Leid und Freud einer Erzieherin in Brasilien
Part 6
Petropolis +selbst+ ist meiner Ansicht nach ein elendes Nest, und das Hauptamüsement der Fremden besteht darin, jeden Nachmittag nach der Haltestelle der Omnibusse hinzugehen und die heraufkommenden Fremden anzugaffen. Das Palais des Kaisers ist ein langes, weitläufiges, aber schrecklich langweiliges Gebäude, an dem nichts zu sehen ist, wie viele Fenster. Ich bringe die Ansicht davon auf einem gläsernen Briefbeschwerer eingraviert mit, sowie auch ein paar kleine Vasen, auf denen ~Lembrança~ (Erinnerung) ~de Petropolis~ steht; diese Sachen sind aber sehr wenig interessant, da sie alle aus Europa kommen und hier nur graviert werden. Weit besser gefallen mir die feinen Drechsler- und Schnitzarbeiten eines Deutschen, der hier ein allerliebstes Häuschen hat und ein höchst gemütlicher alter Herr ist mit einer ebenso gemütlichen und sehr zahlreichen Familie. Dahin gehe ich manchmal, um ein Stündchen zu verplaudern, und lasse mir über die Anfänge von Petropolis erzählen; auch habe ich dort einen ganz prächtigen Tabaksbehälter gekauft, der aus einer Brotfrucht gefertigt und oben von einem geschnitzten Indianer gekrönt ist.
Die übrigen hier ansässigen Deutschen sind fast alle ganz ungebildete Bauern. Sie haben sich ihre deutsche Sprache und einige deutsche Untugenden bewahrt, aber im Ganzen sind sie doch schon sehr von den Landessitten angestreift. Petropolis ist auch schon lange keine rein deutsche Colonie mehr, wie es ursprünglich war. Es wohnen hier Colonisten aus aller Herren Länder, und man hört alle Sprachen, unter welchen mir ein Kauderwelsch von Neger-Portugiesisch und Plattdeutsch am besten gefällt: „Kiek mal, ob dat noch schuwet“ (regnet) -- „Esperen (warten) Se mal en beten“ -- „Ich kann ainda (noch) nicht“, und dergleichen hört man viel.
Die +Lage+ des Ortes ist herrlich, das muß man sagen! Hoch in den Bergen, zwischen unabsehbaren Waldungen gelegen, bietet derselbe prachtvolle Spaziergänge auf guten Waldwegen, die sonst in Brasilien etwas ungemein Seltenes sind, da das erste Eindringen in die Wälder schwer ist und alles gleich wieder zuwächst mit Gestrüpp und Schlingpflanzen.
Ich bleibe hier wahrscheinlich noch diesen Monat und will dann doch einmal, um die Stadt kennen zu lernen, mein Heil in Rio versuchen; ich habe jetzt wieder bessere Nerven und mehr Courage! Tausend Grüße von
Deiner alten +Ulla+.
Neulich begegneten Miß Dahlmann und ich der Kaiserin, sie war zu Fuß mit einer Hofdame; und am Sonntag sahen wir den Kaiser, die Prinzessin und ihren Gemahl, den Grafen von Eu, sowie die drei kleinen Prinzen alle in +einem+ Wagen ausfahren.
[4] Jetzt führt eine Bahn bis ganz hinauf. D. V.
Rio de Janeiro, den 8. Februar 1882.
+Mein Herzens-Gretchen!+
Da wäre ich denn wieder in der bunten, südlichen Stadt und mitten in ihrem Lärm! Gretel -- schön ist dieses Rio, das muß man sagen, wunderbar schön und phantastisch, zumal von der Bai aus, wie ich es bei meiner Ankunft damals und jetzt wieder bei der Rückkehr von Petropolis erblickte.
Wie ein Feenmärchen entfaltet sichs da vor unsern unverwöhnten norddeutschen Augen! Terrassenförmig wird von Brasiliens Küstenbergen die Stadt in die Bucht hinausgehalten, bunt und prächtig, ein einziges Licht- und Farbenmeer, nur unterbrochen, oder besser, noch vermannichfaltigt durch die schlanken Palmen und die großblätterigen Bananen, die überall ihre Plätze gefunden. Nichts von unserm eintönigen roten Gemäuer oder der uniformen grauen Tünche -- alles weiß oder bunt und in Brasiliens sattem Sonnenlicht schwimmend, sodaß selbst die kleinen Forts, die auf Inselchen vor dem Binnenhafen liegen, in ihrem Verstecke von Palmengruppen und Farben nicht wie grimme Verteidigungswerke dreinschauen, sondern wie reizende kleine Idyllen, die man für Wirklichkeit zu halten sich zwingen muß. Hier liegt auch die „Blumeninsel“, das erste Asyl für Auswanderer, wo es den armen Menschen zwar durchaus nicht beneidenswert ergehen soll, die aber in ihrem äußeren Anblick an die Idylle Dranmors erinnert, die sich in seinem Requiem findet:
„Ich weiß ein schönes Eiland, wie verloren Im Stillen Ocean, ein waldbedecktes, In milden Sonnenstralen hingestrecktes, Wie ein Asyl, für Dichter auserkoren. Ein Eden, von der Trope Glut durchhaucht, Ein Eiland, wie ein Strauch von wilden Rosen Für die Betrübten, für die Heimatlosen Aus träumerischen Fluten aufgetaucht.“
Und drinnen in der Stadt erscheint’s auf den ersten Blick wie draußen: phantastisch, südlich, fremdartig und wunderbar reizvoll -- nur eines gesellt sich hier noch außer dem betäubenden Lärm hinzu, was man draußen gern vermißte: der Schmutz und die Unordnung! Die Straßen sind eng und schlecht gepflastert -- ich bin +ein+ Mal in einer Droschke darüber gefahren und +nie+ wieder -- die Trottoirs, besonders in der Geschäftsgegend, ebenso unsauber wie der Damm. Die Häuser sehen sich zwar recht lustig an mit ihrem Mantel von drei, vier und mehr Farben, aber es ist meistens nichts rein und vieles windschief daran vom Dach bis zur Schwelle. Alles erscheint uns strafferzogenen Norddeutschen nachlässig und die Menschen so -- ja, ich weiß nicht +wie+ -- ich glaube: +undiscipliniert+ wäre das Wort.
Hier steht eine Gruppe rauchender, spuckender Neger, dort hocken Negerinnen in den Thüren der Magazine und lesen Kaffee aus. Vielfach wird auch ein Teil des Trottoirs eingenommen von Negern, Negerinnen oder Mulattinnen mit ihren Tischen und Körben, die Orangen, Bananen, Kokosnüsse, Feuerwerk und allerlei sonstige Nichtigkeiten feilbieten. Sie würden, schon der Fremdartigkeit des ersten Eindrucks wegen, vielleicht den europäischen Käufer anlocken, allein ein Blick auf die Umgebung ihres Standes, wo Apfelsinenschalen, Streichhölzer, Papierfetzen, Cigarrenstummel etc. sich mit allerlei sonstigem ~rubbish~ um den Vorrang streiten, und worin die Schleppe (!) des hellen Mousselinkleides der Verkäuferin umherfegt, verscheucht ihn wieder. In sehr vielen Kaufläden des eigentlichen Geschäftsviertels, ja sogar in einzelnen der eleganteren Stadtgegend, sah ich auf dem Fußboden Stroh, Packpapier, Bindfaden, zerbrochenes Gerät etc. umherliegen; es schien aber Niemand etwas Ungewöhnliches darin zu finden. Der Brasilianer bringt dieser Art von Unordnung eine gewisse kindliche Harmlosigkeit entgegen, die fast rührend ist, und ich glaube, Grete, wir Europäer gewöhnen uns mit der Zeit wenn auch nicht an den Schmutz, so doch daran, ihn von den Anderen unbeachtet zu sehen.
An Läden habe ich nicht viel Schönes gesehen, und vor Allem nichts für dies Land Charakteristisches, ausgenommen ein Geschäft mit wunderhübschen Sachen, gefertigt aus den ungefärbten Federn der einheimischen farbenprächtigen Vögel; die vorhandenen Ballgarnituren waren ganz entzückend! Was Du aber sonst kaufst, ist fast ohne Ausnahme europäische Ware, und es dürfte außer den Rohprodukten des Landes kaum einen Gegenstand geben in den Geschäften, der nicht den atlantischen Ocean gesehen. Kleiderstoffe, Stiefel, Wäsche, Wollwaaren, Möbel, Beleuchtungsgegenstände, Kücheneinrichtung, Bücher, ja bis zum Papier und zur Stecknadel kommt alles aus Europa. Selbst die Kattunstoffe kommen dem Lande der Baumwolle aus Deutschland und Frankreich, wohin sie das Rohmaterial liefern, das sie selbst nur sehr mangelhaft in wenigen unbedeutenden Fabriken zu verarbeiten verstehen; und wenn sie hier weißen Hutzucker essen wollen, so läßt ihn sich das Land des Zuckerrohrs aus dem Lande der Runkelrübe kommen. Manche Dinge sind hier wunderbar! -- In der rua d’ Ouvidor, so einem Mittelding zwischen feiner Geschäfts- und Bummelstraße, giebt es einige große Magazine mit eleganten Damentoiletten. Die kommen alle direkt aus Paris hierher und sind horrend teuer, doch werden sie von den reichen Brasilianerinnen mit Kußhand zu den höchsten Preisen gekauft für die „Saison“, d. h. für die Vorstellungen einer italienischen Operngesellschaft, zu denen die Damen in den Logen in ausgeschnittener Balltoilette erscheinen; Privatgesellschaften giebt es wenige außerhalb der Grenzen des diplomatischen Korps, und der Kaiser repräsentiert nicht, was wohl zum Teil seiner bekannten persönlichen Einfachheit entspricht, teils durch die ungemein niedrige Civilliste der Herrscher von Brasilien bedingt wird: nur bei der Prinzessin finden Theeabende statt. Der große kaiserliche Palast in Saõ Christovaõ, einer Vorstadt von Rio, ist ein mächtiges, ödes Gebäude, das zwar einige prachtvoll eingerichtete Zimmer enthalten soll, jedenfalls aber eine sehr häßliche Lage hat. Wenn ich der Kaiser von Brasilien wäre, baute ich mir eine graziöse, luftige Villa in Botafogo, der jenseitigen, entzückenden Vorstadt von Rio, und überließe Saõ Christovaõ seiner Nachbarschaft von Viehschlächtereien und ihren Hunderttausenden von Krähen!
Botafogo ist reizend; wie ein Kranz liegen die Villen mit ihren Gärten um die Bai gleichen Namens herum, hinten überragt von dem mächtigen Corcovado, vor sich in der Bai den merkwürdigen Paõ de Assucar, den Zuckerhutberg. Die Blumenpracht in dieser Vorstadt, wo nur vornehme, reiche Leute wohnen, ist bezaubernd! Die üppigsten Ranken von saftigem Grün überwuchern die Mauern, darinnen große, stralende, dunkelrote, lila, gelbe oder weiße Blumen. Mrs. Brassey, in ihrem netten Buche „~A voyage in the Sunbeam~“ hat ganz meine Empfindungen ausgesprochen, wenn sie sagt, in Brasilien seien ihr alle Blumenfarben weit satter vorgekommen, als irgendwo in der Welt, ja, selbst das Weiß schiene ihr dort intensiver zu sein. Diesen Eindruck hat man wirklich, und soweit die Natur mitspricht, ist hier alles bezaubernd!
Der Larangeirasberg, der Santa Theresaberg, kurz, alle Hügel der Stadt sind mit Villen besetzt und, besonders der Santa Theresaberg, vielfach von fremden Kaufleuten bewohnt, die ihre Geschäftshäuser unten in der Stadt haben.
Da ich mich bisher vergeblich um eine Thätigkeit hier in Rio bemüht habe, so habe ich mir die Stadt schon so ziemlich angesehen, aber es giebt nicht viel darin zu betrachten. Die Kirchen sind eine wie die andere, und keine ist durch besondere Kunstschätze interessant; das Museum (von dessen Existenz Viele hier gar nichts wissen und das die Wenigsten ansehen) ist, abgesehen von einer prächtigen Sammlung ausgestopfter, z. T. sehr seltener Vögel recht mäßig. Die Kunstakademie, die eine Gemälde- und Statuensammlung enthält, ist, was letztere betrifft, noch sehr in den Kinderschuhen, doch enthält sie einige sehr interessante Gemälde einheimischer Künstler, die mir ausnehmend gefielen an Farbengebung und lebendiger Anordnung. Ich lege die Photographie eines derselben bei, welches „die erste Messe in Brasilien“ darstellt, und bedauere nur, daß ich die einiger anderen nicht bekam, zumal die eines Kolossal-Schlachtenbildes von Meirelles. Im Ganzen ist es aber auffallend, wie wenig Sinn die Brasilianer zeigen für die bildende Kunst; zu verwundern ist es freilich nicht, denn die deklamatorischen Künste +müssen+ sie ihrer Natur nach mehr anziehen. Der Brasilianer ist der geborene Redner, er deklamiert, sowie er nur einen längeren Satz spricht, und alle lieben sie schwärmerisch die Musik, und zwar die Italiener, dann französische Operetten und -- Meyerbeer.
Noch schwächer als mit der Malerei sieht es mit der Bildhauerei und der Architektur aus. Die Stadt hat absolut keinen architektonischen Schmuck an Gebäuden, Brücken oder Thoren aufzuweisen, Prachtbauten fehlen gänzlich, wenn man nicht die immerhin ziemlich einfache fiskalische Druckerei dahin rechnen will, und an Denkmälern habe ich nur zwei entdecken können, wovon eins obendrein einen Heiligen darstellt. Diese Armut an Denkmälern hat wohl z. T. darin seinen Grund, daß das Land seit seiner Selbständigkeit nur eine äußerst kurze Geschichte, also wenig historische Erinnerungen hat. Das einzige Denkmal, welches außer jenem Heiligen (ich glaube gar, es ist Saõ Francisco) vorhanden ist, verherrlicht denn auch den bedeutungsvollsten Augenblick von Brasiliens Geschichte: es stellt nämlich den ersten Kaiser, den Vater des jetzigen, Dom Pedro ~I.~ zu Pferde dar, wie er mit der Verfassungsurkunde in der Hand dahergesprengt kommt. Das Standbild ist von einem französischen Künstler, ist prächtig frisch aufgefaßt und mit jener Dosis von Pathos versehen, die ihm bei den Brasilianern den Erfolg sichert. Der Sockel trägt in Reliefs allegorische Darstellungen der vier Hauptströme des Landes, des Amazonas, Saõ Francisco, Orinoco und Madeira.
Natürlich war ich auch in den Gärten von Rio, dem sehr graziösen und so ziemlich in der Mitte der Stadt gelegenen ~Jardim publico~, wo neulich eine deutsche Kapelle Mendelssohn’sche Duette spielte, ferner in einem neuen, großartig angelegten Garten am Ende der Stadt und ~last not least~ in dem berühmten botanischen Garten mit seiner noch berühmteren Palmenallee. Ja, Gretel, interessant und sehenswert für den Fremden ist diese Allee jedenfalls, aber so sehr schön finde ich die langen kahlen Stämme gerade nicht, und außerdem ist diese berühmte Allee unausstehlich schattenlos. Dies Urteil ist aber wieder etwas, das ich Dir nur unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit überlassen kann, sonst steinigen mich die traditionellen Bewunderer dieser Allee hüben und drüben, sei’s auch nur mit ~biscoitos~ Nr. 3! Die Allee ist merkwürdig und darum auch schön -- basta! Ich will versuchen, mir diese Meinung auch noch anzugewöhnen und fortan die +Palme+ als den +Alleebaum+ ~par excellence~ anzusehen. Ob es mir gelingen wird?
Deine rebellische +Ulla+.
Rio de Janeiro, den 12. Februar 1882.
+Liebste Grete!+
Ich muß Dir schon wieder schreiben, denn denke Dir, seit vorgestern bin ich hier in einem Collegio engagiert! Ein Collegio ist eine höhere Töchterschule mit Pensionat, und ich habe da also durch vier Klassen die Töchter dieses Landes in die Geheimnisse der deutschen sowie der englischen Sprache einzuführen und außerdem eine Unzahl von Klavierstunden zu erteilen. Ach Grete, die beiden Sprachen, besonders aber das Deutsche, werden meinen Schülerinnen wohl ewig ein Buch mit sieben Siegeln bleiben; es ist merkwürdig, wie wenig sie bei mir lernen! Ich habe noch nicht herausfinden können, ob es an mir oder an ihnen liegt, vielleicht macht es auch der Racenunterschied zwischen Germanen- und Romanentum, denn Französisch lernen sie halb im Schlaf, und die Französinnen werden auch viel besser mit ihren Klassen fertig. Ich war schon wieder ein paar Mal in Versuchung, den Bormann hervorzuholen, ich habe ihn aber doch schließlich stecken lassen, weil ich weiß, daß ich zu viele Vorwürfe für mich darin finden würde.
Da zu wenig Schulräume vorhanden sind, so gebe ich meine Stunden gewöhnlich mit einer andern Lehrerin zugleich in demselben Zimmer; wärend also am einen Ende des Saales z. B. portugiesische Gedichte deklamiert werden, versuche ich meinen unaufmerksamen „Donas“ die Verwicklungen der deutschen Deklinationen klarzulegen. Die drei Artikel mit ihren vier Fällen sind ihnen aber in ihren zwölfteiligen Dunkelheiten (die Mehrzahl garnicht gerechnet) so unsympatisch, daß ich ordentlich fühle, wie unser unschuldiges +der+, +die+, +das+ von der ganzen gelbblaßen Gesellschaft vor mir wie eine hinterlistige Erfindung angesehen wird, die eigens aus Tücke für Schulkinder gemacht wurde. Neulich, als ich einer kleinen schwarzäugigen Krabbe verbesserte: „Der Schirm steht hinter +der+ Thür“ -- warf sie mit sofort erscheinenden Wutthränen ihr Buch auf den Tisch und schrie in hellem Zorn: „Was! Sonst war es immer +die+ Thür, und jetzt ist es mit einmal +der+ Thür?!“
Grete, ich war ganz konsterniert und wußte im ersten Augenblick wirklich nichts zu machen. Aber derartige Scenen kommen hier oft vor. Die besseren Familien geben ihre Töchter überhaupt nicht in Collegios, und daher ist diese Gesellschaft gewöhnlich die wenigst gut erzogene und wildeste, die man sehen kann; sie toben und schreien oft, bis sie ganz kirschbraun im Gesicht sind. Unsere jüngere Französin ~Mademoiselle Lerôt~ sperrt sie dann immer in einen leeren Schrank, bis sie still sind. Die Vorsteherin sehen wir selten, eigentlich nur bei den Mahlzeiten; sie ist die Einzige, die Autorität hat bei der wilden Bande, vielleicht weil sie sich so wenig zeigt. Sie sitzt immer in guter Toilette in ihrem Wohnzimmer, empfängt die Eltern ihrer Zöglinge und giebt nur eine Lesestunde in jeder Klasse. Sie liebt es nicht, wenn wir uns in Schulangelegenheiten an sie wenden, und so wird mir auch nichts anderes übrig bleiben, als mir selbst zu helfen wie Mlle. Lerôt.
Von einem Lehrplan oder auch nur einem Stundenplan habe ich bis jetzt noch nichts entdecken können, und alles erscheint mir hier vorläufig wie ein wüstes Chaos. Die Anzahl meiner Klavierschülerinnen habe ich bis jetzt beim besten Willen noch nicht feststellen können; wenn ich mich des Morgens um halb sieben ans Klavier setze, so erscheint bis um zehn Uhr alle halbe Stunde eine Andre mit ihren Noten, als ob sie von einem mechanischen Uhrwerk ausgespieen würden; ich notiere sie mir nun alle nach der Reihe und werde wohl so mit Mühe und List endlich zu einem gewissen Stundenplan durchdringen.
Mich haben sie vorläufig noch ganz gern, und zwar, wie mir Mlle. Lerôt sagte, weil -- ich gute Toilette mache (womit man doch manchmal +Kinderherzen+ gewinnt!) und „nicht wie die andern Deutschen aussehe.“ Letzteres ist hier ganz entschieden als ein Lob zu fassen, es empörte mich aber nichts destoweniger; allein wie sollte von Kindern Rücksicht zu erwarten sein, wenn sich Erwachsene ähnlicher Taktlosigkeiten nicht schämen. Heute Morgen ging Madame mit einer brasilianischen Dame und Zöglingsmutter durch das Musikzimmer, und die Brasilianerin sagte ganz laut auf Portugiesisch: „Ist sie eine Deutsche? Ah, sie hat garnicht den deutschen Typ und ist ja auch sehr gut angezogen!“ Das Absprechen des „deutschen Typ“ war mir, der starren Germanin, wie Du wohl denken kannst, äußerst schmerzlich und zugleich bei meinem blonden Haar verwunderlich -- was aber mögen denn meine deutschen Vorgängerinnen und andre Kolleginnen hier für Gewänder getragen haben, wenn die Toilette der deutschen Damen so sehr das hohe Mißfallen der Brasilianerinnen erregt?! Übrigens findet man diese Geringschätzung deutscher Konfektion hier überall. Das Drastischste in dieser Beziehung begegnete mir neulich in einem Friseurladen, wo ich eintrat, um mir den kurzgeschorenen Kopf wieder einmal ordentlich durchbrennen zu lassen. Ich wußte nicht, daß das an sich schon etwas Auffallendes hier ist, da die Brasilianerin nie allein auf der Straße geht und sich keinenfalls außer dem Hause frisieren lassen würde. Der Jüngling mit der Tollscheere hielt mich zuerst für eine Französin, da ich mein Anliegen auf französisch vorgebracht; dann fragte er, ob ich Russin sei, und als er mich schließlich, halb zu meinem Ergötzen, halb zu meiner Entrüstung durch alle Nationen durchgefragt hatte, meinte er zuletzt: „~Mais enfin -- vous n’êtes pas allemande?~“ „~Et pourquoi non?~“ sagte ich, innerlich wütend. „~Ah bah~“, machte er verächtlich, „~ça se connaît; les allemandes sont toujours mal-vêtues et n’ont pas de chic.~“
„„~Les allemandes~“ bedanken sich“, dachte ich und ging von dannen, diesem Laden ewige Feindschaft schwörend.
Aber da läutet es zum Thee. O dieser Collegio-Thee! Augenblicklich mache ich mir die große Hitze zu Nutze, um ihn häufig auszuschlagen und mir anstatt dessen die ~cajuada~, eine Limonade aus der Cajú-Frucht, die hier viel getrunken wird und sehr kühlend ist, zu bereiten. Das zweite Läuten -- ich eile!
Deine +Ulla+.
Rio de Janeiro, den 21. Februar 1882.
O Gretel, dieses Collegio -- es wächst mir über den Kopf! Ich glaube, ich bin wirklich eine ganz miserable Lehrerin! Sie lernen nichts bei mir, sie lernen garnichts. Ob es hier wohl Schulinspektoren giebt? Dann blamiere ich mich entsetzlich. Ich finde mich so schlecht in dieses oberflächliche Tünchen hinein; beginne ich aber zu vergründlichen, dann wird es erst recht wüst -- ich bin ganz verzweifelt! Und nun gar die Disziplin! Schon das Wort allein macht mich schamrot. Denke Dir Folgendes. Als ich neulich in die Klasse trat, fand ich dieselbe sehr unruhig und lärmend, und in meiner Ratlosigkeit that ich nochmals einen verzweifelten Griff auf Bormann zurück. Sobald ich nämlich so viel Ruhe schaffen konnte, daß ich gehört wurde, kommandierte ich „Aufstehen -- setzen!“ fünf Mal hinter einander, was bei uns ja auch wirklich nie verfehlt, eine Klasse zu beschämen. Und hier -- ~o sancta simplicitas~! Nachdem ich ihnen erst überhaupt nur schwer begreiflich gemacht hatte, was ich von ihnen verlangte, waren die Kinder derartig weit entfernt, das Ganze für eine Strafe anzusehen, daß sie glaubten, es handle sich um einen guten Spaß, hopsten zuletzt immer noch von selbst wie die Perpendikel auf und nieder und amüsierten sich königlich. Grete, seitdem ist Bormann für mich +hier in Brasilien+ endgültig abgethan! Ich sehe wohl ein -- wenn hier eine Pädagogik eingeführt werden soll, dann muß sie brasilianisch sein und nicht deutsch -- brasilianisch in Bezug auf die ganze Auffassung und alle Voraussetzungen, sie muß dem Charakter des Volkes, den häuslichen Lebensverhältnissen dieser Leute angepaßt sein. Brasilianische Kinder sollten überhaupt nicht von Deutschen erzogen werden, es ist völlig verlorene Mühe, denn das fremde Reis, das der Jugend da aufgepfropft wird, gedeiht doch nicht! Mir geht es hier mit den Kindern, wie ich Dir von Saõ Francisco in Bezug auf die Pflanzen schrieb: wir verstehen einander nicht, wir reden äußerlich und auch seelisch eine fremde Sprache mit einander, und besonders letzteres macht mir die Existenz hier zu einer furchtbar unbehaglichen.
Allerdings läßt auch meine äußere „Behaglichkeit“ einiges zu wünschen übrig. Mein „Zimmer“ ist ein fensterloser Alkoven, der sich von einem Zöglingssaal abzweigt und nur durch die Thür zu diesem Raum Luft und Licht erhält! Seine ganze Ausstattung besteht aus dem Bett (es ist eine +wohlfeile+ Ausgabe von dem in Saõ Francisco), einem Waschtisch und einem Stuhl. Ich besitze weder Schrank noch Kommode; mein Koffer dient als Leinzeugbehälter, und für meine besseren Kleider hoffe ich immer noch Mlle. Lerôt den Strafschrank abzuschmeicheln, wofür mir die Kinder jedenfalls sehr dankbar sein werden. Schreiben thue ich auch in dem Zimmer der Französin, mit der ich trotz der Erbfeindschaft hier im Hause noch am meisten sympathisiere. Ihr Zimmer ist zwar auch nicht viel besser als meines, aber sie hat einen Tisch darin und ein Fensterchen oben an der Decke, während ich in meinem dunkeln Loch, deren es in jedem brasilianischen Hause giebt, manchmal fast ersticke. Dazu kommt, daß wir in diesem Hause schrecklich unter den Baratten leiden, einem widerlichen Käfer, unserer Schabe ähnlich, doch von Maikäfergröße und pestartigem Geruch! Die Baratte ist eine allgemeine Landplage hier, aber so, zu Hunderten und Tausenden wie in diesem Hause, habe ich sie noch nicht auftreten sehen. Abends wenn ich mit den Kindern in ihren Schlafsaal trete, wimmelt es auf dem Fußboden von den eklen Tieren, und sofort wird mit Stiefeln und allen erreichbaren harten Gegenständen Jagd darauf gemacht. Hunderte rennen uns davon, aber hunderte von Leichen bleiben auch auf dem Schlachtfeld und werden dann erst ausgekehrt. Glaube nicht Grete, daß dies übertrieben ist, es soll in alten Häusern oft so schlimm sein, und gewiß könnte mir mancher andre Brasilienreisende Ähnliches bestätigen. Von den Mosquitos, den Ameisen, den Eidechsen und anderem Ungeziefer spreche ich garnicht, weil es gegen diese Baratten nichts ist, die außerdem noch alles anfressen und ruinieren, wo sie dazu kommen können; allein schon in diesen wenigen Nächten haben sie mir meinen Göthe ganz aus dem Einband gefressen!