Ligeia und andere Novellen; Sieben Gedichte
Part 8
O, ich weiß, es war in grimmer Winternacht, gespenstischen Schimmer Jagte jedes Scheit durchs Zimmer, eh es kalt zu Asche fror. Tief ersehnte ich den Morgen, denn umsonst war's, Trost zu borgen Aus den Büchern für das Sorgen um die einzige Lenor, Um die wunderbar Geliebte -- Engel nannten sie Lenor -- Die für immer ich verlor.
Die Gardinen rauschten traurig, und ihr Rascheln klang so schaurig, Füllte mich mit Schreck und Grausen, wie ich nie erschrak zuvor. Um zu stillen Herzens Schlagen, sein Erzittern und sein Zagen, Mußt' ich murmelnd nochmals sagen: »Ein Besucher klopft ans Tor. -- Ein verspäteter Besucher klopft um Einlaß noch ans Tor«, Sprach ich meinem Herzen vor.
Alsobald ward meine Seele stark und folgte dem Befehle. »Herr«, so sprach ich, »oder Dame, ach, verzeihen Sie, mein Ohr Hat Ihr Pochen kaum vernommen, denn ich war schon schlafbenommen, Und Sie sind so sanft gekommen -- sanft gekommen an mein Tor; Wußte kaum den Ton zu deuten ...« Und ich sperrte auf das Tor: -- Nichts als Dunkel stand davor.
Starr in dieses Dunkel spähend, stand ich lange, nicht verstehend, Träume träumend, die kein irdischer Träumer je gewagt zuvor; Doch es herrschte ungebrochen Schweigen, aus dem Dunkel krochen Keine Zeichen, und gesprochen ward nur zart das Wort »Lenor« -- Zart von mir gehaucht, -- wie Echo flog zurück das Wort »Lenor«. Nichts als dies vernahm mein Ohr.
Wandte mich zurück ins Zimmer, und mein Herz erschrak noch schlimmer, Da ich wieder klopfen hörte, etwas lauter als zuvor. »Sollt ich«, sprach ich, »mich nicht irren, hörte ich's am Fenster klirren; O, ich werde bald entwirren dieses Rätsels dunklen Flor; Herz, sei still, ich will entwirren dieses Rätsels dunklen Flor; Wind wohl machte den Rumor.«
Hastig stieß ich auf die Schalter -- flatternd kam herein ein alter, Stattlich großer, schwarzer Rabe, wie aus heiliger Zeit hervor; Machte keinerlei Verbeugung, keine kleinste Dankbezeigung, Flog mit edelmännischer Neigung zu dem Pallaskopf empor, Grade über meiner Türe auf den Pallaskopf empor -- Saß -- und still war's wie zuvor.
Doch das wichtige Gebaren dieses schwarzen Sonderbaren Löste meines Geistes Trauer, und ich schalt ihn mit Humor: »Alter, schäbig und geschoren, sprich, was hast du hier verloren? Niemand hat dich herbeschworen aus dem Land der Nacht hervor. Tu mir kund, wie heißt du, Stolzer aus Plutonischem Land hervor?« Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«
Daß er sprach so klar verständlich -- ich erstaunte drob unendlich, Kam die Antwort mir auch wenig sinnvoll und erklärend vor. Denn noch nie war dies geschehen: über seiner Türe stehen Hat wohl keiner noch gesehen solchen Vogel je zuvor -- Über seiner Stubentüre auf der Büste je zuvor, Mit dem Namen »Nie du Tor.«
Doch ich hört' in seinem Krächzen seine ganze Seele ächzen, War auch kurz sein Wort und brachte er auch nichts als dieses vor. Unbeweglich sah er nieder, rührte Kopf nicht, noch Gefieder, Und ich murrte murmelnd wieder: »Wie ich Freund und Trost verlor, Werd' ich morgen _ihn_ verlieren -- wie ich alles schon verlor.« Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«
Seine schroff gesprochnen Laute klangen passend, daß mir graute. »Aber«, sprach ich, »nein, er plappert nur sein einzig Können vor, Das er seinem Herrn entlauschte, dessen Pfad ein Unstern rauschte, Bis er letzten Mut vertauschte gegen trüber Lieder Chor -- Bis er trostlos trauerklagte in verstörter Lieder Chor Mit dem Kehrreim: >Nie du Tor.<«
Da der Rabe das bedrückte Herz zu lächeln mir berückte, Rollte ich den Polsterstuhl zu Büste, Tür und Vogel vor, Sank in Samtsitz, nachzusinnen, Traum mit Träumen zu verspinnen Über solchen Tiers Beginnen: was es wohl gewollt zuvor -- Was der alte ungestalte Vogel wohl gewollt zuvor Mit dem Krächzen: »Nie du Tor.«
Saß, der Seele Brand beschwichtend, keine Silbe an ihn richtend, Seine Feueraugen wühlten mir das Innerste empor. Saß und kam zu keinem Wissen, Herz und Hirn schien fortgerissen, Lehnte meinen Kopf aufs Kissen lichtbegossen -- das Lenor Pressen sollte -- lila Kissen, das nun nimmermehr Lenor Pressen sollte wie zuvor!
Dann durchrann, so schien's, die schale Luft ein Duft aus Weihrauchschale Edler Engel, deren Schreiten rings vom Teppich klang empor. »Narr!« so schrie ich, »Gott bescherte dir durch Engel das begehrte Glück Vergessen: das entbehrte Ruhen, Ruhen vor Lenor! Trink, o trink das Glück: Vergessen der verlorenen Lenor!« Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«
»Weiser!« rief ich, »sonder Zweifel Weiser! -- ob nun Tier, ob Teufel -- Ob dich Höllending die Hölle oder Wetter warf hervor, Wer dich nun auch trostlos sandte oder trieb durch leere Lande Hier in dies der Höll' verwandte Haus -- sag, eh ich dich verlor: Gibt's -- o _gibt's_ in Gilead Balsam? -- Sag mir's, eh ich dich verlor!« Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«
»Weiser!« rief ich, »sonder Zweifel Weiser! -- ob nun Tier, ob Teufel -- Schwör's beim Himmel uns zu Häupten -- schwör's beim Gott, den ich erkor; Schwör's der Seele so voll Grauen: soll dort fern in Edens Gauen Ich ein strahlend Mädchen schauen, die bei Engeln heißt Lenor -- Sie, die Himmlische, umarmen, die bei Engeln heißt Lenor?« Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«
»Sei dies Wort dein letztes, Rabe oder Feind! Zurück zum Grabe! Fort! zurück in Plutons Nächte!« schrie ich auf und fuhr empor. »Laß mein Schweigen ungebrochen! Deine Lüge, frech gesprochen, Hat mir weh das Herz durchstochen. -- Fort, von deinem Thron hervor! Heb dein Wort aus meinem Herzen -- heb dich fort, vom Thron hervor!« Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«
Und der Rabe rührt sich nimmer, sitzt noch immer, sitzt noch immer Auf der blassen Pallasbüste, die er sich zum Thron erkor. Seine Augen träumen trunken wie Dämonen traumversunken; Mir zu Füßen hingesunken droht sein Schatten tot empor. Hebt aus Schatten meine Seele je sich wieder frei empor? -- Nimmermehr -- o, nie du Tor!
ANNABEL LEE
Ist ein Königreich an des Meeres Strand, Da war es, da lebte sie -- Lang, lang ist es her -- und sie sei euch genannt Mit dem Namen _Annabel Lee_. Und ihr Leben und Denken war ganz gebannt In Liebe -- und _mich_ liebte sie.
In dem Königreich an des Meeres Strand Ein Kind noch war ich und war sie, Doch wir liebten mit Liebe, die mehr war denn dies -- Ich und meine _Annabel Lee_ -- Mit Liebe, daß strahlende Seraphim Begehrten mich und sie.
Und das war der Grund, daß vor Jahren und Jahr Eine Wolke Winde spie, Die frostig durchfuhren am Meeresstrand Meine schöne _Annabel Lee_; Und ihre hochedele Sippe kam, Und ach! man entführte mir sie, Um sie einzuschließen in Gruft und Grab, Meine schöne _Annabel Lee_.
Die Engel, nicht halb so glücklich als wir, Waren neidisch auf mich und auf sie -- Ja! das war der Grund (und alle im Land Sie wissen, vergessen es nie), Daß der Nachtwind so rauh aus der Wolke fuhr Und mordete _Annabel Lee_.
Weit stärker doch war unsre Liebe als die All derer, die älter als wir -- Und mancher, die weiser als wir -- Und die Engel in Höhen vermögen es nie Und die Teufel in Tiefen nie, Nie können sie trennen die Seelen von mir Und der schönen _Annabel Lee_.
Kein Mondenlicht blinkt, das nicht Träume mir bringt Von der schönen _Annabel Lee_, Jedes Sternlein, das steigt, hell die Augen mir zeigt Meiner schönen _Annabel Lee_; Und so jede Nacht lieg' zur Seite ich sacht Meinem Lieb, meinem Leben in bräutlicher Pracht: Im Grabe da küsse ich sie, Im Grabe da küsse ich sie.
ULALUME
Der Himmel war düster umwoben; Verflammt war der Bäume Zier -- Verdorrt war der Bäume Zier; Es war Nacht im entlegnen Oktober Eines Jahrs, das vermodert in mir; War beim düsteren See von Auber, In den nebligen Gründen von Weir -- War beim dunstigen Sumpf von Auber, In dem spukhaften Waldland von Weir.
Durch Zypressenallee, die titanisch, Bin ich mit meiner Seele gegangen -- Bin hier einst mit Psyche gegangen -- Zur Zeit, da mein Herz war vulkanisch Wie die schlackigen Ströme, die langen, Wie die Lavabäche, die langen, Die rastlos und schweflig den Yaanek Hinab bis zum Pole gelangen -- Die rollend hinab den Berg Yaanek Zum nördlichen Pole gelangen.
Unser Wort war von Dunkel umwoben, Der Gedanke verdorrt und stier -- Das Gedenken verdorrt und stier; Denn wir wußten nicht, daß es Oktober, Und der Jahrnacht vergaßen wir -- Der Nacht aller Jahrnächte wir! Wir vergaßen des Sees von Auber (Obgleich wir gewandert einst hier), Des dunstigen Sumpfs von Auber Und des spukhaften Waldlands von Weir.
Und nun da in alternder Nacht Die Sternuhr gen Morgen sich schob -- Da die Sternuhr gen Morgen sich schob -- Ward am End' unsres Pfades entfacht Ein Schimmern, das Nebel umwob, Aus dem mit wachsender Pracht Ein Halbmond sein Doppelhorn hob -- Astartes demantene Pracht Deutlich ihr Doppelhorn hob.
»Sie ist wärmer«, so sagte ich, »Als Diana: sie schwärmt durch ein Meer Von Seufzern -- ein Seufzermeer; Sie sah es: die Träne wich Von diesen Wangen nicht mehr, Und vorbei am Löwenbild strich Als Lenker zu Himmeln sie her, Als Leiter zu Lethe sie her; Trotz des Löwen getraute sie sich, Uns zu leuchten so hell und so hehr -- Durch sein Lager hindurch wagte sich Ihre Liebe, so licht und so hehr.«
Doch Psyche hob warnend die Hand: »Fürwahr, ich mißtraue dem Schein Dieses Sterns -- seinem bleichen Schein. O fliehe! o halte nicht stand! Laß uns fliegen -- denn, o! es muß sein!« Sprach's entsetzt, und es sanken gebannt Ihre Schwingen in schluchzender Pein -- Ihre Schwingen schleiften gebannt Die Federn in Staub und Stein -- Voll Kummer in Staub und Stein.
Ich erwiderte: »Traum ist dies Grauen! Laß uns weiter in Lichtes Pracht -- Laß uns baden in seiner Pracht! Es läßt mich die Hoffnung erschauen In kristallener Schönheit heut nacht -- Sieh! es flackert gen Himmel durch Nacht! O! man darf seinem Schimmern vertrauen, Es führt uns mit weisem Bedacht -- O! man muß seinem Schimmern vertrauen, Es lenkt uns mit treuem Bedacht, Da es flackert gen Himmel durch Nacht!«
Ich beruhigte Psyche und gab Ihr Küsse und lockte sie vor -- Aus Bedenken und Dunkel hervor; Und wir schritten den Baumgang hinab, Bis am Ende uns anhielt das Tor Einer Gruft -- ein märchenhaft Grab. »Schwester,« sprach ich, »was schrieb man aufs Grab -- An das Tor von dem Wundertume?« »Ulalume!« sprach sie; »in dem Grab Ruht verloren für dich Ulalume!«
Und mein Herz wurde düster umwoben, Wurde dürr wie der Bäume Zier; -- Wurde welk wie der Bäume Zier; Und ich schrie: »Es war sicher Oktober In der _nämlichen_ Nacht, da ich hier Im Vorjahr gewandert -- und hier Eine Last hertrug, fürchterlich mir! Diese Nacht aller Jahrnächte mir, Welcher Dämon verführte mich hier? Gut kenn' ich den See jetzt von Auber -- Diese nebligen Gründe von Weir -- Gut kenn' ich den Dunstsumpf von Auber -- Dieses spukhafte Waldland von Weir.«
DIE GLOCKEN
I.
Hört der Schlittenglocken Klang -- Silberklang! Welche Welt von Lustigkeit verheißt ihr heller Sang! Wie sie klingen, klingen, klingen In die Nacht voll Schnee und Eis, Während sprüh die Sterne springen, Zwinkernd sich zum Reigen schlingen Im kristallnen Himmelskreis: Halten Schritt, Schritt, Schritt, Tanzen Runenrhythmen mit Zu der kleinen klaren Glocken süßem Singesang, Zu dem Klang, Klang, Klang, Klang, Klang, Klang, Klang -- Zu dem Singen und dem Schwingen in dem Klang.
II.
Hört der Hochzeitsglocken Klang -- Goldnen Klang! Welche Welt von Seligkeit verheißt ihr voller Sang! Wie ihr Läuten lauter lacht Durch den Balsamduft der Nacht! Aus dem holden goldnen Schwall, Wie altgewohnt, Fliegen leicht die Töne all Hin zur Turteltaube, die beim frohen Schall Schielt zum Mond. O wie schwillt im Überschwang Ein Guß von hohem Feierklang so voll die Nacht entlang! Hochgesang -- Hoffnungssang Auf der Zukunft heitern Gang! Freude treibt zu schnellerm Drang Dieses Ringen und das Schwingen In dem Klang, Klang, Klang -- In dem Klang, Klang, Klang, Klang, Klang, Klang, Klang -- Dieses Quellen und das Schwellen in dem Klang.
III.
Hört der Feuerglocken Klang -- Bronznen Klang! Welch ein Aufruhr stürmt daraus so schreckenvoll und bang! Wie ihr Schreien Schreck entfacht In durchbebter Luft der Nacht! Zu entsetzt, um klar zu sein, Können sie nur schrein, nur schrein, Ohne Takt Rufen sie in lautem Lärmen um Erbarmen an das Feuer, Zanken in verrücktem Toben mit dem tollen tauben Feuer. Höher, höher, ungeheuer Springt verlangend auf das Feuer; In verzweifeltem Bemühn, Bis zum Mond emporzusprühn, Sind die Flammen steilgezackt. O, der Klang, Klang, Klang! Wie er grauenvoll und bang Alles schreckt! Wie er schauert, schallt und braust, Daß den Lüften bangt und graust, Wie er aller Orten lähmendes Entsetzen weckt! Dennoch hört das Ohr sie gut Durch das Schallen Und das Hallen: Ebbe der Gefahr und Flut; Dennoch nimmt das Ohr es wahr Durch das Zanken Und das Schwanken: Flutet oder ebbt Gefahr -- Durch das Stocken und das Schwellen in dem schnellen Glockenklang, In dem Klang -- In dem Klang, Klang, Klang, Klang, Klang, Klang, Klang -- Durch das Härmen und das Lärmen in dem Klang.
IV.
Hört der Eisenglocken Klang -- Eisenklang! Welche Welt von Trauer trägt ihr monotoner Sang! In der Grabesruh der Nacht Wie er uns erschauern macht Durch das Trauern und das Drohen in dem Ton! Denn die Klänge, die entrollen Rostigen Glockenkehlen, tollen Grollend fort. O, die Wesen, die dort oben In dem Glockenturme toben -- Einsam dort Mit den monotonen Glocken -- Die da tollen, tollen, tollen, Voll verschleiertem Frohlocken Einen Stein aufs Herz uns rollen -- Leichenfressende Dämonen Sind's, die in den Glocken wohnen, All im Sold Ihres Königs, der da tollt, Der da rollt, rollt, rollt, Rollt Triumph aus Glockenklang! Und sein Busen schwillt im Drang Des Triumphs aus Glockenklang. Johlend tanzt er zu dem Sang; Haltend Schritt, Schritt, Schritt Tanzt er Runenrhythmen mit Zum Triumph aus Glockenklang, Glockenklang. Haltend Schritt, Schritt, Schritt Tanzt er Runenrhythmen mit Zu dem Dröhnen in dem Klang, In dem Klang, Klang, Klang -- Zu dem Stöhnen in dem Klang. Haltend Schritt, Schritt, Schritt An der Totenglocke Strang Tanzt er Runenrhythmen mit Zu dem Tollen in dem Klang, In dem Klang, Klang, Klang, Zu dem Rollen in dem Klang, In dem Klang, Klang, Klang, Klang, Klang, Klang, Klang -- Zu dem Trauern und dem Schauern in dem Klang.
TAMERLAN
Tröstlicher Sang für Mußestunden -- Das, Vater, ist mein Thema nicht. Ich weiß, ich werde nie entbunden Von mehr als irdischen Hochmuts Sünde Durch Erdenmacht für Sehnsucht finde Ich nicht die Zeit, für Träumen nicht. Man nennt sie Hoffen -- jene Glut! Nichts ist sie als Begehrens Wut! _Könnte_ ich hoffen -- Gott! ja, dann Hieß ich nicht Narr dich, alter Mann.
Begreifst du eines Geistes Scham, Der tief gebeugt nach höchstem Flug? O schmachtend Herz! von dir bekam Dein Welken ich mit all dem Trug Von Ruhmbegier, den heißen Glanz, Um meinen Thron den Strahlenkranz, Der Hölle Heiligenschein! und Not, Die nicht in Hölle heißer loht. O drängend Herz, das nach der Wonne Verlorner Blumen, nach der Sonne Der alten Sommerstunden schreit! -- Die ewige Glocke jener Zeit, Die starb, sie singt nun ohne Enden Eintönig, wie von Zauberhänden Geläutet, deiner Nichtigkeit Ein unsterbliches Grabgeläut.
Ich war nicht immer so wie jetzt: Dies Diadem, das fiebrisch hetzt, Krönt eines Usurpators Gier. Gab gleiche feurige Erbschaft nicht Dem Cäsar Rom -- wie dieses mir? Das Erbe königlicher Kraft Und stolzer Mut und Zuversicht, Die alles Menschliche errafft!
Auf Bergeserde ward ich Leben. Nachtnebel gossen ihren Tau Aufs Haupt mir aus dem dunklen Grau; Ich glaube, daß der Lüfte Weben, Zu ungestümem Sturm erregt, Durch dies mein eignes Haar gefegt.
So spät vom Himmel -- Tau -- er fiel (In Träumen unheiliger Nacht) Auf mich herab wie Höllenspiel; Und Flammen, glühendrot entfacht Aus Wolken, die gleich Bannern hingen, Erschienen halbgeschloßnem Blick Als Prunk von Herrschermacht und Glück; Und des Trompeten-Donners Klingen Umbrauste mich wie Wirbelwind Und sprach von Menschenschlacht, darinnen Die _meine_ Stimme -- dummes Kind! -- (Was würde ich vor Lust beginnen Bei solchem Schrei -- erlebt' ich dies!) Schlachtruf des Sieges schallen ließ.
Der Regen kam herab auf mein Schutzloses Haupt, und schwerer Wind Machte mich toll und taub und blind: Es mochten wohl nur Menschen sein, Die Lorbeer auf mich niederwarfen, So dachte ich; der Sturm der scharfen Eisigen Luft hat in mein Ohr Hineingegurgelt das Zertrümmern Von Kaiserreichen -- mit dem Wimmern Gefangener Feinde -- Stimmenchor Des Trosses und den Schmeichelton Ringsher um eines Herrschers Thron.
Meine Gier, seit jenen Unglücksstunden, Ward Tyrannei, die ich erstrebte; Man hielt sie, seit ich Macht gefunden, Für meines Innern Grundgebot. Nun sei's! Doch, Vater, einer lebte, Der damals -- da ich jung und sie In stärkerm Feuer noch geloht (Denn Leidenschaften sterben früh) -- Der _damals_ selbst gewußt, daß, ach, Dies eisern Herz in Liebe schwach.
Mir fehlen Worte, um zu sagen, Wie gutes Lieben Freude flicht! Noch würde ich zu zeichnen wagen Ein mehr als schönes Angesicht, Des Züge meinem Geiste sind -- Schatten im unbeständigen Wind: Gleich wie mein Aug', mein zögernd mattes, Die Lettern irgendeines Blattes Und alle Wissenschaft darin Zu Phantasien ohne Sinn Oft schmelzen sah -- zu Nichts dahin.
O, sie war all der Liebe wert! Und so der Kindheit Liebe war, Daß Engel neidvoll sie begehrt; Ihr junges Herz war der Altar, Auf dem als Weihrauch lag mein Hoffen Und Denken -- damals gute Gaben, Denn kindlich waren sie und offen; Ihr Beispiel strahlte rein dem Knaben. O, warum mußte ich's verlassen, Um im Vertrauen auf das Feuer, Das innen brannte ungeheuer, Verwegen nach dem Licht zu fassen?
Wir wuchsen liebend auf -- zusammen -- Durch Wildnis streifend wie das Wild; In Frostzeit meine Brust ihr Schild, Ihr Schild im frohen Sommerflammen. Sie sah wohl lächelnd himmelwärts, _Mein_ Himmel war ihr Aug' allein. Der Liebe Lehrer ist -- das Herz: Wenn mitten in dem Sonnenschein Und jenem Lächeln -- nicht etwa, Um kleine Sorgen wett zu machen Noch über Schelmerei zu lachen -- Wenn mittendrin es wohl geschah, Daß ich mich warf an ihre Brust Und daß, des Grundes kaum bewußt, Mein Geist in Tränengüssen bangte, Da tat's nicht not, mich zu bekennen, Ihr tröstend meinen Schmerz zu nennen -- Sie, die nach keinem Grund verlangte, Ließ, ohne Ängste kund zu tun, Ihr ruhiges Auge auf mir ruhn.
Dennoch war _mehr_ denn Liebe wert Mein Geist, er rang in wildem Weh, Da ihn -- allein auf Bergeshöh -- Der Ehrgeiz neuen Ton gelehrt; Ich lebte einzig nur in dir: Die Welt und alles, was sie hier In Erde, Luft und Meer umfaßt -- All ihre Lust -- all ihre Last -- Gab neue Freude; ideale Traumnächtig dunkle Nichtigkeiten -- Dunklere Nichtse, doch reale (Schatten -- und schattenhafteres Gleiten Von Licht) auf Nebelschwingen kamen Und wurden also, wirr vereint, Dein Bildnis und -- ein Name -- Name! Zwei Dinge, fremd -- doch eng vereint!
Ehrsüchtig, Vater, war dein Sohn. Kanntest du Leidenschaft? -- Nein -- nein! Ein Ärmster sann ich einen Thron Der halben Welt als mein -- als mein -- Noch grollend über niedres Los. Und doch, es waren Träume bloß, Die mit dem Dampf des Taus verflogen Gleich jedem andern Traum, vom Strahl Der Schönheit lieblich angezogen, Der meinem Geist das Dunkel stahl.
Wir schritten beide auf der Krone Weit hohen Bergs, der niederschaute Auf stolz getürmte Felsenthrone -- Auf Wald, der Höhen überbaute -- Auf Hügel, die sich talwärts senkten Und tausend Quellen Leben schenkten.
Ich sprach zu ihr von Ruhm und Macht, Geheimnisvoll, als sollte dies Gerede zu nichts anderm taugen Als nur zum Spiel; in ihren Augen Las ich, vielleicht zu unbedacht, Ein Fühlen, das Verstehen hieß. Ihr klar Erröten schien zu schön Zu kleiden königliche Höhn, Als daß es immerfort allein Licht in der Wildnis sollte sein.
Dann hüllte ich mich selbst in Glanz Mit eingebildeter Krone auf -- Nicht war's, daß Phantasie allein Mich hold geschmückt mit ihrem Kranz, Nein, daß im großen Menschenhauf Der Löwe Ehrsucht lahm und klein Sich duckt vor eines Wächters Hand. Doch nicht in Wüsten, wo der Starke, Der Wilde schwört, mit ihrem Marke Zu schüren seines Feuers Brand!
Blick um dich jetzt auf Samarkand! Ist sie nicht Königin der Erde? Sind alle Städte mehr denn Herde Vor ihrer hohen Herrscherhand? Steht sie erhaben nicht, allein, Im Glanz, den je die Welt gekannt? Fiel sie -- könnt' nicht ihr ärmster Stein Der Sockel eines Thrones sein? -- Und wer ihr Herrscher? -- _Timur_ -- er, Den das erstaunte Volk allda -- Gekrönten Räuber! -- stolz und hehr Hin über Reiche schreiten sah!
O Menschenliebe! Ausgegossen Als Geist von allem, was erschlossen Uns zeigen mag die Himmelswelt! Die du, wie Regen frisch bestellt Schirokko-dürres Sommerfeld, Die Seele segnend tränkst und näßt Und doch das Herz in Wildnis läßt! Begriff, der alles rings, das lebt, Mit seltsamer Musik umschwebt Und wunderlicher Prachtgebärde -- Lebwohl! denn ich gewann die Erde.
Als Adler Hoffnung hoch im Flug Gen Himmel nichts mehr höher sah, Besänftigt wandte er sich da, Daß seine Schwinge heimwärts schlug. War Sonnenuntergang: wenn weit Die Sonne sinkt, kommt Düsterkeit Ins Herz ihm, der noch gern erblickte Den Glanz, den Sommersonne schickte. Er wird den Duft des Abends hassen, Wird lauschend vor dem Klang erblassen Der Nacht (den Lauschern offenbar) Als einer, der in Traumesbann Entfliegen _möchte_, doch nicht _kann_, Vor einer nahenden Gefahr.