Leid und Freud einer Erzieherin in Brasilien

Part 4

Chapter 43,628 wordsPublic domain

Wir sind in unserm Zimmer sechs Kameradinnen, aber nur ein einziger Waschtisch ist vorhanden, und mich friert entsetzlich in dem mehr als primitiven „Bett“, zumal durch allerlei Spalten und Ritzen im Fußboden dafür gesorgt wird, daß die frische Luft aus einer darunter befindlichen offenen Halle ungehindert hereindringe. Ich bin durchaus nicht erstaunt, als der andere Morgen mich belehrt, daß das kleine Haus unserer Wirthe in der Nacht 27 Gäste beherbergt hat. Man rühmt bei uns die brasilianische Gastfreundschaft und das mit Recht, nur darf man die Sache beileibe nicht nach europäischen Begriffen beurteilen. Der brasilianische Gast beansprucht nichts als eine Matratze und eine wollene Decke, er verzichtet auf jegliche Gemütlichkeit (von Komfort garnicht zu reden), und der brasilianische Wirt ist, wenn er ihm jenes giebt und ihn zu den Mahlzeiten an seinem Kaffee, seinen schwarzen Bohnen und dem gedörrten Fleisch teilnehmen läßt, seiner Pflichten als solcher los und ledig. Ich bin überzeugt, daß die Leute es herzlich gut meinen, aber bei uns würde man doch in solchen Masseneinladungen und in dem summarischen Verfahren bei Behandlung der Gäste eine große Rücksichtslosigkeit oder eine gewisse einfältige Unverschämtheit sehen. Aber wie gesagt, der Wille hier ist entschieden gut, und darum soll sie auch kein Undank treffen.

Am Vormittag herrschte ein buntes Leben. Alle Gäste waren auf den Beinen, um sich das Städtchen anzusehen, und jeder, auch der ärmste Einwohner war stolz und liebenswürdig, denn er fühlte sich als Wirt.

Wir besahen uns zunächst die Kirchen; der kleine Ort hatte deren nicht weniger als drei große aufzuweisen, was den Europäer und zumal den Protestanten in billiges Erstaunen setzen muß angesichts der Ursprünglichkeit der übrigen Verhältnisse. Und diese Kirchen sind nicht etwa hölzerne Kapellen oder Bethäuser, sondern große, massiv steinerne Gebäude, aus portugiesischem Marmor erbaut. Ihr Styl, weder ausgesprochen byzantinisch noch im geringsten gothisch, ist meist geschmacklos und überladen, am meisten immer dem sogenannten Jesuitenstyl nahekommend, und in ihrem Interieur entsetzten mich überall die schrecklichsten Abbildungen der heiligen Trinität, die in bunten Holzfiguren von über Lebensgröße zur Darstellung kamen; auch die Gemälde boten, zumal an Perspektive, das Wunderlichste, das mir je zu Gesicht gekommen.

Und doch habe ich in größerer Bewunderung vor diesen Zeugen der Frömmigkeit eines Volkes gestanden, als ich solche je vor den ragenden Türmen des reizendes Münsters in Ulm oder dem Wunderwerke des Kölner Doms empfunden. Denke Dir mächtige, fußdicke und oft mehr als 2 Meter lange Steine, massive Pfeiler, Treppen und Wälle ringsum, und dann frage Dich, wie sie hierhergelangten! Dann sage Dir, daß jeder dieser Steine auf dem Rücken von Maultieren den Weg von der Küste in’s Innere zurücklegte, eine Strecke, die heute mit der Bahn 16-18 Stunden in Anspruch nimmt, und zu der die Thiere wohl 4-5 Monate gebrauchten; frage Dich einmal, abgesehen von dieser erstaunlichen +Arbeitsleistung+ nach den +Kosten+ eines solchen Werkes, und Du mußt billig mit mir erstaunen und den Geist der Frömmigkeit eines Volkes bewundern, das vor allem andern daran dachte, seinem Gott Altäre zu bauen und seine Heiligen angemessen unterzubringen.

Der folgende Tag, der 29. August, war der eigentliche Tag der Inauguration, weil der der Ankunft des Kaisers. Schon früh am Morgen hatten sich die brasilianischen Schönen in Staat geworfen, und zwar erschienen sie zum Teil in den elegantesten Pariser Gesellschaftskleidern; wer irgend Geld und Verbindungen besaß, hatte sich eine prachtvolle Toilette wirklich aus Paris oder doch mindestens aus Rio kommen lassen und nutzte sie nun auch gründlich aus. Da konntest Du Damen, die sonst das ganze Jahr hindurch nichts wie ein Kattunfähnchen tragen, in hochroten oder kraßblauen, ja gelben und grünen[2] Seidenkleidern sehen, und die Nichte unsrer Wirte, die ein chamoisfarbenes Atlaskleid trug, das ungefähr ihrer eignen Hautfarbe Konkurrenz machte, wird mir nie aus dem Gedächtnis entschwinden. Es war mit rotem Sammet beflaggt und viereckig ausgeschnitten; die Schleppe, deren weißer Spitzenansatz halb abgerissen war, wirbelte im Staube; ihre braunen beringten Hände hielten einen der buntesten Fächer, und anstatt des Hutes hatte sie sich eine tolle Frisur gemacht, die gewiß eigens für diesen Zweck componiert war. Sie war mir am Tage vorher als ein ganz gutmütig dreinblickendes Geschöpf erschienen trotz ihres braunen pickeligen Gesichts und den unordentlich herabhängenden Zöpfen, und niemand hätte so treuherzig wie sie das „Wie geht es Ihnen, geht es Ihnen gut?“ an die Fremde gerichtet haben können, aber in diesem Costüm sah sie wirklich affreuse aus! Ob sie das doch instinctiv fühlte? Wenigstens strich sie einmal plötzlich sehr respektvoll an meinem fußfreien braunen Sammetkleide herunter, dessen Wärme ich sehr gut vertrug, und sagte so recht von Herzen: „~A Senhora esta muito civilisada!~“

An diesem Tage wurden auch endlich die Ehrenpforten aufgerichtet, die seit dem Tage unserer Ankunft halbfertig in den Straßen umherlagen. Es waren Rundbogen, aus dem biegsamen Bambusrohr auf das einfachste hergestellt, ein größerer in der Mitte und zwei kleinere zu den Seiten. Auf dem Straßenpflaster liegend, wurden sie mit farbiger Gaze umwunden, die in Zwischenräumen von 1 Fuß mit bunten Bändern abgebunden wurde; hie und da befestigte man ein Lampion. Diese Allee von Triumphbogen, die auf das kaiserliche Logis zuführte, hätte, passend decoriert, äußerst graziös sein können. Aber in ihrer steifen Umhüllung und dürftigen Beleuchtung machten dieselben, als sie endlich am dritten Tage aus dem Straßenstaub erstanden, einen höchst jämmerlichen Eindruck; zudem blieb, wo sie eingerammt waren, das Straßenpflaster aufgerissen, und die Steine lagen wild umher. Vor dem für den Kaiser bestimmten Hause schloß ein Thor diesen Bogengang, das aus Holz und Papier construiert war und in seiner plumpen und gedrungenen Erfindung einen recht handfesten Eindruck machte. In einer andern Straße erreichte ein Thor, das fast 2 Fuß dick und aus dunkelblauem, buntbemaltem Papier, das man auf Holz gezogen, gebaut war das Menschenmögliche an Geschmacklosigkeit. Eine ganze Straße hatte sich mit gelb und grün gestrichenen Tonnen vor den Thüren patriotisch zu „schmücken“ geglaubt, aus denen hier ein zerrissen Fähnlein flatterte, dort ein wenig Palmengrün hervorsah. Nur der Weg vom Bahnhof zur Stadt bot, auf beiden Seiten von leichten Säulen eingefaßt, auf denen schlankes Grün und zierliche Fähnchen standen, einen wohlthuenden Eindruck dar. Ich war ganz erstaunt über so viel Geschmacklosigkeit und Ungeschick! Was hätten wir nicht in unserm Deutschland allein schon mit diesem Reichtum an +natürlichem+ Schmuck zu machen gewußt, über den Brasilien verfügt! Gebt uns einmal weiter nichts als diese nickenden Palmzweige, diese pomphaften Bananenblätter, diese leuchtenden Orangen in ihrem dunkeln Grün, gebt uns die entzückend feinen Tannenarten Brasiliens, diese Schlingpflanzen von oft 10-20 Meter Länge, diese großen, glühenden, sattfarbenen Blumen, diesen seidetragenden Painabaum, dessen weiße Flocken Du wie Schnee verwehen kannst, gebt uns alles das und in solchem Ueberfluß wie hier -- und die kleinste deutsche Stadt würde ohne jene armseligen Tarlatanfetzen, ohne Hülfe von Holz und Papier sich ein märchenhaft Kleid anziehen. Meinst Du nicht auch, Gretel? Aber nun möchtest Du natürlich vom Kaiser hören. Also:

Abends um 7 Uhr strömte, was einheimisch und fremd war, nach dem Bahnhof, wo ~Dom Pedro~ ankommen sollte, und da sich der Zug um fast 3 Stunden verspätete, auch kein einziger Schutzmann oder sonstiger Ordnungsbeamte die lieben Unterthanen in ihrem loyalen „Drängen“ hinderte, so hatte die Menge Zeit und Freiheit, sich zu einer ganz anständigen Mauer anzustauen.

Endlich kam der Zug. Die Lokomotive war unterwegs zerbrochen, man hatte eine andere geholt, und der Kaiser hatte zwei Stunden lang auf der Station ~Entere Rio~ warten müssen, wo man eben am Malen und Tapezieren war. Alles das hatte ihm aber, wie es schien, die gute Laune nicht verdorben: „Hat man auch für ein Konzert oder einen Ball gesorgt?“ hörten wir ihn fragen.

Er grüßte fortwährend mit dem Hute und der Hand, die Kaiserin nickte rechts und links, und dann wand sich der kleine Zug so allmälig mit Geduld und guten Worten durch die geschätzten Unterthanen aller Schattierungen hindurch, um im „Wartesaal“ (ich beleidigte einen Brasilianer durch meine Frage, ob das die Durchfahrt sei) offiziell von den Bahndirektoren empfangen zu werden. Unsere Gesellschaft benutzte diese Verzögerung, um so schnell als thunlich nach dem kaiserlichen Logis in der Stadt zurückzueilen, wo wir unserseits das hohe Paar mit „empfangen“ durften.

Man hatte mittlerweile illuminiert. Einige -- ~entre nous~, schauderhafte -- Transparente waren das Bedeutendste dieser Leistung. Viele Häuser hatten sich damit begnügt, eine Art von Wagenlaternen zu beiden Seiten ihrer Fenster zu befestigen. Eine Straße hatte an einer Seite einen Bindfaden gezogen und ihn mit Lampions bereiht; die andere Seite war dunkel. Das Thor vor dem kaiserlichen Logis war durch eine Schnur kleiner Lämpchen erhellt, die beinahe gut ausgesehen hätten, aber die Lämpchen waren nicht alle angezündet, und die unterbrochene Lichterschnur war nun einfach störend. Es hat wirklich manchmal den Anschein, als würde der Brasilianer bei all seiner Neigung zum ~show~ nicht zufrieden sein, wenn er etwas Ordentliches leisten würde, als widerspräche es seinem Wesen, denn oft ist für die volle, gründliche Leistung garnicht einmal ein viel größerer Müheaufwand erforderlich. Oder +sehen+ sie dergleichen nicht?!

Wir kommen an, werfen Hut und Plaid ab und ziehen den rechten Handschuh aus, denn die brasilianische Etiquette gestattet nicht, daß man die Majestäten mit Handschuhen anfaßt. Dann stellen wir uns im Hausflur auf -- nur 12 Personen! Die Menge schien bereits abgekühlt oder ihre Neugier befriedigt.

Wir zwölf (denke Dir, Deine Ulla mit!) „machen die Wirte“. Das Haus war Privateigentum und nur „hergeliehen“ für den kaiserlichen Gast; es gehörte einer verwittweten Baronin, welche in Rio lebt, die für europäische Begriffe fast mehr als einfachen Rohrmöbel teils derselben Dame, teils andern Patrioten; wer etwas Hübsches besaß, hatte es herbeigetragen. Wir gingen rasch erst noch durch alle Zimmer; nirgend erschien es mir gemütlich außer in dem Speisesaal, wo eine kleine Tafel durch einen französischen Koch wunderhübsch gedeckt und besetzt war.

Als wir wieder hinunter kamen, wurde gerade ein Piquet Soldaten vor der Thür in mir unverständlichen Kommandos von einem Korporal angeschrieen und vollführte ein „Rechtsum“, das mich in die beste Laune versetzte. Gretele, da machen’s unsere rekrutesten Rekruten besser! Der Korporal zog einen Mann am Knopf etwas nach vorn, drückte den andern mit dem Säbel ein wenig zurück, und dann überließ er es ihrem loyalen Gutdünken, ob sie so bleiben wollten.

Jetzt aber rasselte ein Wagen über das Straßenpflaster ... „~O Imperador!~“ donnerte eine Stimme, und „Viva!“ schrie die allerdings nicht sehr zahlreiche Menge draußen. Neugierig streckte ich den Kopf vor. Ein hoher stattlicher Herr im weißen Bart schüttelte Dr. Rameiro, der in der Thür stand, kordial die Hand, dann tritt der stattliche Herr in den Flur, schüttelt den Damen, die sich nur leicht verneigen, die Hände und dann den Herren. Ich hatte mich wohlweislich als Letzte in die Reihe gestellt, um alles nachmachen zu können, was die Brasilianerinnen thaten. Hinter dem Kaiser kam eine sehr kleine, etwas verwachsene Dame, in einfachstes Schwarz gekleidet, und ließ sich mit wohlwollendem Lächeln in der Runde die Hand küssen. Das waren der Kaiser und die Kaiserin von Brasilien! Du glaubst garnicht, Grete, wie mir zu Mute war. Es war so schrecklich einfach. Und ich hatte mir so einen Kaiserempfang bei den pomphaften Brasilianern so ganz anders gedacht -- es war so garnichts zum Eindruckmachen!

Dom Pedro bietet seiner Gemahlin den Arm, und das einfache Paar steigt langsam die Treppe hinauf. Wir folgen. Oben setzt sich die Kaiserin in der salla de visita auf das Sofa, die anwesenden Damen schließen sich nach dem Beispiel der einzigen Hofdame rechts und links auf den rechtwinkligen Stuhlreihen an, und die arme alte ermüdete Fürstin quält sich für jeden noch ein freundliches Wort heraus, während der Kaiser wie ein Jüngling ohne die geringste Spur von Erschlaffung unter den Herren steht. Und denke Dir, Grete, er hat auch mit mir gesprochen! Ich erschrack zuerst so, als er mich anredete. Er fragte nach meinem New-Yorker Onkel, der lange Jahre in Brasilien gelebt hat und von Dom Pedro sehr bevorzugt wurde. Der Kaiser soll sehr gut deutsch sprechen, sprach aber zu mir französisch. Nach einem kurzen Anstandsverweilen verließen „die Wirte“ das Haus, die hohen Herrschaften waren nicht aufgelegt zu einem formellen Souper, und so wurde bald alles still und dunkel in dem Hause der verwittweten Baronin.

Aber nicht lange war den hohen Gästen Ruhe gegönnt. Des Kaisers landwirtschaftlicher Minister, Buarque de Macedo, der sich mit unter seiner Begleitung befand, war schon unterwegs von einem heftigen Unwohlsein befallen worden, und um Mitternacht meldete man dem Kaiser, der diesbezüglich Befehl gegeben, daß derselbe wohl seinem Ende entgegensehe. Sofort begab sich der Kaiser selbst an Ort und Stelle; Dr. Rameiros Bruder, der Arzt ist und auch in unserm Hause logiert, wurde hinzugerufen. Zu spät! Da war keine Hülfe mehr möglich. Noch eine Zeitlang schwebte der Kranke zwischen Leben und Sterben, dann seufzte er auf: „Meine arme Familie!“ Kaum hatte der Kaiser noch Zeit, ihn über ihr Schicksal durch ein hastiges Wort zu beruhigen. Im Morgengrauen ging Dom Pedro über die geschmückten Straßen nach seinem Logis zurück; im nächsten Morgengrauen führte ihn sein Wagen wieder an den Bahnhof; alle weiteren Feierlichkeiten unterblieben.

Ich glaube aber, wir haben wenig daran verloren, denn eine Aufführung der „Glocken von Corneville“, die wir einen Tag sahen, war entsetzlich, und bei einer musikalischen Matinée, wo das Orchester nach dem Metronom, und als das auch noch nicht half, nach dem energisch tactierenden Fuße des Leiters spielte, haben wir ungezogener Weise so gelacht, daß wir uns den regsten Unwillen der andächtigen „Eingebornen“ zuzogen.

Ich fürchte übrigens nächstens den Deinigen, wenn ich diesen Brief noch länger werden lassen, darum für heute Schluß!

Deine getreue +Ulla+.

[2] Die brasilianischen Landesfarben.

Saõ Francisco, den 17. September 1881.

Ach liebste Grete, wenn Du wüßtest, wie sauer mir hier manchmal so ein Tag wird! Wie die Stunden schleichen, wie alles so schwerfällig erscheint! Die Kinder sind unartig, das Vehmgericht passiv, das ganze Haus laut, und man fühlt sich so allein, so unbeschreiblich vereinsamt! Zudem fängt die ganze Sache an, mich sehr anzugreifen. Die neuralgischen Schmerzen dauern fort, wenn auch Gottlob in vermindertem Maßstabe, und ich habe sehr oft Migräne, die ich besonders dem Lärm und der ganzen Unbehaglichkeit der häuslichen Einrichtungen zuschreibe. Die Nerven dieser Menschen müssen Stricke sein -- leider! Sonst würden sie Rücksichten auf Andre kennen!

Stelle Dir einmal folgende Scene vor und dann appelliere an Deine eignen Nerven, ob sie es ertrügen.

Ich gab der kleinen Leonilla eine Klavierstunde in dem sogenannten Arbeitszimmer von Dona Alfoncina, denn die Kinder haben ihre Stunden nicht auf dem Flügel in der ~salla de visita~, sondern auf einem ehrwürdigen Tafelförmigen. Besagtes „Arbeitszimmer“ liegt so ziemlich in der Mitte des Hauses, und allerlei Räume münden in dasselbe ein, nämlich eine Vorratskammer, das Badezimmer, das Schlafzimmer der Kinder, das des Vehmgerichts, ein Kleiderzimmer und die Nähstube. Nun kannst Du Dir eine kleine Vorstellung machen, wieviel Lärm in diesem angenehmen Raume schon unter normalen Verhältnissen gehört werden kann; heute aber war es gerade, als hätte der alte ~gentleman~ sein Spiel! Man hatte nämlich Mäuse in der Vorratskammer entdeckt, und ohne Verzug kommandierte Dona Alfoncina zwei Negerinnen und einen Neger herbei, die den ganzen Raum leer machen mußten, damit man die Löcher finde. Während ich also an dem verstimmten Tafelförmigen resigniert mein ~un~, ~deux~, ~trois~ zählte und Leonilla mit Ausdauer immer dieselben Fehler machte, baute sich unter lautem Kommando von Dona Alfoncina rings um uns eine Wagenburg von Kisten, Fässern, Säcken etc. auf. Der Lärm, der durch diese Prozedur verursacht wurde, die lauten Kommandos und gelegentlichen Mißfallensäußerungen der Herrin waren an sich schon betäubend. Dazu stand neben dem Klavier die Thür zur Nähstube offen, von wo heraus wir die zwei Maschinen klappern hörten; in dem Nachbarraum schrie’s aus einem Bambuskorbe und dazwischen frohlockten Papageien und andre Vögel. Zum Schluß wurde noch eine kleine Mulattin, die Dona Gabriella lesen lehrt, durch die sich aufbauende Wagenburg aus ihrer Ecke, wo sie „studierte“, fortgetrieben und stand plötzlich hinter meinem Stuhl, eintönig ihr b -- a ba, b -- e be, b -- i bi murmelnd! Das war zu viel! Wütend sprang ich auf, ergriff die Noten, rief Leonilla, mir in den Saal zu folgen und gab die Stunde da zu Ende. Man hat mir das furchtbar übel genommen und hält +mich+ bei der ganzen Sache für die Rücksichtslose!

Ja, ja, wenn Menschen zu viel Nerven haben, ist es wohl schlimm, aber wenn sie garkeine haben, ist es noch peinvoller für Andre. Und so scheinen mir die Brasilianer geartet. Ich bezweifle, daß ich hier allzu lange mit meiner Gesundheit reiche! Schreibt mir nur recht oft, ich fühle mich sehr einsam und weltfern. Wenn ich doch nur wenigstens einmal ein deutsches Wesen zu sehen bekäme!

Deine arme +Ulla+.

Uebrigens habe ich mit dem Zimmer gewechselt, da es mir in dem vorigen, sonnenlosen vor Feuchtigkeit unerträglich wurde, ich auch eines Mittags eine Schlange unmittelbar vor meinem Fenster sah -- hu, die ekelhaften Tiere! Wir sehen oft welche.

Saõ Francisco, den 5. October 1881.

+Meine liebe Grete!+

Es ist gerade, als hätte die Vorsehung den Stoßseufzer in meinem letzten Briefe an Dich zu Gesichte bekommen! Das „deutsche Wesen“ ist da! Und das wunderlichste obendrein, das Du Dir vorstellen kannst -- das Gaudium des ganzen Hauses und, daß ich’s nur gestehe, meines auch. Es ist ein Naturforscher, ein älterer Herr, dem auf die Empfehlung eines italienischen Collegen hin Dr. Rameiro das Haus „zu Befehl“ gestellt hat für die Dauer seines Aufenthaltes in dieser Gegend Brasiliens.

Unser guter Landsmann, dessen Französisch absolut unzulänglich ist, und der sich ziemlich vergeblich abmüht, sein deutsch accentuiertes Latein dem Portugiesischen anzupassen, wäre ohne mich als seinen Dolmetsch völlig verloren. Er ist ein „Gelehrter“, wie er in Büchern steht, und würde mit seiner Pedanterie und seiner wunderlichen Kleidung selbst bei uns komisch sein, hier aber sehe ich es dem Vehmgericht trotz ihrer unbeweglichen Gesichter an, wie es sie entzückt, sich über etwas Deutsches lustig machen zu können, und ich bin gewiß, daß sie überzeugt sind, alle Deutschen wären genau wie dieser Professor. Zu dem, was man so Plaudern nennt, ist er gerade nicht gemacht, aber er ist doch ein Landsmann, und ich höre doch wieder deutsche Worte! Was das für eine Wonne ist, Grete! Ich könnte den garstigen kleinen Pedanten küssen bloß dafür, daß er ein Deutscher ist!

Aber ich wollte Dir eine Geschichte erzählen, die ihm gestern passierte, und über die ich gelacht habe, wie noch nie, solange ich hüben bin.

Gestern war Sonntag, und als ich im Genusse meiner Muße am Nachmittage vor der Thür sitze, steht plötzlich die sonderbarst ausstaffierte Gestalt von der Welt vor mir. Eine große blaue Brille auf der Nase, einen weißen Strohhut auf dem Haupt, eine mächtige Botanisiertrommel an der Seite, ein grünes Schmetterlingsnetz über der Schulter, aus der rechten Rocktasche ein „Handbuch der Botanik“, aus der linken ein umfangreiches Werk über Insectenkunde -- wer konnte in diesen Attributen anders stecken als ein deutscher Gelehrter! Unser guter Professor forderte mich auf, die Genossin seiner ersten Entdeckungsreise auf der Pflanzung zu sein, allein die Sache hatte für mich wenig Reiz, und die Sonne war mir auch noch zu drückend; so bat ich ihn, mich zu entschuldigen. Die Kinder kamen heraus und spielten vor der Thür, und Dona Gabriella und der Doktor setzten sich zu mir auf die Bank. Als wir aber kaum ¾ Stunden da gesessen hatten, wurden wir plötzlich wild aufgeschreckt.

Um die scharfe Biegung, die der Weg grade neben dem Hause macht, stürzte es hervor, atemlos, bis an den Hals beschmutzt, einen Stiefel von einem Schlamm-Überzug bedeckt, den andern dadurch ersetzt, brillenlos, hutlos, ohne Botanisiertrommel, das leere Schmetterlingsnetz wie eine Fahne in der Hand -- die Reste eines deutschen Gelehrten, der ausgezogen war, Natur zu forschen! Keuchend sank er auf die Bank nieder, entsetzt starrte ihn der Doktor an und blickte dann hilfeflehend auf mich, die ich schon mein: „Was ist denn nur geschehen?“ herausgestoßen hatte.

„Geschehen! ach! oh! Ich werde verfolgt! Man will mich umbringen! Ermorden! Uff! ah, meine schönen Pflanzen -- eine solche Orchis! Und diese intressanten Sandflöhe, o, ich hatte ein Prachtexemplar unter der Lupe....!“

„Aber wer in aller Welt verfolgt Sie denn?“

„Wer? die Wilden, die Menschenfresser, die -- ach!“

„Welche Wilden denn?“

„Da, da, sehen Sie nur, wie der Kerl herbeistürzt, selbst sein Herr wird ihn nicht zähmen können, retten wir uns in das Haus!“

„Aber das ist ja ein Neger der Pflanzung!“

„Ja, ja, ja, meinetwegen, aber ich sage Ihnen, daß er wild ist und daß ich ihm nur mit Mühe entgangen bin“, schrie der arme kleine Mann in heller Verzweiflung und stürzte mit Aufraffung seiner letzten Kräfte in das Haus.

Lächelnd und kopfschüttelnd übersetzte ich diese aufgeregten Aphorismen dem Doktor, der sie achselzuckend anhörte. Ganz atemlos kam jetzt der Neger näher, er hielt in der linken Hand das Handbuch der Botanik, in der rechten das von der Insectenkunde; er streckte eins mir, eins dem Doktor entgegen und keuchte dabei zwei Mal „~Sos kiss~“, „~sos kiss~“ hervor.

„Was giebt’s?“ herrschte ihn sein Herr an.

„~Senhor, sim senhor~“, sagte der Schwarze, „der deutsche Herr, der bei ~Senhor~ zum Besuch ist, ist verrückt.“ Wir konnten beide das Lachen nicht unterdrücken.

„Er sagt, +ihr+ seid +wild+. Was habt ihr ihm gethan?“

„Nichts, Herr, nein Herr. Wir arbeiteten im Kaffee, da kam der deutsche Herr daher. Wir liefen auf ihn zu, um „~sos kiss~“ zu bieten. Der Herr sah uns nicht und ging rasch zu, ~sim Senhor~. So liefen wir etwas näher heran. Da begann er zu laufen, schnell, schnell, warf seine Schachtel ab, seinen Hut, seine Bücher, und lief auf den Morast beim Teiche von Sanct Hieronymus zu, ~sim Senhor~. Wir schrieen ihm zu, aber er wollte nicht hören und lief immer mehr. Wir schrieen lauter, daß der Herr nicht in den Morast laufen sollte, aber der Herr stürzte weiter, ~sim Senhor~, und ist durch den Morast gelaufen.“

Dieser Bericht wurde in vielen Absätzen und von zahllosen und oft, wie Du siehst, sinnlosen „~Sim Senhor’s~“ unterbrochen, hervorgestottert. Während dessen aber sammelten sich hinter dem Sklaven eine ganze Gesellschaft seiner schwarzen Genossen an: der eine hielt den Hut, der andre die Botanisiertrommel, der dritte die zertrümmerte Brille, der vierte den schlammigen Schuh des armen Gelehrten, und alle streckten uns diese mannichfachen Gegenstände mit ihrem stereotypen „~sos kiss~“ auf das bekümmertste entgegen.