Chapter 14
Georg dankte und trank. "Ich sollte die Ehre erwidern", sagte er, "und doch weiß ich Euren Namen nicht, Herr Ritter. Doch ich bringe es Euch! Mögt Ihr bald wieder siegreich in die Burg Eurer Väter einziehen, möge Euer Geschlecht auf ewige Zeiten grünen und blühen-- es lebe!" Georg hatte die letzten Worte mit starker Stimme gerufen und wollte eben den Becher ansetzen als das Geräusch vieler Stimmen, vom Eingang der Grotte her, aus der Tiefe emporstieg, die vernehmlich "Es lebe! lebe!" riefen. Verwundert setzte er den Becher nieder. "Was ist das?" sagte er. "Sind wir nicht allein?"
"Es sind meine Vasallen, die Geister", antwortete der Ritter lächelnd, "oder wenn Ihr so lieber wollt, das Echo, das Eurem freundlichen Ruf beistimmte. Ich habe oft", setzte er ernster hinzu, "in den Zeiten des Glanzes das Wohl meines Hauses von hundert Stimmen ausrufen hören, doch hat es mich nie so erfreut und gerührt als hier, wo mein einziger Gast es ausbrachte und die Felsen dieser Unterwelt es beantworteten Fülle den Becher. Hans, und trinke, und weißt Du einen guten Spruch, so gib ihn preis."
Der Pfeifer von Hardt füllte sich den Becher und blickte Georg mit freundlichen Blicken an: "Ich bring' es Euch, Junker, und etwas recht Schönes dazu: 'Das Fräulein von Lichtenstein!'"
"Hallo, Sa! Sa! Trinkt, Junker, trinkt!" rief der Geächtete und lachte, daß die Höhle dröhnte. "Aus bis auf den Boden, aus! Sie soll blühen und leben für Euch! Das hast Du gut gemacht, Hans! Sieh nur, wie unserem Gast das Blut in die Wangen steigt, wie seine Augen blitzen, als küsse er schon ihren Mund.--Dürft Euch nicht schämen! Auch ich habe geliebt und gefreit und weiß, wie einem fröhlichen Herzen von vierundzwanzig Jahren zumute ist!"
"Armer Mann!" sagte Georg, "Ihr habt geliebt und gefreit und mußtet vielleicht ein geliebtes Weib und gute Kinder zurücklassen?" Er fühlte sich, während er dies sprach, heftig am Mantel gezogen er sah sich um, und der Spielmann winkte ihm schnell mit den Augen, als sei dies ein Punkt, worüber man mit dem Ritter nicht sprechen müsse. Und den Jüngling gereuten auch seine Worte, denn die Züge des unglücklichen Mannes verfinsterten sich, und er warf einen wilden Blick auf Georg, indem er sagte:
"Der Frost im September hat schon oft verdorben, was im Mai gar herrlich blühte, und man fragt nicht, wie es geschehen sei. Meine Kinder habe ich in den Händen rauher, aber guter Ammen gelassen, sie werden sie, so Gott will, bewahren, bis der Vater wieder heimkommt." Er hatte dies mit bewegter, dumpfer Stimme gesprochen, doch als wolle er die trüben Gedanken aus dem Gedächtnis wischen fuhr er mit der Hand über die Stirn, und wirklich glätteten sich die Falten, die sich dort zusammengezogen hatten, augenblicklich, er blickte wieder heiterer um sich her und sprach:
"Der Hans hier kann mir bezeugen, daß ich schon oft gewünscht habe, Euch zu sehen, Herr von Sturmfeder. Er hat mir von Eurer sonderbaren Verwundung erzählt, wo man Euch wahrscheinlich für einen der Vertriebenen gehalten und angefallen hat, indessen der Rechte Zeit gewann, zu entfliehen."
"Das soll mir lieb sein", antwortete Georg. "Ich möchte fast glauben, man hat mich für den Herzog selbst gehalten denn diesem paßten sie damals auf; und ich will gerne die tüchtige Schlappe bekommen haben, wenn er dadurch gerettet wurde."
"Ei, das ist doch viel. Wißt Ihr nicht, daß der Hieb, der nach Euch geführt wurde, ebensogut tödlich werden konnte?"
"Wer zu Feld zieht", entgegnete Georg, "der muß seine Rechnung mit der Welt so ziemlich abgeschlossen haben. Es ist zwar schöner, in einer Feldschlacht vor dem Feind bleiben, wenn die Freunde jubeln und die Kameraden umherstehen, um einem den letzten Liebesdienst zu erweisen--Aber doch wäre ich damals auch gestorben, wenn es hätte sein müssen, um die Streiche dieser Meuchelmörder vom Herzog abzulenken."
Der Geächtete sah den Jüngling mit Rührung an und drückte seine Hand. "Ihr scheint großen Anteil am Herzog zu nehmen", sagte er, indem er seine durchdringenden Augen auf ihn heftete, "das hätte ich kaum gedacht; man sagte mir, Ihr wäret bündisch."
"Ich weiß, Ihr seid ein Anhänger des Herzogs", antwortete Georg, "aber Ihr werdet mir schon ein freies Wort gestatten. Seht, der Herzog hat manches getan, was nicht recht ist. Zum Beispiel die huttische Geschichte, sie mag nun sein wie sie will, hätte er unterlassen können. Sodann mag er mit seiner Frau hart umgegangen sein, und Ihr müßt selbst gestehen, er ließ sich doch zu sehr vom Zorn bemeistern, als er Reutlingen sich unterwarf--"
Er hielt inne, als erwarte er die Antwort des Ritters, doch dieser schlug die Augen nieder und winkte schweigend dem jungen Mann, fortzufahren "Nun, so dachte ich von dem Herzog, als ich bündisch wurde, so, und nur etwas stärker sprach man von ihm im Heer. Aber eine große Fürsprecherin hatte er an Marien, und es ist Euch vielleicht bekannt, daß ich mich auf ihr Zureden lossagte. Nun bekamen die Sachen bald eine andere Gestalt in meinen Augen, sei es, weil ich von Natur mitleidig bin und niemand ungerecht mißhandelt sehen kann, oder auch, weil ich die Absichten der Bündischen besser durchschaute ich sah, daß dem Herzog zuviel geschehe; denn der Bund hatte offenbar kein Recht, den Herzog aus allen seinen Besitzungen, und sogar von seinem Fürstenstuhl, zu vertreiben und ihn ins Elend zu jagen. Und da gewann der Herzog wieder in meinen Augen. Er hätte ja vielleicht noch eine Schlacht wagen können, aber er wollte nicht das Blut seiner Württemberger auf ein so gewagtes Spiel setzen. Er hätte den Leuten Geld abpressen können und die Schweizer damit halten, aber er war größer als sein Unglück. Seht--das hat mich zu seinem Freund gemacht."
Der Ritter schlug die Augen auf, seine Brust schien höher zu schlagen, seine edle Gestalt richtete sich stolz empor, er sah Georg lange an und drückte seine Hand an sein pochendes Herz. "Wahrlich", sagte er, "es lebt eine heilige, reine Stimme in Dir, junger Freund! Ich kenne den Herzog wie mich selbst, aber ich darf sagen, wie Du sagtest, er ist größer als sein Unglück, und--besser als der Ruf von ihm sagt. Aber er hat wenige gefunden, die ihm die Probe gehalten haben! Ach, daß er nur Hundert gehabt hätte, wie Du bist, und es hätte kein Fetzen der bündischen Paniere auf einer württembergischen Zinne geweht. Daß Du sein Freund werden könntest! Doch es sei fern von mir, Dich einzuladen, sein Unglück mit ihm zu teilen, es ist genug, daß Deine Klinge und ein Arm wie der Deinige nicht mehr seinen Feinden gehört. Mögen Deine Tage heiterer sein als die seinigen, möge der Himmel Dir Deine guten Gesinnungen gegen einen Unglücklichen belohnen!"
Es wehte ein Geist in den Worten des geächteten Ritters, der manche verwandte Saite in dem Herzen des Jünglings anschlug. War es die Anerkennung seines persönlichen Wertes, die ihm aus dem Mund eines Tapferen so ermunternd klang, war es die Ähnlichkeit des Schicksales dieses Unglücklichen mit seiner eigenen Armut und mit dem Unglück seines Hauses, war es die romantische Idee, nicht für das siegende Unrecht, sondern für die gerechte Sache, gerade weil sie im tiefsten Unglück war, sich zu erklären--Georg fühlte sich unwiderstehlich zu diesem geächteten Mann, zu der Sache, für die er litt, hingezogen; begeistert faßte er seine Hand und rief: "Es spreche mir keiner von Vorsicht, nenne es keiner Torheit, sich an das Unglück anzuschließen! Mögen andere dieses schöne Land dort oben teilen und in den Gütern dieses unglücklichen Fürsten schwelgen--ich fühle Mut in mir, mit ihm zu tragen, was er trägt, und wenn er sein Schwert zieht, seine Lande wieder zu erobern, so will ich der erste sein der sich an seine Seite stellt. Nehmt meinen Handschlag, Herr Ritter, ich bin, wie es auch komme, Ulrichs Freund für immer!"
Eine Träne glänzte in dem Auge des Geächteten, indem er den Handschlag zurückgab. "Du wagst viel, aber Du bist viel, wenn Du Ulrichs Freund bist. Das Land da oben gehört jetzt den Räubern und Dieben, aber hier unten ist noch gut Württemberg, Hier vor mir sitzt der Ritter und der Bürger, vergeßt einen Augenblick, daß ich ein armer Ritter und ein unglücklicher, geächteter Mann bin, und denkt, ich sei Fürst des Landes, wie ich der Herr der Höhle bin. Ha! Noch gibt es ein Württemberg, wo diese drei zusammenhalten, und sei es auch tief im Schoß der Erde. Fülle den Becher, Hans, und lege Deine rauhe Hand in die unsrigen, wir wollen den Bund besiegeln!"
Hans ergriff den vollen Krug und füllte den Becher. "Trinkt, edle Herren, trinkt", sagte er, "Ihr könnt Euch in keinem edleren Wein Bescheid tun, als in diesem Uhlbacher."
Der Geächtete trank in langen Zügen den Becher aus, ließ ihn wieder füllen und reichte ihn Georg. "Wie ist mir doch?" sagte dieser. "Blühte nicht dieser Wein um Württembergs Stammschloß? Ich glaube, man nennt so den Wein, der auf jenen Höhen wächst?"
"Es ist so", antwortete der Geächtete, "Rothenberg heißt der Berg, an dessen Fuß dieser Wein wächst, und auf seinem Gipfel steht das Schloß, das Württembergs Ahnen gebaut haben--Oh, ihr schönen Täler des Neckars, ihr herrlichen Berge voll Frucht und Wein! Von euch, von euch auf immer!" Er rief es mit einer Stimme, die aus einem gebrochenen Herzen voll Schmerz und Kummer heraufstieg, denn die Wehmut hatte die Decke gesprengt, womit der feste, unbeugsame Sinn dieses Mannes seine kummervolle Seele verhüllt hatte.
Der Bauer kniete nieder zu ihm, ergriff seine Hand und weckte ihn aus dem düsteren Hinbrüten, dem er sich einige Augenblicke hingegeben hatte. "Seid stark, guter Herr! Ihr werdet sie wiedersehen, fröhlicher, als Ihr sie verlassen habt."
"Ihr werdet sie wiedersehen, die Täler Eurer Heimat", rief Georg, "wenn der Herzog einrückt in sein Land, wenn er einzieht in die Burg seiner Ahnen, wenn die Täler des Neckars und seine weinreichen Höhen widerhallen vom Jubel des Volkes, dann werdet auch Ihr Eurer Wohnung wieder entgegenziehen. Verscheucht die trüben Gedanken: trinkt, vergeßt nicht, was wir vorhin gesprochen haben, ich tue Euch Bescheid in diesem Württemberger Wein--der Herzog und seine Treuen!"
Ein angenehmes Lächeln ging wie ein Sonnenblick bei diesen Worten auf den düsteren Zügen des Ritters auf. "Ja!" rief er, "Treue ist das Wort, das Genesung gibt dem gebrochenen Herzen, wie ein kühler Trank dem einsamen Wanderer in der Wüste. Vergeßt meine Schwäche, Junker. Verzeiht sie einem Mann, der sonst seinem Kummer nicht Raum gibt. Aber wenn Ihr je vom Gipfel des roten Berges hinabgesehen hättet auf das Herz von Württemberg, wie der Neckar durch grüne Ufer zieht, wie manneshohe Halme in den Feldern wogen, wie sanfte Hügel am Fluß sich hinaufziehen, bepflanzt mit köstlichem Wein, wie dunkle, schattige Forsten die Gipfel der Berge bekränzen, wie Dorf an Dorf mit den freundlichen roten Dächern aus den Wäldern von Obstbäumen hervorschaut, wie gute fleißige Menschen, kräftige Männer, schöne Weiber auf diesen Höhen, in diesen Tälern walten und sie zu einem Garten anbauen--hättet Ihr dieses gesehen, Junker, gesehen mit meinen Augen, und säßet jetzt hier unten, hinausgeworfen, verflucht, vertrieben, umgeben von starren Felsen, tief im Schoß der Erde! Oh, der Gedanke ist schrecklich und oft zu mächtig für ein Männerherz!"
Georg bangte, der Ritter möchte durch die traurige Gegenwart und seine schöneren Erinnerungen wieder in seine Wehmut zurückgeführt werden, daher suchte er schnell dem Gespräch eine andere Wendung zu geben: "Ihr wart also oft um den Herzog, Herr Ritter? Oh sagt mir, ich bin ja jetzt sein Freund, sagt mir, wie ist er im Umgang? Wie sieht er aus? Nicht wahr, er ist sehr veränderlich und hat viele Launen?"
"Nichts davon", antwortete der Geächtete, "Ihr werdet ihn sehen und lernt ihn am besten ohne Beschreibung kennen. Aber schon zu lange haben wir von fremden Angelegenheiten gesprochen. Von Euren eigenen sagt Ihr gar nichts? Nichts von dem Zweck Eurer jetzigen Reise, nichts von dem schönen Fräulein von Lichtenstein?--Ihr schweigt und schlagt die Augen nieder? Glaubt nicht, daß es Neugierde sei, warum ich frage. Nein, ich glaube Euch in dieser Sache nützlich sein zu können."
"Nach dem, was diese Nacht zwischen uns geschehen ist", antwortete Georg, "ist von meiner Seite keine Zurückhaltung, kein Geheimnis mehr nötig. Es scheint auch, Ihr wüßtet längst, daß ich Marien liebe, vielleicht auch, daß sie mir hold ist?"
"Oh ja", entgegnete der Ritter lächelnd, "wenn ich anders die Zeichen der Liebe verstehe und richtig deuten kann. Denn sie schlug, wenn von Euch die Rede war, die Augen nieder und errötete bis an die Stirn; auch nannte sie Euren Namen mit eigenem, so eigenem Ton, als gäben alle Saiten ihres Herzens den Akkord zu diesem Grundton an."
"Ich glaube, Euer scharfes Auge hat richtig bemerkt, und deswegen will ich nach Lichtenstein. Ich war von Anfang willens, als ich mich vom Bund lossagte, nach Haus zu ziehen, aber die Alb ist schon halbwegs von Franken hierher, da dachte ich, ich könnte das Fräulein noch einmal zuvor sehen. Der Mann hier führte mich über die Alb. Ihr wißt, was meine Reise um acht Tage verzögerte. Sobald der Morgen herauf ist, will ich oben im Schloß einsprechen, und ich hoffe, ich komme dem alten Herrn jetzt willkommener, da ich das neutrale Gebiet verlassen und zu seiner Farbe mich geschlagen habe."
"Wohl werdet Ihr ihm willkommen sein, wenn Ihr als Freund des Herzogs kommt, denn er ist ihm treu und sehr ergeben. Doch könnte es sein, daß er Euch nicht traute, denn er soll ein wenig mißtrauisch und grämlich gegen fremde Menschen sein. Ihr wißt, wie ich mit ihm stehe, denn er ist der barmherzige Samariter, der mich, wenn ich nachts aus meiner Höhle steige, mit warmer Speise und mit noch wärmerem Trost für die Zukunft labt. Ein paar Zeilen von mir mögen Euch bei ihm besser empfehlen als ein Freibrief des Kaisers, und zum Zeichen für ihn und manchen andern, nehmt diesen Ring und tragt ihn zum Andenken an diese Stunde, er wird Euch als einen Freund der gerechten Sache Württembergs verkünden." Er zog bei diesen Worten einen breiten Goldreif vom Finger. Ein roter Stein war in der Mitte gefaßt, und in den drei Hirschgeweihen mit dem Jagdhorn auf dem Wappenhelm, die darin eingegraben waren, erkannte der junge Mann das Zeichen Württembergs. Um den Ring standen erhaben eingeprägte Buchstaben, deren Sinn er nicht verstand. Sie hießen Uhzwut.
"Uhzwut? Was bedeutet dieser Name?" fragte er. "Ist es etwa ein Feldgeschrei für die Anhänger des Herzogs?"
"Nein, mein junger Freund", antwortete der geächtete Ritter. "Diesen Ring trug der Herzog lange an seiner Hand, und er war mir immer sehr wert, ich habe aber noch viele andere Andenken von ihm und konnte dieses an keinen Besseren abtreten. Die Zeichen heißen Ulrich Herzog zu Württemberg und Teck!"
"Er wird mir ewig teuer sein", erwiderte Georg, "als ein Andenken an den unglücklichen Herrn, dessen Namen er trägt, und als schöne Erinnerung an Euch, Herr Ritter, und die Nacht in der Höhle."
"Wenn Ihr an die Zugbrücke von Lichtenstein kommt", fuhr der Ritter fort, "so gebt dem nächsten besten Knecht den Zettel, den ich Euch schreiben werde, und diesen Ring, solches dem Herrn des Schlosses zu bringen, und Ihr werdet gewiß empfangen werden, als wäret Ihr des Herzogs eigener Sohn. Doch für das Fräulein müßt Ihr Eure eigenen Zeichen haben, denn auf sie erstreckt sich mein Zauber nicht. Etwa ein herzlicher Händedruck, die geheimnisvolle Sprache der Augen oder ein süßer Kuß auf ihren roten Mund. Doch, um gehörig vor ihr zu erscheinen, habt Ihr Ruhe nötig, denn Eure Augen möchten nach einer durchwachten Nacht etwas trübe sein. Daher folgt meinem Beispiel, streckt Euch auf die Rehfelle nieder und legt Euren Mantel als Kopfkissen unter. Und Du, würdiger Majordomus, oberster Kämmerer und Mundschenk, Hans, getreuer Gefährte im Unglück, reiche diesem Paladin noch einen Becher zum Schlaftrunk, daß ihm jene Felle zum weichen Pfühl, diese Felsengrotte zum Schlafgemach werde und ihn der Gott der Träume mit seinen lieblichen Bildern besuche!"
Die Männer tranken und legten sich zur Ruhe, und Hans setzte sich, wie ein treuer Hund, an die Pforte der Felsenkammer. Bald kam Morpheus mit leisen Tritten zu dem Lager des Jünglings und streute seine Schlummerkörner über ihn, und er hörte nur noch halb im Traum, wie der geächtete Mann sein Nachtgebet sprach und mit frommer Zuversicht zu dem Lenker der Schicksale flehte, über ihn und jenes unglückliche Land, in dessen tiefem Schoß er jetzt ruhte, seinen Schutz und seine Hilfe herabzusenden.
Kapitel 21
Georg konnte sich anfangs nicht recht auf seine Lage und die Gegenstände umher besinnen, als er vom Pfeifer von Hardt aus dem Schlaf aufgeschüttelt wurde; allmählich aber kehrten die Bilder der vergangenen Nacht in seine Seele zurück, und er erwiderte freudig den Handschlag, mit welchem ihn der geächtete Ritter begrüßte. "So gerne ich Euch noch tagelang in meinem Palast beherbergen würde", sprach dieser, "so möchte ich Euch doch raten, nach Lichtenstein aufzubrechen, wenn Ihr anders ein warmes Frühstück haben wollt. In meiner Höhle kann ich Euch leider keines bereiten lassen, denn wir machen niemals Feuer an, weil der Rauch uns gar zu leicht verraten könnte."
Georg stimmte seinen Gründen bei und dankte ihm für seine Beherbergung. "Wahrlich", sagte er, "ich habe selten eine fröhlichere Nacht beim Becher verlebt als in dieser Höhle. Es hat etwas Reizendes, so tief unter den Füßen der Menschen zu atmen und mit Freunden sich zu besprechen Ich gebe nicht den herrlichsten Saal des schönsten Schlosses um diese Felsenwände!"
"Ja, unter Freunden, wenn der Becher munter kreist", entgegnete der Bewohner der Höhle, "aber unfreiwillig hier zu sitzen, tagelang einsam in diesen Kellern über sein Unglück zu brüten, wenn das Herz sich hinaussehnt in den grünen Wald, unter den blauen Himmel, wenn das Auge, müde dieser unterirdischen Pracht, hineintauchen möchte in die reizende Landschaft, hinüberschweifen möchte über lachende Täler zu den fernen Bergen der Heimat; wenn das Ohr, betäubt von dem eintönigen Gemurmel dieser Wasser, die Tropfen um Tropfen von den Wänden rieseln und gesammelt in bodenlose Tiefen hinabstürzen, sich hinaussehnt, den Gesang der Lerche zu hören, zu lauschen, wie das Wild in den Büschen rauscht!"
"Armer Mann! Es ist wahr, eine solche Einsamkeit muß schrecklich sein!"
"Und dennoch", fuhr jener fort und richtete sich höher auf, indem ein stolzer Trotz aus seinen Augen blitzte, "und dennoch preise ich mich glücklich, mit Hilfe guter Leute diese Zuflucht gefunden zu haben. Ja, ich wollte lieber noch hundert Faden tiefer hinabsteigen, wo die Brust keine Luft mehr zu atmen findet, als in die Hände meiner Feinde zu fallen und ihr Gespött werden; und wenn sie dahin mir nachkämen, die blutgierigen Hunde des Bundes, so wollte ich mich mit meinen Nägeln weiter hineinscharren in die härtesten Felsen, ich wollte hinabsteigen, tiefer und immer tiefer, bis zum Mittelpunkt der Erde. Und kämen sie auch dorthin, so wollte ich die Heiligen lästern, die mich verlassen haben, und wollte den Teufel rufen, daß er die Pforten der Finsternis aufreiße und mich berge gegen die Verfolgung dieses übermütigen Gesindels." Der Mann war in diesem Augenblick so furchtbar, daß Georg unwillkürlich vor ihm zurückbebte. Seine Gestalt schien größer, alle seine Muskeln waren angespannt, seine Wangen glühten, seine Augen schossen Blitze, als suchten sie einen Feind, den sie vernichten sollten, seine Stimme dröhnte hohl und stark, und das Echo der Felsen sprach ihm in schrecklichen Tönen seine Verwünschungen nach. Obgleich diese Gradation dem Jüngling zu stark vorkommen mochte, so konnte er doch die Gefühle eines Mannes nicht tadeln, den man, weil er seinem Herrn treu geblieben war, aus seinen Besitzungen hinausgeworfen hatte, den man wie ein angeschossenes Wild suchte, um ihn zu töten. "Es liegt ein Trost in dieser Besinnung", sagte er zu dem Geächteten, "und Ihr werdet Euer Unglück leichter tragen, wenn Ihr den Gegensatz recht scharf ins Auge faßt. Ich bewundere Euch um Eure Seelenstärke, Herr Ritter; aber eben dieses Gefühl der Bewunderung nötigt mir eine Frage ab, die vielleicht noch immer zu unbescheiden klingt, doch Ihr habt mich in der letzten Nacht zu oft Freund genannt, als daß ich sie nicht wagen dürfte; nicht wahr, Ihr seid Marx Stumpf von Schweinsberg?"
Es mußte etwas Lächerliches in dieser Fragen liegen, das Georg nicht finden konnte, denn der Ernst, der noch immer auf den Zügen des Ritters gelegen, war wie weggeblasen; er lachte zuerst leise vor sich hin, dann aber brach er in lautes Gelächter aus, in welches, wie auf ein gegebenes Zeichen, auch der Spielmann einstimmte.
Georg sah bald den einen, bald den andern fragend an, aber seine verlegenen Blicke schienen nur die Lachlust der beiden Männer noch mehr zu reizen. Endlich faßte sich der Geachtete, "Verzeiht, werter Gast, daß ich das Gastrecht so gröblich verletzte und mir nicht lieber die Zunge abgebissen habe, ehe ich etwas von Euch lächerlich fand; aber wie kommt Ihr nur auf den Marx Stumpf? Kennt Ihr ihn denn?"
"Nein, aber ich weiß, daß er ein tapferer Ritter ist, daß er wegen des Herzogs vertrieben wurde und daß die Bündischen auf ihn lauern, und paßt dieses nicht alles ganz gut auf Euch?"
Danke Euch, daß Ihr mich für so tapfer haltet, aber das möchte ich Euch doch raten, daß Ihr dem Stumpf nicht bei Nacht in den Weg kommt wie mir, denn dieser hätte Euch ohne weiteres zu Kochstücken zusammengehauen. Der Schweinsberg ist ein kleiner dicker Kerl, einen Kopf kleiner als ich, und darum kam mir unwiderstehlich das Lachen. Übrigens ist er ein ehrenwerter Mann, und einer von den wenigen, die ihren Herrn im Unglück nicht verließen."
"So seid Ihr nicht dieser Schweinsberg?" entgegnete Georg traurig "und ich muß gehen, ohne zu wissen, wer mein Freund ist?"
"Junger Mann!" sagte der Geächtete mit Hoheit, die nur durch den gewinnenden Ausdruck der Freundlichkeit gemildert wurde. "Ihr habt einen Freund gefunden durch Euer tapfereres, ehrenvolles Wesen, durch Euren offenen, freien Blick, durch Eure warme Teilnahme an dem unglücklichen Herzog. Es sei Euch genug, diesen Freund gewonnen zu haben, fragt nicht weiter, ein Wort könnte vielleicht dieses trauliche Verhältnis zerstören, das mir so angenehm ist. Lebt wohl, denkt an den geächteten Mann ohne Namen, und seid versichert, ehe zwei Tage vorbeigehen, sollt Ihr von mir und meinem Namen hören." Es wollte Georg dünken, als stehe dieser Mann, trotz seines unscheinbaren Kleides, vor ihm wie ein Fürst, der seinen Diener huldreich entläßt, so groß war jene unbeschreibliche Hoheit, die ihm auf der Stirn thronte, so erhaben der Glanz, der aus seinem Auge drang.
Der Pfeifer hatte unter diesen Worten die Fackeln angezündet und stand wartend am Eingang der Grotte; der geächtete Ritter drückte einen Kuß auf die Lippen des Jünglings und winkte ihm zu gehen. Er ging und wußte nicht, wie ihm geschah, noch nie war ihm ein Mensch so freundlich nahe, und doch zugleich so unendlich hoch über ihm gestanden, noch nie hatte er gefühlt, wie in jenen Augenblicken, daß ein Mann, entkleidet von jenem irdischen Glanz, der das Leben schmückt, selbst in ärmlicher Hülle und Umgebung eine Erhabenheit und Größe von sich strahlen könne, die das Auge blendet, und das Gefühl des eigenen Ichs so plötzlich überrascht und hinabdrückt.