Part 1
Produced by Jens Sadowski
Aktions-Bücher der Aeternisten
Ferdinand Hardekopf
Lesestücke
Berlin-Wilmersdorf 1916 Verlag der Wochenschrift DIE AKTION (Franz Pfemfert)
Alle Rechte insbesondere die der Übersetzung vorbehalten Copyright 1916 by Franz Pfemfert, Berlin-Wilmersdorf
Dieses Buch wurde gedruckt im März 1916 von der Buch- und Kunstdruckerei F. E. Haag, Melle in Hannover
Von Ferdinand Hardekopf ist erschienen ein kleines Gespräch: »Der Abend«, 1913, bei Kurt Wolff in Leipzig
Vorwort
. . . Immerhin lege ich spielerischen Wert auf das Faktum, daß ich gestorben bin. Dies fiel mit der Morgenröte der großen Zeit zusammen. Somit sieht man sich hier allerdings einem Spuk gegenüber. Aber solche Phänomene sind häufig, jedes ehrliche Gespenst schreibt seine mémoires d'outre-tombe, und alles kommt nur auf die Vitalität der Abgeschiedenen an. Da der Selbstmord als Symptom pedantischer Lebensgier entlarvt ist, so wird man begreifen, daß in diesem Falle nur Genußsucht das Motiv sein konnte. Schon bei sogenannten Lebzeiten habe ich mich nie gern langweilen wollen. Den Abgezogenheiten gab ich meine Vorliebe vor »realen« Details. Höchstens bewog philologischer Sammeleifer zur temporären Erduldung jener Beanspruchungen für die man das infame Wort »Liebe« verabredet hat. Schnell rettete ich mich ins Café. Dort erwuchs einigen der sehr erwünschte Zustand der »décadence«: unsere beste Beute. Die Antwort des Iren George Moore auf die Frage wie die Kunst zu fördern sei: »Durch Gründung von Cafés«, bleibt mir aus der Seele gesprochen. Aber diese Einsicht, so beweisbar, ist unzeitgemäß. Leider muß ich fürchten, daß die Antipathie gegen sie schlecht stilisiert sein wird. Wir Gespenster sind Enthusiasten des Stils, und vielleicht glauben wir an unsere Renaissance aus den Anspannungen der Formung. Es war der Dichter einer entschwundenen Mentalität: Goethe, der das »Stirb und werde!« in den West-östlichen Divan diktiert hat.
F. H.
Wir Gespenster
(Leichtes Extravagantenlied)
Wir haben all unsere Lüste vergessen, In Cinémas suchen wir Grauen zu fressen; Erleuchtete Tore locken uns sehr, Doch die Angst ist gering -- wir brauchen viel mehr.
Als Knaben sind wir ins Theater gegangen, Nach gelben Actricen ging unser Verlangen; Nur Herr Kerr geht noch hin, gegen Wunder geimpft, Der Bürger, der Nietzsche und Strindberg beschimpft.
Für Haeckel-Vergnügungen dankten wir bestens, Da flohen wir zitternd ins Café des Westens Zu heiligen Frauen. Es gibt auch Hyänen, Die scharren nach goldenen Löwenmähnen.
Aus der Welt Dostojewskis sind wir hinterblieben: Gespenster, die Lautrec und Verzweiflung lieben. Wir haben nichts mehr, was einst wir besessen, In Cinémas suchen wir Grauen zu fressen.
Der Unterprimaner
Ist die Nacht herangeschlichen, Liegt das Schulhaus wie entgeistert. Alles Gaslicht ist entwichen, Und die Tür ist fest verkleistert.
Gleicht das noch den Korridoren, Wo wir tags so stark gequält sind, Wo wir linkisch, kahlgeschoren, Zage meuternd --, tief verfehlt sind?
Geistergrün seh ich ein Schimmern, Und der Schornstein wird so deutlich. Aus den Gängen, aus den Zimmern Quillt es neblig, süß und bräutlich.
Was umschleich' ich diese Räume, Schleiche nicht in Liesbeths Garten, Tief ins Dickicht -- ihrer Träume Fernsten Seufzer zu erwarten?
Ahnt ihr es? . . . Ich bin ein Buhle Von bereits geknickter Haltung. Um das Nacht-Phantom der Schule Schleich' ich -- trotz der Schulverwaltung.
Ahnt ihr meine Heimlichkeiten, Nachmittags-Libertinagen? Müde, etwas zu bestreiten, Starr' ich auf die vier Etagen.
Diese klassische Kaserne Ist erfüllt von Abenteuern! Grüßten sonst die weißen Sterne Sie mit ihren blassen Feuern?
Konzentrisch
Mädchen sprießen jung im Sturm, Bald muß ich sie lieben; Und es wächst ein Bücherturm, Der wird jetzt geschrieben.
Aufgetürmt aus Hart und Weich, Bald muß ich es lesen, Wortgebirg was Tintenteich Lieblich einst gewesen.
Blondes Haar was Sonntagsdrang Abendlich gewesen, Augenblick und Überschwang Muß ich fiebernd lesen.
Angst im Kreis der sie betrifft Fühlt ihn eng geworden: Gliederduft und Liedergift Werden mich ermorden.
Ruhenden im tiefsten Tal Macht ein Mißtraun rege: Weib und Buch und alle Qual Sind schon auf dem Wege.
Café
Die Zartheit einer Frau, gelb glimmt der Puder, Ihr Kleid erregt sich sommergelb (Wir wollen nächstens, Nekromanten, Kornduft in facettierte Parfumgläser einfangen!) -- Die schmale Frau begnadet das Café. Gotische Spitzen, ein Filigrangewirr von Notre Dame, Übertändeln die Fesseln; Der schwarze Hut taumelt ein bißchen seitwärts -- schräg zum Marmorschwarz. Eine Gondel ondulierten blonden Goldes schwebt das Haar. Madames Kniee knicken --: sie sitzt; Und nun ziehn die Muscheln ihrer Fingernägel Zwei, drei Weihwasserwellen Von den Brüsten bis zu den Hüften; Dann arrangiert Madame ihren Popo. Sie ist die edelste der Frauen und nicht lyrisch; Sie ist auch gar nicht jung und hat in manchem Schlafwagen geträumt. Sich in grün rollende Fischaugenkugeln versenken und nur vermuten dürfen, ist fast ihr Glück -- Ist ein Glück, so maßlos, Daß der köstliche Atem der Welt Für sie innehält, Und dann losbricht, Weststurm auf bretonischem Felsen; Eine Silhouette herrscht über das Meer: Höflichen Gischt, weißen Tribut, schleudern die Wogen zum Herrscher. Oder wie wenn, nachts, dem belgischen D-Zug (Der Kondukteur entstieg der galantesten Operette) Von der anderen Weltseite ein D-Zug entgegenzüngelt, Und die beiden Schlangen verstricken sich ein paar böse Sekunden, Und aus ihren Lokomotivköpfen Brüllt ein zischendes Pfeifen, Taumeldumpf hingezogen, Weh gedehnt, Irr in der Nacht, Das präzise Heulsignal zum letzten Geisterkampfe, Ein violetter Schleierfetzen im Nebel, Ein bös gestreckter Raucharm, Wegweiser er in keuchende Wege, -- Eine eiserne Klagemusik, Die im Nebel verrostet, Im feuchten, rostigen Nebel, -- Das Stöhnen zweier Seelen, Die, sich ahnend, einander vorbeibluten, -- Das hehre Maschinenkeuchen der Hölle, Ein langes, banges Röcheln, Schrill --: Aus der Tiefe die Litanei Der Lokomotiven. Oh, Madame, da wurden Sie glücklich Auf der straffen Walstatt des wagon-lit, Auf dieser weißen Ebene der Geisterschlachten! Durch den Puderschmelz ebbt eine Zärtlichkeit, Die opalenen Halbmonde Ihrer Fingernägel Verfinstern die korngelben Halbmonde Ihrer Augenbrauen, Und Sie denken, erschauernd, all der rapiden Entweihungen Ihrer Mysterien.
Nymphenburg
Ein Erzittern, glückliches Fiebern des Hirns und Taumeln der Brust, taucht in graugedehnte, rasengrüne Parkavenuen. Es war eine Beschwörung: die Gifttapete berste, Die mir, seit ich wühle (seit es irgendwo leuchtete) die lichte Scheidekraft verstellt. . . . . . Es quoll ein grünes Auge; In Bastseide, durchsickert von malvenfarbenen Eisenbahnschienen, Räkelte sich Pierrot, der klügste, katholischste Amerikaner, Grau das Wüstlingshaar, das Jünglingshaar, knisternd dem Weinlaub, dem Lorbeer und Frauen-Nägeln. Aus Lackschuhen, glänzendster Eremitage, plätscherten die weißblauen, wolkenzarten Adern eines sehr hellen Nervenbeins. (Soviel Wässer, Toilettenwässer, soviel Zärtlichkeit!) Ein dunkler Mund zerteilte höflich den behutsamen Dampf. Und es wurde Orphisches doziert. Ich versank -- lächelnd, vergiftet. Da wußte ich meine heiteren Gefahren, Und, edlerer Bürde nun gewürdigt, erschloß ich mir das volkgemiedne Land. . . . Schon formt sich in der Stachelhülle, Was, schmelz-duftig, nebelreif-atmend, die kältere Erde grüßen wird; Prunkend die Avenue denkt gelbe Gedankenbäume, weite, bergige, spitzfindige wie die Lust (. . . die Lust . . .), Eine weiße Fontaine zischelt Médisance, Marquise in gepuderter Wellen Perücke, Die Marmorgötter lauschen und kichern und schmiegen sich lächelnd aus ihren Gewändern (Welcher Doktor besorgt eure Kosmetik, Beine Dianens?), Und, jenseits des Königsschlosses, lassen die Spiegelleiber heiliger Teiche, Schwäne sind ihre Brüste, Brüste, Sich einbetten in Festungswälle, Ritterlich wehrende, mit galant abfallenden Schultern, Pagenschultern.
Halensee
(Da, MUSE, DU den Geist in diese Richtung schickst: --) Man hat die Lichtung des Parquets neu-gelb gewichst. Weiß brennt der Saal. Doch in den festlichsten Minuten Verzischen heiß der Bogenlampen Fluten; Ein Dämmerlicht von grün und roten Birnen Rückt näher die Privatbeamten an die Dirnen. Und hoch und tief im Hinterraum Wächst nun empor ein Tannenbaum, Den vorher keiner sah -- Rauscht auf und ist mit Glühbewußtsein da.
Aus Goldovalen weiht ein Fürstenlächeln Erlaubte Lust im Voraus zur Askese; Der Siegerkranz wird noch die Narben fächeln, Und ehrlos macht allein die Antithese.
. . . Wie hockt und knarrt, wachholderhaft gestrüppig, Das nette Unterholz an kleinen Tischen! In Pfützen-Augen blinkt, gemäßigt-üppig, Der Wunsch, reelle Kragenhöhen aufzufischen.
. . . Die Saiten und die Tasten Schrilln den Kommando-Takt, Da sind die süßen Lasten Vom Faunengriff gepackt. Sie setzen ein mit Wippen, Mit Schwänzeln und mit Kippen. Accentuiern ihr Rundes, Als wär es ein Profundes; Das ist ein Strecken, Haschen Der Finger und der Taschen, Als sollte schon im Stampfen Die teure Gier verdampfen.
Dies Branden wird kein Öl vereiteln. Öl glotzt verdummt von Herrenscheiteln, Und -- unter prallen Knallgas-Garben -- Entfaltet es Petroleumfarben.
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Schon zeigt ein jeder Bierglas-Pegel Die Schmach des tiefsten Wasserstands, Und rotgeschminkte Halbmond-Nägel Vergilbung Cigarettenbrands. Die Blusen mögen nicht mehr schließen, Der Oberkellner murrt mit Nadeln. »Ich schwur mirs zu, sie zu genießen!« (Denn nur die Pflicht kann es noch adeln.)
Ihn quält an seiner Blutverlustmaid Des kaum erworbnen Rechts Bewußtheit. Und Lüste, schon vorausverdammte, Erledigt der Privatbeamte.
Notiz
nachts (2h 45 bis 2h 47 matin)
Böses Stampfen! (Vom Lauschen, vom Warten . . .) Grünliches Hämmern, wie in der Chloroform-Narkose! Ein Pumpwerk zerstößt die Nacht, Dröhnt. Mein Herz explodiert. Die Angst arbeitet rhythmisch, exakt. Aus einer Röhre, einem Trichter (einer Trompete?) Fließt schleimiger Schein: Das morastgelbe Licht der Welt -- meiner Welt. Der Lichtkegel trifft mein Ohr. Leider bin ich verdammt, aus diesem schmutzigen Licht Angst zu pulsen, den Schein in Grauen zu transformieren, in Sentiments, in Elend-Quatsch. Das dauert gewiß bis zum Grauen der Dämmerung hinter den Gardinen. (O: das gute Angelus-Läuten! Hirten auf dem Felde, Kartoffelbauern auf dem Felde Millets! Liebe Demut ihres gebeugten Rückens!)
. . . Ich bin einer, der nicht in Betracht kommt. Kein Leben, keine Schminke um mich. Nur die Angst meine Dame. (Blicke kratzten, stächen mich, Ich schriee, stampfte -- hautlos ich.)
. . . . Nur verschrumpfte Gebete gelingen, Keine Gebet-Kunstwerke. Eine Schmach ists, von der Angst erlöst sein zu wollen; Eine Schmach ists, glücklicher sein zu wollen, als äußerst unglücklich. Es _irritiert_ die geringste geglückte . . . Harmonie. . . . . Warum nicht das äußerste? Das isolierte Brennen heiliger Nervenspitzen, letzter Nahrung des Brandes? Zuckende Reserven, züngelnd im Dampf, im Krampf.
-- -- -- Übrigens bin ich durchaus im Stande, den Ablauf solcher Empfindungen brüsk zu unterbrechen, »Amerikanismus« anzuordnen und, mit einer Cigarette, kühlsten Herzens weiterzulesen in Henri Beyles: »Le Rouge et le Noir.« Selbstverständlich.
Die Lampe brennt ja noch.
Genesung
Da Stund' um Stunde, selbst die bängste, Wie silbergraues Plätschern kam, Da ward's ein Tag, wo ich die Ängste Mit lässigstillem Lächeln nahm.
Da tropften alle Qualen linder, Sie perlten kaum auf meiner Hand, Sodaß ich, endlich Überwinder, Nichts mehr zu überwinden fand.
Rapidität
Und voll Bewundrung für den Dichter Warf wieder eine Keks ihm zu. -- Der zündet Rennmaschinen-Lichter Und jagt nach der privaten Ruh'.
Er drängt den Leib, den lässig-fetten, Ins Röhrenwerk des schmalen Wolfs Und gibt sich der rekord-koketten Spazierfahrt längs der Wonne-Golfs.
Nie war ein letzter Spurt gewürzter, Nie flog die Disziplin so jach, Nie war die Renn-Kritik bestürzter, Und süßer nah war nie ein Krach.
Es puffen aus dem Zisch-Ventile Parfums von Kriminal-Chemie, Im Kilometerfresser-Stile Skandiert die Gift-Maschinerie.
Dies ist der schnellste Höllenwagen, Der schlingernd über Firnen fliegt, Torpedo-Fisch mit Buffo-Fragen, Den fernsten Graden angeschmiegt.
Am Mix-Benzin freun sich die Sterne, Die Welt ist voll vom feinsten Schnaps, Ein Sirup-Tank, Absinth-Cisterne; Nun gehts durch süßen Felder-Raps.
Und wie er ihn mit Lust beflügelt, So stoppt der Dichter seinen Blitz, Entsteigt, die Hosen sehr gebügelt, Dem eleganten Pneuma-Witz.
Bald lächelt er im Bistro-Reiche, Blaß-kompliziert, in dunkler Box, Erstaunt gebraucht er viele weiche »Algériennes« und viele Grogs.
Vor seinem Gott wirft er sich nieder, Der diesen Hetzreiz ihm geschenkt, In halb schon kondensierte Lieder Den Stampf-Rausch dieses Runs gelenkt.
DER faltet ruhig seine Rippen --: Sieht ein Paar Hosen in Berlin, Die, unter schminkgewohnten Lippen, Sich inniger zusammenziehn.
Sublimierung
Ich sah dich Grenadine schlürfen, dein Wildgeruch ergriff mich schon -- und hab nur stockend murmeln dürfen: »Wer ist die scharfe . . . Attraktion?«
Dann ließ ich drucken: »Komm, du Dirne! Ein Später wittert Dunst und Bau. Du hast die hellste Kinderstirne und bist die dunkel-tollste Frau!«
Vergeblich. Doch der Nicht-Genehme war schon phantastisch angesteckt -- Du hast mich völlig, Unbequeme; Und . . . ich hab dich, als mein Objekt.
O: dein von Mörderhand gekürzter Polaire-Wulst, du zerwühlter Kopf, durchreizt das Dasein mir gewürzter als jüngster Judith Doppelzopf.
Was willst du, Fremde, noch verhindern? Ich bau dich auf aus Kunst und Schaum. Du wirst mir Unerhörtes lindern, du bist ja mein in jedem Traum.
Wie gern in mystischer Verschwörung dein Linien-Tiefstes sich mir gibt . . . Laß uns allein! Du . . . Erd-Empörung, bleib ferne, knäbisch angeliebt!
Ächz unter Assessoren-Küssen -- -- Indes in Spuk- und Geisterwelt mit zugespitztesten Genüssen dein kluger Schatten mich umstellt.
Das Café-Sonett
Für L. R.
Den Marmortisch umsprühen Manieristen, erregt vom Beichtwort Mauds, der Künstlerin: »Weiß nicht, ob Weib ich, ob ich Knabe bin!« Sie steigern sich in überhitzte Listen.
Der Dame liegt die letzte Nacht im Sinn. Dem John, dem dunkelsten der Morphinisten, dem Welt-Abbé, dem Décadence-Artisten hält sie die gleiche klare Stirne hin.
Da: Jack, Gorilla, erster Fußball-Preis. Der Geist bestellt die sechste Schnaps-Karaffe. Wie Maud, erkannt, ihr süßes Schicksal weiß!
Es fällt die Festung vor dem Bild der Waffe. Dem Football-Monstrum bringt man Huhn mit Reis. Maud, sachlich: »Schaufle was du kannst, mein Affe!«
Bar
Ein Prunk-Salon, wie eine Schiffskajüte. Man sitzt in Club-Fauteuils bei Sekt und drinks. Die schmalsten Mädchen tragen Riesenhüte Und lächeln sanft, wie Mädchen Maeterlincks.
An der Portiere zaudern blasse Frauen; Wie fallen ihre Mäntel blumenzart! Es glimmen unter sehr geschminkten Brauen Gazellenblicke rätselhafter Art.
Sie treten näher gleich verirrten Rehen -- -- Doch nichts Erdenkliches ist ihnen fremd. Sie sind all right vom Kopf bis zu den Zehen, Ihr blondes Haar ist in die Stirn gekämmt.
Der Oberkellner eilt mit grünen Flaschen, Und rote Geiger (welch Effekt im Bild!) Erhitzen sich am Tanze der Apachen, Da werden alle Frauenmienen wild.
Liane tanzt -- und giebt die jungen Glieder, Die sehr gepflegten, jedem Wagnis hin. Sie biegt und rankt sich und entschmiegt sich wieder Und ist ein Tier und eine Königin.
Es gährt Apachenblut in diesen Damen . . . Doch ist Liane dann vom Rausch erwacht Und blieb, als reiche Cavaliere kamen, Natürlich nur noch aufs Geschäft bedacht.
Spleen
Ein Bündel Mond erreichte mein Gesicht Um 3 Uhr nachts, ein Quantum Butterlicht, Und mahnte (3 Uhr 2): »Ein Spuk-Gedicht, Nervös-geziert, ist Literatenpflicht!«
Die Kammer dehnte sich verbrecher-hell. Der Mond, ein Dotterball, schien kriminell. Da stieg die Dame Angst(-Berlin) reell Auf ihr imaginäres Caroussel.
Ein Schneiderkleid umpreßte mit Radau Die Dame Angst: die Gift- und Gnadenfrau. Doch das Citronen-Ei (um 3 Uhr 5 genau) Versank in Bar-Fauteuils aus Dämmerblau. --
Nachhüstelnd, matt-dosiert: »Macabre-Bar! Ihr lila Blicke! Schweflig Tulpenhaar! Aus Puderkrusten Tollkirsch-Kommentar! Ein Gruß: du noctambules Seminar!« . . . So. 3 Uhr 10. Wie süß verwirrt ich war!
Spät
Der Mittag ist so karg erhellt. Ein schwarzer See sinkt in sein Grab. Dies ist das letzte Licht der Welt, Das bleichste Glimmen, das es gab.
Aus Sümpfen schwankt Gestrüpp und Baum. Die Birken-Nerven ästeln weh. Die Zeit erblaßt, es krankt der Raum. Tot steht das Schilf im toten See.
Die Luft strömt grau ins Mündungs-All. Der Rabe schreit. Der Wald schläft ein. Mich trennt ein rascher Tränenfall Vom Ende und der Flammenpein.
Ode vom seligen Morgen
Für Emmy Hennings
Süßeste aller Ausschweifungen: schon morgens im Café zu sitzen, wintermorgens.
Die Cigarette: blonder Honig, Opium wölbt mich ein. (Heimlich-gothische Kapelle, Sicherheit.)
Es riecht nach Wärme.
Aus den Revuen knistern blaue Lust-Zungen. Links in mir sammelt sich eine entzückende Angst. Liebe Gifte heizen, hetzen.
O ihr _guten Droguen_: ich bete euch sehr an. Lesen; blättern; man entknöspelt Zeitschriften wie Mädchen: fiebernd-sachlich, weihevoll-zynisch.
Die Eine, die mit mir, mit dir ich _alles_ waren! Mir Vergangnes, unter Hochdruck, explodiert. Das habe ich publiziert: diese lackierten Teufeleien, geschminkten Qualen, ihr kleinen lila Neurosen.
Aber ein bißchen verachte ich euch, ihr meine reizenden Gespenster.
Ich bin eine solide Bestie. Schwer zu töten.
Nur Kaffee und Cigaretten muß man uns natürlich garantieren. Dazu einige erdige Parfums. Schon vormittags im Café (wie einst --).
So inniglich verbummelt.
Und der Tag ist kompromittiert, der Tag ist süß. Ermutigt (ach!) singe ich dieser zuckenden Minuten Melodie; sing ich euch, ihr gebenedeiten Cafés; sing ich die tiefgeliebte décadence.
_Die_ lieben wir, _die_ streicheln wir mit gewürzten Caressen.
(Ihr sprecht sie mit falschem Nasal-Laut aus.) Wir pfeifen auf was ihr stolz seid, euren Auszeichnungen weicht ein Achselzucken aus, und was ihr höhnt ist unser maßloser Stolz.
Weltenwild ist unser großes Glück und sehr privat. Wir sind völlig verdorben und endlos selig; wir sind feine Tiere; die Mädchen nahe uns werden böse und herrlich, werden sensitiv, instruiert und instruktiv.
Diese Souveränität ist unangreifbar.
Alles können wir entbehren, natürlich außer dem Kaffee (bezaubernder Oliven-Tinte, die Innenränder beschreibend) und dem Café.
Sehr spöttische Herren sind wir weh schwankender Provinzen --
Selig in uns --
O: die geschmeckte Allmacht dieser Stunde!
Morgen-Arbeit
»Es ist die ewig selbe Qual!« -- Und wär sie das noch tausendmal!
»Viel schonungsloser sei der Geist vernichtet!« . . . Ich wacht' in pudrigem Artistenzimmer auf -- -- Und nahm, der Geistestötung neuster Technik schon verpflichtet, den Stacheltrieb zur Form erneut in Kauf.
. . . Bemerkenswerter Schlaf, in dem Films erglommen, ein mattgetönter Zug freundlicher Erscheinungen.
Niederländische Kinder auf der Landstraße, in Holzschuhen, Windmühlen ferne, diskret angeboten, alles in zwei Dimensionen.
(Nur flächig sei hinfort geträumt, die Leinwand mildem Spuk gesäumt, des Raumes Alp hinweggeräumt!)
Dann kam der kinematographische Traum in einen Park. Auf zarten Wegen lustwandelten manche Cocotten. Leise bedeutete mir ein Mittelaltriger: die schlankeren Frauen seien am höchsten notiert; er selbst habe es nie begriffen; und er sage es nur für den Fall eintretender Rechtsstreitigkeiten. Ich dankte höflich, bereits unterrichtet. Mittels einer Geste fügte jener Herr bei: »Übrigens bin ich ohne Frauen ausgekommen.« Ich lächelte beipflichtend. Gleich darauf wischte ich eine Dame weg, die etwas zu bläulich ausgehöhlt war, und die ich aus früheren, noch stereometrischen Träumen wiedererkannte.
-- -- -- Berlin W. 50. Die Morgenfrische. Schmelzender Schnee, halb-hübsches Getrief. Schnell diese Nacht heimtragen, auf das Hochplateau des Schreibtisches. Schon auf der Plattform der Trambahn beginnt die Arbeit. Man ist leicht geätzt, eindrucksbereit. Junge Mädchen, in der Spannung dieses Vormittags, besteigen den Wagen.
Ein einzig Wort pack' eines Fräuleins Sein! Ich schon' mich nicht, ich setze Scharfsinn ein; erschlürfs, ersaugs, ein Vampyr von Methode. Das Weib ist neu mit jeder neuen Mode.
Wichtig ist der Augenblick, während dessen, von der Eisenstufe empor, das Mädchen, neunzehn -- viel ernsthaftes Gesicht --, sich zur Plattform aufhebt.
Der Ritus der zurückgekämmten Haare erhellt den Kurfürstendamm mit den überreinen Stirnen perfekt losgesprochener Sünderinnen, mit luxuriösen Triumphen über weggebeizte Heimlichkeiten, und einer Duft-Cascade sensationell wiederhergestellter Unschuld.
Der Nord-Geist schlich in einen Süden: »Verkauft mir, Dame, Pflichtvergessen!« Er ward nicht müd, sie zu entmüden, von ihrem Schlaf noch pflichtbesessen.
Man wird fixieren alle diese Experimente, verfehlt vor der Unternehmung; die Kurve dieses verderblichen Wechselfiebers von Geist und von Sinnen. Man wird diese tragische Maskerade bannen, auf daß sie vorbildlich werde und erhaben-programmatisch.
Rebellion stürzt in »Ungesetzliches«. Aber der Ausschweifung entsteigt, höhnisch-grau im Zahnpasta-Rosa der Morgendämmerung, pedantisch und unanfechtbar, ein Rückruf in die Pflicht . . . zur Formung eben dieses Fluchtversuchs.
Man hat gebummelt. Man wird darüber schreiben. In Kaethes, der Artistin, pudriger Räuberhöhle lauerte eine Sentenz über den Fleiß. --
Morgendämmerung in Paris
(Nach Charles Baudelaire)
Man blies Reveille auf den Höfen der Kasernen, Und Morgenwind durchfuhr die klirrenden Laternen.
Das war die Stunde wo der bösen Träume Schwarm Den Jüngling anfällt in des letzten Schlummers Arm; Wo, wie ein Aug voll Blut das zuckt und sich zersetzt, Die Lampe einen Fleck rot auf das Frühlicht ätzt; Und wo der Geist, vom Zwang des Körpers deprimiert, Den Kampf der Lampe und des Dämmerlichts kopiert. Wie Brisen im Gesicht die Tränen schwinden lassen, So fröstelt es im Raum von Dingen die verblassen. Schreibmüde ist der Mann und liebesmatt die Frau.
Von Häusern hier und da steigt schmaler Rauch ins Grau. Die Sklavinnen der Lust, bleifahl das Augenlid, Mund offen, schlafen nun, und sind im Schlaf stupid. Die Bettlerin schleppt hin der Brüste Magerkeit, Haucht auf die kalte Hand und haucht aufs Feuerscheit. Das ist die Stunde wo, zerfroren, ungehegt, Der Wöchnerinnen Qual sich zu verschlimmern pflegt. Als würde ein Geschluchz durch Blutsturz abgeschnitten, Zerreißt jetzt Hahnenschrei das Nebelmeer inmitten. Ein Schleierwogen wird die Bautenpracht umspülen. Doch Sterbenden entflieht, tief in den Nachtasylen, Der letzte Röchelhauch, verkrächzt und abgehackt. Ein Wüstling geht nach Haus, von seinem Tun zerplackt.
Das Morgenrot steigt auf, in rosa-grünem Flor, Steigt aus dem leeren Strom, frostzitternd, still, empor, Und düster greift Paris, noch halb im Traumeskreis, Zu seinem Handwerkszeug, ein arbeitsamer Greis.
Besessen
(Nach Baudelaire)
Die Sonne ist umflort. Manon, mach es wie sie Und mummele dich ganz ins Fell der Apathie. Schlaf oder rauche viel; bleib still in Qualverbrämung Und tauche auf den Grund der tiefsten Willenslähmung. Ich lieb dich wie du bist. Doch: sollte es dir passen, Die Finsternis, mein Stern, heut Abend zu verlassen, Und aufzuleuchten da, wo bunte Tollheit lacht, Das wäre hübsch, Manon. Wir bummeln heute Nacht! -- Entzünde deinen Blick am Strahl von tausend Lichtern! Entzünde die Begier auf schweinischen Gesichtern! Du ganz bist meine Lust, ob strotzend, ob morbide; Sei was du immer willst: Zerrüttung oder Friede, Sei Licht, sei Dunkelheit --; laß mir nur eins gelingen: Mich, Satan-Göttin, DIR als Opfer darzubringen.
Abneigung