge in heftiger Leidenschaft bebten. Er wandte sich ab, ging einmal durchs Zimmer, trat wieder zu ihr, beugte sich zu ihr nieder und sagte mit einer Stimme, die durch die große Erregung undeutlich war: »Ich werde zurücktreten, wenn ich es vermag. Und wenn ich es nicht vermag, dann ist Fräulein Maja Lisa daran schuld.«
Der Schmied von Henriksberg
Ein einziges kleines Weilchen lang an diesem Tag dachte Maja Lisa nicht an die Stiefmutter, nämlich am Abend, als sie mit Pastor Liljecrona und allen den andern Hausbewohnern vor einem hellen Holzfeuer in der Wohnstube saßen und dem großen dunklen Schmied von Henriksberg zuhörten, der an einem der hohen Schränke lehnte und auf der Geige des Hausherrn spielte.
Es war sehr gemütlich hier, und Maja Lisa fing an zu verstehen, daß die Tante sich als Bauernfrau glücklich fühlen konnte. Wie außerordentlich behaglich war es, abends mit Mann und Gesinde ums Feuer zu sitzen, jedes mit seiner Arbeit beschäftigt und alle vergnügt und zum Plaudern aufgelegt! Hier redeten Knecht und Hausherr und Hausfrau und Magd miteinander, als gäbe es keinen Unterschied zwischen ihnen. Ach, es war vielleicht gar kein Glück, wenn man sich als Herrschaft hochmütig über die Untergebenen zu erheben suchte! Erntete man jemals etwas anderes als Einsamkeit und Widerwärtigkeiten?
Wo fand sich sonst eine solche Sicherheit und Geborgenheit als in einem alten Bauernhof? Maja Lisa hätte gern gesagt, man sei da der Erde näher als anderswo, man wohne da auf einem sicheren Grund und sei nicht so vielen Umwälzungen ausgesetzt.
Ach, wie viele Veränderungen, wie viele Gefahren gab es draußen in der Welt! Jetzt, während der dunkle Schmied spielte, fiel ihr wieder ein, was sie eben heute über den Verwalter auf Henriksberg gehört hatte, diesen Verwalter, der früher ein so großer Geigenkünstler gewesen war.
Pastor Liljecrona hatte ihr alles von seinem Bruder erzählt. Er hatte ja den ganzen Tag in Svansskog auf ihn gewartet, und deshalb hatten sie wohl soviel von ihm gesprochen.
Maja Lisa hatte die Genugtuung gehabt, daß der schöne Pfarrer, der sie zuerst nur wie eine Puppe betrachtete, von dem Augenblick an, wo sie ihn sozusagen überfallen und zu ihm gesagt hatte, er müsse in Finnerud bleiben und dürfe gar nicht an Sjöskoga denken, mit den andern kaum noch ein Wort gesprochen hatte.
Er mußte doch wohl gemerkt haben, daß sie auch ein Mensch war. Von da an hatte er sich nicht mehr die Mühe genommen, sie starr anzusehen; statt dessen hatte er den ganzen Nachmittag mit ihr gesprochen, und das war ein großer Genuß für sie gewesen. Der Pfarrer von Finnerud war ein liebenswürdiger, natürlicher und offenherziger Mensch. Sie hatte sich ebenso leicht mit ihm unterhalten können wie mit ihrem Vater daheim. Am Nachmittag war er mit ihr ins Freie gegangen, denn er konnte nicht stundenlang ununterbrochen im Zimmer sitzen. Sie waren dann auf der Landstraße hin und her gewandert und hatten von seinem Bruder gesprochen, bis die Dämmerung hereinbrach.
Die Liljecronas stammten gerade wie Maja Lisa aus einem alten Pfarrergeschlecht. Gerade wie Maja Lisa sich rühmen konnte, daß ihre Mutter, Großmutter und Urgroßmutter in derselben Gemeinde Pfarrfrauen gewesen waren, so konnte er sich rühmen, daß sein Vater, Großvater und Urgroßvater in ein und derselben Gemeinde als Pröpste einander gefolgt waren.
Wenn der Vater dieser Brüder länger am Leben geblieben wäre, hätte wohl Sven, der jüngste von ihnen, auch wie die andern studieren dürfen. Aber als die Mutter Witwe geworden war und eine Menge Kinder zu versorgen hatte, konnte sie die Studienkosten nicht aufbringen. Dagegen hatte ein alter Freund des Propstes Liljecrona, der Hüttenbesitzer Altringer auf Ekeby, angeboten, sich des Jungen anzunehmen unter der Bedingung, daß er ihn für das Hüttenwerk erziehen dürfe. Für dieses Anerbieten war die Mutter außerordentlich dankbar gewesen, und als Sven vierzehn Jahre alt war, wurde er nach Henriksberg geschickt, dem Hüttenwerk, das Altringer damals eben gekauft hatte. Auf Altringers Wunsch sollte der Junge den Hüttenbetrieb ganz von unten auf lernen, und der Anfang davon war, daß er das Kontor auskehren, Kohlen herbeischleppen und den Pudel für alle Leute machen mußte.
Dies ging ununterbrochen so fort, bis er siebzehn Jahre alt war. Aber da geschah es eines Tages, daß einer der Hammerschmiede erkrankte. Man schickte nach dem Hüttenverwalter. Dieser begab sich ins Hüttenwerk hinüber, stellte sich an die Tür des kranken Schmieds, sah ihn eine Weile an und ging dann geradeswegs ins Kontor, wo der Inspektor an seinem Pult saß und schrieb.
»Sie müssen die Verwaltung ein paar Tage übernehmen, Herr Inspektor«, sagte der Verwalter. »Ich muß hinauf in den Finnenbezirk und Kohlen einkaufen.«
Er machte sich gleich auf den Weg; der Inspektor aber dehnte sich behaglich auf dem Kontorsofa und dachte, es sei doch recht schön, für eine Weile der Herr im Haus zu sein. Aber es währte nicht lange, da wurde auch er ins Hüttenwerk gerufen. Jetzt war einer der Kleinschmiede in derselben Weise wie der Hammerschmied erkrankt. Der Inspektor begab sich sofort ins Hammerwerk, um nach dem Kranken zu sehen. Er stellte sich an dessen Tür, sah ihn eine Weile an und ging dann schnurstracks nach dem Wasserfall, wo der Lehrling meistens saß und Unkelejen fischte.
Er traf richtig Sven und sagte, er solle gleich mit ihm aufs Kontor kommen.
»Hör, Liljecrona,« sagte er da, »der Verwalter ist fort, und ich bin nach Björnidet eingeladen. Du mußt das Hüttenwerk ein paar Tage versehen. Hier hast du die Schlüssel, und hier ist die Kasse. Du hast nichts weiter zu tun als aufzupassen, daß die Leute wie gewöhnlich arbeiten.«
Damit stand er auf; der Lehrling aber setzte sich auf den Kontorstuhl, und es kam ihm großartig vor, daß er jetzt Herr auf Henriksberg sei.
Aber er hatte noch nicht lange so dagesessen, als ein Bote vom Hüttenwerk kam und meldete, den Kranken gehe es schlechter. Sven eilte ins Hüttenwerk hinunter und ging gleich in die Wohnung des Hammerschmieds; aber er blieb nicht an der Tür stehen wie die beiden andern, sondern trat zu dem Kranken, der ganz rot und aufgeschwollen dalag und schrecklich anzusehen war.
»Wißt Ihr, was Ihr für eine Krankheit habt?« fragte er den Schmied.
»Die Pocken sind's«, antwortete dieser. »Geh nur gleich an den Schrank im Kontor, wo der Verwalter die Arzneimittel aufhebt, und gib uns Kampfer und saure Tropfen, wenn du überhaupt dazubleiben wagst und nicht eiligst auf und davon gehen willst wie die andern.«