Leid und Freud einer Erzieherin in Brasilien

Part 1

Chapter 13,257 wordsPublic domain

####################################################################

Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert. Fremdsprachliche Ausdrücke (auch Orts- und Personennamen) wurden weder korrigiert noch vereinheitlicht, sofern der Sinn des Texts dadurch nicht verfälscht würde.

Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber vom Bearbeiter hinzugefügt; Fußnoten wurden an das Ende der jeweiligen Briefe versetzt. Im Original erscheint der Brief vom 21. Februar 1882 vor demjenigen, der auf den 17. Februar 1882 datiert wurde. Die Reihenfolge der Buchausgabe wurde gleichwohl beibehalten.

Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

kursiv: _Unterstriche_ gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~

####################################################################

Leid und Freud einer Erzieherin

in Brasilien.

Leid und Freud

einer Erzieherin

in

Brasilien.

Von

Ina von Binzer

(Ulla von Eck.)

Berlin.

Richard Eckstein Nachfolger.

(Hammer & Runge.)

Alle Rechte vorbehalten.

Inhalt

Seite Fazenda de Saõ Francisco, den 27. Mai 1881 1

Saõ Francisco, den 9. Juni 1881 9

Saõ Francisco, den 20. Juni 1881 13

Saõ Francisco, den 11. Juli 1881 21

Saõ Francisco, den 25. Juli 1881 26

Saõ Francisco, den 14. August 1881 35

Saõ Francisco, den 1. September 1881 43

Saõ Francisco, den 17. September 1881 56

Saõ Francisco, den 5. October 1881 59

Saõ Francisco, den 22. Oktober 1881 68

S. F., den 3. Dez. 1881 70

Rio de Janeiro, den 24. Dezember 1881, Abends 71

Petropolis, den 15. Januar 1882 76

Rio de Janeiro, den 8. Februar 1882 83

Rio de Janeiro, den 12. Februar 1882 90

Rio de Janeiro, den 21. Februar 1882 94

Rio de Janeiro, den 17. Februar 1882 99

Rio de Janeiro, den 2. März 1882 107

Saõ Paulo, den 20. März 1882 109

Saõ Paulo, den 5. April 1882 114

Saõ Paulo, den 21. April 1882 120

Saõ Paulo, den 5. Mai 1882 124

Saõ Paulo, den 29. Mai 1882 133

Saõ Paulo, den 20. Juni 1882 138

Saõ Paulo, den 28. Juni 1882 144

Saõ Paulo, den 1. Juli 1882 146

Saõ Sebastiaõ, den 11. Juli 1882 148

Saõ Sebastiaõ, den 19. Juli 1882 156

Saõ Sebastiaõ, den 28. Juli 1882 163

Saõ Sebastiaõ, den 5. August 1882 169

Santos, den 20. August 1882 173

Santos, den 22. September 1882 179

Saõ Sebastiaõ, den 4. Oktober 1882 183

Saõ Sebastiaõ, den 27. Oktober 1882 187

Saõ Sebastiaõ, den 17. November 1882 197

Saõ Sebastiaõ, den 5. Dezember 1882 206

Saõ Sebastiaõ, den 18. Dez. 1882 209

Saõ Paulo, den 28. Dezember 1882 210

Santos, den 2. Januar 1883 214

Saõ Sebastiaõ, den 9. Januar 1883 215

Verlobungsanzeige 225

Fazenda de Saõ Francisco, den 27. Mai 1881.

+Meine liebe Grete!+

Fazenda bedeutet Pflanzung. Es thut mir leid, daß es nicht Hacienda heißt, da Ihr das wahrscheinlich bis jetzt geglaubt habt, und ich Euch also gleich beim ersten Worte meines ersten Briefes enttäuschen muß. Ihr könnt Euch aber mit mir trösten, es ging mir ebenso, und es war doch so hübsch, als wir noch so unschuldig Spanisch und Portugiesisch verwechselten. So geht eine Illusion nach der andern verloren!

Daß diese Fazenda Saõ Francisco heißt, ist durchaus nicht wunderbar; im Gegenteil, es wäre merkwürdig, wenn sie anders hieße; einundzwanzig Ortschaften in Brasilien heißen Saõ Francisco, und der Pflanzungen, die dieser beliebte Heilige unter den Schutz seines Namens nehmen muß, sind Legion.

Eine zweite Enttäuschung wird Dir sein, daß ich Euch über meine Reise von Rio de Janeiro bis hierher nicht einmal von einem Indianerüberfall oder einem Tigerkampf berichten kann -- als Geringstes hättet Ihr doch eine Riesenschlange verlangen können -- und ich sehe vollständig ein, wie sehr es mich von vornherein andern Tropenreisenden gegenüber in Euer Aller Augen herabsetzen muß, daß ich ohne weiteren Unfall hier angekommen bin.

Doch dem ist so.

An der Eisenbahnstation holte mich Dr. Rameiro[1] selbst ab, und, denke Dir, Grete, in einer ganz bequemen europäischen Halbchaise! Selten hat mich wohl eine Halbchaise so geärgert wie diese! Wenn ihr doch wenigstens unterwegs ein Rad gebrochen wäre, oder der Negerkutscher versucht hätte, uns in irgend einen Abgrund zu fahren, etwa aus Rache für erlittene Züchtigung, denn der war doch wenigstens ein richtiger Sklave! Aber ich muß beschämt wiederum eingestehen, daß er recht gutmütig über seiner platten Nase dreinschaute und wahrscheinlich garnicht an einen Abgrund dachte. Nun, hoffen wir, daß das Geschick ein Einsehen hat und mich noch in eine recht gefährliche Situation geraten läßt.... aber so, daß ich sie Dir nachher noch beschreiben kann.

Also Dr. Rameiro holte mich ab. Er wird „Doktor“ genannt. Warum, weiß ich nicht, und ich bezweifle, ob er selbst oder die, welche ihn so anreden, irgend eine befriedigende Auskunft darüber geben könnten außer der, daß jeder besser situierte Brasilianer ein natürliches Anrecht auf diesen Titel mit auf die Welt bringt, und es also einesteils unbescheiden, andernteils blödsinnig erscheinen müßte, wollte jemand von ihm verlangen, daß er sich denselben durch ein höchst überflüssiges Studium erst verdiente.

Er sprach portugiesisch, ich französisch.

Es soll kaum einen Brasilianer geben, der nicht französisch spräche, manchen aber auch, der nur einen sehr unvollkommenen Begriff hat von der Lage des dazugehörigen Landes oder davon, daß es in demselben auch noch einige andre Ortschaften giebt als Paris. In dem Kopfe meiner Negerin ist „Paris“ identisch mit allem und jedem außerhalb Brasiliens befindlichen Gebiet, und da ich ihre unbegrenzte Hochachtung vor diesem merkwürdigen Dinge „Paris“ sehe, dem ich natürlich auch entstamme, so habe ich mich wohl gehütet, dasselbe und die Leistungsfähigkeit seiner Kinder berichtigender Weise durch mein achttägiges Portugiesisch zu diskreditieren.

„Meine Negerin“ -- nicht wahr, das ist bis jetzt noch das Beste an meinem Brief, das klingt doch nach was! Sie heißt sogar Olympia, was die Sache doch entschieden noch pomphafter macht, und sagt bei jeder Gelegenheit höchst unterwürfig „~Sim, Senhora~“, auch wenn ich sie schelte. Im Vertrauen will ich Dir zwar sagen, liebe Grete, daß sie das scheußlichste, dicklippigste schwarze Geschöpf ist, das je einen hochtrabenden Namen trug, und daß das „~Senhora~“ ganz etwas gewöhnliches hier ist, wie in Berlin z. B. „gnädige Frau“. Außerdem macht Einen das ewige „~Sim, Senhora~“ zuletzt ganz stumpfsinnig, da sie es überall und immer anwendet, zumal wenn sie mein Portugiesisch nicht verstanden hat, was einige Male am Tage vorkommt. Aber dies erzähle den Andern nicht, hörst Du!

Dr. Rameiro besitzt noch gegen 200 Sklaven und Sklavinnen. Die meisten arbeiten natürlich draußen im Kaffee, aber hier im Hause sind auch eine ganze Anzahl, von denen einige auch etwas zu thun haben. In einem großen Saale mit Oberlicht, der eigentlich den Eindruck eines großen Flures macht, sitzen ein Neger und eine Negerin je an einer Nähmaschine und klappern den ganzen Tag. Rings umher an der Erde und auch in einem anstoßenden Raume, der wieder wie ein Flur aussieht und an die Küche stößt, sitzen zehn bis zwölf Negerinnen und nähen, und eine jede hat einen Korb aus Bambusgeflecht vor sich, worin ein kleines Kind liegt, von welcher Kollektion natürlich immer mindestens eines schreit. Da zu diesen Näharbeiten nur Negerinnen mit ganz kleinen Kindern, die sie nicht verlassen können, verwendet werden, so ist es klar, daß, wenn welche dasitzen, auch die Bambuskörbe nicht fehlen und mindestens aus einem derselben geschrieen wird.

Das Küchenpersonal besteht aus drei Personen. Wer von ihnen kocht, habe ich in diesen Tagen noch nicht herauskriegen können; manchmal schmeckt das Essen so, als wären ihre Ansichten in Bezug auf die erforderlichen Zuthaten in den denkbarsten Diametralen auseinander gegangen und hätte schließlich jeder von ihnen die seinige durchgesetzt, manchmal scheint es, als haben sie sich um des lieben Friedens willen alle drei von der Sache zurückgezogen.

Ein kleiner zwölfjähriger Mulatte mit unverschämtem Gesicht und einer scheinbar unbesiegbaren Anhänglichkeit an schmutzige Anzüge und Purzelbäume, in welchen letzteren er eigentlich +geht+, hat des Mittags mit einer kleinen Fahne (die jedenfalls jetzt bräunlich-grau ist, was sie auch früher gewesen sein mag) die Fliegen über dem Tisch zu verjagen, was meiner Ansicht nach viel unerträglicher ist als die Fliegen, und außerdem den Kaffee zu servieren. Aber trotzdem diese Erfrischung mindestens vier Mal am Tage eingenommen wird, kann diese Arbeit doch nicht als ausreichende Beschäftigung für einen ganzen Tag angesehen werden, und es läßt sich also garnicht absehen, bis zu welcher Virtuosität in Purzelbäumen diese kleine gelbe Kreatur es noch bringen kann, wenn er auch nur die Hälfte seiner freien Zeit auf ihre Vervollkommnung verwendet.

„Freie Zeit!“ Ach, liebe Grete, bei dem Worte könnte ich elegisch werden. Weißt Du noch, wie wir es als unumstößlich richtig unter uns ausmachten, daß die Brasilianer den ganzen Tag weiter nichts thäten als fesch aussehen und rauchen, ihre Damen, in duftigste Gewänder gehüllt, sich in Hängematten wiegten und sich dabei von kleinen interessanten, weiß und roth gekleideten Negerknaben befächern ließen? Wie Orangen- und Bananenbäume in unsern Bildern eine merkwürdige Neigung hatten, zu den Fenstern hineinzuwachsen, und bunte Papageien und die „süßen“ kleinen Kolibris nur so um Einen herumflogen wie die Tauben in Lillis Park? Welche Idylle! Und natürlich würden solche idyllische Menschen auch von ihrer Erzieherin nicht so etwas Rohes wie wirkliche handfeste „Arbeit“ verlangen -- pfui -- man würde mit den Kindern im Schatten der Orangenbäume ruhen, sie gleichsam spielend die theure Muttersprache lehren, Papageien zähmen, Früchte essen, Gedichte machen, sich mit Blumen schmücken.....

Ach, Grete! Ich sage nichts als „Ach!“

Dr. Rameiro raucht freilich -- es ist mir eigentlich noch nie aufgefallen, daß er +nicht+ rauchte -- aber fesch kann ich ihn mit dem besten Willen nicht finden! Weder wenn er mit gespreizten Beinen vor dem Hause steht oder wenn er in den Kaffeeräumen umhersteigt, noch wenn er abends thatenlos in der Hängematte liegt, hat er die geringste Ähnlichkeit mit den schönen Brasilianern auf der seligen Friedrich-Wilhelmstädtischen Operetten-Bühne. Es ist recht niederschlagend!

Madame Rameiro liegt auch manchmal in der Hängematte, (diese spielen vollkommen die Rolle eines Möbels und sind in den Zimmern mit starken Haken an zwei passend zu einander gelegenen Thüren befestigt) aber sie ist eine etwas lebhafte Dame, sie hält es nie lange darin aus, und wenn ihre Energie erwacht, etwa ob einer schlechten Naht einer Derer mit den Bambuskörben, so höre ich sie im Schulzimmer (was hörte ich da +nicht+!) die Negerinnen anfeuern durch Wörter, die merkwürdigerweise eine auffallende Ähnlichkeit haben mit recht kräftigen heimischen Schimpfwörtern. Ich werde aber morgen im Lexikon nach der friedlichen Bedeutung von „~diabolo~“ oder „~canailla~“ suchen, um die gute Frau vor meinen eignen Augen zu rechtfertigen, was dem Lexikon jedenfalls glänzend gelingen wird.

Von den Orangen und Bananen später. Jetzt nur noch ein Wort über die Papageien. Was Du auch thust, liebste Grete, bringe sie nie wieder in einer Idylle an, oder wenn Du es thust, begnüge dich mit +einem+ und laß +den+ taubstumm sein! In dem Zimmer mit den musikalischen Bambuskörben hängen ihrer sechs an den Wänden umher auf kleinen ½ Fuß breiten Ständern aus Blech, die wie Konsölchen aussehen. Des Morgens um vier beginnen sie auf’s Energischste ihren Kaffee zu verlangen und hören damit nicht eher auf als bis sie ihren Zweck erreicht haben, frühestens und unter günstigen Verhältnissen nach anderthalb Stunden; und dann plappern, schreien, quieken, kreischen und keifen sie den ganzen Tag lang mit einer Unermüdlichkeit, die beschämend sein würde, wenn sie Einen nicht, im Verein mit eilf andern Vögeln, den Nähmaschinen und den Bambuskörben gradezu rasend machte! Sie sind bis jetzt meine intimsten Feinde. In den ersten Tagen nährte ich eine unbestimmte Hoffnung, daß sie bald sterben könnten, seitdem mir jedoch vorgestern Molières hundertjähriger Papagei eingefallen ist, betrachte ich sie nur zu oft wie Mr. Pickwick das widerspänstige Pferd, d. h. ich überschlage im Geiste die möglichen Folgen davon, wenn ich sie alle sechs umbrächte. Natürlich höre ich auch sie im Schulzimmer.

Man hört überhaupt in diesem idyllischen Hause überall alles, denn Thüren und Fenster stehen samt und sonders fortwährend offen, und kein Teppich, keine Gardine, kein Polstermöbel dämpft auch nur irgendwie einen Schall, der Lust hat, sich fortzupflanzen. Ach liebe Grete, diese Reitsäle von Zimmern, dieses grelle Licht, diese Korbgeflechtsophas und Wiener Stühle sind so entsetzlich unromantisch, so garnicht idyllisch!

Und nun gar das ~dolce far niente~! Laß mich schweigen. Wir waren erstaunlich „jung“, als wir uns überzeugten, daß das hier meine Hauptbeschäftigung sein würde! Mit weiterem will ich heute Dein mitfühlendes Freundesherz nicht zerreißen. Ich werde es Dir so nach und nach beibringen.

Für heute leb’ wohl: der Thee ist serviert, denn „eins, zwei, drei“ -- nämlich Purzelbäume des Mulattenjungen. Drei braucht er vom Eßzimmer bis hierher, und natürlich höre ich sie. Richtig, da murmelt er an der Thür: „~Chà, Senhora~“ -- also bis zu meiner nächsten Muße. Möge Dir die Zeit nicht allzu lang werden.

+Deine Ulla.+

[1] Das ei in portugiesischen Wörtern ist gewissermaßen getrennt zu sprechen mit dem Ton auf dem e.

Saõ Francisco, den 9. Juni 1881.

+Liebste Grete!+

Weißt Du, was ich heute in die tiefsten Tiefen meines Koffers versenkt habe?... Unsern +Bormann+, d. h. seine „vierzig pädagogischen Briefe“. Sie passen nicht, Grete, sie passen hier nicht! Und ich hatte mich so darauf verlassen! -- Wenn mich unterwegs die Angst befiel, wie ich mit meinen brasilianischen Zöglingen fertig werden würde, dann dachte ich immer an das hülfreiche kleine Buch unter meinen Reiseeffekten und sagte mir beruhigt: So machst Du’s! Und nun.....! Ach Grete, ich glaube, Bormann hätte hier oft selber nicht gewußt, was er machen sollte. Man ärgert sich über so vieles, was sich garnicht greifen läßt, und was doch da ist und immer wieder da ist!

In dieser gesegneten Familie sind zwölf Kinder, und sieben davon habe ich unter meiner pädagogischen Fuchtel. Um sieben Uhr morgens geht es los. Dann kommen erst „die Großen“ und nehmen eine deutsche Stunde. Dona Gabriella, Dona Olympia und Dona Emilia sind schon neunzehn, einundzwanzig und zweiundzwanzig Jahre alt, was für Brasilianerinnen schon dicht an der alten Jungfer ist und mich bei meinen eignen zweiundzwanzig sehr entsetzte; und dann denke Dir, eine Schülerin immerfort mit „Dona“ anreden zu müssen! Die ersten Morgende kamen sie regelmäßig zu spät in die Stunde, so daß ich mich zu dem Ersuchen veranlaßt sah, doch pünktlich zu erscheinen, denn damals lebte ich noch nach Bormann. Seitdem sitzen sie nun jeden Morgen, wenn ich hereinkomme, ernst und schweigend um den Tisch mit ihren blaßgelben, unbewegten brasilianischen Gesichtern, und auch das dumpfe, gleichgültige: „~Bon jour, mademoiselle~“ bringt keinerlei Ausdruck darauf hervor; keine Morgenfrische, keine Lernfreude, keine persönliche Sympathie -- ach Grete, dies Trio ist entsetzlich lähmend! Mir fällt jetzt immer bei ihrem Anblick die heilige Vehme ein, wo die Richter nicht ernster und kälter in der Runde gesessen haben können. Ich bin feige genug, bereits zu wünschen, ich hätte sie nicht um Pünktlichkeit ersucht. Wir würgen uns mühsam durch diese deutsche Stunde, natürlich immer durch das Medium des Französischen, und letzteres ist noch das Beste von der Sache, denn sowie sie anfangen, deutsch zu sprechen, verstehe ich keine Silbe mehr.

Ich bin immer ganz erlöst, aber auch schon halb kaput, wenn dann um 8 Uhr „die Kleinen“ kommen. Wenn sie auch unartig sind, so sind es doch wenigstens Kinder, und nur die älteste von ihnen hat auch schon etwas von der heiligen Vehme an sich. Ach Grete, sie sind alle so „~provoking~!“ Sie thun alles, was ich sage, lernen alles, was ich aufgebe, und doch irritieren sie mich namenlos!

Ich glaube gewiß, sie meinen nichts Böses, und manchmal finde ich meine „Kleinen“ auch ganz drollig.

So saß ich neulich Sonntags ein Stündchen in dem paradiesischen Garten auf der Bank unter einem mächtigen Mangabaum und träumte -- ach Grete -- von deutschen Eichen, als mich plötzlich, wie ich aufblickte, eine scheußliche kleine schwarze Kreatur vor mir in die Tropen zurückschreckte. Denke sie Dir etwa zwölfjährig, mehr Affe als Mensch, bis an die Ohren grinsend, mit unappetitlichem Wollhaar, fingerbreitem Vorkopf, entsetzlich dickem Bauch und stockartigen schwarzen Beinen, die vor Staub ganz lilla schimmerten; denke Dir dies Ganze nur bekleidet mit der denkbar kürzesten Ausgabe eines Hemdes von undefinierbarer Farbe, und Du wirst begreifen, daß ich von diesem edlen Mitgeschöpf nicht grade hingerissen war. Im Gegenteil bin ich wol etwas erschrocken zusammengefahren, denn sogleich trat die kleine achtjährige Leonilla hinter einem Strauch hervor und sagte beruhigend und protegierend zu mir: „~N’ayez pas peur, mademoiselle, c’est Jacob~“, und dann, als mein Gesicht wohl immer noch nicht den genügenden Ausdruck der Begeisterung zeigte ob dieser ehrenden Bekanntschaft mit dem heiligen Erzvater, fügte sie, halb indigniert, halb erläuternd hinzu: „~Il est à moi, grand’maman m’en a fait cadeau à mon jour de fête.~“ Ich sage Dir, es war zu komisch; die kleine Sklavenhalterin sah so stolz auf dies lebendige „Geburtstagsgeschenk“, und das scheußliche kleine Besitzthum grinste so vergnügt zu dieser Eigentumserklärung, die es allerdings wohl mehr erriet als verstand, daß ich hell auflachen mußte. Überhaupt hat die Würde, welche hier durch das Bestehen der Sklaverei unwillkürlich schon die Kinder annehmen, oft etwas Komisches. Dagegen ist es wiederum rührend, wie sie auch anderseits an den guten, treuen Negern und Negerinnen hängen. Die kleine fünfjährige Maria da Gloria z. B. spart immer von ihrem Dessert etwas über für ihre frühere Amme, eine hübsche junge Mulattin, oder erbittet etwas für ihre kleine Milchschwester, und Alphonsina, die sich sonst selber gern putzt, verschenkt doch ihr buntestes Band, wenn sie denkt, daß die alte Anna es gern hätte.

Sie geben alle sehr gern und erfüllen Einem jeden möglichen Wunsch -- und doch -- und doch....!

Ach Grete, weißt Du, daß ich den Peter in der Fremde jetzt eigentlich für einen ganz gescheidten Menschen halte!

+Deine Ulla.+

Saõ Francisco, den 20. Juni 1881.

Ich wünschte, Gretel, Du könntest einmal zu einem brasilianischen Mittagessen dabei sein! Eingeladen würdest Du zwar nicht „zu Tische“, auch nicht einmal zu dem berühmten deutschen „Löffel Suppe“, sondern zu einem „Glase Wasser“. Du kannst es aber getrost daraufhin wagen, denn dies ~copo d’agua~ umfaßt ein recht vielseitiges Mittagessen und hat als Appendix einen musikerfüllten Abend, sowie eventuell ein Nachtquartier.

Wir waren gestern zu unsern Gutsnachbarn gebeten, übrigens Nachbarn von fünf Meilen Entfernung, zu denen uns zwei mit je vier Maultieren bespannte Wagen in scharfem Trabe hinbrachten.

Wir fanden schon einen größeren Kreis in der riesigen, siebenfenstrigen ~salla de visita~ beisammen. Das Wort „Kreis“ darfst Du allerdings nur als Gewohnheitsausdruck fassen, denn die Gesellschaft präsentierte sich so, daß je rechts und links von dem großen Rohrsopha, das in nebelhafter Ferne sich dem Eintretenden gegenüber zeigte, sich in scharfen rechten Winkeln eine Reihe von Stühlen abzweigte, die den Raum vor dem Sopha frei ließen, und die den Eindruck hervorbrachten, als sei man bei einem Gesellschaftsspiel. Der Eingeweihte weiß jedoch, daß er diese rechten Winkel in jedem brasilianischen Hause wiederfindet. Der Sophatisch steht in der Mitte des Saales.

Wir schüttelten rings herum alle bekannten und unbekannten Hände, wobei ich als die neue „~professora~“ eingeführt wurde, und fragten einander der Sitte gemäß höchst teilnehmend: „Wie geht es Ihnen, geht es Ihnen gut?“ auch wenn man sich nie vorher im Leben gesehen.

Nachdem ich dann, neben Dona Gabriella sitzend, eine Weile den linken Flügel einer jener Stuhlreihen occupiert hatte, meldete ein barfüßiger Negerjunge, daß „das Mittagessen auf dem Tisch“ sei, und würdevoll erhob sich die Hausfrau mit der Aufforderung: „~Vamus jantar~“ d. h. gehen wir essen.

Zu beiden Seiten der Tafel standen barfüßige und nicht allzu saubere Mulattenjungen, mit langen Bambusstöcken bewaffnet, an deren Ende der eine eine kleine rothe Fahne, der andere einige in lange Streifen geschnittene Exemplare des Rioer „~Jornal de Commercio~“ schwenkte, um die Fliegen und Mosquiten zu verscheuchen. Mit solch einer Fahne war ich ja schon von Saõ Francisco her befeindet, jedoch gegenüber diesen abscheulich raschelnden Papierfetzen, für deren beleidigende Geschmacklosigkeit für Aug’ und Ohr aber außer mir niemand von der Gesellschaft Sinn zu haben schien, sondern die man gewiß als eine sehr geniale und liebenswürdige Erfindung betrachtete, bat ich dem kleinen schmutzigen Lappen daheim allen geheimen Zorn ab.