Liljecronas Heimat

Chapter 10

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Dem Eingang gegenüber, in der Mitte des Flurs, war eine Tür, die in ein großes Zimmer führte, das stets für die Reisenden bereitstand. Dort traf man niemals jemand von der Familie; aber die Pfarrerstochter drehte doch den Schlüssel um und warf einen Blick hinein. Ja, es war ganz so, wie sie erwartet hatte. Stühle aus gelbem Birkenholz und ein weißer Klapptisch, genau wie in dem Saal auf Lövdala, nicht einmal die große Kalla fehlte an dem einen Fenster.

Eines jedoch war verschieden. Wohl waren auch hier blaue Bodenläufer, aber die hatten nicht dasselbe Muster wie daheim. Als Maja Lisa jedoch darüber nachdachte, fiel ihr ein, daß das nicht der Fehler der Tante war; sie hatte nach den alten Bodenläufern gewoben, die in ihrer Jugend auf Lövdala gewesen waren; dort aber hatte man das karierte Muster verändert.

Die Pfarrerstochter schloß die Türe wieder zu und blieb dann noch einen Augenblick im Flur stehen. Die Tränen waren ihr in die Augen getreten; aber sie dachte, die Tante werde sicher keine Freude an irgendeiner Art von Empfindsamkeit haben, und so wollte sie mit einem ruhigen, fröhlichen Gesicht bei ihr eintreten.

Ach, auch hier verfolgte sie ihr gewöhnliches Glück! Als sie die Wohnstubentüre öffnete, sah sie, daß die Tante mitten in einer großen Wäsche war. Auf dem Feuer brodelte ein mächtiger Waschkessel, und der ganz mit Wäsche gefüllte Waschzuber, aus dem die Brühe langsam auf den Boden heraussickerte, stand mitten in der Stube. Ach, nun war die Tante gewiß noch übellauniger als sonst, wenn Gäste kamen! Es war viel Wasser auf dem Boden verschüttet, und auf einer langen Bank lagen frisch gewaschene, grobe Wäschestücke. Ja, Maja Lisa mußte zugeben, niemand würde erfreut sein, wenn er in einem Zimmer, das in solcher Unordnung war, Gäste empfangen müßte.

In diesem Zimmer erinnerte nichts an Lövdala, es war eine ganz gewöhnliche Bauernstube. Maja Lisa hatte aber doch immer gedacht, es sei ein schönes, ehrwürdiges Gemach, mit seinen großen deckenhohen Schränken, dem gewaltigen Himmelbett und den langen, an den Wänden festgemachten Bänken. Aber jetzt hatte die Wäsche alles Behagliche verscheucht.

Die Tante stand mit dem Rücken gegen die Türe und rieb und knetete aus Leibeskräften. Maja Lisa war oft erzählt worden, ihre Mutter und deren Schwestern seien ebenso groß und schlank gewesen wie sie selbst, aber die Tante war jetzt breit und untersetzt und sah durchaus nicht zart aus. Sie trug einen schwarzen Friesrock und ein rotes Leibchen mit dem dazugehörigen weißen Hemd. Die kurze weiße Schafpelzjacke, die auch zu der Tracht gehörte, hatte sie während der Arbeit ausgezogen.

Die Tante wendete sich nicht der Türe zu, als Maja Lisa diese öffnete, und sie sagte auch kein Wort. Ach, soviel war sicher, Maja Lisa wünschte sich hundert Meilen weg!

Aber es half alles nichts, sie mußte zu der Tante hingehen und ihr die Hand geben, um sie zu begrüßen.

Die Tante hatte beide Hände im Wasser drinnen. Sie zog die eine heraus, und ohne sich erst die Mühe zu nehmen, sie abzutrocknen, legte sie den Rücken ihrer Hand in die der Nichte.

»Also diesmal hat man dich schließlich geschickt«, sagte sie. »Die neue Pfarrfrau ist wohl zu vornehm, um uns Bauersleuten einen Besuch zu machen?«

Sie sagte wirklich nichts weiter als das und sprach auch nicht unfreundlicher als sonst, aber Maja Lisa konnte diesmal wohl nicht so geduldig sein, sondern brach in Tränen aus. Vielleicht nahm sie es sich auch nur deshalb sosehr zu Herzen, weil sie doch auf einem Bittgang war, und nun war es ihr, als könnte sie ihre Bitte niemals vorbringen.

Aber als sie die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte, war sie erst recht unglücklich. Ach, ach, daß sie sich selbst auf diese Weise vor dieser Tante, die doch kein Herz für sie hatte, preisgab! Ach, und nicht ein paar Tränen drängten sich aus ihren Augen, die leicht weggewischt werden konnten! O nein, in richtigen kleinen Bächlein liefen sie ihr die Wangen herunter, und der Hals war ihr wie zugeschnürt, sie konnte kein Wort herausbringen.

Ach, sie hatte bitterlich Mitleid mit sich selbst!

Jetzt weinte sie darüber, daß sie überhaupt weinte; und das weiß man ja, wenn es erst so weit ist, dann kann man nicht mehr aufhören.

Am liebsten wäre sie auf und davon gegangen und geradeswegs wieder nach Hause gelaufen. Sie ging auch bis an die Türe; aber als sie diese erreicht hatte, versagten ihr die Knie. Dicht bei der Türe stand ein niederes Bänkchen, auf dieses sank sie nieder, und da blieb sie sitzen.

Und dabei konnte sie sich so gut vorstellen, was die Tante über diese Nichte dachte, die nur hereinkam, um gleich zu weinen, und sie mitten in der Wäsche störte. Das heißt, die Tante sah gar nicht aus, als sei sie sosehr aufgeregt. Sie hörte auf zu waschen, nahm sich aber ruhig Zeit, noch eine Schöpfkelle heißes Wasser in den Zuber zu gießen, und sie legte auch noch ein Scheit Holz aufs Feuer, ehe sie zu der weinenden Nichte an der Türe trat.

»Du wirst doch keine Angst vor mir haben«, sagte sie; »ich bin vielleicht gar nicht so schlimm, wie ich aussehe.«

Aber wenn die Tante gemeint hatte, sie werde die Pfarrerstochter mit diesen Worten trösten und den Tränenstrom zum Versiegen bringen, dann hatte sie sich verrechnet. Diese Tränen kamen aus einer so tiefen, reichen Kummerquelle, die, nachdem sie nun einmal übergeflossen war, stundenlang fortfließen mußte.

Auch jetzt noch konnte Maja Lisa kein Wort herausbringen, obgleich sie sich sagte, der Tante werde die Geduld ausgehen, und sie dürfe ihre Wäsche nicht zu lange im Stich lassen. Aber die Tante wußte sich zu helfen, sie wendete sich einfach an die Kleine, die sich die ganze Zeit dicht neben der Pfarrerstochter gehalten hatte und nun ganz erschrocken sachte deren Hand streichelte.

»Vielleicht weißt du, warum Maja Lisa weint?« fragte sie. »Sie kann sich's doch wohl nicht so zu Herzen genommen haben, daß ich nicht gleich Zeit hatte, sie ordentlich zu begrüßen.«

Man konnte ihrer Stimme anhören, daß sie am liebsten darüber gelacht hätte, und das mußte die Kleine verstanden haben, denn diese wurde plötzlich ganz wütend.

»Soll sie nicht weinen, wenn Ihr Euch so gegen sie benehmt?« rief sie. »Da kommt sie zur leiblichen Schwester ihrer Mutter, um sie um Hilfe zu bitten, und dann sagt diese nicht ein einziges freundliches Wort zu ihr.«

Maja Lisa legte der Kleinen eiligst die Hand auf den Mund; aber das half nichts, denn die Kleine konnte es nicht ertragen, Mamsell Maja Lisa weinen zu sehen, und nun war sie in der richtigen desperaten Laune, gerade wie damals in dem Sturm.

Die Tante ließ sich nichts anmerken, ob sie über die Kleine ärgerlich wurde, aber sie sprach jetzt in breiterem Bauerndialekt als vorher, und was sie sagte, kam ängstlich und langsam heraus.

Womit sie wohl Maja Lisa helfen könnte? Maja Lisa gehe es doch wohl ausgezeichnet auf Lövdala, und sie brauche sicherlich keine Hilfe von einer armen Bauernfrau?

Etwas Besseres hätte sie nicht sagen können, um die Zunge der Kleinen recht in Gang zu bringen.

»Ihr seid gewiß aus demselben Holz geschnitten wie Mamsell Maja Lisas Stiefmutter«, sagte sie. »Im übrigen aber kann ich Euch etwas sagen; sie ist hierhergekommen, Euch zu bitten, ihr einen ...«

Aber da packte die Pfarrerstochter die Kleine so fest beim Arm, daß diese verstummte. Die Tante schien indes die Unterbrechung gar nicht zu bemerken, sondern fuhr fort:

»Ist es denn wirklich so schwer für Maja Lisa, daß sie eine Stiefmutter bekommen hat? Es heißt zwar, wer eine Stiefmutter bekommt, bekommt auch einen Stiefvater, aber so ist es ihr doch sicher nicht gegangen. Sollte es irgend etwas geben, das sie sich wünschte und nicht bekäme? Das ist doch wohl unmöglich?«

Die Pfarrerstochter machte der Kleinen alle möglichen Zeichen; aber was half das, wenn die Tante sie auf diese Weise reizte?

»Oh, Ihr könntet recht wohl selbst sehen, wie es ihr geht,« fuhr die Kleine fort, »wenn Ihr nur die Augen aufmachen wolltet. Sie ist ja nicht besser angezogen als ich und ist nur noch Haut und Knochen. Es heißt freilich, Blut sei dicker als Wasser, aber das ist bei Euch wohl nicht so? Euch ist es einerlei, ob die Stiefmutter sie zu Tode plagt.«

All dies war sehr peinlich für die Pfarrerstochter. Es war schon schlimm genug, daß sie ihrer Tränen nicht Herr werden konnte; aber daß die Tante alles mögliche aus der Kleinen herauslockte, war noch viel schlimmer. Wer konnte wissen, wie die Tante es aufnahm! Vielleicht nährte sie einen geheimen Groll gegen die Tochter ihrer Schwester in ihrem Herzen und freute sich nur, wenn sie das alles zu wissen bekam.

Nein, Maja Lisa konnte es nicht länger aushalten! Deshalb stand sie auf und tastete nach der Türe. Aber als sie die Klinke aufmachen wollte, war irgend etwas daran nicht in Ordnung, Maja Lisa konnte sie nicht gleich aufbringen, sondern zog und rüttelte -- und sank plötzlich zusammen -- und fiel zu Boden -- --

Als sie wieder zu sich kam, lag sie in dem Zimmer mit den blau karierten Bodenläufern im Bett. Sie ruhte auf so weichen Kissen und so feinen Laken, wie sich auf Lövdala kaum welche fanden. Neben dem Bett stand ein Tisch und auf dem Tisch ein Kaffeebrett und auf dem Brett eine Schale, die mit einem Tuch zugedeckt war.

Ja, Maja Lisa verspürte ein wenig Hunger, und rasch nahm sie das Tuch von der Schale. Aber nichts Eßbares lag darunter, nichts als ein großer, glänzender, prächtiger Speziestaler!

Zuerst konnte sie nicht begreifen, wie alles zusammenhing. Aber dann ging ihr ein Licht auf. Die Tante hatte natürlich die Wahrheit aus der Kleinen herausgelockt! Ach, Maja Lisa fühlte sich so gerührt und beglückt, daß sie wieder weinen mußte, und nachdem sie eine Weile geweint hatte, schlief sie ein.

Sie schlief ununterbrochen, bis die Wanduhr in der Wohnstube drei Uhr schlug. Als sie jetzt aufschaute, war der Speziestaler verschwunden; aber dafür stand eine Menge guter Sachen zum Essen neben ihrem Bett. Zuerst erschrak sie ein wenig, weil das Geldstück verschwunden war; aber dann dachte sie, sie sei jetzt sicher in guten Händen. Damit beruhigte sie sich, und dann aß sie.

Als sie sich satt gegessen hatte, wurde sie über diese Beweise von Güte wieder so gerührt, daß sie abermals weinen mußte, und während sie noch weinte, schlief sie aufs neue ein.

Als sie das nächste Mal erwachte, war es dunkler Abend. Im Ofen flackerte ein lustiges Feuer; die Tante aber stand vor ihrem Bett und betrachtete sie.

Das erste, was sie sagte, war, Maja Lisa solle entschuldigen, aber sie habe sich die Freiheit genommen, den Speziestaler dem Manne zu schicken, von dem er entlehnt worden sei. Es sei jetzt am Abend ein Wagen nach Henriksberg geschickt worden, und da habe sie dem Knecht den Taler gegeben mit dem Auftrag, sich zu erkundigen, welcher von den Schmieden um Weihnachten das Heu in Loby gekauft habe. Diesem solle er das Geldstück mit einem Gruß von der Pfarrerstochter übergeben. Sie habe es so fürs beste gehalten; denn Maja Lisa hätte wahrscheinlich von Svartsjö aus nicht so leicht einen Boten nach Henriksberg schicken können.

Abermals war die Pfarrerstochter tiefgerührt, sie konnte kaum antworten. Aber die Tante ließ es nicht wieder zum Weinen bei ihr kommen, sondern fing nun an, sie über Lövdala auszufragen. Sie erwähnte die Stiefmutter oder irgend etwas anderes Unangenehmes gar nicht, sondern fragte nur nach Sachen, die Maja Lisa keinen Kummer machten. Wie es der Großmutter gehe? Ob ihre Stube im Brauhaus noch immer so blitzblank sei? Wie es bei der alten Bengta im Gesindehaus aussehe. Wohl noch ebenso schmutzig wie früher? Ob das Käuzchen noch auf dem Boden hause? Ob die Drossel noch in dem Tannenwipfel über dem Ruhestein sitze und an den Frühlingsabenden so herrlich zwitschere? Ob es auch in den letzten Jahren noch Maiblumen in dem Birkengehölz hinter dem Obstgarten gegeben habe? Ob das alte, auf Pfosten errichtete Vorratshaus noch stehe? Und ob das neue Pfarrhaus, das Maja Lisas Vater hatte bauen lassen, ganz so wie das alte sei? Und ob in dem alten düsteren Schafstall auch jetzt noch Schafe seien?

Voller Verwunderung hörte die Pfarrerstochter zu. Nach allem fragte die Tante, nichts, nichts vergaß sie.

Zum Schluß sprach sie auch noch ein wenig von sich selbst.

»Siehst du, Maja Lisa, in der ersten Zeit nach meiner Verheiratung ging ich heim nach Lövdala, sooft ich nur konnte. Ich sah wohl, daß das den Leuten hier auf Svansskog nicht angenehm war; aber ich ging trotzdem, denn ich hatte Heimweh, und im Anfang war ich gar nicht glücklich hier. Es war nicht so leicht für mich, das kann ich dir sagen. Ich hatte hier eine Schwiegermutter, die gerade so gegen mich war, wie deine Stiefmutter gegen dich ist. Und noch ein anderer war auch sehr streng und hart. Wir waren damals keine so guten Freunde, wie wir später geworden sind, und das, das war das Schlimmste für mich.

Aber dann wurde mir eines klar: Sooft ich wieder nach Lövdala ging, wurde mir die Rückkehr immer schwerer. Und schließlich konnte ich nicht mehr anders, ich mußte mit mir selbst ins Gericht gehen und mich fragen, wie ich es eigentlich haben wollte. Diesen Ort hier hatte ich mir zur Heimat erwählt, und hier mußte ich leben, und da war es doch wohl dumm, wenn ich mein Leben mit dem Heimweh nach dem, was ich verlassen hatte, vertrödelte. Da faßte ich meinen Entschluß: Nie wieder wollte ich nach Lövdala gehen, und nichts mehr wollte ich mit den Leuten auf Lövdala zu tun haben, ganz und gar wollte ich vom Alten wegkommen. Und das war das Richtige für mich. Von da an wurde ich selbst ruhiger; und als die anderen begriffen, daß ich ihnen im Ernst angehören wollte, änderten sie ihr Benehmen gegen mich; sie beobachteten mich scharf, wenn ihr mich besuchtet, aber sie sahen und verstanden, daß ich mir alle Mühe gab, mich auch gegen euch fremd zu stellen.

Ja, ich hatte eine dicke, feste Mauer zwischen mir und euch aufgerichtet und meinte, nichts auf der Welt könnte sie je wieder einreißen. Aber das hatte ich allerdings nicht mit in Rechnung genommen, daß jemals eine Pfarrerstochter von Lövdala, ebenso klein und zart wie ich in ihrem Alter auch gewesen war, zu mir kommen und mich um Hilfe bitten würde. Siehst du, da war es zu Ende mit aller meiner Kraft.

Aber glaube ja nicht, ich werde deshalb irgendwelche Unannehmlichkeiten hier haben. Weißt du, was ich vorhin, als du schliefst, getan habe? Oh, da zog ich meinen Mann am Ärmel, nahm ihn mit hierher an die Türe und ließ ihn durch einen Spalt einen Blick auf dich hineinwerfen. Und dann erzählte ich ihm, wie alles zusammenhing, und fragte ihn, ob er etwas dagegen hätte, wenn ich dir helfe. Aber nun sollst du hören, was er darauf sagte.

Das sagte er: 'Die, die da drinnen liegt, sieht ganz genau so aus, wie du selbst ausgesehen hast, als du zuerst zu mir kamst; und das sage ich dir, wer der da drinnen nicht hilft und beisteht, der bekommt es mit mir zu tun.'«

Der Finnenpfarrer

Es war wie verhext, Maja Lisa mußte immerfort an die Stiefmutter denken. Den ganzen Morgen war diese ihr nicht aus den Gedanken gekommen, und obgleich sie wußte, daß auf Lövdala das Lichterziehen in vollem Gange war, fuhr sie doch jedesmal unwillkürlich zusammen, wenn jemand die Türe öffnete, in heller Angst, die Stiefmutter könnte eintreten und sehen, wie schlecht sie sich benahm.

Denn ach, wenn Mutter wüßte, daß sie bis acht Uhr morgens geschlafen hatte! Ja, und noch mehr; die Tante war so gut gegen sie gewesen und hatte ihr selbst Kaffee ans Bett gebracht, obgleich alles Kaffeetrinken von Seiner Majestät dem König verboten war. O weh, die Stiefmutter, die so streng darauf hielt, daß allen Verordnungen aufs genaueste nachgekommen wurde, die wäre sicher über die Maßen empört gewesen, und die beiden roten Flecke hätten auf ihren Wangen gebrannt!

Oder gar, wenn Mutter gesehen hätte, wie die Tante an diesem Tag alle Arbeit liegen und stehen ließ, nur um mit Maja Lisa auf der Bank zwischen dem Fenster und dem breiten Wohnzimmertisch plaudern zu können! Ja, oder wenn sie die Tante lachen gehört hätte, als die Nichte von der Stiefmutter und allen ihren Taten erzählte!

Denn jetzt, wo Maja Lisa ausgeruht hatte, war sie gar keine Tränenliese mehr, sondern lachte nur über alle ihre Widerwärtigkeiten. Die Stiefmutter hatte wohl gedacht, die Tante werde gegen Maja Lisa geradeso sein wie sie, und sie wäre sicherlich sehr ärgerlich gewesen, wenn sie dahintergekommen wäre, wie sehr sie sich getäuscht hatte.

Aber wenn sie nun gekommen wäre und dann Maja Lisa allein mit der Tante angetroffen hätte, wäre das erst nicht so gefährlich gewesen. O nein, wäre sie später am Tag gekommen, dann hätte es schlimmer ausfallen können!

Im Lauf des Vormittags fuhr plötzlich ein Reisender an der Herberge vor. Rasch wendete sich Maja Lisa dem Fenster zu, und da sah sie einen großen schönen Mann aus einem kleinen grün angestrichenen Schlitten steigen. Er trug einen Anzug aus eigengewobenem Fries, der ganz hell, ja fast weiß war; er hatte keinen Pelzrock an, aber an der freimütigen Art, mit der er dem Hausherrn die Hand schüttelte, konnte man gleich sehen, daß er ein Herr von Stand war.

Die Tante war so an die Ankunft von Reisenden gewöhnt, daß sie sich nicht einmal die Mühe nahm, zum Fenster hinauszusehen. Maja Lisa mußte sie erst auffordern, sich doch umzudrehen und ihr zu sagen, wer der schöne Herr sei.

Und die Tante konnte auch wirklich Auskunft geben. Der da draußen stand, das sei ja wahrhaftig der Pfarrer von Finnerud, Pastor Liljecrona!

Ja, nun hätte die Stiefmutter dasein sollen, um zu sehen, wie Maja Lisa bei Nennung dieses Namens zusammenfuhr! Die Tante merkte es auch gleich und wurde neugierig. Aber das tat nichts, denn ihr konnte Maja Lisa ohne Scheu die Geschichte von dem Traumpfannenkuchen und dem Traum erzählen, während sie sie der Stiefmutter niemals hätte anvertrauen können; diese hätte ja doch nur über alles miteinander verächtlich den Kopf in den Nacken geworfen.

Die Tante dagegen nahm die Sache vollständig ernst.

»Das wäre nicht das schlimmste, wenn du ihn bekommen könntest«, sagte sie. »Er ist nicht allein ein schöner Mann, sondern auch ein wirklich prächtiger Mensch.«

Maja Lisa verwunderte sich höchlich. Die Tante konnte doch wohl nicht meinen, sie solle den Pfarrer von Finnerud heiraten. Dieser Ort lag ja weit droben im Norden, noch viel weiter entfernt als Västmarken. Und es wohnten auch nur Finnen dort, die vor zweihundert Jahren hingezogen waren, aber seither noch nicht einmal Schwedisch gelernt hatten. Für Maja Lisa war Finnerud ein so unbekannter Ort, wie wenn er ganz droben in Lappland gelegen hätte.

Aber die Tante beruhigte sie. Sie solle keine Angst haben, in Finnerud brauchte sie nicht zu wohnen. Pastor Liljecrona sei schon seit elf Jahren Pfarrer dort und werde nun wahrscheinlich wegziehen, um Propst in Sjöskoga zu werden.

Da begann Maja Lisa zu verstehen, warum die Tante so eifrig geworden war. Sie, die ursprüngliche Pfarrerstochter, wußte wohl, daß Sjöskoga das beste Pastorat im ganzen Sprengel war.

Aber Maja Lisa sagte, sie kümmere sich eigentlich weder um Finnerud noch um Sjöskoga; ihr Mann müsse Pfarrer in Svartsjö sein und auf Lövdala wohnen.

»Ja, so sagst du jetzt,« meinte die Tante, »aber warte nur, bis der Rechte kommt, dann fragst du weder nach Hof noch Kirchspiel.«

Die Tante sprach mit so großem Ernst, daß sich Maja Lisa noch einmal dem Fenster zuwenden und hinaussehen mußte. Der Pfarrer war wirklich ein schöner Mann mit seiner stattlichen Figur und seinen leuchtenden blauen Augen, und er hatte eine laute, fröhliche Stimme, die bis ins Zimmer hereindrang. Der Hausherr hörte ihm mit erfreuter Miene zu, und aus Stall und Scheune eilten die Knechte herbei, das Pferd auszuspannen.

»Sieh, wie sie von allen Seiten dahergelaufen kommen, man merkt, daß der Pfarrer von Finnerud angekommen ist, alle haben ihn gern. Ich denke, er wird nicht gleich wieder wegfahren, sondern eine Weile hierbleiben, da kannst du gleich ein paar Worte mit ihm wechseln.«

Kaum hatte die Tante diese Worte gesagt, als auch schon die Tür aufging und der Pfarrer eintrat.

Schon von der Schwelle aus rief er der Tante zu, ihr Mann habe ihn in den schönen Saal hineinführen wollen, aber er wolle dort nicht ganz allein sitzen, Mutter Margreta werde wohl nichts dagegen haben, wenn er zu ihr in die Wohnstube komme, denn er müsse vielleicht eine gute Weile hier warten. Sein Bruder, der Verwalter von Henriksberg, habe ihn hierherbestellt, sei aber bis jetzt noch nicht gekommen. Er wisse nicht, was eigentlich los sei; ein Skiläufer habe ihm sehr spät in der Nacht die Nachricht gebracht, und er sei in aller Frühe aufgebrochen, der Hüttenwerkverwalter hätte eigentlich vor ihm hier sein sollen.

Gleich einem Wasserschwall strömten ihm die Worte vom Munde. Tante Margreta ging ihm entgegen, ihn zu begrüßen, und Maja Lisa dachte, sie sei mindestens ebenso erfreut wie die Knechte draußen. Schließlich bekam doch auch die Tante das Wort, und sie sagte, er dürfe im Wohnzimmer bleiben, solange er wolle. Er werde ohnedies nicht mehr oft dieses Weges kommen. Sie müßte ihm ja zu dem großen Amte, das er erhalten habe, Glück wünschen, obgleich sie ihn sehr vermissen werde, wenn er nicht mehr hier einkehre.

Der Pfarrer machte eine ungeduldige Bewegung.

»Ach, ich weiß nicht, was ich tun soll, Mutter Margreta«, sagte er. »Am liebsten würde ich ganz und gar zurücktreten. -- Aber zum Kuckuck ... nein, ich will nicht fluchen, bin ja ein Pfarrer!«

Der Ausruf war ihm wegen nichts anderem entschlüpft, als weil sein Blick auf die Pfarrerstochter gefallen war. Sie war bis jetzt ganz ruhig auf der Fensterbank sitzengeblieben, und er hatte sie vorher nicht bemerkt gehabt.

Maja Lisa geriet ordentlich in Verlegenheit, als er nun mit lauter Stimme fragte: »Was ist denn das für ein Schätzchen, das ihr hier im Hause habt, Mutter Margreta?«

Die Tante sagte ihm, wer Maja Lisa war; aber deshalb führte er sich nicht ein bißchen passender auf als vorher.

Ei ja, das wolle er gleich glauben, daß sie eine von den schönen Pfarrerstöchtern von Lövdala sei. Es sei nur gut, daß er sie endlich zu Gesicht bekomme. Wie oft habe er Mutter Margreta schon gebeten, ihn mit der Nichte zusammen einzuladen, damit er selbst sehen könne, ob das, was die Leute von ihr sagten, wahr sei.

Maja Lisa wurde nicht allein verlegen, sondern sie erschrak auch bis ins Herz hinein. So etwas durfte sie gar nicht anhören, das schickte sich nicht. Die Stiefmutter -- ach richtig, Mutter, war ja beim Lichterziehen auf Lövdala!

Die Tante sah wohl, daß sie ängstlich wurde, und so versuchte sie, den Pfarrer davon abzubringen, Maja Lisa immerfort anzustarren.

Das sei doch wohl unmöglich, daß er die Absicht habe, von der Bewerbung um Sjöskoga zurückzutreten? begann sie. Er müßte ja hochbeglückt sein, wenn er ein so schönes Pastorat in so jungen Jahren bekomme! Soviel sie gehört habe, seien bis jetzt immer nur ältere, gesetzte Männer zu diesem fetten Bissen gekommen.

Liljecrona zuckte die Achseln. Er habe ja nie die Absicht gehabt, dahin zu streben. Das Glück sei ihm gar zu hold gewesen. Er selbst sei mit seiner bisherigen Lage ganz zufrieden gewesen.

Aber er habe sich doch gemeldet, warf die Tante ein.

O ja, weil ihm die Verwandten gar keine Ruhe gelassen hätten.

Jetzt hatte er Maja Lisa so vollständig vergessen, als sei sie überhaupt nicht da. Er dachte nur noch an seine eigenen Angelegenheiten, während er mit gefurchter Stirne und heftigen Bewegungen im Zimmer hin und her wanderte. Eine lange Locke hing ihm über die Stirne herein; er ergriff sie, drehte sie nach oben, stellte sie auf und ließ sie dann wieder herunterfallen. Offenbar war es ihm ganz gleichgültig, wie er aussah; aber Maja Lisa dachte unwillkürlich, er sei ein so schöner Mann, daß sich bei ihm alles gut ausnehme. Endlich blieb er dicht vor der Tante stehen und fragte, ob er sie um einen guten Rat bitten dürfte, er habe jetzt schon soviel hin und her überlegt und wisse nicht mehr aus noch ein.