Leid und Freud einer Erzieherin in Brasilien
Part 7
Überhaupt ist mein Enthusiasmus für Rio schon ziemlich abgekühlt. Das Leben hier im Collegio ist nicht sehr reizvoll, und das Wandern in den Straßen wird zur Pein durch -- die übergroße „Höflichkeit“ der Herrenwelt. Sie sind es von ihren Landsmänninnen nicht gewohnt, Damen allein auf der Straße zu sehen, und wenn sie auch wissen, daß wir Fremden diese Freiheit hier für uns in Anspruch nehmen +müssen+, so scheinen sie sich doch berechtigt zu glauben, europäische Damen, wenn sie allein sind, mit Anreden zu belästigen. „~Comment ça va-t-il, Mademoiselle?~“, „~Mais, ou allez-vous si vite, mon enfant?~“, solche und ähnliche Redensarten habe ich mir nun schon die Überwindung angeignet, ohne Thränen einfach zu ignorieren. Was sagst Du aber dazu, daß sich neulich, als ich eben einen Handschuhladen verlassen wollte, ein langer, dürrer Brasilianer grade vor mich hinstellte und mit der unverschämtesten Miene unter seinem Kneifer hervorgriente: „~Pas décidemment jolie, mais gentille, très gentille!~“ Ich stürzte aufgebracht von dannen, was ihn höchlich zu amüsieren schien.
Ach, Grete, hätte ich wenigstens eine gleichgestimmte Seele hier! Mademoiselle Lerôt, Miß Dahlmann, ja, sie sind ja ganz freundlich und liebenswürdig -- aber so eine rechte Freundin möchte ich haben -- so eine Grete! Ach, Herz, wenn Du hier wärest -- -- aber nein, ich will es Dir doch nicht wünschen! Bleibe Du drüben, und (ganz heimlich ins Ohr flüstern) ich komme auch wieder -- sobald das Reisegeld reicht. Vorläufig ist große Ebbe im Schatz, und mein Collegio-Gehalt wird keine Flut hineinleiten; also noch heißt’s Stillsitzen, denn allein das Dampfer-Billet bis Hamburg kostet 30 £!
Den 22.
Heute war ich bei dem Pastor der hiesigen deutschen Gemeinde und auch bei dem deutschen Konsul; beide waren sehr liebenswürdig, und der Konsul, der ein feiner Mann ist und die Brasilianer auch nach Gebühr „würdigt“, empfiehlt mir, lieber nach der Provinz Saõ Paulo zu gehen, wenn ich dort irgend etwas bekommen könne; dies sei keine Stellung für mich, und in Saõ Paulo seien auch mehr Kolleginnen. Ich habe mir das gesagt sein lassen und studiere nun, wo ich es erhaschen kann, eifrig das ~Jornal de Commercio~, wo unter Annoncen entlaufene Neger betreffend und zwischen Sklavenverkaufsanzeigen auch „~professoras~“ mit zahllosen Fähigkeiten und Vollkommenheiten gesucht werden. Übrigens habe ich hier im Collegio gelernt, daß es „~professora~“ nur heißt, so lange man beliebt ist, sonst wird man auf das mindere „~mestra~“ herabgesetzt. Ein wahres Glück ist es, daß man hier keine Kontrakte macht oder Kündigungsfristen innehält, denn wenn man dabei freilich auch stets gewärtig sein muß, an irgend einem beliebigen Tage an die Luft gesetzt zu werden, so kann man doch auch selber sein Ränzel schnüren, wenn’s einem zu bunt wird. Adieu, mein Schatz; empfiehl mich dem Wohlwollen aller neun Musen, daß sie mich nach Saõ Paulo gelangen lassen!
Deine +Ulla+.
Rio de Janeiro, den 17. Februar 1882.
Grete, bist Du schon einmal auf dem Wege zum Zahnarzt gewesen, um Dir einen festen Backenzahn ausreißen zu lassen? Vielleicht. Aber ist es Dir dann auch schon passiert, daß man Dir plötzlich an die sorgfältig behütete Wange ein hartes Etwas geschleudert hat, das daselbst zerplatzte und eine kleine Flut patchouliduftenden Wassers in Deinen Hals ergoß? Nein? Dann weißt Du auch nicht, wie viel Galle Du hast. Widersprich mir nicht -- Du weißt es nicht! Ich meinesteils wenigstens erhielt durch die eben erzählte Prozedur einen so unvermuteten Aufschluß über die Größe meines Quantums Cholerik, daß ich in meiner guten Meinung von mir ganz beträchtlich gedemütigt wurde.
Es war in der ~rua dos Ourives~, wo ich meine Entdeckung machte. Ihre erste Wirkung war, wie gesagt, mir mit +einem+ Schlage die schönen Illusionen zu rauben, die ich in Bezug auf die Milde meiner Gemütsart gehegt -- allein „paff“ betäubte ein zweites hartes Etwas mit nachfolgender Wasserflut, das sich diesmal die entgegengesetzte Seite aussuchte, meine Selbstanklagen, und es wallte wieder zorniger in mir auf... „piff“ sauste es unmittelbar darauf an meiner Nase vorbei und zerplatzte an der Wand neben mir -- ich wollte mich bücken, um die Beschaffenheit dieser entsetzlichen kleinen Geschosse zu konstatieren -- „puff“ zerplatzte es dumpf in meinem Nacken und lief mir den Rücken hinab.
Außer mir vor Zorn stand ich still und blickte um mich, meine Zahnschmerzen vollständig vergessend. Rings um mich her sah ich Gesichter von einer so impertinenten Heiterkeit, wie Gesichter sie nur anzunehmen pflegen, wenn sie sich in einem ohnmächtig-zornsprühendem Antlitz reflektieren dürfen; elegante Herren, schmutzige Mulattenjungen, Kommis, Straßenbummler, sogar die Damen auf den Balkons, alles verwandelte sich mir in ebenso viele grinsende Teufel, und alle zielten wie auf Verabredung auf mein unseliges, zahnwehbehaftetes Ich mit jenen infamen kleinen harten und wässrigen Geschossen. Mechanisch drückte ich mich an ein Haus, um wenigstens von hinten gesichert zu sein... sssrrr floß es in wohlberechnetem Guß auf meinen Hut (es war eine echte Feder darauf!) überschwemmte ihn und suchte einen Ausweg in meinen Kragen.
Ich war vollständig betäubt. Was war dies? Was bedeutete es? Wachte ich wirklich und befand ich mich in einer der besten Straßen Rios, oder war dies alles ein wüster Traum?!
Da lehnt sich eine junge Brasilianerin lächelnd zu dem Fenster hinaus, an dem ich wie angewurzelt stehe; ich wende mich an sie und will sie anreden, da hebt sie die Hand -- ein kleines blankes Flakon glänzt darin -- „huist“, „huist“ -- und meine beiden Augen waren momentan dienstunfähig. Das war zu viel! Ich war außer mir. Eine ohnmächtige Wut und zugleich eine unglaubliche Feigheit all diesen geheinmisvollen Feinden gegenüber bemächtigte sich meiner, und als ob der Böse selber mich verfolgte, legte ich den Rest meines Weges zurück.
Am ganzen Körper bebend vor Zorn und bei jeder Bewegung Tropfen sprühend, sank ich, am Ziele angelangt, in Thränen ausbrechend auf ein Sofa im Wartezimmer von Dr. Müller, der mich seit einer Woche unter seiner zahnärztlichen Behandlung hatte.
„Aber liebes Fräulein, was fehlt Ihnen?“ rief er aus dem Nebenzimmer; doch als er dann eintrat und mich so triefend dasitzen sah, verzog sich auch sein Gesicht zu einer Spielart jenes bereits erwähnten Heiterkeitsausdruckes, und ich sah, wie schwer es ihm wurde, nicht laut heraus zu lachen.
„Ja, mein Gott“, rief ich außer mir vor Zorn, „was ist denn nur los, ist denn hier in Rio alles toll geworden!“
Jetzt lachte der Doktor los, faßte mich bei der Hand, führte mich an den Wandkalender und wies mit dem Finger auf eine Zeile des Monats Februar -- „+Fastnacht+“ -- las ich da und sank, dumpf aufseufzend, auf den nächsten Stuhl.
Der Doktor begann an mir herumzupflücken. „Was machen Sie denn?“ fragte ich matt.
„Ich sammle Ihnen wenigstens einige Wachsstücke ab.“
„Wachsstücke?“ wiederholte ich ebenso matt, aber erstaunt.
„Nun ja, Sie haben, wie es scheint, eine gehörige Ladung von den Dingern bekommen, Wachseier mit Wasser gefüllt, unter deren Zeichen Rio nun bis zum Aschermittwoch fortwährend stehen wird.“
Bis zum Aschermittwoch, das waren damals noch eilf Tage! Mit stummem Entsetzen überschlug ich das mögliche Quantum von Patchouliwasser und Wachseier-Schalen, des aus Kübeln gegossenen Wassers garnicht zu gedenken, das sich in diesen eilf Tagen noch den Weg in meine Garderobe suchen konnte, und ingrimmig zerdrückte ich das Wachs einer halben Eierschale, die ich eben aus meiner triefenden linken Manschette zog.
„Da ist wohl der Zahn noch für heute gerettet?“ lächelte der Doktor.
„Nein, im Gegenteil“, rief ich mit einer Erneuerung meiner vorherigen „Energie“ -- „an etwas muß ich meinen Zorn auslassen, und sei es an mir selber; reißen Sie -- reißen Sie --“ Und so wurde ich um einen Weisheitszahn ärmer.
Als ich in das Collegio zurückkam und meine Abenteuer erzählte, geriet die kleine Bande in eine schreckliche Aufregung -- „~Laranginhas, Laranginhas!~“ wurde das allgemeine Feldgeschrei. Die Brasilianer nennen diese abscheulichen kleinen Wachsgeschosse ~Laranginhas~ d. h. kleine Orangen, mit denen sie jedoch meiner Ansicht nach nicht die geringste Ähnlichkeit haben; sie haben vielmehr die Form und Größe von Hühnereiern, und die Kinder gießen sie selbst mittels einer hölzernen Form. Dutzende von solchen Formen kamen wie mit Zauberschlag in unserm ehrenfesten Collegio zum Vorschein, und ehe wir Lehrerinnen es uns versahen, war die Wasserschlacht im vollen Gange. Nicht nur, daß man sich in den Pausen mit ~laranginhas~ bombardierte, sondern sogar in den Stunden spritzten sich die Nachbarinnen mit den ~bisnagas~, die durch Gott weiß wen eingeschmuggelt wurden, Wasser in die Ohren und die Kleider, so daß an eine ruhige, gesammelte Stunde garnicht mehr zu denken war. (Die Bisnagas sind kleine Flakons genau wie unsre Farbenfläschchen, und man hat sie mit allen Parfüms gefüllt, bis zu den feinsten Sorten). Am Sonntag aber, als die Kinder nun nichts zu thun hatten, wurden sie ganz wild und begossen sich gegenseitig von oben bis unten mit Wasser aus großen Steinkrügen und Waschschüsseln. Das ganze Schlafzimmer schwamm, und Mlle. Lerôt und ich standen ratlos vor der wasserberauschten Gesellschaft, die wie die Wilden umhersprangen und schrieen, bis glücklicherweise Madame kam und der Sache ein Ende machte. Seitdem haben wir hier im Hause Ruhe.
Draußen aber dauert dieser geschmackvolle Faschingssport ruhig fort, so daß ich mein Schicksal verwünsche, das mich grade jetzt alle Tage in die ~rua dos Ourives~ treibt, und halbe und ganze Stunden vergrüble über der Zusammenstellung möglichst wasserdichter Kostümierungen. Die Brasilianer aber sind selig in dieser Zeit, ganz „aus dem Häuschen“. Man sieht reiche junge Brasilianer die Straße entlang wandern eigens zum Zweck dieses wässrigen „Amüsements“, einen Negerjungen hinter sich, der in einem mächtigen Korbe ~laranginhas~ und ~bisnagas~ bereit hält, und hunderte von Franks sollen da von Einzelnen auf diese Weise verschleudert werden. Obgleich es in jedem Jahre von neuem verboten wird, geschieht es in jedem Jahre wieder, und an den Straßenecken stehen ganz naiv sogar die Negerinnen da, welche große Tablets voller ~laranginhas~ zum Verkauf feil halten. In den Pferdebahnen fürchtet ein Jeder einen Jeden, und wenn man eben anfängt, seinen Nachbarn mit ein wenig mehr Vertrauen zu betrachten, so fährt man im nächsten Moment entsetzt zusammen, da der Hintermann einem mit wahrhaft teuflichem Genuß ein ganzes Fläschchen Wasser in den Kragen gießt. Aber ärgern darf man sich nicht, denn wenn sie das sehen, so ist man erst recht verloren, und je mehr man sich in der Kleidung zu schützen sucht, desto nasser wird man. Jetzt naht sich aber die Sache glücklicherweise ihrem Ende, denn gestern war der große Faschingsumzug, und heute ist der beschließende Maskenball.
Den Umzug habe ich mit angesehen von dem Balkon einer mit Madame befreundeten Familie in der ~rua d’ Ouvidor~, und ich kann nicht anders sagen, als daß er ganz brillant war. Viele der Wagen, deren Ausstattung man teils aus Lissabon, teils aus Paris hatte kommen lassen, waren sogar hochkomisch, so einer derselben, „das wahre Bild der Hölle“ betitelt, wo in Gestalt von lebensgroßen Strohpuppen Mönche verbrannt, Pfaffen geprügelt und Nonnen gerädert wurden. Und das in einem +katholischen+ Lande! Aber der Brasilianer ist nicht mehr so fromm wie seine Vorfahren. Mit Jubel begrüßt wurde zumal ein andrer Wagen, wo aus der Dachluke eines darauf stehenden Häuschens in regelmäßigen Intervallen von einigen Minuten die täuschend ähnliche Maske des hiesigen Telegraphendirektors heraussah, der mit einer Schere die über dem Hause weggeleiteten Telephondrähte zu zerschneiden suchte, was nämlich in der That auf sein Anstiften von den Unterbeamten geschehen sein soll. An die eigentlichen darstellenden Wagen schloß sich eine lange Reihe Kutschen mit Masken an, allerdings nur Herren mit Damen vom Theater und der Demimonde. Da der Zug nicht beworfen werden durfte, so konnte man ihn in Ruhe betrachten, aber dennoch kam ich die ganze Zeit über nicht aus der Gänsehaut heraus wegen der gruseligen Geschichten eines neben mir stehenden Brasilianers. Die eine handelte von einem deutschen Lehrer, der wegen eines herausfordernden Havelocks in der Faschingszeit vor einigen Jahren schließlich von zwei handfesten Negern erfaßt und in eine mit Wasser gefüllte Badewanne geschleppt worden war, worauf er die Cholera bekommen, die andre von einem Engländer, der sich aus den ~bisnagas~ und den ~laranginhas~ das gelbe Fieber und den Tod geholt. Als er die dritte anfangen wollte, die wahrscheinlich von einem Russen gehandelt hätte, bat ich ihn, mich zu verschonen.
Nun -- Gute Nacht, mein Gretel -- es ist entsetzlich heiß, so daß das Licht vor mir sich biegt, aber ich kann es aushalten, da ich es selten drückend finde, indem die große atmosphärische Feuchtigkeit sehr mildernd wirkt. Die schlimmste Zeit ist nun auch bald vorüber und damit auch die Zeit des gelben Fiebers, die allerdings alljährlich nach dieser wilden Faschingszeit noch einmal einen Aufschwung nimmt; noch sterben wöchentlich gegen hundert Personen allein am gelben Fieber. Mich muß es nicht wollen, Grete, denn sonst hätte ich es bei meiner augenblicklichen schlechten Verpflegung längst bekommen müssen, zumal es immer zuerst „die weißeste Haut“ nimmt; Europäer, und besonders Engländer und Deutsche sind am meisten ausgesetzt, und zuletzt bekommen es die Neger.
Übrigens ~à propos~ Verpflegung Grete! Die Zeit ist da, wo ich „eine Passion für das gedörrte Hammelfleisch“ habe; es ist wenigstens nicht so fett und läßt sich daher bei der Hitze am besten essen. Mit Appetit esse ich aber nur, wenn mich Carsons einmal zu einem guten englischen ~beef~ einladen, was sie thun, so oft ich abkommen kann. Sie sind überhaupt rührend gut zu mir, Grete, und viel von meiner Courage in diesem fremden Lande danke ich ihrem freundlichen Zuspruch; ~God bless them~!
Aber Mademoiselle wird ungeduldig, ich muß schließen. Es küßt Dich, mein Gretel,
+Deine Ulla.+
Rio de Janeiro, den 2. März 1882.
In aller Eile ein paar Worte, Herzensgrete! Ich bin nach Saõ Paulo engagiert und zwar, denke Dir mein Glück, nach der +Stadt+ Saõ Paulo zu einer, wie es scheint sehr netten Familie. Herr Konsul Haupt war so sehr liebenswürdig, eine Annonce für mich in das ~Jornal de Commercio~ rücken zu lassen, wo er mich wohl sehr herausgestrichen haben muß, denn dieser Herr Costa ist eigens von Saõ Paulo hergekommen, um dies Wundertier von „~professora~“ (~vulgo~ „~mestra~“) zu engagieren. So geht’s denn morgen nach der „geistigen Hauptstadt von Brasilien“, wie der Paulistaner seine Stadt mit Stolz und Vorliebe nennt.
Madame war höchst ärgerlich, als ich ihr sagte, daß ich fort wolle, und hat mir kaum Adieu gesagt, aber alle, die mir wohlwollen, raten mir zu.
Weißt Du aber, was mir jetzt klar geworden ist, Gretel? Der Grund, warum meine deutschen Kolleginnen in ihrer Toilette nicht im Stande waren, den Beifall ihrer brasilianischen Mitschwestern zu erlangen! Ich werde wohl nächstens auch ohne denselben fertig werden müssen. Stelle Dir vor, wenn es Dir möglich ist, daß ich neulich für ein Kattunkleidel, das ich haben mußte und mir bei einer französischen Schneiderin anfertigen ließ, dieser edlen „Madame Victorine“ baare 78 Mark Macherlohn auf den Tisch des Hauses niederlegen mußte!! Ich war versteinert und werde nie mehr zu einer Madame Victorine gehen, wenn meine mitgebrachten Sachen nicht mehr reichen, sondern es machen, wie es wahrscheinlich meine Kolleginnen hier vielfach thun: ich werde selber zu Schere und Nadel greifen!
Der erste „Erfolg“ dieses Kattunkleidels ist, daß ich Mr. Carson anpumpen mußte, um an meinen neuen Bestimmungsort zu gelangen, und ich schreibe Dir dies als ~exemplum tragicum~ zu Nutz und Frommen aller Derer, die es bethören sollte, wenn man ihnen in Brasilien 4-5000 Mark Gehalt bietet. Jetzt werde ich übrigens nur 3000 bekommen. Aber Courage habe ich doch noch, Gretel, unterkriegen lassen wir uns nicht. Wie sagt jener geistreiche Franzose? ~Il faut fatiguer l’infortune!~
Unverwüstlich Deine +Ulla+.
Saõ Paulo, den 20. März 1882.
+Meine einzige Grete!+
Heute bekam ich einen ganzen Haufen lieber freundlicher Briefe von Mr. Carson nachgeschickt, und ich wundre mich nur, daß sie alle angekommen sind! Du bedauerst mich so sehr wegen des „abscheulichen Collegio“, Du Gute, aber das sind ja glücklicherweise jetzt schon wieder ~tempi passati~, wie Du siehst, und ich fühle mich dagegen hier in Saõ Paulo wie im Himmel.
Schon die Reise hierher war mir sehr interessant, da sie mich durch eine recht vielseitige Landschaft führte. Um neun Uhr Morgens installierte mich Mr. Carson in einem Coupé erster Klasse der Saõ Paulo Railway -- +erster+ Klasse, Grete, nicht etwa aus Hochmut oder aus plötzlich eingetretener Kassenflut (im Gegenteil, Du weißt ja: Madame Victorine!) sondern weil es in diesem Lande überhaupt nur zwei Eisenbahnklassen giebt, und in der zweiten nur der ~nigger~ aller Schattierungen fährt. Mein Aufenthaltsort hatte auch wenig gemein mit unsern heimischen Coupés erster Klasse, mehr mit einem solchen dritter. Ungeteilt bot der Waggon mit seinen 24 Plätzen auf Sitzen von Rohrflechtwerk, seinen acht offenen Fenstern, die Wind, Sonne und Staub zugleich hereinließen, einen möglichst ungemütlichen Aufenthalt. Es reisten fast nur Herren in dem Wagen, und Nichtraucher- oder Damen-Coupés, wohin ich mich hätte zurückziehen können, giebt es hier zu Lande nicht. Sobald der Zug sich in Bewegung setzte, holten die Brasilianer jeder ein großes weißes Laken hervor, das rings mit Franzen besetzt war und in der Mitte ein Loch hatte, durch welches sie den Kopf steckten, so daß das Laken um sie herumfiel. Diese Dinger nennt man ~ponchos~, und wärend die leichten gegen den Staub benutzt werden, so dienen wärmere, buntfarbige gegen Regen und Kälte.
Die meisten der Herren versanken sehr bald hinter die riesigen Blätter ihrer ~Jornals de Commercio~, und es dauerte nicht lange, da erinnerten sie sich auch zu meinem Entsetzen ihrer Cigarretten. War die Fahrt bisher nur mäßig angenehm gewesen, so wurde sie jetzt zu einer wahren Kreuzfahrt. Nicht wegen des Rauches; Du weißt, Grete, ich bin nicht so zimperlich, aber -- für den rauchenden Brasilianer scheint die Welt um ihn her nichts zu sein als ein großes +Spucknapf+. Der offen zur Schau getragene Ekel der Fremden, ja, manche recht blamable Scenen in Restaurants und auf den englischen Küstendampfern haben bis jetzt nichts an dieser widerlichen Unsitte ändern können. Der Brasilianer sieht das fortwährende Umsichspucken für etwas ganz Harmloses an, worauf er in seinen Häusern auch auf das Gründlichste eingerichtet ist, denn neben jedem ihrer ungemütlichen Rohrsofas wirst Du zu beiden Seiten die schönsten, buntesten Spucknäpfe erblicken, immer gleich paarweise und so groß und schwungvoll, daß ich sie zuerst immer für Blumentöpfe hielt.
Ich machte den Versuch, mich meiner Umgebung einigermaßen zu entziehen, die sich gelegentlich um zwei und drei rauchende, schwatzende Schaffner vermehrte, indem ich aufstand, um mir durch das offne Fenster die Gegend zu betrachten. Aber mit diesem Einfall machte ich ein klägliches Fiasko. So ein brasilianischer Zug, wenn er einmal im Gange ist, rast mit unglaublicher Schnelligkeit, aber er wackelt auch ebenso unglaublich hin und her, und wenn man dazu noch seinen Fuß in der (natürlich unbefestigten und zerrissenen) Fußmatte verwickelt, so darf man froh sein, wenn man sich nach drei Sekunden mit einer Beule an der Stirn, im Übrigen aber mit heilen Gliedern auf seinen Sitz zurückgeschleudert findet. Diese Schnelligkeit des Beförderns zusammen mit so manchen Unzulänglichkeiten und Naivetäten hat Etwas, was sich am besten durch „ungebildet Civilisiertes“ ausdrücken ließe, Etwas, das unwillkürlich lächeln macht, ein Eindruck, den ich schon oft in diesem Lande empfangen habe.
Trotz alledem und alledem gelang es mir doch, die Natur rings im Großen und Ganzen aufzufassen und ihren Reichtum, ihre Großartigkeit und ihre Weite zu würdigen. Es ist alles großartiger als bei uns, es ist überall wie ein Überfluß an vorhandenem Raum, und es kommt mir immer so vor, als habe die Natur mit großem Griff Berg und Thal hier verteilt, um nur erst zu füllen, worauf sie’s dann freute, wiederum mit vollen Händen ihr Werk zu schmücken mit großblättrigen Bäumen und deren seltsamen Früchten, mit graziösem Strauchwerk, das hier aber auch immer Baum zu werden trachtet, und mit großen, intensiv gefärbten Blumen, wie um den kleinen Menschen über diesem phantastischen Schmuck ihre gewaltige Größe weniger drückend empfinden zu lassen. Berg und Thal wechselte fortwährend, und wir passierten dreizehn Tunnels, von denen der längste vier Minuten Fahrzeit in Anspruch nahm.
Hier auf dem Bahnhof holte mich Dr. Costa (+natürlich+ „Doktor“) mit meinen beiden ältesten Zöglingen ab. Das Mädel von zwölf Jahren, Lavinia, machte mir gleich einen sehr netten, frischen Eindruck, und ich kann wohl sagen, daß ich sie seitdem schon wirklich lieb gewonnen habe. Überhaupt, Grete, fühle ich mich hier wie im Himmel, nachdem das Collegio wie ein wüster Traum hinter mir liegt. Zwar schütteln die Kolleginnen den Kopf über mein Entzücken und meinen, die Costaschen Jungen seien in der ganzen Stadt berüchtigt wegen ihrer Ungezogenheit, so daß sie +hier+ schon keine Erzieherin mehr bekämen. Ich mag aber vorläufig von nichts hören und bin froh, daß ich hier bin und mit Kolleginnen und andern +Menschen+ verkehren kann.
Hier in Saõ Paulo sind ziemlich viele Deutsche, aber meistens Handwerker, und ich verkehre eigentlich nur im Hause des deutschen Apothekers, den ich zuerst in seiner Eigenschaft als Konsul aufsuchte. Das sind Prachtmenschen, sage ich Dir, Gretel! Hochgebildet und doch schlicht dabei, klug, liebenswürdig und gastfreundlich. Schon mancher deutsche Brasilienreisende hat in ihrem Hause ein paar frohe, anregende Stunden oder Tage verlebt, und selbst fürstliche Gäste haben sich wohl gefühlt in dem freundlichen Schaumannschen Hause. Ich bin am Sonntag zu Mittag dagewesen und lernte bei der Gelegenheit zwei sehr nette Kolleginnen kennen, Frl. Meyer und Frl. Harras, die ich Dir wohl noch öfter nennen werde; da ich außerdem schon die Bekanntschaft einer dritten, älteren Kollegin gemacht hatte, die schon seit Jahren die Vettern und Kousinen meiner Schüler erzieht, so siehst Du, daß es mir hier golden vorkommen muß gegen meine bisherigen brasilianischen Erfahrungen. Ich bin doch unter Menschen, ich bin doch nicht so entsetzlich allein!
Bei Schaumanns trifft man Gesellschaft aus aller Herren Länder, so daß doch auch einmal wieder von einer Unterhaltung die Rede sein kann. Da kamen neulich gegen Abend ein alter origineller dänischer Ingenieur und früherer Hauptmann, ein französischer Musiklehrer, ein deutscher Arzt und ein englischer Ingenieur, ein sehr netter Mensch, der sich fast ausschließlich mit mir unterhielt und sich über mein Englisch freute, das er sehr gut fand. Er heißt Mr. Hall und wohnt seit einem halben Jahr hier in Saõ Paulo, wo er die Vertretung einer großen englischen Maschinenfabrik hat. Er sieht aus wie -- nein, doch nicht! Ich glaubte, eine Ähnlichkeit gefunden zu haben, aber er sieht doch eigentlich niemandem ähnlich. Ach Gretele, ich bin so froh, daß ich hier bin, so sehr froh!
Deine glückliche +Ulla+.
Saõ Paulo, den 5. April 1882.
+Mein liebes, herziges Gretele!+