Lesestücke

Part 3

Chapter 33,400 wordsPublic domain

Erst die nächste Darbietung: eine Pantomime, setzt sich durch. Monsieur Adams, der ein großer Künstler ist, hat sie erdacht, und er selbst spielt den Pierrot, einen wunderschönen, pessimistischen, sehr gequälten Pierrot, wie auf den Bildern des Watteau der >butte<: des Adolphe Willette. Pierrot hat eine himmlische Seele in irdischem Körper, Colombinens Leib ist himmlisch, und ihr Seelchen haftet an der Erde. Diese banale Antithese wird in der Darstellung des Monsieur Adams zur Menschheitstragödie. Wie dieses mehlige Philosophengesicht, dessen eingefallene Wangen der Mondschein pudert, und dessen Lippen tollkirschenfarben erglühen, auf das Ersehnte starrt, auf das Notwendige, nie doch Erraffte, nie Verstandene, nie Verstehende, auf das Entgleitende: auf die Frau, wie es giert, bangt, zergeht, ausbricht in Haß, Verachtung, Wahnsinn, Todeseinsamkeit -- das konzentrierte alle Erkenntnis von der Inkommensurabilität der Geschlechter, das wiederholte und überholte alle Beweise des Mittelalters: mulieres homines non esse, und das war eine hübsche, klare Randglosse zu jener fundamentalen Ironie eines Gottes, der auf einander anwies Mann und Frau, die in ihren besten Momenten wissen, daß sie nichts von einander wissen können. In dieser Pantomime waren Strindbergs Erfahrungen, war am letzten Ende sein Satz: »Als ich in diesen Tagen in der Zeitung las, in einer Fabrik seien zwölf Frauen lebendig verbrannt, erfaßte mich eine grimmige Freude: »Zwölf Stück? Gut!« Aber der Ritter Des Grieux und all seine radikale Anständigkeit zur Manon Lescaut war auch darin, vieler Symptome Typisches wurde in ein grelles Plakat eingefangen, dessen fanatische Geistigkeit noch den Feinsten beschäftigen könnte, als wäre er bei sich zu Hause. So wirkte eine Harlekinsposse klärend, scheidend, ordnend, logisch --: moralisch. Moral ist männlich und ist Ordnung; sie geht, glücklichster Weise, die Frau nichts an, welche das Chaos ist und die Wildheit.

Aber die kleinen Spezialitäten der Moralität, wie sie einem Apachenmädel sich bilden und einem ungeschickten Liebhaber, münden in den ewigen Strom. Monsieur Delmas tritt auf, von den >Ambassadeurs< in Paris, ein fast zu großer Herr, voll Routine, und der verzichtet auf alle Requisiten romantischer Seitentäler, der gibt einfach, schlicht und groß, die Ritterlichkeit, die Menschlichkeit des extremen Altruismus. Von aller Gier, dieser so lächerlich und bedenklich verherrlichten Lust, ruft er zurück zur Entsagung: »Ne profanez pas la chair des femmes.« Das hören die Leute voll Ehrfurcht an. Sie begreifen rasch den Vorteil: wie der Ungenauigkeit ihres Herzens Haltbares versprochen wird. Sie werden innerer Anordnung geneigt und gewinnen plötzlich den Mut, einzugestehen, wie gar elend sie waren. An diese Misere, da nun der Boden präpariert ist, darf sich Monsieur Delmas heranwagen mit Tröstungen, Aussichten, Vorstellungen, die das Variété zur Kathedrale machen. Allen, die da mühselig und beladen sind, beschwört er die Golgatha-Vision -- là-haut, là-haut! -- und allen: Arbeitern, Matrosen, Beamten, Huren und Statthaltern, verheißt sein Lied, nach dem Kalvarienberge ihres Alltags, das reine Sonntagskleid der Erlösung . . . Da mußte ich der Brettlsängerin Nine Pinson gedenken, wie sie, in der >Gaîté Montparnasse< zu Paris, >la divine chanson< gegeben hatte, einem wilden Parkett syndikalistischer Arbeiter diese Engelsmelodie hingeschenkt hatte, diese frohe Botschaft schönerer Zukunft, mit vorgebreiteten Händen, mit preisgegebener Seele, voll schwestersüßer Gnaden: sie, eine Verzehrte, Verzerrte aus der Gegend des Toulouse-Lautrec . . .

Gewiß: das café-concert enthält ebenso schärfste Opposition gegen das Christentum und zumal gegen die Geistlichkeit. Aber das ist die Opposition Voltaires, ein geistiger Angriff, der nichts beweist, als daß sich alle Lager der Wirkungsmöglichkeiten dieser Arenen bewußt sind. Und gewiß: die Obszönität wird, vielerorts, auf scharfe Spitzen getrieben. Aber gerät sie nicht eben dadurch in einen fahlen Schein von Größe, von Mut, von Verantwortung? Wer so bleckend, so schleckend seine Raffinements bekennt, hat vom Trotze des Bösen und bietet seine schlimmen Fieber ganz der Vergeltung preis. Auf den Podien östlicherer Länder serviert man die Anstandsverletzungen in wohlerwogenen Dosen; ist deshalb auch des Zusammenbruchs und des moralischen Arrangements nicht fähig. Nur unanständig ist da diese Sorte Literatur und sentimental, unmoralisch und dumm.

Dumm: weil sie ganz unfruchtbar ist und nichts erreichen will. In Frankreich will Geistigkeit wirksam sein und läßt sich keine Szene entgehen. Was hat das Theater vermocht! Des Beaumarchais >Mariage de Figaro<, sagte Napoléon, war schon die ganze Revolution. Heute gibt es parteipolitische Cinéma-Films. Im Grunde ist jede Tingeltangelvorstellung ein propagandistisches Meeting. Dicht neben der >Gaîté Montparnasse<, die sozialistisch ist, steht >Bobino<, und diese Perle von music-hall ist nationalistisch. In einer Matrosenspelunke zu Brest, vor ein paar Jahren, entwickelte ein Künstler, der elegant war und welkende Veilchen im Knopfloch trug, als heiße er Robert Graf von Montesquiou, so ziemlich das Programm der >Guerre sociale<. Auf Wirkung verzichten: das wäre ja Tod. Deshalb sind unter den Themen des café-concert diese: Politik und Religion und Moral: welch letzte ihren Erregungen längst alle Reize des Oppositionellen beigefügt hat und durch Casuistik bewahrt bleibt, so langweilig zu werden wie jede Art von Libertinage.

Der Gedanken-Strich

Eine Novelle

Um dieses weiß man wohl: wenn erwünschter Halbschlaf, eine in Tiefen, wie durch Mokka angeregte Betäubung, mit einem Ruck, brüsk, der Bewußtheit näher-springt? wenn wir höher, dem Lichten zu leider geschnellt werden? Lind immer noch ist das Bett und das Gelöstsein; doch den Verantwortungen sind wir weniger entfernt, das entsetzt uns leise, denn wir fühlen, daß wir in jene imaginären Couloirs (o: die comfortabelsten!) nicht zurückschlüpfen können. Jener Luxus gab sich ohne Befehl, ohne Bezahlung. Der ist verloren. Noch sind wir unterhalb des Erwachens --: selbst dieses Äußerste steht bevor. Ein Gedanke, allzu besorgt, nicht zu verabschiedend, hat diese Ent-Täuschung, Ent-Zückung, diesen désenchantement verschuldet.

Dann erwachte ich. Weit geöffnet das Fenster, jenseits einer Wildnis von Frauenkleidern. Von draußen drang wohl Mondlicht ein, crême und grün, und sanfte Ballen dieser Düfte: Myrrhen, die den Boulevardbäumen abends der Regen abgeschmeichelt hatte; eine erotische Art von Benzin, die gewisse Auto-Sorten treibt; all die Gemüse des atmenden Bodens; die naive Penetranz der Straße; innere Mysterien der Frauen; und die lautlosen Vorpostengefechte der Angst. Doch im Schlafzimmer gute Parfums beruhigten mich und die weißen Spiegel, zart-gelbe Kissen, viel verwöhnendes Kostbare, doch wie verboten und bezahlt aus Entschlossenheiten, die niemand anerkennen würde, auch Ihr, Entwurzelte, kaum . . . Holdest gespiegelt in dem englisch kreidigen Rahmen erblickte ich Mama.

»Frühe Nacht, und Du erwachst schon, Liebling?« sagte sie.

Nicht sofort ward alles kenntlich. Jeder Schlaf fälscht die Welt neu -- oder (weniger lügnerisch:) mancher Schlaf summiert, mancher beseitigt das Ge-Wachte. Mama stand da, fast völlig angekleidet, aber so wenig wieder auf der Brust, und draußen würde es frisch sein, -- der lange Sammetmantel, der keinen Besatz hatte, noch über die Stuhllehne geschmiegt, so hinfällig, so bewußt dessen, was erreicht werden mußte. Mama tupfte die Quaste in die Puderdose, die silberne --, und Stift und Schminke mußten dies Antlitz verdächtigen: diese Bühne unendlicher Liebe.

An diesem Punkte begriff ich meine Ermattung, das Deplazierte auch der Lyrismen. Ja, müde durfte ich --, _ich_ sein zu aller Zeit. Sie je schöner, ich gequälter . . . Doch das kannte ich ja, es hatte mir nichts an, ich wies es weg. Betriebsqualen. Kein Fieber entzöge mich der Pflicht noch, und der Erkenntnis von Sensationen aus dieser Haltung. Mit Kolportageschrecken hatten Bürger, Ärzte, Dramatiker, Parlamentarier etliche Provinzen gepflastert. Das lehnte ich ab.

Erdbeerfarben blühten die Lippen von Mama. Ihr Blick glomm aus blauem Eise. Sie kam (ach) aus dem Winter, längst war Frühling. Ein Reh. Ich liebte sie unendlich.

»Und Du versprichst mir --«, sagte ich.

Sie, halb in der Tür: »-- daß ich nichts empfinden werde? Aber, Liebling, das weißt Du doch, ein für alle Mal.«

Sie war schon weg. -- --

Sollte ich ins Café gehen, mit einem Buche? Am Nachmittag war im Café de la Métempsychose eine helle Dame gewesen -- o: in den zarten Farben des späten Renoir. Sicherlich war sie würdig angebetet zu werden. Schon hatten meine Nerven in den großen Rausch jagen wollen; aber ich zügelte sie: ein erfahrener Bereiter. Kalt sei, wer das Chaos genießen will. Man präpariere jeglichen Taumel, wie die Compagnie Générale du Travail einen Streik. Die Hände dieser Dame besagten, daß sie die Tochter eines Eisenbahnkönigs sei. Sie mußte viele reizende und nachahmenswerte Irrtümer begangen haben. Und auf die Frage ob sie an Gott glaube würde sie geantwortet haben: »Das hängt davon ab, ob Gott an mich glaubt.« Vielleicht würde ich diese Milliardärin wiederfinden und ihr, aus anregender Entfernung, Hübsches in den Mund legen dürfen. -- --

Ich ging nicht ins Café. Spät in dieser Nacht kam Mama zurück. Begleitet.

»Liebling, ich habe Dir . . .«

Ich ergänzte (denn soviel wußten meine Nerven vorher): -- »einen neuen Vater vorzustellen.«

»Ja.«

Wie war sie süß.

Eine korrekte Verbeugung des Gehrocks da, fast schon eingesetzt in große Rechte. Wohl ein Beamter, ein Philosoph, ein Präger notwendiger Worte über Schmach und Nationalismus und traditionelle Tüchtigkeit.

Was jetzt geschehen würde, mußte ja das Heiligste sein -: das, was ich _kannte und zurücknahm_, -- wiegleich ein Schöpfer seine Welt in sich _zurücksöge_. --

. . . . Aber hier spaltet sich diese wahre Erzählung in zwei Geleise. Die abstoßendere Lesart läßt Schüsse fallen von irgendwo, Mama ist tot. Ein Drahtgerippe hat (in einem Rest von Höflichkeit) ihre Formen bewahrt und prononciert meine leer tastende Verzweiflung. Mama ist tot für den Gehrock und in den besten Beziehungen auch für mich, das war ja vorauszusehen. --

Gegen dem über steht ein Idyll, als freundlichere, deutschere Fassung der Legende. Er ward mir der liebevollste Papa. Jeden Wunsch las er meiner Mama von den (längst nicht mehr geschminkten) Lippen ab. Gelegentlich neigte sie ihr Köpfchen schelmisch zu ihm und flüsterte süße Geheimnisse in sein immer selbes Ohr. Dann barg er die Errötende an seine feste Brust. Und expropriiert ward nach und nach meine Alleinherrschaft durch eine Schar zahlreicher, allerdings blutarmer Geschwister.

Manon

Fragmente eines konventionellen Detektivromans

I Sitzendes Fräulein

Sie saß . . . und wußte (weil es ja zu ihrer Kriegsrüstung gehörte), daß diese Tatsache: »_Manon sitzt_«, die Augen vieler feiner Herren zu triefenden Sternen machte.

Sie wußte das so nebenbei.

Jene Herren waren in Revolte, seitdem Manon ihnen zum erstenmal die Hand hingehalten hatte.

Eine fleischige, saftige Hand, die viel wog, immer eine liebe Temperatur hatte und weitere, treu innegehaltene Fleischlieferungen in Aussicht stellte.

Alle jene dont la chair était en volupté hatten kindlich diese artischockenrunde Hand genossen, und diese Uniformierung des Genusses, des Flirts und der Werbung war eine bemerkenswerte stilistische Eigenschaft der Manon.

Das junge Mädchen war etwas zu üppig für achtzehn Jahre. In D . . . war es noch nicht aufs Pferd gestiegen, hatte es kein Auto mehr gelenkt. Dafür zügelte es Herren, chauffierte es Existenzen, die sich längst einen Stundenplan approbierter kleiner Empörungen zurechtgelegt hatten.

Manon _entordnete_ diese Revolutionäre, deren einzige Bürgerpflicht geworden war: gelegentlich sehr diplomatische Wendungen oppositioneller Eleganz auf irgendeine ungefährdete Tribüne zu tragen.

Manons Geruch war der eines Rehs. Viele waren leise betäubt, wenn sie ihr nahe kamen. Sie erlagen der Andeutung einer Ohnmacht, und nichts konnte süßer sein. Das Parfüm, in dem dieser Leib jung einherging, war leise würzig, von zarter Kraft, im Grunde aber nur zwei Generationen von den Selbstanzeigen der Kuhmagd entfernt.

Man raffiniere die Bäuerin, und man wird eine lächelnde, boxende, duftende Manon erhalten.

Sicherlich war sie ein freches Wunder. Wenn sie _saß_, so konnte man sie _reifen sehen_, Ganz vorsichtig schwollen ihre Hüften, schob sich ihre Taille in die Breite. Manon war im Knospen.

Ihrer Hand folgte ein zuverlässiges Stück unbedeckten Arms, bis zum Ellenbogen, wo es in den Tunnel des gesprenkelten Blusenärmels einfuhr. Um den Hals kreiste ein gestickter Kinderkragen. Manons Haare, lieblich gewellt, spielten wie dunkelblaue Nattern, die, etwas rechts auf diesem Köpfchen, ungern des Scheitels nicht immer sauberen Grenzgraben innehielten.

In der Tat, der Kopf der jungen Dame war zu klein für ihre in prononcierter Haltung gelegentlich junonischen Formen. Hier waren die Proportionen der Venus aus dem Louvre in einen preußischen Vorort geraten, Doch berauschend schön entschloß sich, zwischen dem reizenden Schwalbenflug der Augenbrauen, der Nasenansatz, nach berechnetem Zögern, zum klassisch-reinen, artig-starken Vorsprung.

In Ansehung ihrer Brust war Manon überzeugt: diese sei vor einem halben Jahr voller gewesen als jetzt. Aber vielleicht glaubte Manon das nicht wirklich; sie äußerte es nur, damit ihrer Wohlhabenheit ein dokumentiertes Kompliment nicht fehle, einmal zu einem Herrn, der Gelegenheit hatte, den leichten Ausschlag, den sie vorne trug, rührend zu finden, Schema Backfisch und herzenswert.

Wie sie nun _saß_ (mit jenem Lächeln der Brandstifterin), erfüllte diese Jungfrau, deren einziger Herr _Napoleon_ war, ein wichtiges Geschäft.

Sie schrieb einen Brief an ihren Onkel, den Abbé, der gefragt hatte wie oft sie zur Beichte gehe. Die Wahrheit war, daß Manons Herz allzu beschäftigt gewesen war, als daß sie auch nur im Beichtspiegel die Rubrik hätte aufsuchen mögen, in die sich ihre anmutig variierten Sünden einreihen ließen. Manon escamotierte geschickt des Onkels Besorgnis durch die Unschuld einer heuchlerischen Stadtbeschreibung: »La vie de D . . . diffère bien de celle de Paris . . .« Dieses Bekenntnis fanatisch abgelegt, war die Strafarbeit in rettende Schwatzhaftigkeit gelenkt.

Dann stürmte das Mädchen mit Dragonerbeinen ans Klavier.

Die Valse brune im Kreise Teltow!

Oh, la la.

II Spuren im Schnee

Man schrieb erst Anfang Dezember, aber es hatte schon mehrmals ergiebig geschneit. Der Villenvorort bei D . . . sehnte sich nach weißem Schlaf und schuldlosen Träumen. Dicht fielen die fetten Flocken in dieser Nacht und breiteten Kissen über die festeren Laken. Es ging gegen den Morgen. Die letzten Autos hatten ihre raschelnde und duftende Fracht in ephemere Hochzeitsbetten gekippt. Da und dort, aus dem ersten Stockwerk einer Villa, irrte noch rotes Licht in den Schnee. Selbst die spätesten kleinen Fußspuren, hingetippt nur von oft entdeckten und wieder verheimlichten Frauenbeinen, vergingen jedoch unter der milde verwischenden Watte. Der Schnee verrät alles und bereut jeden Verrat. Das deutet auf Geist, denn mit dem Triumph des Detektivs ist alles lustige Spiel zu Ende. Wenn in diesem reichlichen Gestöber jemand aus der Tür eines Fräuleins schliche: wie lange würden seine amerikanischen Schuhsohlen die Bequemlichkeit, auf der ein guter Ruf nistet, erschüttern? Immerhin müßte man die eingeschneiten Häuser junger Mädchen vielleicht _rückwärts gehend_ verlassen? Oder man zöge sich, gelegentlich, von den Dächern der Deflorierten im Monoplan zurück, was?

Während solcher Entwürfe _Ostaps_, eines Jünglings, schlank und nicht gefallend, der bis 3 Uhr morgens gearbeitet hatte und in der leichten Kälte froh wurde, fielen die weißen Flocken dichter und dichter. In der Tat, es fehlte nicht viel, so hätten sie sich _wie ein Leichentuch über die schweigende Erde gelegt_. -- -- --

(An dieser Stelle beglückwünscht sich der Autor: er hat das vollkommene Cliché erreicht. Er wünscht sehr abgegriffene Sätze zu schreiben, etwas verdrossen dahinzuleben, bis zu jener Generalinfektion, deren Erwartung allein allerdings seine himmelschreiende Langeweile im Voraus ein wenig verklärt. Ein Gesottener der Skepsis, giebt er sich das Recht zu nichts als zur Konvention, kaum die Freiheit zu einem Seufzer, und verdächtigt noch seine Krankheiten, als Nachahmungen ohne Wert.) --

. . . Indessen fiel der Schnee dichter und dichter. Die Wolken hingen voll grauer Reize. Ostap überging eine Brücke. In der Tiefe fror der See. Birken, zitternd, flüchteten die Abhänge hinauf. Ein Schwan zerteilte, vor Kälte eilig, diese schwarze Nacht. Das Gaslicht, in hohen Lampen stampfend, betonte eine Finsternis, die moorbraun war, kostbar und imaginär. Die Alleen fröstelten auf eine distinguierte Art. An den Fensterreihen des Postamts verblühte Geranien leuchteten geringfügig. Ostap liebte zärtlicher der Ebereschen Büschel dunkelroter Beeren. Das Licht vor dem Feuerwehrhause aber, in Bonbonrosa gehalten, hätte besser in englische Sensationsprosa gepaßt, als in Ostaps, eines Vielspältigen von bizarrer Bildung, verdächtige Monologe. Die fast ganz aussichtslos gestreckten Äste eines schmutzigen Baumes, der sommers ein Kastanienbaum war, machten Ostap schutzbedürftig nach heißem schwarzem Kaffee. Er streifte hängende Zweige sehr bleichen Weidenlaubs, und da war um ihn die Seligkeit millionenfach zerstäubenden Puders, himmlisches Glitzern und aller Glanz der Weihnachtsnacht. Im Osten jedoch, über der Bundeshauptstadt, troff der Wolkenhang schlimm. So trübe glimmt Waschwasser, das von einem abgespannten Mädchen mit übermangansaurem Kali vermischt worden wäre.

Und Ostap, jeden Schritts die blütenhelle Reinheit des jungen Schnees unerhört entjungfernd, nahm den Weg zu dem netten Hause, in dem Manon wohnte und die anderen. Er ging Wege, die er wußte. Kein Laut. Nur ein Rabe, aufgestört, krächzte und schüttelte sein Gefieder. Das sprühte. O, diese Winterfrühe, niemandem außer ihm so schimmernd aufgebaut mit gespensterweiß umhüllten Zäunen, war süß und war ein Geschenk! . . .

Als Ostap das Gartentor öffnen wollte, erblickte er, von der Haustür ausgehend, die _frischen Fußspuren eines Kavaliers_.

III Sachliche Angaben

Manons Vater, vollblütig, lebensrosa, traditionell-egoistisch, unpolitisch, brav, war der reichste Kaufmann am Platze. Er wußte was seine Tochter wert war, denn er unterschied die Frauen. Manons Mutter war die in der Provinz übliche Kapotte-Trägerin. Manon, in frühe Mannbarkeit eingerückt, warf sich heftig in die Passion, ja in die Raserei zu einem gewissen _Marcel_, einem jungen Schönling aus guter Familie, den praktische Rücksicht hinderte, bei der Manon über die geläufigsten, der Reputation unschädlichen Höflichkeiten hinauszugehen. Für das gewollt Fragmentarische seiner Empfindungen entschädigte er sich an einer Routinière, bei der nichts zu befürchten war. Und weil Manon, stürmisch hingestrecktes und doch der Klugheit versagtes Terrain, unbequem wurde, machte Marcel, daß sie nach Paris kam, in eine Mädchenpension, in eine fromme, streng verschlossene Kiste, aus der nur an Sonnen-Nachmittagen sehr reglementierte und von den Studenten quer durch den Luxembourg zwanglos verspottete Collektivmärsche hinausführten. Übrigens erledigte Manon die Reise aus ihrer Stadt nach Paris im Auto, selbst lenkend, denn sie besaß das Diplom. In jener boîte nun, gegenüber der uralten Kirche von Saint-Germain-des-Prés, lernte Manon vieles Wichtige in Hinsicht geheimer Korrespondenzen, verabredeter Zeichen, unauffälliger Signale, nächtlicher Anschläge. Sie ersah klug, daß besser als die Unschuldsmiene ein kleines, herzig feilgehaltenes Schuldbewußtsein wirke. So _spielte_ sie das Kind, das sie _war_ -- aber das sie nur noch unter gefährlichen Irritationen war. Sie gab ihren geistlichen Patroninnen das verwöhnte Mädchen, auch das unartige, selbst verliebte, kecke Mädchen, aber das alles nur, um wirklich Unerlaubtes zu verdecken. (In Wahrheit war freilich auch dieses Schlimmere, von Manon für unerlaubt gehaltene, nicht schlimm. Ja, selbst als Manon, ein Jahr später, mit aufrichtig gereizter Physis in die Wohnung eines Garçons aus Uruguay lief, da war nicht einmal _das_ schlimm. Denn für reiche Mädchen gibt es nichts Schlimmes. Dies ist der Grund weshalb alle Romane Dramen Essais unter armen Leuten vorgehen.)

In ihrer komplizierten Seelenkunde heiter vervollkommnet, kehrte Manon ins Elternhaus zurück und ward ihrem angebeteten _Marcel_ von neuem so tonisch, daß der, so-oft Manon sich ihm angesagt hatte, immer gleich ins Nebenzimmer die Routinière engagierte, die dann, kaum war die Bürgerstochter fort, alle Stimmung geruhsam empfing. So sehr verwirrten schon damals kindliche Besuche der Manon jene die häufig keinen sehnlicheren Wunsch hatten, als von ihr in Ruhe gelassen zu werden.

Als, bald darauf, die Routinière, von der Behörde leicht ausgezeichnet, nach Montpellier siedelte, ersann Marcels unerträgliches Gereiztsein das Meisterstück. Er überredete Herrn Camargue: zum Chic einer patrizischen Tochter gehöre die deutsche Sprache. Und so sah sich Manon eines Tages nach D . . . eingepackt.

IV Olafs Glück und Ende

Manons erstes Opfer in der Pension des Villen-Vororts bei D . . . war ein junger, wegen der Lungensucht beurlaubter Bankbeamter. Während des Diners bewarfen sich die beiden lächelnd mit Apfelschalen. Die Orakelform der sich hinkräuselnden Schlange bedeutete den Anfangsbuchstaben des nächsten Liebhabers. Es war ein O, und die Weissagung traf ein.

Olaf, Student, Sohn des Pensionats, kam durch die Manon in Tränen. Sie gab ihm viele Küsse, vor aller Augen, um den Anschein zu erzeugen, das seien kindliche Spielereien. Und wie, bei Poe, niemand den offen daliegenden Brief findet, so fand niemand etwas in diesen offenbar harmlosen Zärtlichkeiten. Olaf, völlig aufgewühlt, bereicherte sich enorm, obgleich Manon ihn nicht zu allem was sie wußte hinzulenken wagte. Immerhin unterhielt sie sich eine Zeit lang bei dieser Freiheit, die nur durch die psychologische Faulheit ihrer Umgebung ermöglicht wurde. Der Fall lag so: Manon verheimlichte hier, eben durch diese Offenheit, nichts was ihr ein Vergnügen bereitet hätte, aber etwas was, unbegreiflicherweise, als Lust und deshalb als verboten galt. Zugleich schien es Pflicht jedes jungen Mädchens, dieses Verbotene dennoch zu tun. Das bewiesen alle Romane. So tat denn Manon, die Zuverlässige, das Verbotene aus Pflicht- und Stilgefühl, aus jenem rührenden Ordnungssinn der schon die dünnbeinigen Neunjährigen am Strande von Saint-Malo Sätze von Dumas fils sprechen läßt. Manon küßte, weil es ihren achtzehn Jahren entsprach, und weil alle Welt es zu fordern schien. Schade nur, daß man ihr die Erfüllung dieser verlangten Übertretung all zu leicht machte.

Zwischen ihr und Olaf stand das Hemmnis einer vollkommenen Ungehemmtheit. Es fehlte der Zwang zu jenen Geheimnissen Verwicklungen Gefahren die auszukosten sie in der verschlossenen Pariser Kiste gelernt hatte. Schon erwog Manon, künstliche Hindernisse zu schaffen, da entdeckte sie, daß ihr der ganze Olaf langweilig geworden war. Sein Glanz hatte drei Wochen gedauert.

Entlassen, geriet Olaf in die übliche Krise. Weinend legte er der Ungetreuen ein Marzipanschwein ins Zimmer, mit diesem Zettel: »Für Manon vom lieben Olaf.« Abends fand sie das Schwein und verzehrte es naschhaft, sich auskleidend. Sie vergötterte Marzipan und schluckte dicke Bissen, nicht gut zerkaut, hinunter. Kniete nieder, murmelte ihr Nachtgebet, legte sich zur Ruhe, müde wie ein Tier und den Mund noch halbvoll von der leckeren Opfergabe.

V Beisammensein