Lieder von Lessing

Chapter 1

Chapter 14,026 wordsPublic domain

Produced by Delphine Lettau

This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. That project is reachable at the web site http://gutenberg2000.de.

Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse http://gutenberg2000.de erreichbar.

Lieder von Lessing

Gotthold Ephraim Lessing

alphabetisch nach Titeln sortiert

Alexander An Amor An den Anakreon An den Horaz An den Wein An die J. L*** An die Kunstrichter An die Leier An die Schwalbe An eine kleine Schöne Antwort eines trunknen Dichters Auf sich selbst Das Alter Das Bild an Hrn. H. Das Erdbeben Das Leben Das Paradies Das Schäferleben Das Umwechseln Das aufgehobene Gebot Der Donner Der Faule Der Fehler Der Fehler der Natur an Hr. M. Der Flor Der Genuß Der Geschmack der Alten Der Handel Der Irrtum Der Regen Der Schiffbruch Der Schlaf Der Sommer Der Sonderling Der Tabak Der Tausch an Hr. W. Der Tod Der Verlust Der Vetter und die Muhme Der Wunsch Der alte und der junge Wein Der bescheidene Wunsch Der größte Mann Der müßige Pöbel Der neue Welt-Bau Der philosophische Trinker Der schwörende Liebhaber Der trunkne Dichter lobt den Wein Die 47ste Ode Anakreons Die Abwechslung Die Antwort Die Beredsamkeit Die Betrübnis Die Biene Die Diebin Die Einwohner des Mondes Die Ente Die Faulheit Die Gespenster Die Gewißheit Die Haushaltung Die Küsse Die Küsse Die Kunstrichter und der Dichter Die Liebe Die Musik Die Mutter Die Namen Die Planetenbewohner Die Redlichkeit Die Schöne von hinten Die Sparsamkeit Die Stärke des Weins Die Türken Die Versteinerung Die Wetterprophezeiung Die drei Reiche der Natur Die lügenhafte Phyllis Die lehrende Astronomie Die schlafende Laura Die schlimmste Frau Die verschlimmerten Zeiten Die wider den Cäsar verschworne Helden Eine Gesundheit Für wen ich singe Heldenlied der Spartaner Ich Jungfer Lieschens Knie Küssen und Trinken Lied Lied aus dem Spanischen Lob der Faulheit Nach der 15. Ode Anakreons Niklas Phillis Phyllis an Damon Phyllis lobt den Wein Refutatio Papatus Salomon Trinklied Wem ich zu gefallen suche, und nicht suche [Aus einem Abschiedsgedicht an Mylius]

Alexander

Der Weise sprach zu Alexandern. "Dort, wo die lichten Welten wandern, Ist manches Volk, ist manche Stadt." Was tut der Mann von tausend Siegen? Die Memme weint, daß dort zu kriegen, Der Himmel keine Brücken hat.

Ists wahr, was ihn der Weise lehret, Und finden, was zur Welt gehöret, Daselbst auch Wein und Mädchen statt: So lasset, Brüder, Tränen fließen, Daß dort zu trinken und zu küssen, Der Himmel keine Brücken hat.

An Amor

Amor, soll mich dein Besuch Einst erfreuen-- O so lege dein Gefieder Und die ganze Gottheit nieder. Diese möchte mich erschrecken, Jenes möchte Furcht erwecken, Furcht, nach flatterhaften Küssen, Meine Phyllis einzubüßen. Komm auch ohne Pfeil und Bogen, Ohne Fackel angezogen... Stelle dich, um mir lieb zu sein, Als ein junger Satyr ein.

An den Anakreon

Anakreon singt, alles fühlet: Und alles gähnt wenn Codrus spielet. Anakreon, sprich, wie man spielt, Daß niemand gähnt, daß alles fühlt.

Du schweigst? Doch mit beredtern Blicken, Die mich in Bacchus Laube schicken, Sprichst du: Mein Lehrer war der Wein. Wohl! Wohl! Er soll auch meiner sein!

An den Horaz

Horaz, wenn ich mein Mädchen küsse, Entflammt von unserm Gott, dem Wein, Dann seh ich, ohne kritsche Schlüsse, Dich tiefer als zehn Bentleys ein.

Dann fühl ich sie, die süßen Küsse, Die ein barbarscher Biß verletzt, Sie, welche Venus, nebst dem Bisse, Mit ihres Nektars Fünfteil netzt.*

Dann fühl ich, mehr als ich kann sagen Die Göttin, durch die Laura küßt, Wie sie sich Amathunts entschlagen, Und ganz in mich gestürzet ist.**

Sie herrscht im Herzen, sie gebietet; Und Laura löscht die Phyllis aus. Sie herrscht im Herzen? nein, sie wütet; Denn Laura hält mich ab vom Schmaus.

*--dulcia barbare Laedentem oscula, quae Venus Quincta parte sui Nectaris imbuit.

**–-in me tota ruens Venus Cyprum deseruit.

An den Wein

Wein, wenn ich dich itzo trinke, Wenn ich dich als Jüngling trinke, Sollst du mich in allen Sachen Dreist und klug, beherzt und weise, Mir zum Nutz, und dir zum Preise, Kurz, zu einem Alten machen.

Wein, werd ich dich künftig trinken, Werd ich dich als Alter trinken, Sollst du mich geneigt zum Lachen, Unbesorgt für Tod und Lügen, Dir zum Ruhm, mir zum Vergnügen, Kurz, zu einem Jüngling machen.

An die J. L***

Natürlichs Ebenbild der Liebe! Nimm hier dein künstlich Ebenbild; Das, wenn man dich auch drüber schriebe, Doch seines Meisters Schwäche schilt. Dem Maler laß es nicht entgelten, Wenn dir dies Bild zu wenig gleicht: Nur auf das Urbild mußt du schelten, Wenn dich sein Pinsel nicht erreicht. Dich, ähnlichstes von allen Bildern, Hat die Natur hervorgebracht: Jedoch wie kann ein Künstler schildern, Was die Natur vollkommen macht?

An die Kunstrichter

Schweigt, unberauschte, finstre Richter! Ich trinke Wein, und bin ein Dichter. Tut mir es nach, und trinket Wein, So seht ihr meine Schönheit ein. Sonst wahrlich, unberauschte Richter, Sonst wahrlich seht ihr sie nicht ein!

An die Leier

Töne, frohe Leier, Töne Lust und Wein! Töne, sanfte Leier, Töne Liebe drein!

Wilde Krieger singen, Haß und Rach und Blut In die Laute singen, Ist nicht Lust, ist Wut.

Zwar der Heldensänger Sammelt Lorbeern ein; Ihn verehrt man länger; Lebt er länger? Nein.

Er vergräbt im Leben Sich in Tiefsinn ein: Um erst dann zu leben, Wann er Staub wird sein.

Lobt sein göttlich Feuer, Zeit und Afterzeit! Und an meiner Leier Lobt die Fröhlichkeit.

An die Schwalbe

Die 12te Ode Anakreons.

Schwatzhafteste der Schwalben, sprich, Was tu ich dir? wie straf ich dich? Soll ich dich um die Schwingen Mit meiner Schere bringen? Soll ich, zu deiner Pein, Ein andrer Tereus sein? Und willst du gern der Progne gleichen? Mußt du, zu frühe Schwätzerin, Mußt du von meiner Schäferin Mir meinen schönen Traum verscheuchen?

An eine kleine Schöne

Kleine Schöne, küsse mich. Kleine Schöne, schämst du dich? Küsse geben, Küsse nehmen, Darf dich itzo nicht beschämen. Küsse mich noch hundertmal! Küß und merk der Küsse Zahl. Ich will dir, bei meinem Leben! Alle zehnfach wiedergeben, Wenn der Kuß kein Scherz mehr ist, Und du zehn Jahr älter bist.

Antwort eines trunknen Dichters

Ein trunkner Dichter leerte Sein Glas auf jeden Zug; Ihn warnte sein Gefährte: Hör auf! du hast genug. Bereit vom Stuhl zu sinken, Sprach der: Du bist nicht klug; Zu viel kann man wohl trinken, Doch nie trinkt man genug.

Auf sich selbst

Ich habe nicht stets Lust zu lesen. Ich habe nicht stets Lust zu schreiben. Ich habe nicht stets Lust zu denken; Kurzum, nicht immer zu studieren.

Doch hab ich allzeit Lust zu scherzen. Doch hab ich allzeit Lust zu lieben. Doch hab ich allzeit Lust zu trinken; Kurz, allezeit vergnügt zu leben.

Verdenkt ihr mirs, ihr sauern Alten? Ihr habt ja allzeit Lust zu geizen; Ihr habt ja allzeit Lust zu lehren; Ihr habt ja allzeit Lust zu tadeln.

Was ihr tut, ist des Alters Folge. Was ich tu, will die Jugend haben. Ich gönn euch eure Lust von Herzen. Wollt ihr mir nicht die meine gönnen?

Das Alter

Nach der 11ten Ode Anakreons.

Euch, lose Mädchen, hör ich sagen: "Du bist ja alt, Anakreon. Sieh her! du kannst den Spiegel fragen, Sieh, deine Haare schwinden schon; Und von den trocknen Wangen Ist Blüt und Reiz entflohn."-- Wahrhaftig! ob die Wangen Noch mit dem Lenze prangen, Wie, oder ob den Wangen Der kurze Lenz vergangen, Das weiß ich nicht; doch was ich weiß, Will ich euch sagen: daß ein Greis, Sein bißchen Zeit noch zu genießen, Ein doppelt Recht hat, euch zu küssen.

Das Bild an Hrn. H.

Das, Maler, ist dein Meisterstücke! Ja, H**, ja; an Anmut reich, Sieht dies Kind meinem Kinde gleich. Das ist sein Haar; dies seine Blicke; Das ist sein Mund; das ist sein Kinn.

O Freund, o laß dichs nicht verdrüssen, Und sieh auf jene Seite hin: Ich muß, ich muß das Bildchen küssen. Wie zärtlich nimmts den Kuß nicht an: Nur schade, daß es ihn nicht wiedergeben kann.

Das Erdbeben

Bruder, Bruder, halte mich! Warum kann ich denn nicht stehen? Warum kannst du denn nicht gehen? Bruder geh, ich führe dich.

Sachte Bruder, stolperst du? Was? Du fällst mir gar zur Erden? Halt! ich muß dein Retter werden. Nu? Ich falle selbst dazu?

Sieh doch Bruder! Siehst du nicht, Wie die lockern Wände schwanken? Sieh, wie Tisch und Flasche wanken! Greif doch zu! das Glas zerbricht!

Himmel, bald, bald werden wir Nicht mehr trinken, nicht mehr leben! Fühlst du nicht? des Grunds Erbeben Droht es Bruder mir und dir.

Limas Schicksal bricht herein! Bruder, Bruder, wenn wir sterben, Soll der Wein auch mit verderben? Der auf heut bestimmte Wein?

Nein, die Sünde wag ich nicht. Bruder, wolltest du sie wagen? Nein, in letzten Lebenstagen Tut man gerne seine Pflicht.

Sieh, dort sinket schon ein Haus! Und hier auch! Nun muß man eilen! Laß uns noch die Flasche teilen! Hurtig! Hurtig! trink doch aus!

Das Leben

Sechs Tage kannt ich sie, Und liebte sie sechs Tage. Am siebenten erblaßte sie, Dem ersten meiner ewgen Klage. Noch leb ich, zauderndes Geschick! Ein pflanzengleiches Leben. O Himmel, ist für den kein Glück, Dem du Gefühl und Herz gegeben! Oh! nimm dem Körper Wärm und Blut, Dem du die Seele schon genommen! Hier, wo ich wein, und wo sie ruht, Hier laß den Tod auf mich herab gebeten kommen! Was hilft es, daß er meine Jahre Bis zu des Nestors Alter spare? Ich habe, trotz der grauen Haare, Womit ich dann zur Grube fahre, Sechs Tage nur geliebt, Sechs Tage nur gelebt.

Das Paradies

Sein Glück für einen Apfel geben, O Adam, welche Lüsternheit! Statt deiner hätt ich sollen leben, So wär das Paradies noch heut.--

Wie aber, wenn alsdann die Traube Die Probefrucht gewesen wär? Wie da, mein Freund?--Ei nun, ich glaube-- Das Paradies wär auch nicht mehr.

Das Schäferleben

Komm Freund! wir wollen Schäfer werden. Dies stille Volk besitzet noch Die süße Ruh, das Glück der Erden. Was zauderst du? Komm Freund! komm doch! Dort blüht bei aufgeräumten Sinnen Noch alte Treu und Redlichkeit, Auch in den schönsten Schäferinnen. Dort, dort ist noch die güldne Zeit.

Wird dir es schwer, die Stadt zu lassen, Wo nichts als falsche Mägdchen sind? Bedenke, Phyllis will mich hassen, Das flatterhafte böse Kind.

Auch Phyllis kann die Treue brechen, Und windet sich aus meiner Hand. Ja, diese Falschheit muß ich rächen. Komm mit! Ich geh ins Schäferland.

Du schwärmst, mein Freund. Laß mich zufrieden. Was geht mich deine Phyllis an. Dem ist ein größer Glück beschieden, Der sich gleich mir betrinken kann.

Wo hast du den Verstand gelassen? Du hast gewiß noch keinen Rausch? Den Wein, den Wein für Milch zu hassen? Den Wein für Milch? Das wär ein Tausch.

Recht Freund! verzeih mir diese Possen. Wie albern denkt und redt man nicht, Wenn man noch keinen Wein genossen, Wenn folglich der Verstand gebricht.

Drum eile, Freund! mir einzuschenken. Trink mir es zu, und mach mich klug. Nun lern ich wieder richtig denken. Nun seh ich meinen Selbstbetrug.

O schade für die falschen Kinder! Laßt sie nur unbeständig sein. Ich lache nun, und bins nicht minder. Den Rat, den Rat gibt mir der Wein.

Nun soll mich Phyllis nicht betrüben, Laßt sie nur unbeständig sein, Von nun an will ich auch so lieben. Den Rat, den Rat gibt mir der Wein.

Das Umwechseln

Der Bruder Liebe Schwester, wer ist die? Deine Freundin? darf ich küssen? O wie frei, wie schön ist sie! Liebe Schwester darf ich küssen?

Die Schwester Pfui! Ihr Bruder ist ja hier. Willst du, daß ers sieht, sie küssen? Schäm dich! diesesmal wird dir Wohl die Lust vergehen müssen.

Der Bruder Schwester, geh zum Bruder hin; Laß dich von dem Bruder küssen; Dann, weil ich dein Bruder bin, Darf ich seine Schwester küssen.

Das aufgehobene Gebot

Elise. Siehst du Wein im Glase blinken, Lerne von mir deine Pflicht: Trinken kannst du, du kannst trinken; Doch betrinke dich nur nicht.

Lysias. Wallt dein Blut von Jugendtrieben, Lerne von mir deine Pflicht: Lieben kannst du, du kannst lieben; Doch verliebe dich nur nicht.

Elise. Bruder! ich mich nicht verlieben?

Lysias. Schwester! ich mich nicht betrinken?

Elise. Wie verlangst du das von mir?

Lysias. Wie verlangst du das von mir?

Elise. Lieber mag ich gar nicht lieben.

Lysias. Lieber mag ich gar nicht trinken.

Beide. Geh nur, ich erlaub es dir.

Der Donner

Es donnert!--Freunde, laßt uns trinken! Der Frevler und der Heuchler Heer Mag knechtisch auf die Kniee sinken. Es donnert!--Macht die Gläser leer! Laßt Nüchterne, laßt Weiber zagen! Zeus ist gerecht, er straft das Meer: Sollt er in seinen Nektar schlagen?

Der Faule

Rennt dem scheuen Glücke nach! Freunde, rennt euch alt und schwach! Ich nehm teil an eurer Müh: Die Natur gebietet sie. Ich, damit ich auch was tu,-- Seh euch in dem Lehnstuhl zu.

Der Fehler

Angelika ist jung und reich. An Schönheit meiner Phyllis gleich. Ich kann nichts Schöners nennen; Das wissen die, die Phyllis kennen. Sie redet ungezwungen rein; Sie scherzt empfindlich und doch fein; Ihr biegsam redlich Herze fühlt; Sie tanzt, sie singt, sie spielt. Wenn meine Phyllis untreu wird-- O werde sie es nie! Wenn sie es aber wird, So lieb ich keine sonst als sie. Doch--hab ichs auch bedacht? Nein, einen Fehler treff ich an, Der alles nichtig macht. Sie liebet ihren Mann.

Der Fehler der Natur an Hr. M.

Freund! du erforschest die Natur. Sprich! Ists nicht wahr, sie spielt nicht nur, Sie fehlt auch oft in ihren Werken. Ja, ja sie fehlt. Oft in der Eil Versetzt sie dies und jenes Teil. Ich selbst kann meinen Satz bestärken. Denn hätt sich ihre Götterhand, Als sie mich baute, nicht verloren; So wär ich an der Mosel Strand, Wo nicht doch in Burgund geboren. O Mosler, o Burgunderwein, Ich, ich sollt euer Landsmann sein!

Der Flor

O Reize voll Verderben! Wir sehen euch, und sterben. O Augen, unser Grab! O Chloris, darf ich flehen? Dich sicher anzusehen, Laß erst den Flor herab!

Der Genuß

So bringst du mich um meine Liebe, Unseliger Genuß? Betrübter Tag für mich! Sie zu verlieren,--meine Liebe,-- Sie zu verlieren, wünscht ich dich? Nimm sie, den Wunsch so mancher Lieder, Nimm sie zurück, die kurze Lust! Nimm sie, und gib der öden Brust, Der ewig öden Brust, die beßre Liebe wieder!

Der Geschmack der Alten

Ob wir, wir Neuern, vor den Alten Den Vorzug des Geschmacks erhalten, Was lest ihr darum vieles nach, Was der und jener Franze sprach? Die Franzen sind die Leute nicht, Aus welchen ein Orakel spricht.

Ich will ein neues Urteil wagen. Geschmack und Witz, es frei zu sagen, War bei den Alten allgemein. Warum? sie tranken alle Wein. Doch ihr Geschmack war noch nicht fein; Warum? sie mischten Wasser drein.

Der Handel

Des wuchernden Tumultes satt, Freund, fliehst du aus der vollen Stadt? Flieh nur allein; ich bleib zurücke, Die Messe wag ich noch mein Glücke. Nun handl ich auch: doch soll allein Mein Handel mit den Schönen sein.

Itzt, Mägdchens, ist mir alles feil, Mein Vater--und mein Mutterteil, Haus, Bücher, Garten, Wald und Felder. Kommt nur, und bringt die rechten Gelder! Kommt nur und fangt den Handel an; Glaubt, daß ich euch nicht trügen kann.

Ihr kommt? _Wie teuer ist dein Feld?_ Mein Feld verkauf ich nicht für Geld. Dir, Mägdchen, biet ichs hundert Küsse. _Und deinen Wald?_ Zweihundert Küsse. _Und dieses Buch?_ Für einen Kuß. _Und dieses Lied?_ Für einen Kuß.

Wenn ich mit Schönen handeln muß, Gilt alles bei mir einen Kuß. Denn Küsse sind die besten Gelder. Nicht nur Haus, Garten, Wald und Felder; Mein Vater--und mein Mutterteil, Ich selber bin für Küsse feil!

L.

Der Irrtum

Den Hund im Arm, mit bloßen Brüsten, Sah Lotte frech herab. Wie mancher ließ sichs nicht gelüsten, Daß er ihr Blicke gab.

Ich kam gedankenvoll gegangen, Und sahe steif heran. Ha! denkt sie, der ist auch gefangen, Und lacht mich schalkhaft an.

Allein, gesagt zur guten Stunde, Die Jungfer irrt sich hier. Ich sah nach ihrem bunten Hunde: Es ist ein artig Tier.

Der Regen

Der Regen hält noch immer an! So klagt der arme Bauersmann; Doch eher stimm ich nicht mit ein, Es regne denn in meinen Wein.

Der Schiffbruch

"Gewagt! Freund, komm mit mir aufs Meer! Das Trinken macht den Beutel leer, Drum hol ich mir in fernen Landen, Die unsre Väter niemals fanden, Gold, Silber, Berlen, Edelstein; Und folglich Wein."

Nein Freund! nein Freund, dies wag ich nicht. Gesetzt, daß unser Schiff zerbricht, So müssen wir ins Wasser sinken, Und Wasser wohl gezwungen trinken. Und Wasser, Wasser schmecket schlecht. Hab ich nicht recht?

Ja, wär im Meere lauter Wein, So gäng ich, Freund, die Schiffahrt ein. O Freund! o Freund, mit Freuden Wollt ich gar Schiffbruch leiden. Doch dies ist nicht. Drum bleibe hier. Man borget dir.

Der Schlaf

Ich trinke bis um Mitternacht. Wenn neben mir der Geizhals wacht, Und mit bekümmertem Verlangen Forscht, ob dem Schatze nichts entgangen? Da trink ich noch, und freue mich, Und trinkend Bacchus lob ich dich. Da flieht der Durst! da flieht der Kummer! Doch wärst du nicht, du süßer Schlummer, Wenn sollt ich wieder durstig werden? Und würd ich nicht mehr durstig sein, So tränk ich ja auch nicht mehr Wein. O Schlaf, welch Gut bist du der Erden!

Der Sommer

_Brüder! lobt die Sommerszeit!_ Ja, dich, Sommer, will ich loben! Wer nur deine Munterkeit, Deine bunte Pracht erhoben, Dem ist wahrlich, dem ist nur, Nur dein halbes Lob gelungen, Hätt er auch, wie Brocks, gesungen, Brocks, der Liebling der Natur.

Hör ein größer Lob von mir, Sommer! ohne stolz zu werden. Brennst du mich, so dank ichs dir, Daß ich bei des Strahls Beschwerden, Bei der durstgen Mattigkeit, Lechzend nach dem Weine frage, Und gekühlt den Brüdern sage: _Brüder! lobt die durstge Zeit!_

L.

Der Sonderling

Sobald der Mensch sich kennt, Sieht er, er sei ein Narr; Und gleichwohl zürnt der Narr, Wenn man ihn also nennt.

Sobald der Mensch sich kennt, Sieht er, er sei nicht klug; Doch ists ihm lieb genug, Wenn man ihn weise nennt.

Ein jeder, der mich kennt, Spricht: Welcher Sonderling! Nur diesem ists _ein_ Ding, Wie ihn die Welt auch nennt.

Der Tabak

Dich, Tabak, lobt der Medikus, Weil uns dein fleißiger Genuß An Zahn und Augen wohl kurieret, Und Schleim und Kolster von uns führet.

Dich lobet der Philosophus, Wenn er scharf meditieren muß; Weil er, so lang er dich genießet, Des Geistes Flatterkeit vermisset.

Dich lobet der Theologus Durch einen homiletschen Schluß, Wenn er in deinem Rauch entzücket Ein Bild der Eitelkeit erblicket.

Ich lob an dir als ein Jurist, Was rechtens an dir löblich ist; Daß, wenigstens wie mir es dünket, Man mehr und öfter bei dir trinket.

L.

Der Tausch an Hr. W.

Ein Mägdchen, das Verstand und Geist Gemeiner Schönen Zahl entreißt, Ein Mägdchen, das bei Büchern schwitzet, Wenn Phyllis vor dem Spiegel sitzet, Das ihrer Seelen Schönheit bessert, Wenn die die leibliche vergrößert, Das gründlich denkt und gründlich scherzt, Platonisch liebt, platonisch herzt: Freund, so ein Mägdchen ist für dich, Und nicht für mich.

Ein Mägdchen, dessen zärtlich Bild Mit Zärtlichkeit die Herzen füllt, Ein Mägdchen mit beredten Blicken, Mit Füßen, die versteckt entzücken, Mit Händen, die liebkosend schlagen, Und drückend, dich nur lieb ich, sagen, Mit schwarzem Haar, mit voller Brust, Gemacht zu dauerhafter Lust: Freund, so ein Mägdchen ist für mich, Und nicht für dich.

Das Glück ist ungerecht und blind; Wenn nicht die Dichter Lügner sind. Wie oft hat es mit deinem Hoffen, Wie oft mit meinem eingetroffen? Wie wenn es, dich und mich zu kränken, Dir mein, und mir dein Kind wird schenken? O Freund, was soll die Rache sein? Der Tausch, o Freund, der Tausch allein. Doch gibst du, geb ich meine dir, Auch deine mir?

Der Tod

Gestern, Brüder, könnt ihrs glauben? Gestern bei dem Saft der Trauben, (Bildet euch mein Schrecken ein!) Kam der Tod zu mir herein.

Drohend schwang er seine Hippe, Drohend sprach das Furchtgerippe: Fort, du teurer Bacchusknecht! Fort, du hast genug gezecht!

Lieber Tod, sprach ich mit Tränen, Solltest du nach mir dich sehnen? Sieh, da stehet Wein für dich! Lieber Tod verschone mich!

Lächelnd greift er nach dem Glase; Lächelnd macht ers auf der Base, Auf der Pest, Gesundheit leer; Lächelnd setzt ers wieder her.

Fröhlich glaub ich mich befreiet, Als er schnell sein Drohn erneuet. Narre, für dein Gläschen Wein Denkst du, spricht er, los zu sein?

Tod, bat ich, ich möcht auf Erden Gern ein Mediziner werden. Laß mich: ich verspreche dir Meine Kranken halb dafür.

Gut, wenn das ist, magst du leben: Ruft er. Nur sei mir ergeben. Lebe, bis du satt geküßt, Und des Trinkens müde bist.

Oh! wie schön klingt dies den Ohren! Tod, du hast mich neu geboren. Dieses Glas voll Rebensaft, Tod, auf gute Brüderschaft!

Ewig muß ich also leben, Ewig! denn beim Gott der Reben! Ewig soll mich Lieb und Wein, Ewig Wein und Lieb erfreun!

Der Verlust

Alles ging für mich verloren, Als ich Sylvien verlor. Du nur gingst nicht mit verloren, Liebe, da ich sie verlor!

Der Vetter und die Muhme

O fluche, Freund, nicht alles Wetter Auf deinen eigensinngen Vetter. Schmält er manchmal; so laß es sein. Er hat ja guten Wein.

Auch fluche nicht der alten Muhme. Man muß ihr Brummen, sich zum Ruhme, Mit stiller Sanftmut übergehn. Die Tochter ist ja schön.

Der Wunsch

Wenn ich, Augenlust zu finden, Unter schatticht kühlen Linden Schielend auf und nieder gehe, Und ein häßlich Mädchen sehe, Wünsch ich plötzlich blind zu sein.

Wenn ich, Augenlust zu finden, Unter schatticht kühlen Linden Schielend auf und nieder gehe, Und ein schönes Mädchen sehe, Möcht ich lauter Auge sein.

Der alte und der junge Wein

Ihr Alten trinkt, euch jung und froh zu trinken: Drum mag der junge Wein Für euch, ihr Alten, sein.

Der Jüngling trinkt, sich alt und klug zu trinken: Drum muß der alte Wein Für mich, den Jüngling, sein.

Der bescheidene Wunsch

Der Pfennig, den man andachtsvoll Dem Priester beichtend geben soll, Gilt mehr als im gemeinen Leben Ein Pfennig, den wir Iro geben. Die Klügsten müssen durch Dukaten Den Sinn des kleinen Worts erraten. Man nehm es nicht buchstäblich an, Der Buchstab bringet Tod und Bann.

"Ach! schenkte mir mein lieber Gott Nur einst mein liebes bißchen Brot; Ich wollte mich begnügen lassen Und keinen Reichen neidisch hassen." Oh, das ist Staxen leicht zu sagen, Doch, wollt ihr eine Wette wagen, Stax schließet Fische, Braten, Wein Mit in den Wunsch des Brotes ein.

O Liebste! machet dir mein Mund Den heißen Wunsch nach Küssen kund, So wisse, daß ich mehr begehret Als dir mein scheuer Mund erkläret. Ein Kuß bei mir ist--Soll ichs sagen? Doch still! Du willst mich heimlich fragen. Komm! jener Lustwald ruft dir zu: O Mägdchen! was du tun willst, tu!

Der größte Mann

Laßt uns den Priester Orgon fragen: Wer ist der größte Mann? Mit stolzen Mienen wird er sagen. Wer sich zum kleinsten machen kann.

Laßt uns den Dichter Kriton hören: Wer ist der größte Mann? Er wird es uns in Versen schwören: Wer ohne Mühe reimen kann.

Laßt uns den Hofmann Damis fragen: Wer ist der größte Mann? Er bückt sich lächelnd; das will sagen: Wer lächeln und sich bücken kann.

Wollt ihr vom Philosophen wissen, Wer ist der größte Mann? Aus dunkeln Reden müßt ihr schließen: Wer ihn verstehn und grübeln kann.

Was darf ich jeden Toren fragen: Wer ist der größte Mann? Ihr seht, die Toren alle sagen: Wer mir am nächsten kommen kann.

Wollt ihr den klügsten Toren fragen: Wer ist der größte Mann? So fraget mich; ich will euch sagen: Wer trunken sie verlachen kann.

Der müßige Pöbel

Um einen Arzt und seine Bühne Stand mit erstaunungsvoller Miene Die leicht betrogne Menge In lobendem Gedränge. Ein weiser Trinker ging vorbei, Und schriee: welche Polizei! So müßig hier zu stehen? Kann nicht das Volk zu Weine gehen?

Der neue Welt-Bau

Der Wein, der Wein macht nicht nur froh, Er macht auch zum Astronomo. Ihr kennt doch wohl den großen Geist, Nach dem der wahre Welt-Bau heißt? Von diesem hab ich einst gelesen, Daß er beim Weine gleich gewesen, Als er der Sonne Stillestand, Die alte neue Wahrheit fand.