Leid und Freud einer Erzieherin in Brasilien

Part 12

Chapter 123,623 wordsPublic domain

Heute kommt Herr de Souza zurück von der Fazenda, wo er einmal nach dem Rechten gesehen hat. Während seines Fortseins war es hier natürlich nicht gerade anheimelnder, zumal da einige Tage oder vielmehr Nächte vor seiner Abreise ganz in unserer Nähe eingebrochen und gestohlen worden war. Am Morgen seiner Abreise trat er daher beim Frühstück mit einem großen Revolver auf mich zu und meinte, ich sei ja wohl noch die Tapferste von der zurückbleibenden ewig weiblichen Gesellschaft, und er lege daher die Verteidigung des Platzes in meine Hände. Ich muß gestehen, daß dies auch meine erste Bekanntschaft mit Revolvern oder sonstigen Mordinstrumenten war, allein ich übernahm kühn meine Rolle als wehrhafte Besatzung der Chakara und ließ mir nur zur größeren Sicherheit -- +meiner selbst+ -- das Ding von einem mir bekannten deutschen Herrn in unserer Nachbarschaft erklären. Seitdem droht es nun von meiner Wand herab und macht in der That neben meinen Kattunkleidern und Röcken einen höchst schreckhaften Eindruck, dessen erste Wirkung sich auf die Negerin warf, welche seitdem kaum zu bewegen ist, das Zimmer aufzuräumen. Eine weitere Vorsichtsmaßregel war, daß wir sämtliche Damen alle die Tage über ganz ohne Schmuck und in den schlechtesten Kleidern ostentativ auf der Praia, d. h. am Strande spazieren gehen mußten, um den Dieben zu demonstrieren, daß bei uns nichts zu holen sei, eine Maßregel, die gewiß nicht verfehlt hat, auf die Diebe den größten Eindruck zu machen! Endlich wurde der Barrikadenbau des Abends etwas raffinierter betrieben. Ein disponibles Rohrsopha wurde dem Tische hinzugefügt, und die Stühle wurden in der Anzahl auf 5 erhoben, sowie etwas „kippeliger“ aufgebaut; das Werk krönten ein paar leere Schubladen (+meine+ Erfindung!) und das Ganze machte stets, wenn es fertig gestellt war, einen erhebenden Eindruck auf uns alle. Mit heute werden wir denn wohl wieder zu Barrikade Nr. ~I~ zurückkehren, und ich werde die Verteidigung des Platzes in Herrn de Souzas Hände zurücklegen.

Ob er mir einen Brief von meiner Grete aus Saõ Sebastiaõ mitbringen wird? Adieu, mein Herzle, das Licht brennt, Dickens tritt in seine Rechte, und die Baratenstunde naht.

Deine +Ulla+.

Saõ Sebastiaõ, den 4. Oktober 1882.

+Meine gute Grete!+

Da sitzen wir wieder in Saõ Sebastiaõ und warten auf die Hitze und die Zuckerrohrernte, auf das letztere mit großer, auf das andere mit mäßiger Sehnsucht.

Unsere Abreise von der guten alten schmutzigen Chakara und der Abschied von dem Insekt wurde uns schwer trotz alledem und alledem, und außer Herrn de Souza und Dona Maria Louisa mußten wir alle darüber getröstet werden, die Kinder mit der kommenden „süßen“ Zeit, ich mit dem kleinen muntern Lazaõ, meinem Lieblingspferd, das ich immer geritten, und mit dem mir Herr de Souza lachend ein Wiedersehen schon an der Station versprach. Es ist wahr, das Reiten ist hier mein schönstes Vergnügen, ja, meine +einzigste+ Zerstreuung, und wenn mir die Einsamkeit einmal gar zu traurig wird, kann ich leicht wieder froh gemacht werden durch einen besonders schönen Ritt.

Es ist wirklich bezaubernd und giebt einen fast berauschenden Begriff von dem Reichtum und dem Reiz der Tropenwelt, wenn wir so langsam und schweigend neben dem abendlichen Wald herreiten, manchmal Viertelstunden lang begleitet von dem wollüstigen Duft prachtvoller Orchideen, die in selbstgenügsamer Schöne hier an den uralten einsamen Stämmen tief im Walde blühen, oder wenn am Nachmittag im hellen Sonnenlicht handgroße blaue Schmetterlinge paarweise, die Köpfe unserer Pferde fast streifend, vorüberflattern.

Aber wir +gehen+ auch viel spazieren, bei welchen Gelegenheiten ich meine „Naturalien“-Sammlung zu vervollständigen suche. Neulich fand ich eine ganze Anzahl riesengroßer leerer Häuser von Erdschnecken, und von Schlangen könnte ich schon eine ganze Collection haben, wenn ich alle aufheben wollte, die hier getötet werden. Vor einigen Tagen habe ich selber mit meinem Regenschirm ein kleineres Exemplar von diesen Unholden totgeschlagen, und das Kindermädchen bringt, wenn sie mit den Kleinen spazieren geht, öfters solche ekelhafte Reptilienleichen an, für die wir uns ein besonderes „Massengrab“ eingerichtet haben. Meine Käfersammlung aber habe ich in ihren Anfängen verkümmern lassen müssen; ich konnte das Morden nicht mehr aushalten, Grete. Wenn ich sie eben mit Chloroform getötet zu haben glaubte und sie dann vor das Fenster in die Sonne zum Trocknen legte, dann lebten sie nach einer Stunde oft wieder auf und krochen schwerfällig umher. Das war mir zu ekelhaft, meine Kaltblütigkeit scheint sich nur auf Baraten und Schlangen zu beschränken. Von ersteren haben wir hier, Gott sei Dank, so gut wie gar keine, wie denn überhaupt das Insect auf dieser hochgelegenen Pflanzung glücklicherweise nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt. Worunter wir am meisten leiden, ist die auch hier herrschende große atmosphärische Feuchtigkeit, deren Regiment jetzt mit der heißen Zeit, wo es fast jeden Tag regnet oder gewittert, wieder beginnt. Da werde ich denn wohl von Zeit zu Zeit eine Trödelbude aus meinem Zimmer machen müssen, wenn mir nicht alles verstocken soll. Übrigens habe ich jetzt als vortreffliches Mittel gegen Stockflecke in Handschuhen gelernt, diese in einer Schachtel mit Hirschhornholz aufzubewahren, wobei man nur die Knöpfe zu umwickeln hat, da diese sonst anlaufen.

Heute fördert’s schlecht mit meinem Briefe, Herzensgretel, denn vor meinem Fenster auf dem freien Platz werden schwarze Bohnen ausgedroschen. Sechs Neger stehen einander zu je dreien gegenüber und schlagen mit langen Bambusstöcken auf die Bohnen los; das eintönige, taktmäßige Geräusch geht nun schon seit heute Morgen um 7 Uhr vor sich und hat uns auch durch sämtliche Schulstunden begleitet. Das gelegentliche Singen unserer Drescher daheim wird hier ersetzt durch einen beliebigen aber rhythmischen, oft allerdings ganz blödsinnigen Satz, den der erste Drescher erfindet oder doch vorspricht, und den die anderen mitsprechen, und nach dessen Takt gearbeitet wird. „~Que bom chà, que bom~“ (Welch’ guter Thee, welch’ guter) ist Cäsarios geistreiche Erfindung, nach der hier die schwarzen Bohnensträucher geprügelt werden, und ich darf wohl mit Wahrheit behaupten, daß ich diesen imaginären Thee heute wohl einige tausend Mal habe loben hören. Übrigens trinke ich hier jetzt keinen chinesischen Thee mehr, weil er mir Schlaflosigkeit verursacht, sondern ich nehme des Abends auf Dona Maria Louisas Rat statt dessen Thee von Kopfsalat zu mir, der mir anfangs natürlich schauderhaft schmeckte, an den ich mich jetzt aber sehr gewöhnt habe, zumal er in der That eine leicht beruhigende Wirkung hat.

Was gäbe ich um ein kleines Fläschchen Bier hier am Abend! Aber das ist auf den Pflanzungen nicht zu halten und kostet schon an den Hafenplätzen einen Milreis, also 2 Mark die Flasche! Mit Getränken ist man überhaupt schlecht daran in Brasilien! Mittags wird von den Brasilianern ein kleines Glas Portwein getrunken, wie wir es zum Frühstück nehmen, aber die Sorte ist gewöhnlich so schlecht, daß wir daheim sie verschmähen würden, und dann ist das doch auch kein Wein, der in größeren Mengen als Tischwein genossen werden kann. Unser Wasser hier in Saõ Sebastiaõ ist recht schlecht und oft ganz gelb und lehmig, und den roten Lissabon-Wein, den mir Herr de Souza aus Saõ Paulo hat kommen lassen, trinke ich nur aus Courtoisie. Der Brasilianer ist kein Weinkenner und trinkt überhaupt wenig außer Wasser und Kaffee, von welchen beiden Flüssigkeiten er allerdings tagsüber erstaunliche Mengen zu sich nimmt.

Widme mir das erste Glas Bowle, Gretele, das Du nach Empfang dieses Stoßseufzers zu Dir nimmst, und verurteile nie mehr einen Studenten, wenn er singt: „Ein Bursch wie ich, säuft ganze Fässer aus -- Fässer aus“ -- vielleicht will er nach Brasilien gehen und trinkt Vorrat, +woran er recht thut+!

Mit welchem höchst forschen und schneidigen Ausspruch ich für heute schließe.

Deine +Ulla+.

Saõ Sebastiaõ, den 27. Oktober 1882.

+Meine süße Grete!+

Heute muß ich Dir eine vollständige kleine Geschichte erzählen, und hoffentlich wirst Du sie nicht allzu unsympatisch finden, weil sie von einem -- Aussätzigen handelt. Die ganze Sache hat mich so beschäftigt und erinnerte mich zugleich unwillkürlich an die rührende Erzählung Xavier de Maistre’s: „~Le lépreux d’Aoste~“, daß ich nicht umhin kann, sie meiner Grete mitzuteilen.

Es ist schon eine Zeitlang her und war vor unsrer Reise nach Santos, da ging ich eines Abends mit den Kindern langsam dem berittenen Neger entgegen, der die Briefe für die Pflanzung von der Station holte. „Da kommt er“, rief ich freudig aus, als sich vor uns in der Dämmerung etwas bewegte.

„Ach, das ist ja gar kein Reiter“, lachte die kleine Albertina, „das ist Ignacio.“

„Wer ist Ignacio?“

„Nun -- Ignacio, wissen Sie.“

„Ist er ein Neger der Pflanzung?“

„O ja, aber er arbeitet nicht, er ist krank.“

„Was fehlt ihm denn?“

„Weiß nicht, er hat ein Loch unterm Fuß und an der Hand auch eins, und das will gar nicht heilen.“

Du weißt ja, Greteherz, daß ich einen fast krankhaften Ekel gegen alle Hautleiden habe, und so bog ich etwas seitwärts ab, als wir dem Neger nahe kamen.

Eine große und durchaus nicht unkräftige Gestalt stand, als wir vorbeigingen, mit dem Hute in der Hand still, grinste und murmelte „~Soss kiss~“, um dann aber auf der Kinder freundliches „Guten Abend, Ignacio, wie geht’s, Ignacio?“ uns ein wiederholtes „danke, danke, Senhora; guten Abend, meine kleine Herrin, gelobt sei Jesus Christus“ nachzurufen.

Die entsetzlich zerlumpte und schmutzige Kleidung des Schwarzen, das verwilderte Wollhaar und der große, struppige, für einen Neger ungewöhnlich starke Bart gaben dem auf seinen Stock Gestützten und sich mühsam weiter Schleppenden ein so abstoßendes Aussehen, daß der Widerwille in mir das Mitleid bei weitem überwog, und die Kinder nicht so ganz unrecht hatten, als sie nachher lachend zu Hause verkündeten, Mademoiselle habe sich vor Ignacio „gefürchtet.“

„Was fehlt ihm?“ fragte ich wieder statt aller Verteidigung.

„~Quem sabe!~“ machte Dona Mara Louisa, „er hat überall am Körper Löcher und wunde Stellen, gegen welche auch die bewährtesten Blätter und Kräuter nicht helfen, so daß wir jetzt fast glauben, er ist lazaruskrank.“

Das wurde so ruhig hingesagt, als wenn man erzähle, es habe jemand einen Schnupfen. Grete, es überlief mich kalt. Ein Gefühl unsäglichen Jammers für den Unglücklichen, den die Schickung nicht tief genug demütigen zu können schien, überkam mich. Neger -- Sklave -- aussätzig! Es war fast eine Erleichterung zu denken, daß ihn nun nichts Schlimmeres mehr treffen könne. Was seine eignen Gedanken wohl darüber waren? Ob er um Hülfe rufen würde, wenn er in’s Wasser fiele? Ob er uns haßte, die wir gesund waren? Ich grübelte den ganzen Tag über diesen unglücklichen, vom Geschick gezeichneten Paria, und sein Bild ängstigte mich im Traum.

Einige Tage später erzählte man mir, Ignacio sei aus der nächsten Umgebung des Hofes verbannt und der Verkehr mit ihm den Negern untersagt, damit er niemanden mit seiner traurigen Krankheit anstecke.

Wie erbärmlich selbstisch ist doch der Mensch! Mein erstes unbewachtes und wie instinktives Gefühl war das der Erleichterung, daß ich die verwilderte, hinkende Gestalt des zerlumpten Aussätzigen nicht wiedersehen sollte, dann erst dachte ich an +sein+ Elend und -- suchte schließlich auch das zu vergessen.

Bald darauf machte ich eines Morgens meinen gewohnten Frühspaziergang. Dabei schmetterte ich im Frohgefühl meiner Gesundheit und Kraft ein vergnügtes deutsches Lied in die brasilianische Landschaft hinein....

Plötzlich aber brach der Ton in meiner Kehle ab -- da kam ja der Aussätzige auf mich zugehinkt!

Dem ersten blitzartigen Impuls gehorchend, kehrte ich jäh um und maß bereits mit eiligen Schritten meinen Weg zurück, als ich zur Besinnung kam.

„Edel sei der Mensch, hülfreich und gut“ -- ich wagte es garnicht, Grete, diesen unseren Lieblingsspruch auszudenken, als er mir einfiel. Pfui ob meiner verletzenden Hast!... Dann war eine Stimme da, die mich entschuldigen wollte: die Erscheinung war so plötzlich gewesen, ich hatte auch gar nicht an den verkommenen Neger gedacht. -- -- Aber wiederum nein, nein, es half nichts, ich schämte mich, o wie sehr!

Am folgenden Morgen ging ich zur gleichen Stunde denselben Weg. Das war meine Buße. An der nemlichen Stelle, wie am Tage vorher, traf ich den Aussätzigen. Sein unbedecktes Haar stand im Morgenwind, die Kleider umhingen zerlumpt den großen Körper, die dick umwickelten Füße erinnerten an seine Krankheit. Ein Schauer überlief mich, doch zwang ich mich, weiterzugehen. Da, als er ungefähr zehn Schritte von mir entfernt war, bog der Schwarze seitwärts in das wegelose Gestrüpp ein und schritt so, sich in ziemlicher Entfernung haltend, mit dem Gruße: „Gelobt sei Jesus Christus“ an mir vorüber. Mir brannte das Gesicht vor Scham in Gedanken an meine gestrige Flucht -- wie unsäglich klein war das gewesen! Ob er das wohl auch gedacht hatte? Ich wünschte, er wäre mir nicht so sorgfältig ausgewichen.

Auf meinem Rückwege sah ich ihn nicht, aber der Lazaruskranke begann, fortan in meinem Gemütsleben eine Rolle zu spielen. Ich quälte mich mit dem Gedanken an ihn herum, fand mich jetzt klein und erbärmlich in meiner Scheu, dann wieder läppisch und überspannt in meinem Kampf gegen einen Ekel, den jedermann offen zur Schau trug, und dessen Berechtigung sein unglücklicher Gegenstand offenbar selbst anerkannte. Warum sollte ich allein mich überwinden, einem Menschen zu begegnen, den jedes glückliche Geschöpf floh!

Ohne Ergebnis jedoch in diesem Gedankenstreit fand mich der folgende Morgen zunächst wieder auf dem alten Wege. Wie an den beiden anderen Tagen traf ich den Aussätzigen. Wieder bog er tief in das Gestrüpp ein, als wir an einander vorüberschritten, aber es fiel mir auf, daß er reinere Kleider trug und einen Hut auf dem Kopfe, den er lebhaft abzog, als er mir zweimal eifrig sein „~Soss kiss~“ zurief. Der Gedanke kam mir, als könne der arme Ausgestoßene diesem Austausch eines Morgengrußes mit einem der glücklicheren Wesen, aus deren Nähe ihn sein Elend bannte, mit einer gewissen Freude entgegen gesehen haben, und der Streit in mir war beendet. Ich beschloß, er solle dieses kleinen Trostes nun nie mehr entbehren.

Da mich der folgende Morgen ein wenig früher als gewöhnlich hinausführte, so traf ich erst auf Ignacio, als derselbe eben aus einer kleinen Hütte von Bambus und Lehm trat, die zwischen Farren und Gesträuch lag. Als er mich sah, blieb er zurück.

„Ist das Deine Hütte, Ignacio?“ rief ich ihm zu.

„Ja, Senhora, meine“, rief er mit strahlendem Gesicht zurück.

„Wohin gehst Du jeden Morgen?“

„Wasser holen zum Kaffee, Senhora.“

Seit wieviel Tagen, vielleicht Wochen mochten dies seine ersten Worte wieder sein!

Jeden Morgen brachte ich nun dem Unglücklichen seinen Gruß aus der Welt der Menschen, und es war mir jedesmal eine Befriedigung, in der Entfernung sein Gesicht freudig aufleuchten zu sehen hinter dem hohen Ginster hervor, durch den er sich allmählich einen vollständigen Weg gemacht hatte. Dennoch blieben meine Morgenspaziergänge, die früher der schönste Teil des Tages gewesen, noch lange eine Überwindung -- vor allen Dingen sang und jubelte ich nicht mehr unterwegs.

Dann kam unser Aufenthalt in Santos, und der Gedanke an den Aussätzigen wurde in den Hintergrund gedrängt. Kurz nach unserer Rückkehr sollte ich wieder an ihn erinnert werden. Eines Tages sah ich nämlich, wie Dona Maria Louisa verschiedene große Papierdüten mit Kaffee, Reis, Zucker und schwarzen Bohnen füllte.

„Für wen ist das?“ fragte ich.

„Die Lazaruskranken sind da“, war die Antwort.

„Ignacio?“

„Nein, die Aussätzigen von Santa Barbara, eine ganze Anzahl dieser Kranken, die dort in der Nähe eine Art von Kolonie bilden und ihren Unterhalt erbetteln, um nicht durch das Geld[8] und den Eintritt in die Venden[9] ihr schreckliches Leiden zu übertragen. Die mittellosen Kranken sind auf diese Weise besser daran als in einsamer Verbannung, und wer daher z. B. einen lazaruskranken Sklaven hat, schickt ihn gewöhnlich dorthin. Sie leiden keine Not, denn jeder giebt ihnen reichlich.“

„Warum lassen Sie Ignacio sich ihnen nicht anschließen?“

„Er will nicht, weil er seine Tochter hier hat; wir haben es ihm oft vorgeschlagen.“

Trauriger und rührender Gedanke, diese Familie von Parias, die, durch einen gemeinsamen Fluch von der übrigen Welt geschieden, sich zu gegenseitiger Samariterschaft verbrüderte -- die Freimaurer des Elends....

Ich blickte der weiterziehenden Schar der Kranken nach, und ihr dankbares „Gelobt sei Jesus Christus“ schnitt mir ins Herz.

Am folgenden Tage traf ich Ignacio nicht, so daß ich annahm, er sei ein Stück Weges mit seinen Leidensgenossen einhergezogen; als man ihn aber dann auch am anderen Tage bei der Rationenverteilung auf seinem Posten hinter der Barriere vermißte, wurde ein alter Neger hingeschickt, um nach ihm zu sehen. Der Auftrag war wohl ein unliebsamer, der Bericht jedenfalls ein liebloser: Ignacio behaupte, krank zu sein, hieß es, doch könne er nicht sagen, wo es ihm fehle, und demnach würde wohl das ganze Übel nichts weiter als Trägheit sein, er wolle bedient werden und scheue gar die kleine Mühe des Kochens. Ich war erstaunt und verletzt zu sehen, ein wie bereitwilliges Echo diese lieblose Äußerung fand, und sann nach, was zu thun sei, wenn dies fortdauere.

Am nächsten Morgen traf ich jedoch den Aussätzigen, der aber schmutzig und nachlässig aussah, und dessen unglücklicher Gesichtsausdruck und matter Gruß mir das größte Mitleid abnötigten.

Derselbe Tag brachte einen Regen, der mich durch seine Heftigkeit und Dauer mehrere Tage am Ausgehen hinderte. Ich dachte während der Zeit öfter an Ignacio, und ob er genügenden Mundvorrat und trocknes Brennholz in seiner Hütte haben werde; bei der Rationenverteilung fehlte er wiederum, und so oft ich täglich nach der Richtung seiner Hütte blickte, nie sah ich dort ein Rauchwölkchen aufsteigen. Grete, da kämpfte ich mit einem schweren Entschluß: sollte ich eintreten in die Hütte des Aussätzigen?! Ein Grauen schüttelte meinen ganzen Körper bei dem bloßen Gedanken daran. Aber: „Edel sei der Mensch, hülfreich und gut“ mahnte es wieder in mir. Was hatte ich denn bisher gethan für den Unglücklichen, was war mein Samaritertum gewesen? Ich errötete bei dem Gedanken, wie viel Überwindung mir das Wenige gekostet hatte, und mehr noch, da ich mir sagen mußte, daß meine Scheu vor dem Kranken weit weniger auf der Furcht vor Ansteckung beruhe, die bei mir immer sehr gering ist, vielmehr fast einzig in einem rückhaltlos groß gezogenen Ekel zu suchen sei. Um so mehr glaubte ich, mich überwinden zu müssen, und wiederholte mir, daß ich nichts gethan habe, wenn ich nicht dies eine thäte. Der Kampf war hart, und das erbitterte Ringen gegen mich selbst machte mich fast fieberisch. Einen Augenblick wies ich die Idee, bei dem Aussätzigen einzutreten, als eine wahnsinnige von mir und verspottete mich selbst ob meiner eingebildeten Samariterpflichten da, wo der Priester und der Levit vorübergingen; mochten doch seine Herren für den Leibeigenen sorgen, was ging er mich an! Dann wieder graute mir vor meiner eigenen Lieblosigkeit, und ich hatte ein Gefühl, als hätte mir die Vorsehung diesen Unglücklichen so recht besonders in den Weg geführt, als ginge er mich sehr viel an, mich vor allen andern, und als würde ich mehr als irgend jemand freveln, wenn ich ihn am Wege liegen ließe....

Ich faßte endlich den Entschluß, in die Hütte des Aussätzigen einzutreten, aber Grete -- ich will es Dir gestehen -- ich hatte am Abend vorher eine wilde, fieberhafte Hoffnung, in der Nacht zu sterben...!

Früh am nächsten Morgen pochte es an die Hausthür. Einer der Holzfäller, die von der nächsten Kolonie hierher kommen, meldete, er habe aus der Hütte des Ignacio im Vorbeigehen ein vernehmliches Stöhnen hervordringen hören, habe sich jedoch gegraut, hineinzugehen, der arme Teufel sei gewiß recht krank. Ein Neger wurde hingeschickt, um nach dem Unglücklichen zu sehen und ihn mit Stärkungsmitteln zu versorgen. Ich begann meine Stunden, konnte aber meine Aufregung kaum bemeistern! Grade als wir Pause hatten, kam der Bote zurück. Er hatte einen +Toten+ gefunden.

Gretele, da drang mir ein Erlösungsschrei aus der immer doch menschlichen Brust hervor, und „~homo sum~“ mußte ich mit Beschämung erkennen. Als aber dann ein heftiges Weinen mir die angespannten Nerven gelöst hatte, konnte ich ohne selbstischen Nebengedanken dem unglücklichen Paria die ewige Ruhe gönnen, und ich konnte nicht anders als mir vorstellen, wie das Wort, das fast das einzige war, das ich aus seinem Munde gehört, gewiß auch sein letztes gewesen sei: „Gelobt sei Jesus Christus.“

Ein alter, fast unbrauchbarer Ochsenwagen wurde bespannt, und, in eine Hängematte gelegt, fuhren zwei Neger den Toten zu seiner letzten Ruhestatt. Es war schon stark dämmerig gewesen, als sie im Dorfe anlangten und vor der Wohnung des Kaplans hielten, um diesen um Beerdigung der Leiche in einem der immer bereiten Gräber zu ersuchen. Aber so spät eine Beerdigung, und nun gar eines Schwarzen -- eines Sklaven -- eines Aussätzigen -- unverschämtes Ansinnen! Rauh war ihnen bedeutet worden, bis zum anderen Morgen zu warten. „Es geht nicht, wir müssen heim, Herr, wo sollen wir auch die Nacht über bleiben?“ hatten die Neger remonstriert. „Erlaubt denn, daß wir die Leiche in den Kirchhof stellen und selber umkehren.“ Auch dies war ihnen barsch verweigert worden, so daß die aufgebrachten Leute endlich gedroht hatten, die Leiche des Aussätzigen dem christlichen Geistlichen auf die Schwelle zu legen. Da befahl ihnen der Priester, die Aussätzigen der Kolonie herbeizuholen und von diesen die Leiche während der Nacht vor dem Kirchhofsthor hüten zu lassen. Die stille Krankenbrüderschaft ist dann gekommen, und es haben dem früheren Genossen ihres Elends, den die Menschen selbst über den Tod hinaus aus ihrer Gemeinschaft stießen, diese Paria der Menschheit die nächtliche Totenwacht gehalten.

Ich erinnere mich, daß in jener Nacht hellglänzend das Sternbild des Kreuzes am Himmel stand. Aber jetzt muß ich oft denken bei dem heiligen Zeichen: Warum bescheint es +die Erde+! Ich will heute nichts mehr hinzufügen mein Gretele, aber ich schicke dieses erst mit dem nächsten Briefe zusammen ab.

[8] In Brasilien zirkuliert fast nur Papiergeld.

[9] Krämereien.

Saõ Sebastiaõ, den 17. November 1882.

Heute ging es mir und den Kindern wie dem Reiter über’n Bodensee; wir haben einen tüchtigen nachträglichen Schreck davongetragen. Bei unserem Spaziergange, den wir, durch das prächtige Wetter verlockt, ziemlich weit ausdehnten, kamen wir auch an einer großen Zuckerrohrplantage vorbei, wo wir an einer Stelle das kaum reife Rohr in einem großen viereckigen Stück herausgeschnitten fanden. Wir wunderten uns alle über diese merkwürdige stückweise Ernte und erzählten davon zu Hause. „O, das sind Maraõs, Senhor“, sagte Cäsario, der dabei stand, „ich habe in dieser Zeit auch manchmal geglaubt, spät Abends da drüben im Walde Rauch aufsteigen zu sehen, aber es war zu dunkel und neblig, um es genau zu unterscheiden.“

Du magst Dir meinen Schreck vorstellen, als mir auf meine Frage „was sind Maraõs?“ geantwortet wurde: