Leid und Freud einer Erzieherin in Brasilien
Part 10
Zu dem „Europäischen“ rechne ich zunächst, daß Herr de Souza mich selbst von der Bahn abholte. Die Brasilianer haben nämlich sonst so wundersame Begriffe von dem, was sich schickt, daß sie es höchst unpassend finden, wenn eine junge Erzieherin den Weg von der Station nach der Pflanzung in der Gesellschaft des Vaters ihrer Zöglinge zurücklegt, dagegen sehr angemessen, wenn dies allein mit dem Negerkutscher oder zu Pferde mit einem freien Arbeiter, einem sogenannten „~camarada~“, geschieht, wie man es neulich erst von Saõ Paulo aus einer Collegin für einen 7stündigen Weg zugemutet hatte! Herr de Souza war sogar sehr nett und unterhielt sich auch mit mir, während sonst, nach Frl. Meyers drolliger Behauptung, wir Europäerinnen es uns immer als eine Höflichkeit vonseiten der brasilianischen Herren anrechnen müssen, wenn sie uns ignorieren. Leider hat sie damit so ganz Unrecht nicht, und darum bin ich um so froher, daß ich hier unter verständige Menschen geraten bin.
Wir legten den Weg von der Station nach der Pflanzung, der in der heißen, nassen Jahreszeit nur zu reiten gewesen wäre, zu Wagen zurück und fuhren fast fünf Stunden. Manchmal dachte ich, wir würden nicht heil in Saõ Sebastiaõ ankommen, so wild ging’s die steilsten Abhänge bergab und bergauf, durch riesige Pfützen und sonstige abnorme Variationen eines „Weges“. Ich lernte hier einen gewaltigen Unterschied kennen gegen die Provinz Rio oder speziell den Weg nach Saõ Francisco, der fast so gut wie eine Chaussee war. Aber interessanter ist es doch eigentlich hier, Grete; es hat mehr „Lokalfarbe“.
Wir passierten auf unserm Wege eine ganze Strecke Urwaldes, wo der Weg ziemlich schlecht und eigentlich nur für ein Reittier berechnet war; die Pflanzer der Gegend haben unendliche Mühe, sich solch einen Weg offen zu halten, da er so leicht wieder zuwächst und dabei in der nassen Jahreszeit nicht einmal gut zu bearbeiten ist. Wenn er gebessert und frei gemacht werden soll, schickt jeder Fazendeiro, der den Weg mit benutzt, eine Anzahl Sklaven nach der Station, von wo aus dieselben alle mit einander zurück arbeiten; allmählich fallen dann die einzelnen Parteien ab, entweder bei der betreffenden Pflanzung, oder, wenn diese nicht unmittelbar am Wege liegt, da, wo derselbe dahin abbiegt. Unsere Waldfahrt hatte wenig Ähnlichkeit mit einer solchen durch heimische Buchenwälder oder Tannenforsten, da so ein Wald hier ganz anders ausschaut als daheim. Von Ordnung oder Pflege ist nichts zu entdecken, und hineingehen oder auch nur hindurchsehen kann man auch nicht. Jene gewisse Feierlichkeit, die uns daheim so leicht in stillem Waldesdom überkommt, darf man hier nicht suchen; das Ganze hat mehr etwas Aufregendes, halb Phantastisches und Geheimnisvolles, halb Beängstigendes und Beklemmendes; der Zauber des Urwaldes und was ihm Reiz verleiht, ist eben ganz etwas anderes als der Eindruck, den unsere Wälder machen. Du mußt nicht denken, daß die Bäume darin grade so sehr dick und mächtig wären -- zuerst macht das Ganze sogar einen viel weniger gewaltigen Eindruck als z. B. einer der großen holsteinischen oder westfälischen Buchenwälder, und ich brachte das Vehmgericht s. Z. einmal fürchterlich in Harnisch durch meine Behauptung, ich, ein Forstmannskind, hätte in Brasilien noch keinen ordentlichen Wald gesehen, denn diese langen, dünnen, den verschiedensten Holzarten angehörenden Stämme, die in der ungleichsten Entfernung von einander stehen, könne ich keinen Wald nennen. Man muß, wie ich jetzt sehe, hindurchfahren oder reiten, um einen Eindruck zu haben. Dann sieht man, was so recht den Urwald ausmacht, was aber auch wohl zugleich verhindert, daß die einzelnen Stämme sehr umfangreich werden. Schier undurchdringlich steht nämlich das Unterholz um dieselben herum, und wer da eindringen wollte, müßte sich in der That seinen Weg Schritt für Schritt mit der Axt in der Hand bahnen. Daß die Bäume nicht dicht stehen, sieht man auch nur von weitem, wo die grauen, lang hinausragenden Stämme mit ihrer spärlichen Kronen-Belaubung das Einzige sind, was ins Auge fällt. In der Nähe sieht man, wie die einzelnen Bäume einander näher gerückt sind oder doch scheinen durch märchenhaft üppige, fünfzehn bis zwanzig Meter lange Lianen, die an ihren Stämmen emporklettern und wieder herabhängen, ja die oft von einem Stamme zum andern sich ranken, eine grüne, zitternde Wand bildend, aus der seltsame, dunkellilla oder rot gefärbte Blumen großäugig herausschauen.
Ich kam weit zufriedener in Saõ Sebastiaõ an, als ich bei meinem Abschied aus Saõ Paulo für möglich gehalten hätte, und wurde es noch mehr, als ich Dona Maria Louisa und meine Schülerinnen sah. Erstere ist zwar ebenso wenig eine Schönheit wie alle Brasilianerinnen, die ich bisher gesehen habe, sie geht zwar auch in dem obligaten Kattunröckchen und mit herabhängenden Zöpfen einher, aber sie hat etwas sehr Liebenswürdiges und Frisches und hat die kleinen Mädchen gut erzogen. Meine älteste Schülerin, Maricota, ist ein sehr liebes Geschöpf, obgleich ihre große Schweigsamkeit ihr leicht etwas Moroses giebt, und die beiden Kleinen sind so artig, daß mir zuerst ganz unheimlich dabei wurde. Wir arbeiten sehr nett zusammen, wobei ich Maricota besonders auf das Englische hinlenke, das ihr immerhin noch leichter wird als Deutsch, und Du weißt ja, daß ich Englisch auch sehr liebe. Mr. Hall fand auch immer, daß ich es sehr gut spräche -- er war auf der Bahn, als ich abfuhr, was mir aber eigentlich gar nicht sehr angenehm war, denn einzelne Kolleginnen haben mich schon viel mit ihm geneckt.
Aber zurück zu meinem Berichte von hier.
Es ist wahr, diese Pflanzung läßt sich mit Saõ Francisco nicht vergleichen. Sie stammt noch von den Großeltern Herrn de Souzas und ist lange Jahre von der Familie nicht bewohnt worden. Auch jetzt dient sie ihnen gewissermaßen nur als Arbeitsstation, und man verwendet keinen Luxus auf sie. Mein Zimmer ist bei all seinen Mängeln doch das besteingerichtete im Hause, und das ist auch der Grund, weshalb ich über nichts klagen will; ich sehe ja, daß die Familie selbst sich noch weit mehr begnügt, und die Stube ist wenigstens luftig und hell. Die ~salla de visita~ ist ein großer fünffenstriger Raum mit weißgetünchten Wänden und ausmöblirt durch ein Rohrsopha, 12 Wiener Stühle, eine Hängematte und eine Singer-Nähmaschine. Auch hier keine Gardine am Fenster, kein Teppich auf den rohen Bohlen, kein Bild an der Wand -- nur, und ich konstatiere das als eine höchst vorteilhafte Ausnahme hier zu Lande, eine stets richtig gehende Uhr! Dona Maria Louisa hält auf Pünktlichkeit und besonders, was sehr dankenswert ist, auf Pünktlichkeit inbezug auf die Mahlzeiten, so daß nach denselben immer noch ein Viertel- oder halbes Stündchen zur Erholung bleibt, ehe der Unterricht wieder beginnt. Punkt neun Uhr Morgens und Punkt 3 Uhr Nachmittags finden wir uns in der „Veranda“ zum Frühstück, resp. Mittagessen zusammen. Veranda nennen die Brasilianer, abweichend von +unserm+ Begriff einer Veranda, immer das Eßzimmer, und die unzähligen Thüren und Fenster, mit denen der Raum gewöhnlich gesegnet ist, rechtfertigen ja auch einigermaßen diese Bezeichnung. Die rustikale Veranda ist nun meistens noch dadurch ausgezeichnet, daß ihre Außenthür zugleich Hinterthür des Hauses ist und unmittelbar ins Freie führt, wodurch dieselbe alle Eigenschaften einer Berliner Hintertreppe gewinnt. So ist es auch hier. Durch sie gehen die dienenden Neger und Negerinnen hin und her; Wasser, Holz, Vorräte, Wäsche, alles wandert dort in großen Kübeln und Körben auf den Köpfen der Schwarzen aus und ein, und da der Raum meistens auch noch mit der Küche und häufig sogar mit der Kammer der Negerinnen in directer Verbindung steht, so wird auf diese Weise für die Hausfrau ein ähnlich bewundernswerter Kontrolposten geschaffen, wie die Küche der holländischen Häuser ihn bieten soll. Dona Maria Louisa übt nun aber auch, im Gegensatz zu den meisten brasilianischen Hausfrauen, diese Kontrole wirklich aus; sie ist überall und sieht den Negerinnen auf die Finger, sie bäckt selber ausgezeichnetes Weißbrot, so daß ich glücklicherweise hier den ~biscoitos~ entrinne; sie macht selber Butter auf die mühsamste Weise, indem sie die Sahne in einer Satte schlägt, bis sie zu Butter geworden. Sie näht auch unermüdlich an der Singermaschine und fördert Kleider und Wäsche für die Kinder, ja, Hemden und derbe Winterjacken für die Hausneger, kurz, sie ist thätiger, als manche berühmte „deutsche Hausfrau“ und unter schwierigeren Verhältnissen obendrein, so daß sie mir wirklich imponiert und ich sie sehr gern habe. Sie hat auch viel Humor und amusierte sich königlich über mein Entsetzen beim Anblick der hiesigen Veranda, die allerdings noch ganz nach dem mir bereits in Saõ Paulo avisierten „alten Styl“ sein muß. Ich will sie Dir beschreiben.
Der sehr große, aber mehr lange als breite Raum ist weder plafoniert noch gedielt. Der Fußboden ist zur einen Hälfte mit Backsteinen ausgelegt, während die andere ungeniert den Lehmboden zeigt, auf dem das Haus steht, das, wie alle brasilianischen Häuser, nicht unterkellert ist. In diesem Lehmboden ist eine Feuerstelle, um die sich an kalten Abenden die Familie sammelt, wie man bei uns im Winter am Ofen zusammenrückt; natürlich ist bei dieser Einrichtung der Mangel eines Plafonds nur wohlthuend, da kein anderer Abzug für den Rauch vorhanden ist als der, den die Löcher und Ritzen in der Ziegeldeckung über den Dachbalken gewähren.
An der einen Seite dieses wunderbaren Saales steht der Eßtisch, wo gefrühstückt, Mittag gegessen und Abends beim Schein eines Stearinlichtes Thee getrunken wird.
Gleich am ersten Abend bekam ich da von meinem Platze aus einen Begriff von der vielseitigen Nützlichkeit dieser Veranda. Während wir tranken, stand in der gegenüberliegenden Ecke des Raumes eine Negerin und plättete Wäsche, was mir schon von vornherein für meine eigenen Sachen ein gewisses Grauen einflößte, denn in jenem Winkel mußte es erstens stockfinster sein, und dann bewegte sie auch sekundenlang das Eisen garnicht, sondern starrte mit offenem Munde zu uns herüber; man kann nur hoffen, daß es nicht sehr heiß war. Neben ihr knetete eine zweite Brotteig aus Weizenmehl. Dies und die Uhr, sowie das ungezwungenere Wesen der ganzen Familie hatte mir schon die größte Befriedigung abgerungen, als mich ein neuer Anblick ganz und gar entzückte. Du wirst Dir nicht denken können, was es ist, drum will ich es lieber gleich sagen: es war ein stiefelputzender Mulattenjunge, der in einer anderen abgelegenen Gegend dieses bewundernswerten Saales etabliert war. Also Ausnahme Nummer drei: -- Nichtvorhandensein der allgemeinen brasilianischen Aversion gegen Wichse! Die Zufriedenheit mit meinem neuen Lose wuchs. Dieser kleine Mulatte -- er ist übrigens zugleich Mittags der Fahnenjunge -- war urkomisch anzusehen. Das einförmige, im langsamsten Tempo vollführte Wichsen mochte wohl eine unüberwindlich einschläfernde Wirkung auf ihn ausüben, denn alle Augenblicke stockte seine Thätigkeit, und er stand mit geschlossenen Augen und gehobener Bürste, gegen die Wand gelehnt, bis ihn das Fallen des Wichsinstrumentes oder ein aufscheuchendes „Nun, Ivo?“ der Hausfrau wieder in eine schläfrige Bewegung setzte. Nach gethaner Arbeit mußte er der Herrin die ganze Stiefelreihe an den Tisch bringen, wo die Dame sie musterte und den schmutzigen kleinen Kerl dann in Gnaden entließ. Nach einigen Augenblicken kam er jedoch wieder hereingelaufen und meldete: „Cäsario bringt noch das Schwein, Senhora.“ „Mein Gott, wie lästig, so spät!“ rief die Herrin -- „nun, dann hilft es nichts, er komme, aber schnell!“ Herein zu der famosen Hinterthür kam „Cäsario“, der ein kleines ausgenommenes Schwein auf dem Rücken trug, das er auf einen ihm zurechtgerückten Tisch deponierte und dort zu zerlegen begann. Wahrlich, diese Veranda war ein ~non plus ultra~ von Vielseitigkeit, und ihre ausgedehnte Nutzbarmachung als Backstube, Plättkammer, Wichskabinett und Schlachthaus erspart jedenfalls, was man auch sonst davon denken mag, der Herrschaft manchen Schritt und -- manches Scheltwort. Hier ist lange nicht so viel Geschrei wie in Saõ Francisco, weil von vornherein mehr Kontrole ist und daher weniger Fehler gemacht werden. Also der „alte Styl“ -- er lebe!
Deine urwäldliche +Ulla+.
Saõ Sebastiaõ, den 19. Juli 1882.
+Liebste Grete!+
Ich bin ganz glückselig -- mein längst gehegter Wunsch ist in Erfüllung gegangen: ich +reite+ jetzt! Vor einigen Tagen hatte ich meinen ersten und einzigsten Unterricht. Umständlich war er nicht. Dona Maria Louisa lieh mir ihren Reitrock, bis für mich einer genäht sein wird, und sagte dabei lächelnd: „~Mais ne tombez pas, mademoiselle.~“ Dann half mir Herr de Souza aufs Pferd und meinte schmunzelnd: „~Nao caïa,[7] mademoiselle~“, und als ich oben saß, beschloß Maricota diese ausgiebigen Anweisungen durch eine dritte Variation desselben Themas: „~But don’t fall off, miss~“, rief sie von ihrem eigenen Gaul herunter mir zu, und dann trabten wir drei los, Herr de Souza voran und ich der größeren Sicherheit wegen in der Mitte. Da meine Rosinante aber nach der Gewöhnung der hiesigen Pferde immer genau dem vorangehenden Tier folgt, ich also mit dem Lenken nichts zu schaffen hatte, so war das Festsitzen nicht so schwer, oder ich habe, wie Herr de Souza meinte, das Talent zum Reiten mit auf die Welt gebracht. Seitdem haben wir schon zweimal wieder kleine Ritte auf dem Gebiete der Pflanzung unternommen, und ich komme jetzt auch schon ohne einen geehrten Vorreiter zurecht. Müssen doch manche Kolleginnen, frisch wie sie aus Europa kommen, an der Station aufs Pferd und stundenweit bis an ihren Bestimmungsort reiten! Die Damensättel kommen vielfach aus England und Nordamerika, doch hat man auch hiesige, während in Herrensätteln meist einheimische Arbeit genommen wird, die allerdings auch in diesem Fache ausgezeichnet ausfällt.
Sehr drollig ist es zu sehen, wie die Schwarzen die Pferde einfangen, wenn wir ausreiten wollen. Ställe giebt es hier nämlich nicht, weder für das Rindvieh noch die Schweine, noch auch für die Pferde; diese werden auch weiter nicht gepflegt, als daß sie ab und zu zum Salzfressen herangetrieben werden. Im Übrigen laufen sie frei umher und fressen, was sie an Gras und Kräutern finden, was manchmal recht wenig ist, da auch nach dieser Richtung hin nichts für das Land geschieht, und man z. B. keine ordentliche Wiese hier sieht. Sollen nun Pferde gebraucht werden, so jagt ein Bursche so viel Tiere als der Zufall ihn erreichen läßt, in den inneren Hof; dort greift man die, die man haben will, heraus und läßt die anderen wieder laufen. Diese Freiheit, in der die Haustiere hier leben, ist ja an sich recht schön, aber fett werden sie nicht dabei, und in den jetzigen kalten Nächten, die hier im Hochland manchmal recht sehr frisch sind, erfriert manch ein armes Tier im Walde, besonders von den Jungen. Wie viel Vieh sie besitzen, wissen Souzas garnicht, eine Kontrole ist darin schwer möglich, die Kühe kalben im Walde und kommen dann eines schönen Tages mit den Kälbern an. Natürlich herrscht auch auf diese Weise absolut keine Regelmäßigkeit in der Milchgewinnung; gewöhnlich kommen allerdings die Kühe zum Melken herein, wenn es aber sehr kalt ist, bleiben sie im Walde, und dann meldet Cäsario einfach: „Heut’ giebt’s keine Milch, Senhora, ’s ist keine Kuh hereingekommen.“ Es ist eben alles urwüchsig unter der Ägide des heiligen Sebastian.
Am besten haben es die kleinen schwarzen Schweine, die sich hier beängstigend vermehren, von denen aber allerdings auch fast jeden Tag eines daran glauben muß, da die Pflanzung viel verbraucht.
Sklaven sind hier fast gar keine, da sowohl Herr de Souza wie Dona Maria Louisa die Sklavenwirtschaft nicht lieben; man hat nur wenige Schwarze hier für den unmittelbaren Hausdienst, und die Außenarbeit wird von freien Arbeitern gethan. Alle übrigen Sklaven, die die Familie besitzt, arbeiten auf einer zweiten Pflanzung, Saõ Luiz, unter einem portugiesischen Administrator, und Herr de Souza reitet nur alle 2-3 Wochen einmal die 9 Stunden hin und zurück, um alles dort zu inspizieren. Saõ Luiz ist Kaffeeplantage, während wir hier Zucker und Baumwolle haben und vor allem eine Holzschneidemühle, was ja alles weniger Arbeitskräfte verlangt als die Kaffeekultur.
Ich glaube, es ist ganz klug von den Brasilianern, sich allmählich auf den „~camarada~“ einzuarbeiten: +leicht+ ist es aber +nicht+, das sehe ich hier: ich würde mich über solche Menschen zu Tode ärgern! Die „~camaradas~“ sind Brasilianer, vielfach Halbindiauer, Caboclos genannt, oder auch ganz verarmte Nachkommen der eingewanderten Portugiesen, bettelhaft armes und zerlumptes Volk, in ihrem Aussehen weit elender als die Sklaven, aber -- sie sind +frei+ in einem Sklavenlande! Was sie daraufhin für einen Hochmut entwickeln und für Ansprüche machen, das ist unglaublich! Dabei arbeiten sie natürlich höchstens halb so viel wie ein Sklave. Unseren deutschen Gutsbesitzern würden die Haare zu Berge stehen, wenn sie mit solchen Menschen zu thun hätten! Als die jetzt hier vorhandenen hier ankamen, hat Herr de Souza ihnen erst alles Material zu ihren Hütten gegeben und die eigenen Leute beim Bau derselben helfen lassen. Dann bekam jede Familie eine Summe Geldes vorgestreckt, um davon zu leben, bis das eigene Bohnen- und Maisfeld Erträge lieferte. Natürlich sollte dies allmählich wieder vom Lohn abgezogen werden. Nun aber „kaufen“ diese Menschen, nachdem sie das Geld verbraucht, alle ihre Bedürfnisse hier im Hause, d. h. sie entnehmen Speck, Mehl, Kaffee, Mais und Zucker in unbescheidenen Mengen und verheißen, auch dies wieder abzuarbeiten. Da sie jedoch häufig garnicht zur Arbeit kommen und gewöhnlich eine große Familie haben, die viel verbraucht, so werden ihre Schulden nicht kleiner, sondern größer. Herr de Souza behauptet, er könne da wenig thun; weigere er ihnen die Lebensmittel, so zögen sie ab, und wenn er auch einen Contrakt mit ihnen habe, so nütze ihm der doch garnichts; da sie nichts haben, könne man ihnen nichts nehmen, und zur Arbeit zwingen könne man sie auch nicht. So läßt er alles dies gehen, so gut es will, und nimmt so viel Arbeitsleistung mit, als er kriegen kann; wird es ihm dann zu bunt, so jagt er die Leute fort; die vorige Serie hat er mit 2000 Mark Schaden zum Kuckuck geschickt. Wenn man diese Verhältnisse mit ansieht, kann man sich wahrlich nicht wundern, wenn der größere Pflanzer sich mit Händen und Füßen gegen die Aufhebung der Sklaverei sträubt. Woher soll er denn seine Arbeiter nehmen! Die freigewordenen Neger bleiben nicht auf den Pflanzungen, so wenig wie sie das in andern früheren Sklavenstaaten gethan haben, und europäische Arbeiter sind ihnen oft zu teuer oder zu unbequem. Portugiesen und Italiener suchen nur viel Geld zu verdienen, um dann mit einer kleinen Wohlhabenheit in die Heimat zurückkehren zu können, und Deutsche streben nach dem selbständigen Erwerb von Grund und Boden. Die Arbeiterfrage ist hier wie bei uns eine ganz böse, nur daß es dort zu viele giebt und hier eigentlich keine.
Ich spreche viel über diese Zustände mit Herrn de Souza und Dona Maria Louisa, die, wie mir scheint, sehr verständige Ansichten darüber haben. Sie selbst verwerfen die Sklaverei im Prinzip und wünschen, daß sie aufhöre, aber sie haben auch ein offenes Auge für die Gefahr, die dem Lande dadurch zunächst insofern droht, als viele seiner wohlhabenden Grundbesitzer durch die Emancipation ruiniert werden oder doch verarmen, und zwar gestaltet sich die Sache um so schwieriger, je entfernter die betreffende Pflanzung von den Küstenplätzen gelegen ist, welche die Einwanderer zuerst bekommen. So kann man sich einerseits nicht wundern, wenn der Brasilianer die fremden Gäste nur als Ersatz für die Sklaven wünscht, anderseits kann es aber allerdings nicht der Zweck sein für unsere nach Brasilien auswandernden Landsleute, sich hier wiederum in Abhängigkeit zu begeben und sich als Knechte einer fremden Nation zu verdingen. Wer dem Lande seine und seiner Nachkommen Arbeit zuwendet, der beansprucht Selbständigkeit und eigenen Anteil an eben diesem Lande, und das mit Recht. Die Brasilianer sollten sich +in ihrem eigenen Volke+ einen Arbeiterstand heranziehen, den sie so wenig wie einen Handwerkerstand bis jetzt haben, und sie könnten dies mit einem wenigstens teilweisen Erfolg thun, wenn sie die freien Negerkinder an eine regelmäßige Arbeit zu gewöhnen suchten. Es geschieht aber gerade das Gegenteil.
Das Emancipationsgesetz vom 28. September 1871 befiehlt u. a. auch jedem Sklavenbesitzer, diese Kinder im Lesen und Schreiben unterrichten zu lassen, aber es giebt wahrscheinlich im ganzen Kaiserreiche keine zehn Häuser, wo diesem Gesetze nachgekommen wird. Auf den Pflanzungen ist seine Befolgung auch eigentlich unmöglich. Hier im Innern giebt es ja keine Dorfschulmeister wie bei uns, und wenn es sie gäbe -- soll der Fazendeiro denn etwa jeden Tag zwischen 20 und 50 Tiere satteln lassen, um die kleinen Neger in das nächste, gewöhnlich sehr entfernte Städtchen zu schicken, oder soll er einen besonderen Erzieher für die kleine Bande halten? Man mag diese Fragen beantworten, wie man will -- jedenfalls thut hier niemand dergleichen, und so wächst das freigeborene Sklavenkind vollständig ohne Erziehung und Unterricht auf und wird demgemäß dereinst mit den Wilden auf gleicher Stufe stehen, denn es hat nicht einmal den Vorteil, daß ihn die Herrschaft dies und jenes an körperlicher Arbeit erlernen läßt, wie es beim Sklaven geschah -- sie sind ja frei, warum soll man sich zu Gunsten Anderer Mühe und Kosten machen, man hat ja nichts davon.
Wunderbarerweise denken auch Herr de Souza und Dona Maria Louisa ebenso, die doch sonst sehr human und auch klug sind. Ob man denn gar nicht bedenkt, daß man auf diese Weise eine Generation von „Mitbürgern“ für die eigenen Kinder heranwachsen läßt, wie sie schlimmer nicht gedacht werden kann?!
Aber ich merke, daß ich schon wieder predige und Dich mit einer vollständigen national-ökonomischen Abhandlung beglückt habe. Du glaubst aber auch nicht, wie sehr sich einem hier alle diese Verhältnisse aufdrängen, und wie sie fast ausschließlich Gesprächsthema sind -- da wird selbst die harmloseste Seele zum Socialpolitiker.
Und nun kann ich diesem Briefe auch nicht einmal mehr ein leichteres Anhängsel verleihen, damit Du nicht allzu sehr unter dem Eindrucke dieses sozialen Vortrages bleibst, denn da erscheint eben der Zimmermann, der hier gearbeitet hat und heute Abend wieder zur Stadt zurückkehrt, und der aus Gefälligkeit unsere Postsachen mitnimmt. Denn Herr de Souza schickt nur des Donnerstags zur Post -- ich bin richtig ganz und gar in den „alten Styl“ hineingeraten.
Also ein Lebewohl für heute und nächstens mehr von
Deiner +Ulla+.
[7] Fallen Sie nicht!
Saõ Sebastiaõ, den 28. Juli 1882.
+Liebste, beste Grete!+
Denke Dir meine Freude, hier ist eine Pflanzung ganz in der Nähe, die amerikanischen Ansiedlern gehört, also ganz zivilisierten Menschen! Niemand hatte mir davon erzählt, bis sie uns heute besuchten -- man wußte ja nicht, wieviel mir das wert sein konnte! Ach, Grete, so nett diese Souzas auch sind, fremd bleiben die Brasilianer einem doch, fremder sogar als alle anderen Fremden hier, die schon ein gewisses Gefühl der Zusammengehörigkeit als Gäste auf hiesigen Boden zusammenzieht. Zudem ist mir doch immer das ganze Wesen und Sein germanischer Volksstämme weit sympathischer als diese Romanen; schon beim Klange der englischen Sprache atmete ich auf, ganz abgesehen davon, daß Mr. Quimby und seine Schwägerin wirklich sehr liebenswürdig und nett waren. Mrs. Quimby war zu Hause geblieben bei den kleinen Kindern, während das älteste zwölfjährige Mädchen schon flott mitgeritten war. Es war am vorigen Sonnabend, als sie kamen und -- „Wollen Sie morgen mit uns zur Kirche?“ fragten sie mich plötzlich.
„Zur Kirche?“ wiederholte ich erstaunt -- „wo?“