Lebenswende

Part 4

Chapter 43,894 wordsPublic domain

»Was ist denn? Rede, Leo; mit mir kannst du alles sprechen, wie mit einem alten Freund!« Tiedemann drückte ihm die Hand. Leo lächelte ihm dankbar zu. Dann sagte er mit schwerer Stimme:

»Du mußt mich für keinen Lumpen halten! Es ist etwas anderes ... Weißt du,« brach er mit stockendem Atem los, »was es ist? _Das Leben!_ Es ist so groß und so reich, daß man immer nur wenig davon haben kann, wie alt man auch wird. Papa, wenn ich so denke, bekomme ich Riesenangst,« er ballte die Faust, »daß ich zu kurz komme und daß ich es nicht richtig anwende, und dann weiß ich nicht, wo mir der Kopf steht.«

»Du lieber Bub.« Der alte Mann war aufgestanden und küßte ihn auf den zuckenden Mund. »Das soll dir keine Sorge machen; das Leben wird einem noch mehr als genug. Wenn du einmal so alt bist wie ich, dann wirst du mir recht geben.«

»Wirklich, Papa?« Es klang wie freudige Angst aus den Worten.

»Gewiß, mein Kind.«

»Hast du _auch_ mal so empfunden, wie ich? Warst du auch so ungeschickt, Papa?«

»Ja«, mit einem Seufzer kam die Antwort. Tiedemann nickte in Gedanken versunken mit dem Kopfe vor sich hin. »Ich hab' auch geglaubt, jeder Tag müßte mir ein Wunder bringen, und doch habe ich nie eines gesehen. Die Menschen können nicht anders als gemein sein; sie können nichts dafür. Wir sind es selber auch.« Er raffte sich zusammen ... »Das hat jeder mehr oder weniger mitgemacht, der im Leben 'was erreichen wollte; aber glaube mir, es gibt nur eines, was dagegen hilft, und auch nur eines, was wirkliche Freude und Befriedigung gibt: die Arbeit.«

Leos Augen leuchteten auf, »Das hab' ich mir auch schon gedacht, aber ich habe ja keine,« seine Stimme schlug um; »die Schule, das ist doch keine Arbeit, wie du sie meinst, und sonst hab' ich keine!«

»Wird noch genug kommen.«

»Aber _wann_, Papa? _Jetzt_ möcht' ich sie haben, damit ich etwas bin. Ich weiß nicht einmal, was ich werden soll und bin schon bald neunzehn.« Tiedemann sah zu Boden:

»Ich weiß heute noch nicht, was ich geworden bin ...«

Leo überhörte in seiner Erregung den traurigen Klang in der Stimme seines Vaters.

»Fred hat das Geschäft, Clo hat ihren Mann, Hilde wird auch bald einen haben, und nur _ich_ weiß nicht, was aus mir wird -- _ich_ steh' ganz allein.«

»Mancher Mensch ist am glücklichsten, wenn er allein ist.«

»Ihr anderen seid aber doch alle zufrieden?«

»Gewiß,« der alte Mann sah auf; er beeilte sich zu antworten, »aber wir haben dabei jeder doch auch unsere Sorgen und unsere Wünsche, die wir gern erfüllt sehen würden. Das Leben ist mal so, daß es nie alles gibt, und _wenn_, dann nimmt es dir gleich darauf wieder, viel _mehr_, als es dir gegeben hat.«

Mit großen Augen, in denen die Furcht vor dem Rätsel des Lebens stand, sah der Knabe seinen Vater an, der als Resultat eines langen, wie es ihn dünkte glücklichen Lebens keine anderen Worte fand. Leo benetzte seine trockenen Lippen und fragte hastig:

»Es muß aber doch etwas geben, das uns an der Erde festhält, sonst würden wir uns nicht so vorm Sterben fürchten? Erinnere dich nur, als es Mama so schlecht ging -- wenige Stunden vor ihrem Tode -- wie hat sie da geweint, daß sie fort müßte von uns allen und daß sie ihr Leben nicht besser genützt hätte.« Tiedemann erhob sich; er legte Leo die Hand auf die Schulter und sah ihm tief in die Augen:

»Der Mensch ist _feig_, Leo, das ist's.« Tiedemann strich ihm das Haar aus der Stirn. »Darum glaubt er immer, es sei schade um ihn, wenn er stirbt, und es sind doch so viele bessere da. Ich habe auch geglaubt, ich sei fürs Geschäft unentbehrlich und habe manche Szene mit deiner Mutter deswegen gehabt, weil sie wollte, daß ich Fred an meine Stelle lasse; und schau, als ich es endlich getan hatte, da habe ich jeden Tag auf das Unglück gewartet, das nun über unser Haus kommen würde, -- und es ist noch immer keines gekommen -- und das Geschäft geht ruhig und gut weiter, gerade als ob ich es noch leiten würde.« Er senkte den Kopf, als schämte er sich seines Eingeständnisses und fuhr fort: »Nicht, daß ich es Fred gewünscht hätte, gewiß nicht; du weißt, wie gern ich euch alle habe -- aber,« seine Stimme wurde heiser, »deiner Mutter hätte ich es vergönnt, weil sie stets gegen mich recht zu haben meinte -- sie hat es bisher noch immer gehabt.« Er legte die geballte Faust auf das Knie und vergaß, daß er zu seinem _Kinde_ redete.

»Ich habe mich gegen eure Erziehung gesträubt, aus Leibeskräften. Ich wollte euch einfacher haben; mehr Kinder, als »Söhne und Töchter«! Wäre es nach mir gegangen, ihr wäret _nie_ in dem Gedanken aufgewachsen, daß ihr reich seid. Eure Mutter hat es anders gewollt. Ich habe mich gebangt und gesorgt um euch und ihr Vorstellungen gemacht. Sie hat mich stets ausgelacht und gesagt: ‚Das verstehst du nicht -- und kannst es auch nicht verstehen.’ Und sie hat _recht_ gehabt -- ich stand ja den ganzen Tag im Geschäft.« Er schwieg und lächelte seinem Kinde hilflos, ermunternd zu: »So ist's mal im Leben.«

»Papa,« Leo umfing seinen Vater und küßte ihn, »es ist ja nichts Schlechtes aus uns geworden. Es ist eben jetzt eine andere Zeit.«

»Ja, schon recht,« hastig nahm Tiedemann seines Kindes Arm von seinem Hals, »nur eines noch, und das merk' dir fürs Leben, weil wir gerade darüber reden: heirate -- wenn du mal so weit bist -- nicht in eine andere Gesellschaftsschicht hinein als in die, in welcher du geboren bist.«

Mit fragenden Augen sah Leo ihn an.

»Alles läßt sich überbrücken und verwischen, nur das eine nicht! Du hast es dann stets vor Augen, daß du ein anderer bist. Und wenn du hundertmal das Haus erhältst und alles tust, du bleibst _doch_ immer der Mindere. Da kommen die Verwandten und die Freunde deiner Frau und sehen dich als weniger an -- selbst wenn sie selber Lumpen sind, du scheinst ihnen doch minder.«

»Clo hat doch auch in eine andere Gesellschaftsklasse geheiratet?«

»O nein,« fuhr Tiedemann auf, »du verstehst mich falsch. Nicht bürgerlich und adelig habe ich gemeint, sondern arm und reich. Ich bin von armen Leuten, während deine Mutter aus vermögendem Hause stammte! Darum paßten wir nicht zueinander. Lecart kommt aus vermögendem Hause und Clo auch, darum werden sie nie viel Streit haben, sie haben von Geburt dieselben Bedürfnisse. Darum muß Hilde auch so heiraten, wenn sie vielleicht auch heute noch anders denkt.«

»Sie hat Hansen gern.«

»Das wird vorübergehen. Fred sagt, daß sich Olthoff für sie interessierte; siehst du, Leo, der wäre mir als Schwiegersohn recht.«

»Er ist aber doch ganz anders als du, Papa.«

»Das ist gut, auch Lecart ist es!«

»Du denkst niedrig von der Frau.«

»Wie sie es verdient. Ich kann nicht anders reden, als wie es mich das Leben gelehrt hat. Deine Mutter war eine feine Frau, eine Mutter, wenigstens wollte sie stets das Beste mit euch, aber mir war sie nichts. Oft, am Anfang unserer Ehe, kam ich zu ihr, um dies oder das zu fragen, sie sollte mir einen Rat geben; wenn ich einen Freund brauchte, der hätte sie mir sein sollen. Ich bin stets umsonst gekommen.« Er atmete schwer. »Ihr war Toilette und Theater, kurz: alles wichtiger als meine Sorgen; die sollte ich mit mir allein ausmachen.«

»Armer Papa,« Leo streichelte seine Wange, »und Gerhards Mutter?«

Die Brust des alten Mannes hob und senkte sich in stockenden Wellen. »Die war anders ...« Er stand auf. »Ueber Tote rede ich nicht gern,« sagte er barsch und vergaß im eigenen Kummer, weshalb er gekommen war, »du,« er griff nach Leos Hand, »laß dir's gesagt sein, genieße das Leben!«

»Das will ich tun, Papa.«

»Nehmt euch die Frauen, wo ihr sie findet, und macht euch keine Gedanken, dann seid ihr glücklich; dann habt ihr keine Sorgen und seid begehrenswert.«

»Ja,« mit leuchtenden Augen sah Leo auf, »das will ich tun, und Fred macht es auch so.«

»Recht habt ihr.« Klaus Tiedemann nickte mit dem Kopfe und lachte. Mit starren Augen stierte er auf den Boden. »Rächt mich!«

Leo blickte nachdenklich zu ihm, dann fragte er langsam: »Hat dein Vater auch so zu dir gesprochen, Papa?«

»Mein Vater?« wieder lachte Klaus Tiedemann, »nein, der hat es nicht getan.«

»Warum nicht?«

»Mein Vater? Der dachte nicht an so etwas. Für den gab es nur Geld und Wut darüber, daß er keines hatte.«

»Was war Großvater?«

»Das ist's ja, Leo, von dem ich die ganze Zeit spreche -- er war arm -- und ging am Trunk zugrunde.«

»Da war er nicht gut mit dir?«

»Nein, Junge, aber darum bin ich es mit euch; ein Vater kann gar nicht nachsichtig und lieb genug mit seinen Kindern sein.«

»Du Guter,« Leo küßte ihn auf den Mund, »aber schau, Papa,« sagte er dann erinnernd, »wenn man nicht heiratet, dann hat man doch keine richtigen Kinder, und du hast uns doch so gern?«

»Das ist wahr.«

»Siehst du ...«

Es war dunkel geworden, und die Laternen warfen flackernde Lichter durch die Fenster. Von der Straße klang gedämpft der Lärm des Menschenstromes herauf, der sich von dem Geschäftsviertel in die äußeren Bezirke ergoß ...

Fred öffnete die Tür. »Aber, Papa, der Wagen steht bereits unten, und du bist noch nicht einmal angezogen!«

»Ich habe ganz vergessen.« Tiedemann fuhr sich über die Stirn, »wir haben ernst zusammen gesprochen und da ist die Zeit schnell vergangen.« Leo kam in Bewegung:

»Mach rasch, Pa, damit wir nicht zu spät kommen, ich bin gleich fertig.«

Er sprang davon; sein Vater drehte sich schwerfällig um, er hätte gern noch etwas gesagt, das seinem Kinde Halt geben sollte in seinen Kämpfen. Doch die richtigen Worte hatte er nicht gleich gefunden, und nun war es zu spät. Daß aber auch Leo das Konzert wichtiger war! ...

»So mach' doch weiter!« Freds Stimme hatte eine unwillige Färbung angenommen. »Es sieht unangenehm aus, wenn man _jedesmal_ zu spät kommt, gerade als ob man es sich so aussuchen würde, um fein zu sein. Das haben wir nicht notwendig.« Er schob seinen Vater zur Tür hinaus und fand nicht eher seine Ruhe wieder, als bis sie alle im Wagen saßen. »Warum hast du keinen Schmuck genommen?« fragte er Hilde, als die Pferde anzogen und ein vorüberfahrender Omnibus mit seinem Lichte ihm diesen Fehler offenbarte.

»Du weißt, daß ich Schmuck nicht gern trage.«

Er sah unwillig zum Fenster hinaus und sagte: »Heute hättest du _schon_ einen nehmen können, wo wir uns, seit mehr als Jahresfrist, das erstemal wieder zeigen. Solange wir Trauer um Mama trugen, ließ ich mir's gefallen, jetzt ist's Kaprize von dir!« Er ließ seine prüfenden Blicke weiter wandern, die gleich darauf bei seinem Vater eine schiefsitzende Krawatte entdeckten. Er richtete sie zurecht und fand dabei, daß Papa noch immer das schwarze Band als Uhrkette trug. Er griff hastig danach. »Das hättest du auch ablegen sollen; entweder oder: wenn wir von heute ab offiziell keine Trauer mehr tragen, so gehört sich das nicht mehr!«

»Ich werde es morgen weg tun, laß!« Klaus Tiedemann legte die Hand auf den Wagenschlag und blickte zu Leo: »Nicht wahr, du beherzigst, was ich dir sagte?«

»Ja,« mit verlorenen Augen sah Leo ihn einen Augenblick an, dann hielt der Wagen. Ein Strom geschwätziger Menschen umgab sie.

Mit nonchalanter Geberde nahm Fred Tiedemann seiner Schwester den Mantel ab und warf ihn dem Diener auf den Arm: »Sie warten beim Ausgang!«

Der Riesensaal war voll Menschen, bis hinauf zu den schwarzen Galerien. Auf dem Podium, das den Saal abschloß, stimmte das Orchester. Hunderte von Armen waren in lebhafter Bewegung.

Hilde neigte den Kopf, wie mit Blut übergossen: T. A. Hansen stand da und hatte sie gegrüßt. Für einen kurzen Augenblick hatten seine beweglichen Augen ruhig in den ihren geruht, dann wanderten sie weiter, über ihre Brüder hin, mit leichtem Spott.

Rechts und links grüßten Bekannte:

»Ich habe die Ehre, guten Abend,« und dazu lächelten alle Gesichter, die in wenigen Sekunden sich in ernste Falten legten, weil es die Sitte erforderte und man so über Kunst sprach ...

Der erste Bogenstrich!

Ruhe überflog den Saal, mit den ersten Tönen brach Beethovens Genius die Kleinlichkeit der Menschen und nahm sie gefangen.

Mit eiserner Hand pochte an aller Herz der Kampf der Seele gegen feindliche Gewalten und ließ sie zittern.

Das Glück lächelt und winkt, und das Schicksal wirft sich dazwischen. In wilder Gewalt brüllten die Töne und flehten und baten in heißem Sehnen.

Aufrichten, Hoffen, Verschwinden und Suchen waren des Menschen ewiges Vermächtnis ...

Klaus Tiedemann verstand nichts von Kunst und hatte auch nie darauf Anspruch erhoben, aber als die Töne auf ihn eindrangen, kam eine sonderbare Stimmung über ihn: Vielleicht war er heute zugänglicher, weil er in dem Gespräche mit Leo alte Erinnerungen geweckt, die er lange schon tot gemeint hatte! Seine Kindheit stand plötzlich vor ihm:

Der trunkene Vater schalt sein abgehärmtes Weib, weil er das Geld nicht geben wollte, das sie fürs Leben brauchten. Und daneben saß der Knabe, in Lumpen, und träumte von Geld und Glück, denn ohne Geld konnte es keines geben. Der Vater starb, der Sohn stemmte sich im wilden Trotz dem Leben entgegen, in offenem Kampfe wollte er es bestehen; doch es schlug ihm Wunden auf Wunden. Bald stand er allein. Dann schien Glück zu lächeln, er fand ein Weib. Gemeinsam trugen sie die Mühen leichter. Gerhard wurde geboren. Nun wußte er, _wofür_ er stritt ... Seine Kraft verdoppelte sich. Erfolg kam auf Erfolg. Klaus Tiedemann stieg hoch.

Hornruf riß ihn empor.

Die Welt stand freudlos vor ihm, und die Instrumente schwiegen:

Er fuhr zusammen, als täten ihm all die Hände weh, die in die Stimmung schlugen und damit Beifall zeugten.

Lange dröhnte der Applaus.

Mit matter Handbewegung klatschte Fred: »Die Behrens sind vorn in der Loge«, sagte er nachlässig zu seinem Vater. »Du mußt sie grüßen.«

»Der erste Satz war prächtig,« Leo winkte mit dem Programm seiner Schwester zu, »nur etwas zu langsam.«

Hilde nickte, kaum bewußt, daß man zu ihr gesprochen. Die Stimmen schwirrten um sie und banden sie an die Wirklichkeit. Das Orchester setzte ein. In wildem Rasen nahm das Kunstwerk sie weiter gefangen, alles versank hinter ihr.

Der Taumel konnte betäuben, nicht täuschen über den Ernst! Das war es, was sie oft empfand, daheim, wenn sich die Ihren anders gaben, als sie waren. Bequem war es, doch es mußte sich rächen! Derbes Behagen und Selbstzufriedenheit gaben nimmer Erfolg. Vater mußte die Fehler seiner Söhne sehen und sich ihrer bewußt werden.

Ihre Blicke flogen zu ihm. Seine Gedanken gingen ähnlichen Gang:

Sollte das rastlose Suchen und Mühen nach dem Glück, das ihn zeitlebens geleitet hatte, sein Ende finden in enger Begrenzung? So dachte er damals, als er, zurückgekehrt auf Heimaterde, sein Werk, jetzt Freds Werk, geschaffen hatte. Sollte er einsam bleiben, zufrieden mit dem Besitz? Er sehnte sich wieder nach Heimat im wirbelnden Trubel des Lebens, sein Herz verlangte Liebe, und die gab die _Familie_! Familie? Er brauchte zu wählen. Wie klein waren die Menschen, die ihm nun ruhig ihr Kind gaben, weil er reich geworden war! Die Kinder kamen, doch nicht das erhoffte Glück. Als er es besessen hatte, in den wenigen, kurzen Jahren seiner ersten Ehe, da hatte er sich nach dem lärmenden Erfolg gesehnt; da war das Glück zerbrochen. Nun verließ ihn nicht mehr der Erfolg, doch das Glück kam nimmer! Er wurde einsam in seiner großen Familie.

Mit starren Augen blickte Tiedemann vor sich nieder. Warum? ... Warum?

Beifall hatte zweimal um ihn geklungen, er hatte sich nicht gerührt. Seine Kinder sprachen, er gab keine Antwort:

Freude klang aus Instrumenten und Stimmen!

Freude war ihm nie beschieden gewesen.

Ob sie wohl seine Kinder fanden? Was in _seinen_ Kräften stand, gab er hinzu. Sie sollten haben, was ihm das Leben verwehrte!

Die Instrumente jubelten, die Stimmen jauchzten. »... Deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt ...«

Ein Riß ging durchs menschliche Sein, den nichts überbrückte. Wer Großes wollte, wuchs aus seinem Kreis und nahm sich so die Kraft, die ihm bestimmt war, die stets zu wenig wurde. Tiedemanns suchender Blick blieb auf dem hageren, bleichen Gesicht eines Geigers hängen, einer kleinen, verkrüppelten Gestalt, an der nur die Augen lebten und flackerten. Er war glücklich in den Tönen, um, wenn das graue Einerlei ihn wieder umfing, noch unglücklicher zu sein. So war es auch Klaus Tiedemann ergangen:

Das Leben hatte ihn gehoben und ihm den Boden des Volkes geraubt, aus dem er gewachsen war. Und nun stand er zwischen zwei Schichten und gehörte keiner an: Sein Streben galt dem, was sein erbittertster Gegner gewesen, solange er jung war. Er stand vor verschlossenen Türen und wollte den Weg zurück nicht mehr gehen, weil er allzu steinig war, da er ihn wanderte, den Blick nach der Höhe gerichtet. Und die Türen vor ihm blieben verschlossen. Sein Leben ging zu Ende. Noch immer suchte er dessen Rätsel zu lösen. Gab Gott den Menschen die Erde, um glücklich zu sein? ...

»Komm Papa! Ich möchte dich noch der Baronin Wolny vorstellen.«

Fred Tiedemann rüttelte seinen Vater, der bewegungslos geblieben, als das Konzert zu Ende war, der noch immer so saß im halbleeren Saal. Tiedemann seufzte und stand auf. Eine alte Dame trocknete sich die Augen, in welche die Erinnerung ihres Lebens Tränen getrieben hatte. Sie gingen dem Ausgang zu. Hansen mußte schon weg sein. Hilde sah ihn nicht mehr. »Jedes Wort, das man nachher spricht, ist Entweihung«, hatte er einmal zu ihr gesagt.

»Oh, die Herrschaften gehen wieder in Gesellschaft?« Eine schöne Frau grüßte mit bezauberndem Lächeln: Brunn-Bennigsen, die Klaviervirtuosin, hatte der Tiedemanns Fernbleiben von ihren Veranstaltungen, durch vier leere Plätze in der ersten Reihe gut im Gedächtnis. »Aber übermorgen kommen Sie doch in mein Konzert?«

»Selbstverständlich.« Klaus Tiedemann verneigte sich, trotzdem sein Inneres anders sprach. Er wendete sich an seinen Sohn: »Fred, du mußt dich morgen gleich um Karten umsehen. Hoffentlich bekommen wir noch welche.«

»Ich denke schon!«

Ein öder Abend, der ihm nichts gab, stieg vor Tiedemann auf, in dem er Beifall klatschen mußte, weil es die anderen taten. Mechanisch verbeugte er sich bei der Verabschiedung, während Fred mißmutig zum Ausgang sah:

»Nun haben wir die Wolny verpaßt.«

Hilde und Leo empfingen in den vorderen Räumlichkeiten die letzten Gäste. Dann geleiteten sie diese in den Musiksalon. »Wenn es Sie interessiert, wir wollen eben über das Wohltätigkeitsfest schlüssig werden.« Leise Verbeugungen, diskretes Lächeln und Händedrücke ließen die Wissenden erkennen.

Lachen und Bravorufe klangen von der Schmalseite, wo sich die Herren drängten. Frau Baronin Wolny stand auf, von neuerlichem Beifall begrüßt. Sie lächelte dankend und sprach geziert:

»Meine Herrschaften!«

Sesselrücken ging der allgemeinen Ruhe voraus, welche knarrende Stiefel unangenehm unterbrachen, die auf dem spiegelnden Parkett hin und her gingen. »Wer ist das?« Ein fragendes Lächeln hinter dem Fächer, leise Antwort:

»Ueberbleibsel aus alter Zeit, man sagt, ein Verwandter.«

Zwei Augenpaare nickten sich zu, über Gerhard Tiedemann hatten zwei Damen der Gesellschaft den Stab gebrochen.

»Meine Herrschaften! Vor allem danke ich Ihnen für ihr Vertrauen«, sprach die Wolny. »Ich weiß nicht, ob ich es verdiene,« die rotblonde Frau lächelte verbindlich, »aber wenn ich tatsächlich die Ehre haben werde, dem Feste zu präsidieren, so können Sie versichert sein, daß ich zu dessen Gelingen alles tun will, was in meinen schwachen Kräften steht.«

T. A. Hansen zog die Unterlippe ein, während ein Beifallssturm den Worten der begehrenswerten Frau folgte; dann klatschte auch er in die Hände: »Bravo!« Seine Stimme hatte sonderbare Färbung.

»... Und noch eines möchte ich bitten, heute zu besprechen. Mit Rücksicht auf den praktischen und humanitären Zweck müssen wir möglichst _billig_ arbeiten. Wollen die Herrschaften also im Laufe des heutigen Abends, der uns gewiß allen recht angenehm vergehen wird, sich zwanglos über Gruppen, Kostüme usw. besprechen und es dann mich oder Herrn Fred Tiedemann wissen lassen, der die Freundlichkeit hatte, in das engere Komitee einzutreten ...«

Sie setzte sich; Fred beugte sich leicht zu ihr hinüber, daß er den warmen Hauch ihres Körpers atmete: »Bitte Frau Baronin, das Wort für mich.«

»Herr Fred Tiedemann hat das Wort.«

»Ich möchte nur auf eines hinweisen,« der kerzengerade Fred lächelte rundum, »wir brauchen einen gewissen Betriebsfonds, um arbeiten zu können! Die Vorbereitungen hat wohl die gnädige Frau Baronin in selbstlosester Weise gefördert.«

»_Sie_ doch _auch!_« Frau Majas volle Lippen lächelten.

»Es müssen Einladungen besorgt werden, kurz und gut,« er warf den Kopf humoristisch hin und her, »wir brauchen Geld, wie überall auf der Welt!«

»Der Weisheit Schluß!«

»Kollekte veranstalten!«

»Absammeln!«

»Bitte,« Fürst Solt legte eine Riesennote vor Frau Maja Wolny und trat mit einer Verbeugung zurück. Fred Tiedemann sah darauf hin und ärgerte sich: es war mehr, als er hatte zeichnen wollen.

Er sah fragend zu seinem Vater hinüber:

Der hatte die Situation und den Befehl begriffen. Mit hastigen Schritten und vor Erregung rotem Kopf, daß er nun vor so vielen Menschen sprechen müßte, die er alle als über sich stehend ansah, trat er vor und gab die doppelte Summe in Frau Majas Hände: »Von unserem Hause.«

»Meinen herzlichsten Dank, im Namen der Sache.«

Klaus Tiedemann verneigte sich, wie er es bei dem Fürsten gesehen hatte. »Das soll nur der Anfang sein.«

Fürst Solt trat in die Fensternische.

Nun kamen alle anderen, an der Spitze Lecart und Behrens. Klaus Tiedemann sah mit scharfen Augen zu: Behrens mußte viel geben, der zog den armen Leuten die Haut über die Ohren ... Die beiden Männer nickten sich steif zu; sie konnten es noch immer nicht vergessen, daß sie in der Jugend Konkurrenten gewesen waren. Und dann -- die Behrens hatten wohl auch reichlich Geld erworben, aber ihre Art hatte sich nicht verfeinert und war derb geblieben, wie am Anfang, da Heinz Behrens am Getreideeck als kleiner Makler begonnen hatte! Behrens sagte zu Tiedemann:

»Wie soll der Schwindel heißen?«

»Das wissen wir selbst noch nicht; ursprünglich wollten wir ein orientalisches Fest, aber die Kostüme kommen zu teuer; das drückt den Reingewinn.«

»Mhm,« Heinz Behrens zog den Mund breit, »das ist wahr.«

»Nennen Sie's doch ‚ein Wohltätigkeitsfest auf dem Mond’, meine Herrschaften,« rief Hansens helle Stimme in das Gewisper und Geflüster, das die rotblonde Präsidentin ratend umgab, »da kann man jedes Kostüm brauchen.«

Sie wandten alle die Köpfe; Hildes Augen suchten den Boden.

Klaus Tiedemann wußte nicht recht, ob die Worte im Scherz oder im Ernst gesprochen waren.

»Das ist eine Idee.«

Fred Tiedemann hatte zu Hansens Verständnis, in solchen Dingen, unbedingtes Vertrauen:

»Ausgezeichnet, meine Herrschaften, wenn niemand etwas dagegen hat, so feiern wir ein Fest auf dem Mond?«

»Bravo, famos!«, es hatte niemand etwas dagegen; nur Heinz Behrens schüttelte den struppigen Kopf, er fand sich nicht gleich zurecht in solchen Dingen: was sollte er auf dem Monde machen?

»Ein großartiger Gedanke, gnädiges Fräulein«, sagte Olthoff und zog sich ein Taburett zu Hildes Füßen. »Ist es erlaubt?«

»Bitte.«

Er ließ sich nieder. »Ich hätte eine große Bitte an Sie, gnädiges Fräulein?«

»Die wäre?«

Er seufzte und sah sie lächelnd an: »Eine sehr, sehr große und unverschämte Bitte.«

»Nun?« Nervös blickte sie nach der Stelle, wo Hansen sein mußte. Er folgte der Richtung; fragend sah er sie an:

»Befehlen?«

»Nichts,« sie wendete den Kopf, »Ihre Bitte?«

»Fred und ich wollen eine Gruppe bilden.«

»Und? ...«

»Bitte, machen Sie mit!«

»Wenn Papa dadurch nicht allein ist, gern.«

»Das ist lieb von Ihnen.« Er küßte ihr die Hand und sprach eifrig weiter: »Wir denken uns so eine nette, intime Gruppe, lauter Leute, die sich gegenseitig sympathisch sind.« Sein Blick tauchte fragend in den ihren, ohne daß ihm dieser die gewünschte Antwort gab. »Bis jetzt wäre es Ihre werte Familie, die Wolnys und meine Wenigkeit -- viele werden nimmer dazukommen, höchstens noch eine junge Dame für Jan Wolny; für Ihren jüngeren Herrn Bruder haben wir an Fräulein Behrens gedacht.«