Leonorenlieder

Part 4

Chapter 43,383 wordsPublic domain

Ergib dich drein! Es blitz' auch nah und fern, Ein schneller Wind kann leicht das Wetter ändern; Mein Vaterland versagt mir Glück und Stern; Dies blüht vielleicht in unbekannten Ländern. Mein Fleiß ist froh, nur dich noch zu erhöhn, Viel auszustehn.

Viel auszustehn und gleichwohl froh zu sein Vermag kein Geist, den Lieb und Ruhm nicht stärken; Kind, gute Nacht! Mein Anblick mehrt die Pein, Ich kann die Angst an Farb' und Sprache merken. Sieh mich noch an und lebe wohl und sprich: Du daurest mich.

Als er sie nach 4 Jahren wieder das erstemal empfing

An Leonore

Die Regung ist zu scharf, ich muß dich stumm umfangen, Ein Blick, ein Druck, ein Kuß vertritt der Zunge Pflicht; Ihr Jahre, die ihr spät und unter Not vergangen, Verzeiht mir jeden Fluch, ich klag' euch weiter nicht, Ach, macht das Wiedersehn dergleichen süßes Leben, So laß dir doch, mein Kind, noch öfters Abschied geben.

Schreiben an seine Leonore

Ach Kind, ach liebstes Kind, was war das vor Vergnügen! Der Himmel geb' uns doch dergleichen Nächte viel Und laß uns so vertraut bis an das letzte Ziel, Mit Brust und Geist vermählt, in Eintrachtsbanden liegen. Denn außer jener Welt und ohne diese Lust Ist doch wohl der Natur kein größrer Schatz bewußt.

Wir spielen ungestört mit Redlichkeit und Küssen, Wir haben gleichen Sinn, wir wünschen einerlei, Sind Sklaven süßer Macht, und niemand lebt so frei, Wir schwatzen, daß uns auch die Worte mangeln müssen, Wir schenken uns an uns und nähmen, könnt' es sein, Als Seelen wahrer Treu' nur _einen_ Körper ein.

Uns darf kein Modebrief ein Ehverlöbnis stiften, Kein Kuppler und kein Geld verbinden unsre Glut! Dein Malschatz ist mein Herz, dein Herz mein Heiratsgut Und unser beider Ruhm die Dichtkunst meiner Schriften, In welchen Lieb und Scherz so lange Lob gewinnt, Als Kunst und Wissenschaft in Deutschland fruchtbar sind.

Wir haben unsern Bund die Zeit bewähren lassen; Vor dich ist in der Welt kein bess'rer Mann als ich, Ich find' auch auf der Welt kein treuer Weib als dich: Wir müßten sonder uns das beste Leben hassen. Da, wo ich dich nicht seh, da ist mir alles leer, Und wenn es auch der Schwarm des größten Hofes wär'.

Versuchte mich Eugen, und böte mir der Kaiser Vor dich, du frommes Kind, Gold, Thron und Purpur an, So spräch ich, wie ich dir mit Wahrheit schwören kann: Ich ehre, großer Held, die vielen Siegesreiser, Ich weiß auch, großer Karl, was Macht und Kronen sind; Behaltet, was ihr habt, und laßt mir nur mein Kind.

Gesegnet sei der Tag, gesegnet sei die Kammer, Der unsern Bund gesehn, die unsern Kuß gehört! Wer jenen durch Verdruß und die mit Fluch entehrt, Dem mach' ein böses Weib den Ehstand voller Jammer. Gesegnet sei auch gar der Kummer und der Neid, Der wegen deiner Gunst mir manchen Stoß verleiht.

O könnt' ich doch, mein Kind, in allen Sprachen dichten (So wünsch' ich dann und wann, wie einst Petrarchens Mund) So tät' ich deinen Wert den meisten Ländern kund, So ließ' ich jedes Volk von unsrer Liebe richten: Die Klügsten würden sehn, wie zärtlich meine Treu', Wie redlich meine Brust, wie rein dein Herze sei.

Ich tu', soviel ich kann, dein Denkmal auszubreiten, Um bei der späten Welt durch deinen Ruhm zu blühn. Wie mancher wird noch Trost aus meinen Liedern ziehn, Wie manchen wird mein Vers zur süßen Regung leiten: So merk' ich, wenn mein Mund der Alten Arbeit liest, Daß unsre Liebe schon vor dem gewesen ist.

Was hat wohl unser Wunsch mehr auf der Welt zu suchen, Und welches Glück ist noch wohl unsers Neides wert? Wenn mir des Himmels Huld dich vollends ganz gewährt, So wüte Feind und Groll, so mag der Spötter fluchen; Drei Dinge sind mein Trost: Gott, Wissenschaft und du, Bei diesen seh ich stets den Stürmen ruhig zu.

Als sie zur Hochzeit ihres Bruders reiste

An Leonoren

Gedenk' an mich und meine Liebe, Du mit Gewalt entriss'nes Kind, Und glaube, daß die reinen Triebe Dir jetzt und allzeit dienstbar sind, Und daß ich ewig auf der Erde Sonst nichts als dich verehren werde.

Gedenk' an mich in allem Leiden Und tröste dich mit meiner Treu! Die Luft mag jetzt empfindlich schneiden, Die Wetter gehn doch all vorbei, Und nach dem ungeheuren Knallen Wird auch ein fruchtbar Regen fallen.

Gedenk' an mich in deinem Glücke, Und wenn es dir nach Wunsche geht, So setze nie den Freund zurücke, Der bloß um dich in Sorgen steht! Auch mir kann bei dem besten Leben Nichts mehr als du Entzückung geben.

Gedenk' an mich in deinem Sterben, Der Himmel halte dies noch auf; Doch sollen wir uns nicht erwerben, Und zürnt der Sterne böser Lauf, So soll mir auch das Sterbekissen Die Hinfahrt durch dein Bild versüßen.

Gedenk' an mich und meine Tränen, Die dir so oft das Herz gerührt Und die dich durch mein kräftig Sehnen Zum ersten auf die Bahn geführt, Wo Kuß und Liebe treuer Herzen Des Lebens Ungemach verschmerzen.

Gedenk' auch endlich an die Stunde, Die mir das Herz vor Wehmut brach, Als ich, wie du, mit schwachem Munde Die letzten Abschiedsworte sprach; Gedenk' an mich und meine Plagen! Mehr will und kann ich jetzt nicht sagen.

An seine Leonore

Hier hast du nun den dritten Schwur, Wodurch ich Himmel und Natur Zu Zeugen unsers Bundes setze: Bleib treu, getrost und achte nicht, Wenn manche Lästerzunge sticht, Der falschen Freunde Mordgeschwätze.

Das Glücke hält uns freilich auf, Doch laß ihm nur den faulen Lauf! Es sucht fein langsam auszurasen. So stark der Nord sich hören läßt, So zärtlich wird auch bald der West In unsre Liebesflaggen blasen.

Die Weltlust zeigt mir nichts mehr an, Worein ich mich verlieben kann, Als dein Gesicht und meine Bahre; Bekomm' ich nun das erste nicht, So lass' ich freudig Tag und Licht Auch mitten um die besten Jahre.

Ich fühl' am besten innerlich So manchen tiefen Herzensstich Und bin schon ziemlich umgetrieben; Doch will mir Gott genädig sein, So läßt er mich nach aller Pein Dich einmal noch und sicher lieben.

Vertrau der Vorsicht, liebster Schatz, Sie wird uns einen Ruheplatz, Es sei auch, wo es will, bereiten; Alsdann belachen wir mit Lust Aus froh- und eintrachtsvoller Brust Die Torheit unsrer bösen Zeiten.

Besinne dich, was Schweidnitz wies: Von innen zwar ein Paradies, Von außen Unruh, Zank und Plagen, Und kommt dir Roschkwitz in den Sinn, So denk' auch dort nach Borau hin, Wo mich dein Abschied wund geschlagen.

Sobald des Bruders Hochzeitsfest Dich bei der Tafel lachen läßt, So trink mein Wohlsein in Gedanken; Und wenn dir der Verlobten Kuß Zu stiller Reizung dienen muß, So wisse: Günther kann nicht wanken.

Es hat mich innerlich ergetzt, Daß Lorchen meine Lieder schätzt Und dann und wann noch Verse fodert. Dein Name soll auch ganz allein Die Zierat meiner Reime sein, In welchen unsre Liebe lodert.

Mein Engel, nimm es selbst aus dir, Wie schwer, wie scharf und ängstlich mir Dein drittes Abschiedsküssen falle; Jedoch Geduld, Vernunft und Zeit Krönt endlich die Beständigkeit Und schenkt uns Zucker auf die Galle.

Nun gute Nacht, du treues Kind! Es wird noch mancher saurer Wind Mir kräftig in das Antlitz streichen; Doch darum mache dir nicht Schmerz, Dein Angedenken stärkt mein Herz Und bleibt mein festes Hoffnungszeichen.

An Eleonore

Ach Kind, verschone mich in dir Und laß mich unbetrübt von hier! Was quälst du mich mit so viel Tränen? Es sind die Kräfte meiner Brust. Ach, hast du denn bei so viel Sehnen Noch gar zu meiner Ohnmacht Lust?

Ich bin wohl so genug geplagt, Verfolgt, verleumdet und verjagt, Und du willst noch die Angst verstärken? Was Günther fühlt, das weiß sein Herz, Ich laß es kaum die Hälfte merken, Sonst macht' ich dir noch schärfern Schmerz.

Du bist ja meiner Treu gewiß, Dies ist ein Band vor diesen Riß, An dem die Hoffnung auch schon heilet. Ach, mildre doch nur den Verdruß, Dieweil die Zeit, so jetzo teilet, Uns endlich wieder binden muß.

Gesetzt, du würdest ungetreu, Wovor doch Glück und Himmel sei, Ich könnte dich unmöglich hassen: Mir wär' es zwar die ärgste Pein, Hat sie dich, dächt' ich doch, verlassen, Will ich um desto treuer sein.

Ich weiß, man tadelt mich darum; Der schilt mich weibisch, jener dumm. Die Großmut adelt mein Gemüte, Und daß ich zärtlich lieben kann, Das nehm' ich von des Schöpfers Güte Wohl vor die größte Wohltat an.

Sei arm, verlassen und veracht, Verliere, was gefällig macht, Laß Zahn und Farb' und Jugend schwinden, Du bleibst in meinen Augen schön Und sollst sie allemal entzünden, Solange sie noch offen stehn.

Ein Augenblick der süßen Zeit, In welchem mich dein Scherz erfreut, Gilt mehr als alle Freudenfeste, Wo Dresden, jetzt die halbe Welt, Das Herz der hohen Hochzeitgäste Mit tausend Wollust unterhält.

Der Frühling ist nun nicht mehr weit. Spazier' in grüner Einsamkeit In euren schönen Erlengängen Und denk' in allem Ungemach, So Schmerz dich, Neid und Freunde drängen, Den oft gegebnen Lehren nach.

Dort soll der jungen Vögel Schrei'n Die Botschaft meiner Sehnsucht sein, Und scherzt der West mit Kleid und Wangen, So wiss' und glaube sicherlich: Er meldet dir mein heiß Verlangen Und küßt dich tausendmal vor mich.

Scheiden

Ich nehm' in Brust und Armen Den schweren Abschiedskuß; Der Himmel hat Erbarmen, Indem er trennen muß. Ich küss', ich wein' und liebe, Mein treues Lorchen spricht, Sie habe gleiche Triebe: Wie aber? Weint sie nicht?

Leonorens Antwort

Du suchest ja dein Glücke, Das hier wohl nicht mehr blüht, Ich hasse das Geschicke, Das uns von sammen zieht, Ach, säh'st du meine Schmerzen, Ich schweige, wertes Licht! Ich liebe dich von Herzen, Und darum wein ich nicht!

Aria

An Leonoren

Die Trennung dient zu größrer Freude, Drum tu doch nicht so sehr um mich! So weit ich auch von hinnen scheide, So nah' behalt' und küss' ich dich, Weil Licht und Nacht in tausend Bildern Dem Herzen dein Gedächtnis schildern.

Nur liegt mir etwas in Gedanken Und martert mich so stumm als scharf: Man kennt des Frauenzimmers Wanken; Ich weiß nicht, ob ich hoffen darf, Und ob wohl künftig dein Gemüte Sich auch mit gleicher Sorgfalt hüte.

Der Zweifel darf dich nicht betrüben, Er ist ein Zeichen zarter Treu; Bisher erkenn' ich zwar dein Lieben Und weiß, wie rein die Flamme sei; Wer bürgt mir aber vor das Glücke, Daß keine Zeit das Ziel verrücke?

Ich kann dir keinen Wächter stellen, Es wäre denn dein eigner Geist; Doch weil die Macht von manchen Fällen Die Klügsten aus dem Zirkel reißt, So laß dir, willst du mein verbleiben, Die Regeln in das Herze schreiben:

Die Liebe reicht auch in die Ferne, Und das heißt recht beständig sein. Verehre die geneigten Sterne, Und zürnt ihr abgenommner Schein, So mußt du mehr durch Flehn als Fluchen Den Himmel zu versöhnen suchen.

Erwäge stündlich in der Stille Den Anfang der Zusammenkunft, Bedenke nur, dein eigner Wille Beschwur das Bündnis mit Vernunft; Vergiß auch nicht, was mein Verlangen, Nur dich zu sehn, oft angefangen.

Vermeide die Gelegenheiten, Wo viel Gesellschaft spielt und küßt. Der Scherz kann öfters viel bedeuten, Man weiß, wie stark die Reizung ist; Und mußt du dich der Welt bequemen, So laß dich andrer Putz beschämen.

Besuche fleißig alle Gänge, Wodurch ich dich bisher geführt, Vornehmlich, wo der Birken Menge Das Ufer und die Wiesen ziert, Und dorten, wo dein sachtes Küssen Mich oft im Grünen wecken müssen.

Du weißt und kannst auch überlegen, Wie kräftig mich der Mond ergetzt, So daß ich seines Schimmers wegen Die Nacht dem Tage vorgesetzt; Besinne dich in solchen Schatten, Wie viel wir sichre Zuflucht hatten.

Steh freudig auf, geh froh zu Bette, Doch sieh vorher mein Bildnis an Und nimm den Ring, die Liebeskette; Denn obgleich keines reden kann, So wirst du doch bei ihrem Spielen Viel Wachstum sanfter Neigung fühlen.

Dein Absehn mußt du wohl verhehlen, Sprich jeden, der mir Gutes gönnt, Und laß dir stets von mir erzählen Und liebe das, was mich nur kennt; Durchblättre mein Vers' und Lieder Und sing' und leg' und lies sie wieder!

Geh täglich in des Herren Tempel, Die Andacht kommt der Liebe bei; Das Altertum hat viel Exempel Verliebter Lust und seltner Treu. Bemüh dich drum und lies und merke, Wie zärtlich dich ihr Beispiel stärke.

Laß weder Post noch Boten säumen Und miß Papier und Silben nicht, Erzähle mir aus allen Träumen, Ihr Schatten gibt den Klugen Licht; Und ist dir aller Zeug benommen, So schreib mir stets ums Wiederkommen!

Leg' alles, was ich schriftlich sende, Ohn' Argwohn auf dein Vorteil aus; Betrachte wohl den Zug der Hände, Und suche vor das L. heraus, Ja, halt' ein jegliches Gerüchte Von meiner Untreu' vor Gedichte.

Es braucht kein häufiges Geschwätze, Denn liebst du recht, so liebst du klug; Ich geb' und halt' auch die Gesetze. Kind! gute Nacht! Du hast genug. Soll etwas mir dein Bild entführen, So muß ich vor mein Herz verlieren.

Trennungslied

An seine Leonore

Bist du denn noch Leonore, Der so manch verliebter Schwur (Sinne nach, bei welchem Tore!) Unter Kuß und Schmerz entfuhr, Ach, so nimm die stummen Lieder Eben noch mit dieser Hand, Die mir ehmals Herz und Glieder Mit der stärksten Reizung band.

Durch dein sehnliches Entbehren Werd' ich vor den Jahren grau, Und der Zufluß meiner Zähren Mehrt schon lange Reif und Tau; Meine Schwachheit, mein Verbleichen Und die Brust, so stündlich lechzt, Wird des Kummers Siegeszeichen, Der aus unsrer Trennung wächst.

Lust und Mut und Geist zum Dichten, Feuer, Tugend, Ruhm und Fleiß Suchen mit Gewalt zu flüchten Und verlieren ihren Preis, Weil der Zunder deiner Küsse Meinen Trieb nicht mehr erweckt, Und die Führung harter Schlüsse Ein betrübtes Ziel gesteckt.

Aller Bilder meiner Sinnen Sind mir Ekel und Verdruß, Da sie nichts als Gram gewinnen, Weil ich dich noch suchen muß; Nichts ergötzt mich mehr auf Erden Als das Weinen in der Nacht, Wenn es unter viel Beschwerden Dein Gedächtnis munter macht.

Jedes Blatt von deinen Händen Ist ein Blatt voll Klag' und Weh', Und ich kann es niemals wenden, Daß kein Stich ans Herze geh'; Die Versichrung leerer Zeilen Gibt den Leibern wenig Kraft, Welche Luft und Ort zerteilen. O bedrängte Leidenschaft!

Er gibt Leonoren ihr Wort zurück

Mein Kummer weint allein um dich, Mit mir ist's so verloren, Die Umständ' überweisen mich, Ich sei zur Not geboren. Ach, spare Seufzer, Wunsch und Flehn, Du wirst mich wohl nicht wiedersehn Als etwan in den Auen, Die Glaub' und Hoffnung schauen.

Vor diesem, da mir Fleiß und Kunst Auf künftig Glücke blühte, Und mancher sich um Günthers Gunst Schon zum voraus bemühte, Da dacht' ich, wider Feind und Neid Die Palmen der Beständigkeit Mit selbst erworbnem Segen Dir noch in Schoß zu legen.

Der gute Vorsatz geht in Wind; Ich soll im Staube liegen Und als das ärmste Findelkind Mich unter Leuten schmiegen; Man läßt mich nicht, man stößt mich gar Noch stündlich tiefer in Gefahr Und sucht mein schönstes Leben Der Marter preiszugeben.

So wird auch wohl mein Alter sein! Ich bin des Klagens müde Und mag nichts mehr gen Himmel schrein Als: Herr, nun laß im Friede! Kraft, Mut und Jugend sind fast hin, Daher ich nicht mehr fähig bin, Durch auserles'ne Sachen Mir Gut und Ruhm zu machen.

Nimm also, liebstes Kind, dein Herz, O schweres Wort, zurücke Und kehre dich an keinen Schmerz, Womit ich's wiederschicke; Es ist zu edel und zu treu, Als daß es mein Gefährte sei Und wegen fremder Plage Sein eignes Heil verschlage.

Du kannst dir durch dies teure Pfand Was Köstlichers erwerben, Mir mehrt es nur den Jammerstand Und läßt mich schwerer sterben; Denn weil du mich so zärtlich liebst, Und alles vor mein Wohlsein gibst, So fühl' ich halbe Leiche Auch zweifach scharfe Streiche.

Ich schwur vor diesem: nur der Tod, Sonst soll uns wohl nichts trennen, Verzeih' es jetzo meiner Not, Die kann ich dir nicht gönnen; Ich liebe dich zu rein und scharf, Als daß ich noch begehren darf, Daß Lorchen auf der Erde Durch mich zur Witwen werde.

So brich nur Bild und Ring entzwei Und laß die Briefe lodern, Ich gebe dich dem ersten frei Und habe nichts zu fodern; Es küsse dich ein andrer Mann, Der zwar nicht treuer küssen kann, Jedoch mit größerm Glücke Dein würdig Brautkleid schmücke.

Vergiß mich stets und schlag mein Bild Von nun an aus dem Sinne, Mein letztes Wünschen ist erfüllt, Wofern ich dies gewinne, Daß mit der Zeit noch jemand spricht: Wenn Philimen die Ketten bricht, So sind's nicht Falschheitstriebe, Er haßt sie nur aus Liebe.

Leonorens Antwort

Ach, liebster Schatz, verdient mein Herz So hart versucht zu werden? Es leidet ja wohl anderwärts Vorhin genug Beschwerden, Und dennoch fehlt ihm niemals Lust, Erlaub' ihm nur in deiner Brust Auf kurz genoss'ne Freuden Die Ehre, mit zu leiden.

Ich hab' es ja nur dir geschenkt, Nicht aber deinem Glücke, Du irrst dich, wo dein Argwohn denkt, Ich fluche dem Geschicke. Ich weine zwar, doch bloß um dich, Der Trost ist stark genug vor mich, Wenn Philimen erkennet Wie rein die Flamme brennet.

Auch mir hat ja wohl die Natur Kein Holz vor Fleisch gegeben; Dein Umgang half mir auf die Spur, Der Weisheit nachzustreben. Du hältst mich schwächer, als ich bin, Ich schleiche zwar in Einfalt hin, Doch weiß ich Lust und Plagen Schon mit Vernunft zu tragen.

Ich bin auch zärtlich, wie du weißt, Ich zittre bei den Schlägen; Besinnt sich aber nur mein Geist, Ich leide deinetwegen: So bin ich tapfrer als ein Weib, Es koste Güter, Ruh' und Leib; Ich will mich allen Fällen Beherzt entgegenstellen.

Kein andrer traut mir freilich zu, Du kannst und mußt es glauben, Nichts soll mir meine Seelenruh In deiner Liebe rauben. Bedenk es selbst, was macht ein Kuß, Den oft die Unschuld leiden muß? Ich kann's gleichwohl nicht wagen, Dir einen zu vertragen.

Bleib, wo, wie lang und wer du willst, Nur lieb' und bleib' mein eigen: So wenig du auch jetzo giltst, So plötzlich kannst du steigen; Gesetzt, es sei dir nichts beschert, Ach, halt mich deines Elends wert; Ich will mit viel Vergnügen Bei dir in Hütten liegen.

Der Geiz besitzt nicht, was er hat, Und läßt die Armut lachen, Die Liebe weiß die Lagerstatt Auf Rasen weich zu machen; Mein Herz sucht manches zu verstehn, Da will ich erst zur Schule gehn Und unter deinen Lehren Viel fremde Wunder hören.

Da soll mir dein beredter Geist Mit untermengten Küssen Mit Sachen, die er meint und weiß, So Tisch als Traum versüßen; Da werd' ich viel, was längst geschehn, Mit lüstern Ohren wieder sehn Und auch wohl an den Sternen Des Schöpfers Allmacht lernen.

Geht hin, ihr Docken stolzer Welt, Macht höhnische Gesichter, Erfreut euch unter Stand und Geld! Ich habe meinen Dichter. Er liebt wie ich, und ich wie er, Was macht mir mehr das Herze schwer? Die Möglichkeit, das Leben Nach ihm erst aufzugeben.

* * * * *

Die unwiederbringliche Zeit

Ich weiß noch wohl die liebe Zeit, In der ich mich genug erfreut. Was waren das vor süße Tage? Die Schläfe trugen Blum' und Glut Und kannten weder Wunsch noch Plage, Noch was den Greisen bange tut.

Mein Sorgen ging auf Lust und Scherz. Mein Herz war Amaranthens Herz, Wir zählten weder Kuß noch Stunden, Tanz, Schauplatz, Gärten, Spiel und Wein Und aller Vorteil der Gesunden Nahm Blut und Geist mit Wollust ein.

Wie? Was erzähl' ich einen Traum? Zum wenigsten gedenkt mich's kaum. Mein Gott, wie ist die Zeit entronnen? Was hast du, Herz, von aller Lust? Dies, daß du Reu' und Leid gewonnen Und missen und entbehren mußt.

Bei der letzten Trennung

An Leonore

Will ich dich doch gerne meiden, Gib mir nur noch einen Kuß, Eh' ich sonst das Letzte leiden Und den Ring zerbrechen muß! Fühle doch die starken Triebe Und des Herzens bange Qual! Also bitter schmeckt der Liebe So ein schönes Henkermahl.

Laß dich etwas Bessers küssen! Alles gönn' und wünsch' ich dir! Aber frag' auch dein Gewissen, Dieser Zeuge bleibet mir. Lerne doch nur weiter denken, Dörft' es dich auch einmal reun? Dörft' auch mein verstoßnes Kränken Deines Ehstands Hölle sein?

Sieh, die Tropfen an den Birken Tun dir selbst ihr Mitleid kund; Weil verliebte Tränen würken, Weinen sie um unsern Bund. Diese zährenvolle Rinden Ritzt die Unschuld und mein Flehn, Denn sie haben dem Verbinden Und der Trennung zugesehn.