Legenden und Geschichten

Part 5

Chapter 53,788 wordsPublic domain

Bei dieser Gelegenheit wird sie von den unglaublichsten Krankheiten heimgesucht. Am häufigsten tut ihr der Fuß weh. Sascha hinkt dann. Eine Zeitlang war man ganz unruhig, aber weder der Student Michail Petrowitsch, noch der Doktor Korotok konnten etwas Gefährliches entdecken. Wenn jemand der Fuß wehtat, so allenfalls nur der Großmama, die immer ihr Reißen bekommt, wenn das Wetter sich ändern will.

Ehe Sascha zu Bett geht, müssen alle Puppen zur Ruhe gebracht werden. Wenn sie fertig sind, kommt die Reihe an Sascha.

Vor dem Schlaf, auf dem Töpfchen, erzählt Sascha mit schläfrigen Lippen der Tante Lena, was sie Neues erfahren und gelernt hat, und wen sie heute gesehen und allerlei vom Sandmann und wie die Hunde bellen.

Wenn es am Tage gewittert hat, erzählt Sascha vom Donner; wenn es regnete, so berichtet sie Dinge vom Regen, die ein Erwachsener nur schwer versteht, -- Tante Lena nicht ausgenommen, obgleich sie an Saschas Geschichten gewöhnt ist, mit ihr in einem Zimmer schläft und sie fast nie allein läßt.

»Der Donner wohnt über dem Himmel,« berichtet Sascha, »wo auch die Wolken sind. Der Regen wohnt auf dem Dach. Da wohnen auch die Vöglein.«

Sascha schläft ein, und auch die Großmutter Euphrosyne Iwanowna schläft und die Ziege Maschka, damit Sascha morgen früh wieder frische Milch hat.

Nur die Tante Tatjana Afanasjewna schläft nicht. Die Tante legt Karten aus. Sie hat ihre besonderen Karten, die lügen nie. Da gibt es im Spiel eine Amazone und einen Spanier, auf die kommt es vor allem an. Die Karten werden in vier Reihen zu je neun ausgelegt. Und wie traurig kann die Arme sein, wenn plötzlich irgendein Astrolog oder die Sphinx oder die Kanone nicht da sind -- alles Saschas böse Streiche.

Aus dem Wächterhäuschen kommt der Nachtwächter Taras mit seiner Klapper. Und Butzik und Mischka und Dranka bellen bald laut auf, bald sind sie mäuschenstill, bald heulen sie dreistimmig, daß es weit widerhallt.

Tags schläft der Sandmann, aber nachts wird er lebendig. Abends steht er von seinem Lager auf, und wenn es ganz dunkel geworden ist, kommt er ins Schloß. Er geht geradewegs die Treppe hinauf in Saschas Turm, und selten kommt er allein. Der Sandmann erzählt Märchen oder er nimmt Sascha an der Hand und führt sie aus dem Turm hinaus ins Feld spazieren, im Winter über das weiße Gras, im Sommer über rote Blumen. Der Sandmann kann gerade so, wie Mama, aus Malven Damen machen. Er reißt eine rosa Blüte ab, dreht sie um, bindet die Staubfäden mit einem Grashalm zusammen -- und die Dame im Reifrock ist fertig.

Einmal gingen Sascha und der Sandmann über das Feld nach den Tatarengräbern -- so nennt man in Olenowka die Hünengräber -- und da kam ihnen der Wolf entgegen.

»Nehmt mich mit,« sagte er, »ich will auch spazieren gehn.«

»Gut.«

Und so gingen sie. Alles war in bester Ordnung. Der Wolf kannte die ganze Gegend ausgezeichnet und führte sie zu den schönsten Plätzchen. Aber auf einmal verlor der Wolf seinen Schwanz. Und da wurde er ganz betrübt. Ohne Schwanz fühlt man sich ganz scheußlich, und nun schrie Sascha jede Nacht aus Furcht, sie könnte auch ihr Schwänzchen verlieren.

Tante Lena hörte das Geschrei und dachte, Sascha hätte Magenweh, und man schob die Schuld auf die Ziege und ihre zu süße Milch. Der Student Michail Petrowitsch erschien wieder, der Doktor Korotok untersuchte Sascha, beide verordneten eine Mixtur, alle zwei Stunden einen Eßlöffel voll. Sascha nahm die Mixtur und schrie nachts doch.

Gott sei Dank, daß die Boitschicha da war, sonst hätten sie das Mädel ganz zugrunde gerichtet.

Die Boitschicha ist ein ur-uraltes Weibchen im Dorf. Ihre Hütte ist dicht beim Schloß. Man erzählte, sie sei eine Hexe, die heilen und verzaubern könne. An sie wandte man sich.

»Der Wolf hat sie erschreckt,« sagte die Alte. »Das läßt sich wieder gutmachen.«

Die Boitschicha kam in aller Frühe ins Schloß, als der Ofen eben angeheizt war. Die Hexe murmelte allerlei vor sich hin, trug Sascha durch das Zimmer, strich mit ihren erdigen, harten Fingern über die rosige Brust und den Rücken, dann nahm sie ein Büschel Bandgras und ließ den Schrecken sich ans Gras hängen. Das Gras aber warf sie sofort ins Feuer. Das Gras verbrannte -- und alles war wieder gut. Wenn Sascha auch nur ein einziges Mal in der Nacht geschrien hätte. Wahrscheinlich war dem Wolf sein Schwanz wieder angewachsen, so daß Sascha sich jetzt nicht mehr zu fürchten brauchte.

Ein andermal brachte der Sandmann einen Mönch zu Sascha. So einen hatte Sascha schon auf Bildern gesehen. Ein ganz einfacher Mönch in einer schwarzen Mütze mit gekreuzten Armen. Der Sandmann stellte den Mönch vor Saschas Bett am Fußende hin und verschwand selbst.

Sascha machte die Augen auf und rief Tante Lena. Tante Lena stand auf, zündete das Lämpchen an, sah aber keinen Mönch. Doch der stand immer noch da, wie der Sandmann ihn hingestellt hatte, mit gekreuzten Armen und starrte Sascha an.

Seitdem brennt im Turmzimmer nachts immer das Lämpchen.

Der Mönch aber mag das Licht wohl nicht, denn er ist nicht mehr wiedergekommen. Dafür brachte der Sandmann die Maka zu Sascha.

Maka gefiel der Sascha sehr gut, und auch Sascha gefiel der Maka. Und Maka gewann Sascha so lieb, daß sie zu jeder Zeit auch ohne den Sandmann bei ihr zu erscheinen begann. Sie tritt ganz dicht an Sascha heran und spricht mit ihr. Makas Stimme kann niemand hören außer Sascha, und was Sascha zu Maka sagt, das hören zwar alle, aber keiner versteht es, denn es sind ganz besondere Worte, keine russischen.

Wenn Sascha an irgendetwas besonderen Gefallen findet, sagt sie: »das ist makig.« Mama ist makig, Tante Lena ist makig, die Ziege Maschka ist makig, und Onkel Andrej ist es, wenn er singt oder aus der Stadt Schokolade mitbringt.

Die Freundschaft zwischen Sascha und Maka ist einfach rührend. Die beiden sehen sich sehr oft.

»Lena,« sagte Sascha und unterbricht ihr Spiel oder irgendeine interessante Geschichte, »ich muß zu Maka gehen.«

Und sie begibt sich nach dem zweiten Schloßturm, wo das Familienarchiv und die Bibliothek sich befinden und wo einst der Großvater Jurij Alexandrowitsch gewohnt hat.

Hier haust jetzt Maka.

3.

Sascha ist drei Jahre alt oder dreitausend, oder vielleicht auch dreimal dreitausend. Sascha zählt ihr Alter nicht nach Jahren.

Sascha meint, sie hätte von Ewigkeit an im Schlosse gelebt, sie wäre die Enkelin nicht der Großmama Euphrosyne Iwanowna, sondern der Tante Lena; sie hält sich für groß und alt, älter als das ganze Geschlecht, das im Schloß gewohnt hat, älter als die Tante Tatjana Afanasjewna, denn die Tante ist ja nicht hundert Jahr alt, sondern erst sechzehn, oder vielleicht noch weniger.

Sascha steigt oft in Makas Turm hinauf.

Der Turm ist alt, und eine Unmenge von Mäusen haust darin: in der Bibliothek und im Archiv haben sie genug zu fressen, und man hört sie Tag und Nacht kratzen und krabbeln. Dort unterhält sich Sascha mit Maka, dort guckt sie nach den kleinen Mäuschen und freut sich, wenn eins ohne die geringste Furcht ganz dicht an sie herankommt und sich den Bart mit den Pfötchen streicht.

In Großvaters Kabinett hängen Bildnisse: eins zeigt Großvater als jungen Mann in Leutnantsuniform; auf dem andern ist er ganz alt und hat einen langen Bart und helle blaue Augen, ganz wie Saschas Augen.

Sascha kennt Großvater, sie hat Großvater gesehen: einmal nachts kam Großvater mit dem Sandmann an ihr Bett und unterhielt sich mit ihr, Großvater sagte zu Sascha, er werde nach anderthalb Jahren ganz zu ihr ins Schloß kommen. Und wenn Sascha jetzt in das Kabinett läuft, denkt sie immer, Großvater würde einmal da sein.

Mama erzählt Sascha ganz wunderschöne Märchen: von dem Fischer und seiner Frau und vom gestiefelten Kater und vom kleinen Däumling, vom Froschkönig und vom schlauen Fuchs.

»Willst du, Mama? Ich erzähle dir auch ein Märchen,« sagt Sascha, als die Mutter mit ihrer Geschichte zu Ende ist.

»Erzähl' mal!«

Und Sascha erzählt ihr Märchen:

»Es waren einmal zwei Bauern, die gingen ans Meer, um Fische zu fangen. Sie fingen aber nichts, und da gingen sie wieder nach Hause und legten sich schlafen.«

Damit ist das Märchen aus.

Sie hat noch ein anderes ebenso schönes Märchen vom Hahn und vom Bären, wie der Hahn den Bären auffraß.

Sascha hat es auch sehr gerne, wenn Mama erzählt, was sie alles gemacht hat, als sie, die Mama, noch klein war.

»Als ich klein war, war ich sehr unartig,« erzählt die Mutter zum hundertsten Male. »Einmal kam ich in die Küche, als gerade alle hinausgegangen waren. Da stand der Samowar auf der Bank. Ich griff nach dem Krahn, drehte ihn um und blieb mit der Schulter am Samowar hängen, so daß er umfiel -- gerade auf mich. Da fing ich furchtbar zu schreien an, denn ich hatte mir die Beinchen verbrüht. Großmama kam gelaufen und Großpapa und Tante und die Urgroßmama. Man legte mich ins Bett und holte den Doktor. Als der Doktor gekommen war, nahm man mir die Strümpfe ab, aber mit den Strümpfen ging auch die Haut ab. Das tat furchtbar weh und ich weinte und schrie. Lange mußte ich im Bett liegen, dann wurden die Beinchen allmählich gesund, eine neue Haut wuchs drüber.«

»Und dann noch eine?« unterbricht Sascha die Mutter.

»Nein. Anfangs konnte ich nur kriechen. Ich hatte das Gehen ganz verlernt. Erst nach und nach lernte ich wieder fest auf meinen Füßen stehn.«

Sascha hört mit zusammengezogenen Brauen zu, und wenn die schöne Geschichte zu Ende ist, die Beine wieder heil sind und die Mama wieder laufen kann -- dann strahlt Sascha über das ganze Gesicht und lacht.

»Noch einmal!«

Und Mama erzählt die schöne Geschichte zum zweitenmal.

»Aber als ich klein war,« fängt Sascha dann an, »da lag ich mit dir im Kinderwagen, und dann zog ich dich an . . .«

Aber das ist schon so lange her, so lange, daß Sascha klein war! Und wenn Sascha ihrer Kindheit gedenkt, behauptet sie, daß sie wieder einmal klein sein werde.

»Wer wird dich liebkosen, wenn ich tot bin?« sagte Sascha einmal, als sie wieder in Kindheitserinnerungen schwelgte und umarmte die Mama so innig, als wäre sie ihr Teddy-Bär.

Jeden Morgen nach dem Gebet begibt sich Sascha gewöhnlich mit der Tante zu Mama, um sie aufzuwecken, und dann geht es hoch her: sie kriechen als Bären auf allen Vieren, stoßen sich als wilde Kühe mit den Hörnern, stellen Gewitter, Sturm, Regen, Hagel dar. Und Sascha sucht der Mama Angst zu machen: sie bläst die Backen auf und sagt mit hohler Stimme, sie wäre nicht Sascha, sondern der Froschkönig. Und dann kratzt Mama Sascha den Rücken und die Schulter: Sascha hat das über alle Maßen gern.

Einmal sagte Mama zu Sascha:

»Weißt du, Sascha, ich habe Maka gesehn.«

Da drohte Sascha mit dem Finger, kletterte der Mutter auf den Schoß und flüsterte ihr ganz leise ins Ohr:

»Still du, Mama, das darf man nicht laut sagen.«

»Warum denn nicht?«

»Man darf nicht,« wiederholte Sascha nun ganz streng und furchte die Stirn.

»Weißt du denn, wie deine Maka aussieht?«

»Sprich nicht so laut, Mama, sag es niemandem,« flüsterte Sascha. »Maka ist ein ganz altes zahnloses Fräulein. Immer bittet sie um Zigaretten, und kann doch gar nicht rauchen, denn Maka hat keinen Mund, sondern bloß zwei Zungen.«

Und wie sie so von ihrer geliebten geheimnisvollen Maka erzählte, lächelte Sascha, und der dunkle Leberfleck auf der Oberlippe ließ dieses Lächeln unbeschreiblich süß erscheinen.

Die Krawatte

1.

Schon ganz zu Anfang des Semesters hatte man auf dem Newskij-Prospekt einen schwarzhaarigen Studenten bemerkt, der sich von den andern eleganten Studenten in ihren neuen Uniformen scharf unterschied. Die neu immatrikulierten Studiosi, die zum erstenmal nach Petersburg gekommen sind, pflegen scharenweise auf dem Newskij spazieren zu gehen, gucken neugierig nach allen Seiten und stehen lange vor den Schaufenstern.

Der Student, der allen auffiel, war auch ein Neuling und auch elegant gekleidet, aber sein Gesicht und seine Haltung unterschieden ihn von den andern.

Er hatte so feurige schwarze Augen und so schwarzes Haar -- es gab keinen zweiten so schwarzen auf dem ganzen Newskij.

Seine Augen behielten, auch wenn er lächelte und sogar sehr schelmisch lächelte, immer denselben Ausdruck: ein alter Schmerz, eine Wehmut, die Jahrhunderte überdauert zu haben schien und immer wieder durch ein verborgenes nie verlöschendes Feuer genährt wurde, sprach aus diesen Augen. Und wenn er, ohne den Kopf zu wenden, nach einer vorübereilenden Dame schielte, dann sah man von den Augen nur das Weiße.

Sein Gang war sehr sicher und solide; er schritt gleichmäßig, ohne hin und her zu wackeln und ohne mit den Armen zu fuchteln. Und doch hatte man das Gefühl, als müßte er von allen Spaziergängern der tollste und phantastischeste sein.

»Abdul Achad,« sagte der schwarze Student einmal, als er sich einem semmelblonden, ängstlich dreinschauenden Kommilitonen vorstellte.

»Ein Türke,« zwinkerten die Kellner in den Kaffeehäusern und die Ladendiener einander zu, wenn sie Abdul Achad zu Gesichte bekamen.

Die Liebhaber arabischer Märchen mußten in große Erregung geraten, wenn sie zufällig mit Abdul Achad zusammen kamen, -- dem Türken, wie er nur noch von den Kameraden genannt wurde.

Vom Newskij kam der Türke auf Wasili-Ostrow. In der zwölften Linie mietete er sich ein Zimmer. Und schon im November kannte der ganze Stadtteil den Türken.

Der Türke war reich und freigebig. Der Türke fiel allen auf. Und es gab kaum ein junges Mädel im ganzen Stadtteil, in das der Türke sich nicht verliebt hätte; es gab kein einziges, das nicht für den Türken geschwärmt hätte.

Es gingen die unglaublichsten und lächerlichsten Geschichten über den Türken um.

Allerdings liebte er selbst sehr von sich zu sprechen und allerlei unglaubliche, lächerliche Geschichten zu erzählen, von Reisen und Abenteuern jeder Art, -- und immer wollte er alles selbst gesehen und selbst erlebt haben.

Die Liebhaber arabischer Märchen mußten in große Erregung geraten, wenn sie zufällig eine Geschichte des Abdul Achad zu hören bekamen.

Und der semmelblonde ängstliche Studiosus, zu dem der Türke sich besonders hingezogen fühlte und den er protegierte, der semmelblonde ängstliche Studiosus, der stete Begleiter des Türken, berichtete einmal voll herausfordernden Stolzes von seinem Beschützer, dieser sei schon als Quintaner Vater gewesen und hätte sich in dieser Rolle keineswegs wohl gefühlt.

Übrigens hatte auch der Türke selber in einem Augenblick besonderer Offenherzigkeit etwas Ähnliches von sich erzählt, und sogar geschildert, wie peinlich es ihm war, als Vater eines kräftigen Jungen vom Lehrer in den Winkel gestellt zu werden.

Man schenkte der Geschichte nicht eben viel Glauben, aber man amüsierte sich köstlich.

»Nun freilich,« sagte man, »ein Türke!«

»Der Türke ist da!« rief man mit frohem, freundlichem Lachen, wenn Abdul Achad in der Kneipe erschien.

Der Türke lebte sich in Petersburg ein, wie die andern Türken, die »Schopftürken« --so nannte Abdul Achads Zimmerwirtin die Sphinxe an der Nikolaibrücke -- sich an die kalte Newa, an den bleichen Himmel, an den Rauhreif und an den Petersburger Wind gewöhnt hatten.

Der Türke fand es immer heiß und knöpfte seinen kostbaren Pelz nie zu.

»Natürlich,« hieß es, »ein Türke.«

»Der Türke, der Türke!« wurde Abdul Achad mit frohem, freundlichem Lachen auf der Straße begrüßt.

Aber der Türke war launisch: heute konnte er lustig sein, und tags darauf war er traurig; heute erzählt er die tollsten Geschichten und macht die abenteuerlichsten Pläne, und morgen sieht man nur das Weiße seiner Augen.

Und alle kennen das -- sie kennen sein Lachen und seine Tränen und sie liebkosen den Türken, wenn er weint.

»Lieber Türke, laß doch!« -- Und sie streicheln ihn wie eine Katze.

Zu Weihnachten tanzte der Türke auf Maskenbällen und nach Weihnachten setzte er sich an die Kolleghefte.

Aber was ist das Kolleg für den Türken? Und was ist der Türke dem Polizeiwachtmeister?

Ganz unerwarteterweise kam der Türke eines schönen Tages nicht mehr nach seiner zwölften Linie und nicht zu den Schopftürken, den Sphinxen, an denen er sonst so oft vorübergegangen war, sondern an das Arsenal-Ufer in das Gefängnis von Kresty.

2.

Man gelangt auf sehr einfache Weise nach Kresty.

Auf dem Newskij gab es eine Straßendemonstration. Unter den Demonstranten befand sich auch der Türke. Wie wäre eine Demonstration ohne den Türken möglich gewesen? Bei Demonstrationen trifft man eine Unmenge Bekannte und es ist sehr lustig, wie auf keinem Ball, keiner Maskerade.

»Der Türke! Der Türkei« riefen die Kameraden freudig, als sie Abdul Achad zu Gesicht bekamen.

Und anfangs ging alles sehr nett und lustig her, aber vor dem Rathause hatte die Polizei den Demonstranten eine Falle gestellt, und nun gab es Knuten- und Säbelhiebe.

Der Türke ist alles, was ihr wollt; er ist nicht erst in der Quinta, sondern schon in der Sexta Familienvater gewesen; das ist alles wahr. In China war er allerdings nicht, wenn er auch sehr schön von lebendig gebratenen Fischen zu erzählen weiß, die ihm irgendein vornehmer Chinese vorgesetzt haben soll. Aber der Türke ist ein Ritter, der Türke kann es nicht zulassen, daß ein hübsches Mädel, noch dazu eins, das er sehr gut kennt, von einem Soldaten mit dem flachen Säbel geschlagen wird.

Drei junge Studentinnen stürzten auf die Treppe des Rathauses, legten die Hände vors Gesicht und knieten nieder, den Soldaten den Rücken zukehrend. Ein Soldat stieg ihnen nach und begann sie der Reihe nach mit seinem schweren, harten Säbel zu schlagen.

Der Türke geriet in Raserei.

In der Menge lachte jemand laut auf und sagte etwas Kränkendes über die unglücklichen, geduldig unter den Säbelhieben knienden Mädchen. Und von allen Seiten tönte Geschrei und Gewinsel. Man stieß sich, rannte, stolperte, fiel.

Der schwarze Türke mit den schwarzen brennenden Augen lief nicht, wie die andern, er schrie nicht, wie die andern, er rollte nur seine großen brennenden Augen.

Und seine Raserei erreichte den Höhepunkt.

Und das Weiße seiner Augen schimmerte so schauerlich, daß dem Schutzmann, der aus seinem zufälligen Opfer die letzten Lebensgeister herausprügeln wollte, plötzlich der Gedanke kam:

»Ist das nicht der Teufel selber, der nicht umzubringen ist?«

Die Lebensgeister ließ der Türke sich nicht herausprügeln, aber nach Kresty kam er doch.

3.

Mit dem Türken hatte man von der Demonstration noch viele Studenten nach Kresty gebracht, und bald zeigte es sich, daß von allen der Ungebärdigste, der Schwierigste Abdul Achad, der Türke, war.

Als alle Beulen, Quetschungen, Risse, Schrammen geheilt waren, wurde auch der Türke wieder lebendig. Und er war wie ein kleines Kind . . . Was konnte man auch von einem Türken anders erwarten?

Der Türke bekam Besuch von zwei Bräuten. Der Türke war in die eine ebenso verliebt, wie in die andre, und er wußte selbst nicht mehr genau, welche von beiden die schönere war und welche er lieber hatte.

Die Bräute brachten ihm Blumen, Schokolade, Kuchen ins Gefängnis. Die Zusammenkünfte dauerten immer sehr lange. Aber der Türke war immer noch unzufrieden. Er bat, daß ihn noch eine dritte Braut besuchen dürfe. Und so erhielten drei Bräute die Erlaubnis, den Türken zu besuchen, jede zu ihrer bestimmten Stunde.

Aber auch das war ihm noch nicht genug. Der Türke gab keine Ruhe.

Wie wäre das auch möglich gewesen, da er in Wahrheit doch nicht drei, sondern dreiunddreißig Bräute hatte.

Die Zelle des Türken befand sich im Hintergebäude im vierten Stock. Das Fenster war hoch. Vom Fußboden aus konnte man nicht durchsehen. Der Türke stellte seinen Stuhl auf den Tisch, kletterte hinauf und schaute abends aus dem Fenster.

Dort am Ufer, von den Schopftürken, den Sphinxen, bis zum Arsenal gingen seine Bräute spazieren, alle dreiunddreißig.

Der Türke dachte nur an sie, erwartete ihren Besuch und träumte nachts von ihnen.

Und dann kam der Frühling. Es ward streng verboten, aus dem Fenster zu sehn. Aber wie konnte der Türke nicht aus dem Fenster sehn, wenn der Frühling gekommen war?

Der Türke kümmerte sich um die Vorschriften nicht.

Man drohte ihm mit Karzerhaft -- er ließ sich nicht bange machen. Man sperrte ihn in den Karzer -- es half nichts. Da ließ man ihn in Frieden. Was sollte man auch mit ihm anfangen? Früher, als er noch frei war, hatte er die ganze Welt in drei Gruppen geteilt: hübsche Mädel, junge Mädel und Weiber überhaupt. In die ersten verliebte er sich, in die zweiten war er nicht abgeneigt, sich zu verlieben, und den dritten war er stets bereit, den Hof zu machen.

Und nun, da der Frühling gekommen war, da liebte er sie alle, alle gleich und machte keinen Unterschied mehr zwischen hübschen und jungen und Weibern überhaupt.

Und am Ufer gingen abends nicht mehr dreiunddreißig, sondern mindestens dreihundertdreiunddreißig Bräute spazieren, er sah sie mit seinen eigenen Augen.

Alle Frauen waren seine Bräute.

Zu Ostern weinte der Türke sogar. Er weinte, weil man ihn nicht auch in die Kirche gehen ließ, wie alle seine Mitgefangenen, und auch weil er abends, als er aus dem Fenster seine am Ufer spazierenden Bräute sah, ein so großes Mitleid mit ihnen empfand.

Es kam der Mai und die hellen Nächte.

Aus dem Fenster sah der Türke den Mai, die hellen Nächte.

Einmal, als die Kontrolle eben vorüber war, und der Türke auf den Stuhl geklettert war, um nach den Bräuten Ausschau zu halten, bemerkte er einen schwarzen Bart, der aus dem Gitterfenster nebenan heraushing. Der Nachbar hatte den Türken auch bemerkt und suchte ihm durch Zeichen zu verstehen zu geben, daß er nicht reden solle.

Aber wann hätte der Türke je guten Rat angenommen?

Er war so erfreut über den schwarzen Bart.

»Sitzen Sie schon lange hier?«

»Zwei Jahre.«

»Woher?« »Aus Wilejki.«

»Wofür?«

»Denunziation. Ich weiß selbst nichts Genaues.«

»Besucht Sie jemand?«

»Nein. Ich habe daheim eine Frau und ein kleines Mädel.«

»Was war Ihr Beruf?«

»Melamed. Lehrer.«

»Langweilen Sie sich nicht?«

»Ich klebe Schachteln.«

»Sehnen Sie sich nicht nach Ihrer Frau?«

Aber der Nachbar antwortete nicht. Der schwarze Bart verschwand hinter dem Gitter. Und da klopfte auch der Wächter an die Tür. Der Türke mußte von seinem Stuhl herunter.

Als der Wächter vorübergegangen war, kletterte der Türke wieder hinauf und rief wieder den Nachbar an, aber der schwarze Bart zeigte sich nicht mehr, man sah durch das Gitter nur einen gekrümmten müden Rücken. Dann vergaß der Türke den Bart, und endlich wurde der Türke freigelassen. Es war doch nichts mit ihm anzufangen.

4.

Aus Kresty begab der Türke sich geradewegs auf den Newskij. Er wußte gar nicht, was er mit sich anfangen, wo er sich lassen sollte. Seine Bekannten aufsuchen? Dazu war auch morgen noch Zeit genug. Drei Tage war ihm Frist gegeben, drei Tage durfte er sich in Petersburg aufhalten, und in drei Tagen konnte er alles erledigen, alle besuchen.

Der Türke ging auf dem Newskij und lächelte, alle lächelte er an, die Alten und die Jungen.

»Türke, lieber Türke, wie geht es dir?« lächelten die Leute ihm entgegen, oder zum mindesten schien es ihm so.

Er ging in ein Kaffeehaus nach dem andern, trank Kaffee, aß Kuchen, guckte in ein paar Kinos hinein, aber nirgends hielt er's lange aus.

»Türke, lieber Türke! Wie schön, wie herrlich ist die Freiheit!« summten, brummten, flüsterten die Passanten -- zum mindesten schien es ihm so.

In einer Schaubude am Newskij gab es wilde Menschenfresser zu sehen. Aus Neu-Guinea hatte man sie nach Petersburg gebracht.