Legenden

Part 2

Chapter 23,791 wordsPublic domain

Indem er so stand und sang, war er grösser geworden als Polyphem, grösser als Typhon, grösser als die Titanen, grösser als der Berg Athos: und rings um ihn her war Finsternis ...

Das war kein Satyr mehr, der da sang -- das war eine Landschaft, von allen Meeren herauf zu den Felsen, von den Felsen empor zum Himmel ... die Tiere aber, deren seltsam staunende Augen noch eben aus dem Äther hervorlugten, zogen nun friedlich weidend über die Landschaft hin ...

Des Satyrs Hörnerpaar war zu zwei unermesslich hohen Bergspitzen geworden, und die Leier an seiner Brust zu einem gewaltig breiten Bergstrom, der in tausend rauschenden Wasserfällen schäumend ins Meer hinab sich ergoss ...

»Wer bist du?« frug Jupiter.

»Ich bin Pan« ...

RUTH

Boas hatte sich zum Schlummer hingestreckt. Er war allzu müde geworden. Den ganzen Tag hatte er gedroschen. Nun ruhte er sich bei seinem Korn aus. Weites Land rundum deckten seine Weizen- und Roggenfelder.

Er war reich, aber mildtätig und rechtschaffen.

Wenn er jemanden kommen sah, der Ähren aufsammeln wollte, die noch zerstreut auf dem Stoppelfeld lagen, sagte er zu seinen Schnittern: »Ach, nehmt doch nicht alles mit!«

Er lebte einsam. Sein Bart hatte schon längst die Farbe des Silbers. Leuchtend wallte er über sein weisses, makelloses Linnenhemd herab.

Die Weiber vergassen, dass er alt war. Sie sahen nur, wie schön er war.

Jedes Lebensalter hat seine Schönheit.

Was Flamme ist in den Augen der Jungen, ist Licht in den Augen der Bejahrten. Der unbeständige Tag weicht dem ewigen Tage ...

Dort, wo Boas sich zum Schlummer niedergestreckt hatte, schliefen auch seine Schnitter. Wie ein schwarzer Haufen nahm sich das von ferne aus.

Das war unter südlichem Himmel, und vor langer, langer Zeit ...

Wie Boas so lag und schlief, hatte er einen Traum, und im Traume eine Offenbarung, wie Jakob, wie Judith.

Zu seinen Häupten sah er den Himmel offen.

Er sah einen Eichbaum. Der hob sich von ihm aus hoch in die Lüfte, als ob er in ihm wurzelte. Und mit den Ästen stieg ein Geschlecht empor, Glied um Glied. Hier unten nahe der Wurzel schlug ein König seine Harfe ... und ganz droben am Wipfel ging ein Gott in den Tod ...

Und Boas träumte, dass er also zu dem Herrn sprach: »Wie kann denn dies nur geschehen? Ich habe keinen Sohn und auch kein Weib. Die an meiner Seite schlief, die nahmst du von mir. Wohl sind wir noch zusammen, sie halb bei mir im Leben, ich halb bei ihr im Tode. Doch kann ich Stammvater eines Geschlechtes werden? In der Jugend, ja, da haben wir wohl manchen schönen Morgen! Der Tag steigt auf aus der Nacht als Sieger. Aber im Alter, und wenn wir einsam geworden sind, fällt der Abend schwer auf uns ... da beugt sich die Seele nieder nach dem Grabe, -- wie ein Stier, der dürstet, seine Stirne zum Wasser senkt, davon er trinken will ...«

Also sprach Boas in seinem Traum, und glaubte glückselig, er habe den Herrn geschaut.

... So wenig eine Zeder fühlen kann, dass an ihrem Fusse eine Rose blüht: so wenig fühlte Boas, dass neben ihm ein Weib ruhte. Denn indessen er schlief, hatte Ruth, die Moabiterin, sich dort hingelagert. Sie wartete wunderbang, was wohl geschehen würde, wenn Boas erwachte ...

Nicht wusste Boas, dass neben ihm ein Weib harrte, -- nicht Ruth, was Jehova mit ihr beginnen wollte ...

Der Odem der Nacht umwogte sie. Dann und wann wellte durch das Dunkel ein Strom balsamischer Wohlgerüche. Übervoll von Sehnsucht waren die Schatten, gleich bangen hochzeitlichen Bräuten ... Gewiss schwebten hier schweigende Engel ... Oft war da etwas Blaues im Dunkel ... wie ein leises Flüstern von leuchtenden Flügeln ...

Ruth hörte die Atemzüge des Boas. Sie mengten sich mit dem Murmeln eines Baches im Moos. Mild war die Luft, und die Lilien standen hoch ...

Ruth sann vor sich hin: und Boas schlief ...

Schwarzdunkel war das Gras.

Herdenglockengeläute klang von ferne.

Unendliches Schweigen wölbte sich vom Himmel über die Erde. Es war die stumme Stunde, wo Löwen sacht nach Quellen suchen ...

Alles ruhte im Lande Ur ...

Die Sterne strahlten glitzernd auf dem schwarzen Sammet der Himmelskuppel ...

Im Osten hob sich der Neumond. Seine Sichel hatte scharfe Spitzen ...

Und Ruth sann, leise die Augenlider hebend, und also war ihr Sinnen: »Was für ein Schnitter mag das wohl sein dort oben im Ewigen, der seine goldene Sichel in den Sternfeldern vergass?« ...

EIN MANN MIT TIEFEN AUGEN

Ein Mann mit tiefen Augen ging vorbei.

Ein Patriarch stand am Wege, und sprach ihn an.

»Du kommst doch von Osten? So begegnetest du der Karawane? Bei Engaddi, denk' ich? Wieviele Reisende waren dabei? Und vieviele Kamele führten sie mit sich?«

»Ich habe sie nicht gezählt«, antwortete der Fremde. Der Greis sah ihn an.

»Ganz recht -- Warst du nicht dort am Brunnen zwischen Edon und Gaza? Du riefst doch wohl dreimal den Namen des Heiligen, der den Brunnen grub?«

Der Fremde entgegnete verwundert: »Welches Heiligen? Was meinst du?«

Da lächelte der Greis.

»Hörtest du, ob es Myrrhe ist oder Balsam, was der Vierfürst Antipas in diesem Jahre als Tribut erhalten soll?«

»Ich weiss von alledem nichts«, sagte der Fremde gleichgültig.

»Hast du denn garnichts von dem König gehört, den ich nannte?«

»Nein.«

Sie standen an einem Gräberfeld.

»Hier,« sagte der Greis, »hier wächst nun Gras über gar viele, die jüngst noch jauchzten, die glücklich waren und stark! Da liegen sie nun allesamt zerstreut zwischen Sand und Asche!«

»Nein,« erwiderte der Fremde, »nicht hier! Sie sind fortgeflogen! Wer begraben wird, der geht in das grosse Grenzenlose!«

Er ging weiter. Die Abendsonne vergoldete ihn, bis seine Gestalt in der düsteren Wüste verschwand.

Der Greis sah ihm nach.

»Wahrlich,« dachte er, »dieser war ein Prophet -- er weiss nur von dem, was verborgen ist!« ...

DIE ZEDER

Scheik Omar, der grosse Gottesmann, so gross wie Mohammed, der Wundertäter, erging sich eines Tages am Gestade des Roten Meeres, an einem langen Stab gestützt.

Bei dem heiligen Djeddah machte er Halt, dort, wo Gott sich Israel geoffenbart hatte.

An dieser geweihten Stätte ward Omars Auge fernsehend. Er schaute weiter als die Wüste sich dehnte, er schaute über Ägypten hinaus, über Judäa hinaus bis hin zur Insel Patmos.

Dort lag am Fusse eines kahlen Berges Johannes der Täufer und schlief. Denn der grosse Einsiedler ist noch nicht tot. Gott hält ihn hier verborgen. Mit Elias und den anderen Propheten soll er einst wider den Antichrist streiten.

Das Haupt des heiligen Johannes lag in der heissen Sonne.

Scheik Omar, der gewaltige Priester vor dem Herrn, der so gross war wie Mohammed, sah empor zu einer alten, mächtigen, dichtbelaubten Zeder, die sich an seiner Seite erhob. Und Scheik Omar streckte die Hand aus gegen den nördlichen Horizont nach dem Ägäischen Meere hin, gen Patmos.

»Auf und voran, Zeder! Breite deinen Schatten über den schlafenden Mann dort!«

Das Salzgespenst von Sodom und Gomorrha stand nicht starrer als die Zeder, da Omar zu ihr gesprochen.

Und der Gottesmann rief aufs neue: »Auf und voran!« und schlug mit seinem Stab gegen den Baum.

Die Zeder hatte ihre Wurzeln im Marmor eines Eremitengrabes dort am Meer. Sie zitterte nicht. Sie verharrte in Ruhe.

Da hob der Scheik seine Augen auf zu dem Unsichtbaren, machte drei Schritte, öffnete seine Rechte und streckte sie empor: »Voran, Zeder!« rief er, »in des lebendigen Gottes Namen!«

»Warum nanntest du diesen Namen nicht gleich?« sagte der Baum. Zuckend zersprengte er den Marmor, zog seine Äste dicht an den Stamm zusammen, wie ein Schiffsmast sein Takelwerk, spaltete den Erdboden, raffte aus den tiefen Rissen seine Wurzeln heraus -- und schwebte fort wie ein ungeheurer schwarzer Vogel, zog hin über den Berg Gor, der gleich einem riesigen Rauchfang über den roten Flammen der unterirdischen Schmiedefeuer sich wölbt ... hin über Ägypten, das formlose Pantheon mit den vielen Göttern, -- über den Nil hin und über das Meer, -- schwebte finster und feierlich über den feindlichen Abgrund hin, selig erfüllt von seiner Sendung ... und senkte sich dann sanft auf Patmos über den schlummernden Johannes herab ...

Johannes erwachte -- und erschaute den fremden Baum. Er musste sich eine Weile besinnen ... dann aber sprach er, bebend in jener fanatisch eifernden Strenge, die alles Volk in angstvolles Grauen versetzt: »Baum, was machst du hier? Wie hast du es angefangen, Wurzeln zu schlagen, zu wachsen, gross zu werden in einer einzigen Stunde? Jehova will: der Baum soll in tiefer Erde gegründet sein, auf dass er stehe, indes die Menschen kommen und gehn! Ein Baum soll Stürmen trotzen! Nicht aber soll eine Zeder jäh wie ein Traumbild emporgaukeln! Was aus einer Stunde emporschiesst, hoch wie ein Berg, das mag auch zerfallen in einem Augenblick!«

Die Zeder erwiderte: »Warum klagst du mich an? Ich bin hier, weil ein Mensch es mir gebot!«

Und wieder frug Johannes, der düstere Träumer: »Wer ist dieser Mensch, vor dem du dich beugst?«

Der Baum antwortete: »Es ist Omar, der Priester Mohammeds! In Djeddah stand ich, viele, viele Jahre hindurch. Da kam er und sagte, ich sollte fort nach Patmos, um dir Schatten zu geben, derweilen du in der Sonnenglut schliefst!« ...

Da wandte sich Johannes, den Gott wieder unter die Lebenden gesetzt hatte, -- gen Süden wandte er sich und schrie von dem wilden Strand in die Winde hinein: »Du Neugekommener! ich sage dir: lass die Natur in Frieden!«

DIE BRÜCKE

Vor meinen Augen war Finsternis. Ein bodenloser Abgrund hemmte meinen Schritt. Nichts regte sich ringsumher. Ich fühlte mich verloren in Nacht und Stille.

In weiter, weiter Ferne hinter einem undurchdringlichen Schleier sah ich Gott wie einen dämmernden Stern.

Da rief ich: »Meine Seele! Meine Seele! Wenn du über diesen Abgrund hin, durch diese Nacht hindurch zu Gott gelangen sollst, brauchst du eine Brücke mit Millionen Bogen! Wer kann die bauen? Keiner! Keiner! Verderben muss ich hier!«

... Da erhob sich vor mir eine weisse Schattengestalt. Und dieser Schatten hatte die Stirne einer Jungfrau und die Hände eines Kindes. Einer Lilie glich er, die einen Schutz in ihrer eigenen Reinheit hat. Der Schatten faltete seine Hände, und Licht strömte aus diesen Händen.

»Wenn du es ernstlich willst, werde ich dir deine Brücke bauen!«

Ich hob meine Augen auf zu dem bleichen Unbekannten: »Wer bist du?«

»Ich bin das Gebet« ...

MITTELALTER

Ratbert, der Sohn Rudolfs, König von Arles -- auch Kaiser liess er sich nennen -- thronte auf dem Marktplatz von Ancona. Er hatte die Stadt mit List überrumpelt. In der Kleidung eines römischen Patriziers sass er auf einem ziselierten Fürstenstuhl, die Lanze des heiligen Mauritius in seiner Hand. Hundert Barone und Ritter, die Blüte von Italiens edelsten Geschlechtern, hatte er um sich versammelt. Von ihren Burgen und Herrensitzen waren sie herbeigeeilt wie Fliegen zum Honig. Bei Ratbert war etwas zu holen.

Hellebardiere und Negersklaven hielten den Marktplatz abgesperrt. In einen Festsaal war er verwandelt. Die Banner der versammelten Edlen umkränzten ihn.

Die Stadt war wie ausgestorben. Die Bürger hatten sich in ihre Häuser eingeschlossen. Der Tag war sonnenheiss. Die Sonne leuchtet über Pestilenz wie über goldene Ährenfelder.

Die Vornehmen hatten ihre Plätze eingenommen. Ratbert winkte bald den einen, bald den andern zu sich heran und sprach leise mit ihm. Was er zu jedem einzelnen sagte, verbreitete der weiter. Ein jeder zeigte dabei ein vergnügtes Gesicht, und jene, an die sie Ratberts Worte weitergaben, nicht minder, bis zuletzt die ganze Versammlung in heiterster Laune war. Und alle harrten auf das, was nun kommen sollte.

Der Bischof von Verceuil eröffnete die Tagung mit einem feierlichen Gebet. Der König betete inbrünstig. Das Volk liebt es, seinen König beten zu sehen.

Einer nach dem andern gab dann seinen guten Rat, und jeder, der des Königs Meinung war, wurde auf der Stelle durch ein Geschenk ausgezeichnet. Johann von Carrara bekam des Königs eigene Goldkette um den Hals gelegt. Der Marquis von Cibo erhielt die Stadt Spoleto. Herr Urbin konnte künftig von jedem Fasse Wein, das man in Besançon trank, einen Sou erheben ... So ging das eine Weile fort, bis der Bischof Afranus das Wort ergriff.

Der war ein frommer Mann, ein guter Mann, des Königs Almosenverteiler.

In jungen Jahren hatte er sich vorgenommen, Einsiedler zu werden. So früh schon hatte er sich von der Welt und ihrer Eitelkeit abgewandt. Ein grosser Theologe, besonders bewandert in der Gewissenslehre. Eine grobe Kutte war sein Gewand mit einem Strick als Gurt. In demutsvoller Bescheidenheit stand er da. Er bat erst Gott um Erleuchtung, und sprach dann also:

»Eine Kriegslist hat es Ratbert ermöglicht, seine Fahnen auf Anconas Mauern zu pflanzen. Vom Standpunkt der Kirche ist das gutzuheissen. Denn Ancona hatte sich töricht betragen. Es lässt sich nur billigen, wenn bürgerlichen Zwistigkeiten mit bewaffneter Hand ein Ende gemacht wird, auch wenn dabei eine List den Ausschlag gibt. Solche List an Stelle von Blutvergiessen und anderen Gewalttätigkeiten zu setzen, heisst die Kriegskunst mildern und den Sieg von vornherein sichern. Ich bin ja nur ein Mann der Kirche, ich verstehe mich besser darauf, im Hause Gottes -- gelobt sei sein Name -- die Messe zu lesen, als zu einer so vornehmen Versammlung zu sprechen. Aber soviel verstehe doch auch ich, dass man in dieser Welt auf verschiedene Weise seinen Weg macht. Der König panzert seinen Streithengst mit Eisen und füttert ihn mit frischem, fettem Hafer. Der Erzengel reitet auf einem Drachen. Der Apostel auf einem Esel. Und so ist es auch mit dem Recht. Auch das ist nicht gleich für alle. Für den König ist es dehnbarer als für das gemeine Volk. Es ist notwendig, dass der König Freiheit hat. Es ist notwendig, dass das Volk in strammer Zucht gehalten wird. Das Volk ist Herde. Der König ist sein Hirte. Der König führt die Befehle Gottes im Volke aus. Der König darf zum Wohl seines eigenen Volkes ohne besondere Kriegserklärung andere Völker überfallen, besonders wenn es sich um Türken handelt. Die Türken stehen ausserhalb des allgemeinen Völkerrechts, denn sie sind keine Christen. Aber die Christen, die sich dem König widersetzen und sich wie jene betragen, sind ja im Grunde auch nichts anderes als Türken und können ganz ebenso behandelt werden. Gilt es das Wohl des Staates, so dürfen den König keine Bedenken zurückhalten. Jede Sache hat ihr besonderes Gesetz und fordert eine besondere Einsicht. Die Tochter des Grafen von Final ist ein Kind, und es ist nicht recht, dass Minderjährige den Thron innehaben. Nun sitzen ja wohl auch in anderen Reichen Minderjährige auf dem Thron. Da erhebt sich die Frage: darf man den einen absetzen, und den andern nicht? Ja gewiss, das darf man. Sind doch die Sitten und die Verhältnisse so grundverschieden. Das salische Erbfolgegesetz mag anderswo heilsam sein, aber in Final ist es verwerflich.«

»Bischof,« sprach der König, »du sollst Kardinal werden!«

* * * * *

Auf einem Felsen an der genuesischen Küste lag die Feste Final. Eine treue Besatzung wachte über das Kind, über die Erbin der Freigrafschaft. Bei der Kleinen war ihr Grossvater. Sie lebten dort einsam zwischen Mauern und Schluchten. Das Mädchen war fünf Jahre alt, der Grossvater achtzig.

Sie hiess Isora von Final, er Fabrice Graf von Albenga, ein wackerer Mann, von allen geliebt, einst als gewaltiger Feldherr gefürchtet, als Admiral und General, seine Zeitgenossen durch Charakterstärke und Lauterkeit der Gesinnung überragend. Nun war er ein Greis. Und wie alle Hochsinnigen war er rückhaltlos vertrauensselig gegen jedermann. Denn er stammte aus einem besseren Jahrhundert als dieses war, das er nun noch miterlebte. Für diese Zeit hatte er eigentlich kein Verständnis. Er kam sich darinnen vor wie ein Landflüchtiger. Alle seine Altersgenossen waren dahin. Die betagteren Leute erinnerten sich wohl seiner noch ein wenig, die jungen aber hatten ihn ganz und gar vergessen. Oft schritt er wie im Traum einher, ohne zu hören oder zu sehen. Man konnte glauben, seine Seele weile in solchen Augenblicken im Jenseits, um zu erfahren, wann ihre Stunde schlagen würde. Das Einzige wohl, was ihn noch eine Weile hienieden zurückhielt, war Liebe. Er lebte für seine Umgebung. Man muss lieben, wenn man in den Ruinen der Vergangenheit Wurzeln schlagen will. So wie es der Efeu macht. Seine Blätter haben alle die Form eines Herzens ...

In seiner Enkelin lebte ihm noch einmal die alte, versunkene Zeit auf. Ihm war, als sähe er sein Weib und seine Tochter in der Kleinen wieder. Ungestört lebte er sein Traumleben. Jeden Morgen gürtete er sich sein Schwert um, obschon er es kaum mehr aus der Scheide ziehen konnte. Jeden Abend nahm er das Kind mit in die Kapelle und betete dort, indes er mit klaren Augen auf die Grabsteine im Chor schaute. Das Kind frug. Und er erzählte. Manchmal spielte die Kleine frühmorgens allein in den Türmen, ihren alten guten Freunden. Wenn er sie dann fand, entsprang sie ihm und lief lachend hinter Schmetterlingen her, rund um die Grüfte ...

In diesem räuberischen Jahrhundert hatte jedes Volk seine Grossen, die es ausplünderten. Und über den Grossen sassen wieder die Könige als gierige Geier. Aber die Grafschaft Final war eine Freistatt für Rechtschaffenheit und Wohlfahrt. Die Einkünfte der Domänen und die Abgaben der Herrensitze wurden Jahr für Jahr auf zwanzig Maultieren in die Feste gebracht. Gold und Silber lag in einem Keller verwahrt, den nur der greise Graf wusste. Uralt war der Keller, und er barg noch grosse Schätze aus den Zeiten Wittekinds und der Ottonen. Am ganzen Mittelmeer erzählte man von seinem Reichtum. Viele, die an Final vorbeisegelten, hatten schon die Stärke des Turmes bewundert, der hoch in den Himmel ragend über diesem Keller Wache hielt. Die vier Evangelisten standen geschnitzt und vergoldet auf vier Wurfmaschinen. Ausserdem war der Zugang zu dem Felsgelass geschützt durch zwei stolze, riesenhafte Kriegergestalten aus Stein, die im hohlen Innern ihrer gewaltigen Sturmhauben viele lebendige, eisenbewehrte Hüter verbargen. Uneinnehmbar war die Feste.

* * * * *

Eines Morgens stiess die Torwache ins Horn. Ein Geistlicher, von einem Läufer begleitet, überbrachte einen Brief des Königs von Arles. Ratbert schrieb: Bevor er nach Tarent segle, fühle er sich gedrängt, seine Base Isora zu begrüssen und ihr die Stirne zu küssen. Der Geistliche verneigte sich vor dem Grafen und betonte, es sei das eine Ehre, wie sie der König sonst nur Königinnen erweise.

Dem Briefe hatte Ratbert einen Wagen mit Geschenken und kostbarem Spielzeug vorausgesandt. Isora klatschte entzückt mit den Händchen. Der fromme Gottesmann wurde gut aufgenommen, und als er schied, erwies er der Kleinen Ehren, wie sie nur einem grossen Souverän zukommen.

Dem alten Grafen schmeichelte es sehr, seine Enkelin so hoch geschätzt zu sehen. Er gelobte Ratbert gastlichste Aufnahme.

Wie Fabrice nun eines Tages so stand und gerührt wieder und immer wieder das gnädige Handschreiben des Königs durchlas, flog ein Rabe vorbei und warf seinen dunklen Schatten über den Brief. Diese schwarzen Vögel folgten einst auch Judas, als er dem Herrn Jesus den Weg wies.

»Habt acht auf den Raben!« mahnte die Wache. Der Vogel hatte sich auf einen der Türme gesetzt. »Den Raben dort«, sagte der Graf, »kenne ich seit meiner Knabenzeit. Der hat ganz in der Nähe sein Nest. Der ist mindestens hundert Jahre alt, und krächzte von jeher so wunderlich. Aber erschreckt hat er mich noch nie!«

Nun bekam man in Final alle Hände voll zu tun. Das Gras auf den gepflasterten Wegen und an den Steintreppen wurde ausgejätet, die Türme wurden gesäubert, Wände getüncht, reife Gartenfrüchte aufgehäuft, Fässer mit Öl und Wein aus den Kellern heraufgeschafft, grünes Laub und Salbeiblüten über alle Stufen und Gänge gestreut. In den Küchen brieten Wildschweine an Spiessen. Aus allen Winkeln scholl Lachen bei fröhlicher Arbeit. Köstliche Teppiche hingen von den Balkonen nieder.

Der grosse Tag war gekommen ...

Die kleine Gräfin wird noch angekleidet. Ihre Kemenate ist voll von dienenden Frauen, und bei ihr weilt der alte Graf. Mit blossen Füsschen sitzt sie auf ihrem Bette. Er vor ihr in einem alten Lehnstuhl, und schaut auf die weisse Kinderstirn, die nun bald ein König zu küssen kommt. Und goldenes Haar leuchtet fromm um das kleine, feine Gesichtchen. Er spricht mit ihr und mit den Dienerinnen und mit sich selbst allerlei, was ihm gerade einfällt -- Altes, Neues, Trauriges, Lustiges.

»Ja, nun musst du auch richtig Staat machen! Nun kommt ein grosser Herr, dich zu begrüssen, dich zu küssen, hörst du? Vergiss aber nicht, ihn ›Monseigneur‹ anzureden. -- Nein, schau, das hat er dir auch noch geschenkt: die heilige Jungfrau mit dem Silberdiadem! Und diesen Ritter! Du, der war gewiss einer von Attilas Bogenschützen! Und dieser Kerl da von Gold! Was für eine Pracht! -- Nun kommen schon die Bauersleute von weit her. Die halten viel von dir, weisst du! Und Goldzechinen sollst du auf sie niederwerfen! Und dann sollst du nur sehen, wie die ihre Mützen von den Köpfen reissen, um _deine_ Münzen zu erhaschen! Ei, wird das ein Fest werden! Dass ich den Tag noch erleben darf! -- Nein nein -- nun muss _ich_ der Kleinen helfen. Das ist _mein_ Amt! Als ihre Mutter noch klein war -- ja, damals war ich schon ein alter Geselle -- da habe ich sie auch immer angekleidet. Ja ja -- ich dachte, der Tod könnte mit grauen Haaren zufrieden sein -- ja, das dacht' ich so oft, und dass er nicht dunkles und blondes Haar mit sich zu nehmen brauchte! Das Kind sollte seine Mutter noch haben -- und ich mein Weib! Aber da die beiden nun _meinen_ Platz eingenommen haben, muss ich eben an _ihre_ Stelle treten!«

Und dabei knöpfte er das Kinderkleidchen zu, indes andere der süssen Kleinen die Schuhe banden. Aber gewiss hatte er sich ehedem den Panzer besser umgelegt als jetzt das Seidenkleidchen der Kleinen.

Die Ritter und Edeldamen und das Volk harrten schon in festlichem Schmuck draussen vor dem Schlosse.

Als aber die Sonne rotglühend niedersank, waren alle Klippen und Höhen am Meer mit Raubvögeln bedeckt. Seltsam! Die Gabelweihe hockte dort, der furchtbare Seeadler, der gefrässige Taubenhabicht, alle gierig nach Menschenfleisch ... und neue Schwärme kamen in wilden Zügen hinzu, Abkömmlinge sicherlich der alten Raubvögel, der römischen Adler über dem Zirkus, dort, wo die kupferne Wölfin stand und ihnen zuheulte, jener Adler, die dem Marius folgten und den Sulla kannten ... ihre Abkömmlinge hockten nun kreischend auf den Riffen und Felsgraten ... angefressene Menschenschädel hatten sie irgendwo liegen gelassen, nur um eiligst nach Final fliegen zu können ... von Galgen waren sie weggeflogen, von zersplitterten Masten gescheiterter Schiffe, die mit schwarzverwittertem Tauwerk und Hunderten von Leichen draussen im Meer festsassen ... und von Lazarethen kamen sie her, wo die Kranken schneller starben, als sie begraben werden konnten ... und alle waren freudig erregt und schrieen schon von ferne, wenn sie Final, die stolze Feste, erspähten: »Dort lohnt sich unser Flug! Sputet euch! Dorthin kommt ein Kaiser!!«

* * * * *

Er war gekommen. Die Glocken hatten geläutet. Fanfaren hatten geschmettert. Volksjubel hatte gelärmt. Freudenfeuer hatten geloht. Alle Türme hatten übers Meer geleuchtet wie riesige Flammenbrände. Unter den Bäumen des Schlosses war in langen Tischreihen das Bankett gerüstet. Alles war zu einem jauchzenden Freudenfest bereitet worden ... Und wer hatte so seinen Einzug gehalten? Satan und seine Orgien! Erst Mord und Brand ... dann ein zügelloses Gelage. Der Böse feierte da sein Fest, in dem besiegten, geplünderten, verwüsteten Final. Gesungen wurde da, aber Angstschreie gellten dazwischen. Neben des Herdfeuers friedlicher Glut raste der Hölle wüstes Geflacker. Die Türme brannten. Alles war zum Skelett einer anklagenden Ruine geworden. Dort oben hatte der Rabe gesessen ...