Leid und Freud einer Erzieherin in Brasilien

Part 3

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Wie fein hatten sich aber auch die Schwarzen gemacht! Erst langsam und verlegen, dann zuversichtlicher und endlich einander drängend und den Rang ablaufend kamen zunächst die Älteren und Erwachsenen heran; die Jugend mußte warten, da nur etwa hundert Personen zugleich sitzen konnten. Es war zu drollig anzusehen, womit manche dieser guten Einfaltsmenschen sich „geschmückt“ hatten: Die Männer hatten augenscheinlich ihren Ehrgeiz in dem Tragen von Röcken gesucht, die sie entweder geschenkt bekommen oder wohl für ein Geringes von einem herumziehenden Trödler erstanden hatten; einer hatte sogar einen alten Frack an. Wer es aber nicht zu einem Rock hatte bringen können, der hatte doch wenigstens einen Hut, und zwar mit Vorliebe einen Cylinder, erworben.

Graziöser schon präsentierten sich die Frauen, die sich mehr auf das Bunte geworfen hatten, und von denen einige mit äußerster Grandezza sämtliche Farben des Regenbogens zur Schau trugen: ein rother Turban, ein blaues Kleid und ein grüner Gürtel verursachen ihnen absolut keine Gewissensbisse.

Ganz besonders hübsch und sehr eigenartig wurde das Bild, nachdem eine Menge bunter Lämpchen angezündet waren, die die Scene mit ihrem Flimmern phantastisch erleuchteten, und am kaltklaren Himmel darüber das Kreuz des Südens leuchtend ausgegangen war. Wir betrachteten das Ganze von den Fenstern des Hauses aus, und Du kannst Dir denken, wie besonders für uns Europäer das Bild fesselnd und interessant war.

Auch ihre Tischrede und ihren Toast hatten die schwarzen Gäste. Die kleine Leonilla ergriff nämlich im Scherz ein Zeitungsblatt, reichte es zum Fenster hinaus einem alten Neger zu und rief: „Lies, Porphyrio!“

Porphyrio, ein famoser alter Neger mit ergrautem Krauskopf, nahm das Blatt, besah es mit halb komischem, halb wehmütigem Pathos von allen Seiten und fing dann an zu reden: „Meine kleine Senhora hat mir befohlen zu lesen, doch Porphyrio kann nicht lesen. Aber Porphyrio kann sprechen und er hat auch was zu sagen. Ich muß etwas beichten vor Senhor und Senhora -- sie leben --“ „Viva!“ schrieen die Neger.

„Ich muß beichten, daß ich im vorigen Jahre schlecht gesprochen habe von Senhor, weil er uns kein Erntefest gegeben hat. Ich habe gesagt: „Warum hat Senhor die Säcke gezählt und hat uns arme Neger dann vergessen?“ Und ich bin zornig gewesen in meinem Innern. Aber dies Jahr hat sich Senhor unserer wieder erinnert und Senhora auch -- viva Senhor --“

„Viva!“

„Viva, Senhora --“

„Viva!“

„Und dafür wollen wir ihnen danken. Und für noch etwas wollen wir danken. Nämlich dies. Wie haben wir armen Schwarzen uns früher quälen müssen mit dem Reinigen des Kaffees, wie haben wir die Frucht der Ricinusstaude schlagen müssen, um ein wenig Öl zum Brennen zu gewinnen -- jetzt hat unser Senhor Maschinen kommen lassen aus fremden Ländern, die sie England und Deutschland nennen, so daß wir es viel besser haben. Dafür wollen wir danken: viva, Senhor --“

„Viva!“

„Viva, Senhora!“

„Viva!“

So ging es noch eine Weile mit den Vivas fort, bis dann die Erwachsenen den Halbwüchsigen und Kindern Platz machten und ihrerseits auf dem freien Platz vor dem Hause ihre geliebten Tänze begannen.

Sie stellten sich im Kreise auf und dann ertönte eine ohrenzerreißende Musik. Aus Tonnen waren zwei Trommeln hergestellt, die zwei Neger in monotonen Schlägen bearbeiteten, eine Blechrassel vollführte die möglichst unmusikalische Begleitung, und dazu wurde eine eintönige Melodie von zwei Strophen gesungen, die ohne Ermüdung der Sänger wiederkehrte, bis ich 64 Mal gezählt hatte. Beim Klange dieser „Harmonien“ wurde also getanzt und zwar so, daß immer nur eine Person inmitten des Kreises den Tanz ausführte und dann eine andre zur Ablösung hervorzog. Ich muß zur Schande der weiblichen Theilnehmer gestehen, daß sie den männlichen an Grazie und Schwung bei weitem nachstanden, und zumal war unser kleiner unausstehlicher Purzelbaum-Muleque, der Tonino, ganz brillant in seinen geschickten schlangenartigen Bewegungen.

Wer nicht tanzte, beschäftigte sich mit dem Feuerwerk, denn das ist eigentlich die Feier, die der heilige Johannes sich für seinen Namenstag in Brasilien ausbedungen zu haben scheint. Vor dem Hause waren zwei hohe Feuer nach Art unsrer Osterfeuer aufgeschichtet und erhellten mit phantastischem Flackern und Leuchten die Scene; tanzende Negerknaben warfen Leuchtkugeln und Raketen in die Luft, und unter dem kaltklaren, funkelnden Sternenhimmel dieses kältesten Tages im Jahr auf der freien weiten Rasenfläche erschien alles dies ungemein malerisch und poetisch.

Unvergeßlich vor allem wird mir aber eine kleine Scene dieses Abends bleiben, die ich gewünscht hätte, mit Pinsel und Farbe festhalten zu können, um sie Dir in all ihrem Reiz zu veranschaulichen. Unter dem fortdauernden Lärm der Trommeln und Blechrasseln schritt eine graziöse Mulattin, das Gesicht gegen die Sterne gerichtet, die Augen geschlossen und den rechten Arm ausgestreckt, +barfuß+ durch die rotglühenden Kohlen des gesunkenen Feuers, während über ihr die bunten Leuchtkugeln aus der dunkeln Luft zurückfielen. Man glaubte, eine Somnambule zu sehen, so sicher schritt sie einher. Ich traute meinen Augen kaum und schaute ihr mit angehaltenem Atem und einer Art stummen Entsetzens zu. Allein ruhig lächelnd zog sie nachher ihre Schuhe wieder an: An Saõ Joaõs Tag verletzt das Feuer niemanden, sagen die Neger.

Weißt Du auch, Gretele, daß mir schon ganz neidisch zu Mute wird, da ich eben nur an ein Feuer denke? Mit welcher Hochachtung werde ich den ersten Ofen wieder begrüßen! Dona Gabriella, die immer noch die Freundlichste ist von dem Vehmgericht, bot mir neulich an, mein Zimmer durch große Wannen voll heißes Wasser zu erwärmen, aber das würde gewiß nur die ohnehin schon ungesunde Feuchtigkeit des Zimmers erhöhen und dabei wenig helfen. Wer mir gesagt hätte, daß ich am meisten in meinem Leben in -- Brasilien frieren würde! Meine Neuralgie will auch immer noch nicht weichen, und ich verbleibe daher heute wie schon seit Wochen -- unter Zahnschmerzen

Deine +Ulla+.

Saõ Francisco, den 14. August 1881.

+Herzensgretele!+

Die Neger spielen doch die Hauptrolle in diesem Lande, und ich finde, daß sie im Grunde viel mehr die Herren als die Sklaven der Brasilianer sind. Jede Arbeit wird von Schwarzen verrichtet, der ganze Reichtum durch +ihre+ Hände herbeigeschafft, denn der Brasilianer arbeitet nicht, und ist er arm, so schmarotzert er lieber bei wohlhabenderen Verwandten oder Freunden umher, als daß er redlich die Hände rührte. Auch jede +häusliche+ Dienstleistung geschieht von Negern. Da fährt Dich der schwarze Kutscher, da wartet Dir die Negerin auf, da steht der schwarze Koch am Herde, da säugt die Sklavin das weiße Kind -- ich möchte bloß wissen, was diese Menschen anfangen wollen, wenn einmal die Sklaven-Emancipation ganz und gar vollzogen ist! Wir waren uns ja drüben in Europa recht wenig klar über das diesbezügliche Gesetz hier und glaubten wol eigentlich, daß es die Sklaverei gänzlich aufgehoben habe. Dem ist aber nicht so. Es bestimmte nur, daß von dem Tage seiner Proklamation an, also vom 28. September 1871 an, kein Unfreier mehr in Brasilien +geboren+ werde. Was also bis dahin schon lebte und Sklave war, muß es bleiben bis zum Tode, bis zum Loskauf oder zur Freilassung. Was aber jetzt an solch kleinem schwarzen „Kroppzeug“ geboren wird, das hat keinen Wert für die Herren und nur die Bedeutung unnützer Esser. Es geschieht daher auch nichts für sie, es wird ihnen nicht einmal wie früher diese oder jene Handfertigkeit beigebracht, denn -- „man hat ja später nichts davon“. Anderseits werden sie wiederum als „freie“ Menschen von dem Brasilianer mit etwas mehr Hochachtung behandelt als die geborenen Sklaven.

So wurden hier heute Mittag acht solcher kleiner Weltbürger feierlich getauft!

Ich hatte schon beim Frühstück ein wunderliches altes Herrchen bemerkt, der wenig sprach und das Wenige in einer mir total rätselhaften Sprache, die Dr. Rameiro in dem ihm geläufigen Italienisch erwiederte, der mir aber durch ein riesenhaftes rotbuntes Taschentuch, an das er eine große Anhänglichkeit zu haben schien, auffiel und dadurch, daß er ungezählte Bananen ver -- schlang hätte ich beinahe geschrieben -- also +verzehrte+. Wie erstaunte ich, als er sich nachher als ein katholischer Reisepriester entpuppte, für den ich ihn niemals gehalten hätte, zumal er in gewöhnlichem Civilhabit reiste. Er war geborner Italiener, aber schon in allen Erdteilen gewesen und hatte die Weltsprache, die er spricht, gewiß schon erfunden, ehe in Europa jemand an so etwas dachte.

So gegen zwölf Uhr wurde in der großen ~salla de costura~, vulgo Nähstube, ein mächtiger, büffetähnlicher Schrank geöffnet, über dessen Inhalt ich schon immer gegrübelt hatte, und zum Vorschein kam -- die Mutter Gottes nebst Jesuskind, Schleifen, Kränzen, Krone, Hals- und Armbändern und Ohrringen. Der Neger Felicio, den ich sonst nur als Hausschneider an der Nähmaschine zu sehen gewohnt war, amtierte, ebenso wie der Priester in Ornat, als Meßdiener. Das Ganze war merkwürdig für meine evangelische Seele, Gretel!

Eine nach der andern erschienen nun die Negerinnen-Mütter mit ihren jüngsten Sprößlingen, die alle sehr nett, einige sogar mit weißen gestickten Kleidchen und bunten Schleifen herausgeputzt waren, und zwar durch die Güte des Vehmgerichts (hier darf ich sie wohl garnicht mal so nennen!), die sich zu ~madrinhas~ d. h. Patinnen dieser kleinen schwarzen Mitchristen hatten bereit finden lassen.

Was übrigens die Farbe betraf, so wunderte ich mich über die sehr wenig dunkle, ja fast weiße Haut der meisten dieser Kinder. -- „Sie +werden+ schwarz“, sagte man mir mit einem Lächeln, das halb den Neger verachtete, halb meine Unwissenheit, „nur die inneren Handflächen und die Fußsohlen bleiben weiß. Sie sagen, als Ham nach Afrika ausgewandert sei, habe er auf Befehl des Herrn mit Füßen und Handflächen das Wasser des Jordan berührt, das dann vor ihm zurückgewichen sei; von dieser Berührung seien bei ihm und seinen Nachkommen jene Stellen weiß geblieben, auch im Sonnenbrand Afrikas.“

Die Ceremonie begann, und ich war stummer Zeuge, wie diese acht plattnäsigen, wollköpfigen kleinen Scheußlichkeiten die Namen: Cäsar, Felicio, Messias(!), Illyia, Angelica, Maria Salome, Marcella und Ruth erhielten. Warum sollten sie freilich auch nicht die schönsten Namen bekommen? Sind doch diese Taufnamen, die ihnen das alte portugiesisch-italienisch-lateinisch kauderwelschende Priesterlein auf Wunsch und Wahl der Herrschaft erteilte, die einzigen, mit denen sie sich ihr Lebelang begnügen müssen. Denn wenn auch die meisten dieser Mütter verheiratet sind, so haben ja auch diese keine Familiennamen. Deshalb nehmen die freigewordenen Sklaven aus Mangel an einem solchen nach ihrer Freilassung gewöhnlich den Namen ihrer früheren Herrschaft an -- -- angenehm für diese, nicht wahr!!

Da ich nun aber einmal bei den Negern bin, muß ich Dir noch eine Geschichte erzählen, die hier neulich passierte.

Es war eines Abends in der vorigen Woche und draußen so gar „kühl und labend“, dass es beim warmen Thee drinnen ganz gemütlich war, als vor dem Hause plötzlich ein schüchternes Händeklatschen ertönte, das alle unsre Hunde in Bewegung setzte und auch bei uns drinnen ein allgemeines Aufhorchen zur Folge hatte. Das Händeklatschen ersetzt hier nämlich die Hausglocke, und wenn man in ein Haus einzutreten wünscht oder eintritt, besonders auf dem Lande, muß man sich draußen oder im Flur auf diese Weise bemerkbar machen, wenn man nicht für einen Dieb gehalten werden will. Alles wunderte sich natürlich, wer so spät noch kommen könne, und Tonino wurde hinausgeschickt, um nachzuschauen. Er ging etwas ängstlich, purzelbaumte dann aber vergnügt wieder bis an die Schwelle.

„Draußen sind zwei Onkels, Herr“, meldete er. Die älteren Schwarzen werden nämlich von den jüngeren ~tio~, Onkel, und ~tia~, Tante, genannt, auch wenn sie einander garnicht kennen, und ich finde, das darin ausgesprochene Verwandtschaftsgefühl dieser Paria hat etwas Rührendes; nicht wahr?

Zwei Neger? Es war kaum anzunehmen, daß ein Nachbar noch so spät eine Botschaft sende, und was konnten sie sonst wollen! Dr. Rameiro ging hinaus und kam nach einer Weile zurück, sein sonst so joviales Gesicht ganz verdüstert!

„Nun?“ riefen wir alle.

„Zwei unglückliche Schwarze“, sagte er, „die mich um Jesu willen bitten, sie zu kaufen.“

„Wo kommen sie her?“

„Von Dr. Albus Pflanzung.“

„O, die Armen! Der ist bekannt dafür, daß er seine Neger quält“, sagte Madame. „Mein Mann braucht einem widerspänstigen Schwarzen nur zu drohen, ihn an Dr. Albu zu verkaufen, dann wird er gleich gehorsam.“

„Was wirst Du thun, Papa?“ fragte Dona Olympia.

„Was +kann+ ich thun, mein Kind?“ rief der alte Herr erregt. -- „Er wird sie garnicht gern verkaufen wollen und mir also jedenfalls einen übermäßigen Preis stellen; außerdem ist er, wenn ich mich gegen ihn einlasse, mein unversöhnlicher Feind, und Du weißt, daß ich sehr wahrscheinlich ihm bereits den heftigen Waldbrand im vorigen Jahre verdanke, den sich niemand erklären konnte.“

„So müssen die armen Kerle zurück?“ fragte ich.

„Ich kann sie nicht im Hause behalten. Es ist Eigentum, und behielte ich sie auch nur eine Nacht unter meinem Dache, so würde das schwerlich anders als wie eine Verhehlung flüchtiger Neger ausgelegt werden. Dem kann man sich nicht aussetzen, zumal wenn man selber noch Schwarze hat und haben muß. Diese Vertrauensbeweise sind ja an sich recht schön und schmeichelhaft, aber entsetzlich peinlich! Dies ist nicht das erste Mal, daß es mir so ergeht.“

„So giebt es also wirklich Pflanzungen, wo noch die schlimmen Zustände aus Onkel Toms Hütte wiederzufinden sind?“ erkundigte ich mich.

„So arg dürfte es wohl nirgends bei uns sein und ist es wohl auch kaum je gewesen. Der Brasilianer ist gutmütiger als der Nordamerikaner, und die schwarze Race nimmt bei uns überhaupt eine andre Stellung ein. Sie sehen, sowie der Neger frei ist, wird er hier als gleichberechtigt behandelt: wir haben farbige Lehrer, Künstler, Ärzte, Abgeordnete, ja Minister, und die Prinzessin befiehlt auch Farbige zum Tanz. Die Verachtung auf der einen und demgemäß die Erbitterung auf der andern Seite ist hier nicht so groß wie bei unsern nordischen Brüdern. Freilich giebt es auch bei uns einzelne brutale Kreaturen, welche die armen Schwarzen in der That mißhandeln, wie Sie eben einen Beweis davon gehabt haben.“

„Was wird nun aus diesen beiden armen Teufeln?“ fragte ich.

„Sie werden heute Abend noch tüchtige Hiebe bekommen und nur um so strenger gehalten werden; derartige Streiche sind zu thöricht. Dann werde ich sehen, ob ich sie entweder selber freikaufen kann oder sie einer Abolitionisten-Gesellschaft empfehlen.“

„Wenn ihr Herr sie nun aber nicht verkaufen +will+?“ warf ich ein.

„Das muß er, sowie ihm ein annehmbarer Preis geboten wird.“

„Warum mögen sie sich denn nicht selbst an eine solche Gesellschaft gewandt haben?“

„Das ist ihnen zu schwer gemacht, da deren Mitglieder sehr unklug wären, sich auf den Pflanzungen sehen zu lassen, und da der Schwarze nicht schreiben kann; sie haben eben gar keine Kommunikationsmittel. Aber den meisten von ihnen ist es auch nur um eine gute Behandlung zu thun und um die Freiheit erst in zweiter Linie. Ideale haben sie nicht.“

„Das habe ich mir gedacht“, rief ich, „nach dem Wenigen, was ich habe beobachten können; denn sonst mußten ja auch selbst die Gutgehaltenen stets voll Groll und Mißmut sein.“

„Ja, und das werden Sie, ich darf wohl sagen, nie finden. Auf dieser Pflanzung werden Sie keinen aufrührerischen Schwarzen antreffen, denn ich halte streng auf ihre menschliche Behandlung und gute Versorgung. Ich habe manche, besonders Negerinnen, die sich längst hätten freikaufen können.“

„Wirklich! Womit verdienen sie sich Geld?“

„Wer darum bittet, bekommt ein Stückchen Land zum Bepflanzen, und gute Gemüse kauft man ihnen dann hier im Herrenhause gern ab, auch dürfen sie sich Hühner halten, deren Eier sie dann verkaufen, wenn ich nach der Post schicke, und dergleichen mehr. Die sonntägliche und die über die gesetzliche Stundenanzahl hinausgehende Arbeit wird ihnen bezahlt, und die Hausneger und Negerinnen erhalten oft Geldgeschenke, letztere besonders, wenn sie Ammen der Kinder sind oder waren. Unsre dicke grinsende Anna da z. B. ist eine ganz wohlhabende Erbtante; sie bleibt aber, weil sie es hier gut hat und sie die Kinder liebt. Das ideale Gut der Freiheit versteht sie nicht.“

Ich freute mich über diese Erklärung, wie man sich immer über Äußerungen freut, die eigne Gedanken und Schlüsse bestätigen. So konnte ich mir die Sache vorstellen. Daß Rohheit und tierische Grausamkeit den Sklaven gegenüber oft zu sehr traurigen Vorkommnissen führen, das konnte ich mir denken; aber anderseits, die idealen Anschauungen tiefgebildeter Menschen zu suchen bei einer Race, die durch Generationen geknechtet ist, unsre Begriffe von Freiheit bei den Männern, von Ehre bei den Frauen vorauszusetzen, das, merke ich wohl, wäre eitel dichterische Illusion.

Aber ich sehe eben, daß ich Dir eine förmliche national-ökonomische Abhandlung zumute unter der Maske eines simplen Schreibebriefes -- nun, Du kannst Dich ja rächen, indem Du es drucken läßt, oder -- lies es im Kränzchen den Andern vor: geteilter Schmerz ist halber Schmerz.

Jetzt werde ich schlafen gehen, indem ich Betrachtungen darüber anstelle, nach welcher Richtung hin mir die Neuralgie morgen wohl das Gesicht verzogen haben wird; mein Spiegel und ich, wir wundern uns über nichts mehr!

Gute Nacht -- aber bei Euch ist es ja jetzt garnicht Nacht -- also Guten Morgen!

Deine +Ulla+.

Saõ Francisco, den 1. September 1881.

Gestern sind wir von einer „Expedition in’s Innere“ zurückgekommen, d. h. von einer Reise nach der Provinz ~Minas geraes~, wo wir geholfen haben, eine Eisenbahn einzuweihen. Wenn ich noch daran denke, Grete, wie wir diesen Namen immer ausgesprochen haben in der Geographiestunde, zumal das ~geraes~! Und gedacht haben wir uns garnichts dabei, während es doch so einfach ist: ~geraes~ ist die Mehrzahl von ~geral~, allgemein, und ~Minas geraes~ heißt also nichts anderes als allgemeines Minenland oder minenreiches Land.

Diese Provinz ist in Südbrasilien etwa das, was ein hochmütiger Westländer bei uns meint, wenn er von „Hinterpommern“ oder „Ostpreußen“ spricht: ein etwas ursprüngliches Stück Erde, mehr Gutmütigkeit bergend als Civilisation, und im ganzen ebenso verschrieen wie unbekannt. Was Minas aber vor jenen deutschen Provinzen voraus hat, ist sein Reichtum an edlen Metallen, vorzüglich an Gold. Die Hauptstadt der Provinz trägt ihre beiden Namen: ~Ouro preto~ d. h. schwarzes (dunkles) Gold und ~Villa rica~ d. h. reiche Stadt nach diesen Schätzen ihrer Berge und Flüsse.

Es war mir hochinteressant, durch diese Gegenden zu fahren, die wieder so ganz verschieden sind von dem, was man in der Provinz Rio sieht. Rings um Dich her siehst Du die Flanken der Berge zerklüftet und zerfleischt wie von zahllosen offengelegten Maulwurfsgängen, und durch das Fernglas erkannten wir auch die geschäftigen schwarzbraunen und weißen Männer, die dort dem edlen Metall nachspüren. Auch entlang der Flüsse, die weite, grasreiche Thäler durchschneiden, sahen wir gebückte Gestalten, die da Tage und Wochen lang geduldig das Gold aus dem Sande waschen. Manche werden reich dabei, andre quälen sich gerade für’s tägliche Brot, wie’s Fortuna jedem gönnt; ich kaufte nachher in Saõ Joaõ einem armen schwarzen Schelm einen halben Fingerhut voll Korngold für 22 Mark ab, die Frucht von 8 Arbeitstagen, wie er mir sagte!

Früher soll die Ausbeute überall gleichmäßiger und vor allem weit beträchtlicher gewesen sein, und eben dieser Goldreichtum des Landes hat denn auch wohl zuerst den Anlaß gegeben zu größeren Niederlassungen der erobernden Portugiesen in diesen damals noch ungleich mehr als jetzt unwirtlichen Gegenden, wo jegliche Beförderung, sei es von Menschen, sei es von Lebensmitteln und sonstigem Bedarf auf Eselsrücken geschah und zum größten Teil noch heute geschieht, wo man noch vor zwanzig Jahren Brot kaum kannte, und wo es ein Hotel noch heute nicht giebt.

Alle die Gäste, die sich die kleine Stadt Saõ Joaõ del Rei zur Inauguration ihrer Eisenbahn geladen, wurden daher in Privathäusern beherbergt, und es scheint mir ungemein charakteristisch für Brasilien, wo die Mißverhältnisse an der Tagesordnung sind, daß ein Städtchen von etwa 700 Einwohnern sich ca. 800 Gäste eingeladen hatte, allen voran den Kaiser ~Dom Pedro II.~, der sein Erscheinen auch freundlich zugesagt.

Von Dr. Rameiros Familie war auf sechs Personen gerechnet, da aber Madame (oder Dona Alfoncina, wie sie nach Landessitte genannt wird) eines heftigen Rheumatismus wegen absolut nicht fahren wollte, so forderten sie mich auf, an ihre Stelle zu treten, und Du weißt ja -- wo’s was zu sehen giebt, da bin ich dabei. Lustig zogen wir los, der Doktor, das Vehmgericht, der kleine Julio und meine Wenigkeit.

Zuerst fuhren wir mit der schon bestehenden großen Eisenbahn „~Dom Pedro Segundo~“, an die sich dann erst in der Provinz Minas die neue Strecke anschließt, aber mit recht brasilianischer Liberalität beförderte diese ihre Gäste nicht nur im eignen Bereich ohne irgend welche Entschädigung, sondern sie hatte sich auch mit der großen Bahn arrangiert, so daß wir eine Strecke von über hundert deutschen Meilen ohne einen Heller Kosten zurücklegten.

Vier Stunden vor unserm Bestimmungsort begann das Reich der neuen Eisenbahn. „Umsteigen so schnell wie möglich“, lautete das Feldgeschrei, sowie der Zug hielt. Die Hast mußte etwas zu bedeuten haben, denn sonst heißt’s in Brasilien immer: „~Paciencia~“, und niemand überstürzt sich. Alles eilt daher mit ungewohnter Behendigkeit nach dem andern Perron -- ah, der Grund wird hier klar! Da hättest Du die kleinste Eisenbahn sehen können, die Dir wohl je vorgekommen ist, Grete, Waggons und Lokomotive alles ~en miniature~. Schneller als der Blitz sitzen wir darin, um dann allerdings geduldig -- oder ungeduldig -- ¾ Stunden warten zu müssen, bis sich das Eisenbähnchen in Bewegung setze. Natürlich maßen wir u. a. zum Zeitvertreib den Wagen aus: er war 1 ~m.~ 65 ~cm.~ breit.

Endlich ging’s los, erst langsam, dann rascher und immer rascher, keck durch Berge und über Brücken, als wenn sich das kleine Ding vor garnichts fürchte. Und es schien auch mehr ausrichten zu können als seine schwerfälligeren Brüder. Mit Erstaunen und Bewunderung sahen wir unsern kleinen Zug sich wie eine Schlange geschickt um einen hohen Bergkegel winden, allmälig aber sicher hinaufkriechend, indem er dreimal auf derselben Seite erscheint.

Wie wir an Ort und Stelle d. h. in dem Städtchen Saõ Joaõ del Rei anlangen, ist es halb zwölf Uhr anstatt sieben, aber das thut nichts, im Gegenteil, wenn in Brasilien etwas recht pünktlich ausfällt, ist’s entschieden irgendwo nicht geheuer; jedermann war also zufrieden.

Der Bahnhof ist beflaggt und mit Guirlanden geschmückt, eine Musikbande (meist Deutsche hier zu Lande) bläst lustig drauf los, und auf dem Perron drängt sich eine kaum entwirrbare Menschenmenge, um die Gäste zu bewillkommnen, in Empfang zu nehmen oder anzugaffen. Ein wohlwollender Heiliger läßt uns einen Wagen erhaschen, der uns über das gefährlichste Straßenpflaster hinweg, das je Menschen und Gespanne bedrohte, zu meinem Erstaunen heil und glücklich vor der Wohnung unserer Wirte abliefert. Ich werde diesen vorgestellt und suche mein bestes Portugiesisch hervor, um mein ungeladenes Erscheinen zu entschuldigen, doch ihre erstaunten Gesichter und kräftiges Händeschütteln, sowie die üblichen zwei Begrüßungsküsse der Damen belehren mich, daß man eben dies Erscheinen für völlig selbstverständlich hält, was mir natürlich um so lieber ist. Es sind noch mehr Gäste da, und man quält sich noch eine Weile damit hin, im „Salon“ auf den rechtwinkeligen Stuhlreihen zu sitzen und sich zu unterhalten; dann geht’s zu Bette.