Part 5
Dieses rührt die toten Bäume, Dich, mein Kind, ach, rührt es nicht! Aber daß ich mich noch säume, Da dein Scheiden gar nichts spricht, Gönnt mir doch, ihr holden Lippen, Eine kurze gute Nacht, Eh' der Raum an solchen Klippen Mein Gemüte scheiternd macht.
Gute Nacht, ihr liebsten Armen! Meiner Glieder Müdigkeit Wird nicht mehr in euch erwarmen; Ach, wie quält die alte Zeit. Gute Nacht, ihr schönsten Brüste! Macht nun andre Hände voll; Jetzo geh' ich in die Wüste, Wo mein Elend schlafen soll.
In den Wäldern will ich irren, Vor den Menschen will ich fliehn, Mit verwaisten Tauben girren, Mit verscheuchtem Wilde ziehn, Bis der Gram mein Leben raube, Bis die Kräfte sich verschrein, Und da soll ein Grab vom Laube Milder als dein Herze sein.
Kann ich dich an Treu beschämen, Will ich noch dein Konterfei In dem Tod ans Herze nehmen, Daß er recht beweglich sei; Sieht es niemand von den Leuten, Sieht es doch der Himmel an, Der dich bei gelegnen Zeiten Wohl damit noch strafen kann.
Wirst du einmal durch die Sträuche Halb verirrt spazieren gehn, Ei, so bleib bei meiner Leiche Nur mit andern Augen stehn. Zeige sie dem neuen Schatze, Der dir das Geleite gibt, Und vermeld' ihm auf dem Platze: Dieser hat mich auch geliebt.
Ach, wo bleibt ihr teuren Schwüre? Ach, wo ist ein treuer Sinn, Den ich schmerzlicher verliere, Als ich selbst geboren bin? Nimm das letzte Sehnsuchtszeichen: -- Nun, mein Kind, besinne dich; -- Dieses kann dich nicht erweichen, Nimm es, und gedenk an mich!
Die verliebte Geduld. Kantate
Sei immerhin der Hand entrissen, Im Herzen bleibst du dennoch mein, Das Glücke mag das Bündnis brechen, Die Schickung mag mir widersprechen, Ich trotze doch ihr künftig Nein Und will dich stets im Bilde küssen.
Ach Kind! Ach, frage nur den Wind: Wieviel und nasse Klagen Sein müder Flug nach Anklam hingetragen? Seitdem ein harter Schluß Dich anderwärts verbunden. Dies ist der Brunnquell tiefer Wunden, Woran ich Kranker seufzen muß, Solang' ich Blut und Adern fühle.
Ja, wäre hier Die Vorsicht nicht im Spiele, So würd' ich dir, So würd' ich deiner Untreu fluchen Und etwan so die Rache suchen:
Erzürnt euch, ihr Geister der höllischen Klüfte, Eröffnet den Abgrund und schwefelt die Lüfte Und zündet die Fackeln der Eifersucht an! Bestraft nur die Falsche und weckt ihr Gewissen Und laßt sie durch Feuer und Peinigung wissen, Es werde kein Meineid vergebens getan.
Dergleichen Hochzeitssegen Begrüßte deinen Wankelmut, Verstünd ich nicht, was Gottes Finger tut. Allein der Liebe wegen, Womit du mich so hochgeschätzt, Womit du mich so oft ergetzt, Erlaß ich dir die Schuld, Worein dich das Verhängnis führet. Ich werde zärtlich scharf regieret; Doch leid ich mit Geduld Und stelle mir die alten Zeiten Zum Troste dieses Kummers vor. Mich deucht, es hört mein Ohr Die angenehme Stimme rufen, Mich deucht, ich sehe deine Stufen Mit mir spazieren gehn. Du bist mir jetzt noch schön, Du strahlst mir noch, entfernt, ins Auge, So daß ich frischen Zunder sauge, Wenn Schlaf und Nacht Gedanken zollfrei macht Und Träume deinen Abriß bringen, Mit dem ich bis am Morgen ringen Und sicher spielen kann, So daß dein neuer Mann Kein Wort von unsrer Lust erfährt, Gewiß, die Lust ist schlafenswert. Dies Betrügen Zeugt Vergnügen Und erhält den ersten Trieb. Kann ich dich nicht wirklich küssen, Muß ich Mund und Wahrheit missen, Hab' ich auch den Schatten lieb. So bleiben Funken in der Asche, So rostet alte Liebe nicht. Denn daß ich mein Gesicht So oft mit Tränen wasche, Das macht dein köstlicher Verlust. Vertragen sich drei fromme Herzen In einer Brust, So mindre meine Schmerzen Und laß mir jetzt zur Ruh' Auch dort ein Räumchen zu, Wo jetzt dein Liebster Platz genommen; Ich will ihm nicht zu nahe kommen. Die Hälfte mag sein eigen sein, Ich nehme nur das Drittel ein, Und dies mit gutem Rechte, Dieweil mein Fuß zu deiner Lagerstatt Den nächsten Anspruch hat, Und weil ich hier schon Rosen abgelesen, Eh' seiner noch gedacht gewesen. Es trifft mich, wie gesagt, zwar scharf, Doch mag ich deine Ruh' nicht stören, Und was ich nicht besitzen darf, Das will ich still und ewig ehren. Bis die schwere Zunge stammlet, Bis mich ein gedrungnes Haus Zu der Väter Beinen sammlet, Sprech' ich deinen Namen aus. Deine Schönheit, dein Gemüte, Deine Tugend, deine Güte Soll mit mir zu Grabe gehn. Dich nur wieder zu umfangen, Will ich, wenn die Welt vergangen, Noch so rüstig auferstehn. Was fang' ich an? wo soll ich hin? Wo ist mein Trost? wer ist mein Retter? Kein Mensch, kein Himmel, keine Götter Erfreun den unvergnügten Sinn. O daß ich doch geboren bin! Ach Gott, mein Gott, erbarme dich! Was Gott? Was mein? und was Erbarmen? Die Schickung peitscht die ausgestreckten Armen, Und über mich Und über mich allein Kommt weder Tau noch Sonnenschein, Der doch sonst auf der Erden Auf Gut' und Böse fällt. Die ganze Welt Bemüht sich, meine Last zu werden. Von außen drängt mich Haß und Wut, Von innen Angst und Blut; Und dieses soll kein Ende nehmen! Ich will mich oft zu Tode grämen, Und wenn ich will, so kann ich nicht: Dieweil mir das Verhängnis In allen Wünschen widerspricht. Verdammter Schluß, Durch den ich leben soll und muß, Wo dieses ja ein Leben ist, Wenn Sturm und Not Uns täglich schärfer droht, Und Schmach und Schmerz das Herze frißt. Ihr Flüche, ruft den Donnerwettern Und zündet Gottes Eifer an! Flieht, flieht und reizt die starken Keile, Damit ihr Schlag mein Elend heile, Damit sie dies mein Haupt zerschmettern, Das doch nicht eher ruhen kann. Wie? ist die Allmacht nicht so stark, Mich schwachen Wurm zu töten? So mag ihr Blitz vor Scham erröten, So fresse mir die Gift das Mark! So müsse Flut und Eisen Den Weg zur Freiheit weisen. So breche Stein und Blei Den Kerker meiner Not entzwei! Wer widerrät mir dieses Glücke? O freundliche Gelassenheit! Bist du es? Ja! Du kommst zu rechter Zeit. O komm doch noch! Ich hielt dich lang genug verloren; Es ist, als wär' ich neugeboren. Wie Öl in Wunden tut, So stärkt dein Trost mein Blut Mit feinsten Balsamkräften. Nun leid ich gern, Da so ein süßer Kern In bittern Schalen keimet; Nun trag' ich trotz der schweren Zeit Ein Herze voll Vergnüglichkeit. Nun faßt sich, nun setzt sich mein stilles Gemüte, Nun glaubt es der Vorsicht der ewigen Güte, Die dieser Zufriedenheit Vorschub getan. O ruhige Seele, behalt dir das Glücke, Und fiel' auch so Himmel als Erde in Stücke, So bleib in dir selber und sieh es mit an.
An Leonore bei Absterben ihres Karl Wilhelms
Mein Mitleid, glaub' es mir, betrübte Leonore, Weint gleichfalls insgeheim bei deinem Trauerflore, Und da dein zärtlich Herz vor Angst und Wehmut schlägt, Wird auch mein treues Blut, ich weiß nicht wie, bewegt. Du grämst dich um dein Kind und hast auch Recht zum Grämen, Es läßt doch Fleisch und Blut sich nicht die Regung nehmen, Und was von Herzen kommt, das muß zu Herzen gehn, Wenn Kummer und Verlust aus seiner Flucht entstehn. Dein Herz ist von Natur zu zärtlich im Empfinden, Du kannst den schnellen Riß nicht allzu bald verwinden; Ein Tuch, ein Kleid, ein Ort bringt jetzt mit großer Pein Den Jammer deines Sohns oft ins Gedächtnis ein. Nun, weil du Mutter bist, so setze dich und weine, Doch so, daß auch dein Schmerz nicht gar Verzweiflung scheine; Verscharre deine Qual, sowie den Sarg ins Grab, Und brich doch nicht so viel von deinen Kräften ab. Du hast ja mehr Vernunft als andre deinesgleichen, Ach, laß dir doch von ihr ein heilsam Pflaster reichen. Du kennst, du siehst und weißt den Grund im Christentum, Ach, sieh dich in der Schrift nach Ruh' und Tröstung um. Dein Karl ist wohlversorgt, was sollt' er auf der Erden? Je mehr man Jahre zählt, je mehr der Sünden werden; Er stirbt in Unschuld hin und läßt die böse Welt, Bevor ihr falscher Schein ihm Netz und Angel stellt. Ach, wolltest du ihm wohl des Lebens Elend gönnen! Wie leichtlich hätt' er dich nicht mehr betrüben können, Wenn irgend mit der Zeit die ungeratne Zucht, Durch fremde Schuld verführt, dein Herz mit Angst versucht. Betrachte doch einmal den Lauf von unsern Zeiten, Wo Laster und Gefahr die Frömmigkeit bestreiten, Wo Recht und Billigkeit nur Hohn und Haß erwirbt, Und, wer es ehrlich meint, in Not und Staub verdirbt. Je mehr das Alter wächst, je schwerer wird das Sorgen; Auf eine stille Nacht, auf einen guten Morgen Folgt oft ein Jahr voll Qual, voll Unruh, voll Verdruß, So daß man sich den Tod, vergebens, wünschen muß. Du sprichst: Ach, wenn mein Kind nur nicht so viel gelitten, Sein allzu großer Schmerz, der Bein und Mark durchschnitten, Durchdringt mein Mutterherz, so wie ein schneidend Schwert, Und stört mich, wenn der Leib im Bette Ruh' begehrt. Schweig, Leonore, schweig und laß dich dies nicht plagen, Der Herr legt nicht mehr auf, als unsre Kräfte tragen. Dein allerliebster Sohn ward durch den Kampf geübt, Wovor ihm jetzt der Sieg die reichste Krone gibt. Ach, sollt' er dir anjetzt in seiner Pracht erscheinen, Ich weiß, du würdest selbst vor Lust und Freuden weinen; Er spielt und jauchzt und singt im auserwählten Chor Und stellt in weißer Pracht den schönsten Engel vor. Schweig, Leonore, schweig und laß ihm sein Ergetzen, Du bringst ihn nicht zurück und hast hier zu versetzen Und wirst auch künftighin noch manchmal freudig schaun, Was die vor Sorgen krönt, die Gott in Not vertraun. Ist auf der Welt ein Weib, an dem mir unter allen Witz, Tugend und Person im Herzen wohl gefallen, So ist es, laß mir hier ein frei Bekenntnis zu, Ein Bild von seltner Art, und welche sonst als du! Dies sag' ich ohne List und ohne geiles Schmeicheln, Mein Geist ist von Natur ein Feind von Brunst und Heucheln Und will kein fremdes Schaf und ehrt und liebet dich, Der Herr mag Zeuge sein, nur keusch und brüderlich. Ich merk an dir und mir viel Gleichheit am Gemüte, Und darum bitt' ich auch von Gottes Rat und Güte, Daß, wo ich auf der Welt mich einst vermählen soll, So mach' ein Weib, wie du, mir Bett und Armen voll. Geh' du auch selbst in dich und frage dein Gewissen; Ich weiß, es wird mir jetzt ein Zeugnis geben müssen, Daß manch verborgner Trieb, man weiß oft selbst nicht, wie? Zwo Seelen unverhofft geheim zusammenzieh'. Dies ist der stumme Bund, den niemand wehrt und hindert, Und dessen starke Glut Gesetz und Macht nicht mindert, Dies ist der schönste Zug, der schon im Blute steckt, Und der sich alsobald durch Aug' und Mund entdeckt. Bekäm' ich dermaleinst ein solches Kind zu küssen, Wie zärtlich sollt' es mir des Lebens Angst versüßen, Wie zärtlich wollt' ich nicht mit solchem Schatze tun Und unter aller Last auf Glück und Rosen ruhn. Indessen wirst du mir dein ehrlich Angedenken, So gern als dir mein Wunsch den reichsten Segen, schenken. Die Freundschaft unter uns soll ohne Fleck und Schein, Und du von nun an mir die liebste Schwester sein: Wir wollen unter uns ein Seelenbündnis machen, Dein Leiden sei mein Leid, dein Scherzen sei mein Lachen; Geht es dir stets nach Wunsch und blüht dein zeitlich Heil, So nehm' ich stets daran mein höchst vergnügtes Teil, Der Neid, so nichts verschont, soll nichts davon erfahren; Der Himmel gebe dir von meinen Lebensjahren, Er stürze deinen Feind, er segne dein Geschlecht Und hemme, was dein Herz mit Last und Unruh schwächt. Das Glücke treibt mich jetzt aus meinem Vaterlande Und bringt mich wunderlich, wer weiß zu welchem Stande, Drum sag' ich gute Nacht, gedenk an einen Freund, Der auf der Welt mit dir es wohl am besten meint.
Nachwort des Herausgebers
Das vorliegende Bändchen der Inselbücherei bietet eine beschränkte Auswahl aus den Werken des deutschen Dichters, der wie kein anderer seiner Zeit als Künstler und als Mensch unsere Teilnahme verdient. Der tiefere Einblick in sein Werden, den vielfache und eindringende literarische Forschung eröffnet hat, zeigt uns einerseits einen Künstler, der aus anfänglicher Gebundenheit zu selbstherrlicher und höchst persönlicher poetischer Gestaltung seines Erlebens emporsteigt und in seinen besten Schöpfungen einen wundervollen Zusammenklang des ureigensten Fühlens mit seinem dichterischen Ausdruck erreicht hat. Anderseits aber hat diese Forschung uns -- Goethes Urteil berichtigend -- eine klare Anschauung verschafft von dem Ringen einer von Grund aus edlen und durch und durch wahrhaftigen menschlichen Persönlichkeit, die alles und jedes mit einer ihr eingeborenen Leidenschaftlichkeit ergriff und an deren tragischem Schicksal doch wohl die Verhältnisse eine größere Schuld tragen, als man bisher anzunehmen geneigt war. Was Christian Günther in letzter Linie fehlte, was er aber bei längerer Lebensdauer sicherlich in einem gewissen Grad noch hätte erlangen können, war die Kraft der Beschränkung, der Selbstbesinnung, die den zerstörenden Affekt zu überwinden weiß, war die Fähigkeit, das Dasein nach künstlerischem Maß zu formen; und dadurch unterscheidet er sich von dem Großen, dessen Urteil über ihn diesem Bändchen voransteht und mit dem von allen vorgoethischen Lyrikern nur er allein verglichen werden darf.
Das menschlich Erschütterndste bietet uns Günther in jenen großen Rechenschafts- oder Bekenntnisgedichten, zu deren Abfassung er sich in kritischen Augenblicken seines Lebens gedrängt fühlte. Sie in ihrem ganzen Umfang in dieser Sammlung abzudrucken, erschien mit Rücksicht auf den Raum untunlich. Eine Auswahl aber würde dem Verständnisse des Dichters kaum förderlich sein, so wurde auf ihre Wiedergabe verzichtet. Das konnte um so mehr geschehen, als sie doch in erster Linie biographisches und psychologisches Interesse erwecken, während des Poeten künstlerische Reife im eigentlichen Lied, dem weltlichen wie dem geistlichen, und ganz speziell im Liebeslied erreicht scheint. Die vorliegende Sammlung beschränkt sich daher auf die Wiedergabe einer Gruppe von Liebesliedern, und zwar sucht sie den poetischen Niederschlag in Auswahl zu umfassen, den zwei bestimmte Liebesverhältnisse in der Dichtung Günthers erfahren haben. Auszuscheiden waren deshalb alle Gedichte, die sich auf die Jugendliebe zu Flavia beziehen, ebenso die anakreontisch tändelnden Rosilislieder aus dem Anfang der Leipziger Zeit und nicht minder die nur durch ihre formale Glätte imponierenden Phillisgedichte, denen eben keine wahre Leidenschaft, sondern nur ein durch die bittere Not gebotener Brautstand zur Quelle dient.
Es bleiben nach dieser Ausscheidung und nachdem auch auf alle Freundschafts- und Geselligkeitslieder verzichtet worden ist, die Gedichte an Leonore übrig, die einem Schweidnitzer Mädchen gewidmet sind, das durch seine charaktervolle Tüchtigkeit und seine hingebende Treue dem Geliebten in allen Krisen seines bewegten Lebens ein starker sittlicher Halt gewesen ist und das Günther mit allen Fasern seines Herzens und mit aller Kraft des Guten in ihm geliebt hat. Als er nach der endlichen Erkenntnis der völligen Aussichtslosigkeit des Verhältnisses ihr das Wort der Treue zurückgegeben, da ist auch die tragische Wendung seines Schicksals nahegerückt, die dann zuletzt durch die unversöhnliche Härte des Vaters entschieden wird. Die Reihe der an Leonore gerichteten Gedichte enthält nicht nur das Beste, was Günther geschaffen, sondern sie zeigt auch in reizvoller Weise das allmähliche Wachsen der dichterischen Kraft und Kunst ihres Schöpfers. Aus den Banden des schlesischen Schwulstes, der in den ersten Gedichten bei einzelnen Motiven und in bezug auf die Sprache noch stark merkbar ist, führt die Entwicklung über die Anakreontik und die Nachahmung der Neulateiner zu inhaltlicher und formaler Selbständigkeit, die etwa in den von Ende August 1719 ab entstandenen Gedichten erreicht ist.
Um der Kontrastwirkung willen ist in dem vorliegenden Heftchen in die eben gekennzeichnete Entwicklungsreihe eingeschoben eine Anzahl der an die Leipziger Leonore gerichteten Lieder (S. 33-45), die sich anfangs als Ausdruck einer leichten und leichtfertigen Liebelei geben und nach Form und Inhalt abhängig erscheinen vom anakreontischen Zeitgeschmack und von einer spezifischen Leipziger Tradition, die sich bis weit ins 17. Jahrhundert zurück verfolgen läßt, die aber dann, als unvermutet die Tändelei sich in eine wahre Leidenschaft wandelt, als aus stärkster psychischer Spannung heraus entstanden erscheinen und wirkliche künstlerische Qualitäten besitzen, wenn sie auch die späteren Leonorenlieder weder an Innigkeit und Tiefe des Gefühls, noch an Schlichtheit und Wahrhaftigkeit des sprachlichen Ausdrucks zu erreichen vermögen.
Die chronologische Anordnung der Gedichte folgt fast ausschließlich den Forschungen von Carl Enders, der hoffentlich die kritische Ausgabe der Werke Günthers bald erscheinen läßt.
Es seien noch ein paar kurze erläuternde Hinweise auf einige in den Gedichten erwähnte Namen gestattet. S. 12, Str. 1: Striegau in Schlesien ist Günthers Vaterstadt; Anspielung auf den Tod eines Schweidnitzer Schulfreundes, der von einem Mitschüler erstochen worden war. Str. 3: Johannchen ist die Vertraute der Liebe zwischen Günther und Leonore. An sie sind auch die Strophen 5-8 auf S. 16 gerichtet. S. 20, Z. 7 v. u.: Diese Freundin oder besser Friedensstörerin ist nicht mit Johannchen zu verwechseln; wer sie war, wissen wir nicht. S. 41: Pfeifer ist ein Leipziger Freund Günthers, bei dem die Liebenden sich heimlich trafen. S. 46, Str. 1: Philirinde ist die Leipziger Leonore, die aus der Lindenstadt Stammende.
Inhaltsverzeichnis
Goethe über Johann Christian Günther 3
Euch, Musen, dankt mein treu Gemüte (10. August 1719) 5
Als er endlich sich wagte, ihr seine Liebe zu entdecken (März/April 1715) 7
Sonett (3. April 1715) 9
An seine Schöne (8. August 1715) 9
An Magdalis, als er sie auf einige Zeit entbehren sollte (August 1715) 11
Als er sich seiner Abwesenden erinnerte (etwa 1715) 11
An Leonoren (1715?) 12
Vor dem Abschied (September/Oktober 1715) 12
Als er sie seiner beständigen Treue versicherte (etwa 1715) 14
An die Freundin der Geliebten (ebenso) 15
Abschied (ebenso) 17
An Magdalis (15. November 1715) 19
Als er ihrentwegen viel leiden mußte (November 1715?) 21
An seine Magdalis. Aria (Wittenberg, Ende 1715) 22
An seine Leonore (etwa 1715) 24
Als er seiner Magdalis nichts zum grünen Donnerstag geben konnte (9. April 1716) 24
An Leonoren (Frühjahr 1716) 24
Aus einem Schreiben an seine Magdalis (Wittenberg, 10. Juli 1716) 29
Aus einem Schäfergedicht: Er erinnert sich voriger Zeiten (Juli/August 1717) 30
Aus den »letzten Gedanken«. In schwerer Krankheit (Mai/Juni 1718) 32
An Selinde, die Leipziger Leonore (Frühjahr 1719) 33
Als er gegen seine Schöne sich etwas zu frei aufgeführet hatte (Frühling 1719) 35
Als er sie wieder zu besänftigen suchte (1719?) 37
Als sie sich endlich zum Lieben bewegen ließ (26. Juni 1719) 38
An die Leipziger Leonore (Dresden, 22. August 1719) 40
An die ungetreue Leonore (Ende August 1719) 42
Als sie ihm untreu wurde (Ende August 1719) 43
Die verworfene Liebe (Ende August 1719) 45
An die Schweidnitzer Leonore (Ende August 1719) 46
Auf der Abreise von Dresden in sein geliebtes Schlesien (2. September 1719) 47
Rückkehr nach Schweidnitz (15. September 1719) 50
An sein Lenchen (15. September 1719) 51
Schwur der Treue. An Leonore (1719) 53
Gedenken. An Leonore (September 1719) 55
Die immer grünende Hoffnung. An Leonore (September 1719) 56
An Leonoren bei dem andern Abschiede (September-Oktober 1719) 58
Als er sie nach vier Jahren wieder das erstemal empfing (Dezember 1719) 59
Schreiben an seine Leonore (Breslau, 22. Dezember 1719) 60
Als sie zur Hochzeit ihres Bruders reiste. An Leonore (Anfang Januar 1720) 61
An seine Leonore (Januar 1720) 63
An Eleonore (Januar 1720) 65
Scheiden (Januar 1720) 67
Aria. An Leonoren (Lauban, 29. Februar 1720) 67
Trennungslied. An seine Leonore (März 1720) 70
Er gibt Leonoren ihr Wort zurück (April 1720) 72
Leonorens Antwort (April 1720) 74
Die unwiederbringliche Zeit (April 1720) 76
Bei der letzten Trennung (1720?) 77
Die verliebte Geduld. Kantate (Ende 1720?) 79
An Leonore bei Absterben ihres Karl Wilhelms (Juni-Juli 1722) 84
Nachwort des Herausgebers 88
Alphabetisches Verzeichnis der Liederanfänge
Ach Kind, ach liebstes Kind, was war 60
Ach Kind, verschone mich in dir 65