Leid und Freud einer Erzieherin in Brasilien
Part 13
„O, vor denen müssen Sie sich sehr in Acht nehmen und dürfen jetzt nie mehr allein so weit gehen. Maraõs nennen wir entlaufene und verwilderte Sklaven, die sich in die Wälder geflüchtet haben und dort wie die Wilden leben, die Nachbarschaft plündernd, wo sie können. Sie stehlen ihren Unterhalt meist auf den Pflanzungen zusammen, seltener bauen sie selbst im Walde etwas Bohnen und Mais; sie sind gefürchteter als die Indianer. In letzter Zeit gesellen sich auch manchmal +freigelassene+ Neger zu ihnen, die zu faul sind, um zu arbeiten. Diese Banden sind eine schlimme Wunde für Brasilien und würden dies noch mehr sein, wenn sie nicht durch das wilde Leben häufig zu Grunde gingen oder überhaupt sich mehr fortpflanzen könnten; Frauen gehen sehr selten mit, und so hoffen wir, wird dies mit einer Generation abgethan sein.“
Von jetzt ab werde ich wohl kaum den Mut haben, mehr zu thun, als feige ein wenig um’s Haus zu schleichen, denn diese Maraõs haben mir die Freude an unseren weiteren Spaziergängen auf’s Gründlichste verdorben.
Was überhaupt diese schwarze Race für ein Druck auf Brasilien ist, und daß die Sklaverei schließlich ein weit größerer Fluch für die Sklaven+halter+ als für die Neger ist, das zeigt sich jetzt so recht, wo sie aufgegeben werden soll. Was, um Gotteswillen, soll aus den Millionen von freien Schwarzen hier werden! Bei uns in Deutschland, wo man die inneren Verhältnisse Brasiliens so gut wie garnicht kennt, wird man vielfach denken (und ich hätte das wahrscheinlich dort auch behauptet), sie würden gewiß meistens auf den Pflanzungen ihrer bisherigen Herren bleiben und dort als freie und bezahlte Leute weiter arbeiten, schon die Not würde sie lehren, tüchtige Menschen und nützliche Staatsbürger zu werden! Hier sehe ich aber, daß nichts dergleichen der Fall sein wird. Selbst ein Vergleich mit den Verhältnissen in der nordamerikanischen Union ist unangebracht. Erstens haben sie hier nicht das Beispiel der Tüchtigkeit vor sich wie dort. Der Nordamerikaner achtet die Arbeit und den Arbeitenden; er schafft selber und legt ungeniert mit Hand an; er verachtete in dem Schwarzen nur die untergeordnete Race. Der Brasilianer, weniger peinlich, aber anderseits hochmütiger und doch wieder ungebildeter, verachtet gradezu die Arbeit und den Arbeitenden. Er selbst arbeitet nicht, wenn er es irgend vermeiden kann, er sieht das Nichtsthun als ein Attribut des Freien an, und woher will man denn erwarten, daß der in tierischer Unwissenheit erzogene Sklave sich über solche Ansichten hinwegsetze, sich eine selbständige philosophische Ansicht gebildet habe oder bilden werde?! Er wird’s ruhig der weißen Race nachmachen und so wenig wie möglich arbeiten, und +wie+ wenig dieses „Mögliche“ ist, kann man nur hier an Ort und Stelle angesichts der Freundlichkeit der Tropennatur und der schier unglaublichen Anspruchslosigkeit jener Leute ermessen. Ich habe, seitdem ich hier bin, natürlich unendlich viel mehr als früher Interesse für diese Dinge genommen, lese auch viel darüber, und da sehe ich denn, daß manch ein geistreicher Tropenkenner zu den gleichen Ansichten gekommen ist, wie sie sich mir hier aufdrängen.
Absolut das Gleiche, was ich eben behauptete, sagt Smarda, in seinem Ausspruche: „In den Tropen arbeitet niemand zum Vergnügen -- warum sollte es der bedürfnißlose Neger thun?“
Lewes schreibt: „Hunger ist das wahre Lebensfeuer, von dem alle Anregung zur Arbeit und Thätigkeit ausgeht, und wir mögen hinblicken, wohin wir wollen, wir finden in ihm die bewegende Kraft, welche die unermeßliche Kette menschlichen Treibens und Schaffens in Thätigkeit und Bewegung setzt. Laßt Nahrung im Überfluß vorhanden sein und leicht zu erringen -- und die Zivilisation wird unmöglich werden.“ Das paßt hierher; die Notdurft ist vorhanden oder doch leicht zu beschaffen, und Ehrgeiz oder Erwerbssinn (portugiesisch heißt beides mit dem gleichen Wort ~ambiçaõ~), die ihn zu persönlichen Anstrengungen geneigt machen könnten, liegen dem Sklaven und selbst dem Freigelassenen mit seltenen Ausnahmen fern; warum sollten sie sich also plötzlich in seinen vollkommen müßig aufgewachsenen Kindern finden? Und der geistreiche Fernando Schmidt (Dranmor), der 40jährige Beobachter brasilianischer Verhältnisse, sagt in einem seiner Leitartikel: „Keiner menschlichen Kreatur ist Feldarbeit verhaßter, als dem freien Neger. Nicht wie in den Südstaaten der amerikanischen Union heißt es bei uns, „wenn Dir die Sonne auf den Scheitel brennt, erringe im Schweiße deines Angesichts das, womit Du Deines Körpers Blöße bedecken kannst, wenn eisiger Frost sich über den Erdboden lagert“ -- in dem gesegneten Brasilien, in jenen Distrikten wenigstens, wo zur Zeit noch leider nur Zwangsarbeit die großen tropischen Handelsartikel erzeugt, ist uns die afrikanische Race darin überlegen, daß sie Jahr aus, Jahr ein dem ihren Aspirationen angemessenen Schlaraffenleben zu fröhnen versteht, und sobald sie der Zucht entrinnt, sich für die tägliche, leicht zu beschaffende Atzung keine großen Sorgen zu machen braucht. Eine geistige Regeneration kommt nicht in Betracht.“
Es geht eben hier in Brasilien, wie es nach einer Notiz in einer älteren Nummer des „~Economiste français~“, die mir neulich in die Hände fiel, in Jamaica seiner Zeit gegangen ist. Das Blatt sagt: „Neben der Aufhebung der Differentialzölle hat besonders die Sklaven-Emancipation die Prosperität der früher blühenden englischen Besitzung Jamaica vernichtet. Die Neger ergaben sich der Faullenzerei, und noch heute verdienen sie ihren Unterhalt nicht in den Pflanzungen; die Insel bedarf hunderttausend Kulies.“
Ich habe nach meinen Beobachtungen den Eindruck, daß auch Brasilien zunächst furchtbar leiden wird durch die Aufhebung der Sklaverei, zumal da man sich immer noch nicht entschließt, europäischen und besonders den nützlicheren germanischen Einwanderern günstigere Bedingungen zu stellen. Es wird nach zwei Seiten hin leiden, einmal durch den Wegfall der Arbeitskräfte auf dem Lande und dann durch die plötzliche Überschwemmung seiner Städte mit faulen und im besten Falle unnützen Bevölkerungs-Elementen.
Man sieht ja jetzt schon so ziemlich, was Brasilien wenigstens von den ersten beiden Generationen seiner freien schwarzen Mitbürger erwarten und hoffen darf. Von den Männern bleibt nur ein verschwindend kleiner Teil auf dem Lande als freie Feldarbeiter; nur ein geringer Prozentsatz von Allen wurde bisher, wenn auch nicht zu besonders fördernden, so doch auch nicht zu störenden oder schädlichen Mitgliedern der freien Gesellschaft. An ein Plus von Arbeit und Schaffen der schwarzen Bevölkerung aber, über die eigenen bescheidensten Bedürfnisse hinaus, ein Plus, das also indirekt dem Lande zugute käme, sei es was Bodenkultur, sei es was Industrie anbetrifft, ist wohl noch in vielen Jahrzehnten nicht, wenn überhaupt zu denken.
Von den alten, verbrauchten Freigelassenen schrieb ich Dir schon, daß sie oft dem größten Elend ausgesetzt sind; von einer alten Negerin las ich einmal, daß sie in der Nacht nach ihrer Freilassung aus Mangel an Obdach in einem hochgelegenen Bergstädtchen erfroren sei, und mit was für einer Unzahl von Bettlern beiderlei Geschlechts die Sklaven-Emancipation die Städte beglückt hat, ist gradezu überwältigend. Ich weiß nicht, ob es Selbstironie sein sollte, was in Saõ Paulo die Polizei bewog, die dortigen -- mit Nummern zu versehen!! Die jüngeren Frauen, besonders die Mulattinnen, sind zum großen Teil moralisch verkommen und rühren gewiß keine Arbeit an, wenn sie anders existieren können. Die älteren Weiber schmarotzern sich so durch, essen heute bei der früheren Herrschaft, morgen bei deren Eltern, einmal in der Küche befreundeter Sklavinnen, ein ander Mal wird das Mittagbrot aus einigen Bananen und etwas Brot billig zusammengesetzt. Wer die Schlafstelle einer Negerin kennt, weiß, daß sie überall aufzuschlagen ist: eine Matte und ein Tuch über dem Kopf ist leicht irgendwo gewährt. Das wenige Geld, dessen sie doch etwa noch benötigen, verdienen sie meistens durch Waschen oder Nähen, öfter noch durch Früchte- oder Konfekt-Verkauf in den Straßen; doch darf bei ihrer Arbeit nicht im entferntesten an eine regelmäßige und angestrengte Thätigkeit gedacht werden. Selbst wenn sie in einen Dienst treten, so ist ein ewiges Wechseln desselben die Hauptsache dabei.
Und zu alledem giebt es jetzt (1882) etwa noch eine Million Sklaven in Brasilien. Wie werden die Zustände nun erst werden, wenn die alle auch noch frei sind! Und dieser Zeitpunkt wird nicht mehr allzu fern sein, denn die Emanzipation schreitet täglich vorwärts. Der staatliche Fonds reicht ja allerdings nicht entfernt aus, aber die provinziellen Verbände helfen, und unzählige Sklaven werden frei durch Privat-Initiative.
Ein Verwandter von Herrn de Souza, der sehr reich ist, hat alle seine Sklaven, deren gegen 300 waren, freigegeben und sie mit enormen Kosten durch „Kolonisten“ aus der Schweiz und Tyrol ersetzt; und dies Beispiel ist nicht das einzige seiner Art. Auch manch deutschen Namen sieht man unter der Zahl solch edelmütiger Herren. Bei besonders erfreulichen Familienereignissen oder sonstigen Anlässen ist es jetzt allgemein Brauch, seiner Freude durch Befreiung eines oder mehrerer Sklaven Ausdruck zu geben; bei der Geburt eines Kindes, bei der glücklichen Rückkehr eines in Europa erzogenen Sohnes, bei einer besonders günstig ausgefallenen Ernte oder Spekulationen erhält mancher Sklave seine „Carta“. Wenn Maricotas Bruder Bento aus Cassel zurückkommt, erhält das hiesige Factotum, Cäsario, die seine, wurde mir neulich anvertraut.
Eine Menge Sklaven werden frei durch testamentarische Verfügung, doch wird von den Besitzern ein derartiges Testament streng geheim gehalten, da sie sonst fürchten, vergiftet zu werden.
Alleinstehende Leute machen sogar manchmal ihre Sklaven zu, natürlich freien, Erben ihrer Pflanzung, doch scheint mir diese Art von Humanität recht wenig angebracht, da die Schwarzen in solchem Falle gewöhnlich schon nach kurzer Zeit Besitzer einer Wildnis sind und dieselbe sämtlich verlassen, um in den Städten ein mäßiges Vagabundenleben zu führen, das ihren Neigungen weit mehr entspricht, als ein geordnetes, arbeitsvolles Dasein. Daher wußte eine kürzlich verstorbene Dame aus Minas geraes auch wohl, was sie that, wenn sie bestimmt hatte, daß eine ihrer Pflanzungen nur für eine bestimmte Anzahl von Jahren ihren 32 freizulassenden Negern zur Nutznießung überlassen werden und dann an zwei milde Stiftungen fallen solle.
Von dem eklatantesten Fall aber, wie gefährlich unbedachte Humanität wirken kann, erzählte mir neulich Dona Maria Louisa. Eine alte Schwarze, die ihr früher einmal gehört hatte, war vor einiger Zeit zu ihr gekommen, um ihre Not zu klagen. Sie war bei ihrer neuen Herrin nach deren Tode auch Miterbin der Pflanzung geworden und erzählte nun, daß auf derselben ein schrecklicher Zustand herrsche. Einige der früheren Sklaven und jetzigen Besitzer arbeiteten und ernteten, die Faulen verlangten dann, von deren Mühen mitzuleben, was ihnen jene natürlich weigerten. Darüber käme es dann oft zu blutigen Raufereien, bei denen schon fast die Hälfte der Neger um’s Leben gekommen sei. „Nein“, hat sie ganz überzeugt geschlossen, „damit hat unser Senhor keinen Segen gestiftet, daß er uns die Fazenda hinterlassen hat, dafür kommt er in die Hölle!“ Das scheint mir nun allerdings für den seligen Sklavenbaron und sein gewiß gutgemeintes Testament ein etwas gar zu hartes Prognostikon, aber es liegt thatsächlich eine enorme Ungeschicklichkeit darin, ohne Übergang den Sklaven zum Herrn zu machen, so durchaus abhängig erzogene Wesen plötzlich mündig zu erklären. Aber das Ganze „mutet an“, nicht wahr? Die Zustände sind so recht behaglich und vertrauenerweckend? Ich kann Dir nur sagen, Grete, daß ich auf einer großen Sklavenpflanzung jetzt nicht sein möchte.
Aber nun wirst Du wohl genug haben von Negern und Sklaverei, und da kommt auch Albertina, mich zu holen, damit ich das längste Zuckerrohr ansähe, das ich je gesehen hätte!
Adieu, mein Herzensgretel, schreibt mir nur ja rechtzeitig zu Weihnachten; nächste Woche müßten Eure Briefe dazu schon abgehen; ob Ihr wohl daran denkt?
Deine alte +Ulla+.
Saõ Sebastiaõ, den 5. Dezember 1882.
+Meine liebe Grete!+
„Das längste Zuckerrohr, das ich je gesehen“, steht in der Veranda in einer Ecke; das feierliche Herbeibringen des längsten Rohres ist hier, was bei uns der Erntekranz. Die Zuckerernte ist in vollem Gange und -- alles klebt. Es ist scheußlich. Die Kinder kauen von Morgen bis zum Abend „~canna~“, das sie manchmal hübsch abschälen und in Stückchen schneiden lassen, gewöhnlich aber einfach aussaugen, so gut es die Rohrschale erlaubt, und die Reste um sich herum spucken. Die kleinen Neger konntest Du die letzten Tage absolut nicht anders erblicken, als mit Zuckerstöcken in den Mündern, über deren mögliche Bewältigung einen nur die Verhältnismäßigkeit ihrer Kauwerkzeuge beruhigte. Jetzt ist die rohe ~canna~-Periode vorbei, und wir sind in das Zeichen des Syrups eingetreten, ein recht zweifelhafter Fortschritt.
Gestern wurde die Maschine aufgestellt, die das Rohr zermalmt und auspreßt, und heute Morgen vor dem ersten Frühstück brachten die Kinder mir triumphierend einen großen Becher Zuckersaft, wie er unmittelbar den ausgepreßten Stangen entquillt. Er ist dann grünlich, verhältnismäßig klar und dünnflüssig wie Wasser und schmeckt merkwürdigerweise lange nicht so ekelhaft süß, wie man vermuten sollte; Klein und Groß vertilgt ihn literweise.
Dieser Saft läuft durch Röhren in große Kessel, wo er gekocht wird und sich so zu Melasse verdickt, die, abgesehen von einem etwas feineren Geschmack, völlig unserem Syrup entspricht. Heute Mittag brach diese „Melado“-Periode an, wir hatten welchen zu Tisch mit ~canjica~ (gekochtem Mais) zusammen, und seitdem sind die Kinder schon zwei Mal umgezogen worden. Alles schwelgt in der Zuckerernte, sogar, oder vor allem, die Schweine, die die ausgepreßten Rohre bekommen und dabei zusehends an Umfang zunehmen.
Die ganze Natur rings um die Fazenda riecht, aber nicht unangenehm, nach dem gekochten Saft. Wenn die Melasse dick genug ist, kommt sie in große hölzerne Behälter zum Krystallisieren, und damit dies schneller und besser vor sich gehe, wird sie mit -- Kuhmist bedeckt! So wenigstens machen es die meisten kleinen Pflanzer, sagte mir Dona Maria Louisa; hier wird glücklicherweise statt dessen eine besonders fette Lehmsorte genommen, die sie auf der Pflanzung haben.
Im Großen wird die Zuckerbereitung in Brasilien eigentlich nur vom Staat betrieben, und in dem fiskalischen Etablissement sind die ganzen Einrichtungen auch modernerer Art; die Pflanzer bauen meistens nur, was sie zum eigenen Verbrauch benötigen, und wer die Rohrkultur in größerem Maßstabe betreibt, der verkauft gewöhnlich die rohe ~canna~ an den Staat.
Den 11. Wir sind in eine neue Zuckerphase getreten; die Melasse hat regelrecht ihre Metamorphose zum gelben Streuzucker durchgemacht, und dieser liegt nun in hellen Haufen auf Matten im Hofe aufgeschüttet, um zu trocknen. Grete, weißt Du, worüber ich mich bei der ganzen Sache am meisten freue? -- Daß ich nicht immer dabei bin, denn sonst wäre ich wahrscheinlich nicht im Stande, hier noch irgend etwas Süßes zu genießen. Von den unzähligen Mosquiten, Fliegen, Wespen, Bienen und Ameisen, die sich ihr Scherflein von dem Zuckerhaufen holen, will ich noch garnicht einmal reden, aber da keinerlei Umzäumung diese süßen Berge schützt, so kommen auch Katzen und Hunde zu Gaste und wollen ihr Teil an der allgemeinen Zuckerfreude von Saõ Sebastiaõ. Diesen ersten, noch ziemlich dunkeln Zucker bekommen allerdings nur die Neger zu ihrem Kaffee, aber ich habe so meinen leisen Verdacht, als würde er zum Kochen doch auch für uns in die Küche geschmuggelt. Der für die Herrschaft bestimmte Zucker wird raffiniert, aber auch nur hier auf der Pflanzung und auf die ursprünglichste Manier. Ganz hell wird er überhaupt nicht, und absolut weißen Zucker sieht mancher Brasilianer nicht, so alt er wird. Du siehst auch in den besten Häusern hier keinen Brodzucker, und die Kinder amusierten sich neulich höchlich darüber, daß in ihrem französischen Lesebuch von einem „Stück“ Zucker die Rede war; sie hielten das für einen wunderbaren schriftstellerischen Lapsus. Weißt Du, Gretele, im Ganzen, glaube ich, können wir mit unserem Runkelrübenlande zufrieden sein -- etwas appetitlicher scheint es mir denn doch da zuzugehen. Schließe sie mit in das bewußte Glas Bowle ein: Deutschland und -- seine Runkelrübe!
Deine +Ulla+.
_Saõ Sebastiaõ, den 18. Dez. 1882._
_Gretele, Herzensgretele, denke Dir, ich reise zu Weihnachten nach Saõ Paulo! Schaumanns haben mich eingeladen, und ich gehe am 22. hin. Ich kann mich gar nicht fassen vor Glück! Wie anders wird es sein als im vorigen Jahr! Und ich werde sie alle wiedersehen, die lieben Menschen, Schaumanns vor allem und Fräulein Meyer und die kleine Harras und -- und -- alle!_
_Ach, Grete, ich bin ja_
_Deine so glückliche_
_Ulla!_
Saõ Paulo, den 28. Dezember 1882.
+Meine einzige Grete!+
Ist das eine hübsche Weihnachtszeit mit deutschen Menschen, deutschen Liedern, deutschem Festtagskuchen! Nur daß die Tropensonne dreinleuchtet und sengt, als wolle sie sich rächen für unser Versenken in die Bräuche der kalten nordischen Heimat, und die Bananen draußen scheinen unzufrieden zu rascheln, und die Palmen schütteln die Häupter, wie wenn sie sagen wollten: „Wie könnt ihr bei unserem Anblick an düstere Tannen denken!“ Und doch -- und doch, Grete! Dranmors „einzige, schneebehang’ne Tanne“, sie hat mich diese ganzen Tage über verfolgt, denn der Christbaum fehlte, wenn auch sonst alles weihnachtlich war, und man mit überreichen Gaben freundlich auf den Gast bedachte. Was doch an solch einem Baum für eine Poesie haften kann! Mein Bruder behauptete immer, ihm wäre nicht eher weihnachtlich zu Mute, als bis diverse Wachsflecke den Fußboden zierten und es durch alle Stuben nach versengten Tannennadeln röche. Ich wußte auch früher, daß er auf dem Grunde dieser immer halb spöttisch vorgebrachten Äußerung die Poesie der Weihnachtszeit mehr empfand, als er es je Wort haben wollte, aber wie viel daran war, merke ich erst jetzt, wo ich vergeblich den „Weihnachtsduft“ in den Zimmern suche.
Und selbst draußen -- ach Grete, wie viel schöner ist doch solch’ ein weißer, schneeiger Platz in Berlin, auf dem in langen Reihen die Tannen stehen, als dieser sonnengetränkte südliche Garten mit seinen Rosen und Palmen...
Ich bin undankbar, wirklich, ich muß es sein, denn die Menschen sind so unendlich lieb zu mir, und das Land ist so märchenhaft schön, und dabei kann ich es nicht ändern, daß mir immer der Refrain des Liedes durch den Kopf summt, das wir neulich sangen:
„’S ist zwar schön im fremden Lande, Doch zur Heimat wird es nie!“
Gestern war ich nämlich bei einer Erzieherin, die ein Klavier im Schulzimmer hat und ein deutsches Volkslieder-Album besitzt; wir waren im ganzen 6 deutsche Mädchen und haben das Album bis auf das letzte bekannte Lied durchgesungen, so daß ich heute noch heiser bin. O grüße es mir, grüße mir mein schönes Deutschland und seinen frohen Sang!
+Den 29. Abends.+ Soeben komme ich von der englischen Familie, mit der ich zur Zeit meines klassischen Römertums bekannt geworden war, und die mich zum Christmas-Pudding eingeladen hatten. Mr. Hall hat mich nach Hause gebracht, denn er war auch da, wie er überhaupt sehr befreundet mit Emersons ist. Aber ich weiß garnicht, Grete, was mit ihm vorgegangen ist, seitdem er damals mit nach Santos hinunter fuhr: er hat kein Wort gesprochen den ganzen Weg über, so daß wir völlig stumm neben einander hergeschritten sind, denn ich sagte auch nichts. Und hier vor der Thür war er noch sonderbarer. Erst hielt er meine Hand eine Zeitlang fest und sah mich an (er hat wirklich bezaubernde blaue Augen!) als ob er etwas sagen wolle, dann ließ er sie rasch los, stieß hastig ein kurzes „~Good night~“ hervor und war so unartig, davonzulaufen, ehe ich die Thür aufgeschlossen hatte. Was sagst Du dazu, und was soll ich davon denken? Ob er verletzt war, daß ich garnicht gesprochen habe auf dem Wege? Aber es war doch seine Sache, von irgend etwas zu beginnen, und ich wußte auch wirklich nichts zu sagen, Grete. Es war ganz komisch; ich schwatze doch manchmal das Blaue vom Himmel herunter, aber vorhin fiel mir absolut nichts ein, was ich hätte sagen können, oder was mir einfiel, war dumm. Nun, die ganze Sache ist ja auch gleichgültig, und ich brauche ja nicht mehr daran zu denken.
Morgen sollte ich eigentlich mit Emersons nach dem Maschinenlager gehen, wo er uns einige interessante Sachen zeigen wollte, aber jetzt werde ich +nicht+ hingehen, sondern dafür mein verwichenes klassisches Altertum aufsuchen, von dem ich allerdings wohl nur die kleineren Heldinnen vorfinden werde; die großen werden wohl in den ~collegios~ geblieben sein, die Brasilianer machen sich ja nichts aus Weihnachten.
Adieu für heute, mein Gretel.
Deine +Ulla+.
~P. S.~, +den 30. früh+. Soeben bringt die Post aus Santos eine Einladung zum Sylvesterball in der dortigen „Germania“ für Fräulein Schaumann und Bruder und „Besuch.“ Das bin ich, und so ist das Blauseidene denn doch nicht vergebens von Saõ Sebastiaõ hierher gewandert! Wie drollig kommt mir’s vor, hier zu einem Ball und sogar zu einem +deutschen+ Ball gehen zu können. Nur warm wird’s werden!
Santos, den 2. Januar 1883.
Liebe Grete! Der Ball ist gewesen und das Blauseidene auch. Wir haben viel getanzt, und es war furchtbar staubig und heiß in dem kleinen Saal. Was soll ich Dir sonst noch davon erzählen -- Du weißt ja, wie ein Ball ausschaut. Es ist eigentlich ein kindisches Vergnügen, nicht wahr, Grete? Ich habe mich im Grunde gelangweilt.
Von Saõ Paulo war außer uns nur noch ein einziger deutscher Kaufmann da; ich hatte geglaubt, man würde sehr Viele von dort einladen. Ach Grete, manche Vergnügungen der Jugend sind doch recht thöricht! Ich werde jetzt verständig werden und mich so allmählich in die alte Jungfer hineinkapseln, das ist doch das einzig Richtige!
Wie geht es Dir? Hoffentlich besser als
Deiner +Ulla+.
Das heißt, mir fehlt eigentlich nichts. --
Saõ Sebastiaõ, den 9. Januar 1883.
Greteherz -- er war hier! Mr. Hall! Herr de Souza hat neue Maschinen gekauft, und da war er so gewissenhaft, selbst ihre Aufstellung zu überwachen. Ich war so überrascht und erschrocken! Aber ich muß Dir die ganze Geschichte erzählen, es war zu drollig! Wundre Dich nur nicht, wenn eine Melone die Hauptrolle in meiner Geschichte spielt -- sie verdient es!
Wie ich von Saõ Paulo zurück- und in Santa Barbara auf der Station ankam, stand Cäsario schon da mit seinem Wagen. Ich wäre eigentlich lieber geritten, aber da ich Gepäck hatte, so mußten wir fahren. Santa Barbara ist berühmt wegen der prachtvollen Wassermelonen, die dort von nordamerikanischen Ansiedlern gezogen werden, und weil der Wagen nun doch einmal da war, so kaufte ich die größte, die ich bekommen konnte. „Die wiegt gut ihre 12 bis 15 Pfund“, grinste der Jüngling, von dem ich sie erhandelte, und der mir sie an den Wagen trug.
„Nun, Cäsario“, sagte ich, vergnügt über meinen famosen Handel, „wo bringen wir denn diesen zierlichen Gegenstand noch unter? Er ist für die Kinder.“
Cäsario kraute sich das schwarze Wollhaar.
„Hm, Senhora, es ist nirgend Platz.“
„Was“, rief ich, „ein ganzer Wagen und kein Platz für eine Melone -- hier ist ja ein Kasten unter dem Sitz.“
„Darin ist Senhoras Handköfferchen und Fleisch aus dem Dorf und etwas Weißbrot, es geht nichts mehr hinein.“
„So nimm die Melone auf den Bock.“
„Ja, Senhora, gern, Senhora, aber sie wird hinunterfallen, denn ich habe die vier Maultiere und die Peitsche.“
„Nun, so wird sie stolz neben mir auf dem Sitz fahren, gieb her“, entschied ich, als in der That der Wagen keinen weiteren Raum für die schöne Frucht zu haben schien.