Part 2
»Ich bin der König!« antwortete Herodes den Zauberern. Er war klein und mager, mit einem kleinen Kopf auf einem kurzen, unverhältnismäßig dicken Halse, er kniff die Augen ängstlich zusammen und sprach mit unerwartet lauter und tiefer Stimme.
Und dieses Unerwartete betrog und verblüffte die Leute.
Aber die lappländischen Könige ließen sich nicht verblüffen. Die lappländischen Könige waren Herr über die Winde, konnten den Sturm entfesseln, konnten die Inseln im Meere von ihrem Platz rücken, konnten alles Lebende in Stein verwandeln, drangen in alles Verborgene, wußten durch ihre geheimen Künste, was auf Erden und im Meere geschah, selbst in fernen Ländern bei fremden Völkern.
Die lappländischen Könige kannten keine Furcht.
Die Weisen hatten ihr ganzes Leben auf den Stern Christi gewartet, und nun hatte der Stern Christi sich ihnen gezeigt.
Die lappländischen Könige kannten keine Furcht.
Ohne sich an die Wege und Straßen zu halten, waren sie dem Stern mit dem Schweif gefolgt: Tag und Nacht sahen sie nichts als den Stern und fühlten keine Ermattung und keinen Hunger. In drei Tagen legten sie eine Strecke zurück, zu der man sonst ein Jahr braucht.
»Wo ist Christus, der König, geboren?« fragten die Zauberer den Herodes abermals.
Herodes hielt eine Schale in der Hand. Er erhob die Schale nach königlichem Brauch zu Ehren der ruhmreichen lappländischen Könige.
Und über dem königlichen Palast stieg der Stern auf und blieb im Fenster gegenüber den Zauberern stehen und ließ ihre Kronen wie tausend Sterne flimmern und blitzen.
Und die Sterne sahen aus den Augen der Zauberer.
»Wo ist Christus, der König, geboren?« fragten die Zauberer zum drittenmal. »Er wird alle Könige besiegen und alle Länder, alle Reiche erobern.«
Und die Schale entfiel den Händen des Herodes.
»Geht, ihr Könige,« sagte Herodes und zitterte am ganzen Leibe, »geht und erkundigt euch nach dem Christkind und kommt nach Jerusalem zurück. Ich will als erster hingehen und ihm huldigen.«
Die Zauberer versprachen nach Jerusalem zurückzukommen und dem Könige vom Christkind zu berichten, und verließen den Palast.
Und die Zauberer sahen den Stern Christi und freuten sich seiner.
Und der Stern führte sie aus der Königsstadt Jerusalem nach der Stadt Christi Bethlehem.
3.
Der Stern Christi ging den Zauberern voraus, und eilig folgten sie ihm nach.
Die Menge, die ihnen nachgelaufen war, blieb bald weit zurück. Auch die Kundschafter des Königs konnten nicht mit ihnen Schritt halten.
Wenn der Stern sich im Kreise bewegte, folgten die Zauberer ihm. Wenn er von der Landstraße in den Wald einbog, folgten sie ihm.
Und so gingen die drei Könige bald die Straße entlang, bald über das Feld, bald durch den Wald.
Es wurde Nacht, und der Frost ward stärker.
Sternklare Nächte sind immer kalt.
Der Schnee knirschte unter den Füßen der Wanderer. Nun hatte der Stern den Fluß überschritten und blieb am Waldrande stehn und senkte sich langsam über der Erdhütte nieder.
Und es war hell in der Erdhütte, als wäre die Sonne drin aufgegangen.
Und die Zauberer sahen das Kind und reichten ihm ihre Gaben: Gold und einen knöchernen Stab und eine Kutja.[*] Und sie neigten sich vor dem Kinde.
Das Christkind schaute die Gaben lange an -- das Gold, den Stab und die Kutja. Dann segnete es die Zauberer, -- segnete das schwere, arbeitsreiche Leben der Könige, die dem Sterne Christi entgegengesehen hatten.
Und die enge Erdhütte war voller Sterne.
Und die Engel sangen:
»Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.«
Und der Glanz der Sterne blendete die Zauberer.
Da trat aus dem Reigen der Engel ein strenger Engel und löste die Zauberer von dem Schwur, den sie dem Herodes geleistet hatten, und befahl ihnen, nicht mehr nach Jerusalem zurückzugehen.
[Fußnote *: Speise aus Reis und Honig, die in Rußland am Weihnachtsabend gegessen wird.]
»Geht nicht zum Herodes, ihr Zauberer,« sprach der strenge Engel, »geht einen andern Weg: der König hat Böses im Sinn, der König will das Kind töten.«
Und der strenge Engel verschwand im Reigen der Engel.
Und die Zauberer erwachten wie aus einem Traume.
Die heilige Jungfrau hielt ihr Kindlein auf dem Arme und machte sich zur Reise bereit. Joseph war am Schlitten beschäftigt und sprach mit dem Pferde. Als er die Muttergottes mit dem Kinde in den Schlitten gesetzt hatte, winkte der Alte mit seinem Fausthandschuh.
Und das Pferdchen lief die Straße ins Zigeunerland hinab, die der Engel dem Joseph gewiesen hatte, die Straße nach Ägypten.
Der Stern schwebte ganz niedrig vor ihnen her und beleuchtete dem Christkinde den weiten Weg nach Ägyptenland.
Die Engel sangen:
»Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!«
Und der ganze Himmel war in wirbelnder Bewegung.
Die Zauberer aber zogen mit Sturmeseile durch Feuer und Rauch, durch Wälder und Sümpfe und Ströme, an der Königsstadt vorbei, vorbei an dem König Herodes, zu dem Eismeer, dem Ozean, in ihr Lappland, in das kalte, finstre Land der Zauberer.
Und dort, in ihrem öden Zauberland, malten sie den Stern Christi auf ihr geheimnisvolles, zauberhaftes Tamburin, und dann stiegen sie mit den blauen Eiszacken empor und schwammen über das Eismeer, über den Ozean, leise und still von der Erde zum ewigen Leben, zur ewigen Ruhe hinüber. -- -- --
Wilde Aufregung herrschte in Jerusalem, in der großen Königsstadt. Nachdem er die Zauberer entlassen hatte, stellte Herodes sich ans Fenster und schaute auf die Straße hinaus, blickte dem Leuchten der goldenen Kronen der lappländischen Könige nach. Wie Sterne strahlten sie in der Abenddämmerung auf der Straße nach Bethlehem.
Und der König zitterte am ganzen Leibe.
»Die Zauberer werden das Christkind finden, sie werden nach Jerusalem zurückkehren, werden von dem Kinde erzählen, und ich, der König, werde als erster hingehn, dem Kinde zu huldigen!« Und ohne den Hals zu wenden, am ganzen Leibe zitternd, fing Herodes plötzlich an, mit unerwartet tiefer Stimme laut zu lachen . . . »Ich werde als erster dem Kinde huldigen! . . . Noch ehe der Tag graut, wird er nicht mehr am Leben sein, der König Christus, der alle Könige überwinden soll, alle Länder, alle Reiche erobern!«
»Ich bin der König!« wiederholte Herodes zitternd und lachend.
Den ganzen Abend blickte der König den Zauberern nach, in die Fensternische gedrückt, und zitterte und lachte.
Die Nacht brach an.
Die Zauberer kamen nicht zurück.
Die Kundschafter des Königs meldeten, daß die Zauberer aus Bethlehem verschwunden wären.
Nein, sie waren nicht verschwunden. Sie hatten den König betrogen. Die Zauberer trieben ihren Spott mit König Herodes.
Der König hatte niemand und nichts mehr zu erwarten.
»Christus lebt! Er wird alle Könige überwinden, wird den König Herodes besiegen, wird alle Reiche erobern, wird dem König Herodes sein Reich nehmen!«
Der König geriet in Wut. Er stampfte mit den Füßen und schrie und weinte wie ein Kind, vor Zorn, Hilflosigkeit und Angst.
Und der König Herodes befahl seinem Heer, nach Bethlehem zu gehen und dort alle Kinder zu töten, alle Knaben unter zwei Jahren.
Trommelwirbel, Trompetengeschmetter mitten in der Nacht in der Königsstadt Jerusalem.
Auf den Plätzen drängt sich das Volk. Entsetzt rennen die Leute hin und her, wie bei einem Brande.
Mit klingendem Spiel zogen die Soldaten aus nach Bethlehem, den Blutbefehl des Königs zu erfüllen.
Die Nacht war sternklar und grimmig kalt.
Der Schnee knirschte unter den Schritten der Marschierenden.
Um Mitternacht hatten die Soldaten Bethlehem erreicht und zogen mit klingendem Spiel in die Stadt ein.
Und das blutige Werk nahm seinen Anfang.
Die Kinder ahnten nichts. Sie wußten nichts von Königen, -- weder von Herodes, noch von seinem Sohn Archelaos. Sie kannten keinerlei Eide, keinerlei Gebote. Sie konnten kaum sprechen. Sie redeten ihre eigene Sprache und sahen die Welt auf ihre Weise, mit ihren Augen. Sie lächelten, wie nur Kinder lächeln. Sie weinten, lachten, spielten.
Und es war auf Erden keine Nacht so grauenvoll, und ist keine grauenvoller und wird nie eine grauenvoller sein, als jene Nacht in Bethlehem nach der Geburt des Heilandes.
Die Soldaten stürmten in die Häuser und rissen die Kinder von der Brust der Mutter und erwürgten sie, andere warfen sie aus ihren Wiegen und zerstampften die Schlaftrunkenen mit ihren Stiefeln.
Die Kinder erwachten von dem Lärm: sie begriffen nichts und boten selber ihre Hälse den Säbeln der Soldaten.
Und sie wurden gleich ohne weiteres abgeschlachtet.
Man schleppte die Kinder wie junge Katzen auf die Straße hinaus und ließ sie von Pferden zertreten, man hängte sie auf, man erstach sie mit Lanzen, man riß sie in Stücke, man ersäufte sie im Eisloch, man begoß sie mit siedendem Wasser, wie Ratten, man warf sie ins Feuer.
Die mächtigen Schneehaufen schmolzen von dem heißen Kinderblut und bedeckten die Erde mit einer Eiskruste.
Die Sterne flammten noch einmal blutigrot auf und erloschen.
Und die Soldaten kümmerten sich nicht mehr darum, wie alt die Kinder waren und ob es Knaben oder Mädchen waren.
Anläßlich der Schätzung hatte jemand unter den Kindern im Armenviertel von Bethlehem das Gerücht ausgesprengt, man werde nachts kommen und die Kinder aufschreiben, die zur Sonnenwendfeier geladen und beschenkt werden sollten.
Die größeren Kinder schliefen in dieser Nacht nicht: sie warteten. Und als die Soldaten kamen, da stürzten die Kinder ihnen entgegen, denn sie dachten, nun käme man, sie anzuschreiben zur Bescherung.
Peter, der Enkel der alten Solomonida, hatte die ganze Nacht gewartet und war endlich auf dem verlassenen Bett der Großmutter eingeschlafen. Und im Schlaf hörte er draußen Lärm, wachte auf, dachte: »Jetzt kommen sie!« -- und lief auf die Straße hinaus.
Peter rief den Soldaten zu:
»Vergeßt mich nicht!« Tränen erstickten seine Stimme: er war noch nie bei einer Bescherung gewesen.
Ein Soldat packte ihn:
»Nein, nein, wir vergessen dich nicht!« Und er schnitt ihm mit dem Messer den Hals durch, wie einem jungen Huhn.
Trommelwirbel, Trompetenschmettern, Musik konnten das Wehgeschrei der Mütter und das Ächzen und Weinen der Kinder nicht übertönen.
Ein steinernes Herz muß beim Weinen eines Kindes erbeben!
Bis zum Morgengrauen währte das Gemetzel in Bethlehem und den Vorstädten. Vierzehntausend Kinder wurden in Bethlehem geschlachtet.
Nachdem sie des Königs Befehl erfüllt hatten, müde von der blutigen Nacht, verließen die Soldaten die Stadt und gingen nach Jerusalem zurück. Das Blut troff von ihren Händen und ihren Waffen auf die Straße, die das Pferd und der Ochse, die Hirten und die alte Solomonida gegangen waren.
Die Musik dröhnte und trieb die blutbefleckten Füße zu schnellerm Schritt an.
Und das Geschrei und Geheul und die Flüche der wahnsinnigen Mütter eilten den Abziehenden nach.
Und weit über das Weichbild Bethlehems hinaus hörte man Weinen und Flüche auf allen Straßen.
Ein steinernes Herz muß erbeben beim Wehklagen einer verzweifelten Mutter!
Das Pferdchen schnaubte. Joseph stieg vom Schlitten herunter und horchte. Die Erde selbst schien dem Alten zu schreien.
Und Joseph gedachte der Worte der Gottesmutter und verstand sie, die der Erde eine große Freude und einen bittern Schmerz verheißen hatten.
»Ich sehe zwei Männer, Großväterchen: der eine Mann lacht, und ich freue mich mit ihm, -- ihm wird ein großes Glück zuteil werden. Der andre aber weint, und ich traure mit ihm, denn ihm wird großes Leid widerfahren.«
König Herodes aber, der die ganze lange Nacht schlaflos in Unruhe verbracht hatte, ging, als der weiße Tag gekommen war, in seinem öden Palast umher und kniff die ängstlichen Augen zusammen und lachte plötzlich laut auf, vor Freude, daß er das Christkind aus der Welt geschafft hatte . . .
Die Leiden der heiligen Jungfrau
1.
Als sie den Purpur von seinen Schultern gerissen und ihn in seinem ärmlichen Gewand auf die Gasse geführt hatten, als er unter dem Geschrei und Pfeifen der erregten Menge nach der Schädelstätte getrieben ward, -- da wußte alle Kreatur davon: es wußte es der Wald, wo der Dornstrauch stand; es wußte es das Meer, wo der Schwamm wuchs; es wußten es die Tiere und der Weingarten, die Berge und das Feuer, das die Nägel und den Speer geschmiedet hatte. Nur die heilige Jungfrau wußte es nicht.
Das ganze jüdische Volk verlangte nach seinem Blut:
»Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!«
Das reine Blut des Heilands tropfte in den Straßenstaub, während er in der Dornenkrone unter der Last des schweren Kreuzes vorwärtsschritt; -- schon stand die Sonne feuerrot über Jerusalem und verkündete einen heißen blutigen Tag -- -- wie viel hatte sich ereignet! -- -- und die heilige Jungfrau wußte nichts.
Die heilige Jungfrau schlief.
Die ganze Nacht hatte sie kein Auge zugetan, und erst gegen Morgen war sie am Fenster sitzend eingeschlafen.
2.
In der Hölle ging es hoch her. Ihre Bewohner gebärdeten sich wie toll.
Wie ein Blitz hatte die Kunde eingeschlagen, daß das Licht und die Sonne, die Krone und der Ruhm der Welt, der eingeborene Sohn Gottes, der Menschensohn gefangen genommen sei und nach Golgatha geführt werde.
Und die rasende Hölle donnerte, wie eine dräuende unbarmherzige Gewitterwolke; die Hölle brüllte, wie ein gereizter Löwe; die Hölle brummte, wie ein tollgewordener Stier; die Hölle stöhnte, wie das weite Meer bei Unwetter; die Hölle glühte, wie ein verwundetes Herz.
Mit dem Reiche Christi, das ewig sein sollte, war es zu Ende!
Und die finstern Teufel heulten und schwangen sich vor Freude in wildem, rasendem Tanz.
Der Teufel, der nur ein Hühnerbein hatte, der böse Knecht der Schlange, hüpfte auf dem einen Hühnerbein bis zu den höchsten Türmen empor, die den Eingang in den finsteren Wohnort der finstern, stolzen, unglücklichen Dämonen, in das Reich der ewigen Qualen, schützten. Und die boshaften Ratgeber der Schlange, die nur Knorpeln statt Knochen haben, kletterten in tollem Spiel einer auf den andern und bliesen und pfauchten, daß der giftige Dunst und Staub, der ihren Mäulern entquoll, durch die Mauern der Hölle bis auf die Erde drang. Und inmitten des wüsten Gewirbels leuchtete wie ein Smaragd das grüne Auge Satans.
Die wächserne Brücke der Prüfungen zwischen Paradies und Hölle und die Brücke der Toten, die über den brausenden Pechstrom führt, brach zusammen. Und die unersättliche höllische Flamme leckte an den Säulen des Himmels.
Mit dem Reiche Christi, das ewig sein sollte, war es zu Ende.
3.
Entsetzen packte die Engel und Erzengel, die Seraphim und Cherubim. Alle himmlischen Heerscharen gerieten in Bewegung.
Hilflos schlossen die Engel ihre unsterblichen Augen.
Wer wird zur heiligen Jungfrau gehn, wer soll ihr die traurige Kunde bringen, wer soll ihr den unerschütterlichen Willen des allwaltenden Gottes mitteilen, der von Ewigkeit den Tod seines Sohnes beschlossen hat?
Der Heilige Geist, der Tröster der Mühseligen und Beladenen, konnte ihnen keinen Trost geben.
Der Herr sprach:
»Du, Gabriel, warst der Bote der Freude. So sei denn heute der Bote des Leids.«
Und Gabriel antwortete:
»Wie soll ich, der ich die große Freude von der Fleischwerdung des Wortes verkündigte, nun seine Kreuzesmarter verkündigen?«
Und der Herr sprach:
»Du, Michael, du Führer der himmlischen Heerscharen, der du im Namen des Allmächtigen mit deinem Speer deinen großem Bruder Lucifer trafst, du Sieger, gehe hin und bring ihr die Kunde. Du wirst als Kriegsmann den Schmerz leichter tragen.«
Und Michael antwortete:
»Mein Arm hat den Stolzen geschlagen; ich bin stark im Kampf gegen Gewalt und Macht, aber nicht gegen Demut und Leid.«
Da sprach der Herr:
»Du, Rafael, der du deine Hand hilfreich aller Kreatur entgegenstreckst, du Fürsprecher vor dem Antlitz des Allgegenwärtigen, -- gehe hin und hilf dem ewigen Willen, daß die Marter des Wortes kund werde der, die das Wort geboren hat.«
Und Rafael antwortete:
»Ich bin das Werkzeug der Liebe Gottes, ich bin der Trost der Leidenden, -- soll ich der größten aller Frauen Schmerz bereiten?«
In Angst und Schmerz bebten und rauschten die weißen Flügel. Tränen traten in die sonnenklaren Augen.
Hätte doch lieber der Herr seinen Engeln, den sanften, zornigen oder gnädigen, befohlen, die Seele der heiligen, ewigen Jungfrau aus der Gefangenschaft des Leibes zu befreien!
Der Heilige Geist, der Tröster der Mühseligen und Beladenen, konnte ihnen keinen Trost geben.
4.
Ein kleines Vöglein war hoch zu den Wolken empor geflogen. Ein Hänfling war's, der seinen Durst aus einem frischen Waldquell gestillt hatte. Er vernahm, was die Engel redeten, und flog eilig wieder zur Erde hinab, zum Hause, in dem die Mutter des Heilands wohnte.
Er setzte sich aufs Fenster und zwitscherte traurig, den sonnenbeschienenen Hals hin und her drehend.
Da schlug die heilige Jungfrau die Augen auf.
Sie erhob sich und fiel gleich wieder auf die Bank zurück.
Ein Augenpaar, weiß vor Verzweiflung, ohne Lider, blickte sie aus dunkeln Höhlen an: Judas Ischarioth, einer der zwölf Jünger Christi, der den Meister verraten hatte, stand vor dem Fenster.
Traurig zwitscherte der Hänfling, das graue, einfältige Vöglein.
Und ein Schauer überlief die heilige Jungfrau, ihr Herz ahnte, was geschehen sollte. Sie sprang auf und stürzte zur Tür.
»Maria,« trat ihr an der Schwelle ein anderer Jünger entgegen, der Liebling des Meisters, Johannes, »Maria, wo ist dein Sohn, wo ist unser Herr und Meister?«
Und die Straße entlang, am Hause vorbei, an den Fenstern vorbei, ging der Zug, der den Heiland zur Schädelstätte geleitete.
Freiwillig ging er in den Kreuzestod . . .
Wer hilft einer Mutter, die ihren Sohn verloren hat? Wer beschützt sie, wer hütet sie in der finstern Nacht? Zu wem soll sie gehen?
Erschreckt durch das Lärmen, Pfeifen und Schreien, war das Vöglein davon geflogen. Der bittre Schmerz preßte dem Johannes die Lippen zusammen. Wer wird sie trösten?
Allein war die heilige Jungfrau geblieben, allein, wie das Gras, das Rosseshufe zerstampft haben.
Halb von Sinnen warf sie sich auf den Boden. Und dann sprang sie wieder auf. Sie stöhnte. Ihr Haar löste sich, vor den Augen flimmerte es, ein Schwindel packte sie. Sie lief auf die Gasse hinaus.
Und als sie ihren Sohn sah, zerriß sie ihren Schleier.
Bittre Tränen brannten ihre Augen. Ihr Herz blutete, es suchte einen Ausweg und fand keinen. Und sie schlug sich an die Brust, zerkratzte ihre Wangen, raufte ihr Haar.
Barhäuptig, leise vor sich hin murmelnd, schwankenden Schritts ging die heilige Jungfrau hinter ihrem Sohn her.
»Wehe mir vor allen Müttern! Wehe mir vor allen irdischen Kreaturen I«
Das schwere Kreuz drückte seine Schultern. Seine Knie knickten unter den Schlägen zusammen. Mit jedem Schritt beugte er sich tiefer und tiefer zur Erde nieder.
Und die Last ward ihm zu schwer, und er fiel hin.
Der kräftige Simon von Kyrene, der hinter dem Heiland in der Menge ging, trat vor, nahm das Kreuz auf seine Schulter und trug es.
Die Menge pfiff. Steine flogen. Ein Wind erhob sich, wirbelte Staub auf, blies ihn den Leuten in die Augen, daß sie kaum sehen konnten.
»Freue dich, König der Juden!« spotteten sie des Gepeinigten und trieben ihn mit Stößen vorwärts.
Und nicht Tränen -- Blut rann seine Wangen hinab. Kein heiles Fleckchen war mehr an seinem Leibe.
Wer hilft einer Mutter, die ihren Sohn verlor? Wer beschützt sie, wer hütet sie in der finstern Nacht?
Man sagt zu ihr: »Geh nach Hause!«
Wer aber zeigt ihr jetzt ihr Haus? Wer stillt, wer bändigt ihren Schmerz, wer gibt Antwort auf die Seufzer ihres Herzens?
Barhäuptig, leise vor sich hin murmelnd, schwankenden Schritts ging die heilige Jungfrau hinter ihrem Sohne her.
»Wehe mir vor allen Müttern! Wehe mir vor allen irdischen Kreaturen!«
5.
Als sie ihn ans Kreuz geschlagen hatten, strömte das Blut aus seinen Wunden.
Und der Boden unter dem Kreuz wurde rot.
Trostlos stand die heilige Jungfrau unter dem Kreuz und neben ihr Johannes, des Meisters Lieblingsjünger.
Schwer litt der Heiland. Sie sah es und konnte ihm nicht helfen.
Er bat zu trinken. Sein Herz verging in bittrer Pein.
Und sie konnte ihn nicht tränken, denn sie wagte nicht von dem Kreuze fortzugehn. Sie fürchtete, er könnte in ihrer Abwesenheit sterben.
Und der Himmel verfinsterte sich.
Gewitterwolken türmten und ballten sich am Himmel. Eine tiefschwarze Wolke hing über der Stadt. Und Funken sprühten über der Stadt, als brenne oben in den Wolken ein mächtiger Feuerherd.
Das Gesicht des Heilands am Kreuz verzerrte sich. Es war ganz bleich.
Die Haare klebten an der Stirn.
Und seine Stimme ertönte vom Kreuze:
»Mein Gott, warum hast du mich verlassen!«
Und das Blut rann über sein Antlitz und verschloß ihm den Mund.
Und sein Haupt senkte sich auf die Brust.
Und am andern Ende der Stadt Jerusalem, im Garten der Magdalena, hing an seinem Ledergürtel bis tief zur Erde herab Judas, der den Herrn verraten hatte. Die verzweifelten weißen Augen ohne Lider blickten aus ihren dunkeln Höhlen auf die schwere Erde und sein Mund war voll Erde.
Das Herz der unglücklichen Mutter ward entzweigerissen. Es schmolz, wie rote Kohlen, es glühte und brannte.
Schon schwebte ein Rabe über dem Kreuz.
Wie schmelzendes Pech glänzten die Rabenfedern, wie helle Wachskerzen brannten die starren Rabenaugen. Dumpf und traurig sprach die heilige Jungfrau:
»War es denn eine Unglücksnacht, in der du geboren wardst, du mein Herr und mein Sohn, Jesus?! Du Unsterblicher, der die Toten auferweckte! Und nun sehe ich, daß der unerbittliche Tod auch dich rauben will! Du konntest ihm nicht entgehn! O mein geliebter Sohn, o mein Jesus, um wen mußt du leiden, für wen nimmst du den Tod auf dich? An das Holz sind deine Hände geschlagen, deine Zunge ist stumm!«
Jesus hob sein heiliges Haupt und sprach zu seiner Mutter:
»Weine nicht um mich, Maria, meine Mutter, habe Geduld. Die Seele verläßt den Leib, ich will meinen Geist dem Vater befehlen. Ich gebe dir den Johannes an meiner Statt, sei du ihm Mutter, er wird dein Sohn sein.«
Bitter sprach die heilige Jungfrau:
»Kann ich den Schöpfer für das Geschöpf hingeben? Wo gehst du hin? Und wie soll ich leben ohne dich? Wem lässest du mich? Nimm mich mit! Laß auch mich sterben! Ich leide bittre Pein! Mein Herz bricht.«
Und einer weißen Birke gleich beugte sich die heilige Jungfrau auf die Steine vor dem Kreuz hernieder und bat und flehte um den Tod.
Sie mochte die Menschen nicht sehn, mochte das Licht nicht schauen, sie wollte sich nicht wieder erheben.
Entzweigerissen war das Herz der unglücklichen Mutter. Es schmolz wie rote Kohlen, es glühte und brannte.
6.
Drei Stunden waren vergangen, seit man ihn grausam ans Kreuz geschlagen zu ewigem, bösem Gedächtnis und Unheil des jüdischen Volkes.
Drei Stunden hing er, der die Erde geschaffen, über seiner von Ewigkeit freien Erde.
Alle Schmerzensschreie, alle Seufzer, die je auf Erden laut geworden, oder die bis zum jüngsten Tage noch lautwerden sollen, alles Leid, alle Qualen der vom Schicksal Verfolgten drängten sich um das Kreuz und erfüllten sein Herz, brannten es und marterten es mit den furchtbarsten Plagen.
Und er schrie zum Vater und es ward Nacht vor seinen Augen.
Und Finsternis senkte sich auf die Erde herab.
Das Licht erlosch. Die Sonne erstarrte, in Finsternis gehüllt. Die Sterne blitzten auf, zitternd, wie Smaragde, und erloschen. Der Mond verbarg sich in einer Wolke, auch er ward bleich. Und die Erde erbebte. Flüsse und Seen traten aus ihren Ufern. Das Gras auf den Feldern ging in hohen Wellen. Aus dem rauschenden Schilf flogen erschreckte Wildgänse und Schwäne empor. Die Wälder brausten. Die Bäume bogen sich zur Erde. Blätter fielen von den Zweigen. Das trockne Unterholz brach.
Wie ein verglimmendes Holzscheit im Feld lag die heilige Mutter Gottes unter dem Kreuz.
Und das Grauen ging über die Erde.
Die Toten vom Friedhof gingen nach der Stadt. Die Toten mengten sich an den Kreuzwegen unter die Lebenden.
Kalt wehte die Luft.
Es fror.