Lehre vom Schluss

Part 13

Chapter 133,694 wordsPublic domain

Denn man muß überhaupt in allen Fällen, wenn man allgemein insistiert, den Widerspruch so fassen, daß er das Ganze der Prämissen trifft, indem man etwa, wenn der andere die Wissenschaft alles Konträren nicht für dieselbe gelten lassen will, sagt, daß die des Entgegengesetzten eine ist. So muß sich aber die erste Figur ergeben, indem das Allgemeine entsprechend dem in der Behauptung gesetzten Begriff Mittelbegriff wird. Wenn man dagegen seinen Einwand nur in partikulärem Sinne geltend macht, muß man solches vorbringen, wozu sich das Subjekt der Prämisse wie das Allgemeine verhält, muß also etwa sagen, die Wissenschaft von Erkennbarem und Unerkennbarem sei nicht dieselbe. Denn das Konträre ist im Verhältnis zu diesen beiden Begriffen das Allgemeine. Und es stellt sich die dritte Figur ein. Denn das partikulär Genommene, also erkennbar und unerkennbar, ist Mittelbegriff.

Denn aus dem, woraus sich Konträres schließen läßt, suchen wir auch die Einwände zu entnehmen. Daher erheben wir sie auch nur aus diesen Figuren. Denn nur durch sie können entgegengesetzte Schlüsse gehen: durch die mittlere Figur läßt sich, wie wir gesehen haben, nicht bejahend schließen.

Auch würde ein Einwand durch die mittlere Figur eine eingehendere Begründung erfordern, z. B. wenn man nicht zugäbe, daß A dem B zukomme, weil ihm C nicht logisch folge. Denn das ergibt sich erst aus anderen Prämissen, und der Einwand darf nicht auf anderes übergreifen, sondern muß die abweichende Prämisse sofort klar bereit haben. Deshalb liefert auch nur diese Figur kein Zeichen[294].

[Sidenote: 70 a]

Es kommen hier aber auch die anderen Einwände in Betracht, wie die aus dem Konträren, dem Ähnlichen und dem, was Gegenstand der Meinung ist. Auch wäre noch zu untersuchen, ob man einen partikulären Einwand aus der ersten oder einen verneinenden aus der mittleren Figur entnehmen kann[295].

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

+Wahrscheinliches+ und +Zeichen+ ist nicht dasselbe, sondern das Wahrscheinliche ist ein glaubhafter Satz (endoxos). Denn wovon man weiß, daß es meistens so geschieht oder nicht geschieht, so ist oder nicht so ist, das ist wahrscheinlich, z. B. der Satz, daß die Neider hassen oder daß die Geliebten lieben.

Ein Zeichen aber will ein beweisender Satz sein, ein notwendiger oder ein glaubhafter. Denn bei wessen Sein ein Ding ist oder bei wessen Geschehen es früher oder später geschieht, das ist ein Zeichen, daß es geschehen ist oder daß es ist[296].

Ein +Enthymema+ (Gemeinschluß) nun ist ein Schluß aus Wahrscheinlichem oder aus Zeichen (Indizien).

Das Zeichen wird in dreifacher Weise angesetzt, auf so viele, wie der Mittelbegriff in den Figuren. Denn es wird wie der Mittelbegriff entweder in der ersten oder in der mittleren oder in der dritten Figur angesetzt. Z. B. wenn man beweist, daß eine Frau schwanger ist, weil sie Milch hat, so gehört das in die erste Figur, weil Milch haben Mittelbegriff ist; A: schwanger sein, B: Milch haben, C: Frau. Die Folgerung, daß die Weisen tugendhaft sind, weil Pittakus tugendhaft ist, fußt auf der letzten Figur; A: tugendhaft, B: die Weisen, C: Pittakus. Man würde hier sowohl A wie B von C wahrheitsgemäß aussagen, aber man sagt das eine nicht, weil man es weiß, das andere aber nimmt man an. Die Folgerung endlich, daß eine Frau schwanger ist, weil sie blaß ist, will auf der mittleren Figur fußen. Denn da die Blässe sich an die Schwangerschaft knüpft und sie auch an dieser bestimmten Frau hervortritt, glaubt man gezeigt zu haben, daß sie schwanger ist. Blaß: A, schwanger sein: B, Frau: C[297].

Wird nun bloß die eine Prämisse ausgesprochen, so erhält man nur ein Zeichen, nimmt man aber noch die zweite hinzu, so hat man einen Schluß, wie z. B.: Pittakus ist freigebig; denn die Ehrliebenden sind freigebig, Pittakus aber ist ehrliebend. Oder wieder: die Weisen sind gut; denn Pittakus ist gut, aber auch weise.

So ergeben sich also Schlüsse, nur ist der Schluß durch die erste Figur unwiderlegbar, wenn er wahr ist -- denn er ist allgemein --, aber der Schluß durch die letzte Figur ist widerlegbar, auch wenn die Konklusion wahr ist, weil er nicht allgemein und nicht sachentsprechend ist. Denn wenn Pittakus tugendhaft ist, brauchen deshalb nicht auch die anderen Weltweisen es zu sein. Der Schluß durch die mittlere Figur aber ist immer und in allen Fällen widerlegbar. Denn wenn die Begriffe sich so verhalten, kommt nie ein Schluß zustande. Es braucht ja, wenn die Schwangere bleich und auch diese bestimmte Frau bleich ist, dieselbe nicht schwanger zu sein. So wird sich denn in allen Zeichen Wahres finden, aber mit den angegebenen Unterschieden[298].

[Sidenote: 70 b]

Man muß also das Zeichen entweder in dieser Weise unterscheiden und dann unter den Zeichen den Mittelbegriff als tekmerion (strengen Beleg) auffassen -- denn sie sagen, tekmerion sei, was einen wissen macht, das gilt aber besonders von dem Mittelbegriff --; oder man muß das, was man auf die Seite der Außenbegriffe setzt, Zeichen, und das, was man auf die Seite des Mittelbegriffs setzt, tekmerion nennen[299]. Denn was man durch die erste Figur erschließt, ist am glaubhaftesten und am meisten wahr.

+Physiognomik+ (Erratung der Physis) ist möglich, wenn man zugibt, daß alles, was physische Affektion ist, Leib und Seele zugleich verändert. Denn wer Musik gelernt hat, hat sich vielleicht in etwas an seiner Seele verändert, indessen gehört so etwas nicht zu unseren physischen Affektionen, sondern physische Bewegungen sind z. B. die Regungen des Zornes und der Begierde[300].

Wenn also dieses zugegeben wird, wie auch, daß es für je eine Affektion je ein Zeichen gibt, und wenn wir die jeder Gattung eigentümliche Affektion und deren jeweiliges Zeichen ermitteln können, so werden wir Physiognomik treiben oder die Physis, die Natur und den Charakter, erraten können.

Denn wenn irgendeiner nicht weiter teilbaren Gattung ein Affekt oder eine Eigenschaft eigentümlich zukommt, wie z. B. den Löwen der Mut, so gibt es notwendig auch ein Zeichen dafür. Wir stehen ja auf der Voraussetzung, daß es eine Sympathie von Leib und Seele gibt. Dieses Zeichen soll also der Besitz großer Extremitäten sein, was auch anderen Gattungen zukommen kann, aber nicht nach ihrem ganzen Umfange. Denn das Zeichen ist in dieser Weise eigentümlich, weil es eine einer ganzen Gattung eigentümliche, nicht eine ihr allein eigentümliche Affektion ist, gemäß der Anwendung, die wir von diesem Wort zu machen pflegen. Es wird mithin dasselbe auch in anderen Gattungen vorkommen, und es wird auch ein Mensch und irgendein anderes sinnliches Wesen mutig sein, kann also das Zeichen haben. Es gab ja ein Zeichen für +eine+ psychische Eigenschaft. Wenn also dem so ist und wir solche Zeichen von den sinnlichen Wesen abnehmen können, die bloß eine Affektion eigentümlich haben -- jede hat aber ein Zeichen; denn eines muß sie ja haben --, dann können wir Physiognomik treiben.

Wenn aber die ganze Gattung zwei eigentümliche psychische Züge auf weist, wie der Löwe Mut und Großmut, wie kann man da erkennen, welches von beiden ihnen eigentümlich zukommenden Zeichen welchem von beiden entspricht?

Ich denke, man kann es in dem Falle, daß die beiden fraglichen Züge einer anderen Gattung, aber nicht in ihrem ganzen Umfang, zukommen, und daß die Individuen der Gattungen, innerhalb deren beides nur einem Teil zukommt, den einen Zug aufweisen und den anderen nicht. Denn wenn einer mutig, aber nicht großmütig ist, und er dann von den beiden Zeichen dieses bestimmte hat, so ist einleuchtend, daß dasselbe auch bei einem Löwen das Zeichen des Mutes ist.

Der physiognomische Schluß deckt sich also mit dem Fall, wo von den Begriffen in der ersten Figur der mittlere mit dem oberen konvertibel ist, während er über den unteren hinausreicht und nicht mit ihm konvertibel ist. Z. B. A sei Mut, B große Extremitäten, C Löwe. Wem nun C zukommt, dem allen kommt B zu, aber auch noch anderem. Wem aber B zukommt, dem allen kommt A zu und nicht noch anderem, sondern diese beiden Begriffe sind konvertibel. Wären sie es nicht, so gäbe es nicht für je +eine+ Eigenschaft je +ein+ Zeichen.

Anmerkungen.

Zum ersten Buche.

[1] Dieses ist wohl der Sinn der Worte 24 b 17: ἢ προςτιεμένον ἡ διαιρουμένον τοῦ εἶναι καὶ μὴ εἶναι. So fassen sie Alexander, Silvester Maurus, Waitz und Maier. Bender und v. Kirchmann lassen sie sagen: mag nun das Sein oder Nichtsein dabei stehen oder nicht.

[2] Das sind drei Bedeutungen von kontingent, endechomenon: das Notwendige ist kontingent, weil es sein kann, ohne auch nicht sein zu können, wie z. B. das Absolute, Gott; das nicht Notwendige ist kontingent, weil es sein und nicht sein kann, wie die Geschöpfe; das Mögliche, dynaton, ist kontingent, weil es sein kann, abgesehen davon, ob es notwendig ist oder nicht; so ist es z. B. möglich, daß überhaupt etwas ist. Nach Silvester Maurus. Die zweite Bedeutung ist die engere und eigentliche.

[3] Hier scheint διορίζομεν nicht sowohl definieren zu bedeuten als einteilen, unterscheiden, gemäß Absatz 2: da es ein Kontingentes gibt, das nicht notwendig ist, so kann es auch ein solches geben, das nur meistens ist, so wie es der natürliche und gewöhnliche Lauf der Dinge mit sich bringt; gegen Bender und v. Kirchmann. Auch Waitz überzeugt nicht, der hier die Bedeutung von Definition annimmt und in den Worten des Aristoteles angemerkt findet, daß das, was meistenteils geschieht, der ursprüngliche und eigentliche Sinn des ἐνδεχόμενον ist. Das soll auch der Sinn des δυνατόν 25 a 39 sein. Das letztere scheint unerweisbar, das erstere dagegen, daß ἐνδεχόμενον das Gewöhnliche bedeutet -- im Deutschen läßt sich das in der Übersetzung von kontingent nicht wiedergeben -- ist glaubhaft. Man kann ἐνδέχεσθαι als aufnehmen verstehen, und das logische Subjekt ist dann die Natur der Dinge, also: τῇ φύσει ἐνδέχεται, wobei freilich dieses Verbum passive Bedeutung hätte.

[4] Beispiel: Jedes sinnlich wahrnehmende Wesen (ζῷον animal) ist mit Leben begabt; jeder Mensch ist ein sinnlich wahrnehmendes Wesen (Sinnenwesen); also ist jeder Mensch mit Leben begabt. -- Man sieht hier, warum es im folgenden Absatz heißt, daß der Mittelbegriff auch seiner Stellung nach der mittlere Begriff wird oder ist (γίνεται): er wird in der einen Prämisse unter den ersten Begriff gebracht, in der anderen der letzte Begriff unter ihn. -- Es wäre deutlicher gewesen, wenn wir übersetzt hätten: wenn der Oberbegriff (mit Leben begabt) in dem ganzen mittleren Begriff (Sinnenwesen) ist oder, in ihm nach dessen ganzem Umfange ist, statt zu übersetzen: in dem mittleren Begriff als Ganzem; aber es galt mit Aristoteles den Anschluß an den Ausdruck im 1. Kapitel, Absatz 1, wahren: in einem anderen als Ganzem.

[5] A ist Oberbegriff. Er wird so bezeichnet, weil er logisch vorangeht, da er umfassender und allgemeiner ist.

[6] Beispiel: Kein Sinnenwesen ist eine Pflanze; jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; also ist kein Mensch eine Pflanze.

[7] Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; kein Pferd ist ein Mensch; also ist kein Pferd ein Sinnenwesen.

Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; kein Stein ist ein Mensch; also ist jeder Stein ein Sinnenwesen. Hier wird beide Male aus richtigen Prämissen geschlossen, aber beide Male mit falschem Ergebnis, woraus folgt, daß man weder einen allgemein bejahenden, noch einen allgemein verneinenden Schlußsatz gewinnt. Ebenso läßt sich nicht partikulär schließen, daß einige Steine Sinnenwesen oder einige Pferde keine Sinnenwesen sind.

[8] Keine Linie ist Wissenschaft; keine Heilkunst ist Linie; also ist keine Heilkunst Wissenschaft. -- Keine Linie ist Wissenschaft; keine Eins ist Linie; also ist jede Eins Wissenschaft. -- Der Heilkunst kommt aber tatsächlich das Prädikat Wissenschaft zu, der Eins kommt es nicht zu. -- Es ist irreführend, wenn Bender Zeile 26 11 f. so übersetzt: „für den einen Fall, daß ein Zukommen sich ergibt, nehme man die Begriffe Wissenschaft, Linie, Heilkunst, für den anderen Fall, daß kein Zukommen sich ergibt, die Begriffe Wissenschaft, Linie, Einheit.“ Denn es ergibt sich logisch in keinem von beiden Fällen ein Zukommen, aber tatsächlich gilt im ersten Falle das Zukommen, im zweiten das Nichtzukommen.

[9] Aristoteles gebraucht hier zum ersten Male und unvermittelt den Ausdruck Figur, Schema, für die Anordnung der Schlüsse je nach der Stellung des Mittelbegriffs. Er stellt nur drei, nicht vier Schlußfiguren auf. Ist der Mittelbegriff in der einen Prämisse, genauer im Obersatz, Subjekt, in der anderen Prädikat, so ist das die erste Figur; vgl. den Schluß dieses Kapitels. Ist er in beiden Prädikat, so hat man die zweite; ist er in beiden Subjekt, so hat man die dritte Figur; vgl. K. 5 Anf. und K. 6 Anf. Die vierte Figur der neueren Logik bekäme man, wenn der Mittelbegriff im Obersatz Prädikat, im Untersatz Subjekt wäre. Der Oberbegriff wäre dann im Obersatz Subjekt. Das aber will A. nicht. Der Oberbegriff ist dieses darum, weil er als Form die Aussage darstellt, während der Unterbegriff als Stoff ihr Gegenstand ist. Darum muß der Oberbegriff im Obersatz als Prädikat stehen. Der Obersatz enthält gleichsam das probandum, der Untersatz die probatio. Jener gibt die Bestimmung an, die zu beweisen ist, dieser das Substrat, das sich der Bestimmung unterwirft. Jener stellt für einen bestimmten Umfang das Gesetz auf, dieser weist etwas in diesen Umfang ein. Vgl. Anm. 48.

[10] Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; ein Weißes ist ein Mensch; also ist ein Weißes oder einiges Weiße ein Sinnenwesen. -- Kein Mensch ist ein Pferd; ein Weißes ist ein Mensch; also ist ein Weißes oder einiges Weiße kein Pferd.

[11] Wenn man also, statt zu sagen: ein Weißes oder irgendein Weißes ist ein Mensch, sagt: Weißes ist Mensch. Denn da folgt unbestimmt: Weißes ist Sinnenwesen, oder: Weißes ist kein Pferd. Singuläre Prämissen berücksichtigt Aristoteles nicht, sie unterscheiden sich für den Schluß nicht von den partikulären. Darum hat er auch K. 1, Absatz 2, bei der Einteilung der Sätze nach der Quantität, der Sätze, die etwas von einem Einzelding aussagen, nicht gedacht.

[12] Schluß für Zukommen, das heißt, wo tatsächlich, nicht logisch, ein Zukommen stattfindet. Irgendein Habitus, eine seelische Eigentümlichkeit, ist nicht gut; jede Klugheit ist ein Habitus; also ist jede Klugheit oder irgendeine Klugheit nicht gut. Sie ist es aber gleichwohl. Schluß für Nichtzukommen: Irgendein Habitus ist gut; jede Ungeschicktheit ist ein Habitus; also ist jede oder eine Ungeschicktheit gut. Sie ist es aber gleichwohl nicht.

[13] 1. Ein Pferd ist weiß; kein Schwan ist ein Pferd, also ist kein Schwan weiß, oder: ein Schwan ist nicht weiß. Falsch! Also ergibt sich kein negativer Schlußsatz. 2. Ein Pferd ist weiß; kein Rabe ist ein Pferd; also ist jeder oder sind einige Raben weiß! Falsch! Also ergibt sich kein affirmativer Schlußsatz. Ebenso ist es, wenn man statt des partikulären Obersatzes einen unbestimmten nimmt.

[14] 1. Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; nicht alles Weiße ist Mensch, oder ein bestimmtes Weißes ist kein Mensch; also ist kein Weißes ein Sinnenwesen oder ist ein bestimmtes Weißes kein Sinnenwesen. Es folgt also kein verneinender Schlußsatz, da der vorliegende falsch ist: man denke z. B. an Schwan. 2. Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; einiges Weiße oder ein bestimmtes Weißes ist kein Mensch; also ist jedes Weiße oder ein bestimmtes Weißes ein Sinnenwesen. Es folgt also kein bejahender Schlußsatz, da der Vorliegende falsch ist: man denke z. B. an Schnee.

[15] 1. Kein Mensch ist unbeseelt; einiges Weiße oder ein bestimmtes Weißes ist kein Mensch; also ist jedes Weiße oder ein bestimmtes Weißes unbeseelt. Aber der Schwan ist beseelt. 2. Kein Mensch ist unbeseelt; einiges Weiße oder ein bestimmtes Weißes ist kein Mensch; also ist kein Weißes unbeseelt oder ist ein bestimmtes Weißes nicht unbeseelt. Aber der Schnee ist es. -- Der Gegensatz zwischen partikulär und unbestimmt ist hier anders gemeint als der Gegensatz zwischen partikulären und allgemeinen Sätzen einerseits und unbestimmten Sätzen andererseits in K. 1, Abs. 2. Auch der unbestimmte Satz ist jetzt partikulär gedacht, aber sein Subjekt ist unbestimmt, wie z. B. in dem Satz: einiges Weiße ist kein Mensch. Sage ich aber: ein bestimmtes Weißes ist kein Mensch, so meine ich etwa den Schwan oder den Schnee, und ein solcher Satz heißt hier partikulär.

[16] Ein zweiter Beweis für denselben Fall! Der Fall wird zurückgeführt auf den anderen, 26 a 2 ff., wo der Obersatz allgemein bejahend oder verneinend, und der Untersatz allgemein verneinend ist. -- Man sieht, daß hier von unbestimmtem Satz in einem wieder anderen Sinne geredet wird: bei dem Satz: B kommt einem C nicht zu, bleibt es unbestimmt, ob es irgendeinem anderen C zukommt oder keinem. Da es nun möglicherweise keinem zukommt, darf man auch nicht mehr schließen, als wenn es keinem zukommt. Um es anders zu sagen: für die Wahrheit des Satzes: B kommt einem C nicht zu, genügt es, daß es keinem zukommt. Was nun daraus nicht folgt, daß es keinem zukommt, folgt auch nicht daraus, daß es einem nicht zukommt.

[17] a) Irgendein Weißes ist ein Sinnenwesen; irgendein Pferd ist weiß, b) Irgendein Weißes ist kein Sinnenwesen; irgendein Pferd ist nicht weiß, c) Irgendein Weißes ist ein Sinnenwesen; irgendein Pferd ist nicht weiß, d) Irgendein Weißes ist kein Sinnenwesen; irgendein Pferd ist weiß. In allen diesen Fällen folgt kein allgemein oder partikulär verneinender Schlußsatz, folgt also nicht: kein Weißes ist ein Sinnenwesen, oder: das und das Weiße ist kein Sinnenwesen. Denn das Pferd kann weiß sein und ist doch ein Sinnenwesen. Ebenso folgt, wenn man die Begriffe nimmt: Sinnenwesen, weiß, Stein, nicht, daß alles Weiße oder ein bestimmtes Weißes ein Sinnenwesen ist. Denn der Stein kann weiß sein und ist doch kein Sinnenwesen. Es macht auch keinen Unterschied, ob ich sage: nicht jedes Weiße ist ein Sinnenwesen, oder ob ich sage: ein bestimmtes Weißes ist kein Sinnenwesen, mit anderen Worten, ob die Prämisse unbestimmt oder ob sie partikulär ist. Es heiße z. B.: nicht jedes Weiße ist ein Sinnenwesen; nicht jedes Pferd ist weiß. Da folgt nicht: kein Weißes ist ein Sinnenwesen, und nicht: das und das Weiße ist kein Sinnenwesen usw.

[18] Die unbestimmte Frage, ob es nicht jedem zukommt, und die singuläre Frage, ob es diesem Individuum zukommt oder nicht zukommt, bleiben unerwähnt, die eine, weil sie unter die partikuläre Frage fällt, die andere, weil sie nicht die Wissenschaft berührt.

[19] Der Oberbegriff steht näher bei dem Mittelbegriff, weil er im Schlußsatz ausgesagt wird, wie der Mittelbegriff in den Prämissen. In dieser Figur steht der Mittelbegriff nicht in der Mitte, weil er Prädikat ist, sondern außerhalb der Außenbegriffe, und nimmt als Prädikat und Umfassendes die erste Stelle ein. Nach Silvester Maurus.

[20] M bezeichnet den Mittelbegriff, N den Oberbegriff, X den Unterbegriff. Beispiel: Keine Pflanze ist ein Sinnenwesen; jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; also ist kein Mensch eine Pflanze. Beweis. Der Obersatz läßt sich umkehren, also: Kein Sinnenwesen ist eine Pflanze. Dann folgt der Schlußsatz nach Celarent in der ersten Figur.

[21] Jede Pflanze ist sinnenlos; kein Sinnenwesen ist sinnenlos; also ist kein Sinnenwesen eine Pflanze. Beweis. Der Untersatz wird umgekehrt in: kein Sinnenloses ist ein Sinnenwesen, und zum Obersatz gemacht. Dann folgt: also ist keine Pflanze ein Sinnenwesen, oder umgekehrt, kein Sinnenwesen eine Pflanze.

[22] a) Beispiel für Zukommen: Jedes sinnbegabte Wesen ist eine Substanz; jeder Mensch ist eine Substanz; also ist kein Mensch ein sinnbegabtes Wesen oder ist irgendein Mensch keines. b) Beispiel für Nichtzukommen: Jedes sinnbegabte Wesen ist eine Substanz; also ist jede Zahl oder ist irgendeine Zahl ein sinnbegabtes Wesen. -- Die Zahl wird hier im Sinne der Platoniker als Substanz genommen.

[23] Beispiel: a) für Zukommen: Kein Sinnenwesen ist eine Linie; kein Mensch ist eine Linie; also ist kein Mensch ein Sinnenwesen oder ist irgendeiner keines; b) für Nichtzukommen: Kein Sinnenwesen ist eine Linie; kein Stein ist eine Linie; also ist jeder oder ein Stein eine Linie.

[24] Keine Pflanze ist ein Sinnenwesen, irgendein Lebendes ist ein Sinnenwesen, also irgendein Lebendes keine Pflanze. Beweis. Durch Umkehrung des Obersatzes erhalte ich den Satz: kein Sinnenwesen ist eine Pflanze, und bilde den Schluß nach dem Modus Ferio der ersten Figur.

[25] Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; irgendein Lebendes (die Pflanze z. B.) ist kein Sinnenwesen, also irgendein Lebendes kein Mensch. Beweis indirekt. Der Schlußsatz folgt notwendig aus den Vordersätzen, wenn er nicht falsch sein kann, ohne daß ein Vordersatz falsch ist. Gesetzt also, er sei falsch. Dann gälte: jedes Lebende ist ein Mensch. Daraus und aus dem Obersatz folgte: jedes Lebende ist ein Sinnenwesen, im Widerspruch mit dem Untersatz.

[26] Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; nicht jedes Lebendige ist ein Sinnenwesen, also nicht jedes ein Mensch.

[27] a) Für Zukommen: nicht jede Substanz ist ein Sinnenwesen; jeder Rabe ist ein Sinnenwesen; also ist kein oder nicht jeder Rabe eine Substanz. b) Für Nichtzukommen: nicht jedes Weiße ist ein Sinnenwesen; jeder Rabe ist ein Sinnenwesen, also jeder oder ein Rabe weiß.

[28] a) Für Zukommen: Irgendeine Substanz ist ein Sinnenwesen; keine Eins ist Sinnenwesen, also keine oder nicht jede Eins Substanz. Nach den Platonikern ist aber die Eins Substanz. b) Für Nichtzukommen: Manche Substanz ist ein Sinnenwesen; keine Wissenschaft ist ein Sinnenwesen, also jede oder eine Wissenschaft Substanz. Die Wissenschaft ist aber nicht Substanz, sondern geistige Habe oder Habitus.

[29] Beispiel für Nichtzukommen: Kein Schnee ist schwarz; manches Sinnenwesen ist nicht schwarz, also jedes oder manches Sinnenwesen Schnee. Für jedem Zukommen gibt es keine Begriffe, wenn der Mittelbegriff dem Unterbegriff teils zukommen, teils nicht zukommen soll. Denn wenn kein N = M ist und jedes X = N, so ist nach Celarent kein X = M. Es wurde aber angenommen, daß manches X = M ist, weil die Begriffe als Beispiel für „jedem Zukommen“ dienen sollten. Die aufgestellte Regel läßt sich also daraus nicht begründen, daß sich in dem angenommenen Falle je keine bejahenden und keine verneinenden Sätze ergeben würden. Aber der partikulär verneinende Untersatz ist in seiner unbestimmten Fassung auch dann wahr, wenn M keinem X zukommt. Dann wäre er also gleich dem Obersatz allgemein verneinend, und dann erhielte man keinen Schluß, vgl. Anm. 23. S. auch A. 30.

[30] Beispiel für keinem Zukommen: Jeder Schwan ist weiß; mancher Stein ist weiß, also jeder oder mancher Stein ein Schwan. Für jedem Zukommen gibt es keine Begriffe, und es wird wie vorhin -- vgl. die vorige Anm. -- bewiesen, daß bei den Voraussetzungen des Falles überhaupt nichts folgt, vgl. A. 22. Dadurch wird dann das Beispiel für keinem Zukommen entbehrlich, und wird auf dem schon mit einem Fuß betretenen Wege der ersten Begründung eingehalten. Oder es wird, nachdem gezeigt worden ist, daß kein bejahender Schluß entsteht, das andere, daß auch kein verneinender entsteht, daraus gezeigt, daß überhaupt keiner entsteht.

[31] Beispiel für Zukommen: Manches Sinnenwesen ist nicht weiß; kein Rabe ist weiß; also ist kein Rabe ein Sinnenwesen oder ist mancher Rabe kein Sinnenwesen.

[32] Beispiel für Nichtzukommen: Manches Sinnenwesen ist weiß; jeder Schwan ist weiß; also ist jeder oder mancher Schnee ein Sinnenwesen. Für Zukommen: Manches Sinnenwesen ist weiß; jeder Schwan ist weiß; also ist kein Schwan ein Sinnenwesen oder mancher Schwan kein Sinnenwesen.