Ligeia und andere Novellen; Sieben Gedichte

Part 9

Chapter 91,047 wordsPublic domain

Wenn Mond, der weiße Mond, auch ganz Ausschüttet seines Mittags Glanz, _Sein_ frostig Lächeln, _sein_ Geleit Scheint jener Zeit der Düsterkeit Ein Bild aus Tagen nach dem Tod. Jugend ist eine Sommersonne, Die nichts uns läßt von Wert und Wonne, Wenn sie verschwand, nur Nichts und Not. Denn alles Wissen, dem wir lebten, Ward uns; was wir zu halten strebten, Entfloh; so laß das Erdenwallen Mit seiner Mittagsschönheit fallen, Die alles ist. -- Ich eilte her Zu meinem Heim -- mein Heim nicht mehr -- Denn was es je dazu gemacht, War fort; trat ich auch sanft und sacht Durch seine moosige Tür, es drang Vom Schwellenstein der Stimme Klang Von einer, die ich einst gekannt. Ich leugne, Hölle, daß dein Brand Mehr Demut brennt als nun mein Herz, Mehr Wehmut kennt als nun mein Schmerz!

Vater, ich glaube fest -- ich _weiß_ -- Denn Tod, der kommt aus Segensferne, Die ohne trügerisches Hoffen, Er ließ sein eisern Tor weit offen, Und strahlend glühn der Wahrheit Sterne Durch Ewigkeit und flammen heiß -- Ich glaube, einen Fallstrick hat Satan auf jedem Menschenpfad; Denn wie sonst konnte dieses sein: Als ich gelebt im heiligen Hain Der Göttin Liebe, die so rein Alltäglich salbt die schneeige Schwinge Im Weihrauch frommer Opferbrände Und andrer unbefleckten Dinge, Im Haine, dessen Dach und Wände, Wo Lücken läßt das Laubgewind, Mit Strahlen eng vergittert sind, Durch die kein Stäubchen, keine Mücke, Ausweichend ihrem Adlerblicke, Eindringen kann -- wie sonst denn war Dies möglich, daß nicht wahrnehmbar Die Ehrsucht dort ins Glück gedrungen, Bis dreister sie emporgesprungen Hohnlachend in der Liebe Haar?

DAS KOLOSSEUM

Urbild des alten Rom! Reliquienschrein Für Schaun und hohen Traum, den in die Zeit Jahrhunderte von Pracht und Macht gestellt! Nun endlich -- endlich -- nach so vielen Tagen Von Wandermüdigkeit und gierem Durst (Von Durst zum Quell des Wissens, den du birgst) Ein andrer und demütiger kniee ich In deinem Schatten nun und trinke ein Dein ragend Düster, deinen Glanz und Ruhm.

Unendlichkeit und Öde! Schwermut, Schweigen! Uralter Zeit Erinnern -- düstere Nacht! Ich fühl euch jetzt -- fühl eure ganze Wucht -- O Zauber, stärker als Judäas König Voreinst gelehrt im Berg Gethsemane! O Wunder, machtvoller als der Chaldäer Jemals verzückt aus stillen Sternen zog!

Hier, wo ein Held einst stürzte, stürzt die Säule. Hier, wo ein goldner toter Adler glänzte, Hält mitternächtig Wacht die Fledermaus. Hier, wo der Damen Roms vergoldet Haar Im Winde wehte, wogt nun Ried und Distel. Hier, wo auf goldnem Thron der Herrscher lehnte, Schlüpft geisterhaft aus ihrem Marmorhaus, Vom Schein des zwiegehörnten Monds beleuchtet, Die flinke Echse schweigend über Steine.

Doch halt! Die Mauern -- diese Bogengänge, Hochauf von altem Efeu eingekleidet, Die schwarzen bröckeligen Säulensockel Und düstern Schäfte, dunklen Kapitäle, Zerfallenden und fast verblaßten Friese, Zersprungnen Kranzgebälke -- dieses Wrack -- All diese Steine -- ach, die grauen Steine -- Sind sie denn alles, was der Zahn der Zeit Von all dem Ruhm und ungeheuren Glanz Für mich und für das Schicksal übrig ließ?

»Nicht alles --« geben mir die Echos Antwort -- »Nicht alles, nein! Prophetische Klänge steigen -- Und laute Klänge -- ewig von uns auf, Von allen Trümmern zu den Weisen auf, Wie Melodie von Memnon steigt zur Sonne. Wir leiten alle riesenhaften Geister! In unumschränkter Macht beherrschen wir Mit unserm Schwung die Herzen aller Großen.

Wir sind nicht leblos -- wir erblichnen Steine. Nicht alle Macht ist hin -- nicht aller Ruhm -- Nicht aller Zauber unsres hohen Rufes -- Nicht all das Wunder, das uns rund umfaßt -- Nicht all Geheimnis, das in uns verborgen -- Nicht all Erinnern, das wie ein Gewand Uns rund umhängt und überall bedeckt Und das uns hüllt in mehr als Herrlichkeit!«

DIE STADT IM MEER

Weh! wunderliche einsame Stadt, Drin Tod seinen Thron errichtet hat, Tief unter des Westens düsterer Glut, Wo Sünde bei Güte, wo Schlecht bei Gut In letzter ewiger Ruhe ruht. An Schlössern, Altären und Türmen hat (Zerfreßnen Türmen, die nicht beben!) Nichts Gleiches eine unsrige Stadt. Von Winden vergessen, die wühlen und heben, Stehn unterm Himmel die Wasser ringsum, Schwermütige Wasser, ergeben und stumm.

Kein Strahlen vom Himmel kommt herab Auf jener Stadt langnächtiges Grab. Doch steigt ein Licht aus dem Meer herauf, Strömt schweigend an kühnen Zinnen hinauf, Hinauf an Türmen bis zum Knauf, Hinauf an Palästen, an Zitadellen, An Tempeln hinauf und an Babylonwällen, Hinauf an vergessenen Laubengängen Mit eingemeißelten Fruchtgehängen, Hinauf an manchem Opferstein, Auf dessen Friesen zu engem Verein Verflochten Viola, Violen und Wein.

Stehn unterm Himmel die Wasser ringsum, Schwermütige Wasser, ergeben und stumm. Die Mauern und Schatten wie Nebelduft -- Es scheint, als hänge alles in Luft. Vom Turm, der herrschend ragt und droht, Schaut riesenhaft herab der Tod.

Geöffnete Tempel und Totengrüfte Gähnen auf leuchtende Meeresschlüfte. Doch nicht die blitzenden Juwelen In goldner Götzen Augenhöhlen Und nicht der reiche Tod verführen Die starren Wasser, sich zu rühren: Kein kleinstes Wellchen kommt in Gang Die gläserne Einöde entlang, Kein Kräuseln erinnert, daß weniger leer Von Wind ist irgendein anderes Meer, Nichts sagt, daß je ein Wehen war Auf Meeren, die weniger grauenhaft klar.

Doch, o -- es regt sich leis wie Wind! Ein Wellen durch das Wasser rinnt -- Als ob die Türme im sachten Sinken Die Flut verschöben zur Rechten und Linken -- Als ob schon die Spitzen inmitten des blassen Himmels Lücken zurückgelassen. Ein roteres Glimmen steigt heran -- Die Stunden halten den Atem an -- Und wenn die Stadt hinab, hinab Von hinnen sinkt mit unirdischem Stöhnen, Wird ihr von eintausend Thronen herab Der Gruß der Hölle tönen.

INHALT

Ligeia 1 Berenice 29 Morella 51 Eleonora 63 Die Insel der Fee 77 Landors Landhaus 87 Der Herrschaftssitz Arnheim 107 GEDICHTE Der Rabe 133 Annabel Lee 138 Ulalume 140 Die Glocken 146 Tamerlan 151 Das Kolosseum 163 Die Stadt im Meer 165

DIESES BUCH WURDE IM AUFTRAGE DES PROPYLÄEN-VERLAGS IN BERLIN IN EINER EINMALIGEN AUFLAGE VON TAUSEND IN DER PRESSE NUMERIERTEN EXEMPLAREN IN DER BUCHDRUCKEREI OTTO ELSNER IN BERLIN GEDRUCKT

EXEMPLAR Nr 933

Anmerkungen zur Transkription

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[S. 19]: ... mit faltenreichem schweren Goldstoff verhangen -- demselben ... ... mit faltenreichem schwerem Goldstoff verhangen -- demselben ...

[S. 99]: ... In der Tat, nichs hätte wohl einfacher -- unaufdringlicher wirken ... ... In der Tat, nichts hätte wohl einfacher -- unaufdringlicher wirken ...

[S. 113]: ... entgegen seiner eigenen Anschauug, zu Taten veranlassen. ... ... entgegen seiner eigenen Anschauung, zu Taten veranlassen. ...