Lesestücke

Part 4

Chapter 41,761 wordsPublic domain

Das Theater stellt ein kleines Zimmer dar, das (mit hellen Eichenmöbeln) etwas zu einfach ausgestattet ist, als daß man es ganz behaglich nennen könnte. Im Hintergrunde ein Fenster, auf einen Balkon führend (den man durch eine Tür vom Nebenzimmer aus betreten kann). Schrank, offenstehend, angefüllt zur Hälfte mit Mädchenkleidern, zur Hälfte mit Wäsche. In der hinteren Ecke links das Bett. An der Wand, besonders um das Bett herum, zahlreiche Bilder Napoleons, zum Teil auf Postkarten. In der rechten Ecke, dem Bett gegenüber, steht ein Schreibtisch, auf dem eine elektrische Leselampe mit grünem Schirm ein gedämpftes Licht gibt. Am Tisch, in einem einfachen Korbsessel, sitzt MANON. Sie ist eingeschlafen. Ihr Kopf, mit aufgelöstem schwarzem Haar, liegt auf dem Tisch, in die Arme vergraben. Sie trägt einen weißen Peignoir. Draußen ist eine regnerische Spätherbstnacht. Man hört Bäume rauschen.

Genau um 12 3/4 Uhr nachts öffnet sich leise die Tür, und OSTAP betritt das Zimmer. Dunkelblauer Straßenanzug. Er verriegelt die Tür und nähert sich der Manon mit sehr vorsichtigen Schritten. Er dreht die Leselampe ab und setzt sich dem jungen Mädchen gegenüber auf einen Stuhl; die Bühne ist dunkel; nur von der Straße her ein schwankendes Laternenlicht.

MANON (erwacht; hebt dem Kopf, sieht sich erstaunt um, reckt sich, lächelt): Das sind Sie.

OSTAP (leise, wie das folgende): Ich habe das Licht ausgelöscht, damit man vom Korridor aus nichts durchschimmern sieht. Da ist dieser Tituskopf, dieser Blaustrumpf, der manchmal des Nachts spioniert. (Er lächelt . . . und leidet. Seine Stimme hat gezittert.)

MANON: Das ist wahr, und dann kommt sie herein und plaudert mit mir, und das mopst mich. (Sie zieht ihren Peignoir fester zusammen, als ob es sie fröre, und ist verwirrt. Schweigen. Von der Straße Bruchstücke eines Gesprächs.)

OSTAP: Hier, dies Buch habe ich Ihnen gebracht.

MANON: Oh, lassen Sie sehen. (Sie macht wieder Licht und neigt den Schirm der Leselampe so, daß nur ein ganz schwacher Schein nach dem Vordergrunde und der Tür zu fällt.) Ah, von Gyp: »Napoléonette.« Das ist ein Titel expreß für mich. Danke; das ist sehr chic. (Sie sucht, um ihre Verlegenheit aufzulösen, ein heiteres Gesicht zu bilden.)

OSTAP: Heute abend um 10 Uhr 25 vernahm ich in meinem Zimmer ein Rascheln. Dann leichte Schritte, die . . . etwas Süßes entfernten. In den letzten Wochen habe ich den Wert dieser kleinen Geräusche kennen gelernt. Dieses ganze Haus ist vergiftet mit verstohlenen Signalen, bedeutenden Mienenspielen, verabredeten Zeichen, mit den entzückenden Berechnungen der Klopfsprache und mit verbotenen Billets, die das einzig Wichtige der Welt enthalten. Durch die untere Spalte meiner Zimmertür schob sich etwas weißes. Ich stürzte hin: »_Ich will wissen, warum Sie die Miene so traurig haben. Bringen Sie mir heute abend gegen Mitternacht 3/4 ein Buch_.« Den Zettel hatten Sie geschrieben, mit Ihrer berauschenden Pensionatshand, die macht, daß ich andere Handschriften überhaupt nicht mehr werde lesen wollen.

MANON: Ach, werfen Sie mir nicht meine Jugend vor.

OSTAP: . . . Sind Sie neulich nachts wirklich ohnmächtig gewesen? Kossinka war so besorgt.

MANON: Nein, ich habe nur geschlafen . . . (Sie belebt sich. Schwarz glühen aus ihrem Brandstifterinnengesicht, das etwas zu weich und zu voll ist, die Augen. Die Haare ringeln sich böse um ihren Hals: ondulierte Nattern im Nest. Lauernd und voraussehend:) Also warum hatten Sie die Miene so traurig?

OSTAP (heiser): Das ist nicht wichtig.

MANON (mit leuchtenden Augen): Doch!

OSTAP: Vielleicht . . . liebe ich . . . Sie . . . ein wenig. Aber das ist nicht wichtig. Es geht Sie nichts an. Übrigens würde es verdammt gegen Sie sprechen, wenn Sie meine Liebe etwa erwiderten. Man liebt mich nicht . . . Lieben Sie mich?

MANON (lächelt auf eine gnadenreiche Art und nickt).

OSTAP: Nein! . . . Vraiment?

MANON: Tres vraiment.

OSTAP (mißtrauisch): Seit wann?

MANON: Seitdem Herr Marcus begann, in mich verliebt zu sein. Da amüsierte er mich nicht mehr so.

OSTAP (zieht die Manon zu sich und küßt sie auf den Mund, was sich etwas verzögert dadurch, daß Manon zunächst ihre Wangen hinhält. Man hört auf dem Korridor leise Schritte, die vor Manons Tür innehalten. Es scheint jemand an der Tür zu lauschen.)

MANON (totenblaß, flüstert): Das ist Olaf der . . .

OSTAP (hält ihr den Mund zu, flüstert): Kein Wort mehr!

MANON (mit unbewußter Anerkennung): Ah, er macht den Herrn!

OSTAP: Sei ruhig! (Er dreht die Leselampe ab.)

(Schweigen. Von der Tür her ein Scharren, ein Zögern, dann -- etwa -- ein Seufzen aus der Brust eines Studenten. Darauf schlürfende Hausschuhe, verhallend. Manon und Ostap halten den Atem an. Von der Straße die Huppe eines Autos, zerfließend. Regen gegen das Fenster.)

MANON (flüsternd): Wenn jetzt mein Vater -- Er würde dich töten! Du siehst wie sehr ich dich liebe.

OSTAP: War Olaf --

MANON (empört): Niemals! Was willst du, er hat mich amüsiert. Zuletzt wurde er immer reizbarer, ich hatte die Idee, daß er etwas mit dir vermute. Übrigens würde ich niemals die völlige Geliebte jemandes sein können. Du verstehst: die ganze, vollkommene Geliebte.

OSTAP: Vollkommen . . . Was würden wir tun, wenn jetzt Fräulein Füllfeder wieder einmal keine Ruhe hätte finden können? Schließlich ist sie deine Lehrerin, wenn sie auch Coopers »Lederstrumpf« zur Basis deines Unterrichts in der deutschen Salonsprache gemacht hat.

MANON: Ich stelle mich schlafend.

OSTAP: Sie rüttelt und ruft.

MANON: »Ach, Fräulein Füllfeder, ich bin so müde!«

OSTAP: »Machen Sie auf, Maninka; ich muß mit Ihnen plaudern!« Zärtlich . . ., vielleicht argwöhnisch. Ich wäre schon auf dem Balkon. Keine Spuren zurück? . . . Hut hatte ich nicht. Im Regen höre ich eure Plauderei, bewundere die Sicherheit deines Spiels. Aber vom Balkon ist kein Ausgang, das Skelett im Nebenzimmer würde schön quietschen, wenn ich durchzugehen versuchte. Wie lange pflegt der Tituskopf Gute Nacht zu sagen?

MANON: So zwei Stunden.

OSTAP: Natürlich würde ich mehr für dich tun, als zwei Stunden im Regen stehen . . ., (zögernd) alles. Aber wie interessant ist es, daß wir von Gefahren umgeben sind . . . und nichts tun werden, um sie zu rechtfertigen, selbstverständlich.

MANON (enttäuscht und befreit): Selbstverständlich. (Sie schaltet die Leselampe wieder ein. Kuß, beeinträchtigt dadurch, daß die beiden mit den Nasen aneinanderstoßen. -- Schweigen.)

OSTAP (denkt: Sie hat recht, ich hatte die Miene sehr traurig alle diese Zeit, ich ging in Qual, weil ich dieses Mädchen lieben mußte, diese Achtzehnjährige: die ihre Leidenschaften häufiger wechselt als ihren Stuhl, die von drei Rasereien gleichzeitig befallen wird, und die Erledigtes vergißt, wie das Kopfweh vom vorigen Tage. Ich liebe dieses mehr gefährliche als gefährdete Kind, das, in den Intervallen seines Glücks, die beste Kameradin von der Welt ist. Was aber ist es mit dieser Szene? Die Pflicht, von ihr zu erfahren: »Ich liebe dich«, trieb mich in dieses Zimmer, Mitternacht 3/4. Genoß ich wirklich eine Sekunde lang Genugtuung, als sie mir's gesagt hatte? Ich erinnere mich nicht daran. Denn es sind neue, quälendere Pflichten gefolgt. Zunächst: dieses Beisammensein sehr herrlich zu finden. Und, das schlimmste: dieses Kind zu unterhalten. Sie hat meine Liebe erwidert. Was biete ich ihr schnell als Gegenleistung? Sie hat ein Recht, alles zu erwarten, und sicherlich langweilt sie sich schon fürchterlich. Von der Gefahr, in der wir stecken, ist schon genugsam die Rede gewesen. Nur die _Rede_: nicht die _Tat_. Immerhin ist diese Lage sozusagen kinematographisch reizvoll. Wenn wir überrascht würden! Das ganze Haus betet sie ja an, achtet einzig auf sie. Noch ihr Schlaf ist belauert, beneidet, mit Eifersucht umstellt, und alle wollen Einfluß auf ihre Träume haben. Sie braucht Abenteuer, weil sie Rasse hat. Und sie verläßt sich darauf, daß ihre Klugheit, nachträglich herbeigerufen, einen Skandal immer wieder verhüte. So bietet sie mir diese explosiven Umstände, legt sich selbst diese Gefährdung auf, in der Berechnung, der Reiz werde es lohnen, ein gewürztes Behagen alle hübsche Angst übertäuben. Was kann ich ihr sagen, das ihren Erwartungen gleichkomme? Gibt es denn in allen Bänden des Konversationslexikons kein einziges Thema, das uns für eine Minute zusammenhielte? . . . Ich werde von dem kleinen Leo Ukraïner anfangen müssen, der freilich noch nicht im Konversationslexikon steht, . . . und mich damit erledigen.)

MANON (denkt: J'aurais bien envie de l'embrasser un peu plus follement, mais j'ose pas, ce type est trop difficile.)

OSTAP: Liebst du den kleinen Leo Ukraïner?

MANON (angenehm berührt; vorsichtig): Lieben? . . . Er amüsiert mich. Übrigens weiß man ja im Anfang nie, ob man jemanden lieben wird.

OSTAP (tief gequält): _Worauf beruht es?_

MANON (ohne zu antworten): Er hat für Hanka und mich Billette geschickt für seinen Quartettabend. Das ist sehr nett.

OSTAP (sieht umher): In diesem Zimmer habe auch ich einen Winter lang gewohnt. Sie werden in Ihr Land zurückkehren, und man wird mir wieder dieses Zimmer anweisen. Ich sehe mich schon darin. Irgendwelche lustigen Gefahren wird es dann nicht mehr geben. Man kehrt überallhin zurück, sogar an die Stätte seines größten Verbrechens: seiner Geburt. Deshalb sollte man seine Biographie, anstatt chronologisch, vielleicht lieber . . . topologisch empfinden, nach Städten, Gärten, Korbsesseln, was?

MANON: Wie Sie wollen werden. Aber jetzt müssen Sie gehen; es ist 1 Uhr.

OSTAP (empfindet: Ich habe nicht ein Tausendstel von dem erreicht, was zu erreichen meine Pflicht war . . . und worauf ich dann hatte verzichten wollen. -- Sagt): Wann werden wir uns wiedersehen?

MANON (rechnet nach): Morgen soll ich Georg treffen. Glauben Sie, daß ich seine Geliebte werden muß, wenn er es verlangt?

OSTAP: Sind Sie des Teufels? Lieben Sie denn Georg?

MANON: Nein, aber er könnte mich vielleicht amüsieren . . . Also wir können uns ja öfter sehen. Aber nicht hier. Und nicht vor Ende der Woche. Und nicht jeden Tag.

OSTAP (grinst): Natürlich nicht. Aber ins Café zur Seelenwanderung bringen mich keine zehn Pferde mehr.

MANON: Also irgendwo. On s'arrangera; faut tranquilliser l'histoire. Gute Nacht! Öffnen Sie ganz leise, und gehen Sie nicht direkt in Ihr Zimmer zurück.

OSTAP (grinst, durchaus verfallen): Natürlich nicht. Schlafen Sie gut. (Er schleppt sich zur Tür, riegelt behutsam auf und verschwindet lautlos: erledigt.)

MANON (reckt sich; lächelt; gähnt; wird zuinnerst sehnsüchtig): O mein Marcel! Wärest du hier!

(Man hört im Korridor schleichende Schritte, verhallend. Von der Straße her die Huppe eines Autos, zerfließend.)

MANON (nimmt von einem Kuchenteller eine Makrone und kaut sie ausführlich durch. Kniet vor dem Bette nieder und betet. Dann stellt sie die Leselampe auf den Nachttisch, nimmt das Buch der Madame Gyp und legt sich bequem nieder. Sehr zufriedene Miene. Sie schlägt das Buch auf und beginnt zu lesen. Murmelnd): Napoléonette; chapitre premier . . .

.center _Der Vorhang fällt rasch._

Tafel der Lesestücke

Vorwort Wir Gespenster Der Unterprimaner Konzentrisch Café (1910) Nymphenburg (1910) Halensee (1911) Notiz; nachts (1911) Genesung Rapidität Sublimierung Das Café-Sonett Bar Spleen Spät Ode vom seligen Morgen Morgen-Arbeit Morgendämmerung (nach Baudelaire) Besessen (auch) Abneigung Xenien Wintergarten (1910) Franz Blei Hebbels letzte Stunde Münchner Notizen (1911) I: Absage an ein Café II: Glück der Betrachtung Das moralische Variété (1912) Der Gedanken-Strich (1912) Manon, Fragmente eines Detektivromans (1913-14) I: Sitzendes Fräulein II: Spuren im Schnee III: Sachliche Angaben IV: Olafs Glück und Ende V: Beisammensein