Lebenswende

Part 6

Chapter 63,854 wordsPublic domain

»So? Worüber? Was hat Papa gesagt?« Der andere hielt in seiner Toilette inne und wartete gespannt auf Antwort.

»Er hätte jetzt keine Zeit, er sollte morgen vormittag kommen.«

»Aha,« Fred pfiff das Signal: »das Ganze halt!« vor sich hin, er mußte es ja kennen als Reserveoffizier der Husaren, dann meinte er nachdenklich: »Hoffentlich schmeißt ihn Papa jetzt endlich 'raus.«

»Was hat es denn gegeben?«

»Frech war er wieder: er redet überall hinein, wo es ihn nichts angeht! Lecart nimmt unsere Firma jetzt stark in Anspruch, weil er in größere Unternehmungen verwickelt ist, und das paßt dem Kerl nicht. Immer ist er derjenige, der warnt und lieber fremden Leuten als unseren eigenen Verwandten borgen möchte. Und es geht ihn doch wirklich nichts an!« Er hielt inne und polierte die Nägel. »Aber ich weiß schon, hinter ihm steckt der Görnemann, das alte Weib, das sich nichts zu unternehmen getraut; der hetzt ihn und schickt ihn ins Vordertreffen.«

»Warum läßt du dir's gefallen?«

»Du hast leicht reden. Ich muß doch jemanden haben, auf den ich mich verlassen kann: ich werde mich doch nicht selbst jeden Tag ins Geschäft setzen, dazu bin ich mir zu gut, und verlassen kann man sich auf die zwei, das ist ja wahr!« Fred ließ die Nagelschere auf die Marmorplatte des Waschtisches fallen. »Ueberdies, ich kenne auch niemanden von den Angestellten, ich bin dazu zu wenig im Bureau, so daß ich den Alten zumindest noch ein Jahr brauche.«

»Wenn er es nicht merkt?«

»Das ist's eben. Auch der andere spürt, daß er der einzige mit überseeischen Erfahrungen ist: denn Görnemann kann man heute darin nicht mehr rechnen. Darum nimmt er sich so viel heraus.«

»Ist er wirklich so unverschämt?« Leo dehnte sich und gähnte. »Was habt ihr denn mitsammen gehabt?«

Freds Stimme klang in der Erinnerung des vormittägigen Auftritts lauter als sonst: »Er will mir vorschreiben, wem ich Pensionen zahlen soll. Da ist so ein Skontist bei uns, seit zirka zehn Jahren; der ist jetzt tuberkulös und soll nach dem Süden. Ja, mein Gott, wenn ich's nicht habe, dann kann ich's halt nicht machen! Ich habe ihm einen Monat Urlaub geben wollen. Natürlich, wenn er nicht arbeitet, bekommt er auch kein Gehalt, das ist doch klar -- das ist überall so; dann könnte er nicht gehen, hat er gesagt, also soll er dableiben. Kommt der Gerhard herein und stellt mich wie ein kleines Kind zur Rede, ob ich wüßte, was ich tue; zählt mir auf, daß der andere Weib und Kind hat, daß er in kurzem tot ist, wenn er sich jetzt nicht schonen kann, redet von Zusammengehörigkeitsgefühl, das Chef und Personal verbinden muß, und so weiter,« Fred ließ die Hand schwer auf den Tisch fallen, »kurz, putzt mich zusammen, als ob ich sein letzter Kommis wäre.«

»Nun, und du? ...«

»Na, ich hab's ihm gegeben,« Fred schüttelte mit befriedigter Miene den Kopf, »so schnell kommt mir der nimmer.« Wieder übermannte ihn der Aerger der letzten Stunden. »Weißt du, was er noch gesagt hat? Ich würfe das Geld im großen hinaus und wolle im kleinen sparen, ich hätte keine Ahnung von modernem Geschäftsgeist; es sei besser, einem Skontisten, der sich für mich geplagt habe, etwas zu schenken, als das Geld für Wohltätigkeitsschwindel auszugeben, von dem so niemand was habe.«

»Das mußt du Papa erzählen.«

»Wird geschehen: es soll ihm nichts erspart werden ...«

Fred Tiedemann machte eine rasche Wendung. »Na, wie bin ich?« Er pflanzte sich breit vor seinem Bruder auf, als Marsritter, der zu Frau Luna werben kam. Baronin Wolny war die Luna!

Leo verschlang ihn mit neidischen Blicken: »Famos, warte,« er richtete ihm eine silberne Schnalle zurecht, »nun bist du fertig.«

»Ist es dir leid, daß du nicht mit kannst?«

»Zu dumm.« Ernster Aerger war in dem bleichen Gesicht des Gefragten. »Was hätte es mir schaden sollen? Papa ist kindisch, aber ich weiß schon,« Leo ballte die Fäuste, »daran ist die Hilde schuld!«

»Es wird heute fesch werden; ich bin sehr gespannt auf die Wolny.«

Leo atmete schwer; er bekam rote Wangen: »Sie ist rassig.«

»Was weißt denn du von ihr? Das kann ein anderer als ich gar nicht beurteilen.«

»Du hast ein Mohrenglück.«

»Stimmt, morgen nach dem Rennen bin ich zu ihr geladen, da soll ich mir ihre Directoire-Toilette ansehen; sie möchte sich darin photographieren lassen, aber ihr Sohn erlaubt es nicht, weil sie zu stark dekolletiert sein soll.«

Leo Tiedemann schluckte: »Das ist ein fader Kerl, der Jan.«

»Uns geniert er nicht viel.« Fred lachte; »er hockt den ganzen Tag über den Büchern.«

»Ich mag ihn nicht.«

»Warum? Er ist ganz unschädlich.«

»Und was tust du, wenn er dich mit seiner Mutter überrascht? Er ist zu allem fähig.«

Fred Tiedemann reckte sich: »Dann schieß' ich den Burschen wie einen Hasen zusammen.« Leo atmete schwer; ein Schauer überlief ihn.

»Als ich das letztemal dort war, um für heute abend abzusagen, hat er mich von oben herab behandelt, als wäre ich ein kleines Kind«, sagte er.

»Das sieht ihm ähnlich.«

»Ich hätte wahrscheinlich immer still sein und mit Hochachtung auf sein Geschwätz hören sollen, weil er um ein paar Jahre älter und nicht mehr im Gymnasium ist wie ich; da kann er lange warten.«

»Hast recht, er wird schon anders denken lernen.«

»Er ist mehr als stolz.«

»Worauf denn? Die Wolnys sind materiell nicht so gestellt, daß er ein Recht hätte, auf dich herunterzuschauen. Er soll froh sein, wenn die Tiedemanns mit ihm verkehren. Das laß ihn das nächstemal fühlen; dann wird er dich anders behandeln.«

»Da irrst du dich, Fred. Er sieht uns als nicht ebenbürtig an. Weißt du, was er zu mir sagte? Er verstünde uns nicht, vor allem dich und mich, daß wir nicht einsähen, daß wir als Söhne unseres Papas ernste Pflichten der Gesamtheit gegenüber hätten. Wir sollten die Kunst, geistige und menschliche Interessen fördern, und nicht in Schichten eindringen wollen, die uns fremd sind. Einen Rennstall halten, er meinte dich damit, sei keine soziale Tat: höchstens trage es dazu bei, sein Geld zu verlieren, mit dem man anders den Armen viel Gutes erweisen könnte. Aber er wüßte schon, warum wir es täten. Es sei die Angst des Proletariers, voll genommen zu werden, darum sei uns kein Opfer zu groß, um zeigen zu können, daß wir dieselben Passionen hätten wie sie ...«

»Hör' auf«, Fred Tiedemann stampfte den Boden, »ich habe keine Lust, das dumme Geschwätz von dem unreifen Laffen, der uns um unser Geld neidisch ist, anzuhören.« In großer Wut warf er die halbgerauchte Zigarette in die Zimmerecke. »Er ist viel zu dumm, um das Leben richtig zu verstehen.« Leo sah mit weit aufgerissenen Augen auf seinen ärgerlichen Bruder und schüttelte nachdenklich den Kopf:

»Es hat doch etwas für sich.«

Fred Tiedemann fuhr schnell herum: »Du bist wohl verrückt? Auf dich macht alles, was du noch nicht gehört hast, einen Eindruck.«

»O nein, aber weißt du, das, was er über den Kaufmannsstand im allgemeinen sagte, ist nicht so dumm. Er meinte, er stellte sich deinen Beruf so schön und edel vor; in seinen Augen gäbe es nichts Größeres, als internationaler Mittler zu sein zwischen Konsumenten und Produzenten.« Leo legte in Sinnen verloren den rechten Zeigefinger an die Unterlippe. Nach einer Weile, die Fred mit Räuspern und Husten gefüllt hatte, fuhr er leise fort:

»Es muß schon schön sein, das Ererbte zu mehren und sich seiner Mission bewußt zu sein, die man in der modernen Kultur zu erfüllen hat. Das habe ich mir oft selber gedacht.«

Fred Tiedemann lachte:

»Du bist ein überspannter Kerl. Ich möchte dir wünschen, dich mit Gerhard herumstreiten zu müssen und auf die Börsenberichte wie auf eine Offenbarung Gottes zu warten, du würdest bald anders von der ‚Kulturmission’ denken, wie du es nennst.«

»Wirklich?« Es schien eine Last von Leo zu fallen. »Glaubst du, ich hab' unrecht?«

»Darüber gibt es doch nichts zu reden.«

Aus Fred Tiedemanns Worten klang starkes Selbstbewußtsein.

»Dann ist der Jan ein dummer Kerl?«

»Da zweifelst du noch?«

Nun lachten beide.

»Was willst du denn den ganzen Abend allein machen?«

Leo sah den Fragenden prüfend an: »Verrätst du mich nicht?«

»Bin ich Hilde?«

»Ich will auch weg.«

Fred Tiedemann lachte von Herzen: »Das habe ich mir gedacht, du wärst sonst nicht mein Bruder.«

»Ja,« Leo dämpfte seine Stimme und sah scheu gegen die Tür, »ich will auch was vom Leben haben: weiße Frauenleiber, die ein Bacchanal feiern, aber Papa darf nichts wissen; er ist so gut mit mir!«

»Ich verrate dich nicht, schau nur, daß du zu Hause bist, wenn wir heimkommen.«

»Wann glaubst du denn, daß das sein wird?«

»Sehr spät, wahrscheinlich erst in der Frühe.«

»Da lieg' ich schon im Bett.« Leo fuhr mit der schmalen Hand über die weiße Stirn. »Vielleicht wird mein Kopfweh besser, wenn ich mich ein wenig zerstreue.« Er stand matt auf und ging zur Tür. »Jetzt müssen wir aber hinuntersehen zu den anderen.«

»Jawohl,« antwortete Fred Tiedemann und folgte mit Sporenklirren seinem Bruder.

»Immer nur hereinspaziert, meine Herrschaften, in die gute Stube.« T. A. Hansen ließ die Schellen klingen, seine Stimme war von Stunde zu Stunde lustiger geworden. »Wer zahlt, wird gemalt, wer nicht zahlt, wird angemalt.«

Lachende Menschen wogten vorüber und riefen zu ihm in der Schalksnarrentracht Scherzworte hinauf. Jeder kannte ihn und seine Zeichnungen, die allwöchentlich beim Erscheinen Lach- und Aergernisausbrüche nach sich zogen. Lohgeruch war in der Luft und ließ das Licht, das sich in tausendfältigen Strahlen brach, trübrötlich erscheinen.

Beim Riesenportal fuhren noch immer Wagen vor: Gäste, die erst in Gesellschaft gewesen und nun kamen, trotzdem es draußen bereits zu dämmern begann.

Jan Wolny, der sich unfreiwillig komisch mit seinen ernsten Bewegungen im Phantasiekostüm eines »Milchstraßenkehrers« ausnahm, ließ sich müde auf einen Sessel vor Hansens Bude fallen: »Jetzt hätt' ich den Unsinn bald genug.«

Hansen sah prüfend über die kauflustige Menge, die sich noch immer zwischen dem Musikpavillon und den Verkaufsständen drängte und schob. Er schüttelte den Kopf. »Bevor die nicht alles gesehen und betastet haben, ist an ein Ende nicht zu denken.« Er zuckte die Achseln. »Ein Händedruck von einer Dame der Gesellschaft um teueres Geld kommt den Leuten als überirdisch vor, das müssen Sie bedenken Herr Baron.«

Jan Wolny seufzte. »Mir ist das alles ekelhaft.«

Hansen sah den Sprechenden scharf an:

»Wirklich? Dann müssen Sie mir die Hand geben ...« Hansen fuhr herum; seine Schulter war berührt worden. Es war Hilde Tiedemann.

»Wie geht es?« Aufrichtige Freude über die paar Minuten, die sie nun beisammen sein konnten, sprach aus ihrem schönen Gesicht. »Was macht Ihre Arbeit?«

Hansen drückte die kleine Hand, welche in sein Leben eingegriffen hatte: »Es geht vorwärts!«

Ihre leuchtenden Blicke trafen sich ...

Jan Wolny hatte sich diskret entfernt und war die Avenue hinuntergebummelt, an seiner Mutter vorüber, die hier mit Fred Tiedemann die Honneurs machte. Seitwärts stand das Mondschifflein, auf dem Frau Luna am Festzug teilgenommen hatte. Fred Tiedemann war der Anführer der reisigen Schar gewesen, die sie beschützte. Mit forschendem Blicke hinter den gesenkten Wimpern beobachtete Jan seine Mutter und den anderen, der so selbstverständlich tat. Er preßte die Zähne aufeinander und ging weiter. Wenige Schritte später traf er Fürst Solt. Der war im Frack, mit einem Riesenorden, welcher die ganze Brust bedeckte, als Monddiplomat. Sie grüßten sich und sprachen ein paar verbindliche Worte.

Klaus Tiedemann sah Clo zu, wie sie die wenigen noch durstigen Herren bediente; in den Zwischenräumen, wenn der Champagnerpavillon leer war, plauderten sie. Jetzt, als sie Jan Wolny anrief, schloß er die vom Staube entzündeten Augen, die ihn schmerzten, und lehnte sich bequem in den Rohrsessel zurück: All die entblößten Frauenschultern, die runden Arme und zierlichen Füßchen in durchbrochenen Strümpfen und verschwiegenem Spitzengeräusch waren eingetreten für die Armut des Nächsten. Gab es größere Aufopferung? Brunn-Bennigsens Mann saß zu Hause bei den drei Kindern; den Tag über plagte er sich im Bureau. Er war klein und häßlich; sie gingen nie gemeinsam in Gesellschaft. Klaus Tiedemann hatte ähnliches ertragen. In ohnmächtigem Aerger hatten oft seine Zähne aufeinandergeknirscht, wenn sein jähes Temperament Liebe verlangte. Nicht umsonst trugen die Kinder sein heißes Blut in ihren Adern. Es waren lange Kämpfe gewesen, bis er mit sich ins reine kam und durch _Arbeit_ zur Ruhe zu kommen suchte. Davon war der Haß geblieben gegen das Weib. Die Jahre ebbten alles, und die Männlichkeit schwand. Er seufzte und hatte Sehnsucht nach Ruhe.

Leo hatte vielleicht das beste Los unfreiwillig gezogen, der hatte jetzt schon bald ausgeschlafen.

Klaus Tiedemann dachte an ihn. Er lachte in Gedanken: wie warm die kleine Behrens sich um ihn erkundigt hatte, und _die_ Enttäuschung, als sie hörte, daß er überhaupt nicht kam! In dem alten Manne war ein eigentümliches Gefühl gewesen, als er so sein jüngstes Kind auch schon vollwertig eingetreten fand in die Arena der menschlichen Instinkte. Es freute als Vater und kränkte als Mann.

Als Hilde Tiedemann von Hansens Bude zu ihrer Schwester herübereilen wollte, stand plötzlich Olthoff vor ihr.

Er schien auf sie gewartet zu haben.

Sie gingen zusammen der Fontäne zu, die in tausend Farben schillerte, -- es war mit der Zeit leer um sie geworden.

In Hildes Seele war noch der Widerschein des anderen.

Ihre Stimme klang freier als sonst, und ihre Augen sahen lebhafter.

Das dünkte Olthoff ein gutes Zeichen.

Leise zog er ihren Arm fester an sich.

Sie widerstrebte; er sah sie an:

»Jetzt sagen sie, Fräulein Hilde, ist das Leben nicht schön?«

»O ja,« lächelte sie.

»Vor wenigen Wochen haben wir uns noch gar nicht gekannt -- und nun ...«, er beugte sich herab und sah ihr tief in die Augen.

Sie suchte den Arm zu lösen:

»Mir ist schwül, ich möchte hinaus ins Freie,« stammelte sie und blickte sich suchend um. Doch sie sah nur Lecart, der mit einer Bretteldiva plänkelte. Er fragte eben, wie teuer ein Kuß sei zu so vorgerückter Stunde, und aus Barmherzigkeit für die Armen, so konnte er Hildes Blicke nicht sehen!

Die laue Nachtluft strich herein und kühlte ihre heißen Schläfen.

Olthoff preßte die Lippen zusammen.

Sein ganzes Leben war ein Kampf gewesen, um sich über Wasser zu halten. Er hatte stets nur verschämte Armut und diesen verwischenden Hochmut sein eigen genannt.

Nun winkte ihm Rettung, er fand die Gedanken seiner Erziehung: In diesem Bürgerhause war alles, was er ersehnte -- Geld.

Alles andere würde sich schon finden.

An Liebe glaubte er nicht; er hatte sie selbst von klein auf vergebens gesucht. Hilde wich seinen Blicken aus. Leise sagte er:

»Hilde!« Sie gab keine Antwort. Die ganze Verzweiflung seiner Lage und der Aerger über die lächerliche Komödie, die er hier zu spielen gezwungen war, überkamen ihn. »Sagen Sie, Fräulein Hilde, merken Sie nicht meine ehrliche Sympathie?«

Sie schüttelte den Kopf und fand keine Antwort, nur ihr Arm schmerzte, den Olthoff nicht freigab.

»Nun?« Mit funkelnden Augen sah er sie an. Den ganzen Abend hatte er auf diesen Augenblick gewartet, er mußte bald zum Ende kommen, sonst hieß es den bunten Rock ausziehen, der ekligen Gläubiger wegen. Er war nicht der Mann, der mit sich spaßen ließ; die anderen Tiedemanns wußte er hinter sich. Sein Name wog viel auf. Dies schwache Geschöpf sollte seine Pläne nicht mutwillig kreuzen.

»Antworten Sie mir doch!« seine Stimme, wider Willen, klang roh, sein verlebtes Gesicht bekam einen brutalen Ausdruck. »Können Sie mich denn nicht ein wenig gern haben?« Der Inhalt der Worte stach hart ab von dem drohenden Ton, in dem er zu ihr sprach.

Hilde warf den Kopf zurück; sie war bleich bis in die Lippen geworden: »Nun haben Sie ihre Art gezeigt«, sagte sie stolz.

»Verzeihung, ich bin überreizt, und Sie taten mir bitter unrecht.« Seine Stimme klang hastig, als wollte er kein Mittel unversucht lassen.

Sie gab nimmer Antwort.

»Fräulein Hilde!« Wut und Verzweiflung klangen zusammen. Sie wandte sich ab, Jan Wolny zu: »Bitte, führen Sie mich zu meiner Schwester, Herr Baron!« Jan Wolny verneigte sich und bot ihr wortlos den Arm.

Olthoff blieb stehen.

Nun war die Schlacht verloren.

Er knirschte mit den Zähnen.

Er hatte zu rasch geschlagen; doch seine Reserven waren erschöpft gewesen, und Wein und Stimmung hatten den Rest verdorben.

Er sah zu Behrens hinüber, die sich zum Aufbruch rüsteten. Vielleicht dort?! ...

Fahles Morgenlicht fiel durch offene Türen.

Sie waren eben vom Feste nach Hause gekommen.

Als Klaus Tiedemann, vor Leos Tür, keine Antwort bekam, überfiel ihn plötzlich harte Angst -- er wußte nicht warum. Er riß die Tür auf und blieb starr stehen:

Leos Bett war unberührt, das Zimmer leer. Leo hatte sein Vertrauen mißbraucht, war heimlich weg, trotzdem er wußte, wie schlecht es ihm bekommen konnte. Vielleicht war ihm etwas zugestoßen? Die Füße versagten dem alten Manne den Dienst. Er ließ sich auf den Sessel neben der Tür fallen.

So saß er eine Weile und wartete, daß seine Gedanken ruhigere Formen annahmen.

Er hörte Hildes Stimme nicht, die aus dem Gang zweimal seinen Namen rief, er sah ihr Erschrecken beim Eintritt und ließ den Kopf auf die Brust sinken. Wo war sein Kind?

Mit zitternder Hand drängte ihn Hilde zur Tür: »Er wird schon ausgegangen sein, Papa.«

Hoffnungslos sah er sie an und schüttelte den Kopf: »Er hat ja gar nicht geschlafen.«

Sie gab keine Antwort, und dunkle Vorahnung ließ sie schaudern.

Fred saß im Speisezimmer und aß kaltes Fleisch. »Wo steckt ihr denn so lange?« rief er ihnen zu. »Eßt mit, und dann legen wir uns schlafen.«

»Leo ist nicht zu Hause!«

»So?« Er kaute den Bissen zu Ende. »Er wird nachts ausgewesen sein; er wird gleich kommen.«

Mit scheuem Blick, der sich noch nicht zu hoffen getraute, sah ihn sein Vater an:

»Meinst du?«

»Natürlich, was soll denn sonst sein?«

»Wenn ihm nur nichts zugestoßen ist?«

»Laß dich nicht auslachen!«

Fred wollte dem Mädchen läuten; doch der alte Mann legte abwehrend die Hand auf den elektrischen Taster:

»Nicht,« bat er, »ich kann jetzt niemanden sehen.«

Hilde zündete die Flamme unter dem Teekessel an.

Sie warteten.

Die Sonne stieg höher. In den Parkanlagen vor dem Hause stimmten Amseln ihre Stimmen.

Leute im Sonntagsstaat gingen vorüber.

Glockengeläute schwamm über die vielen Dächer; sie läuteten die Wandlung ein.

»Ich werde zur Polizei fahren, meint ihr nicht?« Klaus Tiedemann war halb aufgestanden und sah forschend auf Fred.

»Aber laß dich nicht auslachen, Papa, daß es die Leute gleich an die große Glocke hängen: Dem Klaus Tiedemann sein Jüngster ist heute nacht nicht nach Hause gekommen. Warte nur ruhig; er wird schon kommen, und dann schimpf' ihn zusammen!« Er gähnte. »Ich leg' mich jetzt schlafen.«

Die beiden anderen blieben.

In dem festlichen Aufzug, die verwelkten Blumen vor der Brust, fröstelte sie.

Jeder Laut, der von der Straße heraufklang, tat ihnen weh.

So verging die Zeit.

Es läutete.

Sie fuhren zusammen und horchten.

In scheuer Erwartung sahen sie sich nicht an.

Es war Gerhard Tiedemann, der kam, von seinem Vater den Abschied zu verlangen.

Die beiden Männer standen sich gegenüber, wortlos und stumm.

Dann brach der Jüngere das Schweigen:

»Du weißt, Vater, warum ich hier bin?« Klaus Tiedemann nickte. »Es geht nicht länger zusammen mit Fred. Du hast ihm die Macht gegeben. Was soll ich? Du hast andere Kinder, die du liebst. Ich bin dir nur Pflicht. Du schämst dich meiner. Darum laß mich gehen; man kann brieflich leichter Vater und Sohn sein als im Leben nebeneinander.«

Klaus Tiedemann hörte mit halben Ohren.

Gestern hätte er noch die Antwort gewußt, jetzt schwieg er.

»... Fred ist kein Kaufmann und schämt sich seines Berufes. Er tut mehr für seine teuren Verwandten als für die Firma; er stärkt das ökonomisch, was er bekämpfen sollte ...«

Gerhard schwieg und sah auf seinen Vater, der totenblaß geworden war:

Drunten fuhr ein Wagen vor. Er stürzte zum Fenster. »Sie bringen ihn«, keuchte er. Er wankte zur Tür.

Gerhard warf den Kopf zurück; er sah durchs Fenster:

Von einer Schar Neugieriger umgeben, stand unten ein Rettungswagen.

Sie hatten Leo auf sein Zimmer gebracht. Er war bei Bewußtsein.

Klaus Tiedemann reichte dem Ambulanzarzt, der von der Hilfsstation mitgekommen war, die Hand.

»Ich danke Ihnen!« Scheu senkte er den Blick, unsicher mit sich selbst, ob er nicht unrecht gehandelt, daß er ihm nichts anderes als seinen Dank geboten. Er war ja gewöhnt, jeden Schritt, der für ihn geschah, zu bezahlen!

»Die Sache wird vorübergehen. Wie viele haben nicht schon in der Jugend einen Blutsturz gehabt und sind heute die stärksten Leute?« Der Arzt, der erst vor wenigen Monaten absolviert hatte und als armer Bauernsohn froh war, sich beim Rettungskorps seine Praxis holen zu dürfen, nickte ihm freundlich zu. »Dem Hausarzt, bitte, sagen Sie meine Beobachtungen.« Er verbeugte sich linkisch, der reichen Umgebung ungewohnt, und ging. Er hatte es nicht über sich gebracht, dem alten Manne zu sagen, bei wem und in was für einem Hause er seinen Sohn aufgefunden hatte.

Fred Tiedemann kam mit verschlafenen Augen aus seinem Zimmer und fragte ungehalten: »Was gibt's?«

Sein Vater gab keine Antwort.

Er sah an ihm vorbei zur Stiege, über welche der Hausarzt kam.

Der untersuchte lange und gründlich, dann schüttelte er dem Vater, der in tausend Aengsten vor der Tür gewartet hatte, die Hand: »Kopf hoch, Herr Tiedemann, es wird wieder werden! Der Junge hätte nicht lumpen sollen, ich habe es Ihnen ja gesagt. Er schläft jetzt, lassen Sie ihn ruhig. Ich sehe gegen Abend wieder her.« Er wendete sich zu Hilde: »Na, Fräulein, jetzt spielen Sie ein wenig Krankenschwester, wird Ihnen verflucht gut stehen.« Der alte Junggeselle lachte. »Nur nicht so verzagte Augen -- ein Lump ist er halt, der Herr Bruder. Adieu!« Bei der Tür wendete er sich nochmals um: »Niemanden ins Zimmer lassen! Ja? Er muß ganz ruhig liegen bleiben, eine zweite Blutung verträgt er nicht.«

Hilde umfing ihren Vater.

»Ich nehme mich schon zusammen,« Tiedemann schluckte die Tränen hinunter und sah zu Leos Zimmer, »sieh nur, daß alles in Ordnung ist!«

»Ja, Papa ...«

Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf. »Daß der Bub mir hat das antun müssen!« Er stützte den Kopf in die Hand und grübelte. Er kam aus den Sorgen nicht heraus:

Die Frau gestorben! Von dem, was vorausgegangen, wollte er nicht sprechen! Nun Leo, alles in einem kurzen Jahre!

Gerhard kam ihm wieder in den Sinn. Man hatte ihn nicht richtig behandelt. Es war zu viel für seinen alten Kopf. Er konnte die Unterschiede seiner Kinder nicht versöhnen, die er selbst geschaffen hatte ...

Er seufzte. Von unten klang das Rasseln eines Automobils herauf. Hastig schloß er die Fenster; wie leicht konnte Leo aufwachen!

Fred trat über die Schwelle in tadellosem Salonanzug. Er zog die Handschuhe über:

»Gott sei Dank, Papa; Hilde erzählte mir, der Arzt sagte, es hätte keine unmittelbare Gefahr; nur äußerste Ruhe sei notwendig?« Er sah seinen Vater fragend an: »Ich habe doch recht verstanden?«

Klaus Tiedemann nickte mit schiefem Kopfe:

»Ja, wir wollen es hoffen.«

»Adieu, Papa, ich muß weg, weil ich Roller versprochen habe, ihn abzuholen; dafür malt er mir den ‚Franklin’, wenn er heute gewinnt.«

»Du fährst zum Rennen,« Klaus Tiedemann sah seinem Sohne ernst in die Augen, »wo Leo so krank ist?«

»Du bist komisch, Papa; soll ich mich auch vor ihn hin setzen und ihn anschauen? Reden dürfen wir mit ihm so nichts. Was soll ich also daheim?«

»Du hast recht.« Beinahe eilig reichte Klaus Tiedemann ihm die Hand. »Geh und unterhalte dich gut!«

Er schien froh, als sich die Tür hinter Fred schloß.

Er hatte immer geglaubt, mit den Seinen ein festes Ganzes zu bilden; nun, das erstemal, da er die Probe machte, stand er allein.

Bitterkeit überkam ihn.