Leid und Freud einer Erzieherin in Brasilien

Part 2

Chapter 23,624 wordsPublic domain

Nachdem die Suppe gegessen war, begann ein Jeder das Gericht, das er zu verwalten hatte, in der Runde anzubieten. Denn hier wird keine Schüssel herumgereicht, sondern alles wird und zwar zu gleicher Zeit auf den Tisch gesetzt und dann von dem Betreffenden, der das Gericht vor sich hat, sei derselbe auch ein Gast, angeboten und serviert. Jeder stellt sich dann seine Gänge ~ad libitum~ zusammen. So begann auch ich denn tapfer mit meiner Schüssel schwarzer Bohnen, dem geliebten ~feijaõ~ der Brasilianer, das bei keiner Mahlzeit fehlt, zu wirtschaften: „~A Senhora quer feijaõ?~“ „~Um poco de feijaõ, Senhor Doutor?~“ -- ganz fesch, sage ich Dir, ich imponierte mir selber als „Brasilianerin“. Dazwischen wurde mir nun auch wieder angeboten. „Wollen Sie ein wenig Reis?“ glänzte die Tochter des Hauses mit einem deutschen Satz, in dem sie die Endsilbe von „wollen“ recht deutlich betonte, das g in „wenig“ wie k aussprach und alle s wie ß. „~Um poco de vinho, mademoiselle?~“ fragte der biedre Vater, der nie eine andre Sprache gelernt als die „~lingua dos brancos~“, wie das Portugiesische hier im Gegensatz zu den afrikanischen Ursprachen der eingeführten Negersklaven genannt wird. „~Vous offrirai-je des pommes de terre?~“ machte ein junger Herr, der eben aus „Paris“ zurück war (natürlich war er auch ~doutor~), und so setzte ich mir denn unter dem Schweinebraten, Rinderfilet, schwarzen Bohnen, Huhn, Reis, Kohl, Polenta, süßen Kartoffeln ein möglichst homogenes Mahl zusammen. Ein +warmes+ Mittagessen wirst Du aber bei Brasilianern schwerlich, oder doch nur mit Aufwand der größten Berechnung und Gewandtheit zu essen bekommen, denn jedesmal, wenn Du Dein „~S’il vous plaît~“ heraus hast, erwischt mit Blitzesschnelle der Arm einer der bedienenden Negerinnen (hier waren es vier) Deinen Teller und trabt mit ihm davon zu dem Verwalter der betreffenden Schüssel, um das Verlangte zu holen. Du siehst hieraus, daß Du um so ruhiger und um so wärmer essen kannst, je weniger verwickelt Du Dir Dein Mahl zusammensetzst, sintemalen jedes neue ~s’il vous plaît~ Deinen Teller wieder auf die jähe Rundreise schicken würde.

Diese Manier zu speisen ist schon an und für sich entsetzlich beunruhigend, aber die raschelnden Papierstreifen, das gelegentliche energischere Schnalzen der kleinen Fahne, die laute, gestenreiche Unterhaltung der Brasilianer, das Umhertraben der Negerinnen, das alles wirkte gradezu betäubend auf meine deutschen Nerven, die schon die blendende Helle der gardinenlosen Räume angriff, so daß ich nur mit Beschämung die gleichgültigen Gesichter der übrigen Damen betrachtete, die sich zwar selbst auch wenig an der Unterhaltung betheiligten, an deren Nervenleben aber auch all dieser Lärm vollständig abzuprallen schien.

Ich war hungrig gewesen von der Fahrt, aber ich konnte unter diesen Verhältnissen nicht essen. Ich bin eigentlich immer noch hungrig, seitdem ich zum letzten Mal auf dem Schiff gegessen habe, denn mein Magen befreundet sich nur sehr allmälig mit der Eintönigkeit des Essens und -- dem Schweinefett, mit dem hier alle Speisen zubereitet werden. Was mir zuerst die Sache noch unerträglicher machte, war das gänzliche Fehlen von Kartoffeln oder Brot auf dem Tisch, womit man die Aufdringlichkeit des Fettes hätte mildern können. Das Brot wird auf dem Lande durch sogenannte ~biscoitos~ ersetzt, ein Gebäck aus dem Mehl der Maniocawurzel, das ganz gut schmeckt, wenn es eben aus dem Ofen kommt, im Alter von einigen Stunden aber schon an Zähigkeit nichts mehr zu wünschen übrig läßt und nach zwei Tagen mit absolutem Erfolg eine Konkurrenz mit jungen Steinen aufnehmen könnte. Unsre gute Kartoffel gedeiht in diesen gesegneten Gegenden nur in süßen Exemplaren, den Bataten, die bis zu neun Pfund schwer werden und entweder einfach gekocht oder mit Zuckerzusatz als Dessert genossen werden. Die ersten Tage waren mir die großen bläulichen Dinger, die in Farbe und Geschmack an ihre erfrorenen Brüder im nordischen Winter erinnern, höchst widerlich, aber jetzt schmeckt mir, fast zu meiner Beschämung, das Kompott schon ganz gut. Auch befreunde ich mich mit den schwarzen Bohnen und dem dazugehörigen salzlosen Maismehlpudding, dem ~angú~, liebäugele bereits mit dem Mais- und Maniocamehl, das in Brotkörben auf den Tisch kommt und das sich die Brasilianer zwischen die saucenreichen Bohnen rühren -- und wie lange wird es noch dauern, da werde ich eine Passion haben für das an der Sonne gedörrte Hammelfleisch, mit dem man uns häufig zum Frühstück regalirt.

Verachte mich nicht, Grete, es giebt nichts anderes hier! Denn wenn Du zu den ebengenannten Delikatessen noch Reis in Wasser gekocht hinzufügst, der vor lauter Tomaten so rot wie ein Ziegelstein auf den Tisch kommt, so hast Du das Menü für das ganze Jahr.

Eine große Sache ist es hier um das Dessert, um die „~doces~“, und der Ruf der Brasilianer, im Bereiten wie im Vertilgen derselben Meister zu sein, bestätigte sich mir auch gestern wieder in vollem Maße: Herren wie Damen verzehrten unglaubliche Mengen von eingemachten Früchten, Chokoladen- und Eierkonfekt etc. und aßen dazu große Stücken Käse.

Daß ich’s nur gestehe -- ich auch!

Den ersten Tag freilich, als dieser neue Genuß meinem europäischen Gaumen zugemutet wurde, wies ich ihn empört zurück und bat um etwas Butter und Brot zum Käse. Es erschienen ~biscoitos~ im Stadium Nr. 2 und eine dänische Konservenbutter von einer Weichheit, Gelbheit, Salzigkeit.... laß mich schweigen! Mutig entschloß ich mich zu der landesüblichen Zusammenstellung, und ich glaube, ich that wohl daran.

So war ich gestern doch wenigstens im stande, mein Mahl auf gut brasilianisch zu beschließen, und da ich auch schon so ziemlich alle Gerichte portugiesisch benennen kann (eine große Kunst, da täglich zwei Mal die gleichen auf dem Tisch erscheinen) und ein paar fehlerhafte aber dafür desto überschwänglichere Phrasen zu drechseln verstand, so fanden mich meine neuen Bekannten „~muito sympathica~“ und beehrten mich nach Tische sofort mit der Aufforderung, ihnen etwas vorzuspielen oder zu singen.

Ich spielte einen Chopinschen Walzer, der ihnen sehr gefiel, und sang ihnen „Klein Anna-Kathrin“, was sie nach keiner Richtung hin verstanden. Nun singe ich nie mehr ein deutsches Lied vor brasilianischen Ohren, sondern immer nur italienische Etüden, von denen ich überzeugt bin, daß sie ihnen imponieren werden.

Nach mir folgte mit ein paar französischen Tänzen unsre Dona Olympia, die ganz nett aber mit geschmackloser Auswahl spielt, und dann setzte sich eine sehr stille, sehr starke und sehr dunkeläugige Dame an das Instrument und begann den zweiten Akt des „Troubadour“ vorzutragen. Man sagte mir vorher, sie spiele „perfekt“, und so horchte ich gespannt.... Ach, Grete, bin ich denn so gar starr germanisch, daß ich diese Romanen mit dem besten Willen nicht interessant und geistreich finden kann! Aber es war nicht anders -- +mir+ sprach nichts aus den flinken abgerichteten Fingern, nichts aus dem unbeweglichen wachsgelben Gesicht der Spielerin, in dem die schwarzen Augen wie geistlose Tintenklexe standen, und doch war es wahr: sie spielte ~perfeitamente~! Ich ärgerte mich über mich selbst, daß ich mich nicht begeistern konnte und blickte ängstlich im Kreise umher, ob man es mir auch nicht anmerke. Alle Gesichter waren blaß, gelb und, aus lauter Hochachtung vor diesem „perfekten Spiel“, unbeweglich, alle bis auf eins.

Seit ein paar Tagen ist nämlich ein junger italienischer Architekt bei uns zum Besuch, ein Neffe des Doktors von seiten seiner ersten Frau, die eine Italienerin war, und dieser Unglückliche schien ebenso antipodisch berührt wie ich. Ich lächelte unwillkürlich, als ich sein Gesicht sah, zumal unser gemeinsames Europäertum uns schon zu vielen gleichartigen Urteilen über hiesige Verhältnisse veranlaßt hat, und er schlug mit unendlich komischem Ausdruck die Augen zur Decke empor.

Mittlerweile war der „Troubadour“ immer eindringlicher geworden, bereits spielte die stille, starke Dame eine halbe Stunde -- hatte sie Absichten auf den ganzen Akt? Ich schlängelte mich vorsichtig der Thüre zu, aber noch wagte ich nicht, dem Saal zu entschlüpfen, obgleich ich fühlte, daß mich eine fernere Viertelstunde unter der Wirkung dieses perfekten Spiels völlig überwältigt hätte. Da schob sich der junge Italiener an mir vorbei, er sah ganz erschöpft aus -- „~Je n’en peux plus~“, flüsterte er mir zu, „~j’ai déjà une indigestion de musique!~“ -- --

Und das in einem Lande, das erst +anfängt+, civilisiert zu werden und das erst +ein+ Konservatorium hat! Wehe künftigen Geschlechtern, wenn die Klavierseuche hier verhältnismäßig wächst!

Aber halt -- da sagt mein Licht Valet! Grade als hätte es mir nur noch diesen trüben prophetischen Stoßseufzer erlaubt, flackert es eben auf seinem letzten Faden empor -- Lampen giebt es hier nämlich nicht!

Gute Nacht also, meine Grete, oder wenn es Dir interessanter klingt: ~boa noite~ --

Deine noch immer musikerfüllte +Ulla+.

Saõ Francisco, den 11. Juli 1881.

+Liebe, einzige Grete!+

Die ersten Briefe aus der Heimath heute! Ich hätte den schmutzigen Negerjungen umarmen können, als eins, zwei, drei Briefe für die ~professora~ aus seiner Mappe herausspazierten, nachdem ich sie so viele, viele Tage umsonst sehnsuchtsvoll angeschaut. Dr. Rameiro läßt nämlich jeden Tag die Postsachen holen, was hier auf dem Lande sehr selten ist; die meisten Pflanzer schicken nur einmal in der Woche nach der Station. Gute Nachrichten von zu Hause, einen fröhlichen Brief von meiner Grete -- Gott, wie Einen so ein beschrieben Blättchen doch glücklich machen kann! Und wie geduldig man wird! Ich sage Dir, Gretel, ich komme mir manchmal vor wie Salas y Gomez. Weißt Du wohl, wie ich auf dem Seminar schon immer außer mir war, wenn der Briefbote einmal zwei Tage ausblieb -- und nun nach fast anderthalb Monaten die ersten Briefe! Ich werde so viele gute Eigenschaften von hier mit zurückbringen, daß ich in Europa gar keine Verwendung dafür haben werde! Aber heute brauchte ich grade eine kleine Erfrischung, alles war so lähmend gewesen von früh ab, und ich fühlte mich so beschwert! Zuerst hatte ich einen der härtesten Kämpfe mit meinen ~biscoitos~, die ich in Stadium Nr. 3 erhielt, dann war das Vehmgericht unbehaglicher als je, und endlich leide ich seit einer Woche an einer gräßlichen Neuralgie im Gesicht, so daß ich nur mit Mühe essen und sprechen kann. Das ist das allgemeine Leiden für den Europäer hier, und oft auch für Einheimische; es ist entsetzlich peinigend, zumal wenn man dabei unterrichten muß. Sie behaupten hier, ich habe es mir zugezogen dadurch, daß ich abends nach sechs Uhr draußen gewesen sei in dem ~sereno~, dem gefährlichen Abendthau -- aber, liebe Grete, ich wäre erstickt, wenn ich nie an die Luft gekommen wäre, zumal nachdem ich die 24 Tage auf dem Schiff von Morgen bis zum Abend draußen war. Hier aber ist Unterricht von 7-10, dann warmes Frühstück, wobei uns Madame Rameiro immer ganz nutzlos bis halb 11 Uhr warten läßt, so daß ich nachher nicht mehr hinaus kann, sondern sofort nach dem letzten Bissen wieder in die Stunde muß. Dann geht’s weiter bis um ein Uhr, wo eine halbe Stunde Lunchzeit ist; um halb zwei fangen aber schon wieder die Klavierstunden an, die bis um 5 Uhr dauern, wo gegessen wird. Nun frage ich Dich, wann soll ich da spazieren gehen außer nach sechs! Kannst Du eine andre mögliche Zeit am Tage entdecken? Sie wollen die „Bildung“ hier gradezu mit Löffeln schlucken und haben nie einen freien Nachmittag, nie einen Tag, geschweige denn eine Woche Ferien das ganze Jahr hindurch -- -- mir graut schon bei dem Gedanken daran, und die ganze Zeit über kein deutsches Wort! In den Stunden und bei Tische Französisch und mit den Schwarzen Portugiesisch -- ach, Gretel, es ist wirklich saurer, als man so von weitem denkt; überlege Dir’s lieber noch mal, ob ich mich für Dich hier umsehen soll, -- jedenfalls aber bringe dann Dein Bett mit. Es ist gewiß ein gut Ding um die Anspruchslosigkeit, man muß aber auch keinen Mißbrauch damit treiben. Ich will Dir mein Lager beschreiben -- weine dann eine stille Thräne um mich! Stelle Dir eine rohe hölzerne Bank mit Armstützen aber ohne Rücklehne vor, das ist mein Bettgestell. Darauf liegt eine „Matratze“, die, als ich sie auf ihren Inhalt prüfte, irgend ein wildes getrocknetes Gras ergab, dem man aus unbekannten Gründen verschiedenes Blätterwerk, anmutig mit Stöcken und Zweigen untermischt, beigesellt hatte. Auf dieser mit einem Leintuch bedeckten Folterbank verliert sich am Kopfende ein Miniaturkissen, von dem ich zuerst glaubte, die kleine Maria habe es aus ihrer Puppenwiege verloren; es soll aber thatsächlich mein Kopfkissen sein und ist mit einer trocknen gelben Blume, der ~marcella~, die etwas Ähnlichkeit mit unsern Immortellen hat, gestopft. Das Ganze krönt zum Zudecken eine englische wollene Decke. Ob es mir wohl noch gelingen wird, mich auch mit dieser Seite Brasilianertums zu befreunden? Ich hoffe es! Vorläufig strebe ich die Beruhigung an, sämtliche Stöcke in meiner Matratze persönlich zu kennen, und dann hoffe ich diesem Asketenlager auch ein klein wenig Wärme abzuschmeicheln, denn wenn es auch bei Tage heiß ist, so sind doch grade jetzt die Nächte oft empfindlich kalt.

Ich wundre mich, daß diese sehr frischen Nächte den Pflanzen nicht schaden in unserm entzückenden Garten. Madame ist eine große Botanikerin und hat den Garten unter ihrer speziellen Leitung. Sie achtet darauf, daß jede seltene Pflanze gepflegt wird und läßt auch außerbrasilianische Tropengewächse mit großen Kosten aus Indien und Japan kommen, so daß sie aus diesem Fleckchen Land ein wahres Eden gemacht hat, ein Zauberland voll Märchenherrlichkeit.

Die Gartenthür, von üppiger, graziöser Klematis überhangen, führt zunächst zu kleinen Gruppen seltener Coniferen und schöngeformten Beeten voll großer, fremdartiger Blumen von wunderbarer Farbengluth. Zwischendrein steht ein bunter Kiosk in chinesischem Styl. Ich sage Dir, Gretel, mit dem tiefblauen Himmel und der Tropensonne darüber, mit den reizenden kleinen Kolibris, die wirklich wie flatternde Edelsteine in der Sonne erscheinen, ist dies Plätzchen so südlich, so exquisit tropisch, wie man es nur träumen kann! Dann kommt man in eine herrlich schattige, feuchtkühle Bambusallee. Ihr zur Linken, etwas tiefer gelegen, ein kleiner, mit bunten Enten belebter See, rechts eine Anhöhe, sanft ansteigend und mit duftenden Orangenbäumen, die oft Blüte und Frucht zugleich tragen, besetzt. Neue Überraschung an ihrem Ausgang: Orangen, Palmen und Bananen überall, Zimmt- und Mandelbäume duften und Granaten glühen aus ihrem zierlichen Laub hervor; hier ein Theestrauch, dort ein Kaffeebaum; jetzt eine verlorne Baumwollstaude, dann ein Anis- oder Muskatpflänzchen, ja, selbst Vanilla und Patschouli giebt’s zu entdecken. Ich war zuerst ganz berauscht, Grete, und trank all das Zaubrische, Schöne, Fremdartige förmlich mit allen Sinnen ein.... aber, wunderbar -- weißt Du, welcher Eindruck hiervon für mich der nachhaltigste ist? Der des Fremdartigen, ja des absolut Fremden! Ich staune sie an, all diese südliche Pracht, ich bewundere sie, sie berauscht mich momentan mit ihrem verführerischen Zauber -- aber ich verstehe sie nicht; ich kann mir nichts mit diesen prächtigen Pflanzen erzählen, ich kenne sie nicht, und sie kennen mich nicht. Es ist doch etwas wunderbares um das +Vaterland+! Was doch alles so mit dazu gehört! Auch die Blumen und Bäume. Wir wissen doch daheim gleich etwas zu singen unter unsern prächtigen Eichen; welches junge Gemüt kennte nicht unsre reiche deutsche Lindenpoesie, und sowie man sprechen kann, lallt man schon sein weihnächtlich-heimliches „O Tannebaum, o Tannebaum“! Da grüßt man so einen Baum doch gleich ganz anders! Der mächtige Mangabaum inmitten des Gartens ist zwar sehr schön, aber ich überraschte mich dennoch neulich dabei, daß ich unter seinem Schatten das hübsche kleine Lied summte:

„Ich hatte einst ein schönes Vaterland, Der Eichenbaum stand dort so hoch, Die Veilchen nickten sanft -- Es war ein Traum. Und als ich nun in’s ferne Ausland kam, Da war ein Mädchen zauberschön Und blond von Haar zu sehn, -- Es war ein Traum. Das küßte mich auf deutsch und sprach auf deutsch, Ihr glaubt es nicht, wie gut es klang, Das Wort: Ich liebe Dich -- Es war ein Traum ...“

Und erinnerst Du Dich, wie wir drüben es nie recht verstehen konnten, wenn Dranmor singt: „Ich gäbe diese ganze Herrlichkeit -- Für eine einz’ge schneebehang’ne Tanne“! Und jetzt.... Aber ich rede, darum schweige ich; sentimental darf man hier nicht werden.

Deine deutscheste +Ulla+.

Saõ Francisco, den 25. Juli 1881.

+Liebste Grete!+

Also in Elgersburg muß ich Euch jetzt mit meinen Gedanken suchen -- Du Glückliche, die Du das Wort „Ferien“ noch kennst und es in dem reizenden Thüringer Nest in die Praxis umsetzen kannst! Deiner armen Ulla werden derartige Dinge immer mehr zu körperlosen Begriffen -- was ist Freiheit, Erholung, Sommerfrische.... das heißt, nein! Was die „Frische“ angeht, da bin ich Dir entschieden über: ich konstatiere hiermit feierlichst, daß ich in diesen Tagen des öfteren vor Frost geklappert habe und auch jetzt mit ganz steifen Fingern schreibe. Und dazu habe ich das volle Recht, denn gestern war hier der kälteste Tag im Jahr, der Tag Johannis des Täufers. Es fror mich denn auch, zum größtem Gaudium der Familie, die der „kalten Deutschen“ das Recht dazu eigentlich völlig absprechen, so barbarisch, daß ich die liebevolle Anhänglichkeit segnete, die mich beim Einpacken in Berlin plötzlich inbezug auf meine alte Winterjacke überkommen hatte. Die Brasilianer selbst empfinden merkmürdigerweise die Kälte garnicht so sehr, wie mir das besonders gestern Abend auffiel bei der Namensfeier des heiligen Johannes, der ein großer Liebling der Nation ist. Dr. Rameiro veranstaltet jedes Jahr an diesem Tage, der auch zugleich der Namenstag eines in Europa (natürlich in Paris) befindlichen Sohnes ist, eine Art von Erntefest für die Sklaven, weil ungefähr um diese Zeit auch die Kaffee-Ernte vorüber ist.

Es hatte mich schon immer interessiert, die Wagen voll Kaffeefrüchten aus den Plantagen hereinfahren zu sehen, die dann in prächtigen Anlagen und Maschinenräumen, die der Doktor eingerichtet hat, für den Handel zurecht gemacht werden.

Letzten Sonntag fuhren wir durch eine Anpflanzung von einer halben Quadratmeile Ausdehnung. Die Bäume oder eigentlich Sträucher waren etwa wie größere Haselnußsträucher und saßen zum Theil noch voll Früchten zwischen den spitzen, glänzenden Blättern. Der Doktor meinte, dieser Bestand sei etwa 25 Jahre alt; dienen könne eine Anpflanzung ca. 40 Jahre, dann wird wieder ein neues Stück Land in Angriff genommen, das vorher rechtzeitig bepflanzt wurde. Es ist merkwürdig und kann Einen ordentlich neidisch machen, wie hier so eine Strecke Landes, die bei uns schon ein ganz hübsches Feld oder ein sehr respektabler Garten wäre, so gar keine nennenswerte Rolle spielt. Diese Pflanzung ist drei Quadratmeilen groß, aber die Bewirtschaftung ist eine merkwürdige. Das meiste Land liegt natürlich immer brach. Soll aber ein Stück in Benutzung genommen werden, so wird alles, was bisher darauf wuchs, heruntergebrannt, was auch manchmal schonungslos die herrlichsten Urwaldbestände trifft, deren Asche und faulende Stämme dann den prächtigsten Dung abgeben. Nichts sieht toller aus als so ein Maisfeld z. B., das zwischen wild und wüst durcheinander liegenden, halb und ganz verkohlten Baumstämmen frisch und fröhlich emporwächst! Bei uns kann man sich von solcher Unordnung und vor allem von solcher Verschwendung gar keine Vorstellung machen; auch hier kommt man immer mehr von dieser etwas kannibalischen Manier der Rodung zurück, die jedoch keineswegs schon so selten geworden ist, wie es die Brasilianer gern Wort haben möchten, und die früher ganz allgemein war. Und denke Dir, Gretele, daß auf der Pflanzung von Madame Rameiros Bruder erst vor 7 Jahren noch ein Negersklave bei einem derartigen Brande umgekommen ist, weil er sich nicht rechtzeitig aus dem an allen vier Seiten angezündeten Walde entfernt hatte! Das ist doch schauerlich und soll leider gar nicht einmal so selten vorgekommen sein.

Als wir durch die Plantage fuhren, waren die Neger grade an der Arbeit, denn der Sklavensonntag auf dieser Pflanzung fällt auf den Mittwoch. Das Gesetz verlangt nur überhaupt einen Feiertag in der Woche für die Sklaven, überläßt es jedoch dem Besitzer, einen Tag auszuwählen, was dann gewöhnlich so geschieht, daß er nicht mit demjenigen der Nachbarpflanzungen zusammenfällt und man auf diese Weise im Stande ist, einen Verkehr der Schwarzen untereinander zu verhüten.

Es sah wirklich malerisch aus, wie die schwarzen Gestalten in den hellen Blusen emsig pflückend mit ihren Körben zwischen den dunkelglänzenden Sträuchern standen. Die Neger werden auf dieser Pflanzung auch gut behandelt, und wer mehr als die ihm aufgegebene Anzahl von Körben voll pflückt, bekommt für den Überschuß eine Kleinigkeit bezahlt.

Der Kaffee sieht am Baum fast aus wie große Schlehen und in der rotblauen fleischigen Hülle sitzen gleich Kernen immer zwei Bohnen mit der flachen Seite gegeneinander.

Wenn nun ein Wagen voll aus der Plantage ankommt, so wird er in ein Wasserbecken entleert, wo die Früchte schon zum Teil die locker sitzenden Hüllen verlieren, dann fließt das Ganze durch rauhe Röhren mit besonderen Enthülsungsvorrichtungen hinunter in ein tiefer gelegenes Bassin, wo die Bohnen bereits freigemacht ankommen. Nachdem ihnen dann noch durch andre Manipulationen die dünnen Häutchen genommen sind, die wir manchmal noch bei uns an mangelhaft präparierten Bohnen entdecken können, wird er auf eine große Asphaltfläche zum Trocknen gebreitet, von wo er endlich in lange, hallenartige Räume wandert, wo er von Negerinnen verlesen und sortiert wird. Dann erst kommt er in Säcke und wird nach Ablauf einer Lagerzeit verschickt. Dr. Rameiro hat mir einen ganzen Sack voll geschenkt, denke Dir, einen ganzen Sack voll Kaffee, der schon drei Jahre lagert und daher seiner Ansicht nach grade so recht ist und will ihn durch seine Korrespondenten in Rio nach Hause schicken lassen. Dann laß Dich nur recht oft darauf einladen, Gretel!

Für dies Jahr ist nun die Ernte vorbei und mit dem gestrigen Fest abgeschlossen. Dona Gabriella hatte mir schon vorher mit Stolz erzählt, am Saõ Joaõs Tag schlachteten sie immer einen Ochsen und zwei Schweine, und das würde alles von den Negern bei dem Festmahl verzehrt. In der That war gestern den ganzen Vormittag große Bewegung, und sogar das Vehmgericht beschäftigte sich in höchsteigner Person lebhaft mit der Anordnung des Ganzen, der Zubereitung von ~doces~, dem Herausgeben von Getränken etc.

Als es dunkel wurde, begann die Feier.

Auf dem Hofe, der von drei Seiten durch das Gebäude eingeschlossen und an der vierten mit Palmen abgegrenzt ist, war eine große Tafel in Hufeisenform gedeckt, wirklich mit weißen Tischtüchern gedeckt, denn es ist nicht der geringste Stolz der Neger bei diesem Feste, doch wenigstens einmal im Jahre von Linnen zu essen wie die ~senhores~. Auf den Tischen standen mächtige, geschnittene Braten, große Berge Reis (natürlich rot wie die Ziegelsteine von Tomaten), Riesenschüsseln mit schwarzen Bohnen und dazu ihr nie fehlender Kumpan der Maismehlpudding ~angú~; da war aber auch als Dessert Batatenkompott, in Milch gekochter frischer Mais (~canjica~) mit dazugehöriger Melasse, Guyabada, ein prächtiges, aus der Guyabafrucht zubereitetes ~doce~ und sogar -- Wein ~à discrétion~!