Libussa Trauerspiel in fünf Aufzügen
Chapter 2
Libussa. Steht auf! sind's diese nicht und dieser Ort Was euch zu Boden zieht. Doch hört mein Wort. Es hielt euch fest des Vaters strenge Rechte Und beugt' euch in heilsam weises Joch. Ich bin ein Weib und, ob ich es vermochte, So widert mir die starre Härte doch. Wollt ihr nun mein als einer Frau gedenken, Lenksam dem Zaum, so daß kein Stachel not, Will freudig ich die Ruhmesbahn euch lenken, Ein überhörtes wär' mein letzt' Gebot. So wie ich ungern nun von hinnen scheide, Lenkt' ich zurück dann meinen müden Lauf Und träte bittend zwischen diese beide; Ihr nähmet, Schwestern, mich doch wieder auf?
Kascha. Wenn du's noch kannst, von Irdischem umnachtet.
Tetka. Wer handelt geht oft fehl.
Libussa. Auch wer betrachtet!
Domaslav. Nicht fruchtlos sollst du, zweimal nicht uns mahnen, Nimm unsern Schwur darauf und unsrer Untertanen.
Libussa. Dies letzte Wort, es sei von euch verbannt, In Zukunft herrscht nur eines hier im Land: Das kindliche Vertraun. Und nennt ihr's Macht, Nennt ihr ein Opfer das sich selbst gebracht, Die Willkür, die sich allzu frei geschienen Und, eigner Herrschaft bang, beschloß zu dienen. Wollt ihr als Brüder leben, eines Sinns, So nennt mich eure Fürstin und ich bin's; Doch sollt' ich zwein ein zweifach Recht erdenken, Wollt' eher ich an euch euch selbst als Sklaven schenken. Seid ihr's zufrieden so?
Alle. Wir wollen!
Libussa. Nun so kommt. Allein vergäßt ihr was uns allen frommt, (auf ihre Schwestern zeigend) Da diese hier den Rücktritt mir versagen, So ging' ich hin es meinem Vater klagen.
Lebt, Schwestern, wohl! Auf Wiedersehn, und bald! Ihr andern folgt und jubelt durch den Wald. Ihr Mädchen mir voraus, und stoßt ins Horn, Bis jetzt mir nächst, steht billig ihr nun vorn. Und so, gehobnen Haupts, mit furchtlos offnen Blicken, Entgegen kühn den kommenden Geschicken.
Die Männer. Libussa hoch! der Böhmen Herzogin!
(Man hat Libussa wieder den Mantel und das Federbarett gegeben; sie geht, die Mädchen vor ihr her, die Männer schließen. Alle mit Fackeln und Jubel durch das mittlere Tor ab.)
Kascha. Hast du gehört?
Tetka. Ja wohl.
Kascha. Nun?
Tetka. Ich bedaure sie, Sie wird's bereun, und früher als sie denkt.
Kascha. Die Roheit kann des Höhern nicht entbehren, Doch hat sie's angefaßt, will sie's in sich verkehren, Wer nicht wie Menschen sein will, schwach und klein, Der halte sich von Menschennähe rein. Komm mit!
Tetka. Wohin?
Kascha. An unser täglich Werk. Ihr aber reinigt mir so Hof als Hallen, Was hier geschehn, es sei in Traum zerfallen.
(Die Schwestern mit Begleitung ab.)
Dobra. Nun wir denn auch ans Werk und gib mir Kunde Ob gutes Zeichen eintritt diese Stunde. Welch Sternbild herrscht?
Swartka (auf der Höhe der Mauer). Die Jungfrau blinkt, doch nein, Ich irrte mich, es ist des Löwen Macht, Der auf sein Böhmen schaut.
Dobra (gen Himmel blickend). Hältst du auch sichre Wacht?
Swartka (mit halbem Leibe über die Brustwehr gelehnt und laut ausrufend). Der Osten graut, dem Tage weicht die Nacht!
Zweiter Aufzug
Ebene an den Ufern der Moldau. Rechts ein Teil von Libussas Wohnung. Auf derselben Seite nach vorn ein kleines Gebüsch, vor dem ein Weib mit einem etwa vierjährigen Kinde sitzt. Links gegenüber ein Tisch mit plaudernden und zechenden Gesellen. Zwei darunter spielen eine Art rohes Brettspiel. Im Hintergrunde wird zu einer Zither getanzt.
Das Weib (ihren Knaben emporhebend). Nun, Tomyn, spring!
Einer der Spielenden. Ei ja, der schwarze Stein, Er stand erst hier.
Zweiter. Dir fällt wohl gar noch ein, Daß ich betrüg im Spiel?
Erster. Wer denkt an das; Sei mir nicht bös und zieh!
(Sie spielen weiter.)
Ein Alter. Ja, laßt euch sagen: Fürst Krokus war ein Held in seinen Tagen. Der schlug, wenn's etwa galt, auch einmal los Und ließ den Mann am Herde nicht vertöffeln, Da saßen wir die Hände nicht im Schoß Und suppten Frieden aus mit breiten Löffeln.
Ein Jüngerer. Je nun, der Löffel hat noch keinen Mund zerrissen, Des Krieges Messer schneid't mitunter harte Bissen. Der Großen breiter Schlund mag derlei noch vertragen, Den Kleinen stumpft die Zähn' er und verdirbt den Magen. Ich lobe mir den Frieden.
Alter. Je, was denkst du? Versteh mich recht. (Den Becher hebend.) Libussa hoch!
Alle am Tische (ebenso). Libussa!
(Ein Gewaffneter und Wlasta mit Brustharnisch und Helm an seiner Seite haben, wie beaufsichtigend, die Menge durchschritten.)
Gewaffneter (zum Tische tretend). Ist's hier so laut?
Alter. Wir sprachen von Libussen, Und wenn auch laut, wer spricht da laut genug?
Wlasta. Doch horcht! Der Arbeit Ablösstunde schlug.
(Man hört Gesang von Männerstimmen. Mehrere Feldarbeiter kommen, sich paarweise umschlingend, die Jacken über die Schultern gehängt. Sie singen:)
Ruh' nach der Arbeit Wird wohler tun, Denn wer nicht müde Kann auch nicht ruhn.
Einer von denen am Tische. Willkommen! Schon zurück?
Einer der Gekommenen. Was denkst du, Lieber? Der Teil des Tags, der uns traf, ist vorüber, Nun kommt's an euch.
Der Erste (aufstehend). Wir sind auch schon bereit. Zur Arbeit, ho!
(Mehrere am Tische stehen auf und nehmen die abgelegten Jacken auf.)
Kamt ihr im Pflügen weit?
Der Andere. Zum Rain.
Der Erste. Macht's heiß,
Der Andere. Je nu, es sengt die Matten (Den Schweiß mit dem Ärmel von der Stirne wischend.) Doch der die Sonne gibt, der gibt zuletzt auch Schatten.
Der Erste. Macht's euch bequem. (Zu den andern vom Tische Aufgestandenen.) Ihr kommt!
Einer von ihnen (zum Schenken). Noch einen Trunk!
Schenke. Was meinst du auch? Ich denk du hast genung, Sonst gibt es eitel Zank, wie jüngst beim Frühlingsfeste. Die Fürstin liebt das nicht. Halt's wie die andern Gäste!
Der Vorige. So wart ich bis zum Quell.
Schenke. Tu das, es kühlt den Brand Und heiter bleibt der Kopf und rührig Fuß und Hand.
Wlasta (die gewaffnet ab und zu gegangen ist, ohne Strenge). Zur Arbeit!
Der letzt Zurückgebliebene. Wohl! Das ist ja was ich meine.
(Er und die übrigen Aufgestandenen nach der rechten Seite ab. Die neu Gekommenen setzen sich.)
Der Erste von ihnen (zum Alten). Wir pflügten heut dein Feld.
Alter. Ging's gut?
Der Pflüger. Ei, gar viel Steine, Doch hielten wir darum nur doppelt fest.
Alter. Habt Dank!
Erster Spieler (einen Zug machend). Verloren!
Zweiter (nachdem er das Spiel übersehen, dem andern Geld hinschiebend). Nun, hier ist der Rest.
Erster. Du hörst wohl gar schon auf?
Zweiter (auf eine Figur des Brettspieles zeigend). Fraß alles doch der Reiter.
Erster (einen Teil des Geldes zurückschiebend). Nimm von dem meinen da und spielen wir nur weiter.
Wlasta (hinzutretend). Spielt ihr um Geld?
Erster Spieler. Es gilt kein großes Glück, Wir zahlen nur zum Scherz und geben's dann zurück.
Wlasta. Ihr tut ganz recht, wollt ihr die Fürstin euch gewogen.
Erster Spieler. Wer will das nicht? (Noch eine Handvoll Geld dem andern hinlegend.) Da nimm! und ausgezogen!
(Sie spielen weiter.)
Das Weib im Vordergrunde (das sich unterdessen mit dem Kinde beschäftigt hat, zu demselben). Wenn nun die Fürstin kommt, küß ihr den Saum.
(Von den Tanzenden im Hintergrunde löst sich ein Paar los, das jetzt, gegen die Mitte zu, hervor tanzt.)
Einer der Sitzenden. Seht wie der Janek springt, der nimmt sich Raum Tanzt er mit Ilsen doch.
(Mehrere stehen auf, dem Tanze zuzusehen.)
Ein Alter (von der linken Seite kommend). Laßt ab, ihr beiden! Wie oft ward's euch gesagt: ich will's nicht leiden.
Einer der Zusehenden. Ei, Alter, trenn es nicht das hübsche Paar!
Der Alte. Zuletzt nennt ihr noch Weib und Mann sie gar.
Der Vorige. Warum auch nicht?
Der Alte. Warum? Ich will's euch sagen-- Mein Mädel da ist reich und er hat kaum zu nagen.
Der Vorige. So lebt ihr Alten stets denn in vergangner Zeit? Was gestern fest und wahr ist's darum nicht auch heut. Der Reichtum letzter Zeit kam etwas stark zu Falle, Sonst hatten die und der, nun aber haben alle. Was kaufst du um dein Geld da wo nichts käuflich ist, Das Land ein breiter Tisch, an dem, wer hungert, ißt. Deshalb des Burschen Not, der Tochter dich erbarme, Er hat was ewig reich: ein Herz und rüst'ge Arme.
Das Mädchen. Mein Vater!
Der Alte (zum Gehen gewendet). Ei, ja doch!
Der vorher gesprochen. Geht, folgt ihm auf dem Fuß! Zuletzt sagt er doch ja, und wär's aus Überdruß.
(Musik von der linken Seite.)
Schon wieder Sang und Klang? Das hat nicht Langeweile!
Weiber und Kinder (hüpfend und in die Hände schlagend). Ei schön! Die Knappenschaft des Bergwerks aus der Eule!
(Bergknappen mit Musik von der linken Seite. In der Mitte auf den Schultern von vier Männern eine Tragbahre mit glänzenden Stufen, Erzstücken und Gefäßen voll edlen Metallen.--Die Anwesenden drängen sich betrachtend und bewundernd nach dem Hintergrunde.--Lapak von der linken Seite kommend und Domaslav mit Biwoy rechts auftretend, begegnen sich.)
Lapak. Seid mir gegrüßt!
Domaslav. Und du!
Lapak (auf das Volk weisend). Das freut sich.
Domaslav. In der Tat.
Lapak. Man ist redet glücklich hier.
Domaslav. Und jedermann ist satt.
Lapak. So Herr als Knecht.
Domaslav. Der Knecht nun wohl am meisten.
Lapak. Das möcht' ich mir zu sagen nicht erdreisten. Wir sind doch Herrn.
Domaslav. Und satt so gut als die. (Auf die Menge weisend.) Zwar satt sein ist nicht viel.
Lapak. Zu viel macht doch nur Müh. Libussa--
Domaslav. Ah, sie ist der Frauen Zierde!
Lapak. Gerecht.
Domaslav. Und weise.
Lapak. Mild.
Domaslav. Und doch voll Würde. Nur--
Lapak. Meinst du?
Domaslav. Ich?--Sie ist wie du gesagt.
Lapak. Und wer im ganzen Land zu widersprechen wagt? Zwar wenn--
Domaslav. Erkläre dich!
Lapak. Was ist da zu erklären? Das Land ist segensvoll, und mög' es ewig währen!
Domaslav. Die Dauer freilich--
Lapak. Wohl. Das Schöne währt nur kurz. Und wer die Höhe wählt--
Domaslav. Der wagt zugleich den Sturz.
Lapak. Die Dauer, ja; und, wag ich's anzudeuten--? Siehst du dort Wlasta durch die Männer schreiten? Da Tadeln nun ein Menschenfehler doch-- Die Weiber, dächt' ich, stellt sie allzuhoch. Zwar wird sie wissen wohl--
Domaslav.--In ihrer Weisheit Fülle--
Lapak. Warum sie also tut.
Domaslav. Gewiß! Und dann--Doch stille!
Lapak. Was ist?
Domaslav. Mir schien als käme wer.--Dann noch zumeist, Die Niedern find ich werden allzudreist.
Lapak. Man sieht die Achtung doch nicht gerne sich versagen.
Domaslav. Und braucht man nun sein Recht--
Lapak. So eilt das gleich zu klagen.
Domaslav. Ja dies, und daß die Weiber sie so hoch gestellt, Sonst ist ihr Reich--
Beide. Das beste in der Welt.
Domaslav. Und, Biwoy, du schweigst still?
Biwoy. Was bleibt mir über? Hör ich die Klugen sprechen als im Fieber. Verkehrt ist all dies Wesen, eitler Tand, Und los aus seinen Fugen unser Land. Weiber führen Waffen und raten und richten, Der Bauer ein Herr, der Herr mitnichten. Und all dies Tändeln mit sanft und mild Gibt höchstens 'ne Sangweis', ein feines Bild; Doch wie's entstand unter einer Stirn, Hat's nirgends Raum als im Menschenhirn. Und fiel' ein Feind in unsre Gauen, Wir würden des allen die Früchte schauen.
Lapak. Wie kurz und rasch.
Domaslav. Fürwahr, er übertreibt. Zwar etwas ist daran--
Lapak. Das etwa übrigbleibt.
Domaslav. Daß ich's denn grad heraus nach meiner Einsicht deute, Dem Ganzen fehlt ein Mann, ein Mann an ihrer Seite.
Lapak. Vielleicht. Zu all den Gaben, die der Fürstin Zier, Ein ruhig sichres Aug'--
Domaslav. Gleich, weiser Lapak, dir.
Lapak. Weis' ist Libussa selbst. Sag: Domaslav der reiche.
Domaslav. Der reiche Domaslav? Sind wir nicht längst denn gleiche? Der starke Biwoy wär' dem Land ein starker Schild.
Biwoy. Mag sein. Doch frägt darnach das zarte Frauenbild?
Domaslav. Wozu noch mehr? Laßt uns zum Werk vereinen! Wir werben ohne Neid. Sie wähle von uns einen. Und wer das Los erhält, gedenke dankbarlich Des Brüderpaars, und stell' als Nächste sie nach sich.
Lapak. Wenn nur--
Wlasta (rufend). Die Fürstin naht.
(Der Tanz hört auf.)
Laßt euch nicht stören! Sie wird in eurer Lust den schönsten Willkomm hören.
(Libussa kommt von der rechten Seite von mehreren begleitet. Sie bleibt betrachtend stehen. Die Tanzenden machen noch einige Schritte, dann hören sie zugleich mit der Musik auf, wobei einige Weiber Blumensträuße zu Libussens Füßen legen.)
Libussa. Habt Dank ihr Leute! Für die Blumen auch, Mich freut es wenn ihr sie, die Frommen, liebt, Und ihnen gleich auch bleibt an stillem Blühn. Was euch die Gärtnerin mit nächster Sorge, Verteilend hilfreich Naß und Wärm' und Schatten, Kann nützlich sein, das ist euch ja gewiß. Die Freude, hoff ich, stört nicht das Geschäft?
Wlasta. Die Pflüger, kaum gewechselt, sind im Feld.
Libussa. Mir schmerzt die Stirn; das zielt auf feuchte Zeit. Sie sollen eilen, daß sie heut vollenden. Doch wird der Sommer heiß. Das Jahr ist gut. Wer sind die Leute dort?
Wlasta. Die Knappenschaft Des Bergwerks aus der Eule. Reiche Beute Dir bietend sind sie da. Willst du sie sprechen?
Libussa. Nicht jetzt. Mich ekelt an der anspruchsvolle Tand. (Einen der Blumensträuße in der Hand haltend.) Die Butterblumen hier sind helles Gold Und reines Silber nickt in diesen Glöckchen. Hat jemand Lust an ihrem toten Hort Zu Schmuck und zu Gerät, sei's ihm gegönnt.
Ah, Brom! Wie lebst du und wie lebt dein Weib? Seid ihr versöhnt und streitet ihr nicht mehr? Demnächst komm ich zu dir mich des zu überzeugen. Nicht immer von Gehorsam sprich zu ihr, Sie wird dir um so williger gehorchen. Das heißt: wenn du im Recht; denn hast du unrecht, So seh ich nicht warum sie weichen sollte. Ich blicke rings um mich und finde nirgends Den Stempel der Mißbill'gung, den Natur Der offnen Stirn des Weibes aufgedrückt. Sieh, deine Fürstin ist ein Weib, und braucht sie Rat, Geht sie zu ihren Schwestern, und hier Wlasta, Sie wacht in Waffen und gebeut statt mir. Fühlt sich dein Knecht als Mensch dem Herren ähnlich, Warum soll sich dein Weib denn minder fühlen? Kein Sklave sei im Haus und keine Sklavin: Am wenigsten die Mutter deines Sohns.
(Zu dem Weibe mit dem Kinde.) Ah, Gute! und dein Kind! Ist's nun gesund? Und machten jene Kräuter es genesen? Doch eine Narbe noch, hier nächst der Stirn! Nimm Pfeilwurz, wie es auf den Wiesen wächst Und drück ihms an die Stirne wiederholt Und sag dazu: in Gottesnamen.--Gut!
Auch gibt's hier eine Hochzeit sagt man mir. (Das Tänzerpaar von vorher und der Vater treten näher.) Ei, alter Risbak, fühlst du dich erweicht Und nennst sie Mann und Weib das hübsche Paar? Du tust sehr wohl, sie sind einander wert. Denn was du immer sprachst von arm und reich Da ist nicht Sinn dabei. Wohl denn, Glück auf! Kehrt nur zu Spiel und Tanz, und froh zur Arbeit.
(Das Volk zieht sich zurück. Sie kommt gegen den Vorgrund.)
Sieh da ihr Herrn, so vornehm abgesondert? Wie unzufrieden oder doch erstaunt?
Domaslav. Vielleicht erstaunt; daß du, den Göttern ähnlich, Die Gaben spendest, die du selbst nicht teilst.
Libussa. Leih deinen scharfen Sinn mir weiser Lapak, Daß ich verstehe was dort jener meint.
Domaslav. So stiftest du nicht Ehen, hohe Fürstin, Und bist der Ehe doch, der Liebe feind.
Libussa. Du hältst mich wohl für rasend, guter Mann? Wie sollt' ich hassen was so menschlich ist? Allein zu Lieb' und Ehe braucht es zwei; Und, sag ich's nur, mein Vater, euer Fürst, War mir des Mannes ein so würdig Bild, Daß ich vergebens seinesgleichen suche. (Sich von ihnen entfernend.) Zwar einmal schien's, doch es verschwand auch schnell.
Lapak. Du willst Geprüfte, doch du willst nicht prüfen.
Libussa (vor sich hin). Stellt er sich denn der Prüfung? wollt' ich auch.
Domaslav. Was man entfernt wünscht, hüllt man gern in Dunkel.
Libussa. Nun weiser Lapak denn und starker Biwoy Und mächt'ger Domaslav, die ihr euch teilt In das was ich im Mann vereint mir denke, Hört denn ein Rätsel, und als halbe Lösung Füg ich ein Zeichen bei nach Seherart. War doch die Kette stets der Ehe Bild. (Sie nimmt ihren Halsschmuck und legt ihn auf ein Kissen, das ein Page hält.)
Wer mir die Kette teilt, Allein sie teilt mit keinem dieser Erde, Vielmehr sie teilt, auf daß sie ganz erst werde; Hinzufügt was, indem man es verlor, Das Kleinod teurer machte denn zuvor: Er mag sich stellen zu Libussas Wahl, Vielleicht wird er, doch nie ein andrer ihr Gemahl.
Domaslav. Wer mir die Kette teilt.
Biwoy. Und wieder doch nicht teilt.
Domaslav. Hinzufügt was--
Libussa. Müht euch nicht ab! Der weise Lapak, sah ich, schrieb sich's auf. Verbirg es nicht und teil es diesen mit, Er soll für alle. Nun mit Gott! ihr Herrn. Sucht auf die Lösung; aber hört zugleich: Bis ihr's gefunden meidet meine Nähe.-- Libussa ist kein Ziel, das gar so nah. (Zum Pagen.) Geh nur voran! Ihr folgt! Glück auf den Weg!
Biwoy (im Abgehen leise). Sie narrt uns, sagt' ich euch.
Lapak (ebenso). Wart ab das Ende.
(Die drei samt dem Pagen ab nach der linken Seite.)
Libussa. Wer einsam wirkt spricht in ein leeres All, Was Antwort schien ist eigner Widerhall.
Ha Wlasta komm! Ist irgendein Geschäft, Ein Mühen, eine Sorge, eine Qual, Daß ich bevölkre meines Innern Wüste?
(Die im Hintergrunde Stehenden drängen sich nach der linken Seite.)
Was dort?
Wlasta. Zwei Männer streiten wie du siehst. Sie fassen sich am Bart.
Libussa (in die Szene blickend). Schlägst du den Bruder? Gebt mir ein Schwert, er soll des Todes sterben! Und doch, schelt ich den Zorn und fühl ihn selbst? Trennt sie!
(Einige gehen nach der linken Seite.)
Und ist das Tier erst Mensch geworden, Bringt sie, auf daß ich schlichte ihren Streit. Ei Streit und Streit! (Die Hand auf die Brust gelegt.) Ist's hier denn etwa Friede?
(Ab nach der rechten Seite. Die übrigen zerstreuen sich.)
Verwandlung
Kurze Gegend mit Felsen und Bäumen.
Die drei Wladiken kommen, vor ihnen der Knabe mit dem Kissen.
Domaslav. Setz nur das Kissen ab, dort leg es hin, Indes wir uns beraten was zu tun.
(Der Knabe setzt das Kissen auf ein niedres Felsstück links im Vorgrunde und geht.--Domaslav dem Knaben nachblickend.)
Mir dünkt ich sehe Spott in seinen Augen.
Biwoy (der sich rechts im Vorgrunde zur Erde niedergeworfen hat, mit seinem Schwerte spielend). Hat er nicht recht und sind wir nicht genarrt?
Lapak (im Hintergrunde, die Hände auf dem Rücken, auf und ab gehend). Das frägt sich noch!
Biwoy. Ei ja, dann klügle du!
Domaslav (der links im Vorgrunde auf das Felsenstück gestützt, unverwandt die Kette betrachtet) Wer mir die Kette teilt--
Biwoy. Allein--Wie heißt's?
Lapak (unwillig hervorsprechend). Allein sie teilt mit keinem dieser Erde. (Er geht wieder auf und nieder.)
Biwoy. Sie teilt, allein mit niemand. Guter Schwank! (Aufstehend.) Ich hab es satt. Ich sag euch, es ist Unsinn. Der Widerspruch, ja die Unmöglichkeit Geknüpft in Reimwerk um uns zu verspotten, Und uns zu bannen fern von ihrem Hof, Weil sie uns scheut und unsre Nähe fürchtet. Wenn nicht der Sinn von Rätsel und von Kette In jener Knechtschaft liegt, die uns ihr Vater Vor Jahren auferlegt, und die sein Sprößling Mit zarten Händen gern verdoppeln möchte.
Drum ist mein Rat: Geh' jeder auf sein Schloß; Du Lapak, du bist weise, Domaslav Bist reich, hast Diener, Schreiber, die dir helfen Um auszuklügeln was vielleicht der Sinn. Ich bin ein Mann des Schwerts. Gebt mir das Kleinod, Ich will es hüten, daß, gelingt die Lösung, Nicht einer ernte wo gesät für drei, Und sich allein das Ziel der Werbung eigne.
Domaslav. Das darf nicht sein!
Biwoy (die Hand am Schwert). Es darf nicht?
Lapak. Nein und nein!
Biwoy. So laßt das Los denn zwischen uns entscheiden. Wir werden doch nicht wie die Blinden wandeln Uns wechselseits umklammernd mit den Händen? Geführt von jenem Gold als unserm Auge Und jenem Knaben--Ruft den Knaben her! Er soll entscheiden, werfen uns das Los.
Domaslav. Damit er rückgekehrt, am Hof Libussas Uns ihren Weibern schildre zum Gespött?
Biwoy. Da hast du recht!
Lapak. Dort geht ein Wandersmann, Des Weges scheint's hierher. Er kennt uns nicht; Sei unser Los sein unbestochnes Wort.
(Da Biwoy sich nach der bezeichneten Seite wendet.)
Tritt du nicht vor! Des Menschen Sinn ist rasch, Zuerst gesehn ist ihm zuerst gekannt. Er soll uns gleich, mit einem Male schaun.
(Sie ziehen sich zurück.) (Primislaus tritt im Vorgrunde von der linken Seite auf.)
Primislaus. Sowie der Wolf rings um die Herde kreist, Halb Hunger und halb Furcht, schleich ich im stillen Her um das Haus, das jene Hohe birgt. Und in der Brust trag ich das reiche Bild, Das sie mir gab, vielmehr: das ich mir nahm, So daß, wenn's hier zur linken Seite pocht, Ich unterscheide kaum, ob es mein Herz, Ob es ihr Kleinod was so mächtig stürmt; Und beide drängen hin zu ihrer Herrin. Doch nah ich ihr, rückstattend meinen Raub, Lohnt sie mit Gold die Tat, die mich beglückt, Und bleib ich fern, so deckt ein schnell Vergessen Was sie kaum weiß mehr und nur hier noch lebt. Ich sah dort einen Knaben ihres Hauses, Gekleidet in die Farben seines Diensts, Vielleicht kann ich ein Wort versteckter Mahnung, Rückrufender Erinnrung ihm vertraun, Daß sie gedenkt des Vorfalls jener Nacht.
(Indem er sich nach rückwärts wendet, treten die drei Wladiken vor.)
Lapak. Erschrick nicht, fremder Mann!
Primislaus. Erschrak ich denn?
Domaslav. Du kennst nicht uns, wir dich nicht.
Primislaus. Also scheint's.
Lapak. Zum Schiedsmann bist du demnach wie erlesen.
Primislaus. Was ist zu scheiden und was ist getrennt?
Lapak. Etwa die Kette hier.
Primislaus (für sich). Libussas Kette.
Domaslav. Sie gab uns eine hohe Frau.
Primislaus. Libussa!
Lapak. So weißt du--?
Primislaus.--Nichts, als nur, daß es die ihre.
Domaslav. So sag denn kurz, wie kurz ist unsre Frage: Wes von uns dreien soll das Kleinod sein?
Primislaus. Ich bin kein Mann des Zufalls und des Glücks, Zumal wo's Richterspruch gilt und Entscheidung. Wollt ihr den nähern Sinn mir nicht vertraun, So bleibt mit Gott, ich ziehe meines Wegs.
Lapak. Soll ich?
Biwoy. Tu's immerhin, der Mann scheint klug, Vielleicht verhilft er etwa uns zur Lösung.
Domaslav. Nun also denn: Wir drei, die du hier siehst, Sind mächtige Wladiken dieses Landes, Als mächtig eben, stark und reich, berufen Zu werben um der Fürstin hohe Hand. Als heute nun wir solcher Absicht nahten, Gab uns die Fürstin dieses Halsgeschmeid Und sprach dazu--Wie heißt's?
Primislaus. Laßt mich es hören.
Lapak (lesend). Wer mir die Kette teilt--
Biwoy. Doch teilt mit keinem. Es klingt wie Wahnsinn.
Primislaus. Jedes Wort, ich bitte.
Lapak (lesend). Wer mir die Kette teilt, Allein sie teilt mit keinem dieser Erde--
(Während die Wladiken neben Lapak stehen und in die Schrift blicken, hat Primislaus die Kette ergriffen, die hakenförmigen Glieder getrennt und rasch wieder zusammengefügt.--Lapak fortfahrend.)
Vielmehr sie teilt auf daß sie ganz erst werde;
Domaslav (lesend). Hinzufügt was, indem man es verlor, Das Kleinod teurer machte denn zuvor--
(Bei diesen Worten fährt Primislaus schnell nach der linken Seite der Brust, wo er das Kleinod verborgen.)
Biwoy (ebenfalls lesend). Er mag sich stellen zu Libussas Wahl; Vielleicht wird er, doch nie ein andrer ihr Gemahl.
Primislaus. Ich will zu ihr!
Domaslav. Was ficht Euch an? Ihr geht?
Primislaus. Das Rätsel ist gelöst.
Lapak. Wie nur?
Primislaus.--Es schien so, Doch decket neue Nacht das kaum Erhellte.
Sie sprach's zu euch als Werbern ihrer Hand?
Domaslav. So war's.
Primislaus (von ihnen wegtretend). Und überließ dem Zufall denn Ob sie des Rätsels Lösung dennoch fänden? Und der es fand, er war ja ihr Gemahl!