Lebenswende

Part 7

Chapter 73,887 wordsPublic domain

Es gab nichts, was Menschen auf ewig verband. Es war alles Trug! Die Ehe, die Liebe, die Freundschaft. Sie hielten nur zusammen, solange alles glatt ging; beim leisesten Windhauch floh das eine und ließ das andere allein. Wenn ihm sein Kind starb? Wer trug die Schuld? Die Eltern, die es ins Leben gesetzt? Er, der er zu schwach gewesen mit ihm? Oder niemand, und war alles nur blinder Zufall?

Er war schon über die Fünfzig, als Leo geboren wurde. Vielleicht hatte er ihm zu wenig Kraft gegeben? Ein hartes Leben lag hinter ihm; doch Klaus Tiedemann hatte stets seine Kinder zu stärken gesucht. Er hatte Individualitäten in ihnen gefunden, gleich, ob sie vorhanden gewesen waren oder nicht. Sie ließen sich nicht künstlich züchten. Dem Weibe hatte er die Eigenart geleugnet und gerade das schien sie zu haben: Hilde blieb bei ihm als Gefährte der ängstlichen Stunden ...

Sie saß ihm zur Seite und horchte mit ihm auf das kurze, schnelle Atmen Leos, das durch die angelehnte Tür drang.

Und wenn der Kranke sich drin bewegte, dann legte sie ihm die kühle Hand auf und streifte mit ihren heißen Lippen seine faltige Stirn, ehe sie nachsehen ging.

Der Sonntagnachmittag strich vorüber, still und lang; noch immer war Leo nicht aufgewacht.

In leisem Gespräche saßen Vater und Tochter:

»Dann muß er gleich nach dem Süden, auf längere Zeit, Papa! Mit dir; das wird dir auch gut tun.«

»Ich kann von hier nicht weg! Du mußt mit ihm gehen, Hilde.«

»Aber Papa, was hast du denn hier zu tun?«

Klaus Tiedemann lächelte traurig:

»Nichts.« Er näherte seinen Mund ihrem Ohr. »Ich kann Fred nicht allein lassen.«

»Warum?«

»Das weiß ich nicht.« Er schüttelte den Kopf. »Mir ist angst, Hilde.« Er legte seinen Kopf am ihre Schulter. »Ich glaube immer, nun fängt das Unglück an. Das Leben ist auf unsere Ruhe eifersüchtig geworden -- nun müssen wir es büßen.«

»Was du dir für trübe Gedanken machst!« Hilde hatte für ihren Vater noch nie einen so herzlichen Ton gefunden. »Im Gegenteil, das ist jetzt nur eine vorübergehende Trübung, damit wir uns nachher desto mehr freuen können.«

»Worauf denn?«

»Na, hörst du, Papa, auf viel! Jetzt wird Fred und später Leo dir eine liebe Tochter ins Haus bringen, dann wirst du Großpapa und hast ganz kleine, süße, winzige Enkelkinder.« Hilde schmiegte sich an ihren Vater; von ihrer Rede, die sie begonnen hatte, um ihn zu zerstreuen, floß langsam der Inhalt auf sie über und nahm sie gefangen in ungeahnter Seligkeit. Sie legte den Kopf an ihn; er streichelte sie.

»Du bist gut, Hilde!« Klaus Tiedemann empfand die Weihe dieser Stunde, die ihm ein Kind zu eigen gab.

Sie saßen eng aneinandergelehnt und schwiegen.

Dann, als schämten sie sich ihrer Stimmung, begannen sie vom Feste zu reden, von diesem und jenem, das ihnen aufgefallen war. Als Hansens Name fiel, wurde sie schweigsam. Immer wieder kam Klaus Tiedemann auf Olthoff zurück. Er erhielt nur spärliche Antworten.

Schon dunkelte es, da klang eine schwache Stimme aus dem Nebenzimmer: »Papa?« Etwas Fremdes griff Klaus Tiedemann nach dem Herzen. Sein Kind verlangte nach ihm, mit dem ersten Laute des wiedererlangten Lebens. Er ging auf den Zehenspitzen zur Tür. »Vorsicht, Papa!« Hilde hielt den Finger auf den Mund. Er nickte und trat ein.

Die Dämmerung lag in den Ecken des Zimmers und ließ Leos Gestalt in den weißen Kissen undeutlich erkennen.

»Verzeih! mir, Pa!«

»Kind, bleib ruhig und sprich nicht viel.«

Er küßte den Sohn auf die eiskalte Stirn, auf der Schweißtropfen standen.

»Nicht fortgehen, Pa!«

»Nein, Kind, ich bleib' bei dir.«

Er ließ sich am Fußende des Bettes nieder und nahm Leos schmale Hand. Sie saßen minutenlang schweigend, und aus dem dunklen Fleck, den Leos Gesicht in der beginnenden Dunkelheit gab, leuchteten in fremder Kraft seine Augen. Dann begann er wieder: »Verzeih' mir; ich weiß, ich hab' dich betrogen.«

Ein Zittern lief durch seine Gestalt.

»Laß doch, Kind!«

»Nein, Pa, ich muß dir das noch sagen: du hast mir immer zu viel nachgegeben, drum bin ich auf solche Gedanken gekommen. Du hast immer auf mich Rücksicht genommen und ich gar nicht auf dich! Du bist zu gut zu mir gewesen, du hättest mit mir nicht über alles reden sollen. Ich habe bis heute nacht«, ein Schauer schüttelte ihn, »an gar nichts geglaubt, vor gar nichts Achtung gehabt, -- nun«, seine Stimme nahm hohle Färbung an, »verstehe ich das Leben.« Er suchte sich aufzurichten: »Nur das Leben in uns hat Wert, nicht das Gefühl, gelebt zu haben.«

Erschöpft hielt er inne, Klaus Tiedemann regte sich nicht. In seinem Kopfe hämmerten die Pulse. Sein Kind sprach Worte, die er vergebens gesucht hatte ein Leben lang: Aeußerlichkeiten des Lebens, Reichtum und Stellung waren Ereignisse untergeordneter Wichtigkeit gegen das, was im Menschen lebte und ihn führen konnte zu innerem Glück. Das _innere_ Glück!

Klaus Tiedemann stand langsam auf:

Leo war aus Ermattung wieder in Schlaf gefallen. Klaus Tiedemann horchte: Unruhig ging Leos Atem; abgerissene Worte kamen auf seine Lippen. Herbe Angst befiel den alten Mann; er tastete sich zur Tür: »Man muß zum Arzt, Leo gefällt mir gar nicht, er fängt zu phantasieren an!«

Schon war Hilde in die Höhe.

Klaus Tiedemann horchte wieder:

Ein kalter Hauch lief ihm über den Rücken.

Hatte er sich getäuscht?

Hatte Leo geröchelt?

Er zwängte seinen Kopf in die Türspalte. Er hörte nichts.

Hatte er zu atmen aufgehört?

Er machte ein paar leise Schritte vorwärts und brach in die Knie:

Leos Gestalt hing vornüber aus dem Bette, vor dem das Blut mit dunklem Flecke stand. Leos Augen waren glasig aufgerissen -- er war tot.

Von unten klang die Hupe eines Automobils; Fred Tiedemann kam mißmutig vom Rennen zurück; »Franklin« war geschlagen worden.

Gleich nach Leos Begräbnis hatte Klaus Tiedemann sein Landhaus bezogen.

Es litt ihn nicht länger in der Stadt. Die vielen Menschen taten ihm weh.

Stundenlang saß er allein am Waldrand, von dem der Blick hinüberschweifen konnte über Täler und Höhen nach der Stelle, wo sein Kind ruhte.

Ein starrer Zug stand auf seinem Gesichte, und die Augen sahen einwärts in verzehrendem Feuer.

Nie sprach er das in Worten aus, was in ihm vorging. Nur hier und da nickte er aus solchen Stimmungen heraus Hilde zu. Es war ein stummes Trostsprechen, daß er wieder anders werden wollte; man sollte ihm nur Zeit lassen, sich zurechtzufinden.

Dann gingen sie stumm nebeneinander durch den träumenden Wald nach Hause.

Das Zimmer, das Leo in den Ferien stets bewohnt hatte, betrat er nicht.

Zu lebhaft standen noch die Erinnerungen der letzten Wochen im Vordergrund.

Oft preßte er die Hände an die Ohren, damit endlich daraus der Klang der polternden Schollen weiche, die auf Leos Sarg hämmerten und seine Ruhe störten. Noch immer hörte er Heinz Behrens' ungeschlachte Stimme:

»Du tust mir leid, Tiedemann, du hast Unglück in deiner Familie; er war ein lieber Mensch, und meine Kleine kann sich kaum trösten.« Dann hatte er mit seiner groben Hand die Tränen aus den buschigen Wimpern gewischt und war gegangen.

Jan Wolny hatte stumm daneben gestanden mit zusammengepreßten Lippen, den Kopf gesenkt. Nur als Hilde aufschluchzte in bitterem Schmerze, hatte er aufgesehen, und sein Blick war zu Fred Tiedemann hinübergeflogen, fragend und mahnend.

Fürst Solt hatte ein paar Worte gesprochen, eckig und schlicht, wie der Mensch so schwach sei und einen nach dem anderen fallen sehen müßte, bis er selbst daran käme. Er war der letzte seiner Familie und ihm traten die Tränen in die Augen.

Ueber den Zinskasernen stand rot die untergehende Sonne, als sie zurückfuhren in ihr stillgewordenes Heim ...

Immer wieder zogen die Bilder an Klaus Tiedemann vorbei.

Tief gebeugt trug er den Kopf.

Wenn der Mond aufstieg, saß er bis in die Nacht hinein und horchte dem Lispeln der Birken, die mit ihren langsam wandelnden Schatten Zwiesprache hielten.

Sternschnuppen fielen durch die Nacht.

Wohl blieben ihm noch drei Kinder. Gerhard hatte nach Leos Tod nicht mehr vom Weggehen gesprochen; doch die Schuld blieb auch.

Immer wieder grübelte Klaus Tiedemann nach, ob es Bestimmung sei, die Leo so früh abberufen, oder ob, in anderer Umgebung aufgewachsen, er zu halten gewesen wäre.

Hatte Hilde recht gehabt mit ihren Warnungen?

Nichts gab Antwort!

Hilde war ihm nähergetreten seit jenem stillen Nachmittag, an dem sie sich in Angst um Leo fanden.

Sie war die einzige, deren Gegenwart er ertrug.

Sie ging stundenlang stumm neben ihm her und spann ihre eigenen Gedanken, die von denen ihres Vaters nicht allzusehr verschieden waren.

Sie folgte seiner gebeugten Gestalt; er schritt mit den Händen auf dem Rücken querfeldein über die Ackerschollen; sein weißes Haar flog im Abendwinde.

Um sie war die Ruhe des sinkenden Tages.

Schon saßen die Schatten in den Waldecken und färbten sie bläulich. Langsam zog der Rauch von den Bauerngehöften.

Er blieb stehen.

Dann fragte er mit schweren Worten ganz unvermittelt:

»Glaubst du, daß es Hansen ehrlich meint?«

Ehe sie noch Antwort geben konnte, ging er weiter, den Kopf gesenkt, als sei er sich nicht bewußt, gesprochen zu haben.

Als sie die Höhe erreicht hatten, sah er sie fragend an:

»Nun?«

In seinem zermarterten Gesicht war die Sorge, die ihn zerfraß.

»Ja, du kannst ihm vertrauen.«

Er wiegte den Kopf hin und her:

»Er hat so aufrichtig darein gesehen an Leos Grab. ‚Wer weiß, ob das Leben nicht nur Vorbereitung ist auf den Tod, das wahre menschenwürdige Sein, das dann erst beginnt; darum wollen wir ihm die Ruhe gönnen’, so hat er gesagt, Hilde, damals. Ich weiß es Wort für Wort!«

Er hielt inne, um seines Schmerzes Herr zu werden, der bei der Erinnerung vorbrach. Dann begann er wieder in ferner Gedankenqual: »Es ist so schwer, das Rechte im Leben zu treffen, jedes Wort ist so verantwortungsvoll; ich hab' immer das Beste gewollt ...« Ein stockender Seufzer schwellte seine Brust: »Leo ist tot, Clo muß auch nicht glücklich sein: sie hat so geweint am Grabe und mich gebeten, ihr beizustehen, wenn's mal so weit mit ihr ist.« Er nickte ein-, zweimal: »So hat es kommen müssen.«

Ueber das Wolkengrau im Westen lief ein fahler Schein. Ferner Donner grollte über die Felder, auf denen die Grillen sangen.

Hilde legte sich tröstend an den Mann, dem sein Lebensabend so unfroh geworden war.

»Hab' Vertrauen, Vater, es kommen wieder fröhliche Tage.«

Er machte sich los und sah ihr tief in die Augen; dann fragte er: »Liebst du Hansen?«

Sie zuckte zusammen.

Wie mußte es Vater aufnehmen, wenn sie ihn auch verlassen wollte? Doch vielleicht war jetzt die richtige Stunde, seinen Widerstand zu besiegen. Seine Augen ruhten ernst auf ihr, beinahe ängstlich, als hoffte er auf ein Wort, das ihm wieder Glauben leihen sollte fürs Leben. Sie sah nach dem roten Fleck jenseits der Berge, wo die Sonne gestorben war, und richtete sich auf:

»Ja«, sagte sie mit festem Wort.

Eine Weile stand er regungslos. Dann sagte er heiser: »Hilde, so ein Wort bindet auf ewig und ist doch zu leicht gesprochen. Du mußt ihn lieber haben als dein eigenes Leben, mußt es freudig für ihn geben! Kannst du das?« Angst redete aus seinen Worten.

Sie nickte.

»Du mußt nur an ihn denken! Jede seiner Sorgen ist eine doppelte für dich. Du mußt auf alles verzichten können für ihn.«

»Das kann ich.«

Er sah sie an mit flackernden Blicken. In seinen Augen kämpften fremde Gewalten. Sie gewannen die Oberhand. »Das hat noch jede gesagt,« seine Finger griffen erregt durch die Luft, die heiß wie Brodem über die Felder strich, »noch jede!« Er lachte, daß die Laute schneidend Hilde ins Ohr gellten, »in Schwüren gelobt und nie gehalten. Das Weib ist schwach und elend!« Er richtete sich auf: »Daß du mir nimmer davon sprichst! Du bist ein töricht Kind. Das einzige, was Bestand hat, ist Geld, und das hat Hansen nicht.«

»Vater!« In heißer Entrüstung flammten Hildes Augen.

»Schweig!« Klaus Tiedemann wendete den Schritt: »Das Wetter zieht näher; wir wollen nach Hause gehen.«

Als der Hochsommer kam, war Klaus Tiedemann ein anderer geworden.

Er dachte ruhiger über Leos Tod.

Die zähe Lebenskraft hielt ihn am Leben fest.

Fred Tiedemann kam selten; er konnte die Großstadt nicht missen mit ihren Vergnügungen und Zerstreuungen. Oder wenn: Vor wenigen Tagen hatte er sich verabschiedet; er gedachte zu seiner Erholung eine längere Automobiltour zu unternehmen. Baronin Wolny würde ihn dabei begleiten.

Als Klaus Tiedemann darüber den Kopf schüttelte, lachte er überlegen:

»Papa, du bist ein Philister. Das ist heute allgemein üblich, daß man gemeinsam Reisen macht.«

»Sie hat doch einen erwachsenen Sohn?«

»Eben deswegen, -- der braucht sie gewiß nicht mehr. Weißt du,« fuhr Fred fort, »wenn ein Mann den Weibern gefällt, so kann er alles mit ihnen machen, gleich wer die Frau ist; natürlich« -- sein Blick umfaßte seines Vaters Konturen -- »muß er tadellos gebaut sein und ruhende Kräfte in sich tragen, sonst ist's besser, er läßt es bleiben.«

Der Alte preßte die Lippen zusammen und gab keine Antwort.

Fred wußte wenig Neues zu berichten:

Klagen über Gerhard und Görnemann, die zu ängstlich wären und keinen Geschäftsgeist besäßen.

Es ergaben sich oft lange Pausen in der Unterhaltung.

Fred war zweiter Vizepräsident des Automobilklubs geworden; auch in das Renndirektorium war er gewählt worden.

Das gab mannigfache Arbeit und viele Verpflichtungen, von denen Vater und Schwester keine Ahnung hatten.

Beim Fortgehen kramte er noch eine Neuigkeit aus:

Olthoff hatte sich mit Heinz Behrens' Jüngster verlobt. Klaus Tiedemann sah rasch und ängstlich nach Hildes Gesicht. Doch das blieb ruhig, sie sagte:

»Da ist mir das Mädchen leid.«

»Mir höchstens um die Wechsel leid, die ich für ihn giriert habe! Na, die wird sein Schwiegervater einlösen, und schließlich bin ich durch ihn in den Rennklub gekommen.« Fred wendete sich zu seinem Vater. »Was sagst du zu Behrens? Der alte Lümmel sucht es uns nachzumachen.«

Klaus Tiedemann seufzte.

Dann küßten und umarmten sie sich. Fred bat den Vater, während seiner Abwesenheit ein wenig auf das Geschäft zu achten. Man könnte dem Alten und Gerhard doch nicht ganz trauen.

Nun fuhr Klaus Tiedemann jede Woche einmal zur Stadt.

Wenn er zurückkam, war er in aufgeräumter Stimmung.

Es drängte ihn zu sprechen.

Er erzählte Hilde von seiner Jugendzeit, von den überseeischen Ländern, die er kennengelernt hatte, von den Sitten der Leute. Er suchte die alten Erinnerungen hervor, als wollte er sich die Vergangenheit wieder ins Leben rufen, um damit die Gegenwart zu füllen.

Er sprach davon, wie er zwei Tage nichts zu essen gehabt hatte und an Selbstmord dachte, wie er auf der Kaimauer zu New York über den gurgelnden Wassern gestanden, während das Schiff wieder auslief, das ihn gebracht hatte und das nun andere holte, die auch das Glück suchten. Schwer lag die Rußfahne des Rauchfanges auf der hochgehenden See.

Er wurde Kellner, um sein Leben zu fristen. Durch einen Zufall fand er eine Stelle.

Vom ersten Tage an legte er zurück; lieber darbte er, um die Summe sparen zu können, die er sich vorgenommen hatte.

Wenn die Firma sich mit Hunderttausenden beteiligte, tat er es mit seinem Hungergeld: so waren beider Interessen eng verknüpft.

Man wurde aufmerksam auf ihn; er verlor nie, sein scharfer Blick behielt stets recht; seinem Wort nicht folgen war gleichbedeutend mit Verlust.

Er gewann schnell Einfluß; sein Name wurde bekannt. Einmal folgten sie ihm nicht; die Firma geriet in Zahlungsschwierigkeiten. Es war der große Tabakkrach, der ihn auf eigene Füße stellte.

Nun ging es auf _seine_ Gefahr!

Stets kam er den anderen zuvor. Oft war es ein wildes Wagen. Die Wangen röteten sich, wenn er so sprach.

So hatte Hilde ihren Vater nie gesehen.

Von Görnemann erzählte er, und daß er selbst nie Autorität besessen hätte; der letzte Lehrjunge war ihm so viel wie seine besten Kunden. Damals hatte sich in ihm der Glaube befestigt, daß nur die Jugend Fortschritt gäbe; das hob ihn über die anderen.

Mit leisen Worten redete er davon, wie man die Mühen schnell vergesse, wie hinter jedem Tage der vergangenen Zeit unsägliche Qual gewesen.

Hilde sann nach, wie Schwäche und Kraft in ihrem Vater eng beisammen standen.

Auch an Hansen dachte sie, an dem sie Aehnliches bemerkte.

Was mochte der treiben? Ging sein Werk vorwärts?

Nur hier und da schrieb sie ihm ein paar Zeilen.

Antwort erhielt sie nie: es war ihres Vaters wegen, der die Post immer zuerst in die Hand bekam, nicht möglich.

Auf das Gespräch an jenem Gewitterabend waren beide nicht mehr zurückgekommen.

Es war am Morgen eines schwülen Sommertages.

Hilde Tiedemann ordnete den Frühstückstisch, der auf der Terrasse stand, vor welcher der Wald lag, in dichten, grünen Beständen.

Sie horchte dem Kuckucksruf und zählte in lächelndem Widerwillen den Laut.

Achtmal war er erklungen. Wenn der Volksmund recht behielt!

Sie fuhr sich über die Augen und seufzte.

Der Sommer ging in wenigen Wochen zu Ende, und das alte Leben begann vom neuen.

Ihr Vater hatte sich geändert; er war ruhiger und gerechter geworden, wie stets, wenn er allein war, ohne fremden Einfluß.

Hilde war sich bewußt, in der Stadt den Verlust Leos mehr zu empfinden als hier draußen. Sie sah keinen Ausweg, ihre Familie von dem eingeschlagenen Wege abzubringen. Dazu gehörte eine starke Hand, und die hatte von allen nur Gerhard, der nicht zu Worte kam.

Mit ihrem Stiefbruder mußte sich die Sache klären. Des öfteren sprach ihr Vater nun von dessen großen Fähigkeiten. Wie würde das Fred aufnehmen?

So spann sie im Warten ihre Gedanken. Ihre Blicke folgten unabsichtlich den Fliegen, die auf der weißen Wand herumeilten und dann als schwarze Punkte unverrückbar in der Sonne festhielten, daß ihre Flügel seidig glänzten.

Wieder hob der Kuckuck an.

Sie warf den Kopf herum. Die Gartenpforte hatte geklungen.

Noch verdeckten die Büsche den Kommenden.

Nun wurde er frei. Es war ein Mann, hager und gebeugt; mit großen, stolpernden Schritten kam er durch den Garten direkt auf das Haus zu.

Sie erschrak, ohne sich bewußt zu werden, warum.

Er sah auf; es war Görnemann. An der Art, wie er den Hut zog, erkannte sie ihn.

Sie ging ihm über die Stufen entgegen.

Sein faltiges Gesicht war heftig gerötet, und seine Augen sahen unsicher; sie suchten den Boden in Aufregung und Verwirrung.

»Wo ist ihr Herr Vater?«

»Er ist noch im Hause; er muß jeden Augenblick kommen. Aber was ...?«

»Ich muß ihn sofort sprechen.« Er zog ein blaugeblümtes Taschentuch und wischte sich die Stirn. Dann stieg er rasch die Stufen hinan.

»Es ist doch nichts Schlimmes vorgefallen?« Hilde legte in Angst die Hand auf seinen Arm. »Sagen Sie doch!«

»Nein, nichts Schlechtes.« Er suchte sich frei zu machen. »Aber Ihren Herrn Vater muß ich sprechen!« Er trat eilig ein, im selben Augenblick, als Klaus Tiedemann von der anderen Seite kam:

»Sie hier?« Tiedemann zögerte und blieb betreten stehen.

»Ja,« Sebastian Görnemann schien in großer Verwirrung, »ich bin gleich herausgefahren, Sie müssen es wissen.« Er sah mit halber Wendung nach Hilde, dann sagte er mit plötzlichem Entschluß und hob den Kopf: »Herr Tiedemann, ich muß Sie unter vier Augen sprechen.«

»Kommen Sie,« der Angeredete öffnete die Tür ins Schlafzimmer, dessen Fenster auf die Terrasse gingen, »hier sind wir allein.« Er wendete sich. »Und du, Hilde, richte das Frühstück auch für Herrn Görnemann« -- der hob abwehrend die Hand -- »wir kommen gleich.«

Er schob dem anderen einen Sessel zurecht:

»Was gibt es?«

Der alte Mann keuchte, und seine Hand zitterte, als sie nach der Tasche fuhr. Er legte ein Telegramm auf den Tisch: »Es ist ein großes Unglück auf Herrn Lecarts Freundschaftszeche geschehen. Mehr als hundert Leute sind verunglückt. Die Arbeiter revoltieren; Frau Clo ist in Gefahr.«

Klaus Tiedemann riß den Zettel an sich und las mit gierigen Augen.

Es blieb still um die beiden Männer; nur von draußen rief der Kuckuck.

Klaus Tiedemann preßte die Lippen zusammen: auf der Stirn lag Falte an Falte.

Die Augen belebten sich. Er stand auf.

»Ich fahre!« Er sah auf die Uhr. »In wenigen Minuten geht mein Zug; Sie schicken mir sofort Gerhard nach; ich muß jemanden um mich haben, auf den ich mich verlassen kann!« Er setzte den Hut auf. »Sie bleiben in der Stadt, Görnemann, das Weitere telegraphiere ich.«

Görnemann sah auf: Es war die Stimme und die Art zu sprechen, wie sie sein Herr geübt -- vor langen Jahren.

Klaus Tiedemann tat einen Blick durchs Fenster:

Hilde hatte auf der Terrasse die Zeitung entfaltet und las mit lachenden Augen. Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf. Sie las vom Bilde T. A. Hansens, das so viel Aufsehen erregte, und das ihn in die erste Reihe stellte; er hatte sein Wort gehalten. Es waren nur wenige Zeilen, die ihr neues Leben gaben. »Erdgeist« hatte er sein Werk genannt. -- -- --

... Als der Zug in der Bergwerksstation hielt, stand Klaus Tiedemann bereits auf dem Trittbrett des Waggons.

Der kleine Perron war voll von Menschen, die schrien und gestikulierten.

Es wollte Abend werden. Schon brannten die rußigen Lampen auf dem Bahnsteig.

Feuerwehrmänner und Knappen von anderen Gewerkschaften umgaben ihn.

Mit starkem Arm trennte er die Menge.

Der leichte Jagdwagen wartete.

Neben dem Kutscher saß der Jäger, das Gewehr auf den Knien.

»Damit die Hunde Respekt haben; die Gendarmenverstärkung kommt erst in der Frühe.«

Klaus Tiedemann drängte zwei halbnackte Buben auseinander, die ihm pfeifend den Weg verstellten; der eine spuckte nach seinen Stiefeln.

»Vorwärts!«

Die Pferde zogen an.

Klaus Tiedemann war im Wagen aufrecht stehen geblieben und hörte der beiden Männer Bericht.

Heute früh, bald nachdem die Tagschicht eingefahren, war das Unglück geschehen. Es mußten sich giftige Gase entzündet haben. Bis vor kurzem war an ein Einfahren der Rettungsmannschaft noch nicht zu denken gewesen.

Klaus Tiedemann hob den Kopf nach rechts, wo sich in der abendlichen Dämmerung über den Getreidefeldern mächtige Rauchwolken schoben.

»Dort?«

»Nein, das ist die Maximilianszeche, die brennt seit 30 Jahren. Die Zeche 2 liegt da links drüben!«

Sie bogen in die Dorfstraße ein.

In dichten Wolken wehte der Staub.

Die niederen, aus Lehm gebauten Häuser schienen verlassen.

Alt und jung mochte an der Unglücksstelle weilen.

Ein paar Steine flogen den Pferden zwischen die Beine.

Sie stiegen, daß sie der Kutscher kaum halten konnte.

In rasender Eile ging es an dem Parkgitter vorbei.

Der Mond stand bleich mit seiner Scheibe auf dem Himmel.

Der Wagen hielt vor der Freitreppe.

Klaus Tiedemann eilte die Stufen hinan.

Niemand öffnete ihm; er hastete von Zimmer zu Zimmer; die Angst beflügelte seine Schritte.

»Mein Kind.« Er riß Clo an sich und bedeckte ihr bleiches Gesicht mit Küssen. »Mein armes Kind.«

Ein krampfartiges Zucken überlief sie, dann hing sie wie leblos in seinen Armen.

Er bettete sie vor das Fenster, durch das der kühle Abendwind strich.

Sie gab seine Hand nicht frei.

So saßen sie schweigend, nur der Herzschlag hämmerte durch die Stille.

Hier und da klang vom Schacht ein Klingelsignal oder halbverwehtes Rufen herüber.

Mit milden Worten sprach Klaus Tiedemann seinem Kinde Mut zu. Daß sich alles im Leben gäbe -- ganz von selbst --, was vordem unerträglich geschienen! Man wisse nicht, wie das Unglück entstanden sei. Niemand trage die Schuld. Es seien ja alles bisher nur Mutmaßungen.

Mit irren Blicken sah sie im Zimmer herum; bei jedem Laut schauerte sie zusammen:

»Er hat seine Arbeiter betrogen, ich hab' drum gewußt.« Sie bedeckte mit den zuckenden Händen das Gesicht und warf sich in krampfhaftem Schluchzen in die Kissen.

Klaus Tiedemann griff eine kalte Faust an den Rücken:

»Weißt du, was du redest?« Er dämpfte die Stimme. »Du kannst deinen Mann ins Zuchthaus bringen mit solchen Worten.«

»Sei's drum.« Leidenschaftlich richtete sie sich in die Höhe. »Er hat es hundertfach verdient; ich hasse ihn und alle seinesgleichen. Oh, wie ich ihn hasse!« Sie glitt zu Boden und schlug schwer mit dem Kopfe auf die Dielen.

Mit zitternden Händen hob er sie auf.