Chapter 20
Der Oberst Peter und die Hauptleute lobten das Lied und reichten dem Spielmann zum Dank die Flasche. "Gott segne es Euch", sagte dieser, indem er die Flasche zurückgab. "Viel Glück zu Eurem Zug; Ihr seid wohl Obersten und Hauptleute des Bundes und zieht wieder zu Feld; darf man fragen, gegen wen?"
Die Männer sahen sich an und lächelten, der Oberst aber antwortete ihm: "Ganz unrecht habt Ihr nicht. Wir haben früher dem Bund gedient, jetzt aber dienen wir niemand als uns selbst, und wer Leute braucht, wie wir sind."
"Die Schweizer werden heuer ein gutes Jahr haben, man sagt ja, der Herzog wolle wieder ins Land?"
"Aller Hund Krummen komme auf die Schweizer", rief der Oberst, "wie übel sind sie an ihm gefahren; der gute Herzog hat all seine Hoffnung auf sie gesetzt, und diavolo maledetto, wie haben sie ihn im Stich gelassen bei Blaubeuren!"
"Sie haben ihn schändlich verlassen", sagte der Hauptmann Muckerle mit heiserer Stimme, "aber doch so man's beim Licht besieht, so g'schieht ihm wohl halb Recht, denn er sollt sie wohl kennt haben; es leit doch am Tag; daß sie kein dick's Brittlein bohren. Der Tüfel hol sie all'!"
"Ja, der Herzog hat halt nichts Besseres haben können", entgegnete der Spielmann, "freilich, wenn er solche Herren gehabt hätte, wie Ihr und Eure tapferen Fähnlein, da wäre der Bund noch bei Ulm."
"Du hast da ein wahrez Wort gesprochen guter Gezell! Landsknecht' hätte er sollen haben und keine Schwyzer. Und hält er zich jetzt wieder zu ihnen, zo weiß ich, waz ich von ihm halte. Landsknecht hätt' er zollen haben, ich zag's noch einmal. Nicht wahr, Magdeburger?"
"Dat well ich man och meenen", antwortete der Magdeburger. "Landsknechte oder keener können den Heertog wieder eup den Stuhl setzen."
"Ja, alle Achtung vor den Herren Landsknechten", sagte der Spielmann und lüftete ehrerbietig die Mütze, "freilich, Euch Herren sollt' er haben. Aber der Bund wird Euch so gut belohnt haben, daß Ihr dem armen Herzog nicht zu Hilfe ziehen mögt."
"Gelohnt, socht er?" rief der fünfte Hauptmann und lachte. "Jo, wenn er's Geld von Blech schlagen könnt, der schwäbisch Hund! Bei denen gilt's Sprüchwort:
'Dien' wohl und ford're keinen Sold, so werden Dir die Herren hold.'
"Ich soch, schlecht hot er uns bezahlt. Und wenn Seine Durchlaucht, der Herr Herzog, mi hoben will, ich steh 'nem z'Dienst wie jedem."
"Staberl, du hast recht", sagte der Oberst, und wichste den ungarischen Bart. "Mordblei, die Katz ist gern wo man sie strählt. Wenn der Herr Ulrich gut zahlt, zo wird, Gott straf' mein Zeel', unsere ganze Mannschaft mit ihm ziehen."
"Nun, das werdet Ihr bald sehen können", entgegnete der Bauer, listig lächelnd, "habt Ihr noch keine Antwort vom Herzog auf Eure Botschaft?"
Der Oberst Peter wurde feuerrot bis in die Stirn "Mordelement! Wer bist denn Du, Menschenkind, daz Du mein Geheimnuz weißt? Wer hat Dir gezagt, daz ich zum Herzog schickte?"
"Zum Herzog hob' Er g'schickt, Peter? Was hobt Er denn für G'heimnis mitenonder, daß wir's nit wissen dürften. Soch es nur gleich!"
"Nun, ich hab' gedacht, ich müsse wieder einmal für Euch alle denken, wie immer, und hab' einen Mann zum Herzog geschickt, ihm in unzerm Namen einen schönen Gruz entboten und fragen lassen, ob er unz brauchen könnt'? Dez Monats für den Mann einen halben Dicktaler, uns Obersten und Hauptleut' aber ein Goldgülden und täglich vier Maaz alten Wein"
"Dat is keen bitterer Vorschlach, der Teiwel! Eenen Goldgülden monatlich? Ich bin dabei, und es wird keener wat dagegen haben. Hast Du Antwort von dem Heertog?"
"Bis jetzt noch keine; aber Bassa manelka! Wie kamst Du zu meinem Geheimnuz, Bauer? Ich hau' Dir ein Ohr ab, Gott straf' mein Zeel', so tu' ich, wie mein Patron, er heilige Petrus, war auch ein Landsknecht, dem Malchus, der war von den jüdischen Schwyzern, ein Hellebardierer. Zag' schnell, oder ich hau'."
"Langer Peter!" rief der kleine Hauptmann Muckerle mit ängstlicher Stimme, "lass' um Gotteswillen den gehen, der ist fest und kann hexen. Ich weiß noch wie heut, daß wir ihn in Ulm fangen sollten und in Herrn von Krafts, des Ratschreibers, Stall kamen, wo er sich aufhielt, denn er war ein Kundschafter, so machte er sich klein und immer kleiner, bis er ein Spatz wurde und über uns naus flog."
"Was?" schrie der tapfere Oberst und rückte von dem Spielmann weg; "Der ist's? Wo dann der Magistrat ausrufen ließ, man zolle alle Spatzen totschießen, weil sich ein württembergischer Spioner in einen verwandelt habe?"
"Der ist's", flüsterte Muckerle. "Es ist der Pfeifer von Hardt, ich hab' ihn gleich erkannt."
Der Oberst und die Hauptleute hatten sich von ihrem Erstaunen noch nicht ganz erholt. Sie sahen den Mann, von welchem der Ruf so wunderbare Dinge erzählte, halb ängstlich, halb neugierig an. Er selbst hatte ein zu wohlgeübtes Ohr, als daß er nicht verstanden hätte, was diese Leute unter sich flüsterten; aber er tat, als bemerkte er ihr Staunen und Verstummen nicht; er beschäftigte sich ruhig mit seiner Zither. Endlich faßte sich der lange Peter, wohlbestallter Oberst dieses Heeres, ein Herz, zwirbelte den Bart einige Male, zog dann den ungeheuren Hut vom Kopf und sprach: "Verzeiht doch, lieber Gezelle, wertgeschätzter Pfeifer, das wir so ohne alle Umstände mit Euch verfahren zind: Konnten wir denn wissen, wen wir da neben uns haben? Zeit vielmal gegrüßt, hab' schon oft, Gott straf mein' Zeel', gedacht, möchte nur einmal den fürtrefflichen Kerl zehen, den Pfeifer von Hardt, der in Ulm am hellen Tag als Spatz ausgeflogen."
"Ist schon gut", unterbrach ihn der Spielmann unmutig, "laßt die alten Geschichten ruhen. Nun, von wegen des Herzogs kam mir die Nachricht zu, ich soll Euch Herren auf den heutigen Tag aufsuchen, und wenn Ihr noch geneigt wäret, mit ihm zu ziehen, so wolle er gerne zahlen, was Ihr ihm vorgeschlagen"
"Canto cacramento! Daz ist ein frommer Herr! Ein Goldgülden des Monats und täglich vier Maaz Wein? Er soll leben!"
"Und wann wird er kommen?" fragte der Hauptmann Löffler. "Wo werden wir zu ihm stoßen?"
"Wenn kein Unglück geschehen ist, heute noch. Gestern ist er auf Heimsheim losgebrochen, die Besatzung ist schwach: Wenn er sie überwältigt hat, rückt er heute noch weiter."
"Schaut! Reitet dort unten nicht ein Geharnischter? Sieht aus wie ein Ritter!" Die Männer sahen aufmerksam nach dem Ende des Tales. Dort sah man einen Helm und Harnisch in der Sonne blinken, auch ein Pferd wurde hie und da sichtbar. Der Pfeifer von Hardt sprang auf und klamm die Eiche hinauf. Von diesem hohen Standpunkt konnte er das Tal besser übersehen. Noch war der Reiter zu fern, als daß er seine Züge hätte unterscheiden können, aber er glaubte seine Feldbinde zu erkennen, er glaubte den Mann zu erkennen, den er in dieser Stunde erwartete.
"Was siehst Du?" riefen die Hauptleute. "Ist es einer, der zufällig durchs Tal reitet, oder glaubst Du, er kommt vom Herzog?"
"Richtig, weiß und blau ist die Schärpe", sprach der Pfeifer, "das ist sein langes Haar, so sitzt er zu Pferd. Ei du Goldjunge, willkommen in Württemberg! Jetzt sieht er Eure Wachen, jetzt reitet er auf sie zu, schau, wie die Burschen ihre Lanzen vorstrecken und die Beine ausspreizen."
"Ja, was Landsknechte sind, die verstehen den Kriegsbrauch. Darf keiner vorbei, wo die Hauptleute liegen, ohne daß er Rede steht."
"Halt! Jetzt rufen sie ihn an; er spricht mit ihnen, sie deuten hierher; er kommt!" Der Pfeifer von Hardt stieg mit freudeglühendem Gesicht vom Baum herab
"Diavolo maledetto! Bassam terendete! Zie werden ihn doch nicht allein reiten lassen? Ez wird doch einer zein Roß am Zügel führen nach Kriegsbrauch! Wie? Ist ez ein Ritter, der kommt?"
"Ein Edelmann, so gut wie einer im Reich", antwortete der Pfeifer, "und der Herzog ist ihm sehr gewogen." Bei dieser Nachricht standen die Hauptleute auf, denn ob sie sich gleich nicht wenig einbildeten, Hauptleute zu heißen, so wußten sie doch, daß sie eigentlich nur Landsknechte und dem Ritter jedes Zeichen von Ehrerbietung schuldig seien Der Oberst aber setzte sich gravitätisch am Fuß der Eiche nieder, strich den Bart, daß er hell glänzte, setzte den großen Hut mit der Hahnenfeder zurecht, stützte sich auf seinen großen Hieber und erwartete so den Ritter.
Kapitel 27
Dem Platz, wo die Hauptleute und der lange Peter, ihr Oberst, versammelt waren, nahte sich jetzt ein geharnischter Reiter, dessen Pferd von zwei Landsknechten geführt wurde. Der Ritter hatte das Visier seines blanken Helmes herabgeschlagen, die breiten Schultern und die kräftigen Lenden und Beine waren mit Platten und Schienen von Stahl verhüllt, aber die wallenden Federn seines Helmbusches und die wohlbekannten Farben einer Schärpe, die über den Panzer herablief, die Haltung und das edle, kräftige Wesen des Nahenden hatten dem Pfeifer von Hardt längst gesagt, wen er zu erwarten hatte. Und er täuschte sich nicht, denn einer der Knechte trat jetzt vor den Oberst und berichtete, daß der "Edle von Sturmfeder" mit den Anführern der gesamten Landsknechte etwas zu sprechen habe.
Der lange Peter antwortete im Namen der übrigen: "Zag' ihm, er ist willkommen, Peter Hunzinger, der Oberst, Ztaberl von Wien, Konrad, der Magdeburger, Balthasar Löffler und der tapfere Muckerle, wohlbestallte Hauptleute, erwarten ihn zum Gespräch.--Gott straf' mein Zeel', er hat einen schönen Harnisch und einen Helm wie der König Franz, aber zein Gaul dürfte besser zein, Mordblei! Er ist an allen Vieren steif!"
"Dos ist holt, sog' ich, weil er den ganzen Sommer 'stonden ist in Mömpelgard beim Herzog."
Die Männer belächelten den Witz des Wieners, doch hüteten sie sich ihre Freude laut werden zu lassen, denn der Ritter hielt nicht allzufern. Noch immer machte er keine Miene, abzusteigen und sich ihnen zu nahen. Er sprach mit dem Knecht, schlug dann das Visier auf und zeigte ein schönes, freundliches Gesicht. "Steht dort nicht Hans der Spielmann?" rief er mit lauter Stimme. "Erlaubt, daß er ein wenig zu mir trete."
Der Oberst nickte dem Pfeifer zu, er ging und der Junker schwang sich vom Pferd.
"Willkommen in Württemberg, edler Herr!" rief der Mann von Hardt, indem er den Handschlag des Junkers treuherzig erwiderte. "Bringt Ihr gute Botschaft? Ich seh's Euch an den Augen an, es steht gut mit dem Herzog."
"Komm! Tritt hier ein wenig auf die Seite", sagte Georg von Sturmfeder mit freudiger Hast. "Wie steht es auf Lichtenstein? Denkt sie an mich? Hast Du einen Brief, ein paar Zeilen? Oh, gib schnell! Was läßt sie mir sagen, guter Hans?"
Der Pfeifer lächelte schlau über die Ungeduld des liebenden Jünglings. "Einen Brief hab' ich nicht, keine Zeile. Sie ist gesund, und der alte Herr auch; das ist alles, was ich weiß."
"Wie!" unterbrach ihn Georg. "Keinen Gruß? Keine Botschaft? So hat sie Dich gewiß nicht ziehen lassen?"
"Als ich vorgestern Abschied nahm, sagte das Fräulein: 'Sag ihm, er soll sich sputen, daß er einzieht in Stuttgart.' Sie wurde gerade so rot wie Ihr jetzt, da sie dies sprach."
Der junge Mann errötete voll freudiger Gefühle, sein Auge glänzte, und ein freundliches Lächeln zeigte, daß er den Sinn dieser Worte verstanden habe. "Bald, bald werden wir einziehen, so Gott will", sagte er. "Aber wie lebten sie diesen langen Sommer? Nur dreimal kam uns Botschaft von ihnen zu! Warst Du oft auf Lichtenstein, Hans? War sie traurig? Was sprach sie?"
"Lieber Herr", antwortete der Mann von Hardt, "geduldet Euch noch auf dem Marsch will ich Euch ein Langes und Breites erzählen, für jetzt nur soviel: sobald der Alte hört, daß Ihr auf Stuttgart zieht, will er von Lichtenstein aufbrechen und Euch die Braut zuführen. Denn er zweifelt nicht, daß Ihr die Stadt überwältigt. Habt Ihr Heimsheim?"
"Wir haben es. Ich jagte mit zwölf Reitern in die Tore, ehe sie sich's versahen. Die Besatzung war zwar etwas stärker als wir, aber mutlos und unzufrieden. Ich handelte mit ihnen in des Herzogs Namen, da glaubten sie, er liege mit vielen Truppen noch im Hinterhalt und ergaben sich. So weit wären wir nun in Württemberg, aber wie ist der Weg weiterhin?"
"Offen, bis ins Herz offen. Ich bringe Euch wichtige Nachricht vom Ritter von Lichtenstein daß die gewaltigen Herren aus dem Land sind, wißt Ihr--"
"Sie halten einen Bundestag in Nördlingen, ist's nicht so? Freilich wissen wir's, denn auf diese Nachricht brach der Herzog aus Baden auf."
"Nun, und wenn die Katzen fort sind, tanzen die Mäuse auf dem Tisch. Die Besatzungen sind überall unbesorgt, an den Herzog denkt kein Bündler mehr, sie sind nur aufmerksam auf den Bundestag, welchen Herrn wir bekommen werden: den Österreicher, den Bayer, den Prinzen Christophel, oder ob uns der Städtebund, Augsburg und Aalen, Nürnberg und Bopfingen, regieren werde."
"Welche Augen sie machen werden", rief Georg lächelnd, "wenn der Stuhl schon besetzt ist, um welchen sie streiten! Sie werden ihre Büchsen auf die Schulter nehmen und 's Regieren sein lassen."
"Und die Württemberger? Wie denken sie jetzt vom Herzog? Glaubst Du, er wird viel Anhang finden? Werden sie uns zu Hilfe ziehen?"
"Was Bürger und Bauern sind, ja. Von der Ritterschaft weiß ich's nicht, und der alte Herr zuckte die Achseln, wenn ich ihn fragte, und murmelte ein paar Flüche. Ich fürchte, es steht hier nicht alles, wie es soll. Aber Bürger und Bauern, die sind für den Herzog. Es sind allerlei sonderbare Zeichen geschehen, die das Volk aufmuntern. So ist neulich im Remstal ein Stein vom Himmel gefallen, drauf war ein Hirschgeweih eingegraben und die Worte: 'Hie gut Württemberg alleweg', und auf der andern Seite soll man auf lateinisch gelesen haben: 'Herzog Ulrich soll leben!'"
"'Vom Himmel gefallen', sagst Du?"
"So sagt man. Die Bauern hatten große Freude dran, aber die bündischen Herren wurden zornig, nahmen die Schulzen gefangen und wollten ihnen abpressen, woher der Stein des Anstoßes komme. Und als man bei hoher Strafe verbot, vom Herzog zu sprechen, da lachten die Männer und sagten, jetzt träumen wir von ihm. Alles wünscht ihn zurück, denn sie wollen sich lieber von ihrem anerkannten Herrn drücken, als von Fremden die Haut abziehen lassen."
"Gut; der Herzog und seine Reiter können in wenigen Stunden hier sein. Sein Plan ist, sich gerade durchs Land nach Stuttgart zu schlagen. Ist die Hauptstadt unser, so fällt uns auch das Land zu. Und wie ist es mit den Landsknechten dort? Wollen sie mitziehen?"
"Fast hätte ich die vergessen", sagte Hans, "sie werden ungeduldig werden, wenn wir sie zu lange warten lassen. Geht doch recht klug mit ihnen um, es sind stolze Gesellen und lassen sich Hauptleute schelten. Aber haben wir die Fünfe gewonnen, so sind zwölf Fähnlein des Herzogs. Besonders mit dem Oberst, dem langen Peter, müßt Ihr gar höflich sein."
"Welcher ist der lange Peter?"
"Der dicke Mann, der unter der Eiche sitzt. Er hat einen steifen Schnauzbart und einen vornehmen Hut auf dem Kopf. Der ist der Höchste unter ihnen."
"Ich will mit ihm reden, wie Du sagst", antwortete der junge Mann und ging mit dem Pfeifer zu den Landsknechten. Die lange Unterredung der beiden hatte sie schon etwas unmutig gemacht, und der kleine Muckerle schoß stechende Blicke auf den Gesandten des Herzogs. Als dieser aber mit edlem Anstand und freiem, siegendem Blick unter sie trat, wurden sie schüchtern und verlegen, und als er sie endlich mit höflichen, schmeichelhaften Worten anredete, wurden ihre tapfern Herzen von der Anmut Georgs von Sturmfeder für des Herzogs Sache gewonnen.
"Wohlerfahrner Oberst", sprach er, "tapfere Hauptleute der versammelten Landsknechte, der Herzog von Württemberg hat sich den Grenzen seines Landes genaht, hat die Stadt Heimsheim erobert und ist willens, auf gleiche Weise sein ganzes Herzogtum wieder an sich zu bringen--"
"Gott straf' mein Zeel', er hat recht; tätz auch zo mochen--"
"Er hat den tapfern Arm und die fürtreffliche Kriegskunst der Landsknechte erprobt, als sie noch gegen ihn standen; er versieht sich zu ihnen, daß sie ihm mit gleichem Mut jetzt beistehen werden, und verspricht ihnen mit seinem fürstlichen Wort, die Bedingungen zu halten, die sie ihm angeboten haben."
"Ein frommer Herr", murmelten sie untereinander mit beifälligem Nicken, "ein Goldgulden des Monats--und Mordblei--täglich vier Maß Wein für die Hauptleut'!"
Der Oberst stand auf, entblößte sein kahles Haupt zum Gruß und sprach, von manchem Räuspern der Verlegenheit unterbrochen: "Wir danken Euch, hochedler Herr, wollen's tun, wollen mitziehen--wir wollen dem schwäbischen Bund heimgeben, was er unz getan, zo wollen wir. Die allerbesten und tapfersten, wie auch fürtrefflichsten Leute haben zie fortgeschickt, als brauchten sie keine Landsknechte mehr. Da steht zum Beispiel der Hauptmann Löffler. Wenn'z einen tapferern Landsknecht gibt in der Christenheit, zo laß ich mir die Haut vom Leib schälen und laß mich braten wie eine Zau. Da steht der Staberl von Wien; zo einen hat die Zonne noch nie beschienen und der Mond.-- Da ist dann der Magdeburger, wie der ficht keiner in der Türkei--und der Muckerle da, man zollt ihm'z nicht anzehen; aber daz ist der beste Schütz mit der Donnerbüchs und trifft auf vierzig Gäng' ins Schwarze.--Von mir mag ich nicht reden, Eigenlob stinkt, aber Bassa manelka in Spanien und Holland hab' ich gedient und Canto cacramento in Italien und Deutschland, Mordblei! In jedem Heer kennt man den langen Peter. Gott straf' mein Zeel', wenn ich und die andern hinter den schwäbischen Hund, wollt' zagen Bund, kommen, diavolo maledetto! Da werden zieh daz Hazenpanier ergreifen und mit den Absätzen hinter sich hauen!"
Die Hauptleute luden jetzt den Junker von Sturmfeder ein, eine Musterung über das neugeworbene Heer zu halten. Der dumpfe Schall der ungeheuern Trommeln tönte durchs Tal und weckte die Schläfer aus ihrer Ruhe. Noch schien Frondsbergs kriegerischer Geist und sein strenger Ordnungssinn über ihnen zu schweben, denn in wenigen Augenblicken hatten sie sich zu drei großen Kreisen gebildet, die je aus vier Fähnlein bestanden. Die Landsknechte waren nach ihrem Geschmack gekleidet, doch hatte die Mode der Zeit im Schnitt ein wenig Gleichförmigkeit in ihren Anzug gebracht. Sie trugen gewöhnlich enge Wämse von Leder oder auch Lederwesten mit Ärmeln von grobem Tuch Die Lenden staken in ungeheuer weiten Pluderhosen, die am Knie zugebunden, durch ihre eigene Schwere noch etwas tiefer herunterhingen. Die vollen Waden umgaben grobe Strümpfe von hellen Farben, und die Füße waren mit groben Bundschuhen von ungefärbtem Leder bekleidet. Ein Hut, eine Tuch- oder Ledermütze, eine erbeutete oder für eigene Rechnung gekaufte Blechhaube bedeckte den Kopf, und die bärtigen Gesichter dieser Männer, die oft zwanzig Jahre unter allen Heeren und Himmelsstrichen Europas dienten, hatten einen kühnen, martialischen Ausdruck. Ihre Bewaffnung bestand in einem langen Dolch und einer Hellebarde; ein Teil war auch mit Donnerbüchsen bewaffnet, die man mit Lunten losbrannte.
So standen sie mit ausgespreizten Beinen, Fuß an Fuß geschlossen, wie ein festes Bollwerk und Georgs kriegerischen Sinn erfreute der Anblick dieser kampfgeübten Männer, die wohl zu wissen schienen, daß sie vereinzelt nichts, aber in Massen verbunden auch einer zahlreichen Schar von Feinden furchtbar seien.
Die Hauptleute hatten den Kriegsbrauch und das Kommandowort ihrer früheren Anführer wohl im Gedächtnis behalten Sie traten daher mit dem jungen Ritter in einen dieser Kreise, und der tiefe, weittönende Baß des langen Peters befahl: "Gebt acht Ihr Leut! Kehrt Euch um!"
Schnell hatten sich die Kreise nach innen gekehrt und vernahmen nun die Reden ihrer Hauptleute, die ihnen jene Aufforderung des Herzogs von Württemberg auseinandersetzten. Ein freudiges Gemurmel zeigte, daß sie mit diesen Bedingungen zufrieden seien und Ulrich von Württemberg so eifrig dienen wollten, als sie vorher gegen ihn gedient hatten. Die Hauptleute ließen jetzt auch einige Übungen machen, und Georg bewunderte die Geschicklichkeit der Landsknechte und glaubte fest, man werde es in der Kriegskunst auf Erden schwerlich noch viel weiterbringen.
Etwa nach einer Stunde meldeten die Vorposten, daß man unten im Tal, von der Gegend von Heimsheim her, Waffen blinken sehe, und wenn man das Ohr auf die Erde lege, seien die Tritte vieler Rosse deutlich zu vernehmen.
"Das ist der Herzog", rief Georg, "führt mein Pferd vor; ich will ihm entgegenreiten."
Der junge Mann galoppierte durch das Tal hin, und die Hauptleute und ihre Gesellen blickten ihm nach und bewunderten die Kraft und Gewandtheit, mit welcher er in der schweren Rüstung aufs Pferd gesprungen war, lobten seinen Anstand und seine Haltung, solange sie ihn noch sehen konnten. Bald mischte sich sein Helmbusch mit den Büschen und Lanzenspitzen, die man unten im Tal bemerkte. Sie kamen näher, jetzt sah man Helme blinken, jetzt wurden die Reiter bis um die Brust sichtbar, jetzt erschienen sie auf einmal auf einer kleinen Anhöhe, und man konnte die ganze Schar übersehen. Der Pfeifer von Hardt schaute mit blitzenden Augen in die Ferne. Seine Brust hob und senkte sich die Freude schien ihn des Atems zu berauben, sprachlos nahm er den Obersten an der Hand und deutete auf die Reiterschar.
"Welcher ist der Herzog?" fragte dieser. "Ist's der auf dem Mohrenschimmel?"
"Nein, das ist der edle Herr von Hewen. Seht Ihr das Banner von Württemberg? Wie, seh' ich recht? Bei Gott, der Junker von Sturmfeder darf es tragen!"
"Daz ist eine große Ehre! Mordblei, ist erst fünfundzwanzig und darf die Fahne tragen! In Frankreich darf daz nur der Connetabel tun, der erste Mann nach dem König Franz. Dort heißt man'z Ohrenflamme und ist aus lauter Gold. Aber welcher ist der Herzog Ulrich?"
"Seht Ihr den im grünen Mantel mit den schwarz und roten Federn auf dem Helm? Er reitet neben dem Banner und spricht mit dem Junker, er reitet einen Rappen und zeigt gerade mit dem Finger auf uns--seht, das ist der Herzog."
Die Reiterschar mochte ungefähr vierzig Pferde betragen. Sie bestand meist aus Edelleuten und ihren Dienern, die dem Herzog in seine Verbannung nachgezogen waren oder, von seinem Einfall benachrichtigt, an der Grenze seines Landes sich ihm angeschlossen hatten. Sie waren alle wohlberitten und bewaffnet. Georg von Sturmfeder trug Württembergs Panier, neben ihm ritt ganz geharnischt der Herzog. Als dieser Zug jetzt den Landsknechten etwa auf dreihundert Schritt nahe war; erhob der lange Peter seine Stimme und sprach: "Gebt acht, Ihr Leut'. Wenn Zeine Durchlaucht nahe ist und ich meinen Hut vom Scheitel reiße, so schreit: 'Vivat Ulricus!', schwenkt die Fähnlein in der Luft, und Ihr Trommler, rasselt auf Euren Fellen, daß Euch das Donnerwetter! Schlagt den Wirbel wie beim Sturm auf eine Festung, Bassa manelka! Haut drauf und wenn der Schlegel bricht--zo begrüßen die tapfren Landsknecht einen Fürsten."
Diese kurze Anrede tat ihre Wirkung, die kriegerische Schar murmelte das Lob des Herzogs, sie schüttelten ihre Hellebarden, stampften ihre Büchsen klirrend auf den Boden, und die Trommler faßten ihre Schlegel krampfhaft in die Hand, und als jetzt Georg von Sturmfeder, der Bannerträger von Württemberg, ansprengte und hinter ihm hoch zu Roß, erhaben wie in den Tagen seiner Herrschaft, mit kühnen, gebietenden Blicken Herzog Ulrich von Württemberg sich zeigte, da entblößte der lange Peter ehrfurchtsvoll sein Haupt, die Trommeln rasselten wie zum Sturm einer Feste, die Fähnlein neigten sich zum Gruß, und die Landsknechte riefen ein tausendstimmiges 'Vivat Ulricus!'.
Der Bauersmann von Hardt war still in der Ferne gestanden, hatte nicht auf diese kriegerischen Grüße gehört, seine ganze Seele schien nur in seinem Auge zu liegen, das trunken an seinem Herrn hing. Der Herzog hielt den Rappen an, blickte um sich und es war tiefe Stille unter den vielen Menschen. Da trat der Bauer vor, kniete nieder, hielt ihm den Bügel zum Absteigen und sprach "Hie gut Württemberg alleweg!"