Leid und Freud einer Erzieherin in Brasilien

Part 8

Chapter 83,574 wordsPublic domain

Es ist wirklich wahr: Saõ Paulo ist der beste Platz für Erzieherinnen in Brasilien, die Stadt sowohl wie die ganze Provinz, denn hier kokettieren Männlein und Weiblein, d. h. die jüngere Generation, mit der „Wissenschaft“ und spielen sich mit Vorliebe auf das Gelehrten- und Philosophentum heraus. Man ist +Universitätsstadt+! Allerdings darfst Du Dir darunter kein Bonn oder Heidelberg vorstellen, schon darum nicht, weil diese ~Academia~ nur eine Facultät besonders pflegt, nämlich die juristische. Weiter im Innern der Provinz, bei den Padres (der Name des Ortes ist mir entfallen), werden die Pfaffen zurechtgemacht, hier die Advokaten und in Rio de Janeiro die Jünger Aeskulaps, die „Doktoren“ ~par excellence~.

Zu Advokaten passen die Brasilianer insofern ausgezeichnet, als sie da ihr deklamatorisches Talent verwerten können. Sie +sprechen+ für ihr Leben gern, wenn sie auch nichts +sagen+; mit dem Pathos, das sie an eine einzige Rede verschwenden, könnte man bei uns bequem deren zehn ausstatten, und dennoch haben sie keine eigentliche Begeisterung noch auch individuelle Impulse -- denn alle reden in dem gleichen traditionellen Tonfall, der auch bei allen Gelegenheiten derselbe zu bleiben scheint. Alles ist äußerlich, alles Halbbildung und Geste. Dieses pomphafte Phrasieren, dies hochtrabende Pathos ist an sich schon immer verdächtig und komödiantenhaft, aber wenn Du wirklich einmal die Probe darauf machst und die Leute nach etwas fragst, so können sie Dir keine Rechenschaft geben.

Da sind Leute, die an der Spitze der republikanischen Partei stehen, und sie kennen weder die Geschichte noch die Verfassung ihres Landes, geschweige die andrer Nationen, da giebt es andere, die sich zu dem philosophischen System des geistreichen Contes zu bekennen behaupten, und sie haben nicht seine elementarsten Lehren begriffen, da geben sie Urteile über die Sprachen fremder Nationen ab und können Dir keine Regel der eigenen erklären. Alle neuen Erfindungen auf technischem Gebiet müssen sie sofort haben, aber die Ingenieure zur Einrichtung kommen gleich mit aus Europa, und wenn sie wieder fort sind und es geht etwas an der betreffenden Maschinerie entzwei, dann kann ein Einheimischer sie gewiß nicht reparieren. Gründlichkeit herrscht nirgends, und wenn sie auch äußerlich Anschluß an deutsche Bildung zu suchen scheinen auf allen Gebieten der Wissenschaft -- so lange sie sich nicht zugleich auch deutschen Fleiß und Ernst, deutsche Ausdauer und Gewissenhaftigkeit aneignen können, bleibt es doch nur Pantomime. Sie gehören eben innerlich nicht zu uns, mir drängt sich dies Gefühl immer von neuem auf, und die Brasilianer selbst bethätigen die Richtigkeit desselben instinktiv, indem sie mit ihrem +Herzen+ doch immer wieder den Franzosen und andern romanischen Völkern zuneigen, wenn ihnen auch deutscher Geist oder englische Thatkraft mehr +imponieren+. Aber ich merke, daß ich +predige+ -- darum schnell zu etwas Anderem.

Meine jetzigen „Erziehungssubstrate“ sind in der That wahre Muster-Exemplare von Wildheit, und nur bei Lavinia hat sich diese berechtigte(?) Familieneigentümlichkeit zu einer angenehmen Frische abgeschwächt. Mit den Jungen habe ich einen schweren Stand, und mehr als einmal haben sich die beiden Brüder schon in der Stunde beim Kragen gehabt, ehe ich mich dessen versah. Da braucht der eine blos eine falsche Antwort zu geben, dann wirft der andre eine lebhafte vorlaute Verbesserung dazwischen, wofür ihm jener schneller als der Blitz eins mit dem Lineal überzieht -- dann haben wir die schönste Rauferei, und es ist für mich keine Kleinigkeit, diese Brüderzwiste immer rasch wieder zu schlichten; neulich habe ich mich dazu aufgerafft, den kleineren einfach vor die Thür zu setzen, und finde das Mittel eigentlich ganz probat. Aber ich will versuchen, hier auszuhalten; man muß streben, solche arme, schlechterzogene Kinder zu bessern. Meinst Du nicht auch, meine süße Grete? Ich möchte doch nicht schon wieder fort.

Gestern traf ich zufällig auf Mr. Hall, als ich zu Frl. Meyer ging, und er begleitete mich ganz bis an das Haus. Weißt Du Grete, er ist wirklich sehr nett, garnicht wie die Brasilianer, fast wie ein Deutscher; er hat so aufrichtige große blaue Augen und sieht so männlich aus. Er fragte mich, ob ich nicht Sonntags in die englische Kirche ginge; eine deutsche ist hier nämlich nicht. Ich bin zwar bis jetzt noch nicht hingegangen, aber es ist wirklich wahr, ich sollte es thun; es ist recht unrecht, daß ich bis jetzt nicht dagewesen bin. Nächsten Sonntag muß ich bestimmt hingehen. Es küßt Dich tausendmal

Deine +Ulla+.

~P. S.~ Anliegend schicke ich Dir zwei Verdeutschungen eines brasilianischen Gedichtes von Goçalves Dias (in Europa gedichtet), das wohl so eine Art von Anspruch auf Volkstümlichkeit hat, wenn man in diesem Lande, wo es eigentlich gar kein Volk giebt, und wo ich +niemanden+ finde, der mir den Text der Nationalhymne sagt, von so etwas sprechen kann. Die eine ist von Herrn Schaumann und fast wörtlich übersetzt, die andre, freiere, von unserm verehrten Dranmor; Du wirst da den +Dichter+ sofort erkennen. Ich schicke die wortgetreuere Übersetzung voraus.

Lied des Verbannten.

Meine Heimat, die hat Palmen, Und dort singt der ~sabia~, Anders zwitschern hier die Vögel, Anders zwitschern sie da.

Unser Himmel hat mehr Sterne Und mehr Leben unsre Wälder Und mehr Liebe unser Leben Und mehr Blumen unsre Felder.

Dort des Abends, wenn alleine, Wie viel süßer träumt’ ich da! Ach, mein Heimatland hat Palmen, Und dort singt der ~sabia~.

Volles Glück beut meine Heimat, Wie ich hier noch keines sah, Und des Abends, wenn alleine -- Wie viel süßer träumt’ ich da! Ja, mein Heimatland hat Palmen, Und dort singt der ~sabia~.

Wolle Gott nicht, daß ich stürbe, Ohn’ daß ich es wiedersah, Ferne von dem Glück der Heimat, (Ach, ich finde es nur da!) Ferne von der Heimat Palmen Und dem Lied des ~sabia~.

Und nun die Übertragung des Poeten:

Lied aus der Verbannung.

Palmen schmücken meine Heimat, Und so traulich ist es da, Wo von grünen Blätterkronen Uns begrüßt der Sabia.

Zeigt mir holden Waldesschatten, Fluren, die den unsern gleich, Sterne, wie sie niederleuchten Auf der Liebe Zauberreich.

In den trüben Winternächten O, wie gramvoll denk’ ich da An das Land der Palmenhaine Und des Sängers Sabia.

Denn es stralt in Schönheitsfülle, Wie ich sonst sie nirgends sah, Und in allen Traumgebilden Ist es meiner Sehnsucht nah Mit dem Flüstern seiner Palmen, Mit dem Gruß des Sabia.

Laß, o Gott, erst dann mich sterben, Wenn mein Land ich wiedersah, Und die Heimat mich beglückte, Wie es hier noch nie geschah, Wie die Palmen es verkünden Und der Ruf des Sabia.

Saõ Paulo, den 21. April 1882.

Heute ist in unserm Hause etwas passiert, worüber sich Herr Costa und seine Frau sehr geärgert haben, was ich aber nicht umhin kann, doch wieder sehr komisch zu finden.

Wir hatten hier nämlich einen Sklaven im Hause, einen kräftigen Burschen von etwa 25 Jahren, der in dieser Zeit, wo niemand neue Sklaven kauft und auch keine mehr heranwachsen, für seinen Herrn sehr wertvoll war. Dieser Gute war nun vorgestern zu irgendwelchen Besorgungen in die Stadt geschickt, erschien aber nicht wieder. Zuerst glaubte man, ihm sei ein Unglück geschehen, und ließ ihn suchen, aber nichts fand sich. Dann nahm man an, er sei entlaufen, und Herr Costa ließ es sofort in die Zeitung setzen. Gestern früh bekommt er plötzlich eine Zuschickung von der hiesigen „Gesellschaft für Abolierung der Sklaverei“, des Inhalts, der Sklave Tiberio habe sich im Büreau der Gesellschaft zum Loskauf gemeldet und 200 Milreis (ca. 400 M.) deponiert, die man ihm nun für denselben als Kaufpreis biete; man werde den Schwarzen bis zur Entscheidung da behalten. Herr Costa schimpfte und tobte wie ein Wilder im Hause herum, nannte sich selbst einen Esel, daß er den Sklaven nicht längst auf die Pflanzung geschickt habe, und stellte schließlich eine Gegenforderung von 2000 Mark. Heute Morgen war nun der Termin, wo ein Arzt und ein andrer Sachverständiger über den Wert dieser menschlichen Ware entscheiden sollte. War aber unser guter Herbergsvater gestern schon wütend gewesen, so kam er heute gradezu wie besessen zurück, fluchte und zeterte, daß die Wände bebten. Was hatte man nämlich gethan? In der Zwischenzeit von vorgestern bis heute war dem Tiberio +ein+ Purgativ über das andre eingegeben worden, bis der früher so kräftige Bursche auf dem Termin natürlich als eine elende knieschlotternde Kreatur erschien, die Arzt und Taxator selbstverständlich nicht höher als 200 Milreis einschätzen konnten. Wie findet Ihr dies? Ehrliche Arbeit ist es ja nicht, aber es ist auch wieder ein gut Teil Humor dabei.

Es wird jetzt überhaupt sehr viel von der Sklaven-Emancipation gesprochen, die Sache scheint plötzlich in Schwung zu kommen. Der Staat wirft jedes Jahr einen Fond zum Loskauf im Budget aus, in den Provinzen bilden sich Emancipationsgesellschaften, und viele Sklaven werden frei durch Privat-Initiative.

Gewiß ist diese Bewegung sehr schön, aber was wird dabei auch für Staub aufgewirbelt! Was für Schmutz kommt dabei zum Vorschein! Die deutsche Zeitung in Rio bringt hin und wieder interessante Streiflichter über diese Sachen. In der Provinz ~Espirito santo~ kaufte man aus den staatlichen Fonds vor einiger Zeit zwei Sklaven im Alter von 69 und 70 Jahren ihren Herren für je 1000 Mark ab. Wem zu Nutzen geschah das: den alten, verbrauchten Sklaven, die der Tod sowieso bald erlöst hätte, und die jetzt ihr Brot erbetteln müssen -- oder ihren Herren? Bei einem andern Sklavenhalter verheiratete sich eine 72jährige Sklavin mit einem 75jährigen Freien. Da aber die an Freie verheirateten Sklaven oder Sklavinnen beim Loskauf immer zuerst berücksichtigt werden sollen, so empfahl ihr Herr die 72jährige junge Frau dem Emancipationsfonds für 2000 Mark und -- bekam sie! In Tatuhy wurde ein Sklave, der sich im letzten Stadium der Schwindsucht befand, aus den Mitteln des staatlichen Emancipationsfonds für die Summe von 1 Conto 500 Milreis (3000 Mark) freigekauft. Aber diese und ähnliche Durchstechereien und Betrügereien sind nichts gegen die Entdeckung, daß +längst verstorbene Neger+ als durch den Emancipationsfonds freigekauft in den Listen figurierten und ihre früheren Herren natürlich die Loskaufssumme für sie einsteckten, worauf man sie nach einiger Zeit dann zum zweiten Male und endgültig sterben ließ!!

Anderseits ist aber auch viel wirklicher Edelmut zu verzeichnen, und täglich kann man in den Zeitungen ganze Spalten angefüllt sehen mit den Namen solcher Besitzer, die ihre Sklaven freiwillig entließen. Man darf dies nicht zu gering anschlagen, und wenn ich jetzt im Geiste Euer „Nun, das ist aber so natürlich!“ höre, so sage ich mir freilich, daß ich in Europa ebenso gedacht haben würde, aber auch zugleich, daß man hier an Ort und Stelle anderer Meinung werden muß! Erstens sind die Sklaven ein, wenn auch nicht humaner, so doch ein ebenso rechtmäßig erworbener Besitz wie jeder andre, anderseits aber heißt „alle seine Sklaven plötzlich entlassen“ für die meisten Pflanzer nichts anderes als: „sich ruinieren“. Denn was Ersatzschaffen für 80-100 oder 200 gehorsame Sklaven heißt, ganz besonders aber in Brasilien, wo es keinen freien Arbeiterstand giebt, und auf entlegenen Pflanzungen heißt, davon kann man sich nur schwer einen Begriff machen, wenn man nicht einmal mit angesehen hat, was freie Arbeit heißt in einem Sklavenlande, und wenn man selbst in einem Lande lebt wie Deutschland, wo das Angebot der Arbeitskraft ihre Verwendbarkeit übersteigt. Ich kann es mir also sehr gut erklären und finde es durchaus gerechtfertigt, wenn auch sonst humane Pflanzer sich weigern, ihr bisheriges Vermögen, die Sklavenarbeit, ohne Kampf und vor allen Dingen ohne Aufschub und Frist herzugeben. Ich glaube nicht, daß irgend ein Europäer anders denken würde, und Du mußt deshalb nicht glauben, mein Gretel, daß sich Deine Ulla hier zur hartherzigen Sklaverei-Schwärmerin ausbildet.

Im Gegenteil, sie ist weichherzig wie immer und hat neulich sogar -- ein +lyrisches Gedicht+ gemacht! Das ist doch gewiß tröstlich!

Deine +Ulla+.

Vor mir stehen ein paar herrliche Rosen, die mir Mr. Hall gestern gegeben hat; ich war ihm neulich zufällig wieder begegnet, und er hatte sie eben zufällig gekauft.

Saõ Paulo, den 5. Mai 1882.

+Mein Herzensgretele!+

In Deinem letzten Briefe „lächelst Du eine Bemerkung“ über den hochtrabenden Namen meiner kleinen Schülerin: +Lavinia!+ Ja, das ist aber nur der Anfang zu einer ganzen antiken Gallerie, die ich hier unter meiner pädagogischen Zuchtrute habe. Der älteste Junge heißt Cajus Gracchus, mein dritter Zögling Plinius; er sollte zuerst Tiberius heißen, erzählte mir Lavinia, doch wurde dieser Name als speziell „negerhaft“ dann wieder verworfen. Auf ihn folgen ein paar Römer+innen+: Clölia und Cornelia, die ich immer noch hoffe, einmal mit reinen Gesichtern zu erblicken, wenn man das überhaupt von echten und rechten, in der Wolle gefärbten Republikanerkindern verlangen darf. Die Namen seiner Kinder machen nämlich einen Teil des politischen Glaubensbekenntnisses von Herrn Costa aus. Bis zur Cornelia kann ich ihm ja auch folgen; -- was ihn jedoch veranlaßt haben kann, sein jüngstgebornes Knäblein Vercingetorix zu nennen, das ist mir ein undurchdringliches Rätsel! Sollte er die Gefühle des biedern alten Galliers für seine Lieblingsnation, die Römer, so gröblich mißkennen?! Daß er für die nötigen zwei feindlichen Parteien beim Soldatenspiel hätte sorgen wollen, ist nicht wahrscheinlich: brasilianische Kinder spielen nie Soldat, und außerdem würden da auch schon die Vettern Rat schaffen, die bereits, ebenfalls die landläufigen Joaõ, Luiz oder Carlos verschmähend, einen Themistokles und einen Perikles unter sich aufweisen.

Friedfertiger lassen sich die großen und kleinen Kousinen an. Da rivalisiert keine Sappho oder Aspasia mit unsern Römerinnen, dafür verwirren sie aber einen armen Europäer-Verstand um so ausgiebiger durch eine überwältigende Einigkeit unter ihren Namen: Dona Maria, Dona Maria Salome, Dona Maria Magdalena, Dona Maria da Gloria, Dona Maria da Conceicaõ, Dona Maria da Cruz -- und so mit Grazie ~ad infinitum~. Und dann zu sehen, mit welcher Sicherheit die Brasilianer unter all diesen Marien herumunterscheiden, und sogar womöglich noch wissen: Dona Maria Magdalena, Tochter von Dona Maria das Dores etc.! In diesem Bevorzugen der Vornamen liegt aber eine gewisse Unzivilisiertheit, es erinnert so an Adam und Eva, die auch keine Familiennamen hatten. Und es wäre doch so viel leichter, alle jene Marien auseinander zu halten, wenn man ihren Familiennamen hinzufügte, anstatt des Vornamens der Mutter, denn die oben genannten sind +nur+ zwei- und dreiteilige Vornamen. Auch schokiert es mich immer von neuem, so eine alte Dame von dem jüngsten Jüngling etwa mit „Dona Gabriella“ oder einen alten weißhaarigen Großvater mit „Senhor Carlos“ anreden zu hören. Da lobe ich mir doch unsre Titel! Wenn es heißt „Frau Geheimerätin“, „Frau Oberamtmann“, „Frau Superintendent“, da weiß man doch wenigstens, daß nicht von der 17jährigen Tochter die Rede ist, wärend man hier nie weiß, wie hoch oder wie niedrig auf der Staffel der Jahre man so eine „Dona“ einzuschätzen hat. Wolltest Du jedoch eine Dame z. B. „Senhora Maria“ anreden, so würdest Du sie sehr beleidigen, denn „Senhora“ ist in der guten Gesellschaft nur ohne Namensanschluß zulässig und wird mit Namen für die untere Klasse der Freien, freie Mulattinen etc. gebraucht.

Wir deutschen Erzieherinnen und wohl auch andre Ausländerinnen werden in den Geschäften etc. gewöhnlich mit der Anrede „Madamma“ beglückt, ein schon für’s Ohr abscheulich häßliches Wort, das aber noch unleidlicher erscheint, da man sich sagen muß, daß der brasilianische Hochmut es eigens erfunden hat, um die ~estrangeiras~ (bitte, sprich das immer mit der gehörigen Verachtung aus) von den +~Brazileiras~+ zu unterscheiden.

Die Dame des Hauses heißt in jeder Familie für die Bedienung +Sinha+[5], der Herr +Sinho+, die älteste Tochter stets ~Sinhasinha~, der älteste Sohn ~Nhonho~; letztere beiden Bezeichnungen werden auch unter den Geschwistern gebräuchlich. Für die übrigen Kinder kommen dann noch hinzu: Nhonhosinho, Nhanha, Senhara, Nunu, häufig auch Bébé und ähnliche Benennungen, eine immer häßlicher als die andere. Man denke sich eine Geschwisterreihe wie folgt: Sinhasinha, Nhonho, Nhanha, Senhara, Nunu, Nhonhosinho, Bébé -- für unsre Ohren doch das Erreichbare an Geschmacklosigkeit, in Brasilien aber faktisch in jeder Familie vertreten. Mädchen, die Maricota heißen, werden mit Vorliebe in „Cocotte“ abgekürzt!

Zahlreiche Leute gehen hier unter sogenannten ~appelidos~, Beinamen oder Rufnamen. Diese Sitte wird ja auch wohl in Oberbayern und Tyrol gefunden, doch sind dort die Rufnamen doch immer wirkliche Namen, wärend sie hier oft ein ganz unerklärlicher Blödsinn sind. Auf Saõ Francisco war als Erdarbeiter ein Portugiese beschäftigt, der nie anders als „Johann mit dem Hut“ genannt wurde; selbst Dr. Rameiro sprach so von ihm mit dem gleichmütigsten Gesicht, und ich bin überzeugt, er stand auch so im Lohnbuch. Und als der Doktor einmal nach einer kleinen Nachbarstadt ritt und nach dem Hause eines Senhor Carlos de Oliveira fragte, konnte ihm kein Mensch dasselbe zeigen, wogegen er, sich glücklich dessen dummen Appelidos „Nhonho Padre“ (kleiner Herr und Pater) erinnernd, sofort Auskunft erhielt.

Anderseits erscheint es wieder, als könne dem Brasilianer sein Name nicht prunkend genug sein, und er stellt ihn sich so mannichfaltig zusammen, wie er nur irgend kann. Weißt Du noch, wie wir in der Pension die kleine Brasilianerin oder eigentlich ihren herrlich-prunkenden Namen unterthänigst verehrten? Julieta Olympia Leite da Costa Pinto! Was war dagegen Anna Schulze, oder wie empfand man bei dem Bewußtsein, daß es Leute gäbe, die Meier heißen! Aber, aber -- die Illusionen weichen! Stelle Dir vor, daß Leite Milch heißt, Costa die Küste und Pinto das Kücken, und Du wirst Dich, wie ich es gethan, mit Schulze, Müller und vielleicht gar mit Meier aussöhnen. Und grade einen dieser Namen Costa, Pinto, Leite führen hier wohl 50% aller Einwohner in irgend einer Verbindung. Chaves bedeutet Schlüssel, Machado Axt, und nun gar Leitaõ lautet im erbarmungslosen Deutsch: Ferkel! Ja, der Marquis de la Marlinière hat Recht: „die deutsche Sprak ist ein arm Sprak, ein plump Sprak --“! Durch all unsre leidigen Consonanten verlaufen die meisten unsrer Namen auch so armselig und „klanglos“ im Sande! Wie viel besser endet sich’s doch da auf ein a oder o oder gar auf oa!

Ja, wenn es bei uns im guten Deutschland auch so leicht wäre wie hier, sich einen schönen Namen zu verschaffen, ich glaube, da würden die sogenannten „Sammelnamen“ bald aussterben, und wie würde das Geschlecht der Cohne aufatmen! Gefällt +hier+ jemandem sein Name nicht oder giebt er zu Verwechselungen Anlaß, so legt er sich einfach einen andern bei, läßt das in die Zeitung setzen und damit basta. Frl. Meyer ist hier in einer Familie, wo der Hausherr und seine beiden rechten Brüder total verschiedene Namen haben. Sie nehmen da übrigens das Gute, wo sie es finden. Es giebt im Lande Leute, die sich Montmorency, Medina-Coeli etc. nennen, und zahlreich sind die Pedro de Alcantara, wie Du weißt, der Hausname des Kaisers. Seit dem letzten Jahrzehnt haben auch einige deutsche Namen Gnade vor brasilianischen Augen gefunden. Einer Veröffentlichung zufolge wollte sich ein Namens-Unzufriedener fortan noch Habsburgio zubenennen, was mich ja an und für sich ziemlich kalt lassen würde, wenn nur nicht plötzlich ein deutscher Forscher Wind bekommt von der Existenz dieses Namens in Brasilien und uns, in enthusiastischer Entdeckungsfreude, noch eine ausgewanderte Linie der Habsburger mit allerlei verwickelten Daten und Zahlen in die Geschichtstabellen hineinforscht. Na, ich bewahre den Zeitungsausschnitt auf, bis Du das Examen wenigstens glücklich hinter Dir hast.

Neulich habe ich übrigens ob dieses Namens-Unfugs meinen gehörigen kleinen Zorn gehabt, als nämlich ein wenig reputierliches Individuum, das wegen Ruhestörung sistiert wurde, seinen Namen als Joaõ Leaõ +Bismarckio+ angab[6]. Wenn der Kaiser sich alle die Pseudo-Pedro de Alcantara in seinem Lande gefallen lassen will, und der Sklavenbaron es duldet, daß seine freigewordenen Sklaven sich +seinen+ Familiennamen beilegen, so sagen wir: „~De gustibus non est disputandum~“ -- allein, ich denke, wir Deutschen halten unsre großen Namen heiliger, und man müßte sich dergleichen auch im fremden Lande verbitten.

Jetzt bin ich aber so in den Ärger hineingeraten, daß ich mich auf dem Wege des Übergangs nicht wieder herausfinde; Du bist darum wohl nicht böse, liebe Grete, wenn ich einen Sprung mache; es ist ja das ohnehin modern, unsre Schriftsteller machen ja oft wahre ~salto mortales~, wenn die Handlung nicht so recht schreiten will. Ich finde das bequem, also..... denke Dir, daß mich neulich ein junger Brasilianer zum Tanz aufforderte mit den Worten: „Haben Euer Excellenz schon einen Partner?“ Auf der einen Seite neben mir saß sein jüngerer Bruder, an dem andern Stuhl lehnte ein Cello -- blieb nur ich für die „Excellenz“ -- Der Mensch sah zu einfältig aus, um mich aufziehen zu wollen, also die Excellenz tanzte. Die Sache amüsierte mich aber so, daß ich sie bei erster Gelegenheit lachend an Lavinia’s Mutter erzählte -- da kam ich aber schön an! Das erfordre die einfachste Höflichkeit, hieß es (bitte, versuche nicht, Dir eine Vorstellung von der komplizierten danach zu machen, es könnte Dir zu Kopf steigen), und „~Vossa Excellencia~“ klinge doch entschieden schöner als das simple „~A Senhora~“ -- -- Dagegen ließ sich absolut nichts einwenden, und „schluckuhrig“ zog ich mit dieser Belehrung von dannen. Das Titelwesen hier ist das reine Studium und meiner Ansicht nach viel komplizierter als bei uns. Über die Titulatur der Damen habe ich Dir schon gesprochen. Die Herren heißen alle Senhor; der „Don“ kommt im Portugiesischen, wo es Dom geschrieben wird, nur den Prinzen zu. Aber mit „Senhor“ kannst Du freigiebig sein, das ist jeder, der nicht Sklave ist, auch der barfüßige Erdarbeiter, doch haben sie in solchem Falle eine pfiffige Art, das Wort ganz kurz, etwa wie „Sior“ auszusprechen, so daß der Mann den Abstand begreift. Auch im Satz heißt die Anrede meistens Senhor und Senhora: „Würde mir der Senhor dies Buch leihen?“ „Wünscht die Senhora ein Glas Wasser?“

~Vossé~ ist unserm Du gleich, man redet die Sklaven so an und die Kinder, wogegen diese Vater und Mutter Senhor und Senhora und nur selten Papa und Mama titulieren. So ziemlich zwischen ~vossé~ und Senhor resp. Senhora steht ~Vosse mercé~, was Du im Ollendorf mit „Euer Gnaden“ übersetzt findest; es bedeutet aber thatsächlich bei weitem nicht so viel, kommt vielmehr unserm einfachen „Sie“ am nächsten und ist im Ganzen sehr wenig gebräuchlich. Etwas unterwürfiger wiederum als das einfache Senhor ist ~Vossa Senhoria~, und da erzählte mir neulich unser sehr verdienter Landsmann Gruber hier, der durch sein Wirken und seine Verbindungen auch einigen politischen Einfluß hat, eine nette kleine Steigerungsgeschichte.