Libussa Trauerspiel in fünf Aufzügen
Chapter 3
Fahr hin, mein Glück, dein Flug war allzurasch! Doch blieb ein Stachel, scheint's, in ihrer Brust. Laß mich's versuchen denn: ich drück ihn fester, Ob ihn die Zeit vertieft, ob sie ihn heilt. (Laut.) Nun denn: ob des das Kleinod oder jenes Ist nicht die Frage, scheint's, zu dieser Zeit, Nicht einen wollte sie vorerst bezeichnen, Ihr alle sollt zur Werbung euch berecht'gen, Den einen wird bestimmen ihre Wahl Weshalb, da sie zu »teilen« euch gebot Und »mitzuteilen« doch so streng verpönte, Sie in Gesamtbesitz euch wünscht zugleich: Gemeinsam haben heißt als Freunde teilen Gebt acht, ob ich die Wahrheit näher treffe. Fürst Krokus gab der Töchter Dreizahl, jeder, Der Mutter Bild umringt von edlen Steinen In Gürtelspangen künstlich eingefügt; Die Spangen sie sind hier, das Bildnis fehlt. Wie sie's verlor, die Fürstin, wer kann's wissen? Doch daß es fehlt, und damals schon gefehlt, Als jene Fraun um Böhmens Krone losten, Sagt das Gerücht in jedes Mannes Mund; Wie auch, daß durch den Abgang jenes Bildes Bezeichnet ward als Herzogin Libussa, Und in der Tat »durch das was man verlor, Das Kleinod reicher wurde als zuvor« Denn es trug ein der Böhmen Herzogskrone.
Domaslav. Mir deucht, der Mann hat recht.
Lapak. Mir scheint's nicht minder.
Biwoy. So hätten wir das Rätsel denn!
Primislaus. Das Wort, Allein die Sache nicht. Sie will das Bildnis. »Hinzufügt was, indem man es verlor« Und wie es weiter heißt. Sie will die Sache.
Biwoy. Allein wie finden wir die Sache nun?
Primislaus. Ein Mittel wär' vielleicht. Was gebt ihr dem, Der euch das Bildnis schafft nach dem ihr strebt?
Lapak (leise zu ihm). Ein Kornmaß Silber, bringt er's heimlich mir.
Domaslav (ebenso). Mein Schloß in Kresnagrund, wird's mir zuteil.
Biwoy (laut). Werd' ich der Böhmen Herzog, all mein Eigen.
Primislaus. Das ist versprochen viel, gegeben wenig. Erkenntlichkeit ist ein gar schwankend Ding. Wer zielt, drückt das Geschoß an Brust und Wange, Doch wenn er traf, wirft er's verächtlich hin. Die Kette hier ist Gold, und Gold genug Hat Böhmens Fürstin, habt ihr Herren auch; Mir wär's ein reicher Schatz. Gebt mir die Kette, So schaff ich euch das Bild.
Lapak. Nicht so, nicht also.
Biwoy. Wir wollen beides, Bild und Kette.
Domaslav. Ja.
Primislaus. Wer auf den Markt geht, der steckt Geld zu sich. Für nichts ist nichts. Und somit Gott befohlen!
Domaslav. So habt Ihr selbst das Bild? (Leise zu den übrigen.) Wir sind zu drei'n, Vielleicht daß mit Gewalt--
Primislaus. Wer's nun besitzt! Der Ort der es verbirgt ist mir bekannt, Und wer mich schädigt bringt sich um den Schatz. (Die Hand an ein dolchartiges Messer in seinem Gürtel gelegt.) Nebstdem daß ich nicht wehrlos, wie ihr seht.
Domaslav. Es sei darum! Doch was soll dir die Kette?
Primislaus. Vielleicht als Zeichen dessen was geschah, Als Bürgschaft auch vielleicht für euern Dank; Denn--wiederum vielleicht--geb ich sie später Für einen Lohn der höher als sie selbst.
Biwoy. Der Handel ist geschlossen. Nun das Bild!
Primislaus (mit Erwartung erregenden Gebärden gegen die auf dem Kissen liegende Kette gewendet). Wohl denn, ihr Herrn, betrachtet mir das Kissen. Die Klugheit gilt gar oft als Zauberkraft, Und ist's auch oft.--Ihr seht--O weh, es fiel! (Während die Augen der Wladiken auf das Kissen gerichtet sind, hat er das Bild aus der Brust gezogen und in die linke Hand genommen. Jetzt stößt er, die Kette mit der rechten Hand fassend, das Kissen von dem Felsstück herab, so daß es nach rückwärts fällt, und gleichzeitig läßt er das Bild in derselben Richtung fallen.) Und hier das Bild.
Domaslav. Es ist's.
Lapak. Ich sah's zuerst.
Domaslav. Ich hab's zuerst ergriffen.
Biwoy. Nun, und ich? Man wird mir meinen Teil doch nicht bestreiten?
Domaslav. Doch ob's das rechte nun?
Biwoy. Ja wohl, laßt sehn!
(Sie stehen seitwärts gewendet, das Bild betrachtend, das sie sich wechselweise aus der Hand nehmen.)
Primislaus (die Kette in den Busen steckend). Ich nehme meinen Lohn, der mir ein Zeichen So gut wie jenes andre. Und Libussa Sie wird erinnert. Hoffnung bleibt wie vor. (Er entfernt sich nach der linken Seite.)
Domaslav (das Bild in der Hand haltend). Hier steht es: Krokus hier.
Lapak. Und hier Libussa.
(Sie wenden sich um.)
Wo aber blieb der Mann?
Domaslav. Und wo die Kette? (Ans Schwert greifend.) Verräterei!
Biwoy. Verräter? Und warum? Der Handel ward geschlossen: ihm die Kette Und uns das Bild. Er ist in seinem Recht. Wir haben was wir suchten. Laßt uns heim; Libussa muß nun wählen unter uns, Die sie verbannt, vielleicht für immer glaubte. Und sucht sie Ausflucht etwa weiter noch, Bleibt uns das Schwert.
Lapak. Und was selbst Schwache schützt: Vereinigung.
Biwoy. Recht gut, fühlt ihr euch schwach, Ich nicht.--Du Knabe dort, komm nur herbei
(der Knabe kommt vom Hintergrunde links)
Nimm jenes Kissen auf. Und lach nicht wieder, Wie du vorerst getan. (Das Bild auf das Kissen legend.) Hier ist das Rätsel, Das auch die Lösung ist. Nun lachen wir. Es soll sich manches ändern hier im Land Und auch in euerm Haus, geliebt's den Göttern. Der Fürstin Weisheit ehr ich; doch ein Mann, Es hat doch andern Schick!
Die beiden. Ja wohl!
Biwoy (sich mit einem verächtlichen Blick von ihnen wendend und dem Knaben folgend). Nur vorwärts!
(Die beiden andern, hinter ihm hergehend, reichen sich die Hände, indem sie ihr Mißtrauen gegen ihn und ihr Einverständnis durch Gebärden ausdrücken.)
Verwandlung
Platz vor Libussas Schlosse wie zu Anfang des Aufzuges.
Libussa kommt mit Gefolge. Auf der entgegengesetzten Seite, links im Hintergrunde, haben sich mehrere Männer aufgestellt.
Libussa. Setzt mir den Stuhl heraus; ich will ins Freie. Vielmehr nur: sattelt mir das weiße Roß, Dasselbe das mich einst nach Budesch trug, In jener Nacht, als bei des Vaters Scheiden Ich Herrin, Sklavin ward von diesem Land. Wer sind die Leute dort?
Wlasta. Die Streitenden Von heute morgen.
Libussa. Und sie streiten noch? Und einen Markstein gilt's, den man verrückt?
Einer der Streitenden. Hier dieser hat's getan!
Libussa. Sahst du's?
Derselbe. Ich sah es nicht.
Libussa. Und sahen's andre?
Der nämliche. Nein.
Libussa. Und zeihst den Bruder Des Frevels doch? Vergleicht euch!
Der Zweite. Wohl, ich will.
Der Erste. Ich nicht.
Libussa. Und wenn ich dreifach Land dir gebe Für das was du verlierst?
Der Erste. Ich will mein Recht.
Libussa. Von allen Worten, die die Sprache nennet, Ist keins mir so verhaßt als das von Recht. Ist es dein Recht wenn Frucht dein Acker trägt? Wenn du nicht hinfällst tot zu dieser Frist, Ist es dein Recht auf Leben und auf Atem? Ich sehe üb'rall Gnade, Wohltat nur In allem was das All für alle füllt, Und diese Würmer sprechen mir von Recht? Daß du dem Dürft'gen hilfst, den Bruder liebst, Das ist dein Recht, vielmehr ist deine Pflicht, Und Recht ist nur der ausgeschmückte Name Für alles Unrecht das die Erde hegt. Ich les in euren Blicken wer hier trügt, Doch sag ich's euch, so fordert ihr Beweis. Sind Recht doch und Beweis die beiden Krücken, An denen alles hinkt was krumm und schief. Vergleicht euch! sonst zieh ich das Streitgut ein Und lasse Disteln säen drauf und Dornen Mit einer Überschrift: Hier wohnt das Recht.
Erster Streitender. Doch du erlaubst, o Fürstin, daß den Anspruch Wir Männern unsersgleichen legen vor.
Libussa (sich wegwendend). Wenn Gleiches sie begehren sind sie gleich, Doch Gleiches leisten, stört mit eins die Gleichheit.
(Die drei Wladiken kommen mit dem Knaben der das Kissen trägt.)
Noch mehr der Toren! Wollt ihr auch ein Recht?
Domaslav. Ja Fürstin, ja; und zwar auf deine Hand.
Libussa. Nicht mehr als das? Fürwahr ihr seid bescheiden.
Lapak. Gelöst ist die Bedingung, die du setztest.
Domaslav. Wir haben was du fordertest. Hier ist's. (Auf das Kissen zeigend.)
Libussa. So habt ihr ihn getötet?
Biwoy. Wen?
Libussa. Den Mann Der es besaß.
Biwoy. Er lebt.
Libussa. Und gab's?
Domaslav. Für Gold.
Libussa. So ist er auch denn wie die andern alle: Ein Sklav' des Nutzens; nur der Neigung Herr, Um etwa mit Gewinn sie zu verhandeln, Fahr hin o Hoffnung! erste, letzte du.
Der erste der Streitenden (zu den Wladiken herüberrufend). Nehmt euch, ihr Herrn, der Unterdrückten an!
Libussa (zu ihm). Geduld mein Freund! Ich werde, will dich richten, Verhärtet wie ich bin, paßt mir das Amt. (Zu den Wladiken). Er nahm das Gold freiwillig?
Biwoy. Ja, die Kette.
Libussa. Dieselbe die ich gab? Sie fehlt.
Biwoy. Er hat sie.
Libussa. Und ihr, ihr überließt--?
Biwoy. Es war der Preis, Den er, trotz höherm, einzig nur verlangte.
Libussa. Habt Dank!--Der Mann ist klug. Wohl edel auch. Befreit mich von der Werbung dieser Toren, Erinnert mich an meinen Dank, und hat Was ihn als Gegenstand des Danks bezeichnet. Wo ist der Mann? Bringt her ihn!
Lapak. Er ist fern. Den Schiedspruch kaum getan, war er verschwunden.
Libussa. Wohl also stolz auch. Gut, ich liebe Stolz, Zumal wenn er in eigner Höhe sucht Den Maßstab, nicht in fremder Niedrigkeit. Verschmäht er meinen Dank? Ich will ihn sehn.
Lapak. Doch erst entscheide, Fürstin, unsern Anspruch.
Libussa. Wozu entscheiden was entschieden schon? Halb habt ihr nur erfüllt des Spruches Sinn. Verboten ward zu teilen, ihr teilt mit An einen Fremden was euch ward zu hüten. Hinzuzufügen galt's was man verlor, Ihr aber, statt des Ganzen, bringt den Teil. Halb habt ihr nur erfüllt, drum halb der Lohn. Werbt wie bisher und bleibt an meinem Hof.
Domaslav. Wir sind betrogen.
Biwoy. Sagt' ich's nicht?
Der erste der Streitenden (der indessen mit seinem Gegner gehadert). Mein Recht! Ich will mein Recht. O wäre hier ein Mann, Der ernst entschiede wo es geht um Ernstes.
Mehrere (mit Domaslav und Biwoy). Ja wohl: ein Mann, ein Mann!
Libussa. Da lärmen sie, Und haben, fühl ich, recht. Es fehlt ein solcher. Ich kann nicht hart sein weil ich selbst mich achte. Den Zügel führ ich wohl mit weicher Hand, Doch hier bedarf's des Sporns, der scharfen Gerte.
Wohlan ihr Herrn, ich geb euch einen Mann. (Da die drei Wladiken näher treten.) Glaubt ihr von euch die Rede? Dermal nicht. (Wieder vor sich hin sprechend.) Du dünkst dich klüger als Libussa ist? Ich will dir zeigen, daß du dich betrogen.
Dem Fischer gleich wirfst du die Angel aus, Willst ferne stehn, belauernd deinen Köder. Libussa ist kein Fischlein das man fängt. Gewaltig wie der fürstliche Delphin Reiß ich die Angel dir zusamt der Leine Aus schwacher Hand und schleudre dich ins Meer, Da zeig denn ob du schwimmen kannst, mein Fischer. (Zu dem Volke.) Da gilt es denn den Mann euch zu bezeichnen, Der schlichten soll und richten hier im Land, Und nahe stehn, wohl etwa nächst der Fürstin.
Ich habe lang zu euch Vernunft gesprochen, Doch ihr bliebt taub; vielleicht horcht ihr dem Unsinn, Ob scheinbar oder wirklich gilt hier gleich.
Seht hier das Roß, denselben weißen Zelter, Der mich nach Budesch trug an jenem Tag, Da ich nach Kräutern suchend fand die Krone.
Führt ihn hinaus am Zaum zu den drei Eichen, Wo sich die Wege teilen in den Wald, Dort laßt den Zügel ihm und folgt ihm nach, Und wo es hingeht, suchend seinen Stall Und früherer Gewohnheit alte Stätte, Dort tretet ein. Ihr findet einen Mann In Pflügerart, der--da es dann wohl Mittag-- An einem Tisch von Eisen tafelnd sitzt Und einsam bricht sein Brot. Den bringt zu mir. Das ist der Mann, den ihr und ich gesucht. Was jetzo leicht und los das macht er fest, Und eisern wird er sein so wie sein Tisch Um euch zu bändigen, die ihr von Eisen. Die Luft wird er besteuern, die ihr atmet, Mit seinem Zoll belasten euer Brot, Der gibt euch Recht, das Recht zugleich und Unrecht Und statt Vernunft gibt er euch ein Gesetz, Und wachsen wird's wie alles mehrt die Zeit, Bis ihr für euch nicht mehr, für andre seid. Wenn ihr dann klagt, trifft selber euch die Klage, Und ihr denkt etwa mein und an Libussens Tage.
(Indem sie mit einem leichten Schlage das Pferd zum Gehen ermuntert und die übrigen zu beiden Seiten Raum machen, fällt der Vorhang.)
Dritter Aufzug
Gehöft vor Primislaus' Hütte wie zu Anfang des ersten Aufzuges. Ein umgewendeter Pflug rechts im Vorgrunde.
Primislaus (rechts in die Szene sprechend). Bringt nur die Stiere zum ersehnten Stall! Der Pflug bleibt hier. Ich will darauf mich setzen. Der Tag war heiß, die Arbeit ist getan. (Er setzt sich, die Stirn in die Hand stützend.) Nun wackrer Pflügersmann, es steht dir wohl Aus deinem schlichten Tun den Blick zu heben Nach dieses Lebens Höhn, vom Tal zum Gipfel. Zwar heißt's, es war in längstentschwundner Zeit Im Lande weit begütert unser Stamm Und licht und hehr in seinen ersten Wurzeln. Allein was soll das mir? Ist heut doch heut, Und Gestern aus demselben Stoff wie Morgen.
Nebstdem, daß wär' ich einer der Wladiken, Ich mich nicht stellte zu so hoher Werbung. Denn wie im Bienenstock die Königin Nicht nur die höchste, einzig ist, allein, Von niedern Drohnen nur zur Lust umflattert, Indes die Arbeitsbienen Honig baun, So ist der auf dem Throne sitzt, nur sich, Sich selber gleich und niemandes Genoß. Der Fürst verklärt die Gattin die er wählt, Die Königin erniedrigt den als Mann, Den wählend sie als Untertan erhöht, Denn es sei nicht der Mann des Weibes Mann, Das Weib des Mannes Weib, so steht's zu Recht. Drum wie die Frau ist aller Wesen Krone, Also der Mann das Haupt, das sich die Krone aufsetzt, Und selbst der Knecht ist Herr in seinem Haus. (Er ist aufgestanden.) So sprichst du, prahlst, und trägst im Busen doch Was dich an jene Hoffnung jetzt noch kettet.
Man sage nicht das Schwerste sei die Tat, Da hilft der Mut, der Augenblick, die Regung; Das Schwerste dieser Welt ist der Entschluß. Mit eins die tausend Fäden zu zerreißen An denen Zufall und Gewohnheit führt, Und aus dem Kreise dunkler Fügung tretend Sein eigner Schöpfer zeichnen sich sein Los, Das ist's wogegen alles sich empört Was in dem Menschen eignet dieser Erde Und aus Vergangnem eine Zukunft baut. Daß sie mein denkt, daß wach in ihrer Seele Mein Bild--nicht einmal das: ein Traum, ein Nichts, Das tausend Formen so wie meine kleiden, Das nicht einmal ein Name ihr bezeichnet, Kein Gleichnis, denn sie sah mich damals kaum Als uns die Nacht im Wald zusammenführte, Das weckt in mir ein gleichverworrnes Nichts, Das doch mein Glück ist, meines Lebens Säule, Und das zerstören ich nicht mag, nicht kann.
Wär' sie ein Hirtenmädchen, nicht Libussa, Und ich der Pflüger der ich wirklich bin, Ich träte vor sie hin und sagte: Mädchen, Ich bin derselbe dem du einst begegnet. Sieh hier das Zeichen. Wird's nun licht in dir, Wie längst in dieser Brust, so nimm und gib! (Die Hand hinhaltend.) Dann könnte sie nicht sprechen: Guter Mann, Stellt dort euch zu den Dienern meines Hauses, Des, wes ihr mich erinnert, denk ich kaum.
Ei wackrer Mann, setz dich nur wieder hin, Nimm Käs' und Brot aus deiner Pflügertasche Und halte Mahl am ungefügen Tisch. Ist's eignes Brot doch, das erhält und stärkt, Das Brot der Gnade nur beengt und lastet. (Er hat sich wieder gesetzt und den Inhalt seiner Tasche auf die Pflugschar ausgelegt.)
Sie hat mein Roß, das etwa so viel gilt Als diese goldnen Spangen die ich trage, Und so sind sie mein Eigentum zu Recht.
Ich wollte, sie bestieg' einmal den Zelter Und in Gedanken ihm die Zügel lassend, Trüg' sie das Tier hieher. Doch welch Geräusch? Täuscht mich mein Aug? Das ist mein Roß; doch leer Und ohne Reiter, rings von Volk umgeben. Bin ich im Land der Märchen und der Wunder? Doch folgen die Wladiken, seh ich nun, Die sich erdachten etwa solchen Fund Um zu ergänzen was nur halb in ihrer Und halb in meiner Hand. Kommt immer, kommt! Ich fühle mich als Herr in meinem Haus, Und so brech ich mein Brot. Ist doch der Pflüger, Indem er alle nährt, den Höchsten gleich: Wie Wasser und wie Luft, die niemand kauft, Doch mit dem Leben zahlt, entbehrt er ihrer.
(Die drei Wladiken kommen, von Volk begleitet, von der linken Seite.)
Biwoy. Hier blieb der Zelter stehn, hier ist der Ort.
Domaslav. Und hier der Mann, der, wie Libussa sprach, An einem Tisch von Eisen sitzt, sein Brot Auf einer Pflugschar mit den Händen teilend.
Biwoy. Derselbe ist's, es ist der nämliche, Der unsern Streit geschlichtet.
Lapak. Mir wird's hell.
Primislaus (aufstehend). Glück auf ihr Herrn! Was führt euch her zu mir?
(Man hat das Pferd gebracht. Primislaus hinzutretend und es streichelnd.)
Ha Prischenk, du mein Roß, du wieder heim?
Lapak. Sein Roß?
Primislaus. Noch einmal denn: was führt euch her?
Domaslav. Der Fürstin Wort.
Primislaus. Libussas?
Lapak. Sie befahl An ihren Hofhalt dich mit uns zu führen.
Primislaus. Galt mir auch, euch zu folgen, der Befehl?
Lapak. Das nicht.
Primislaus. Doch, wenn ich's nun verweigerte, Kommt ihr mit Macht, mich nöt'genfalls zu zwingen. Seid unbesorgt, ich folg euch ohne Zwang. Was aber war der hohen Ladung Grund?
Domaslav. Wir wissen's nicht.
Lapak. Vielleicht doch ward ihr kund, Daß du ein schlauer Richter bist zu eignem Nutzen, Und wünscht als Richter dich zu nutz dem Volk. Zum mindsten lag ein Fall vor, der verwirrte.
Primislaus. Ich richte niemand als mich selber etwa, Und täusche nicht, als wer sich selbst getäuscht.
Domaslav. Besteig das Roß denn und folg uns nach Hof.
Primislaus. Dies Tier, das meine Fürstin hat getragen, Besteige niemand, der nicht eignen Rechts, Nebstdem daß es das ihre, und ich wünsche, Daß es das ihre bleibe, nach wie vor. Dann, sollt' ich mit der Arbeit Staub beladen Mich nahn dem Ort, wo Arbeit nur ein Gast, Nicht der Bewohner ist? Ich geh ins Haus Und schmücke mich wie sich der Landmann schmückt. Auch, da man Höhern naht mit Ehrengaben, Bring ich von Früchten und von Blumen ihr, Wie sie der Armut eignen, ein Geschenk. So lang, ihr Herrn, zerstreut euch im Gehöft. Man reicht euch Met und Milch und nährend Brot, Auf daß gestärkt wir gehn, wo Stärke not.
(Er entläßt sie mit einer Handbewegung und geht in die Hütte.)
Lapak. Hast du gehört?
Domaslav. Wie stolz.
Biwoy. Nun um so besser. Stolz gegen Stolz, wie Kiesel gegen Stahl, Erzeugt, was beiden feind, den Feuerstrahl.
(Alle nach der linken Seite ab.)
Verwandlung
Tiefes Theater. Im Hintergrunde auf einem Felsen das Schloß der Schwestern.
Wlasta und Swartka vom Hintergrunde nach vorn kommend.
Wlasta. So weigern mir die Schwestern, deine Fraun, Den Eintritt denn?
Swartka. Sie sind nicht gern gestört.
Wlasta. Und wissen sie: ich komme von Libussen.
Swartka. Sie wissen es.
Wlasta. Und doch--?
Swartka. Und doch.--Verzieh! Sie steigen nieder von dem jähen Abhang, Den Weg vom Schloß ins Freie.--Tritt zurück! Wenn sie vorübergehen, sprich sie an.
(Kascha und Tetka sind von der Höhe herabgekommen.)
Kascha. Ich sage dir: die Wasserwaage zittert, Der Boden hebt, die Zeit gebiert ein Neues.
Wlasta. Erlauchte Frau.
Kascha. Ah, Wlasta, sei gegrüßt! Willkommen hier im Freien, denn im Schloß War's nicht gegönnt.
Wlasta. Und wer verbot's?
Tetka. Wir selber. Wer aufmerkt, der gebeut selbst und gehorcht.
Wlasta. Die Fürstin, meine Frau--
Kascha. Wir wissen es. Libussa will zurück in ihrer Schwestern Mitte, Empört von ihres Volkes wildem Trotz. Sag ihr, das kann nicht sein.
Wlasta. Du meinst wie ich.
Kascha. Vielleicht nicht ganz. Allein,--und sag ihr das-- Wer gehen will auf höh'rer Mächte Spuren Muß einig sein in sich, der Geist ist eins. Wem's nicht gelungen all die bunten Kräfte Im Mittelpunkt zu sammeln seines Wesens, So daß der Leib zum Geist wird, und der Geist Ein Leib erscheint, sich gliedernd in Gestalt, Wem ird'sche Sorgen, Wünsche und das schlimmste Von allem was da stört,--Erinnerung, Das weitverbreitete Gemüt zerstreun, Für den gibt's fürder keine Einsamkeit, In der der Mensch allein ist mit sich selbst. Die Spuren ihres Wirkens, ihres Amts, Sie folgen künftig ihr wohin sie geht. Wozu noch kommt, daß in der letzten Zeit Die Neigung, scheint's, die Neigung zu dem Mann, In ihrem edlen Innern Platz gegriffen; Zum mindsten war das Kleinod das du brachtest, Als Zeichen deiner Sendung, nicht mehr strahlend, Gewesen war's in einer fremden Hand. Sie kann nicht mehr zu uns zurück, denn störend Und selbst gestört, zerstörte sie den Kreis.
(Sie tun ein paar Schritte. Wlasta tritt ihnen in den Weg.)
Wlasta. Doch gebt ihr Rat der Fürstin, wie sie bändigt Die Meinungen des Volks, mit sich im Kampf.
Kascha. Kennt einen Weisern sie im Volk als sich, So steige sie vom Stuhl und gönn' ihn jenem. Doch ist die Weisre sie, wie sie's denn ist, So gehe sie den ungehemmten Gang, Nicht schauend rechts und links was steht und fällt. Der Fragen viel erspart die feste Antwort. Ich sehe rings in weiter Schöpfung Kreisen Und finde übrall weise Nötigung. Der Tag erscheint, die Nacht, der Mond, die Sonne, Der Regen tränkt dein Feld, der Hagel trifft's, Du kannst es nützen, kannst dich freuen, klagen, Es ändern nicht. Was will das Menschenkind Daß es die Dinge richtet die da sind.
Tetka. Das Denken selbst, das frei sich dünkt vor allen, Ist eigner Nötigung zu Dienst verfallen. Hat sich der Grund gestellt, so folgt die Folge, Und zwei zu zwei ist minder nicht noch mehr Als vier, ob fünf dir auch willkommner wär'. Wer seine Schranken kennt der ist der Freie, Wer frei sich wähnt ist seines Wahnes Knecht.
Kascha. Hoffst du durch Überzeugen dich geschützt? Es billigt jeder das nur was ihm nützt. Ein einz'ges ist was Meinungen verbindet: Die Ehrfurcht, die nicht auf Erweis sich gründet. Der Sohn gehorcht, gab sich der Vater kund, Den Ausspruch heiligt ihm der heil'ge Mund. Daß einer herrsche ist des Himmels Ruf, Weil zum Gehorchen er die Menschen schuf. Wir selbst, als Schwestern deiner Fürstin gleich, Gehorchen ihr, weil ihrer ward das Reich. Und fällt's zu widerstreben jemand ein, Mag er versuchen erst kein Mensch zu sein.
(Indem die Fürstinnen ihren Weg fortsetzen, und Wlasta, wie zu neuen Vorstellungen ihnen zur Seite folgt, gehen alle nach links ab.)
Saal in Libussas Schlosse. Zur rechten Seite ein Thron auf Stufen.
Dobromila (kommt von der rechten Seite, zurücksprechend). Der Erker hier reicht weiter in das Feld! (Sie tritt an ein Fenster das sie öffnet.)
Libussa (von derselben Seite kommend). Und siehst du hier auch nichts?
Dobromila. Wie vor noch immer, Ringsum von den Wladiken keine Spur.
Libussa. Ich sagte dir du sollst nach Wlasta sehn, Die ich gesandt zu meinem Schwesterpaar, Und die, halb Mann sie selbst, nach Männerart Die Zeit mit Vielgeschäftigkeit zersplittert. Sagt einer Frau: Tu das! sie richtet's aus; Der Mann will immer mehr als man geheißen. Liebt sie zu sprechen, lüstet's ihn zu hören, Und was er seine Wißbegierde nennt, Ist Neugier nur in anderer Gestalt. Wenn nicht zu träg, er spräche mehr als sie.
Ich will zu meinen Schwestern auf Hradschin! Zur Gnade leben trotzigen Vasallen, Die alles was Gewicht weil es Gehalt, Erst auf der Waage eignen Zweifels wägen, Der nur bezweifelt was ihm nicht genehm. Das soll nicht sein mit Krokus' Fürstentochter. Sie mögen sich bestreiten, sich bekriegen, Vielleicht wird sie die Not, doch nie das Wort besiegen.
Fast reut es mich, daß ich die Toren sandte Nach jenem andern Toren, wie es scheint, Der trotzig so wie sie und stolz dazu, Dort zögert wo die Eile noch zu langsam. Wenn ich gewürdigt ihn noch sein zu denken, Wenn unter dieser Stirn, in dieser Brust Die Spuren noch lebendig jenes Eindrucks Den gebend ich empfing, was hält ihn ab Hervorzutreten aus der Dunkelheit Des Ohres und der Nacht ans Licht des Auges, Den Dank zu holen, ob auch nicht den Lohn?
Und unter solchen wär' mein Los zu weilen? Wohl etwa gar, wie die Wladiken meinen, Mein Selbst geknüpft an einen ihrer Schar? Die Glieder dieses Leibes, die mein eigen, Zu Lehen tragen von der Niedrigkeit? Der Hand Berührung und des Atems Nähe Erdulden, wie die Pflicht folgt einem Recht? Mich schaudert. All mein Wesen wird zum: Nein.
Es soll sich Wlasta einem Mann vermählen Und ihre Kinder folgen mir im Reich.
Dobromila. Ich sehe Staub.
Libussa. Nun Staub ist eben nichts.
Dobromila. Allmählig doch entwickeln sich Gestalten. Ha, die Wladiken sind's.
Libussa. Und Wlasta nicht?