Leid und Freud einer Erzieherin in Brasilien
Part 11
„O, hat man Ihnen noch nicht von unserer Kirche erzählt? Nun, ein Prachtgebäude ist sie freilich nicht, aber wir können doch so jeden dritten Sonntag im Monat unseren Gottesdienst haben. Kommen Sie mit und übernachten Sie bei uns, wir reiten dann morgen alle zusammen hin, wenn Sie wollen.“
Ob ich wollte! Natürlich wollte ich. Schnell war ein Pferd gesattelt, und vergnügt galloppierten wir die zwei Meilen bis zu Mr. Quimbys Pflanzung zurück. Ich „galloppiere“ nämlich jetzt auch schon flottweg, und Mr. Quimby schmeichelte meiner empfänglichsten Schwäche, als er meinte: „~You look as if you’d been born and bred on your horse.~“ Mrs. Quimby empfing mich herzlich wie einen erwarteten Gast, und in den Hängematten sitzend, verbrachten wir plaudernd den Rest des Abends.
Am andern Morgen um 9 Uhr brach eine ganze kleine Kavalkade zur Kirche auf, denn noch einige Damen und Herren aus der Umgegend schlossen sich uns an.
Solange der Weg auf dem Terrain der Pflanzung lag, war er nicht gar zu schlecht, obgleich Du Dir unter dem Worte „Weg“ auch nichts weiter als einen grade für +ein+ Pferd hinreichenden Pfad vorstellen darfst, dann aber wurde er stellenweise so schlecht, daß man bei uns wohl überhaupt davon abgestanden wäre, ihn zu passieren. Aber brasilianische Pferde sind nicht verwöhnt; obgleich unbeschlagen, gehen sie sehr sicher ihren Weg, und man kann es ihnen bei schwierigen Stellen getrost selbst überlassen, sich denselben auszusuchen.
Recht seltsam malerisch nahm sich unsere kleine Gesellschaft aus: die hellen Kleider und Hüte der Damen, die weißen Staubmäntel der Herren, und die großen, meist auch weißen Sonnenschirme -- alles hellglänzend beschienen von einer bereits recht brennend werdenden Sonne, und hin und wieder verschwindend und wieder auftauchend zwischen den mannshohen Farren, die die Pferde durchschnitten, einmal sogar sich spiegelnd in einer großen, einem See gleichenden Lache, wo die Tiere bis an den Bauch im Wasser gingen.
Ich war noch nie um diese Tageszeit geritten, da wir auf Saõ Sebastiaõ immer den frühen Morgen oder den späten Abend wählen, daher empfand ich die Sonne doch ziemlich unangenehm; der Weg zeigte unglücklicherweise, so weit das Auge reichte, nicht einen einzigen Baum, einzelne lange Palmen abgerechnet, deren graziöse, doch spärlich bewachsene Kronen aber keine Kühlung schufen und keinen Schatten auf den Boden warfen. Da habe ich denn doch gesehen, welche Erschlaffung einen doch nach nur dreistündigem Ritt in der Tropensonne befallen kann; die Hitze der Luft wäre ja noch zu ertragen, aber das unmittelbare Einwirken der Sonne ist das Schlimme! Es schien auch allen mehr oder weniger zu gehen wie mir, denn unsere Unterhaltung wurde immer einsilbiger und war zuletzt ganz verstummt. Da zeigte sich bei einer Biegung des Weges plötzlich ein langes, strohbedecktes Lehmgebäude.
„Wer kann sich denn hier auf der Roça (das ungerodete Feld) eine Scheune gebaut haben, so abgelegen von allen Pflanzungen?“ äußerte ich erstaunt.
„Das ist die Kirche“, sagte Mr. Quimby mit halbem Lächeln und bog zugleich in einen kleinen Seitenweg ein, dem Gebäude zu.
Mein Erstaunen war fast Entsetzen -- +dies+ eine Kirche, diese Scheune mit den durchlöcherten Lehmwänden, dem Strohdach, den Fensterluken ohne Rahmen, geschweige denn mit Fenstern! Aber ich konnte nicht länger zweifeln: unsere Gesellschaft ritt auf, die Herren sprangen von den Pferden, halfen uns von den unsrigen und befestigten die Tiere an einigen Bäumen neben dem Gebäude. Jetzt bemerkte ich auch eine Anzahl anderer Pferde und Maultiere, die rings umher standen, sowie deren Reiter und Reiterinnen, welche hie und da im Schatten oder bereits in der „Kirche“ saßen, und die nun Mr. Quimby und seine Familie zu begrüßen kamen. „~How do you do?~“ erklang es von allen Seiten, dazwischen vielfach das gemütliche „~How d’ye?~“ der Südstaaten, und dann wurden solche Neuigkeiten ausgetauscht, wie sie sich seit dem letzten „dritten Sonntag im Monat“ in dieser Zurückgezogenheit ereignet hatten. Ein Trunk aus der nahen Quelle erfrischte in etwas die erschlafften Lebensgeister, und dann traten wir in das Gebäude ein, wo wir, nachdem wir die Bänke mit einem dazu vorhandenen Besen abgefegt, dankbar für eine Weile der kühlen Stille genossen, während sich allmählich 50 bis 60 Personen ansammelten, fast ohne Ausnahme von ihren Pflanzungen oder der Kolonie Santa Barbara kommende Amerikaner.
Durch ein großes Loch in der Lehmwand neben mir beobachtete ich die Scene draußen, wie sie sich immer bunter gestaltete durch neu aufreitende Personen, ihre Pferde und Maulesel, die rings umher grasten, und durch die bunten, in die Bäume gehängten Reitröcke der Damen. So hatte ich noch nie in einer Kirche gesessen, dachte ich, als hinter mir eine junge Mutter vergeblich ihren jüngsten schreienden Sprößling zu beruhigen suchte, dem der Ritt wohl nicht behagt haben mochte, und dann ein altes, weißhaariges Mütterchen sich neben mir niederließ, die ich eben durch meine Wand angestaunt hatte, wie sie so munter auf ihrem Maulesel herangetrabt war.
Nach einer Weile kam der Prediger, und der Gottesdienst begann. Ein noch junger Mann ohne Talar oder sonstiges geistliches Abzeichen trat mit großer Einfachheit vor den hölzernen Altar (eine Kanzel war natürlich nicht vorhanden) und, nur ein Testament in der Hand, hielt er eine sehr durchdachte, wirklich schöne Predigt über Christi Antwort auf die Frage des Täufers: „Bist Du, der da kommen soll, oder sollen wir eines Anderen warten?“ Grete, da konnte man fromm werden. Es war tief ergreifend, die Bibelworte, die wir Zivilisationsmenschen gewohnt werden, mit der Katechismusstunde oder den geheiligten Hallen unserer Kirchen zu verbinden und sie gewissermaßen unwillkürlich dahin zu bannen, diese Bibelworte dort in jener Lehmhütte, in der tropischen Umgebung und so wenig unterstützt durch äußere Heiligungs-Hülfsmittel erklingen zu hören. Und sie klangen nicht anders als daheim, nicht weniger ernst oder feierlich als in geschmückten Kathedralen, unter herrlich ragenden Säulen und hinter bunten Fahnen. Ich war lange nicht in einer Kirche gewesen, aber ich bezweifle, ob die glanzvollste Messe in Sankt Peters Dom auf mich auch nur nahezu den Eindruck gemacht hätte, wie unser einfacher evangelischer Gottesdienst in der Lehmhütte, auf diesem verlorenen Posten im Innern Brasiliens. Der Gedanke von der Allgegenwart des Christengottes und die Predigt: „Gott wohnet nicht in Tempeln von Menschenhänden gemacht“, drängte sich dort mit einer gewaltigen Unmittelbarheit und einer gewissen rührenden Größe sicherlich auch denen auf, die einen solchen Eindruck nicht suchten.
Die drückende Hitze hatte nach und nach etwas nachgelassen, ein leichter Wind machte sich auf und plötzlich sah ich durch mein Wandloch einzelne große Regentropfen herabfallen.... O weh, die Sättel! Rasch wurde der Regen stärker, so daß nichts übrig blieb, als Sättel und Reitkleider hereinzuholen in die Kirche, wollte man sich nicht einen höchst unangenehmen Heimweg schaffen. Gegen 60 Sättel und einige 30 Reitkleider fanden in einem Winkel der Kirche ein Unterkommen, und lächelnd mußte ich daran denken, wie sich, was hier ganz natürlich erschien, wohl in einer europäischen Kirche oder Kapelle ausnehmen würde.
Plötzlich, wie er gekommen, hörte aber der Regen wieder auf, und als der Gottesdienst beendet war und man einander Lebewohl gesagt hatte für einen Monat, konnten die Sättel wieder aufgelegt werden.
Mit weit besserem Humor gings nun in der kühleren, staubfreien Luft heimwärts, und abends brachten mich Mr. Quimby und seine Schwägerin wieder nach Saõ Sebastiaõ zurück, versprechend, mich bald wieder einmal abzuholen.
Aber da ruft die alte dicke Anna an meiner Thür: „~Chà, Senhora~“ -- ich schließe. Schreibe bald
Deiner feschen Amazone +Ulla+.
Saõ Sebastiaõ, den 5. August 1882.
+Herzensgretele!+
Dieser Brief wird wohl etwas zerfahren ausfallen, denn ich schreibe bei dem Gebell von 37 Hunden. Hier ist nämlich seit gestern Treibjagd, und Herr de Souza hat dazu 6 Herren eingeladen, von denen jeder ein Pferd oder zwei und so viel Hunde mitgebracht hat, als er besitzt; denn die Jagd ist um so viel schöner und forscher, je größer die Meute ist. Gestern sah ich den Zug oben am Walde vorbeirasen, ein Rehbock voraus -- es sah ganz gut aus und ist jedenfalls eine Art zu jagen, wie sie für dies Land paßt. Aber von der Beute hat man nichts. Zwei erlegte Tiere hängen seit gestern an der Wand des Geschirrhauses, und als ich Dona Maria Louisa fragte, wann sie denn als Braten auf den Tisch kommen würden, lächelte sie und meinte, Rehe seien doch für Menschen nicht eßbar, die bekämen die Hunde! Mein Haar wollte sich schon wieder mal aufrichten, als ich mich noch zur rechten Zeit erinnerte, daß mir Herr Schaumann in der That einmal gesagt hatte, das Rotwild hier habe eine zu große Strenge, als daß es für Menschen genießbar sei. So essen wir denn unser ~carne de porco~ frisch und fröhlich weiter, obgleich ich sagen muß, daß Dona Maria Louisa alles thut, um Abwechslung in das Essen zu bringen; wir haben schon alles mögliche Getier gegessen, sogar einmal Gürteltier, das aber ganz gut, etwa wie zartes Kalbfleisch oder Huhn schmeckte. Der Panzer dieses Tropenbewohners prangt als Dekorationsstück in meinem Zimmer; wenn er eben abgezogen ist, ist er ganz weich und läßt sich in jede Form biegen, die man ihm geben will, und in welcher er dann beim Eintrockenen völlig verhärtet und beharrt. Überhaupt sammle ich an Merkwürdigkeiten, was ich bekommen kann, obgleich dies weit schwerer ist, als man es bei uns gemeiniglich denkt. Wir stellten uns die Sache doch ungefähr so vor, als raffte man hier die Indianerpfeile und andere wunderbare Dinge nur so nebenher am Wege zusammen, und ich sehe jetzt, daß die Sachen hier sehr teuer sind und schwer zu bekommen. Ich begnüge mich also mit einem sehr bescheidenen Naturalienkabinett eigener Sammlung. Die Neger bringen mir alles an, was sie draußen Merkwürdiges finden, und strahlen förmlich, wenn ich mich darüber freue; sie nennen mich „~a professora que gosta dos bixos feios~“ (die Gouvernante, die die häßlichen Tiere liebt), und fast jeden Tag finde ich auf meinem Fensterbrett irgend einen Käfer oder eine Raupe oder eine merkwürdige Pflanze aufgebaut. Eine Schlange, und zwar eine hübsche Korallenschlange, habe ich mir auch schon „eingemacht.“ Besonders aber habe ich eine Sammlung von reizenden Nestern, worunter entzückende Kolibrinester verschiedener Sorten und ein höchst merkwürdiges, mächtig großes Nest von Lehm, das sich ein mittelgroßer Vogel baut, den sie nach seiner Wohnung ~Joaõ de barro~ d. h. Lehmjohann nennen. Das Lehmnest ist noch etwas größer, als ein Menschenkopf und der Eingang so sinnreich seitwärts gearbeitet, daß es absolut nicht hinein regnen kann; inwendig befindet sich dann erst das eigentliche weiche Nestchen. -- Meine letzte Errungenschaft ist ein Fischotternfell und das allerliebste Fell eines schwarzen Affen, den ein ~camarada~ hier neulich auf der Pflanzung getötet hat; und gestern brachte mir Maricota, die immer sehr lieb und gut ist, eine sehr nette Sammlung von 21 Holzarten, die sie sammeln und zu zierlichen gleichmäßigen Proben hatte zuschneiden lassen. Mit Holz verschwenden sie übrigens hier in Saõ Sebastiaõ nach unseren Begriffen fürchterlich; so ist z. B. meine Kommode, ein schweres, ungeschickt gearbeitetes Ding, ganz aus Cedernholz gemacht, und auch die plumpen Möbel im Schulzimmer bestehen aus dem kostbarsten Holzmaterial, wiederum ein Beispiel von den vielen Mißverhältnissen hier zu Lande an Verschwendung auf der einen Seite und Unzulänglichkeit auf der anderen.
+Abends.+ Gretele, ich bin ganz außer mir vor Freude -- vorhin unterbrach mich Maricota mit der entzückenden Nachricht, daß wir in etwa 8 Tagen nach Santos an die See gehen, um dort 5-6 Wochen Bäder zu nehmen! So bald soll ich mein geliebtes Saõ Paulo schon wiedersehen! Denn dahin müssen wir zuerst. Wir bleiben dort 1-2 Tage bei Dona Maria Louisas Eltern und fahren dann über die Serra nach Santos, dem großen Kaffeehafen der Provinz Saõ Paulo. Dort werden wir an der „Barra“, d. h. am Strande außerhalb der Stadt und vor dem Hafen wohnen in einem Hause, das der ganzen Familie gemeinschaftlich gehört und immer von denen benutzt wird, die es gerade für die Bäder brauchen.
Adieu, adieu, ich muß schnell an Fräulein Meyer schreiben, die augenblicklich auch mit der Familie in Santos ist; sie wird sich freuen, Gesellschaft zu bekommen.
Deine glückliche +Ulla+.
Santos, den 20. August 1882.
+Meine liebe, gute Grete!+
Ich sage Dir, dies Haus ist furchtbar poetisch -- verzeih’, ich muß erst diese Wespe vertreiben... also, was ich sagen wollte: das reine Idyll! Draußen rauschen und branden die Wogen -- Donner und Doria, das ist heute die fünfte handgroße Spinne! -- und die Sonne funkelt darauf und macht sie -- schon wieder eine Fliege im Tintefaß? -- glitzern wie Silber. Der Garten ist ein wenig vernachlässigt, aber gerade darum um so roma... na, da sehe ich eben, daß mir die Baraten auch meine neue Schreibmappe schon angefressen haben! -- romantischer. Reizend ist es, wenn wir die Schiffe so von weitem hereinkommen sehen -- o diese Mosquiten, verzeih den Klex -- und die vorhandenen Operngläser wandern, wenn ein großes Fahrzeug in Sicht ist, auch immer sofort heraus, um die Nationalität zu bestimmen. -- Ach, ich Ärmste, da wimmelt’s auf dem Tisch vor mir von Ameisen! Warum habe ich auch den Zucker stehen lassen! Nun heißt’s erst Pause und Ameisenjagd...
Später. Du siehst, mein Gretele, daß hier die Poesie mit Schwierigkeiten verknüpft ist, das Ganze hier ist eine Idylle mit Hindernissen. Diese Chakara (so nennen sie hier derartige Gebäude, die halb Villa, mehr Landhaus sind) ist jedenfalls früher einmal für menschliche Bewohnungszwecke gebaut worden, doch haben anscheinend seit längerer Zeit Baraten, Spinnen, Eidechsen und Ameisen sich hier derartig häuslich und unbehelligt einrichten können, daß es ihnen nicht zu verdenken ist, wenn sie jetzt uns gegenüber den Standpunkt unbedingter Herrschaft nur schwer und sehr allmälig aufgeben.
Meine erste Nacht hier war nichts wie ein einziger „Kampf mit dem Insekt“, aber seitdem ich dann alle meine Mußestunden auf Grübeln über die besten Verteidigungsmittel verwendet habe, kommt es mir vor, als finge ich doch allmälig wieder an, diesen herrschsüchtigen Mitgeschöpfen gegenüber den richtigen Standpunkt als Mensch zu gewinnen. Mein Bett steht in der Mitte des Zimmers, wie ich überhaupt kein Möbel an die Wand gerückt habe; diese gebe ich „dem Insekt“ frei. Unter +Möbeln+ verstehe ich den Waschständer, einen Tisch, einen Stuhl und meinen Koffer. Letzterer dient als Kommode und überhaupt als Aufbewahrungsort für all mein Besitztum außer den Kleidern. Diese habe ich, nachdem ich eine breite alte Gardine untergenagelt, malerisch an der Wand gruppiert und sie mit einem Bettlaken verhangen, doch benutze ich sie auch nach diesen Vorsichtsmaßregeln immer nur wie solche Medizinen, die das Etiquette tragen: „Vor dem Gebrauch zu schütteln“, und die Anhäufung einer kleinen Insektensammlung auf dem Fußboden bei solcher Prozedur lehrt, wie weise ich daran thue. Bei meinem Waschständer habe ich, seitdem er den Wänden fern, wenigstens die Befriedigung, jetzt meine Seife allein zu verbrauchen und sie nicht des Morgens halb von den Baraten genossen zu finden, die sie als ganz besondere Delikatesse zu betrachten schienen. Das meiste Nachdenken kostete es mich, mein Bett unter möglichst günstige Insekten-Verhältnisse zu bringen. Die erste Nacht stand es an der Wand zum größten Gaudium der heimischen Spinnen, Baraten, Eidechsen und Ameisen, die zweite Nacht rückte ich es ab, so daß nur das Kopfende an der Wand blieb, doch legte auch dies, wie ich sah, den ebengenannten Hausbewohnern keine wesentliche Beschränkung in der Bewegung auf. So rückte ich denn am dritten Tage in die Mitte der Stube, welcher luftige Standort noch den übrigen Vorteil gewährt, daß er mich lehrt, auch im Schlafe Balance zu halten, denn die erste derartig „im Freien“ zugebrachte Nacht begann damit, daß ich auf der einen Seite von meinem Spartanerlager, das natürlich wieder jede Seitenwand verschmäht, herunterrutschte und einige Baraten totfiel. Nachdem ich mich bei derselben Gelegenheit überzeugte, daß diese angenehmen Tierchen auch eine besondere Vorliebe für die Reibeflächen der Schwedenschachteln haben und einen so angesichts der vollen Streichholzschachtel einer unerleuchtbaren Finsternis preisgeben können, quittierte ich auch den Stuhl neben meinem Bett, stelle jetzt das Licht in armlanger Entfernung auf die Erde und stecke die Schachtel Schweden nebst Uhr und Taschentuch geheimnisvoll unter mein Kopfkissen, auf dem sich’s allerdings seitdem, da es von bekannter brasilianischer Größe, recht holprig schläft. Nun galt es nur noch, die Ameisenfrage zu lösen, der ich aber schließlich auch beigekommen bin, indem ich nachmachte, was ich neulich in einem Bahnhofsrestaurant an einem Tische gesehen: ich habe alle vier Bettfüße in Blechgefäße mit Wasser gestellt, so daß jetzt -- hurrah! -- das Insekt auf die Angriffe beschränkt bleibt, die es von der Decke herab auf mich vollführen kann.
Im Übrigen sind diese interessanten Mitbewohner unserer Chakara insofern wertvoll, als sie dauernd für unsere Unterhaltung sorgen. Des Morgens beim Kaffee muß jedesmal die Zuckerdose hinauswandern, damit die Ameisen ausgeräuchert werden, während Maricota und ich die Milch ausfischen; des Mittags sind wir jetzt so sehr an Fliegen auf den Tellerrändern gewöhnt, daß ich mir ein Essen ohne diesen Zierrat eigentlich schon recht öde vorstelle, und abends, wenn die Baraten munter werden, ist der Hauptspaß. Maricota und ich sitzen dann gewöhnlich in meinem Zimmer über unserem Dickens, und nebenan im Eßzimmer spielen Dona Maria Louisa, ihre Schwester und Herr de Souza Whist mit ’nem Strohmann. Plötzlich entsteht dort ein Heidenlärm, man kreischt auf, und sämtliche Morgenschuhe fliegen; sofort ergreifen auch wir die immer bereitstehenden Stiefel und schleudern sie gegen die Thür, denn durch ihre handbreite Spalte über der Schwelle saust das bedrohte Insekt von den Whistspielern herein zu uns Pickwickiern, um hier so ziemlich sicher den Untergang zu finden, denn auf Baratenmord bin ich noch vom Collegio her eingeübt.
Das „Leben in und mit der Natur“ ist überhaupt hier die Devise unseres Banners. Um fünf Uhr früh, so ungefähr, wenn der Mond zum Abschied noch der Sonne sein schiefstes Gesicht zuschneidet, stürzen sich sämtliche menschliche Hausbewohner in den Schoß der Wellen. Männlein und Weiblein, Schwarz und Weiß, alles läuft in flanellenen Badeanzügen durch den Garten an den Strand und ins Wasser, um dort in schönster Harmonie beim Mondenschein die Glieder zu erfrischen. Es ist ein heilloses Gekreische, das mich immer schon für den ganzen kommenden Tag betäubte, und da mir Seebäder überhaupt nicht sehr gut bekommen, so habe ich mich nach den ersten 5 Tagen aus dem Gewimmel zurückgezogen und bade nun nach wie vor im Zimmer in einer der üblichen großen runden Blechwannen, die die Negerinnen auf dem Kopfe hereintragen.
Der Abend endet nach anderer Richtung hin in recht harmloser Weise. Unsere Chakara steht nämlich sehr einsam, da sich auf der einen Seite ein großer Garten, auf der andern eine unbewohnte Chakara befindet; trotzdem ist sie von der Strandseite ganz unverschließbar. Da wird nun des Abends einfach eine Barrikade aus einem Tisch und zwei daraufgetürmten Stühlen vor der Glasthür aufgeführt, und damit Gott befohlen für die Nacht.... Wie ich Dich kenne, würde Dich diese Seite unserer Strandidylle ganz besonders anmuten!
Der Unterricht geht fort wie gewöhnlich, nur daß zur Betrübnis der Familie und +meiner+ höchsten Wonne -- das Klavier fortfällt. Das betrachte ich als meine Badereise!
Aber ich habe Dir noch garnicht erzählt, wie es in Saõ Paulo war. Wir sind zwei Tage dageblieben und logierten bei Maricotas Großeltern. Den ersten Tag war ich Nachmittags bei Schaumanns und den zweiten mit Fräulein Harras bei Fräulein Meyer, die leider, leider mit ihrer Familie von hier wieder abgereist war und in Saõ Paulo zurück. Am dritten Vormittag fuhren wir dann hier herunter, den imposanten Weg über die Serra mit der Seilbahn, und denke Dir, wer auch herunterfuhr -- -- Mr. Hall! Er saß neben mir im Coupé und erzählte mir, daß er nach Santos ginge, weil eine Sendung Maschinen aus England avisiert sei, die er gern selbst aus dem Zoll nehmen wollte. Seitdem habe ich ihn noch nicht wiedergesehen, aber, Grete, ich glaube -- wir freuten uns +beide+ über die netten Maschinen, die grade jetzt ankommen mußten.
Ach, Gretele, ich bin so froh! Und es ist doch eigentlich ganz hübsch in Brasilien.
Nächstens mehr von
Deiner +Ulla+.
Santos, den 22. September 1882.
+Meine Herzensgrete!+
Unsere Strandidylle nähert sich ihrem Ende, und es werden wohl kaum noch 8 Tage vergehen, da werden die 32 Stück Gepäck, mit denen wir hier eingezogen, wieder zusammengepackt und heim nach Saõ Sebastiaõ dirigiert werden. Ich bedaure das wirklich von Herzen, denn ich habe mich, trotz der mehr für Insektologen als für sonstige Sterbliche geeigneten Verhältnisse so sehr an diese Chacara gewöhnt, daß ich sie ordentlich lieb gewonnen habe; ob auch das +Unmusikalische+ unseres hiesigen Aufenthaltes dabei ein Wort mitspricht, darüber wollen wir ein wohlwollendes Auge zudrücken. Als Ersatz für die Klavierstunden habe ich übrigens den einzigen Sohn von Dona Lydia, der Schwester von Dona Maria Louisa mit zu unterrichten gehabt für diese Badezeit. Dona Lydia ist Wittwe und hat gewöhnlich keine eigene Erzieherin gehalten, sondern ihren Luiz-Guilherme (Ludwig-Wilhelm) immer mit bei einer ihrer vielen Schwestern in Saõ Paulo pädagogisch zu Gaste gegeben; sämtliche ~professoras~ der Familie kannten ihn bereits und behaupteten, ihn nach Gebühr zu „schätzen.“ Ich war daher nur sehr wenig entzückt, als ich gefragt wurde, ob ich ihn mit zu Maricota in die Stunden nehmen wollte, denn ich fürchtete eine Wiederholung meiner Zeit des klassischen Altertums in Saõ Paulo. Aber siehe da, er entpuppte sich als ein ganz traitabler, sogar ziemlich liebenswürdiger und recht intelligenter Junge von 13 Jahren, der auf den Spaziergängen schon den Cavalier spielt, und dem ich bis jetzt weiter keine Verdrehtheiten angemerkt habe, als daß er steif und fest behauptet, er habe die Gicht in den Füßen. Ich bin die 14. unter den Lehrern und Lehrerinnen, die er in seinem, wie Du siehst, wechselreichen Schulleben bisher gehabt hat; und daß er neulich zu seiner Mutter gesagt, ich sei von allen 14 der vernünftigste Mensch, darauf bin ich demgemäß nicht wenig stolz, denn Du mußt zugeben, daß ihm eine gewisse Urteilsfähigkeit in dieser Beziehung wohl nicht gut abzusprechen sein dürfte.
Luiz-Guilherme ist mein hauptsächlichster Versorger in der Richtung +Muschel+. Ich sammle natürlich auch darin auf geradezu gemeingefährliche Weise, und ein kleines leeres Zimmer neben dem meinen, sowie mein eigenes Fensterbrett „duften“ fortwährend auf das Penetranteste nach Seetang und faulenden Muscheltieren. Es ist ein rechtes Kreuz für mich, aber ich mache hier die Erfahrung: wenn den Menschen einmal die Sammelwut packt, da ist ihm zuletzt nichts mehr heilig, nicht einmal die eigene Nase!