Libussa Trauerspiel in fünf Aufzügen
Chapter 5
Primislaus. Laßt ab!--Der Boden schwankt, die Sinne schwindeln. Aus steiler Höhe rasch herabgeglitten, Schlägt noch die Erde Wellen unter mir Und die Bewegung setzt sich fort ins Innre. Ich könnte sagen, tun, was fremd mir selbst.
Nun ist es wieder gut. Nun kommt nur an! Was wollt ihr und was fordert man von mir?
Ihr schweigt? Sind eure blanken Schwerter Worte? Und heischt mein Leben eure milde Frau? O Güte, Güte, himmelsgleiche Güte Wie preist dich hochentzückt ein ganzes Land! Ich aber nenn es Willkür, Weiberlaune, Die nur geleitet durch ein blind Gefühl Hier ausgießt ihres Füllhorns Überfluß Weil der Empfänger nah, weil er genehm, Weil ihm ein dunkles Etwas Gunst verleiht, Dort wieder nimmt, weil doch parteiisch Geben Ein Geben und ein Nehmen ist zugleich. Es ist die Welt kein traumgeschaffner Garten Wo Duft und Farbenglanz den Platz bestimmt, Die Rose Königin und Raute, Lattich Das Unkraut, das man austilgt mit dem Fuß. Ein Ungefähr verlieh mir Wert und Huld, Doch beides nimmt ein launisch Zürnen wieder. Und wenn Freigebigkeit aus Himmelshöhn Hernieder stiege zu der armen Erde, Sie müßte stehen menschlichem Ermessen Und Antwort geben, wenn gefragt: warum? Ich will gewogen sein mit gleicher Waage, Wie hoch mein Anspruch und wie tief mein Fehl. Der Willkür fügt kein Freier sich, kein Mann.
Ich sehe Ketten dort in euern Händen Hier sind die meinen, legt mir Fesseln an! In Turmesnacht, von Lebenden geschieden Will ich das Loblied singen eurer Frau, Mich selber richten, daß ich ihr vertraut.
Dir scheinen Ketten zu gelinde Strafe, Ich seh's, du zückst das Schwert auf meine Brust. Wohl weiß ich was ihr wollt, was ihr begehrt; Ich aber sagte: nein, und sag es noch. War's auch ein Spiel nur, ein verwegner Scherz, Den Übermut zu bändigen durch List, Den Anspruch mir zu wahren, der mein Recht, Auf eurer Fürstin Dank und Anerkennung. Hab ich's verweigert, so verweigr' ich's noch, Mein Leben setz ich ein für meinen Willen. Stoß, Mörder, zu! ich bin in eurer Macht, Der Götter Schutz vertrau ich meine Seele.
(Er sinkt auf ein Knie und verhüllt die Augen mit der Hand.--Libussa ist von der linken Seite eingetreten. Auf ihren Wink haben sich die Gewaffneten hinter den Vorhang zurückgezogen. Sie klatscht in die Hände und von den Seitenwänden schieben sich Armleuchter mit brennenden Kerzen vor. Es ist licht.--Primislaus emporblickend.)
War das das Zeichen blutigen Vollzugs?
Du selber bist's? So traf mich schon der Stoß Und wall ich jenseits in den sel'gen Fluren, Wo uns der Wunsch erfüllt entgegenkommt? Wo dieser Erde Druck und bittres Leiden Als Kranz sich windet um der Sel'gen Haupt? Du bist es nicht, du bist dein eigner Schatten, Sei mir, dem gleichen Schatten, denn gegrüßt.
Libussa. Du lebst, doch leb auch ich. Ich bin Libussa Und rühme mich Gerechten als gerecht. Du hast mich schwer beschuldigt und ich komme Dir Rede stehen, zu verteid'gen mich.
Primislaus. Verteid'gen dich? Bist du denn nicht die Hohe, Die Himmlische, den hohen Göttern ähnlich? So wie die Sonne, wenn sie Wolken zog Und Blitz auf Blitz den Horizont durchschneidet, In Finsternis sich hüllt die bange Welt; Kaum daß durch eine Spalte des Gewölks Sie vortritt in der ewig gleichen Schöne, Das All die holde Dienstbarkeit erkennt, Vergessen fast im Segen der Gewohnheit-- Bist du am offenbarsten wenn verhüllt Und trägst die Krone wenn du sie verleugnest.
Libussa. Nun sprichst du so, nachdem du lang verweigert.
Primislaus. Dem kränkenden Befehl.
Libussa. Nun denn: ich bitte.
Primislaus. Hört ihr's ihr Mauern? Hörst du's laue Luft, Die Wärme nimmt von ihrer Glieder Wärme? Wir waren, o verzeih, setz ich dich gleich, Wir waren wie die Kinder wenn sie schmollen, Wegweisend was der Wunsch zumeist begehrt.
Nun fort auch jeder Anspruch, jedes Recht, All was nicht Demut ist und Unterwerfung. Womit ich binden wollte deine Huld, Nimm es zugleich mit dem Gebundnen hin. (Er hat das Kleinod aus der Brust gezogen und bietet es dar.) O wären diese Hände Purpurkissen, Um würdig dir zu bieten was das Deine.
Libussa. Die Hälfte deines Anspruchs wahrst du doch. Es fehlt ein Teil, der voll erst macht das Ganze. Ich muß dich klug, muß dich verständig nennen, Doch minder edel deucht mich was du tatst. Sprich, ist es zart, wie's gegen Frauen ziemt, Vorzuenthalten was ihr Wunsch begehrt, Und sich durch List zu sichern was nur Gunst, Nicht Recht noch Schlauheit eignet zum Besitz?
Primislaus. Ich gab es ja, gab's schon bei meinem Eintritt.
Wir sind am selben Ort der mich empfing. Hier stehn die Blumen, meiner Armut Gabe, Die man als wertlos nicht vom Ort verrückt. So kommt denn ihr, gebt Zeugnis meinen Worten! (Er hat den Korb aufgenommen.) Den Sinnspruch hast du dennoch nicht erraten! Unter Blumen liegt das Rätsel Und die Lösung unter Früchten. (Er stürzt den Korb zu ihren Füßen auf den Boden. Die Kette liegt obenauf.) Wer in Ketten legte, hat sie, (zurücktretend) Der sie trägt, ist ohne Kette. Und nun erlaube, daß gleich einer Magd Ich wieder füge was der Zufall trennte. (Er setzt sich auf die unterste Stufe des Thrones, indem er die Kette trennend, das Mittelkleinod einfügt.) Wer mir die Kette teilt, Allein sie teilt mit keinem dieser Erde, Vielmehr sie teilt, auf daß sie ganz erst werde; (mit erhobener Stimme) Hinzufügt was, indem man es verlor, Das Kleinod teurer machte denn zuvor. O wüßtest du was mir bei diesem Wort Für Hoffnungen durch meine Seele stürmten! Ich war ein Tor!--Dein Auftrag nun erfüllt, Leg ich mein Werk zu deinen Füßen nieder Und kann nun scheiden ohne Schuld und Fehl. (Er legt das Geschmeide auf die Blumen am Boden.)
Libussa. Noch einmal nenn ich klug dich und auch edel. Bleib hier! Es will das Volk bestimmte Sprüche. Was mir der Geist, in Ahnungen verhüllt Und in Erinnrung an des Vaters Weisheit' Mit unbewiesner Sicherheit verkündet, Sie wollen's prüfen, wollen es begreifen Und ihres eignen Richters Richter sein. Sei du der Übertrager meiner Worte, Kleid ihnen ein wie's ihrer Fassung ziemt, Was ich errate mehr, als faßlich denke, Und erst als heilsam sich als wahr bewährt.
Primislaus. Du bist umworben von des Landes Höchsten, Bald steht ein Gatte, Fürstin, neben dir. Mein Leben und mein Blut sind dir erbötig; Doch dien ich keinem Mann.
Libussa. So glaubst du wirklich, Die Toren träfe jemals meine Wahl?
Primislaus. Doch wenn das Land nun unterstützt die Werbung?
Libussa. So wirb auch du, ob hoffnungslos wie sie.
Primislaus. Sie sind, noch einmal, dieses Landes Beste. Ich bin der Letzten einer, ohne Schutz.
Libussa. Du bist so machtlos nicht als du wohl glaubst. Weißt du?--Und eben deshalb kam ich her, Trotz jenes Scherzes, erst im Turm, mit Wlasta. Ich weiß es war nur Scherz, doch war er frech Und er verdiente wohl ein längres Zürnen. Doch kam ich her ob wirklicher Gefahr. Weißt du? Das Volk steht draußen vor den Toren, Sie glauben dich in Haft, bedroht dein Leben Und fordern dich zurück mit Wut und Trotz.
Primislaus. Ist hier kein Schwert? Wo sind die Waffenmänner, Die kurz vorher sich feindlich mir genaht? Ich will hinaus! ich will den Aufruhr lehren, Daß rohe Macht nur Macht ist im Gehorsam Und Niedres sich vor Höherm willig beugt.
Libussa. Da wäre ja der Schützer den ich brauche! Du bist ein Mann, dir folgen sie wohl willig, Sehn sie in dir das Bild doch des Geschlechts. Hartnäckigkeit hat dich als Mann bewiesen.
Primislaus. Wenn du Beharrlichkeit statt dessen sagst, Hast du genannt vielleicht den einz'gen Vorzug In dem die Frau nachsieht dem festen Mann.
Libussa. Weshalb euch denn die Herrschaft auch gebührt? Doch wär' ich nun beharrlich so wie du, Und legte von mir dieses Landes Krone, Und ließe die Beharrlichen beharren In ihres Trotzes ungezähmter Gier?
Primislaus. O tu's, Libussa, tu's! Sei wieder jene Als die du mir im Walde dort erschienst; Der Rasenplatz dein Reich, und deine Krone Du selbst, mit dir als Edelstein geschmückt. Hüll wieder dich in meiner Schwester Kleider, Dieselben die ich oft ans Herz gedrückt, Als freilich eines andern Körpers Hülle, Der minder schön, doch nahe mir wie du. Siehst du? wie hart ihr seid und karg und selbstisch? Ich gab dir alles was mein Eigentum, Mein treues Roß, der Schwester heil'ges Erbe (Das Geschmeide mit dem Fuße berührend.) Und ihr, ihr marktet um den blanken Tand, Der kaum ein Tausendteil von deinen Schätzen.
Libussa. Es ist des Vaters teures Angedenken.
Primislaus. Ich hasse deine Eltern, deine Schwestern, Die Wurzel und den Stamm--bis auf die Blüte.
Libussa. Wohl gar auch mich?
Primislaus. Auch dich, sagt' ich beinah. Weil ohne Worte du versprichst, und sprechend Der Sprache deiner Anmut widersprichst.
Und dennoch warst du mein, in meiner Macht, Als Zeuge nur die Luft und jene Bäume. Die Tat war ehrfurchtsvoll, doch die Gedanken Sie haben räuberisch an dir gesündigt. Als ich aufs Pferd dich hob, bei jedem Straucheln Dir Hilfe bot, da fühlt' ich deine Nähe. Den unberührten Leib hab ich berührt, Ich weiß wie warm die Pulse deines Lebens, Und wer dich freit, wer dich von dannen führt, Ich werd' ihm sagen: du bist nur der Zweite, Den Vorschmack deines Glücks hab ich gefühlt.
Libussa. Ich werde zürnen wenn du achtlos sprichst.
Primislaus. Du zürnst ja schon und hast gezürnt, und Strenge Ist all dein Wesen, bis auf jenen Tag. Da warst du mild und lebst mir so im Herzen.
Als nun der Augenblick der Trennung kam, Da sprach ich bang zu dir: Neig mir dein Haupt! Und hing um deinen edlen Hals die Kette Von der ich mir den besten Teil geraubt, Das Kleinod das der Jungfrau Schmuck und Zier, Das Sinnbild erster, ahnender Begegnung. Jetzt ist es keine Kette mehr, die bindet, Ein Gürtel, den nur Weiberhand berührt Und anlegt um der Herrin schlanke Hüften. Bis jener kommt, der bindet ihn und löst Und dem ich weiche, wie einst aus dem Leben.
Libussa. Bleib hier! Ob stolz, sollst du mir dienstbar sein. Leg an den Gürtel, hier an seinem Platz, Und weh dem, der ihn noch nach dir berührt! (Mit erhobener Stimme.) Ihr aber, die gewärtig meines Winks, Herbei! Und seht was ihr begehrt erfüllt.
(Mägde, Wladiken und Landleute treten ein. Libussa zu den Dienerinnen.)
Ihr aber helft ihm, er ist ungeschickt.
Primislaus. Ich zittre ja.
Libussa. Nun denn zum letztenmal.
(Die Dienerinnen legen ihr den Gürtel vollends an.)
Ihr andern, die besorgt um euern Freund, Er ist hier sicher. Er ist mein Gemahl. Dient ihm wie mir, wenn nicht noch mehr als mir, Denn ich ich dien ihm selbst als meinem Herrn. Ich neige mich, folgt eurer Fürstin Beispiel,
(Indem sie Primislaus' Hand ergreift und halb das Knie beugt, das Volk aber kniet, fällt der Vorhang.)
Fünfter Aufzug
Ländliches Gemach von querliegenden Baumstämmen gefügt. Im Hintergrunde zwei Mägde Libussas, die ein breites Tuch ausgespannt vor sich hinhalten, indes eine andre am Boden kniend mit einem Griffel eine bezweckte Form daran abzumessen scheint. Im Vorgrunde rechts ein Stuhl mit einem darangelehnten Spinnrocken. Dobromila, als eben von der Arbeit aufgestanden, steht daneben und sieht den im Hintergrunde Beschäftigten zu. Zu beiden Seiten Türen.
Wlasta (zur Türe links eintretend). Ist eure Fürstin wach?
Dobromila. Ah, Wlasta, du?
Wlasta. Und ist sie hergestellt von ihrem Siechtum?
Dobromila. Der Anlaß war so schön, und der Erfolg Beglückt so überhoch, daß etwas Schwäche, Schon als Erinnrung selber ein Genuß.
Wlasta. Ihr habt euch hier recht ländlich eingerichtet.
Dobromila. Der Fürst durchzieht das Land, und seine Gattin Folgt ihm auf jedem Schritt, so daß zur Zeit Hier diese Hütte unser Königsschloß.
Wlasta. Und seid beschäftigt auch. O Dobromila! Du legtest kaum die Spindel aus der Hand. Ihr seid herabgekommen gute Mädchen!
Dobromila. Wir sind vergnügt.
Wlasta. Ich aber bin es nicht. Mir widert der Befehl aus niederm Mund. Drum ging ich zu den Schwestern deiner Frau Auf Wischehrad. Zwar wohnt dort Langeweile, Doch dient man gern wenn Hoheit heischt den Dienst. Kann ich Libussa sprechen?
Dobromila. Schau, sie selbst!
(Libussa kommt aus der Seitentüre rechts.)
Libussa. Ah, Wlasta, du bei uns! Was führt dich her?
Wlasta. Libussa, hohe Frau!
Libussa. Dein Aug' ist feucht Was nur erpreßt der Starken diese Tränen?
Wlasta (zeigt mit Gebärde auf die umgebenden Gegenstände).
Libussa. Ja so, du weinst um uns? Wir sind dir dankbar, Man sagt kein irdisch Glück sei ungetrübt. Nimmst du die Trübsal nun, statt uns, auf dich, So freun wir uns um desto ungetrübter.
Wlasta. Der Abstand martert mich von einst auf jetzt.
Libussa. Ist dieser Abstand doch des Menschen Leben! Von Kind zu Jungfrau, bis zuletzt das: jung, Erst nur ein Wort, sich ablöst von der Frau: Der einz'ge Name treu uns bis zum Tode.
Wlasta. Du weichst mir aus; ein Zeichen daß du's fühlst. Mein Jammer ist, daß ich die Hohe, Hehre Muß unterwürfig sehn dem Sohn des Staubs.
Libussa. Du sprichst von Primislaus? O gutes Mädchen, Wär' irgend Schmerz in meinem vollen Glück, So wär' es, daß mein Gatte jeden Strahl Der Hoheit rücklenkt auf mein eignes Haupt; Daß wie ein Träger anvertrauter Macht, Wie ein Verweser nur von fremdem Gut, Er nie sich fühlt als Herr und als berechtigt.
Wlasta. Doch scheint mir was geschieht ist meist sein Wille.
Libussa. Es ist so, ja. Doch weißt du auch warum? Er hat fast immer recht. Wir haben, Mädchen, Die Macht geübt zu eigenem Genuß. Wir pflückten ab die Blumen alles Guten, Er geht vom Stamm herab bis zu der Wurzel, Und schon des Samenkornes hat er acht. Wir fühlten in dem fremden Glück das eigne, Er liebt im fremden fast das fremde nur, Das Edle selbst, das wohltut höherm Sinn, Weist er zurück und duldet das Gemeine Wenn allgemein der Nutzen und die Frucht. Drum wo uns Widersetzlichkeit gedroht, Dort findet er Gehorsam. Jeder hilft Teilnehmend am Vollbringen, am Vollbrachten. Es ist so schön für andere zu leben! Lebt er für sie, warum nicht ich für ihn?
Wlasta. Doch deine Schwestern sind nicht gleichen Sinns, Sie fühlen noch die angestammte Hoheit Und es belästigt sie die neue Zeit. Im Walde, wo ihr Schloß, ertönt die Axt, Der tausendjähr'gen Eichen Stämme fallen Zu niedrigem Gebrauch. Der Felsen Innres Durchwühlt der Eigennutz und sprengt die Fugen, Dem Licht verflossen seit dem Schöpfungstag, Um Steine sich zu brechen fürs Gehöft, Für seiner Herde schmutzige Umfriedung. Sie aber, deine Schwestern, wollen einsam Und ungestört vom lauten Pöbelschwarm Dem geist'gen Anschaun leben, der Betrachtung.
Libussa. Ich sag es meinem Gatten, kehrt er wieder, Wenn irgend möglich, stellt er's hilfreich ab.
Wlasta. Wenn möglich nur? Was wär' der Macht unmöglich?
Libussa. Das Unvernünft'ge, Kind, und was nicht billig.
Wlasta. Bezweifelst du ihr Recht und ihre Hoheit?
Libussa. Ich zweifle nicht und liebe nicht zu zweifeln. All was sich selbst gemacht im Lauf der Dinge Dünkt als natürlich mir zugleich im Recht. Mein Gatte aber prüft und untersucht Und jeder Anspruch muß ihm Rede stehn Als allen nützlich in der Hand des einen. Allein mich deucht er selber kehrt zurück; Vereinen wir denn beide unsre Bitten.
(Primislaus kommt.)
Primislaus. Libussa, hohe Frau!
Libussa. Nimm als Entgegnung: Mein hoher Gatte; somit Herr der Frau.
Primislaus. Wir haben uns geplagt den langen Morgen, Der Tag ist heiß, fast fühl ich mich ermüdet.
Libussa. So sitz!
Primislaus. Hier ist kein zweiter Stuhl für dich.
Libussa. Wohlan denn: so befehl ich dir zu sitzen, Und du befiehl, daß ich hier steh bei dir. Nimm dieses Tuch, ich trockne dir den Schweiß.
Primislaus (der sich gesetzt hat und die Stirne trocknet). Wir waren früh am Werk und gingen rastlos, Ich und die Ältesten, rings durch die Gegend. Und sahen uns den Ort und seine Lage. Weißt du denn auch? wir bauen eine Stadt. Wenn du's genehmigst nämlich und es billigst.
Libussa. Sag mir vorerst: was nennt ihr eine Stadt?
Primislaus. Wir schließen einen Ort mit Mauern ein Und sammeln die Bewohner rings der Gegend, Daß hilfreich sie und wechselseitig fördernd Wie Glieder wirken eines einz'gen Leibs.
Libussa. Und fürchtest du denn nicht, daß deine Mauern, Den Menschen trennend vom lebendigen Anhauch Der sprossenden Natur, ihn minder fühlend Und minder einig machen mit dem Geist des All?
Primislaus. Gemeinschaft mit den wandellosen Dingen Sie ladet ein zum Fühlen und Genießen, Man geht nicht rückwärts lebt man mit dem All; Doch vorwärts schreiten, denken, schaffen, wirken Gewinnt nach innen Raum, wenn eng der äußre.
Libussa. Doch sind die Menschen strenggeschiedne Wesen, Ein jeder ist ein andrer und er selbst; Die enge Nähe, störende Gemeinschaft Schleift ab das Siegel jeder eignen Geltung, Statt Menschen hast du viele die sich gleich.
Primislaus. Was jeder abgibt geben auch die andern Und so empfängt der eine tausendfach. Es ist der Staat die Ehe zwischen Bürgern, Der Gatte opfert gern den eignen Willen, Was ihn beschränkt ist ja ein zweites Selbst.
Libussa (die Hand auf seine Schulter legend). Wohl, ich verstehe das mein Primislaus, Und also bau nur immer deine Stadt. Allein warum denn hier, an dieser Stelle, Wo manchen sie belästigt und beirrt?
Primislaus (aufstehend). Siehst du, die Moldau, dieses Landes Ader, Die blutverbreitend durch den Körper strömt, Hier hat versammelt sie all ihre Quellen Und breitet sich in weiten Ufern aus. Noch weiter unten fließt sie in die Alb, Mit der vereint sie durch die Berge bricht, Die scheiden unser Land vom deutschen Land Und strömt mit ihr, so sagt man, bis ins Meer. Steht unsre Stadt nun hier, so baun wir Schiffe Und laden auf des Landes Überfluß An Frucht, an Korn, an Silber und an Gold.
Libussa. So achtest du das Gold?
Primislaus. Ich nicht, doch andre, Und andern eben bieten wir es dar. So schafft uns Tausch was hier noch etwa fehlt.
Libussa. Genügsamkeit ist doch ein großes Gut!
Primislaus. Befriedigt ist das Tier nur und der Weise, Den Menschen, die gleich mir und gleich den meisten Ward das Bedürfnis als ein Reiz und Stachel Von ew'gen Mächten in die Brust gelegt, Bedürfnis das sich sehnt nach der Befried'gung Und dort auch noch zu neuen Wünschen keimt. Hat auch das Land was ihm zur Not genug; An unsern Grenzen wohnen andre Völker, Die streben vor und mehren ihre Macht. Das Viel und Wenig liegt in der Vergleichung Und in der Truhe mindert sich der Schatz. Wer Hundert hat und sich damit begnügt, Er hat's nicht mehr, zählt jeder Nachbar Tausend.
Nebstdem ist dieses Werk nicht mehr mein eignes. Des Landes Älteste die mich begleitet Als wir umschritten rings den weiten Raum, Sie haben sich, einstimmend meinen Gründen, Gesamt erklärt für diesen selben Ort.
Libussa. So hältst du sie für weiser denn als dich?
Primislaus. Ich weiß nicht. Etwa nein. Allein, Libussa, Wenn wir das Ganze besser überschaun, Verstehn die einzelnen was einzeln besser Und ihren Rat nicht acht ich ihn gering. Dann, glaubst du nicht, daß wenn sie eingewilligt, Mit Doppelkraft sie an die Arbeit gehn? Nicht nur den eignen Nutzen liebt der Mensch, Die eigne Meinung hat ihm gleichen Wert, Er hilft dir gern, sieht er im Werk das seine.
Ja selbst der Himmel, scheint's, stimmt mit uns ein. Wir gingen lang, ich und die Ältesten, Die zögernd folgten, Zweifel in den Blicken, Ihr ganzes Wesen ein vernehmlich: Nein, Da schallt mit eins der Wald von Axtesschlägen Und einen Mann gewahren wir, der rüstig Sich einen Eichbaum fällt mit voller Kraft. Wir fragen ihn wozu das Werkstück solle? Da sagt er: Prah! was in des Volkes Munde So viel als Schwelle heißt, des Hauses Eingang. Daß uns nun beim Beginn des neuen Werks Die Schwelle gottgesandt entgegenkomme, Das fiel die Männer, wie von oben, an. Hier soll sie stehn, so riefen sie, die Stadt, Und Praga soll sie heißen, als die Schwelle, Der Eingang zu des Landes Glück und Ruhm.
Libussa. Die Schwelle, das ist gut.
Primislaus. Nicht wahr, Libussa? Ich seh es glühen hoch in deinem Auge, Wir stehn auf deines Geistes Machtgebiet. Man schelte mir die Vorbedeutung nicht! Wenn irgendein Gedanke, tatenschwanger Und einer Zukunft wert, entsteht im Menschen, Dann sammeln sich nicht nur die eignen Kräfte, Daß Geist und Leib vereint im selben Punkt, Auch die Natur, die roh gedankenlose, Sie fühlt den Anhauch eines geist'gen Wehns Und eilt als Mittel sich dem Werk zu fügen, Anteil zu nehmen an der edlen Tat. Was weit entfernt und scheinbar widersprechend Es nähert sich, gibt auf den Widerstand, Das Unerklärte schimmert von Bedeutung, Und eine Seele wird ihm der Gedanke, Um den sich schart was feindlich sonst und starr. Da mag denn auch, vorahnend was geschieht, Wie einer schweigend nickt wenn man ihn frägt, Die Körperwelt durch Bild und Vorbedeutung Andeuten was erlaubt und ihr genehm.
Libussa. Ich sehe dich bekehrt zu meiner Meinung.
Primislaus. Ich bin es, ja, und war es immerdar. Schlecht ist der Ackersmann, der seine Frucht Von Pflug und Karst, von seinem Mühn erwartet Und Licht und Sonne, was von oben kommt, Nicht als die Krone achtet seines Tuns. Es wirkt der Mensch, der Himmel aber segnet.
Und also vorbereitet, wirst du uns Versagen nicht die Huld um die wir flehn.
Libussa. Was ist es Primislaus was ihr begehrt?
Primislaus. Ich wünsche dieses Werk als Götterwille, Als einen Wink von oben angesehn. Wir haben einen Altar aufgerichtet Und Opfer sollen weihen unsern Platz. Wär's dir genehm, nach deinem höhern Wissen, Der Feier vorzustehn in Priesterart? Vielleicht, daß die Betrachtung ferner Zukunft Ein Wort dir eingibt, das den Mut befeuert Und des Gelingens Hoffnung uns belebt.
Libussa. Es schweigt der Geist seit lang in meiner Brust. Ich bin nicht wie die Schwestern, deren Ausspruch Aus strengbewiesnen, sichern Quellen rinnt; Nur manchmal, wenn ich meines Vaters dachte Und meiner edlen Mutter, die, ein Rätsel, Wie höhern Ursprungs, unter uns geweilt, Da kam mich an ein unerklärtes Schauen, Ich fühlte: also muß es, werd' es sein, Und siehe da! es war; ich weiß nicht wie. Doch scheint's, nicht nur des Körpers rauhe Gaben, Die edeln auch des Geistes brauchen Übung, Sonst schlummern sie auf weichen Kissen ein. Seitdem ich angewohnt, mich deiner Weisheit, Mich deinem tiefen Sinne zu vertraun, Entsteht kein Bild mir mehr in meinem Innern, Des Schauens edle Gabe scheint verwirkt.
Primislaus. Die Götter geben nicht auf daß sie nehmen Und was du warst das bleibst du ewiglich.
Libussa. Auch bin ich schwach von meinem letzten Siechtum. Müßt' ich mich zwingen, steigern mit Gewalt, Der Leib ertrüg' es nicht, glaub, ich erläge. Obwohl's mich lockte, noch einmal, zum letzten, Hinanzuklimmen auf des Schauens Höhn, In Bild zu kleiden--schwerer Ahnung Träume Und zu verkörpern was noch wesenlos. Doch glaub ich, Primislaus, mehr als die Seh'rin Liebst du dein Weib. Ich will sie dir erhalten.
Primislaus. Du lehnst es ab, braucht's da noch weitern Grund? Und unsers Werkes Absicht auch mißfällt dir. Du bist die Frau in diesem weiten Land Und ich der erste deiner Untertanen. (Zu einem Begleiter.) Bestellt die Feier ab und sagt den Männern Das Weitere erfahren sie demnächst. (Der Angesprochene geht.--Primislaus zu Wlasta.) Und nun zu dir!
(Libussa hat Dobromila einen Wink gegeben und entfernt sich während des folgenden, nur von dieser gefolgt, unbemerkt durch die Seitentüre rechts.)
Ich kenne deine Sendung. Ich weiß, daß deine Frauen, nur sich selbst Und ihres Ursprungs dunklen Quell betrachtend, In unfruchtbares Sinnen tief versenkt, Mit Feindesaugen all mein Tun betrachten. Daß die Vermengung mit dem Menschenschicksal, Daß alles was gemeinsam sie verletzt Mich aber widert's an, als schlauer Hirte Zu weiden einer Herde gleich das Volk, Nur hoch, weil andre niedrig und beschränkt. Belästigt sie die laute Menschenmenge, Wir haben andre Schlösser noch im Land, Dort mögen sie mit ihrer Jungfraun Schar In unnahbarer Abgetrenntheit weilen, Und das Gewohnte, weil es doch bequem, Starr wie sie selbst, für ew'ge Zeit bewahren. Wir wollen weiter, weiter in der Bahn, Ich und mein Volk, als Bürger und als Menschen.