Part 8
Nun lag sie ruhig; nur von Zeit zu Zeit erschütterte ihr Körper in tränenlosem Schluchzen.
Mit dem Nachtzuge kam Gerhard.
Er sprach wenige Worte und begab sich an die Unfallstelle.
Die paar Beamten, die Lecart hielt, durften sich nicht blicken lassen.
Ihr Leben war in Gefahr.
Lecart war vor wenigen Tagen zu einem seiner Freunde auf die Jagd gereist. Der Streik war ja beendet gewesen!
Die Arbeiter hatten wegen angeblich schlechter Ventilation der Gruben die Einfahrt verweigert.
Hielt dies noch ein paar Tage an, versiegten ihm die letzten Hilfsquellen. Er wendete sich an die Bergbehörde. Er legte Pläne und Karten vor; es war alles in Ordnung, das hätte die Untersuchung gezeigt, sagte man den Leuten.
Was blieb ihnen übrig? Die Ihren verlangten Brot.
Nun war das Unglück geschehen!
Weiber und Kinder umgaben den Schachteingang.
Der Mond goß sein kaltes Licht über die vielköpfige Menge.
Drohendes Murmeln lief durch die Reihen, als verlangten sie ihre Männer von der Erde zurück, der sie so lange ungestraft ihre Kinder entrissen hatten.
Hier und da klang scharf eine Explosion herauf.
Leute, die unten gewesen, erzählten, daß man helle Flammen sähe.
Der Brand dauerte an, und damit sank die letzte Hoffnung.
Die Rettungsmannschaft war endlich eingefahren. Man hatte auf den Zechen Lecarts nur ungenügende Schutzapparate.
So waren Stunden vergangen, bis sie von fremden Zechen kamen.
Und jede Sekunde konnte über das Leben entscheiden.
Neuer Haß war dadurch entstanden, der sich in häßlichen Ausrufen Luft machte.
Nur die Hoffnung, noch Lebende da unten zu finden, dämmte die Erbitterung, welche in den Augen der Leute glimmte.
Ein Funken konnte zünden und die Massen zu blindwütigem Vorgehen veranlassen.
Ein Klingelzeichen aus der Tiefe!
Atemlos lauschen die zerlumpten Gestalten.
Die bleichen Gesichter drängen sich an das rostige Schachtgitter.
Es öffnete sich mit schütterndem Klirren:
»Glück auf!«
Zwei Leichen, verunstaltet und halb verkohlt, werden aus den Karren gehoben.
Tote!
Kein Wort wird laut.
Der Fahrstuhl verschwindet; die Grubenlichter versinken:
»Glück auf!«
Schluchzen erschüttert die Luft, leidenschaftliche Anklagen werden laut und machen sich in gellenden Schreien Luft.
Wieder kommen Tote.
Eine reiche Ernte! Lauter stille Gestalten, oft unkenntlich, mit verzerrten Gliedern.
Warum ist das Schicksal so erbarmungslos?
Warum?
Die Menge findet die Antwort. In Haß leuchten die Augen dem Herrenhause zu, von dem nur wenige Fenster licht scheinen.
Schlafen sie schon, während sie hier ihre Toten beweinen?
Ein Ton grenzenlosen Schmerzes klingt über die Fläche.
Ein Wortführer stellt sich an die Spitze.
Lange Zungen über das Blachfeld vorausschickend, wälzt sich die wütende Menge gegen Lecarts festes Haus.
Weiber und Kinder voran.
Prügel werden geschwungen; hier und da blitzt ein Messer.
Das Mondlicht zeichnet bleiche Schatten.
Klaus Tiedemann hört das Toben der Menge; ein zäher Widerstand bemächtigt sich seiner: er wird ausharren bis zum Ende.
Mit Augen, in denen der Wahnwitz flackert, sieht sein Kind zu ihm auf:
»Was wollen sie, Vater?«
»Ich weiß nicht.«
Er läßt das Haus schließen, das Parkgitter bietet Widerstand.
Es wird zum Aeußersten kommen!
Knurrend schnuppern die zwei riesigen Neufundländer an dem Gitter.
»Vater!«
»Was ist?« Er beugt sich zu ihr nieder und küßt sie auf die Stirn. »Was willst du?«
»Nimm mich weg,« stammeln ihre weißen Lippen, »nimm mich weg; wenn du mich hier läßt, geh' ich zugrunde.«
In tiefer Bewegung preßt er sie an sich:
»Ich bin ja bei dir, Kind, es kann dir nichts geschehen.«
Sie schüttelte den Kopf:
»Nicht jetzt, -- die fürcht' ich nicht. Dann, wenn er wieder da ist ...«
»Du meinst deinen Mann?«
Ihre Finger beben. »Nimm mich fort, er ist so roh; seinen Blick ertrag' ich nicht, Vater!« schreit sie auf und wirft sich ihm an die Brust. »Dort hat er gesessen und vor sich hin gestiert, dann hat er's getan.«
Der alte Mann beißt die Zähne zusammen; er kann's nicht glauben. Das Leben kann nicht alles stürzen, was er gebaut hat.
»Du siehst schwarz, Kind, -- deine Nerven sind übermüdet. -- Lecart hat dich gern wie ich.«
»Meinst du?« Sie bricht in gellendes Lachen aus. »Gern, das habt ihr mir damals gesagt, als ich eurem Willen widerstrebte. Lieber in Armut gestorben, als noch einmal so ein Leben! Gröden war nichts für mich, den habe ich nicht haben dürfen, weil er nichts hatte, kein Vermögen und keinen Namen, -- und Lecart hatte beides in euren Augen.«
In bitterer Verzweiflung klingt ihre Stimme: »Nun habt ihr euren Willen, habt eure Familie rein gehalten, so rein, daß der Schlechteste da draußen zu gut für euch ist.« Ihre Worte fallen wie klingender Stahl durch das Halbdunkel der Mondnacht, und ihr Vater beugt das Haupt, als nun die Anklage laut wird, die er nicht zu Worte kommen lassen wollte, aus verfehlter Liebe zu seinen Kindern. »Bei den Armen, da ist es Berechnung eines verfehlten Lebens, wenn er nach dem Gelde greift, ohne Liebe, bei uns ist es ein Verbrechen, wie die Sonne kein ärgeres bescheint, wenn wir dem Herzen nicht seine Stimme lassen, sondern schachern, noch immer nicht froh unseres Besitzes.« Ihre Hand klagt ihren Vater an. »Du, du ganz allein hättest auftreten können, hättest mir mein Recht wahren sollen, das einzige, das schönste, das wir besitzen. Du hast dich gebeugt und hast geschwiegen, als meine Mutter ihren Plänen folgte. Schritt für Schritt mit der Unermüdlichkeit eines kranken Willens. Sie sah die Welt vom Krankenbett und in den engen Grenzen ihrer einseitigen Erziehung. Du aber hast dich selbst durchgerungen, bist in der Welt herumgekommen wie kaum einer, und hast doch nicht den Mut der eigenen Ueberzeugung gehabt! Vater, Vater, du weißt nicht, was ich gelitten!! Vom ersten Tage der Ehe an war es ein Kampf! Ich ließ mich betören von euren Reden, ihr wolltet ja stets keine Verantwortung übernehmen, das war euch das Wichtigste. Ich glaubte eueren Vorstellungen, ihr spieltet ja so breit euere Erfahrung auf, und ich war ein unerfahrenes Kind, das kaum wußte, was Liebe sei. So bin ich euch gefolgt! Ich war meinem Manne stets nur ein Mittel seiner Leidenschaft und seiner Berechnung. Deinem Schwiegersohne öffneten sich viele Türen, die vordem verschlossen gewesen! Oft hab' ich innerlich geschäumt, wenn er gegen dich den Hochgeborenen herausdrehte und du es dir bieten ließest in deiner Schwäche. Vater, weißt du, was es heißt, an einen Menschen gekettet sein, den man haßt?« Ihre Augen sprühen Blitze. »Nächtelang bin ich neben ihm gelegen und habe geflucht: ihm und mir. Vor dem Altar, als er uns auf ewig verband, hat der Priester Gottes Worte gesprochen: ‚Wenn mich zwei Menschen in der Liebe um etwas bitten, es soll ihnen gewährt sein.’« Wieder schüttert ihr schrilles Lachen. »Ja, ich habe gebetet -- aber nicht um ein Kind, nein, um unser beider Tod!«
Sie tritt näher. Wie eine Mahnung klingen ihre Worte:
»Du bist auf falschen Wegen mit all den Deinen! Es ist die letzte Stunde, Vater, kehr' um, ehe es zu spät ist. Leo ist tot. Wer wird der Nächste sein? Willst du die ungeheure Schuld tragen, mit starrem Sinn ins Unglück rennen? Hör' nicht auf Fred, hör' auf niemanden, hör' nur auf dich allein!« Sie faßt mit schlagenden Armen ihres Vaters Rechte. »Laß Hilde mir nicht nachfolgen, laß es genug sein an mir!«
Sie hebt den Kopf in atemloser Spannung.
Die Hunde vor dem Hause schlagen an; die rauhen Stimmen zerreißen die Stille der Nacht.
Ihr fällt der Kopf nach rückwärts. Klaus Tiedemann horcht, sein Kind in den Armen.
Wüste Rufe kommen näher.
Er sieht in Clos starre Augen, die tief in ihren Höhlen liegen. Sein Kopf ist dumpf, ein eiserner Druck hält ihn gefangen.
Das ist die Frucht seines Lebens!
Tief beugt er sich herab: ihre Blicke hängen ineinander. Nicht Vater und Kind sind es, die nun rechten, es ist Mann und Weib.
»Höre mich!« Schwer kämpft sich Tiedemanns Stimme aus der Brust. »Ich bin aus niederem Stande und hab' vieles erst im späten Leben kennengelernt, was euch als Kinder schon geläufig war. Ich hab' lange Jahre nur den Gedanken gehabt, Geld zu verdienen und dadurch etwas in der Welt zu werden.«
Er stockt und will schweigen, doch die lauten Rufe lösen ihm die Zunge; sie prallen an die Wände und hallen in langen Wellen. Wer weiß, ob er überhaupt in wenigen Minuten es noch wird sagen können? Das Geheimnis seines Lebens!
Mit heiserer Stimme, den Blick scheu um sich werfend, keucht er: »Ich war auch ein Mensch von Fleisch und Blut und hab' geglaubt an den Inhalt der Welt! Ich hab' mir ein Weib genommen aus niederem Stande, wie ich es selbst war, drüben über dem Wasser. Sie sollte mir beistehen, sollte mir die trüben Gedanken scheuchen, wenn ich müde nach Hause kam. Und sie hat es getan -- ein paar Jahre lang. Da hab' ich den Grundstein gelegt. Da hab' ich Riesenkräfte gehabt. Dann haben wir ein Kind bekommen -- Gerhard. Nun hab' ich erst recht gewußt, wofür ich arbeite. Wochenlang hab' ich keinen anderen Gedanken gehabt als Geschäft und Geld! Nicht aus Habsucht, nein; für meine Familie! Ich hab' wenig Zeit gehabt: Da hab' ich's nicht merken können -- in meinem eigenen Haus!«
Die Stimme überschlägt sich. Unten heulen die Hunde gegen das Gitter.
»Sie hat mich betrogen, ist mit einem anderen davon, hat mich allein gelassen mit meinem Kinde. Damals«, Klaus Tiedemanns Stimme hob sich, »hab' ich den Glauben abgeschworen, hab' ich alles von mir getan. Keine Plage war mir zu viel gewesen; jede Erniedrigung hab' ich ertragen für mein Weib, das war mein Lohn! Mich hat es drüben nicht mehr gelitten, ich bin herüber, hab' mein Kind im Stich gelassen und alles andere. Vom Anfang hab' ich wieder begonnen. War es früher Ehrgeiz, der mich trieb, so war es nun Haß! Ich bin schwindelnd gestiegen; sie sollte von mir hören da draußen irgendwo in der Welt, sollte sich eingestehen müssen, daß sie einen schlechten Tausch getan ... So bin ich einsam geblieben lange Jahre; dann hat mich wieder die alte Sehnsucht gefaßt, ich wollte Frau und Kind haben. Doch nun wollte ich der Herr sein, darum hab' ich mir ein Weib gekauft -- deine Mutter! Es war Wahnsinn, aber Wahnsinn aus bitterer Seelennot. Ich erwartete nichts mehr, sie gab mir nichts. Ich wollte nur euch, auf euch hab' ich alles übertragen, was die andern von mir nicht nehmen wollten -- meine Liebe. Ich war stets unscheinbar, meine Geburt hing an mir mit eisernen Ketten, -- so wollte ich mir in euch jemanden ziehen, der an mich glaubte. Ich hab' eure Mutter unterschätzt. Sie entriß mir Stück um Stück. Da hab' ich zum Schluß in alles gewilligt; mein Leben war im unnützen Kampfe vertan.« Mit starren Augen sah er zur Erde. »Einst hab' ich an Liebe geglaubt, da ward' ich betrogen; da ich anders dachte, erst recht!« Er bricht jäh ab; die Tür fliegt auf: Gerhard steht auf der Schwelle. »Sie sind da!«
Ein Hagel von Steinen zerschellt die Fenster. Dumpfes Geheul, das durch die zerbrochenen Scheiben sich doppelt und dreifach verstärkt, übertäubt das Todesgewinsel der niedergeschlagenen Hunde.
Ein Schuß fällt aus dem unteren Stockwerk.
»Der Jäger.« Clo Lecart zerrauft sich das Haar; ihre schrillen Schreie erschüttern Vater und Sohn, ihre bebenden Lippen stammeln irre Laute.
Scheiben klirren, Steine fliegen.
»Hilfe!« Clo krallt sich in ihres Vaters Kleider. »Hilf, Vater! Dein ist die Macht, und dein ist die Herrlichkeit, dein Wille geschehe auf Erden, vergib uns unsere Schulden.« Ihre Augen flackern.
Klaus Tiedemann steht regungslos und horcht dem donnernden Toben der Menge, das näher dringt und näher.
»Da!« Mit zitternden Händen preßt ihm sein Kind die Waffe in die Hand. »Ich hab' sie lange getragen, ich war zu feig dazu; rette mich Vater, rette mich! Das Leben ist so schön, und ich bin noch so jung.« Wimmernd kriecht sie auf dem Boden und schlägt sich die Brust. »Zu uns komme dein Reich. Unser täglich Brot gib uns heute.«
Klaus Tiedemann hebt den Kopf. Die Waffe klirrt zu Boden.
Gerhard reißt sie an sich. Wieder steht er regungslos.
Sein Vater hat die Tür geöffnet und ist auf den Balkon getreten.
Tobendes Brüllen und Geschrei empfangen ihn; Steine prasseln.
Der Garten wimmelt von Menschen.
»Leute!« ...
Sie heben die Köpfe; noch zweimal wiederholt er den Ruf.
Seine Stimme übertönt die Menge und hallt weit über die Fläche.
Sie stoßen sich an; murrend faßt die Hand fester den Stein.
»... Seid ihr Menschen oder seid ihr wilde Tiere? Seid ihr Vater und Mutter, habt ihr Weib und Kind, oder seid ihr tolle Hunde? Habt ihr all eure Vernunft vergessen, daß ihr nicht des Morgens denkt? Wollt ihr ein Leben lang im Kerker sitzen? Seid ihr Mörder oder Arbeiter? ...«
Mit donnerndem Prall fährt seine Stimme über die Menge.
»... Ihr seid betrogen und belogen. Wen sucht ihr? Lecart ist nicht hier! Ein großes Unglück ist geschehen; doch wir sind alle Menschen, und jeder Augenblick kann uns den Tod bringen. Wenn jemand die Schuld trägt an eurem Unglück, es soll gesühnt werden. Lecart wird seiner Strafe nicht entgehen. Das sage ich euch, Klaus Tiedemann, der so arm war wie ihr, der sich aus eigener Kraft herausgerungen hat, ohne deswegen glücklicher zu werden. Jede Witwe und jede Waise, jeder, der Einbuße an seiner Gesundheit litt, soll reichlich entschädigt werden. Dafür habt ihr mein Wort! Wir wollen gemeinsam trauern und die Toten begraben. Was kann der Mensch anderes tun? Was wollt ihr sonst? Wollt ihr das Weib, das weinend drin auf dem Boden liegt und die Gemeinschaft mit ihrem Manne verflucht? Wollt ihr meinen Sohn morden, der mit euch die Toten bergen half, der denkt wie ihr, der mit demselben glühenden Haß gegen mich ausgerüstet ist wie ihr? Mich?« Klaus Tiedemanns Stimme wird leise. »Mich? Wenn ihr wollt, so tut es, mir ist nicht leid um mein Leben; ich hab' Schweres erlitten und meine Kinder nicht glücklich gemacht.« Wieder hebt er den Kopf; er sieht Hunderte von Augen auf sich gerichtet, sie geben ihm alte Kraft. »Aber _eines_ müßt ihr bedenken! Ich zahle das Geld, das euere Witwen und Waisen erhalten soll, Lecart tut es nicht, kann es nicht! Wollt ihr die Eueren bestehlen? Was bleibt euch? In wenigen Stunden werden die Gendarmen hier sein; schon sind sie unterwegs. Sie werden schrecklich Gericht halten, und ihr werdet noch mehr zu beweinen haben als jetzt. Kehrt ihr in Ruhe zurück, so soll keinem ein Haar gekrümmt werden, ich selbst will Fürbitte einlegen. Der Lohn soll erhöht werden. Ihr könnt euere Bitten vorbringen, von heut ab bin ich euer Herr! Nicht vergessen will ich, daß ihr Menschen seid! Seht nach eueren Toten! Ich komme zu euch. Ich werd' euch helfen, die schwere Last zu tragen.« Klaus Tiedemann beugt das schneeige Haupt hinab; sein Blick überfliegt die Reihen, die in tiefer Stille stehen; polternd fallen ein paar Steine zu Boden. »Und glaubt mir, nicht Geld macht glücklich; ich war es mehr, als ich arm war und als ich lebte wie ihr. Laßt Haß und Neid beiseite, da drüben liegen die Toten! Wer weiß, wie die jetzt reden würden ...«
Er schweigt.
Von unter klingt gedämpftes Flüstern und Scharren vieler Füße.
Die Gruppen lösen sich.
Klaus Tiedemann tritt zurück.
Durch das ungewisse Mondlicht glänzen ihm Gerhards Augen entgegen.
Gleich am nächsten Tage war Clo Lecart zu ihrer Schwester gereist. Nur weg vom Besitze Lecarts!
Es war ein stummes Wiedersehen.
Sie sprachen wenig.
Hilde war erst besorgt gewesen, ihre Schwester die schrecklichen Stunden, die sie mitgemacht hatte, vergessen zu lassen. Doch zu allen Versuchen schüttelte Clo traurig den Kopf:
»Laß gut sein, Hilde, das wird für mich nimmer anders.«
Nach solchen Worten sah sie wieder mit starren Augen in das Grün des Waldes, der sich mit herbstlichen Farben zu schmücken begann.
In Hilde war frohe Zuversicht, seitdem sie von Hansens Werk wußte.
Sie hoffte auf die Zukunft mit allen Nerven des liebenden Weibes.
Auch Vater mußte nun einsehen, daß er sich in ihm getäuscht hatte, daß seine Ansichten irrige gewesen.
Klaus Tiedemann hatte wenig Zeit für seine Kinder.
Es gab viel zu tun durch Lecarts Zusammenbruch.
Als sie sich das erstemal wieder gegenüberstanden, hatte Lecart den alten Ton versucht. Doch Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf:
»Jetzt reden wir anders.«
Lecart wollte nicht einsehen, daß er seine Rolle ausgespielt hatte. Mein Gott, dachte er, die Zeche, die ließ sich wieder in Betrieb setzen, die Geldgeber warteten schon, wenn Klaus Tiedemann hinter ihm stand. Der würde doch nicht den Skandal vor aller Augen wollen, und überhaupt was sagte Clo zu all diesem?
Als er Tiedemanns Antwort erhielt, senkte er den Kopf, um eine Nuance bleicher:
»Das sind Ausgeburten kranker Nerven; ich verstehe dich nicht, wie du, ein klar und nüchtern denkender Mensch, so etwas glauben kannst.«
Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf:
»Sie ist ein armes, durch uns beide ruiniertes Geschöpf.«
Lecart kannte seinen Schwiegervater nur mehr in wenigen Zügen. Er war ein anderer geworden seit jener Schreckensnacht.
Es schien, als sei er sich seines Menschenwertes erst klar geworden, als er allein gegen die Masse stand, und doch obsiegte.
Nun trug er den Kopf aufrecht und brach mit manchem, das er früher geduldet hatte.
Ein neuer Hauch war in sein Haus eingezogen.
Gerhard und er saßen oft bis in die Nacht hinein: sie besprachen die Zukunft des Lecartschen Besitzes.
Auch die Mansbergschen Fabriken standen still.
Bei der zuständigen Bergbehörde war Anzeige gegen Lecart erstattet worden wegen Fahrlässigkeit in den Ventilations- und Sicherheitseinrichtungen. Es hieß, er hätte alle Vorschriften außer acht gelassen, um nur möglichst viel aus seinen Gruben herausschlagen zu können.
Mehr als neunzig Menschen hatten bei dem Raubbau ihr Leben gelassen.
Lecart lachte über die Anklagen. Gegen welchen Herrn waren die Arbeiter nicht? Doch es war ein häßliches, gezwungenes Lachen.
Auch über die Spiritusfabriken wußte er keine rechte Auskunft zu geben.
Es war eben eine verunglückte Spekulation. Die Baisse war allzuschnell gekommen; da war es klüger, man ließ den Betrieb ruhen.
Fred Tiedemann hätte mit ein paar Worten Aufklärung geben können, doch er kam erst in zwei Wochen zurück. Er schrieb begeisterte Ansichtskarten von seiner Tour. Auch zum Dichten hatte er sich aufgeschwungen:
»Man wird ein anderer Mensch in der freien Natur, das sieht man an jedem Bauernbua ...«
Die Karte trug der Wolny Unterschrift.
Fred beteiligte sich noch an einer Tourenkonkurrenz, bevor er heimkehrte:
Der Automobilklub des Nachbarstaates unternahm einen Besuch in die befreundete Hauptstadt.
Mehr als hundert Herren der ersten Gesellschaftskreise galten als Teilnehmer. Auch ein Prinz des kaiserlichen Hauses hatte gemeldet. Da durfte Fred Tiedemann nicht fehlen.
In einer Nachschrift schrieb er, daß er von Lecarts Mißgeschick in einer Zeitung gelesen hätte und daß er hoffte, daß dies Unglück weiter keine unangenehmen Folgen haben würde.
Mit lauten Worten sprach Hilde ihren Aerger über Freds Art aus, doch Klaus Tiedemann riet zur Mäßigung.
Er begann sich wieder ins Geschäft einzuleben. Keiner hielt strenger die Arbeitsstunden ein als er.
Vieles war zu erledigen und zu besprechen.
Die Gläubiger Lecarts drängten auf Klärung seiner Lage, sie wollten ihre Schritte danach einrichten. Wenn ihn sein Schwiegervater nicht hielt, war er verloren.
Klaus Tiedemann wollte alles möglichst rasch zu Ende bringen, schon um Clos willen, die von Tag zu Tag nervöser wurde.
Die Ehegatten hatten sich seit Lecarts unfreiwilliger Rückkehr nicht gesprochen.
Keiner der beiden Teile verlangte danach. Die Abrechnung kam ...
Klaus Tiedemann sah abermals zur Tür und horchte.
»Lecart ist noch immer nicht da.«
Gerhard saß ihm gegenüber und nickte.
Görnemann hatte eine zweistündige Besprechung mit seinem alten Chef gehabt.
Es war ihm nun leichter ums Herz, er hatte sich alles Drückende von der Seele geredet.
Klaus Tiedemann grübelte und blätterte in den Papieren, die den Tisch in hohem Stoß bedeckten.
Große Summen standen auf dem Spiel:
»Ich verstehe nicht, wieso Fred die Fabriken so stark belehnen konnte; es ist ja mehr, als sie überhaupt wert sind!«
»Das war stets unser Streit, Vater; ich hätte keinen Heller gegeben.«
Klaus Tiedemann seufzte:
»Wenn wir sie übernehmen, ist der Verdienst von ein paar Jahren hin.«
»Und doch werden wir es tun müssen.«
Wieder schwiegen beide.
Gerhard hatte einen Bleistift ergriffen und rechnete auf einem Blatt Papier herum.
Es war ganz still; nur vom Vorraum hörte man das Klingeln des Telephons.
Dann hob Gerhard den Blick:
»Wir sind die Hauptgläubiger; wenn wir alles aufgeben, verlieren wir zuviel! In ein paar Jahren kann man wieder anfangen zu verdienen; wir haben ja manches Etablissement, das passiv ist.«
Nachdenklich sagte sein Vater:
»Nur sehe ich kein Mittel, wie man das Ganze wieder hoch bringen kann.«
»Doch, Vater, du mußt bedenken, daß er alles hat verkommen lassen, daß er von der Fabrikation nichts versteht. Er hat die Fabriken doch nur gekauft, um seinen Gläubigern damit die Augen auszuwischen -- alles andere war ihm gleich. Wenn man geschickt arbeitet und die Schnaps- und Branntweinproduktion auf ein bescheidenes Maß einschränkt, so läßt sich viel erreichen. Ich würde das Hauptgewicht auf die Spiritusfabrikation legen. Spiritus kann heutzutage die Konkurrenz mit allen flüssigen Brennstoffen aufnehmen. Der Nutzeffekt ist glänzend, die Herstellung nicht allzu teuer und die Preise nicht schlecht. Da läßt sich schon etwas machen. Als Ersatz für Benzin und Petroleum hat er große Vorzüge. Bei unserer ausgedehnten Landwirtschaft können Spiritusmotoren als Lokomobilen ausgezeichnete Verwendung finden. Natürlich müßte man die Kartoffeln soviel als möglich selbst bauen. Zum Beispiel in den Kohlenrevieren; statt daß man Getreide baut oder Wiesenland läßt, müßte man alles in Kartoffeläcker umwandeln. Das Klima und der Boden sind günstig die Fracht ist billig -- auf die Art könnte man beide Unternehmungen gewissermaßen vereinigen.«
Klaus Tiedemann nickte:
»Hätte man das vor Jahresfrist getan, so stünde die Sache anders.« Er trommelte mit seinen Fingern auf den Tisch und seufzte. »Na, wer weiß, wozu die Sache gut ist! ...«
Er sprach nicht weiter, denn Lecart trat ein:
»Guten Tag!«
Er sah schlechter aus als sonst.
Als ob nichts geschehen wäre, bot er Tiedemann die Hand; Gerhard ignorierte er in alter Gewohnheit.
Er reichte seinem Schwiegervater das Tabatiere, das voll von Zigaretten war:
»Willst du dir nicht nehmen? Ich habe sie erst heute frisch bekommen!«
Als er keine Antwort erhielt, zündete er sich selbst eine Zigarette an und legte die Beine übereinander, daß das magere Bein im schottischen Strumpfe sichtbar wurde. Den Rauch vor sich hin blasend, sagte er dann:
»Also machen wir die Sache rasch ab!«
Klaus Tiedemann nickte.
»Ich würde am liebsten _allein_ mit dir sprechen«, sagte Lecart.
»Gerhard bleibt!«
»Bitte«, mit nachlässiger Bewegung warf sich Lecart in den Sessel zurück und sah nach dem Plafond.
Das hatte er denn doch nicht notwendig, sich von den Pfeffersäcken etwas gefallen zu lassen!
Es war gerade genug, daß er ihnen Rede stand!
Tiedemann wich Gerhards Blicken aus.
Er ordnete die Papiere und legte sie vor Lecart:
»Hier hast du die Schuldverschreibungen und alles bezüglich der Mansbergischen Liegenschaften.«
Lecart tat einen kurzen Blick:
»Das kenn' ich. Was weiter?« Er warf die Lippen auf und schob die Hand in die Tasche.
Aerger überkam Klaus Tiedemann über des anderen Art, doch er zwang sich zur Ruhe:
»Du mußt dich jedenfalls äußern, wie du dir die Zukunft denkst.«
Lecart lachte spöttisch. »Das ist gerade so, als wenn die Henker des Delinquenten Pläne für sein späteres Leben anhören. Die Vorschläge mußt wohl du machen.«
Der Alte schüttelte den Kopf:
»Es ist dein Besitz, um den es sich handelt.«
»Auf dem Papier!«
»Da hast du leider recht.« Tiedemanns Stimme ward lauter. »Wäre es nach mir gegangen, wir hätten diesen traurigen Ruhm nicht. Du mußt großen Einfluß auf meinen Sohn ausgeübt haben, daß er dich so unterstützte.«