Leid und Freud einer Erzieherin in Brasilien

Part 9

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Er hatte mit einem ganz einfachen Brasilianer vom Lande (man nennt die Leute ~Caïpira~) wegen einer Wahl verhandelt und ihn dabei einfach ~vossé~ angeredet. Als aber der Mann seinerseits ihn ~vosse mercé~ titulierte, hatte Gruber ihm an Höflichkeit nicht nachstehen wollen und folglich dieselbe Anrede aufgenommen. Da sprang aber unser guter ~Caïpira~ zu Senhor und dann zu ~Vossa Senhoria~ über, wohin ihm Herr Gruber auch noch folgte. Als jener aber dann sofort eine Stufe höher rutschte und sich zu ~Vossa Excellencia~ verstieg, sagte unser Landsmann lachend: „Na, mein Bester, nun wollen wir man stoppen, wir können uns doch schließlich nicht einander ~Vossa Majestade~ anreden!“

Schicke doch den nächsten Titelhasser, der Dir begegnet, einmal herüber, Grete -- hier würde er alle unsre einheimischen Titel segnen lernen, die so oft die Zielscheibe des Spottes fremder Nationen sind. Das Wunderbarste ist die Adels-Aristokratie dieses Landes, es giebt darunter Leute, die als barfüßige Erdarbeiter s. Z. aus Portugal eingewandert sind, aber die Barone, Marquis und Vicondes aus Dom Pedros Adelsfabrik bringen dem Staate ein hübsches Sümmchen ein. Schade nur, daß so ein teuer erstandener Marquis oder der bar bestrittene Vicomte mit dem glücklichen Käufer begraben wird! Dom Pedro traut seinem heißblütigen Völkchen nicht; der Vater ein Baron und der Sohn vielleicht ein Bummler -- da wird nichts dergleichen vererbt. Was aber solch eine Aristokratie dem Lande nur soll! Sehr selten und nur aus besonderer Gunst, und wenn der Kaiser den Betreffenden wirklich ehren möchte, wird das „von“ oder der Titel einfach zu dem Namen des Belehnten gesetzt, sonst wird er fast immer mit einem Ortsnamen verbunden. Die meisten dieser Ortsnamen sind der alten einheimischen Guarany-Sprache entnommen, der noch unzählige Orte hier in Brasilien ihre Benennung verdanken. So giebt es z. B. einen Marquis de Itanhaem d. h. „vom steinernen Mörser“; einen Visconde de Suassuna d. h. „vom schwarzen Reh“; einen Visconde de Uruguay d. h. „vom Hahnenschwanzflusse“; einen Visconde de Muritiba d. h. „von dem Orte, wo es Fliegen giebt“; einen Baron de Cambathy d. h. vom „schwarzen Affen“; einen Visconde de Iroumitatá d. h. von „bringe mir Feuer“ etc. Manche Namen sind natürlich auch portugiesisch, und da übt der Kaiser denn manchmal seinen Spott daran aus. Ein Baron „Groß-Mogul“, den er creïrt hat, ist noch lange nicht das Schlimmste, es soll sogar Bewerber genug gegeben haben, die der erfinderische Spott des kaiserlichen Titelfabrikanten abgeschreckt hat.

Und dennoch, liebe Grete -- mit den Wölfen muß man heulen: Wenn Du mir wieder schreibst, so bitte adressiere den Brief:

~Illustrissima Excellentissima Senhora Dona Ulla von Eck.~

Das ist das mindeste, was dazu gehört, sonst halten sie mich hier für gar zu simpel. Womit ich verbleibe

D. O.

[5] nh ist überall wie nj zu sprechen, entspricht also dem französischen ~gn~.

[6] Deutsche Allgemeine Ztg. für Brasilien vom 30. Juni 1883

Saõ Paulo, den 29. Mai 1882.

+Meine liebe gute Grete!+

Meine antiken Zöglinge sind wirklich sehr ungezogen, und ich habe alle möglichen pädagogischen Finessen nötig, um mit ihnen fertig zu werden. Besonders kann ich die beiden Jungen nie allein unten im Schulzimmer arbeiten lassen, wenn Lavinia oben Klavierstunde hat. Es kommt mir immer vor wie die Geschichte mit dem Wolf, der Ziege und den Kohlköpfen, die ein Schiffer einzeln über den Fluß zu setzen hatte und von denen er doch niemals Ziege und Kohl oder Wolf und Ziege unbeaufsichtigt zusammen zurücklassen konnte. Neulich hatte Cajus Gracchus -- sein Vater nennt ihn immer pomphaft „~Gracho~“ -- als der Stärkere, wenn auch weniger Begabte von beiden, seinen Bruder einfach zu dem niedrigen Parterre-Fenster hinausgesteckt, und dieser stand nun zeternd davor und warf Sand und Steine hinein -- Du kannst Dir den Zustand meines Zimmers nachher vorstellen!

Die Eltern kümmern sich absolut nicht um das, was die Kinder thun, vielleicht gehört das zu Herrn Costas republikanischem „System“. Die drei ältesten sind ganz meiner geistigen Fürsorge anvertraut, und die jüngeren Römer werden von den Negerinnen so gut oder so schlecht versorgt, wie es diesen paßt. Neulich sah ich den kleinen zweijährigen Mucius vollständig nackt im Garten umher laufen, nachdem er eben gebadet war, und die Grachenmutter, sowie die tapfere Schwimmerin Clölia erblicke ich nur selten anders als in den ersten Toilettenstadien. So sehr überhaupt bei „Gelegenheiten“ und auf der Straße die Brasilianerinnen das sind, was der Engländer ~dressy~ nennt, so primitiv ist ihre Haustoilette. Auch die vornehmste und reichste Brasilianerin geht im Hause vom Morgen bis zum Abend in einem einfachsten, völlig besatzlosen Kattunrocke und weiter Jacke, sowie mit herabhängenden Zöpfen. In der heißen Zeit ist das ja allerdings ganz angenehm und erquicklich, allein in den kühleren Monaten ist es absolut nichts als Faulheit, denn da ist ein fester Anzug sehr gut zu vertragen, ja wünschenswert. Aber die Wollkleider hängen im Schrank, oder sie haben überhaupt keine: im Hause wird Kattun getragen, auf der Straße trägt man feinere Waschstoffe und vielfach Seide; sie finden die wollnen Kleider auch unreinlich, weil sie nicht alle acht Tage gewaschen werden können! Weißt Du, Grete, diese Brasilianer haben eine wunderbare Art von Reinlichkeit und Ordnung an sich. Sie baden oft, die meisten jeden Tag, und doch sind viele Kinder und Erwachsene nie so recht „zweifelsohne“ um Ohren und Hals herum; sie wechseln sehr oft Wäsche und Kleidung, aber wie oft ist beides zerrissen und unordentlich! Es besteht hier über diesen Punkt zwischen Einheimischen und Fremden eine kleine Gereiztheit. Viele Gewohnheiten der Brasilianer erregen wohl mit Recht den Widerwillen der letzteren, wenn’s auch nicht ganz so schlimm ist, wie Herr Zöllner macht. Dafür rächen sich dann die Brasilianer mit der Anekdote von jenem Deutschen, der, als sein Wirt ihm am zweiten Tage seines hübenschen Aufenthaltes, wie am ersten ein Bad angeboten, ganz empört geantwortet habe: „nein, so ein Ferkel sei er nicht, daß er jeden Tag zu baden brauche“, auf welche Anekdote dann natürlich wieder mit deutschen und englischen, z. T. weit derberen Geschichten gedient wird. Nun, derlei Streitereien sind unfruchtbar und werden vor allen Dingen nichts ändern an eingeborenen und durch das Klima begünstigten Eigenschaften.

Ich persönlich leide unter diesen Landeseigentümlichkeiten besonders nach der Seite der Fußbekleidung hin. Hier im Hause wird außer meinen kein Stiefel gewichst, und Du machst Dir keinen Begriff von den Manipulationen, Listen und Mühen, die nötig waren, um den Haushalt mit einer Wichs-Einrichtung, und eine Negerin mit der Fähigkeit auszustatten, dieselbe angemessen zu benutzen; letzteres ist auch bis heute noch sehr unvollkommen geglückt. Herr Costa läßt seine Stiefel mit Lack einschmieren, was ja sehr bequem ist und den Negern daher weit besser gefällt als das Wichsen, Madame trägt im Hause Pantoffeln, auf der Straße feine Halbstiefelchen oder Bronzeschuhe; ordentliche, feste Chauffüre brauchen die hiesigen Damen nicht, da sie bei schlechtem Wetter einfach nicht ausgehen. Die Kinder laufen mit ungepflegtem Schuhzeug einher, bis es ihnen sozusagen in Fetzen von den Füßen fällt, was z. B. bei Plinio alle 14 Tage der Fall ist. Schuhwerk ausbessern zu lassen, ist den Brasilianern fremd; es wird eben so lange getragen, bis es schlecht wird; dann wird es weggeworfen und durch neues ersetzt. Es giebt hier auch gar keinen ordentlichen Schuhmacher, sondern nur Läden mit fertiger, meist aus Frankreich bezogener Ware, so daß es für uns Ausländer sehr schwierig ist, etwas ausgebessert zu bekommen, es sei denn, daß man die Sache den umherziehenden italienischen Flickern anvertraue, die vor der Hausthür die Stiefel flicken wie die Kesselflicker bei uns die Töpfe.

Ein tüchtiger Handwerkerstand fehlt hier überhaupt noch fast ganz, und vor allem wird man selten einen +brasilianischen+ Handwerker finden; die wenigen, die vorhanden sind, sind meist Deutsche, Portugiesen und Italiener. Dieser Mangel verteuert hier das Leben sehr, insofern als man zwar die fertigen Sachen kaufen kann, aber nicht die Möglichkeit hat, sie sich durch gelegentliches Ausbessern oder Aufarbeiten zu erhalten. Ich meine, für fleißige Handwerker wäre hier ein weit dankbareres Feld als für den einwandernden Landmann, der Klima, Bodenverhältnisse, Absatzwege etc. nicht kennt, der augenblicklich durch die Sklaven-Emancipation die ungünstigsten Verhältnisse vorfindet, und dessen Auskommen schon durch die bereits vorhandene Überproduktion des einen großen Export-Artikels, des Kaffees, erschwert wird. Was der +Handwerker+ arbeitet, hat aber stets seinen Markt, und fleißige, tüchtige Leute bringen es nach dieser Richtung hin hier immer zu etwas.

Nur einmal habe ich in diesen Tagen Gelegenheit gehabt, den Mangel an tüchtigen „erhaltenden“ Kräften zu preisen.

Cajus und Plinius besaßen nämlich jeder ein Velociped, ersterer sogar ein ganz modernes Bicycle, das Herr Costa ihm aus England hatte kommen lassen. Auf diesen unseligen Vehikeln brachten nun die Römerjünglinge außer den Schulstunden ihr Dasein zu und entwickelten eine derartige Anhänglichkeit an dieselben, daß sie sogar „vom hoh’n Velociped herab“ zu Mittag speisten. Da die Eltern gleichmütig dabei saßen, mochte ich nicht wehren, aber meine Mahlzeiten wurden durch Plinio’s bedrohliche dreirädrige Nachbarschaft entschieden in ihrer Gemütlichkeit nicht gehoben; zumal waren die Momente beunruhigend, wenn er von kleinen zerstreulichen Rundfahrten um den Tisch, die er in seinen Essenpausen unternahm, auf seinen Platz zurückkehrte. Nachdem er denn auch richtig einmal derartig in meinen Stuhl gefahren war, daß er mich fast mit dem Gesicht in meinen Teller schickte, bekam er zwar eine Rüge, aber das aufregende Vehikel blieb zu Rechtens bestehen. Jetzt ist aber das abscheuliche Ding glücklich zerbrochen, und wärend ich hier unten in meinem Zimmer schreibe, rollt doch wenigstens nur das große Zweirad über meinem Kopfe herum, auf dem der Grache sich im Eßzimmer Bewegung macht, da es draußen regnet. Es ist eine ordentliche Erlösung!

Ich erzählte es neulich Mr. Hall, und er sagte, sie hätten zwar unter ihren Arbeitern einen, der es würde ausbessern können, doch wolle er ihn zu Gunsten meiner Nerven „unterschlagen“, wenn er danach gefragt würde. Das ist doch nett von ihm, nicht wahr, Gretele? Er heißt George mit Vornamen; er gab mir neulich einen Brief von seiner Schwester an ihn zu lesen, da habe ich es gesehen.

Aber nun schnell zum Schluß, denn da kommt Frl. Harras; sie kommt jeden Montag zu mir, und Donnerstags gehen wir zusammen zu Fräulein Meyer... da ist sie schon. Sie läßt „die Grete“ grüßen, von der ihr schon so viel erzählt hat

Deine +Ulla+.

Saõ Paulo, den 20. Juni 1882.

+Mein Herzensgretele!+

Ich schreibe in einer Atmosphäre von Pulverdampf! Wirf nur einen Blick auf das Datum oben, und Du wirst vielleicht von selbst darauf kommen, warum. Es ist nämlich gestern wieder der Tag des Täufers gewesen, (schon ein Jahr, seitdem ich Dir damals von Saõ Francisco aus schrieb!) und hier in der Stadt merkt man erst so recht, was das in Brasilien sagen will!

Schon seit einigen Tagen spukte der Heilige vor; jeden Abend wurde gefeuerwerkelt, und selbst dem hellen Sonnenlichte prasselte man lustig seine Raketen entgegen. An dem pomphaften Knall des Feuerwerks und seinem momentanen Scheinen und Blenden scheint der Brasilianer noch mehr Gefallen zu finden, als an seinem wässrigen Faschingssport, wenigstens schmuggelt er die Sitte, Feuersport zu machen, eigentlich durch das ganze Jahr hindurch, während er die Wasserfreuden doch auf die Karnevalszeit beschränkt. In Rio de Janeiro ist es uns an schönen Abenden öfters begegnet, daß wir aus dem Garten in das Haus flüchten mußten, weil in der Nähe gesportet wurde und es dem brasilianischen Feuerwerkler ganz gleichgültig ist, wohin er seine Rakete richtet, oder wem seine Leuchtkugeln um den Kopf fliegen, wenn’s nur gut aufsprüht und gehörig knattert und knistert. Auf dem Verkaufsstand jeder Negerin in den Städten kannst Du das ganze Jahr hindurch einfacheres Feuerwerk zum Verkauf ausliegen sehen, und jeder Muleque (Mulattenjunge mit der Bedeutung unseres „Straßenjungen“) der ein paar ~reis~ sein eigen nennt, kauft neben den beliebten Süßigkeiten und Papier-Cigaretten gewiß sein Feuerwerkstengelchen oder seinen ~cracker~, um an dem Gespritze und Geknattere sein Herz zu erfreuen.

Die letzte und vorletzte Nacht habe ich kein Auge geschlossen: in allen Straßen, auf allen Höfen, in sämtlichen Gärten unsrer Umgebung knisterte, knatterte, puffte, knallte und zischte es in einer solchen Profusion und mit einer solchen Ausdauer, daß ich glaube, jetzt eine ungefähre Vorstellung davon zu haben, wie sich’s anhören muß, wenn man in einem heftigen Kleingewehrfeuer steht. Die ganze Stadt riecht nach Pulver, und mein Schlafzimmer, das wieder so ein Alcoven ohne direkte Lüftung ist, ist derartig solide eingeräuchert, daß ich wohl noch mehrere Nächte nicht in die Gefahr kommen werde, den heiligen Johannes zu vergessen.

Gestern war es geradezu gefährlich, die Straßen zu passieren. Am frühen Morgen begann der Sport, bei dem natürlich die Studenten die schlimmsten waren. Ein ganz besonderes Vergnügen fand man daran, anscheinend harmlos einherzuschreiten und dann plötzlich dem Begegnenden, zumal aber dem leicht erkannten Fremden, ein halbes Dutzend Knallerbsen auf einmal vor die Füße zu prasseln oder ihm eines der bekannten kleinen Handstengelchen von Sternfeuerwerk unter die Nase zu halten. Früher waren die Krone des ganzen Feuersports sogenannte Schlangen gewesen, die brennend auf der Erde umherkreisten, und die man demgemäß ein ebenso kindisches wie frevelhaftes Vergnügen gefunden hatte, weiblichen Personen gegen Füße und Kleider zu jagen. Der Spaß dauerte so lange, bis einmal ein allzu geschickter Musensohn das leichte Kattunkleid einer Mulattin in Feuer setzte, und diese selbst erhebliche Brandwunden davontrug. Da fand man es denn freilich an der Zeit, diesen Brunnen zuzudecken -- ein wenig spät, sintemalen das Kind darin lag, doch muß man hier in Brasilien, scheint’s, in derlei Dingen für alles dankbar sein.

Du kannst Dir denken, Gretele, daß die Antiken völlig außer Rand und Band waren; mich wundert nur, daß sie uns nicht das Haus über’m Kopf angezündet haben! Daß der Gracche sich das Haar versengt und Plinius sich einen Finger gehörig angeschmort hat, gehört so sehr zu den Selbstverständlichkeiten, daß ich es kaum zu erwähnen brauchte; selbst Lavinia artete ein wenig aus und hat ein Kleid völlig mit Brandwunden bedeckt.

Der gestrige Abend war der Feuerwerksabend ~par excellence~, und Herr Costa forderte mich noch besonders feierlich auf, nach dem Abendbrot oben zu bleiben, sie wollten „ein wenig Feuerwerk machen“. Natürlich -- es war ja auch bis dahin noch zu wenig darin geschehen!

Erstaunlicherweise hatte sich die Polizei zu einer Verordnung aufgerafft, daß an diesem Abend kein Feuerwerk in den Straßen oder zu den Straßenfenstern hinaus abgebrannt werden dürfe, und was noch mehr war, dem Verbote wurde nachgekommen! Ich glaubte daher in meiner europäischen Einfalt, Herr Costa würde in dem Gärtchen, das hinter dem Hause liegt und vom Eßzimmer zu übersehen ist, durch die Neger ein hübsch geordnetes Feuerwerk aufführen lassen: mit bengalischem Licht, kerzengraden Raketen, sanftglänzenden Leuchtkugeln und stralenden Feuerrädern, wie wir uns daheim ein solches Schauspiel ungefähr vorstellen würden. Bestärkt wurde ich in diesem Glauben durch die Anwesenheit von 10-12 Gästen, und so trat ich denn erwartungsvoll an eines der in die Höhe geschobenen Fenster heran. Aber Grete, ich habe Pech mit den brasilianischen Lieblingssports, denn.... ßßßscht! -- begrüßte es mich, und entsetzt prallte ich zurück vor den letzten Sprühfunken einer mißleiteten Rakete, mit der ein geschickter Verherrlicher des umknallten und umzischten Heiligen die Richtung nach oben zu Gunsten unsrer Fenster verfehlt hatte. Mehrere Damen und Kinder, die mit mir zugleich herangetreten waren, sprangen lachend und kreischend zurück, ja, die ganze Sache erregte eigentlich geradezu einen entzückten Jubel bei ihnen, so daß ich ganz verblüfft in meine eigne innere Empörung blickte. Ist diese Gutmütigkeit richtig, sind wir etwa daheim gar zu „discipliniert“?!

Nun begann aber unser Vergnügen auch, und zwar bestand es zu meiner größten Enttäuschung darin, daß -- wir selbst uns Feuerwerk vormachen sollten; die Brasilianer allerdings amüsiert das weit mehr als ein ruhiges Zusehen, und die Jungen zappelten schon vor Ungeduld.

Herr Costa hatte eine Unmasse von Feuerwerk eigens für diesen Abend aus Rio kommen lassen, das er nun auf das Freigiebigste verteilte. Lange Rohre mit Sprühregen und englische ~crackers~ spielten dabei die Hauptrolle; jeder bekam, so viel er wollte. Die vier Fenster des Raumes waren dicht umdrängt, und aus jedem derselben ragten drei bis vier solcher Sprühstöcke hervor, gehalten von braunen beringten Damenhänden oder den ungeduldigen Fingern der kleinen wilden Rangen, die gewöhnlich die noch unausgebrannten Rohre in den Hof hinunterwarfen, nur um schleunigst ein neues oder etwas anderes ergreifen zu können. Nach und nach füllte sich trotz der offenen Fenster das Zimmer mit dem abscheulichsten Pulverdampf, den die Sprühstöcke wahrscheinlich nicht bescheidentlich entwickelten, und den der Abendwind zu uns hereintrieb.

Die Scene hatte für den kaltblütigen Zuschauer etwas unendlich Komisches: diese buntgekleideten, goldbehangenen Schönen mit den qualmenden Stöcken in der Hand, die mit abgewandtem Gesicht und zugekniffenen Augen den -- Rauch ihres Feuerwerks genossen, die lärmenden, aufgeregten Jungen, die mit heißen Köpfen wie toll im Zimmer umhersprangen und einen ~cracker~ nach dem andern zu den Fenstern hinauswarfen, dem kein Mensch nachsah, so daß nur das Zerplatzen auf dem Steinpflaster des Hofes von seiner Ankunft meldete, dazu der unerschütterliche Ernst, mit dem der Hausherr sein Feuerwerk verteilte, und das Ganze eingehüllt in eine dicke Atmosphäre von Pulverdampf -- ich gestand mir, daß ich ein derartiges „Vergnügen“ noch nicht mitgemacht hatte. Nach einer Stunde war für sechzig Francs Stoff verpufft, die ganze obere Etage des Hause für die Nacht und den nächsten Tag verpestet und zwei fremde sowie ein antiker Finger verbrannt, allein -- die Hinterthür des Hauses, die Waschleinen auf dem Hof und der windschiefe Gartenzaun, hoffen wir’s, hatten sich amüsiert!

Plinio möchte seine verbrannte linke Hand zum Vorwand machen, um mit der rechten nicht zu schreiben, und war höchlich aufgebracht, als mir das nicht ebenso sehr wie ihm einleuchtete. Ach ja, Grete, schlimm sind die Antiken, aber ich will Geduld haben; Mr. Hall meint auch, ich solle nur auszuhalten versuchen. Aber was Bormann betrifft -- Du siehst selbst, Grete, daß er auf brasilianische Kinder mit republikanischer Erziehung nicht vorbereitet gewesen ist! Na, Kopf oben, er ist ja oben gewachsen!

Deine alte +Ulla+.

Saõ Paulo, den 28. Juni 1882.

Denke Dir, Grete, was für ein Schlag aus heiterm Himmel mich getroffen hat! Ich muß fort aus Saõ Paulo! Das ist des Schicksals Rache für meine Flucht aus dem Collegio! Nun werde ich wieder auf eine Pflanzung wandern müssen und wieder allein sein und zwischen Schlangen und Negern hausen!

Aber höre.

Ich schrieb Dir schon in meinem letzten Briefe, den Du wahrscheinlich mit diesem zusammen erhalten wirst, daß die Römlinge ganz aus Rand und Band gewesen seien in diesen Tagen des Feuersports; wie weit das aber gegangen war, wußten wir selbst nicht. Sie müssen unbedingt „Max und Moritz“ studiert haben, sie haben so viel in’s Brasilianische übertragene Ähnlichkeit mit diesen Klassikern der dummen Streiche! Was, denkst Du wohl, war ihr Hauptstreich am Sanct Johannestage? Sie waren nach der Hauptstraße gelaufen und hatten den Pferden der Trambahn Feuerwerk vor die Füße geworfen und Knallerbsen auf die Schienen gelegt und sich dabei natürlich wie die jungen Teufel amüsiert, bis sie schließlich ein Pferd zum Stürzen gebracht hatten, das denn auch richtig ein Bein gebrochen. Gestern wurden sie nun von dem Direktor der Trambahn bei ihrem Vater verklagt, dieser muß das Pferd bezahlen und hat den Ärger gratis. Dieses vergnügliche Intermezzo hat den Republikaner und Römervater aber doch so in Harnisch gebracht, daß er seine Jungen sofort zu den Mönchen zur Erziehung schicken will; Lavinia, für die allein eine Erzieherin zu halten ihm nicht lohnt, soll in ein Collegio. Arme Lavinia! Aber auch arme Ulla, die nun wieder wandern muß! Es gefiel mir hier sonst so gut in Saõ Paulo! Da kann ich wirklich mit dem Trompeter seufzen:

„All Jahr’ wächst eine andre Pflanz’ Im Garten als vorher -- Das Leben wär’ ein Narrentanz, Wenn’s nicht so ernsthaft wär’!“

Ach Grete, ich bin mit einem Male schrecklich mutlos geworden; ich möchte immerfort weinen. Ich habe auch nichts wie Unglück! Mr. Hall, dem ich es heute Abend erzählt -- ich ging zu Fräulein Meyer, weißt Du, und er begegnete mir zufällig -- meinte auch ganz betroffen: „~It’s too bad, yes, this is too bad!~“

Fräulein Meyer glaubt eine Stelle für mich zu wissen bei den Cousinen ihrer eignen Zöglinge, aber das ist wieder auf dem Lande, und so muß ich fort aus Saõ Paulo, das ich doch so sehr liebe! Ach Grete, ich sage Dir, ich liebe Saõ Paulo schwärmerisch, ich werde unglücklich sein, wenn ich fort bin, ganz elend! Das Leben ist doch recht schwer, Grete!

Deine sehr betrübte +Ulla+.

Saõ Paulo, den 1. Juli 1882.

Ja, Gretel -- „sie muß auf’s Land“. Aber es ist glücklicherweise nicht weit; nur zwei Stunden mit der Bahn von hier bis zur Station, zu der die Pflanzung gehört. Das tröstet mich schon einigermaßen, da ist man doch nicht ganz aus der Welt. Die Kinder, drei Mädchen, sollen auch sehr gut geartet sein, und die Mutter, Dona Maria Louisa, ist als liebenswürdig bekannt und hat eine große Vorliebe für alles Deutsche; sie selber hat bereits deutsche Erzieherinnen gehabt, und den einzigen Sohn lassen sie auch in Deutschland erziehen. Nur sagte man mir, daß ich es äußerst primitiv auf der Pflanzung finden würde, die noch ganz nach altem Landesstyl eingerichtet sein soll. Halb graut mir vor diesem „Styl“, halb bin ich aber auch neugierig darauf, das echte, brasilianische Landleben kennen zu lernen, von dem viele Hunderte, die Brasilien besuchen, nie einen Begriff bekommen. In dieser Weise sind wir Erzieherinnen im Vorteil gegen die Kaufleute und andere Europäer, von denen die wenigsten je die Küstenplätze verlassen, sondern die meisten nach zehn und zwanzig Jahren nach Europa zurückkehren, ohne das Land oder das Leben der Brasilianer im geringsten zu kennen, während wir, die wir direkt in den Familien leben, auf diese Weise ja alle Chikanen mitmachen müssen.

Nun also, auf denn nach Saõ Sebastiaõ. ~Variatio delectat!~ Ich schreibe bald, wie dieser neue Heilige sich anläßt.

Deine getreue +Ulla+, „fahrende“ Lehrerin.

Saõ Sebastiaõ, den 11. Juli 1882.

+Meine liebe Grete!+

Das ist wahr, Sanct Franziscus war entschieden der elegantere Heilige, wir sind hier sehr ursprünglich -- und dennoch vertrage ich mich besser mit dem heiligen Sebastian! Die Familie hier ist die liebenswürdigste, die ich bisher unter den Einheimischen kennen gelernt, sie sind auch in jeder Weise verständiger, ich möchte sagen europäischer (trotz der Urzustände auf der Pflanzung) und nicht so schwerfällig und faul wie die meisten ihrer Landsleute.