Chapter 2
Wie aus des Ostens Dunst im Siegeswagen Die Sonne rollt an des Regierers Statt, Geschöpf und Herr, in eigner Fülle satt, Von selbsterzeugter Flamme Kraft getragen,
Und wie was Lebendes ihr zugewendet, Das falbe Blatt, das ihre Strahlen greift, Die Frucht, die still im Safte kochend reift, An ihrem Übermaße sich vollendet,
So gehst du sonder Makel, sonder Gleichen, Ein Siegender auf unbegangner Bahn Gelassen durch der Menschenwelt Getriebe;
Und was wir ahnen als der Gottheit Zeichen, Machst du erkennbar allen, die dir nahn: Vollendung, deren Widerhall die Liebe.
Wie sich die Erde scheidend von der Sonne Mit hastgem Flug in stürmsche Nacht entfernt, Den nackten Leib mit kaltem Schnee besternt, Verstummt, beraubt der sommerlichen Wonne,
Und tiefer sinkend in des Winters Schatten Sich plötzlich nähert dem, wovor sie flieht, Mit Rosenlicht sich warm umschlungen sieht, Entgegenstürzend dem verlornen Gatten,
So ging ich, leidend der Verbannung Strafe, Von deinem Antlitz fort ins Ungemach, Dem öden Norden schutzlos zugewendet,
Stets tiefer neigend mich dem Todesschlafe, Und wurde so an deinem Herzen wach, Von morgenroter Herrlichkeit geblendet.
AM KLAVIER
Nie laß mich hören alte Töne, Die duften Erinnerungen: Vergangne Zeit, traurige, schöne, Silbern Meer, summende Heide, Rast und Traum auf ewigen Steinen, Vom Himmel umschlungen Wir beide, Fülle des Glückes, verhaltnes Weinen.
Deine Küsse sind so: Süß wie einst, süßer als einst. Was du denkst, was du hoffst, was du weinst, Was in Jahren entfloh, Ungeküßter Küsse Glut, Ungestillter Sehnsucht Drang, Götterkraft, Jugendblut, Liebe das Leben lang Überglüht mich heiß, Überfließt mich ganz, Wie von den Bergen Weiß Des Mondes fließt, Fern ferner Sonnenglanz, Durch Nacht versüßt.
O schöne Hand, Kelch, dessen Duft Musik, Wie Töne schweben geht der, den du führst, Melodisch wird der Stein, den du berührst, Wenn sie dich einhüllt, wird die Luft Musik.
Du tust dich auf, um Wohllaut zu verschwenden, Der ordnet, was Gewalt und Wahn verwirrten, Und Seelen, die auf Erden sich verirrten, Hinüberlockt, wo Wunsch und Zweifel enden.
O Hand, Gebieterin der Töne, bleib Auf diesem Herzen ruhn, das ruhlos schwingt, So wandelst du in Frieden sein Verlangen.
Dämonische, berühre diesen Leib, Er bebt wie Saiten, wird ein Meer und klingt Und rauscht empor, die Sonne zu empfangen.
Wie eines Königs Hand Berührtes adelt Und tilgt vom Henker selbst den Blutgeruch, In Ehre wandelnd seines Amtes Fluch, Daß köstlich wird, was man zumeist getadelt,
So, wenn du stürbest, würde Tod mir teuer, Vor allen Göttern nun erflehter Gast, Des Name wie des Teufels sonst verhaßt, Mir Feind und Fratze war und Ungeheuer.
Das Leben, dem noch immer Früchte reifen, Das noch zu Festen hoch die Fackel hält, Ich hieß es schal, zum Possenspiel entartet,
Das schöne Leben! froh es abzustreifen, Dem Purpur gleich, der unbeachtet fällt, Wenn auf dem Hochzeitsbett die Liebe wartet.
Die Erde, von des Himmels Macht umrundet, Ein goldner Keim gesenkt in seinen Schoß, Empfängt von ihm ihr heilges Sternenlos, Von ihm gespeist, erwärmt, umwölkt, verwundet.
Mag er ihr zürnen, ihr Verschmachten stillen, Mit Lorbeer sie bekränzen, Reb und Myrte, Ob er mit eisgen Stacheln sie umgürte, Sie hüllt sich innig ein in seinen Willen.
O du, in dessen Brust gesenkt ich liege, Mein Schicksal nehm ich an von deiner Güte Und segne Glück und Weh, das du verhängst.
Du warst, Geliebter, meines Lebens Wiege, Du bist das Grab, wo ich mein Hoffen hüte, Bis du mein Himmel wirst und mich umfängst.
Um diese Hügel, die dem Blick entgleiten, Schwankt nun der Abend, müde, grau und feucht. Still schwinden Haus und Baum und stehn verscheucht Und gramvoll schwer in den Vergessenheiten.
Unendlich Weinen löst den Tag in Weh. Der Schnitter rauschend Werk, die vollen Stunden, Das Tanzen, Schwärmen, Lieb und Wahn und Wunden, War's heute? War's vor Jahren? War es je?
Dies ist die Stunde, wo im fernen Land, Wenn's ruhlos pocht aus deines Daches Röhre, Und an den Uhren schnell die Zeiger summen,
Und das Begrabne lebt und huscht im Sand, Du meinen Namen rufst und ich nicht höre. Und hört ich's, müßt ich schaudern und verstummen.
Sieh mich, das Meer, das dir zu Füßen brandet, Laß dich umschlingen, küssen, schmelzen, komm! Wie Well um Welle stürmend dich erklomm, Bist du ein Gott, in Element gewandet.
Laß deinen Leib von meinem Leib umgleiten! Kein Flor, kein Hauch, kein Strahl mehr, der uns trennt. Nur du, nur du, soweit der Blick erkennt, Umbraust vom Mantel meiner Zärtlichkeiten.
Den Ozean, den ihre Glut durchdrungen, Verläßt die Sonne, und mit Huld zerstörend Tilgt ihre Schönheit die geballte Nacht.
Du laß die Welt in ewgen Dämmerungen! Geduldger Andacht Ungestüm erhörend Begrabe dich in meine Liebesmacht.
An unsrer Seite geht Erinnerung Und flicht des Weges Zier zu Kranzgewinden, Wie Bienenflug um sommerliche Linden Summt süß Musik von ihrer Füße Schwung.
Vom Schmelz der Dinge schimmern ihre Hände, Sie hüten erd- und meerversunknen Hort. Er hebt und rührt sich auf ihr weckend Wort Und funkelt jung wie Tau in das Gelände.
Nicht Blumen sind's, was sie zum Kranz gelesen; Sie sammelt Saat des Lebens, das verging. Aus neuer Hoffnung, längst versiegten Zähren,
Verschmiedend glühend Heut und starr Gewesen, Biegt unser goldnes Leben sie zum Ring, Daß es unendlich kreist in ewgen Sphären.
LEBEN
Hell strömt aus Schluchten der Vergangenheit In unsre Becher, die wir schwärmend füllen, Ambrosisch Blut, aus dessen Purpurhüllen Verklärtes Leben funkelnd sich befreit:
Sehnsucht und Liebe, Tränen, Lächeln, Lust Und Kampf und Fluch und siegende Gedanken Der Toten, die wie wir den Festwein tranken, Lenzlaub im Haare, unser nicht bewußt;
Und wir gewahren nicht, ins Heut versonnen, Daß jeder Tropfen, den die Zeit ergießt, Von unsrer Seele löst und so durchglutet
Herniederrinnt in einen dunklen Bronnen, Der einst in andre Schalen überfließt Berauschter Zecher, die der Tag umflutet.
Wie zwei Tote, die um Liebe starben, -- Duftend Feuer schmilzt sie nun zusammen -- Ruhn wir still, umblaut von Frühlingsflammen, Satt in Wonne nach der Trennung Darben.
Hoch im Himmel mit geblähten Säumen Drehn die Stunden sich in Sturmestänzen, Ihre blanken Sohlen sehn wir glänzen, Doch kein Ton fällt aus so fernen Räumen.
Aber langsam sinken die vergangnen Tage, die das Herz in Qual belauschte, Schwer hinunter in verhüllte Tiefen,
Wie wenn unterirdisch Goldestriefen In des Felsens hohle Becken rauschte, Jenseit von uns ewig dicht Umfangnen.
Da wo der frühen Falter gelbes Lodern Um wild Gestrüpp am Bergeshange zückte, Und Bäche quollen durch verjährtes Modern, Verweilten wir, die Glückes Last erdrückte.
Wie von des Meisters Hand entfesselt Erz Goß sich die Kraft der Sonne auf uns nieder, Sie stürzte rot durch unser schlagend Herz Und wuchs wie goldne Haut um unsre Glieder.
Nun ist mir so, als ob dort oben bliebe, Den Elementen kund und zugesellt, Unsterblich eins: das Strahlenbild der Liebe,
Indessen wir, Staub ohne Sinn und Dauer, Der vor der Stunde blindem Schlag zerfällt, Hinunterstiegen in das Tal der Trauer.
Wie lastet mir das Leben ohne dich! Nun können wir's auf Fingerspitzen regen, Ein goldnes Bällchen, wie die Gaukler pflegen, Das an Gewicht noch eben Felsen glich. Es tanzt und schimmert, dünnes Glasgewebe Und unverletzlich doch wie Diamant, Ein selges Wesen, Sternen anverwandt; Ach, daß es unsern Händen nie entschwebe!
Musik bewegt mich, daß ich dein gedenke, So will auch Meer und Wolke, Berg und Stern, Wie anderer Art als du, dir noch so fern, Daß ich zu dir das Herz voll Andacht lenke. Kein edles Bild, das nicht mein Auge zwinge Von dir zu träumen, kein beseelter Reim, Der nicht zu dir Erinnern führe heim -- Geschwister sind sich alle schönen Dinge.
Uralter Worte kundig kommt die Nacht; Sie löst den Dingen Rüstung ab und Bande, Sie wechselt die Gestalten und Gewande Und hüllt den Streit in gleiche braune Tracht.
Da rührt das steinerne Gebirg sich sacht Und schwillt wie Meer hinüber in die Lande. Der Abgrund kriecht verlangend bis zum Rande Und trinkt der Sterne hingebeugte Pracht.
Ich halte dich und bin von dir umschlossen, Erschöpfte Wandrer wiederum zu Haus; So fühl ich dich in Fleisch und Blut gegossen,
Von deinem Leib und Leben meins umkleidet. Die Seele ruht von langer Sehnsucht aus, Die eins vom andern nicht mehr unterscheidet.
Wir wanderten von junger Liebe trunken In dieses Friedhofs grün verhangnen Gängen, Wo Immergrün und Efeu sich bedrängen, Mit Toten in der Gräber Nacht versunken.
Der alten Weiden Schatten und der Birken Schlug schirmend über unserm Haupt zusammen, Gelassen duldend ungesühnte Flammen Zu flüchtger Rast in heiligen Bezirken.
Von langer Irrfahrt sind wir nun zurück Und suchen, die verwildert Kraut umspann, Der Väter Kreuz, auf eingesunknen Stätten,
Still in vergangner Wonne, künftgem Glück. Hier werden wir, wenn unsre Zeit verrann, Nie mehr geschieden, nicht mehr zwei, uns betten.
21.-30. TAUSEND
DIESE »LIEBESGEDICHTE« ERSCHIENEN ZUERST IM JAHRE 1907 UNTER DEM TITEL »NEUE GEDICHTE«.
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DRUCK DER SPAMERSCHEN BUCHDRUCKEREI, LEIPZIG.
[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile steht.
Am Klavier. Die laß mich hören alte Töne 49 Am Klavier. Nie laß mich hören alte Töne 49
Nie laß mich hören, alte Töne, Nie laß mich hören alte Töne,
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