Libussa Trauerspiel in fünf Aufzügen
Chapter 4
Dobromila. Der Zug umgibt dein zügelfreies Roß.
Libussa. Das keinen Reiter trägt?
Dobromila. Ich sehe keinen. Vor allen her nur geht ein einzelner, Geschmückt mit Blumen wie--
Libussa. Ein Opfer etwa? Ich will des Schrittes Unlust ihm ersparen, Und schien die Frau ihm nicht des Kommens wert, Soll ihm die Fürstin wert der Achtung scheinen. (In die Hände klatschend.) Herbei ihr Diener, Mägde dieses Hauses, Umgeht die euch gebeut in voller Schar Auf daß, wer Hohes sonst nicht kann erkennen, Zum mindsten mit dem Aug es nehme wahr.
(Von der rechten Seite ist Libussens Gefolge eingetreten und hat sich in Reihen gestellt. Sie selbst besteigt den Thron.--Primislaus kommt von der linken Seite. Hinter ihm die Wladiken und Volk. Er trägt einen Kranz von Ähren und Kornblumen auf dem Kopfe, in der rechten Hand eine Sichel, mit dem linken Arme hält er einen Korb mit Blumen und Früchten.)
Primislaus. Auf dein Geheiß erschein ich, hohe Fürstin, Mit Landmanns Gaben und in Landmanns Schmuck Und dir zu Füßen leg ich meine Habe. Den Kranz von Ähren, die der Fluren Krone Und minder nicht von Gold als Fürstenschmuck, Ich neig ihn vor der Fürstin Diadem. Die Sichel, die mein Schwert, der Waffen beste, Denn sie bekämpft der Menschen ärgsten Feind, Des Name schon ein Schreckensbild: die Not, Ich strecke sie, von höhrer Macht besiegt. Und dies mein Schild, bemalt nicht nur mit Zeichen, Geschmückt mit Inhalt und mit Wirklichkeit, Das Wappen meines Standes, meines Tuns, Ich biet es dir als ärmliches Geschenk, Wie es dem Höhern wohl der Niedre beut, Der sich als niedrig weiß, obgleich nicht fühlt. Und so aus meinem Haus, das meine Burg, Komm ich zu Hof und, neigend dir mein Knie, Frag ich, o Fürstin: was ist dein Gebot. (Er kniet.)
Libussa. Es scheint du sprichst als Gleicher zu der Gleichen.
Primislaus. Dir neigt sich nicht mein Knie nur, auch mein Sinn.
Libussa. Doch wenn sich beide nicht aus Willkür beugten, Erreichten sie wohl etwa doch mein Maß? Steh auf!
Primislaus. Wenn meine Gaben du erst nahmst, Der Geber sieht in ihnen sich verschmäht.
Libussa. So nehmt sie denn! Ich liebe diese Blumen, Weil sie als Meinung gelten ohne Wert.
(Man hat den Korb zu ihren Füßen gesetzt.)
Du nennst sie deinen Schild. Ein einfach Wappen! Doch wär' ein Wahlspruch etwa beigefügt, Was gilt's? er wäre stolz, so wie sie einfach.
Primislaus (der aufgestanden ist). Ein Wahlspruch auch fehlt meinem Schilde nicht, Demütig aber ist er wie die Zeichen. Du liebst in Rätseln auszusprechen dich Und knüpfst daran die höchsten deiner Gaben. Dich selbst. Erlaube, daß ich ähnlich spreche. (Den Korb aufnehmend und ihr darreichend.)
Unter Blumen liegt das Rätsel Und die Lösung unter Früchten. Wer in Fesseln legte trägt sie, Der sie trägt ist ohne Kette.
Libussa (die Blumen betrachtend). Das ist nun wohl des Ostens Blumensprache, Die träumend redet mit geschloßnem Mund, Und diese Rosen, Nelken, saft'gen Früchte Sind wohl geordnet zu geheimen Sinn. Bei beßrer Muße findet sich die Deutung. (Den Korb abgebend.) Doch Rätsel geben ziemt nur der Gewalt, Die Rätsel lösen eignet dem Gehorsam. Drum offen, da geheim nur was vertraut: Sahst du mich irgend schon?
Primislaus. Wer sah dich nicht Als dich das Land mit seiner Krone schmückte?
Libussa. Und sprach ich je zu dir?
Primislaus. Zu mir, wie allen, Die als dein Wort verehren dein Gesetz.
Libussa. Der Zelter den ich sandte, ohne Leitung, Er blieb in deines Hauses Räumen stehn. War er je dein?
Primislaus. Und wär' er's ja gewesen, Wenn ich ihn gab, war er nicht mehr mein eigen. Ein Mann geht zögernd vorwärts, rückwärts nie.
Libussa. Ein Mann, ein Mann! Ich seh es endlich kommen. Die Schwestern mein sie lesen in den Sternen, Und Wlasta führt die Waffen wie ein Krieger, Ich selber ordne schlichtend dieses Land; Doch sind wir Weiber nur, armsel'ge Weiber: Indes sie streiten, zanken, weinerhitzt, Das Wahre übersehn in hast'ger Torheit Und nur nach fernen Nebeln geizt ihr Blick, Sind aber Männer, Männer, Herrn des All! Und einen Mann begehrt ja dieses Volk; Das Volk, nicht ich; das Land, nicht seine Fürstin. Du giltst für klug, und Klugheit ist ja doch Ein Notbehelf für Weisheit wo sie fehlt. Sie wollen einen Richter, der entscheide, Nicht was da gut und billig, fromm und weise, Nein, nur was recht, wieviel ein jeder nehmen, Wieviel verweigern kann, ohn' eben Dieb Und Schelm zu heißen, ob er's etwa wäre. Dazu bist du der Mann, wie's mindstens scheint. Allein der Richter sei vor allem frei Von fremdem Gut, soll er das fremde schützen. Drum sag nur an: ist nichts in deinen Händen Was mir gehört und du mir vorenthältst?
Primislaus. Dein bin ich selbst und all was ich besitze, Was ich besaß ist nicht in meiner Hand.
Libussa. Mir widert dieser Reden Doppelsinn, Die nichts als Stolz, als schlechtverhüllter Hochmut. Drum frag ich offen dich zum letztenmal--
Doch regt sich auch der Stolz in dieser Brust Ausweichen den zu sehn den ich begrüßt, Den zu bemerken nur ich mich gewürdigt.
So höre du auch eine Gleichnisrede, Sie soll mir zeigen ob du weise bist. (Vom Throne herabsteigend.)
Ein König hatte sich verirrt beim Jagen Und fand bei einem Landmann Dach und Schutz. Des andern Tags, zur Hofburg heimgekehrt, Vermißt er--einen Ring, ihm wert, ja heilig, Den er bei Nacht, man weiß nicht wie, verlor. Da läßt verkünden er auf allen Straßen, Daß, wer das Kleinod, seines Vaters Erbteil, Ihm wiederbringt, belohnt mit reichen Gaben Ihm nächst soll stehen, hoch in seiner Gunst. Was hättest du getan, warst du der Landmann?
Primislaus. Vielleicht fühlt' ich mich durch die Tat belohnt, Und jener Ring, als Ausdruck des Bewußtseins, War teurer mir als selbst der höchste Lohn.
Libussa. So tat er auch, der Tor. Er gab ihn nicht. Doch bald darauf brach aus in jener Gegend Ein Aufstand, den veranlaßt--was weiß ich?-- Vielleicht des Königs Güte, wie so oft. Doch jener Fürst, der nicht nur milder Vater, Auch strenger Richter, sammelt rasch ein Heer, Zieht gegen die Empörer und besiegt sie. Ein Teil fällt durch das Schwert, der Überrest, Er harrt gefangen eines gleichen Schicksals Durch Henkershand. Da läßt der Fürst verkünden: Der allgemeinen Strafe sei entnommen Der einzige, der das vermißte Kleinod Ihm wiederbringt; als Lohn für jenen Dienst, Den er, ob Pflicht, doch seinem Herrn erwiesen.
Primislaus (lebhaft). Nun weiß ich die Geschichte, hohe Frau!
Libussa. Was also tat der Mann, wenn's dir bekannt?
Primislaus. Er warf den Ring am Weg in einen Busch. Unschuldig, sprach er, soll mich Unschuld schützen, Wenn schuldig, sei die Strafe mir der Schuld. Auf alle gleich der Fürst den Zorn entlade, Dem Zufall dank ich nichts, noch eines Menschen Gnade.
Libussa. Weißt du was nun geschah?
Primislaus. Ich weiß es nicht.
Libussa. Der Fürst gab alle gleich dem Schwerte hin. Verloren war der Ring, doch auch der Mann.
Ich habe mich getäuscht, du bist nicht klug, Du kannst nicht Richter sein in diesem Land.
Es sinkt der Tag. Gönnt ihm für heut die Herberg. Zeigt ihm das Schloß mit allen seinen Schätzen, Damit er sehe was ein Herr und Fürst. Am nächsten Morgen mag er heimwärts reisen Und tafeln an dem selbstgewählten Tisch, Vom selben Stoff, wie seine Worte weisen: Der Kopf, das Herz, so wie sein Tisch, von Eisen.
(Indem sie mit einer geringschätzigen Handbewegung sich abwendet und Primislaus tiefverneigt dasteht, fällt der Vorhang.)
Vierter Aufzug
Auf den Wällen von Libussas Burg. Im Hintergrunde durch ein zinnenartiges Steingeländer geschlossen. Rechts und links halbrunde Türme mit Eingängen. Dobromila sitzt im Hintergrunde am Geländer und liest. Wlasta und Primislaus treten aus dem Turme links.
Wlasta. Komm hier heraus! Dort rechts ist deine Wohnung. Hast du betrachtet dir das Schloß genau, Und sahst du je im Leben solche Pracht?
Primislaus. Ich nicht.
Wlasta. Ward manch ein Wunsch dabei nicht rege?
Primislaus. Wer wünschte sich auch Flügel wie der Adler Und Flossen wie der Fisch? Sie mögen's haben. Das höchste, wie beschränkt auch, ist der Mensch, Im König selbst der Mensch zuletzt das beste. Auch, sah ich eure Betten gar so weich, Dacht' ich: ihr Schlaf ist schlecht wohl, weil so wählich. Und die Geräte in den Küchenräumen, Verfälschend das Bedürfnis mit der Kunst, Zu sagen schienen sie: Hier fehlt der Hunger, Der beste Koch und auch der beste Gast. In meiner Hütte ißt und schläft sich's wohl; Der Überfluß ist schlechtverhüllter Mangel.
Wlasta. Da dich die Kunst so widersetzlich findet, Wird Feld und Flur vielleicht dich mehr erfreun. Komm hier und sieh hinaus in die Gefilde, Die endlos sich dem Horizonte nahn. Das alles, Berg und Tal und weite Flächen, Das alles ist Libussas, meiner Frau.
Primislaus. Und sie die Seele denn so vieler Glieder? Ich möchte nicht mein Selbst so weit zerstreun, Aus Furcht nichts zu behalten für mich selbst. (Kopf und Hände bezeichnend.) Hier ist mein Rat und hier sind meine Diener, Die Füße meine Boten, und das Herz Es ist mein Reich, weit bis zum Sitz der Götter, Und eine Spanne groß nur in der Brust, Daß Raum für mich und alle meine Brüder. Wär' ich ein Fürst, erschräk' ich vor mir selbst, So wie ein Bild erschreckt das gar zu ähnlich. (Dobromila bemerkend.) Doch halt! wir stören hier.
Dobromila. Ich war vertieft, Da merkt' ich nicht was rings um uns geschah.
Primislaus. Dein Buch ist weise wohl?
Dobromila. Komm selbst und lies!
Primislaus. Ich kann nicht lesen, Frau!
Dobromila. Nicht lesen, wie?
Primislaus. In Büchern nicht, allein in Mienen wohl. Da les ich denn: du willst mich, Frau, beschämen.
Dobromila. Vielleicht nur wundr' ich mich, daß du von Ländern Und Fürsten sprichst, und weißt noch nicht was nötig: Den Gang der Zeit von Anfang, die Geschichte.
Primislaus. Was heut, war gestern morgen,--und wird morgen Ein gestern sein. Wer klar das Heut erfaßt, Erkennt die Gestern alle und die Morgen.
Dobromila. Was aber war das erste in der Welt?
Primislaus. Das Letzte, Frau! Im Anfang liegt das Ende.
Dobromila. Die Sterne kennst du nicht?
Primislaus. Ich sehe sie, Und sehen sie nicht mich, bin durch mein Sehen Ich besser denn als sie.
Dobromila. Was ist das Schwerste?
Primislaus. Gerechtigkeit.
Dobromila. Du irrst mein rascher Freund! Das allerschwerste ist: den Feind zu lieben.
Primislaus. Halb ist das leicht, und ganz vielleicht unmöglich. Allein bei allen Kämpfen dieses Lebens Den Anspruch bändigen der eignen Brust, Nicht mild, nicht gütig, selbst großmütig nicht, Gerecht sein gegen sich und gegen andre, Das ist das Schwerste auf der weiten Erde, Und wer es ist, sei König dieser Welt.
Doch laß die toten Lehren deiner Blätter! Die Wahrheit lebt und wandelt wie du selbst, Dein Buch ist nur ein Sarg für ihre Leiche. (Zu Wlasta hinzutretend, die von zwei hingelehnten Schwertern eines ergriffen hat und es prüfend beugt.) Was schaffst du hier?
Wlasta. Du siehst, ich prüfe Waffen.
Primislaus. Was soll dem Weib das Schwert?
Wlasta. Hier ist ein zweites, Versuchen wir, gefällt's dir, einen Gang?
Primislaus. Ich kann nicht lesen und ich kann nicht fechten. Was soll das Spiel? Der Ernst erst macht die Waffe. Allein bewehre drei und vier und fünf Mit solchem Tand, und laß sie nachts versuchen Zu dringen in die Hütte, meine Burg, Bewehrt mit meines Vaters breiter Axt, Tret ich entgegen ihnen, und der Mut Mag dann entscheiden wer ein beßrer Krieger.
Ich bin ermüdet, zeige mir die Stätte Wo man zu Nacht die Herberg mir bestellt.
Wlasta (auf den Turm rechts zeigend). Sieh, dort!
Slawa (hinter der Szene). Ihr sollt nicht, sag ich euch!
Primislaus. Was nur des Neuen?
Slawa (aus dem Turme links kommend). O schützet mich!
Primislaus. Du bist das erste Weib An diesem Wunderort, das Schutz begehrt, Die andern sind vielmehr geneigt zu meistern.
Slawa. Ja Schutz vor dir und deinesgleichen, Mann.
Primislaus. Vor mir?
Slawa. So denn vor deinesgleichen. Sie bilden sich nun ein mich schön zu finden, Obgleich ich es nicht bin, ja sein nicht mag. Da folgt mir denn der überläst'ge Schwarm Und tritt entgegen mir auf allen Pfaden. Der eine faßt die Hand mir mit der seinen, Der andre dreht die Augen quer im Kopf Wie ein Verscheidender, schon halb Verstorbner, Der dritte kniet und schwört beim hohen Himmel, Ich sei das Kleinod dieser weiten Welt, Von meinem Blick erwart' er Tod und Leben. Wie jämmerlich ist aber das Geschlecht, Das alles was den Menschen ehrt und adelt Blöd übersieht und nur nach äußern Gaben, Nach Weiß und Rot, nach Haar und Zahn und Fuß, Den Abgott wählt, das Letzte sich des Strebens.
Primislaus. Mein Kind, was dich die Männer heißt verachten, Birgt etwa wohl Verachtung für dich selbst. Wer nach dem Äußern seine Wahl bestimmt, Bezweifelt, fürcht ich, sehr den Wert des Innern. Man sucht den Diamant läg' er im Staube, Geschliffnem Glas gibt erst der Glanz den Wert, Ist all sein Wesen Glänzen doch und Scheinen. Dein Weg führt dich zurecht, hier bist du sicher. Mir ist das Weib ein Ernst, wie all mein Zielen, Ich will mit ihr,--sie soll mit mir nicht spielen.
Sagt das der Fürstin als den letzten Gruß Am Morgen, wenn ich fern schon meiner Wege. (Er geht in den Turm rechts.)
Wlasta. Ich folg ihm nach, so lautet der Befehl. (Sie geht in denselben Turm.)
(Libussa kommt aus dem Turme links.)
Libussa. Wie ist's mit jenem Mann?
Dobromila. Er ist von Stahl.
Libussa. Es brach wohl auch ein Schwert schon im Gefecht. Was spröde ist zerbrechlich. (Zu Dobromila.) Folg du ihnen. Der Abend dämmert schon, es ziemt sich nicht, Daß er und sie allein in solcher Stunde.
(Da Dobromila geben will.)
Vielmehr gebt einen Schleier mir. Ich selbst Will Zeuge sein wie weit sein Starrsinn geht.
Gehorchen soll er und dann mag er ziehn. Ich fühl' es fast wie Haß im Busen quellen. (Ab in den Turm links.)
Gemach im Innern des Turmes. Links im Vorgrunde ein Teppich-behangener Tisch.
Primislaus und Wlasta treten ein.
Wlasta. Hier denn ist dein Gemach.
Primislaus. Ich danke dir. Und da ich morgen mit dem Frühsten scheide, So nimm schon heut ein doppelt Lebewohl.
Wlasta. So willst du fort?
Primislaus. Mein Haus ist unbestellt, Auch gab mir meinen Abschied schon die Fürstin.
Wlasta. Und hast du ihr, Libussen, nichts zu sagen?
Primislaus. Was nur?
Wlasta. Sie glaubt in dir denselben zu erkennen, Der einst im Walde hilfreich ihr genaht. Auch haben die Wladiken ausgesagt, Daß du es warst, der Kleinod gegen Kette Mit schlauer List umwechselnd ausgetauscht.
Primislaus. Wenn ihr es wißt, warum nur fragt ihr noch?
Wlasta. Vielleicht fühlt sich der Fürstin Stolz beleidigt, Daß du mit einem Recht auf ihren Dank, Aufgibst dein Recht, und ihren Dank verschmähst.
Primislaus. Stolz gegen Stolz, wenn's wirklich also wäre.
Wlasta. Allein der Stolz des Pflügers und der Fürstin! Zudem ist jenes Kleinod hoch ihr wert, Als ihres Vaters deutungsvolle Gabe. Durch Zufall nur geriet's in deine Hand Und blieb ein Eigen meiner hohen Herrin. Drum gib was eines andern, nicht das deine.
Primislaus. Ich gab es schon.
Wlasta. Wann aber, wo und wie?
Primislaus. Ich sagt' es auch, ob etwas rätselhaft, Schon als ich kam, doch ihr verstandet's nicht.
Wlasta. Hier aber will man Rätsel nicht, Gehorsam.
Primislaus. Auch weiß ich, daß den werbenden Wladiken Sie auferlegt, ihr ganz und ungeteilt Das Kleinod auszuliefern, das sie hochhält. Vielleicht, wär' erst die eine Hälfte da, Fügt' ich die zweite bei, besäß' ich sie.
Wlasta. Erfüllst du deinen Teil, tatst du genug.
Primislaus. Ich bin hier in dem Wunderschloß der Weiber, Und alle weibliche Vollkommenheit Hat man mir vorgeführt mit etwas Prangen; Nur mit den Fehlern, scheint mir, des Geschlechts Hielt man zurück, bedächtlicher als billig. Da ist nun Neugier, die man Schuld euch gibt. Wie wär' es, holde Wlasta, wenn nur Neugier Dir diese Fragen in den Mund gelegt? Sprichst du zu mir im Auftrag deiner Frau?
Wlasta. In ihrem Auftrag nicht.
Primislaus. Nun also denn! Das Recht auf Antwort nur gibt Recht zur Frage.
Wlasta. Doch weiß wovon ich spreche meine Frau.
Primislaus. Das soll ich glauben eben weil du's sagst?
Wlasta. Als Zeichen denn, daß nicht die Neugier bloß, Daß mich ein höhrer Wink dazu berechtigt, Sieh hier das Kleinod, dessen eine Hälfte Du vorenthältst, und das man ganz begehrt. (Das Mittelkleinod des Gürtels aus dem Busen ziehend.)
Primislaus. Das schöne Bild! Die glänzend reichen Steine! Derlei sah ich in meinem Leben nicht.
Wlasta. Verstell dich nicht, es war in deiner Hand.
Primislaus. Wie käme derlei in die Hand des Pflügers? O gib es mir, o laß es mich betrachten!
Wlasta. Halt ab die Hand! (Das Kleinod auf den Tisch ihr zur Seite hinlegend.) Hier leg ich es denn hin. Du aber nun erfülle was dir Pflicht. Die Fürstin will nicht länger, kann's nicht dulden, Daß was ihr wert und teuer, heilig selbst, In niedrer Hand, als offenkundig Zeugnis Von einer halb vertraulichen Begegnung, Zum Anspruch stempelnd was ein Zufall war. Du sollst, du mußt, die Fürstin will es so.
(Dobromila kommt, hinter ihr Libussa, eine Fackel tragend, vom Kopf bis zu den Füßen mit einem dichten Schleier bedeckt.)
Dobromila. Wollt ihr nicht Licht? Der Abend dämmert schon. Ich laß euch hier der Dienrin helle Fackel. Du aber Wlasta fördre dein Geschäft.
(Sie geht. Libussa bleibt, die Fackel emporhaltend, im Mittelgrunde gegen die linke Seite.)
Wlasta (da sie Libussa erblickt, vor sich hin). Sie ist es selbst!
Primislaus. Scheint Wlasta doch beklommen! Wär' sie's? O still mein ahnungsvolles Herz!
Wlasta (zu Primislaus). Was not tut ward gesagt. Gehorche nun!
Primislaus. Ihr setzt so schnell voraus, was erst bewiesen, Ein Unrecht bildete das auch ein Recht. Nimm an: ich war es selbst, der einst bei Nacht Begegnet eurer Fürstin tief im Walde, Nimm an: daß aller Unterscheidung bar, Sie mir erschien als Königin der Weiber, Nicht als das Weib das selber Königin. Der Glieder holder Reiz, der Stirne Thron, Das Aug' das herrscht, die Lippen die befehlen, Selbst wenn sie schweigen, ja im Schweigen mehr; Sie riefen in die Seele mir ein Bild, Das mich umschwebt seit meinen frühsten Tagen, Und all mein Wesen es rief aus: sie ist's! Ich wußte nichts von ihrem Rang und Stand Und nichts verbot zu hoffen und zu werben. Sie schied, es kam der Tag. Des Kleinods Pracht, Das in der Hand statt ihrer mir geblieben, Bezeichnete sie wohl als hoher Abkunft; Doch ist auch Primislav nicht niedern Stamms, Ein Enkelsohn von Helden, ob nur Pflüger. Erst als die Sage von Libussas Unfall Das Land durchzog, da war es plötzlich hell, Und ich nur noch ein hoffnungsloser Tor. Doch aus den Trümmern meines äußern Glücks Erbaute sich im Innern mir ein neues. Wie Trauerfaltern kreisen um das Licht, Umflogen meine Wünsche nun das Kleinod, Was früher Zeichen, ward jetzt Gegenstand. Ich trug's mit mir auf meiner warmen Brust, Ich drückt' es an das Herz, an meinen Mund, Das Eigentum verwechselnd mit dem Eigner--
Heiß deine Freundin still die Fackel tragen, Wir sind im Dunkeln wenn verlöscht das Licht.
Wlasta. Laß die Erzählung denn und komm zur Sache!
Primislaus. Ein Traum ist ja Erzählung und sonst nichts. Zerstört war nun, für immer schien's, mein Hoffen. Da taucht's auf einmal wieder blinkend auf. Zu meiner Hütte kamen die Wladiken Geführt von meinem Gaul, der führerlos, Den Weg gefunden zu der frühern Heimat. Da sprach es still in mir: Sie denkt noch dein, Entschwunden ist ihr ganz nicht die Erinnrung An jene Nacht, die holde Wunderzeit. Nicht daß ich glaubte, meine Niedrigkeit Erhöhe je mich zu der Hoheit Höhe Nicht daß ich glaubte, die Bedingung, Die sie gesetzt den werbenden Wladiken, Sie würde je zum Anspruch für mich selbst; Allein den Schatten eines flücht'gen Eindrucks, Den müßigen Gedanken: wenn's nicht so, Wenn's anders wäre in der Welt der Dinge, Wenn dieser Umstand fort und jener da, Wenn niedrig wäre hoch und wenig viel, Dann möcht' es sein, dann könnt' es wohl geschehn! So viel, ein Nichts, ein schwebendes Atom, Dacht' ich mir wach in eurer Fürstin Seele.
Die Freundin dort wird ungeduldig, scheint's. Wir müssen eilen, denn sie will von dannen.
Mit solcher Hoffnung kam ich schwindelnd her, Das Herz trat mir in Ohr und Aug' und Lippe, Doch kalter Spott und rücksichtsloser Hohn Kam mir entgegen auf des Hauses Schwelle.
Wlasta. Du dachtest dir das Weib und fandst die Fürstin.
Primislaus. Es ist die Herrschaft ein gewaltig Ding, Der Mann geht auf in ihr mit seinem Wesen, Allein das Weib, es ist so hold gefügt, Daß jede Zutat mindert ihren Wert. Und wie die Schönheit, noch so reich geschmückt, Mit Purpur angetan und fremder Seide Durch jede Hülle die du ihr entziehst, Nur schöner wird und wirklicher sie selbst, Bis in dem letzten Weiß der Traulichkeit, Erbebend im Bewußtsein eigner Schätze, Sie feiert ihren siegendsten Triumph. So ist das Weib, der Schönheit holde Tochter, Das Mittelding von Macht und Schutzbedürfnis, Das Höchste was sie sein kann nur als Weib, In ihrer Schwäche siegender Gewalt. Was sie nicht fordert das wird ihr gegeben Und was sie gibt ist himmlisches Geschenk, Denn auch der Himmel fordert nur durch Geben. Doch mengt der Stolz sich in die holde Mischung, Ein scharfer Tropfen in die reine Milch, Dann lösen sich die Teile; stark und schwach Und süß und bitter treten auseinander, Der Schätzung unterwerfend und Vergleichung Was unschätzbar und unvergleichlich ist.
Selbst Wlasta du, als du noch Waffen bogst, Mit rauher Stimme fordertest zum Kampf Warst du nicht du, zum wenigsten kein Weib; Doch seit die Freundin dort ins Zimmer trat, Hat holde Scheu begeistert all dein Wesen, Die Hand, die ich erfasse, zittert fast; Du bist nicht stolz, wie jene Freundin scheint, Die mit unwill'gem Fuße tritt den Boden; So bist du schön, dein Auge, nicht mehr starr, Es haftet milden Glanzes an dem Boden Die Wange färbt ein mädchenhaft Erröten.
O weh! dein Haar ging los aus seinen Banden, Als strebt' es, schamhaft selber, zu verhüllen Den holden Wandel aus dem frühern Trotz. Ich streich es dir zurück. Nun wieder rein, Erkenn ich dich im Spiegel deiner Seele, Und wäre nicht mein Herz auf andern Pfaden, Ich sagte: Wlasta, kannst du fühlen weich? Begreifst du daß ein Innres schmelzen muß Um eins zu sein mit einem andern Innern? Hoffst du, entfernt von diesem stolzen Schloß, Zu finden wieder Demut, Milde, Schwäche? Ist eine Hütte dir ein Königsbau, Bewohnen Herrscher sie im eignen Hause? Sag ja, sag ja! und stelle dich mir höher Als deine Fürstin steht, trotz Glanz und Pracht.
(Sich niederbeugend um ihr in die Augen zu sehen. Libussa hat einige Schritte nach vorn gemacht, wie um zu sprechen, jetzt wirft sie die Fackel weg und geht.)
Die Fackel fiel. Laß mich!
Wlasta (die die Fackel aufgehoben hat). Die Fürstin zürnt.
Primislaus. Wie weiß die Fürstin was wir hier beginnen? Du schuldest Antwort mir auf meine Frage. Ich laß dich nicht, du mußt mir Rede stehn! Ich lösche dir die Fackel, dann im stillen Vertraust du das Geheimnis meinem Ohr. (Indem er wiederholt nach der Fackel greift und dadurch die Widerstrebende nach rückwärts drängt.)
Wlasta. Verwegener und Spötter auch, zurück! Ich fühle mich gelähmt zum Widerstand, Denn Übermut und Dreistigkeit vernichtet.
(Er hat ihr die Fackel entrissen und am Boden ausgelöscht.)
Wir sind im Dunkeln.
Von außen. Wlasta!
Wlasta. Sieh mich hier! (Durch die Türe ab.)
Primislaus (das auf dem Tische liegende Kleinod ergreifend und in den Busen steckend). Ich hab's, ich hab's! Wohl mir, die List gelang! Dort seh ich einen Ausgang. Fort ins Freie!
(Indem er einer im Hintergrunde befindlichen Türe zueilt, erscheint Libussa mit zurückgeschlagenem Schleier in der Türe links und winkt mit gehobenem Arme. Eine Falltüre im Boden bewegt sich.)
Der Boden weicht, ich sinke! (Nach vorn gewendet.) Ha, Libussa! (Er versinkt.)
(Libussa zieht sich durch die Türe zurück.)
Verwandlung
Der Thronsaal wie im dritten Aufzuge, im Mittelgrunde durch einen Vorhang abgeschlossen. Es ist dunkel.
Primislaus' Stimme (hinter dem Vorhange). Beschützen mich die Götter! Fort die Hände!
(Er kommt hinter dem Vorhange hervor, gefolgt von mehreren schwarz gerüsteten Männern.)