Leid und Freud einer Erzieherin in Brasilien
Part 5
Die Scene, die ja bereits halb aufgeklärt erschien, war so unglaublich komisch, daß ich in ein unbändiges Gelächter ausbrach, in das Dr. Rameiro schließlich einstimmte, das aber unsere armen braven Schwarzen vollständig verblüffte. „Legt es nur dahin“ sagte endlich der Doktor, und gedankenvoll entfernten sich die Guten, die traurigen Reste einer Naturforscher-Expedition auf der Bank aufgereiht zurücklassend.
„Was aber kann Ihren armen Landsmann von vornherein nur so erschreckt haben?“ fragte dann der Doktor, sich die Lachthränen trocknend.
„Ich kann es mir denken“, sagte ich, die eigne Lustigkeit zähmend, -- „sollten es nicht etwa die ausgestreckten Hände gewesen sein und das „~sos kiss~“, das mir auch zuerst so geheimnisvoll war?“ Der Doktor lachte wieder auf.
„Bei unsrer lieben Frau -- das kann es sein! Hahaha! Grade ihre Höflichkeit -- ihr Gruß! Ich gebe zu, daß in der steif und flach ausgestreckten Hand eine graziöse Geste schwer zu erkennen ist, und das „geheimnisvolle“ „~sos kiss~“ -- Sie haben Recht, wer sollte darin den schönen Gruß erkennen: ~Louvado seja noso Senhor Jesus Christus~[3]!“
Bis an die Kehle voll Heiterkeit, aber mit dem mitleidigsten Gesicht von der Welt ging ich zu meinem Professor, der abgespannt und pustend in seinem Schaukelstuhle lag; der Doktor folgte mir.
„Aber was hat Sie denn nur so in Angst gesetzt?“ fragte ich deutsch.
„In Angst gesetzt, in Angst gesetzt! O, es ist empörend! ist das Gastfreundschaft? das Bettelvolk von Schwarzen -- die ganze Gesellschaft wollte mich anbetteln! Daß das geduldet wird! Sie hätten nur die Anzahl der ausgestreckten Hände sehen sollen! Aber wer nimmt denn Geld mit zum Botanisieren? Ich that, als sähe ich diese Kannibalen nicht, da liefen sie mir nach und haben mich wild schreiend bis an das Haus verfolgt. Sie hätten nur diese Stimmen hören sollen!“
Ich lachte schon wieder. Der Doktor stand verlegen dabei. Der Professor schoß wütende und verächtliche Blicke auf mich.
„Verzeihung“, brachte ich endlich hervor, „aber es ist zu komisch --“
„Komisch!!“
„Hören Sie nur --“ und ich erzählte ihm, was uns der Neger berichtet und welchen Zusammenhang die Sache habe. Das Gesicht des Professors machte dabei den ganzen Wechsel im Ausdruck von mißtrauischem Zorn über Erstaunen, Verlegenheit, Erleichterung, gutmütigen Humor bis zur ehrlichen Selbstironie und Heiterkeit durch, und schließlich lachten wir alle Drei.
„Nun soll Ihr Landsmann sich doch einmal unsre Neger in der Nähe ansehen, damit er seine Menschenfresser-Ideen los wird“ sagte der Doktor Nachmittags, und so zogen wir zu Dreien aus, den Professor das Nichtfürchten zu lehren.
Überall in der Nähe der Negerhütten liefen uns die kleinen schwarzen Halbaffen entgegen und murmelten ihr „~sos kiss~“, und tapfer antwortete jetzt unser Professor „~para semper~“. Wir sahen in die erste Hütte hinein.
Eine Art rohester Bettstelle von Brettern, darauf eine Matte aus Maisstroh und eine rote wollne Decke, eine kleine blecherne Truhe, ein unbeschreiblich primitiver Tisch, das war, außer einigen Töpfen, Schüsseln und kleinen Geräten die ganze Ausstattung des fensterlosen Raumes. In einer Ecke brannte ein Feuer, über dem eine Frau irgend ein Gericht bewachte.
„Wie schrecklich dies Feuer in der Hütte sein muß, sagte ich; erlauben Sie es nicht, daß die armen Menschen das bei der Hitze +vor+ dem Hause anzünden?“
„Erlauben? Ich habe es hundertmal durchsetzen wollen, aber der Schwarze ist unglücklich, gradezu krank, wenn man ihm sein Feuer nimmt. Er bedarf dessen Winter und Sommer und schläft nie ohne seine glimmenden Kohlen in der Hütte.“
„Wie fürchterlich!“ stöhnte der Professor -- „und obendrein keine Fenster!“
„Das mag wohl zuerst zur Verhinderung von Fluchtversuchen so eingerichtet gewesen sein, da sich Fenster doch nie so wie Thüren verschließen lassen. Aber der Neger ist jetzt auch so daran gewöhnt, daß, wenn sie als Freigewordene sich ein Hüttchen aufrichten, sie auch keine Fenster darin anbringen.“
„Was kochen denn die Frauen nur alle“, sagte ich, „die Sklaven werden ja doch wohl alle auf der Pflanzung gespeist?“
„Die Verheirateten nur Mittags; Abendbrot kochen ihnen ihre Weiber; sie erhalten Rationen zuerteilt.“ --
Vor einem der letzten Häuser erhoben sich ein paar ganz alte gebrechliche Neger: „~Sos kiss~“ stotterten sie, als wir uns näherten. „Wozu gebrauchen Sie denn die noch?“ fragte der Professor ganz entsetzt.
„Zu nichts“, lächelte der Doktor, „aber ich kann sie doch nicht ersäufen. Sie sind in meinem Dienste grau geworden, jetzt bekommen sie das Gnadenbrot. Ich habe sie auch freigegeben, aber ich habe nicht das Herz, alte, abgebrauchte Neger mit ihrer Freiheit und ihrer Arbeitsunfähigkeit in das Elend oder auf den Bettel zu schicken -- mögen sie hier sterben.“
„Denken viele Pflanzer so?“ fragte ich.
„Ja, Gott sei Dank, und es ist auch nicht mehr als billig. Zu solchen alten Menschen zu sagen: „Du bist frei, ich habe jetzt also nicht mehr für Dich zu sorgen, geh’ deiner Wege“, das ist eine Barbarei. Wer das Fleisch ißt, behält auch nachher die Knochen, sagt eins unsrer Sprichwörter.“
„Ich fürchte, Herr Doktor“, machte unser alter Professor mit Feinheit, „ich bin hier auf eine Pflanzung geraten, wo ich nur die guten Seiten des Sklaventums zu sehen bekomme!“
„Das würde auch nichts schaden!“ rief der Doktor liebenswürdig. „Es ist so viel über die gegenteilige Seite geschrieben und dabei übertrieben worden, daß die lichteren Seiten auch einmal hervorgekehrt werden können. Überdies irren Sie, wenn Sie denken, ich stehe vereinzelt da. Viele Pflanzer hier in Brasilien halten ihre Sklaven ebenso gut wie ich, manche schon aus Eigennutz! Die traurigen Seiten: der Mangel an Freiheit, die sittliche Verkommenheit vieler, die Unwissenheit aller, das alles wird bleiben, solange es Sklaven geben wird, die es ja vorläufig für uns leider noch geben +muß+.“
„Es ist aber eigentümlich, wie diese trüben Seiten sich mir hier viel weniger aufdrängen als es in Europa bei mir und ich glaube bei jedermann der Fall ist“, sagte ich sinnend.
„Vielleicht sahen Sie da +nur+ die trübe Seite“, sprach lächelnd der Sklavenhalter.
Weißt Du, Grete, ich habe es ihm schon längst verziehen, daß er nicht fesch aussieht und nicht so bunt angezogen geht wie der Operetten-Brasilianer der kleinen Handschuhmacherin -- er ist wirklich ein guter Mensch, und soweit es ihn und seine Frau angeht, bin ich ja hier auch ganz gut aufgehoben -- aber das Vehmgericht, das Vehmgericht!
Deine +Ulla+.
Der Professor reist morgen weiter.
[3] Gelobt sei unser Herr Jesus Christus. --
Saõ Francisco, den 22. Oktober 1881.
+Meine liebe Grete!+
Du fragst in Deinem letzten Briefe, ob ich denn nicht in der Nähe eine Kollegin hätte, mit der ich mich einmal aussprechen könne. Bestes Herz, ein „in der Nähe“ giebt es hier überhaupt nicht, die nächsten Pflanzungen sind alle 4-6 Meilen entfernt, und eine Stadt giebt es garnicht in erreichbarer Nähe. Zudem will mein Unstern, daß auf all den Pflanzungen, die allenfalls zu erreichen wären, nur erwachsene Kinder sind oder die Besitzer so einfach, daß sie keine „~professora~“ halten. So bin ich denn ganz allein in der Runde, die traditionelle einzig fühlende Brust; ich weine auch manchmal ganz furchtbar, aber das darfst Du auf keinen Fall meinem Mutting erzählen!
Ich möchte so gern einmal heraus hier, wenigstens nach Rio, um mir die Stadt anzusehen, die ich bei meiner Ankunft nur so flüchtig gesehen habe, und die mir doch so schön erschien; auch habe ich ja noch meine Empfehlungsbriefe an eine deutsche Familie dort und an einen Geschäftsfreund meines New-Yorker Onkels, der sehr reich ist; es würde mich so sehr beruhigen, nur irgend welchen Halt in diesem fremden Lande zu haben....
Aber verzeih mir, Gretel, wenn ich schon schließe: -- ich bin totmüde und schwer, und wollte Dir nur einen Gruß senden.
Deine +Ulla+.
_S. F., den 3. Dez. 1881._
_Das war eine lange Pause, meine Grete, nicht wahr? Aber Du wirst mir schon verzeihen, wenn Du hörst, daß ich krank war. Ein abscheuliches Sumpffieber hatte mich richtig gefaßt und mich im Verein mit der Ueberanstrengung, die diese Stelle besonders in musikalischer Beziehung von mir fordert, für vier Wochen pädagogisch unschädlich gemacht._
_Heute an meinem Geburtstage (ach Grete, kein Mensch weiß davon, ich habe keinen Glückwunsch, keine Blume, keinen Brief, nichts!) bin ich zum ersten Mal aufgestanden und will in diesen Tagen nach Rio, um einen Arzt zu konsultieren. Es grüßt Dich herzlichst_
_Deine Ulla._
_Gieb diese Karte Deinem Brüderlein für seine Sammlung._
Rio de Janeiro, den 24. Dezember 1881, Abends.
Weihnachtsabend und 25° Celsius im Schatten! Wie fremdartig, wie heimatfern und, ach Grete, wie traurig! Kein Mensch in dieser ganzen bunten, lärmenden Stadt scheint an Weihnachten zu denken; das öffentliche Leben wird garnicht davon berührt, und nichts erinnert an die heilige Zeit wie daheim. Vielleicht, daß einige wenige deutsche Familien auch in der Tropenstadt ein fremdartig Christbäumlein schmücken (unsere Tanne giebt es ja hier nicht) -- aber mir stralt doch keines! +Kleins+ haben mich so wenig freundlich empfangen, daß ich nicht wieder hingehe, und das wundert mich umsomehr, als Frau Klein früher selbst Erzieherin hier war und also weiß, wie solch’ einsamem Menschenkinde zu Mute sein muß! Onkels Geschäftsfreund konnte ich bisher nicht antreffen. So stelle Dir Deine Ulla nachträglich am heiligen Abend in einem einsamen Hotelzimmer vor, an Euch Lieben in der Heimat denkend und sich unbeschreiblich nach Euch und unserm schönen, lieben Deutschland sehnend!
Draußen lärmt die Stadt mit ihrem Abendgetriebe. Durch die offenen Fenster kommt die eigentümliche, feuchtwarme Tropenluft herein, und ich sehe die Sterne an dem frühdunkeln Abendhimmel erscheinen; in dem Rahmen des Seitenfensters zeichnen sich die Palmen des Corcovado ab, jenes luftigen Bergkegels hinter der Botafogobai, dessen berühmte Quellen Rio mit herrlichem Trinkwasser versehen. Der Bewohner von Rio ist auch sehr stolz auf diese prächtige Naturgabe und sagt im Sprichwort: „~Quem bebeu a agua da Carioca~-(Quelle) ~Nunca toma outra agua na boca~.“ Wer einmal das Wasser der Cariocaquelle trank, nimmt nie wieder andres Wasser in den Mund.
Wie poetisch könnten hier so manche Eindrücke sein, wenn man sie in Ruhe genießen könnte, aber so unbeschreiblich lärmend wie hier in Rio de Janeiro habe ich es noch in keiner Stadt gefunden, die ich kenne. In Berlin ist der Aufenthalt dagegen die reine Sommerfrische mit Nervenberuhigung, und nicht einmal in London habe ich es so laut gefunden. Da fahren zunächst Pferdebahn und Omnibus mit lautem Gerassel und häufigen Warnungspfiffen daher; kleine einsitzige Droschken, von den Engländern ~tilbury~ benannt, poltern im Galopp über das entsetzlichste Straßenpflaster, das Du Dir vorstellen kannst. Reitet jemand, so geschieht es ohne Gnade auch im Galopp, und ich bin schon einige Male in diesen Tagen an’s Fenster gestürzt, weil ich dachte, es gehe ein Pferd durch. Wasserverkäufer, Zeitungshändler (gerade diese sind fast so schlimm wie die Papageien auf der Pflanzung), Bonbons-, Cigaretten- und Sorbetverkäufer, Italiener, die Fische ausschreien, und dazu Drehorgeln und sonstige Instrumente, ganz abgesehen von den ungezählten Klavieren, die zu den offnen Fenstern hinaustönen, alles das tobt sich förmlich aus in den engen Straßen, wo jeder Schall doppelt hart stecken bleibt. Dabei haben diese Leute, besonders die erwachsenen Neger, oft ganz unmenschliche Stimmen, so daß man zusammenfährt, wenn man zufällig in ihre unmittelbare Nähe gerät. Vervollständige Dir diesen Ohrenschmaus durch das Geprassel von Feuerwerk, das man bei Tage und bei Nacht abbrennt, und nimm als selbstverständlich eine eintönige, hartstimmige Negerunterhaltung unmittelbar vor Deinem Fenster und ein ungeschicktes Guitarengeklimper in nicht allzu großer Entfernung hinzu, und dann -- beneide mich, wenn Du kannst! Aber auch hier staune ich wieder die Nerven der Einheimischen an: trotz dieses betäubenden Lärms lebt alles auf der Straße oder so gut wie auf der Straße. Wenn der Grundsatz jenes famosen alten Berliner Professors: „Der gebildete Mensch gehört in die Stube!“ überall rück- und vorwärts gefolgert würde, so ist es sicher, daß man hier um die gebildeten Menschen handeln könnte wie Abraham um die guten in Sodom. Der unbeschäftigte Schwarze ist absolut nirgend anders zu finden als vor der Hausthür, rauchend und spuckend, die Kinder wälzen sich vom Morgen bis zum Abend auf der Gasse umher. Der kleine Krämer, der Vendiste, ja und auch der bessere Kaufmann in den vornehmeren Straßen steht vor der Thür, wenn augenblicklich kein Kunde da ist, und schwatzt mit den Vorübergehenden, und sowie die Sonne es gestattet, ist jeder Balkon, jedes Fenster besetzt von müßig gaffenden Menschen. +Das Haus+ scheint für niemanden Anziehungskraft oder Beschäftigung zu haben, denn sonst würde es diese Leute doch nicht immer wieder amüsieren, in den Tumult der Straßen hineinzugaffen. Die Straße wirkt hier überhaupt auf entsetzlich plebejische Weise in das Haus hinein. In einem gut brasilianischen Zimmer sitzt man wie in einem Schaukasten, sämtliche Fenster stehen auf, da der Brasilianer der Ansicht ist, daß offne Fenster unter allen Umständen ein Haus kühl machen, und sämtliche Thüren obendrein. Ich gebe zu, daß letzteres nötig wird, um durch den dadurch bewirkten Zug die Thorheit des ersteren wieder gut zu machen -- aber warum schafft man nicht lieber eine weit gründlichere und angenehmere Kühle dadurch, daß man die Fenster gegen den Sonnenbrand der Tagesstunden verwahrt?! Ich begreife es jetzt schon viel besser, daß die Brasilianer noch nichts Bedeutendes an wissenschaftlichen Leistungen aufzuweisen haben: ihre Lebensweise läßt keinen geordneten Gedanken aufkommen. Zu geschlossenen Gedanken gehört ein geschlossener Raum, wo nicht tausenderlei äußere Dinge einen abziehen von dem, womit man sich beschäftigen will, und das meinte wohl auch der Berliner Professor mit seinem originellen Dictum.
Natürlich ist Rio augenblicklich durchaus kein Aufenthalt für mich. Der Arzt war sehr unzufrieden mit dem Zustand meiner von Arbeit, Lärm und neuralgischen Schmerzen zerquälten Nerven und hat mir auch dringend geraten, die Arbeit in Saõ Francisco nicht wieder aufzunehmen, sondern dem Vehmgericht, den Papageien und den täglichen fünf Klavierstunden Valet zu sagen, vor allen Dingen aber erst auf vier Wochen nach Petropolis (dem berühmten, jenseits der Bai gelegenen Luftkurort) hinaufzugehen, um mich von dem Fieber zu erholen. Petropolis ist zugleich Sommerresidenz des Kaisers, und die ganze Diplomatie flüchtet in diesen Monaten dort hinauf vor der Hitze und dem gelben Fieber.
Aber da läßt mich Mrs. Carson, die Frau des Hotelwirtes auffordern, mit ihnen zusammen in ihrem Privatzimmer Abendbrot zu essen. Carsons sind Engländer und sehr liebe Menschen. Ihre Kinder werden in England erzogen, und wenn sie daher auch keinen eigentlichen „Weihnachten“ feiern, so scheinen sie doch zu empfinden, wie schwer dieser Tag hier für ein einsames deutsches Herz sein muß. Und unsre eignen Landsleute -- --!
Schreibe mir nur recht ausführlich, wie alles bei Euch und zu Hause war, beschreibe mir alles, alles, wie wir es als Kinder thaten, jedes Stück, was Du geschenkt bekommen hast -- es wird mir jedes Wort ein Stück Deutschland sein! Richte Deine Briefe hier an das ~Hôtel Carson, rua Catette~, und laß ihrer recht viele sein!
Deine +Ulla+.
Petropolis, den 15. Januar 1882.
+Mein liebstes Gretele!+
Freue Dich mit mir, denn ich habe meinen Humor wiedergefunden, den ich verloren hatte -- oder sollte es nur der Racker Galgenhumor sein, den ich beim Kragen erwischt?
Ich schreibe hier in einer Umgebung, die ein ganz nettes Modell für eine Trödelbude wäre. An den Nägeln in der Wand hängen meine Kleider und Jacken in malerischer Unordnung; auf dem Bette sind Schleifen, Hüte und Tücher ausgebreitet; auf allen Stühlen sonnt sich Wäsche. Von den Fensterbrettern aus gucken fünf Paar Stiefel und Schuhe andachtsvoll auf die Bananengruppe davor hinaus, und darüber flattern, auf einen Bindfaden gereiht, meine sämtlichen Handschuhe im Zephyr des Mittags.
In diesem Zustande befinden meine Garderobe und ich uns alle drei Tage einmal, nachdem ich gleich zu Anfang die Entdeckung gemacht, daß andernfalls in diesem fruchtbaren Lande sich sogar Stiefel und Kleider mit der üppigsten Vegetation bedecken. Diese mühelose Pflanzenzucht ist ja im Uebrigen ganz hübsch, nur den Sachen nicht sehr bekömmlich, und besonders verfolgt das Schicksal in dieser Hinsicht Stiefel, Handschuhe und Seide; alle die schönen feinen Lederhandschuhe, die ich noch in Antwerpen gekauft, sind fleckig geworden!
Doch ich will Dir meine Abenteuer von Anfang an erzählen:
Als ich am zweiten Weihnachtstage nach Saõ Francisco zurückkam und erklärte, daß ich nicht länger bleiben könne, war man höchst unangenehm überrascht, aber meine vierwöchentliche Krankheit und mein immer noch elendes Aussehen hatten ihre Herzen doch insofern erweicht, daß sie meiner Abreise kein Hindernis in den Weg legten. Wir sagten einander Adieu, und fort war ich. Grete, solch ein Lebewohl habe ich in meinem Leben noch nicht gesagt! Nichts that mir leid zu verlassen, im Gegenteil, ich fühlte, daß mir keiner von ihnen schwer zu missen sein würde, und war mir ebenso sehr bewußt, daß auch in den Herzen der Kinder keinerlei Anhänglichkeit für mich vorhanden war, und daß man einzig die ~gêne~ bedauerte, eine neue Gouvernante suchen zu müssen; man wird eben nicht warm mit diesen Menschen hier! --
Am Sylvestertage reiste ich hierher, und zwar in drei Absätzen: erst mit dem Dampfer über die Bai, dann mit der Eisenbahn bis an den Berg, der Petropolis trägt, und dann mit einem Omnibus auf allerdings recht gut chaussiertem Wege hinauf.[4] Ich erwischte einen ziemlich guten Platz in einem der fünf Wagen und hatte auch die Beruhigung, zu sehen, daß meinem Koffer ein ähnliches Glück widerfuhr.
Etwa auf der Hälfte des Weges wurde Station gemacht, und alles drängte sich um eine dort stehende Bude, wo Kaffee, Gebäck und Früchte zu haben waren. Ich war hungrig geworden und trank gierig meine Tasse Kaffee hinunter und biß ebenso eifrig in ein Stück Biscuit-Kuchen, das ich aufgegriffen. Es schmeckte etwas eigentümlich, und als ich es beim zweiten Happen näher besah, fand ich, daß es von Ameisen wimmelte, von denen ich also gewiß soeben eine erkleckliche Anzahl mit verschluckt hatte. Brrr! nicht wahr? Ja, siehst Du, ich war aber schon so verbrasilianert, daß ich nur gleichmütig den Rest der kleinen Gäste von meinem Biscuit abstreifte und diesen dann behaglich zu einer zweiten Tasse Kaffee verzehrte. Dies wird Deine Verachtung ebensosehr herausfordern, wie es entschieden die Ver- und Bewunderung eines jungen Franzosen erregte, der daraufhin eine lächelnde Bemerkung an mich richtete, die ich dummer Weise munter beantwortete, denn seitdem ödete mich dieser galante „Erbfeind“, der glücklicherweise in einem andern Wagen saß, an jeder Haltestelle, und wenn ich alles das hätte essen und trinken wollen, was er mir hinter einander anbot, so wäre ich wohl schwerlich lebend nach Petropolis hinaufgekommen.
Hier ging ich erst in das deutsche Hotel und machte mich dann auf nach der Behausung des Herrn Goldschmidt, Onkels Geschäftsfreund, der hier ein schloßähnliches Haus mit herrlichem Park besitzt, das er in der heißen Zeit mit seiner Familie bewohnt. Da ich sie bei meinem Aufenthalt in Rio zuletzt noch getroffen hatte, so war dieser Besuch nicht mein erster.
Ich wurde in den Saal geführt und gebeten, einen Augenblick zu verziehen.
„Haben Sie keine Stelle?“ schrie es da plötzlich hinter mir, und Frau Goldschmidt, eine äußerst lebhafte Brasilianerin, die rasch aber falsch deutsch spricht, stand mit halb lachendem (sie lacht +immer+), halb ängstlichem Gesichte vor mir.
Grete, die Angst dieser zwanzigfachen Millionärin, ich könne irgend etwas von ihr wollen, war so unbeschreiblich komisch, daß mir wie mit Zauberschlag der Humor zurückkam und ich laut herauslachte. Donna Albertina sah mich starr an.
„Verzeihen Sie“, sagte ich nun auch etwas brutal, „aber es ist zu komisch, daß das Ihre erste Frage war! Nein, ich habe keine Stelle, aber ich werde eine finden, wenn es nötig sein wird.“
Dann kam der Gatte.
„Sehen Sie, mein Fräulein“, dozierte er, „ich war immer ein reicher Mann, denn ich verbrauchte immer nur die Hälfte von dem, was ich einnahm. Ich kam nach Rio mit fünfzig Mark und besitze heute mehrere Millionen: Alles durch jene Praxis! Aber was ich sagen wollte -- gehen Sie jetzt zu unserer Miß Dahlmann; wir haben nämlich unsere Gouvernante nicht im Hause; es geniert mich, fremde Leute im Hause zu haben. Sie ist eine Deutsch-Engländerin und wohnt bei einer einfachen deutschen Familie im Dorfe; vielleicht kann sie Ihnen raten, wo sie am billigsten unterkommen; Sie verbrauchen im Hotel zu viel Geld, das ist schon falsch -- immer nach meinem Prinzip, mein Fräulein, immer nach meinem Prinzip!“
Der kleine Mann amüsierte mich unaussprechlich mit seinem ~mezza voce~ vorgebrachten Redeschwall und den fortwährend nach den Westenärmeln schnappenden Daumen. Seinen, wenn auch ungeforderten Rat betreffs meines Unterkommens beschloß ich jedoch insofern wenigstens zu befolgen, als ich diese Miß Dahlmann aufsuchen wollte, in der ich doch wenigstens eine Collegin fand.
Donna Albertina forderte mich auf, an dem Frühstück teilzunehmen, das eben serviert wurde. „Sehen Sie, mein Fräulein“, begann der Gatte wieder (er scheint diesen Anfang sehr zu lieben), -- „ich lade nur zum Frühstück Leute ein, zu Mittag aber niemals. Wir essen um sechs; nachdem kommt gleich die Abendpost, die ich in Ruhe erledigen muß, und da ist es mir störend, wenn jemand Fremdes da ist. Verstehen Sie wohl? Aber zum Frühstück, da mag kommen, wer da will, da stört es mich weniger“ -- schwupp fuhren seine beiden Daumen in die Westenärmel.
Es wurde Zeit, daß ich ging, Grete, sonst hätte ich den Leuten wieder ins Gesicht gelacht, denn die Heiterkeit steckte mir schon oben in der Kehle. Ich sagte, daß ich bereits gefrühstückt habe, ehe ich hergekommen, daß ich aber zu Miß Dahlmann gehen wolle, wenn sie mir den Weg beschreiben möchten. Daß sie mich so schnell los würden, hatten sie wohl kaum gehofft; in ihrer Freude darüber wurden sie plötzlich sehr liebenswürdig und bestanden darauf, mir einen Neger zur Führung mitzugeben, was ich denn auch annahm. Es geht doch nichts über gute Empfehlungen an Landsleute im fremden Lande -- da kann man doch absolut nicht verderben!!
Miß Dahlmann ist einige Jahre älter als ich und etwas steif und „englisch“, war aber doch gutmütig genug, mir behülflich zu sein, daß ich bei ihrer eigenen Wirtin unterkam, wo wir auch essen. Sie ist meine einzige Gesellschafterin hier und, wenn auch nicht gerade herzlich, so doch auch nicht unliebenswürdig. Sie sieht das Leben im Ganzen weit kühler an als ich, und so verstehe ich es, daß sie bei Goldschmidts aushält. Ich habe mir schon manchen nützlichen, entweder beabsichtigten oder unwillkürlichen Wink von ihr ~ad notam~ genommen und denke ein ganz Teil „landesgewandter“ von hier fortzugehen, als ich kam.