Lebenswende

Part 3

Chapter 33,800 wordsPublic domain

Auch Fred war instinktiv aufgefahren und hatte sich verneigt. Dunkelrot war er im Gesicht geworden.

»Kennst du ihn?« war seine Frage.

»Selbstverständlich: intim.«

»Du mußt mich vorstellen!«

»Gern! Schwager was ist's? Einverstanden?«

Freds Widerstand war gebrochen, Lecart hätte ihn für seine Pläne an keiner Stelle so leicht gewinnen können wie hier im Klub, wo Fred Tiedemann um Gleichberechtigung rang, die ihm nur schwer seines Vaters Geld verschaffte. Er nickte und besah die spiegelnde Spitze seines Lackschuhes:

»Jawohl, aber ich verlasse mich _ganz_ auf dich! Ich habe keine Zeit, mich näher zu informieren. Du hast die Verantwortung.«

Fred stand auf, Lecart hielt ihn fest: »Treffe ich dich morgen im Geschäft?«

»Nein!« Fred Tiedemann strebte den Spieltischen zu. Lecart riß aus seinem Notizbuch einen Zettel und kratzte im flirrenden Licht, das durch den Rauchnebel schien, ein paar Worte darauf: »Da unterschreib!«

Mit gleichgültigen Augen überflog Fred die zwei Zeilen, durch die er das Bankhaus Klaus Tiedemann anwies, Herrn Baron Lecart beim Ankauf der nachgelassenen Mansbergschen Spiritusfabriken bedingungslos zu unterstützen. Mit seiner steilen Schrift setzte er seinen Namen darunter. »Wir müssen aber die erste Hypothek haben, damit wir sicher gehen!« sagte er.

»Ich bin der letzte, der euch schädigen will.«

Fürst Solt ging vorüber mit seinen langsamen, steifen Schritten und seinem tadellos sitzenden Salonrock. Tief bückte sich Fred Tiedemann:

»Durchlaucht, dürfte ich um wenige Augenblicke Gehör ersuchen?«

Solt neigte den Kopf.

»Bitte!«

Fürst Solt trat näher, er übersah Lecart, der, während sein Schwager in wohlgesetzter Rede die Einladung vorbrachte, den Zettel hastig verwahrte, der ihm wieder für ein paar Monate Luft machte und Kredit schuf.

Mit freudestrahlenden Augen sah Fred dem Fürsten nach: »Er hat zugesagt, das Fest ist gesichert.«

»Hm,« Lecart schien müde und abgespannt, »was machst du jetzt?«

»Ich suche Olthoff und werde ein kleines Spielchen probieren.«

»Dort ist er!« Lecart wies auf den Näherkommenden. »Nimm dich vor ihm in acht, er steht windschief und kann eine teuere Bekanntschaft werden.«

»Teuerer als du kann er nicht sein.«

In Lecarts Emigrantenaugen blitzte es feindselig auf. »Ich bin der Mann deiner Schwester.«

»Weiß ich. Grüß' sie mir schön!«

Fred Tiedemann eilte seinem neuesten Freunde entgegen. Lecart, mit seinen dreißig Ahnen, lehnte sich unwillig in dem Fauteuil zurück und sann auf Geschäfte.

Drunten schlich durch den fallenden Regen Leo Tiedemann auf der Suche nach Abenteuern.

Am nächsten Tage hatte sich der alte Tiedemann rasch angekleidet und war mit unruhigen Schritten im Zimmer auf und ab gegangen, bis es Frühstückszeit war. Mehr als ein Jahr hatte er sich geflissentlich vom Geschäft zurückgehalten, um Fred nicht zu beeinflussen. Es war ihm nicht leicht gefallen; doch er konnte sich recht gut zurückerinnern, wie er eine Kontrolle vertragen hätte, daher glaubte er auch, es müßte bei seinem Sohne das gleiche sein. Wohl war es ihm manchmal vorgekommen, als ob Fred eine Einmischung seinerseits gar nicht ungern sähe.

Langsam stieg er die Stufen hinunter, die er jahrelang gegangen war, in tiefen Sorgen und Gedanken. Ein weihevolles Gefühl umfing ihn.

Er lächelte darüber und vermochte doch nicht, es abzuschütteln.

Er ging auf die große, eiserne Türe zu, die er versucht hatte zu vergessen und die doch stets alte Wunden aufriß, wenn er sie sah -- es war selten genug. Sie war vor dreißig Jahren, als er das Haus in seinen Besitz gebracht hatte, rostig und zerschlagen gewesen. Er hatte sie stets so gelassen. Nun glänzte sie in neuen Farben.

Mit raschen Schritten trat er ein.

Ein Diener kam geschäftig auf ihn zu; doch als er ihn erkannte, riß er die Tür nach links hin auf.

Sein Blick flog über die langen Reihen der Schreibtische; er atmete tief. Wieder einmal lag sein Leben vor ihm, das ihm hier Tag für Tag vorübergeschlichen war in unablässigem Mühen und Sinnen.

Hier saßen die Buchhalter.

Er sah unter den bekannten Gesichtern neue -- wie stets, wenn er kam -- die erst der Nachbar aufmerksam machen mußte, wer er sei. Dann flogen sie von den Drehstühlen in die Höhe und verneigten sich tief: »Ich habe die Ehre, Herr von Tiedemann.«

Er kam sich fremd vor in dem langgestreckten Bureau, das um das Doppelte vergrößert worden war. Sein Auge musterte mit schnellem Blick die neue Einrichtung, von der Fred so viel zu ihm gesprochen hatte. Alles war getäfelt, mit leichten, sanften Farben bedeckt. Es machte einen vornehmen Eindruck und stach ihm doch unangenehm in die Augen.

Das Leben war fortgeschritten und verlangte andere Formen. Das war stets so gewesen, und Fred stand voll in seiner Zeit: das war seine Beruhigung.

Nun sah er den alten Görnemann, welcher gebeugt an seinem Stehpult arbeitete, den weißen Kopf auf die linke Hand gestützt. So hatte er ihn jahrzehntelang gesehen; nur die Haare waren damals noch braun gewesen.

Der Ton, mit dem er ihn anredete, war wärmer, als er eigentlich wollte:

»Grüß Gott, Görnemann!« Der fuhr herum, als hörte er ein Gespenst:

»Der Herr!« Er lief nach einem Sessel. »Das ist aber schön, daß Sie wieder einmal nach uns sehen. Das ist sehr schön.« Er rieb seine mageren Hände, daß sie knackten. Klaus Tiedemann machte eine Kopfbewegung nach den Arbeitenden; er war verlegen, weil er nicht gleich den richtigen Ton fand.

»Viel neue Leute darunter?«

»Viele«, der alte Prokurist räusperte sich.

»Hat sich viel geändert?«

»Oh, sehr.«

Etwas Fremdes lag zwischen den beiden Männern, die sich ein Leben lang gekannt hatten. Der Ton des Salons ließ sich nicht hierher verpflanzen.

»Auf dem Platze vom Pfeiffer sitzt jetzt auch ein Junger.«

»Der Pfeiffer ist in Pension gegangen.« Wieder hüstelte Görnemann, um nicht sagen zu müssen, daß es den alten Mann viel Tränen gekostet habe, bis er seinen Sessel, den er dreißig Jahre gedrückt, hatte verlassen müssen; aber mit dem jungen Chef ging es nimmer! Der nahm ihm die Handkasse weg und degradierte ihn zum Schreiber. Das ertrug sein Ehrgefühl nicht.

»Hat mein Sohn die Pensionsfrage gelöst?«

»Nein, es wird noch immer fallweise bestimmt, was jeder bekommt.«

»Aber er gibt jedem von meinen alten Mitarbeitern Pension?«

Leise Angst und Besorgnis klang in der Frage. »Ja, aber es ist sehr wenig.«

»Das will ich nicht; da muß ich heute gleich mit Fred sprechen.«

Görnemann trat von einem Fuß auf den anderen; er schien in großer Aufregung; dann sagte er stockend: »Ich habe schon oft daran gedacht, mich zurückzuziehen,« wieder ließ er seine Gelenke krachen; »man hat doch seine 68 Jahre auf dem Rücken, und da wird einem das Arbeiten manchmal schwer.«

»Nichts da,« Klaus Tiedemann legte seinem ehemaligen Angestellten die Hand auf die Schulter, »davon reden wir in ein paar Jahren, das gibt's jetzt noch nicht.« Mit gutmütiger Barschheit suchte er dem anderen seine Gedanken auszureden. »Ein Mann wie Sie, ohne Frau und Kind, was soll denn der machen ohne Geschäft? Ist's _mir_ nicht leicht gefallen, das Auf-der-faulen-Haut-liegen, was wollen denn erst _Sie_ anfangen?«

»Ist schon wahr, Herr Tiedemann, aber ein alter Kopf kann heutzutage oft nimmer mit.«

»Papperlapapp, ein Kaufmann wie Sie! Wäre nicht übel.«

Hunderte von frohen Fältchen erschienen auf des Alten faltigem Gesicht, als er seinen Herrn so reden hörte.

»Nein, da wird einstweilen nichts daraus!« Tiedemann schüttelte den Kopf. Dann aber, als käme ihm ein anderer Gedanke, fügte er hinzu: »Wenn Sie's aber einmal wirklich satt haben, Görnemann, dann lassen Sie es _mich_ wissen. Ihre Pension soll meine Sache sein.« Er sprach rasch weiter, um des anderen Dank zu entgehen. »Uebrigens, ich habe Gerhard noch nicht gesehen.«

»Der ist im Chefzimmer; er studiert die überseeischen Berichte; der junge Herr erlaubt nicht, daß sie heraus ins Kontor kommen,« sagte Görnemann rasch ... »und für ihr Versprechen, sich meiner anzunehmen ...«

Er kam in seiner Dankrede nicht weiter, denn sein Herr fiel ihm ins Wort: »Der Berichte wegen bin ich hier. Wie sind sie ausgefallen?«

»Schlecht, sehr schlecht.« Görnemann schüttelte bedauernd den Kopf: »Ich kann mich nicht erinnern, je so schlechte gesehen zu haben.«

»So?« Tiedemanns Stimme klang, aus alter Gewohnheit, streng. »Wir werden ja sehen. Wo geht es ins Privatbureau? Man kennt sich ja nimmer aus in eurem neuen Kram.«

»Dort, gleich die nächste Tür,« Görnemann lief dienstbeflissen voraus, »dort, am Ende vom Gang.«

»Was ist _das_?« Klaus Tiedemann hatte eine andere Tür geöffnet und sah in ein Zimmer, das ebensogut als Damenboudoir hätte gelten können. »Das sieht ja riesig mollig aus!«

Verlegen meinte Görnemann: »Das ist des jungen Herrn Privatempfangszimmer.«

»So?« Der alte Tiedemann sagte weiter kein Wort, er nahm die Hand von der Türschnalle und ging weiter.

»Guten Morgen, Vater!«

Gerhard Tiedemann stand hinter dem Tische auf, vor dem er gesessen hatte, und schlug in seines Vaters Hand ein, die der ihm in plötzlicher Wallung entgegenstreckte: »Fleißig bei der Arbeit?«

»Solche Arbeit macht nicht viel Freude.«

»Laß sehen!« Tiedemann schob ihn zur Seite und nahm die Papiere zur Hand.

Gerhard zuckte die Achseln und blickte zu Görnemann hinüber, der den Kopf in die Schultern zog, vor dem unaufhaltsamen Entrüstungssturm, der nach seiner Erfahrung kommen mußte.

Mit unsicherer Stimme fragte der Alte:

»Von wem sind die Berichte?«

»Von Smithers Sons ...«

Nach einer Weile fragte Tiedemann: »Warum haben wir so unsinnig viel Baumwolle abgegeben? Nun leiden wir selber Mangel daran.« Görnemann trat einen Schritt näher, um zu antworten, doch der Alte fuhr ihn an: »Ich brauch' keine Erklärung.«

Tief beugte er den Kopf herab, um seines Unwillens Herr zu werden. Fred mußte da nicht viel nachgedacht haben, sonst wäre _dieser_ Verlust hintanzuhalten gewesen. So ein grobes Versehen war Klaus Tiedemann _nie_ unterlaufen. Das kam davon, wenn die jungen Leute stets zu Hause bei Mama saßen und sich nicht in der Welt umsahen ...

Er horchte auf, eben sagte Gerhard:

»Das ist der Fehler bei uns; man will alles vom grünen Tische aus regeln, ohne Erfahrung. Das muß man an Ort und Stelle beobachtet haben, wenn man bei den Yankees nicht hineinfallen will.« Klaus Tiedemann zwang sich zum Gegenteil:

»Das konnte niemand voraussehen. Das nächste Mal wird die Bilanz schon besser sein.«

Der alte Görnemann hörte mit offenem Munde zu, Gerhard preßte die Lippen aufeinander. Er merkte nur allzudeutlich, daß seines Vaters Widerspruch seiner Person galt. Er warf trotzig den Kopf zurück. Wenn die Stimmung gegen ihn anhielt, blieb er nicht länger hier. Man wußte seine Arbeitskraft anderswo besser zu schätzen, ihm war um sein Fortkommen nicht bange.

Klaus Tiedemann sah noch eine Weile auf die Buchstaben und Ziffern nieder, ohne sie zu lesen. Ihm waren seine Worte leid, und doch glaubte er nicht anders sprechen zu dürfen, wenn er Gerhard, Fred gegenüber, untergeordnet halten wollte. Jemand trat ein:

»Hallo, du selbst, Schwiegerpapa?« Mit hastigen Schritten kam Lecart auf Klaus Tiedemann zu. »Das trifft sich ja prächtig.« Sie sahen sich in die Augen und schüttelten sich die Hände. »Clo ist draußen im Wagen, die wird sich freuen; ich werde sie gleich holen.«

»Aber ich bitte, Herr Baron, sich nicht zu bemühen; das werde ich besorgen!« Görnemann eilte davon.

Wieder wendete sich Lecart an seinen Schwiegervater: »Du wunderst dich wohl, mich hier zu sehen?«

Klaus Tiedemann lächelte: »Ich glaube, wir sind beide seltene Gäste hier unten.«

»Das wird sich bei mir ändern! Du mußt wissen, ich habe Großes vor.« Lecart blickte zu Gerhard hinüber, unschlüssig, ob er in dessen Gegenwart weitersprechen sollte. Er sagte zu ihm:

»Bitte, bereiten Sie mir einstweilen mein Konto vor; hier haben Sie eine Bescheinigung des Chefs.«

»Ich hätte Sie ohnehin allein gelassen.« Gerhards Stimme klang in überlegener Mißachtung: »Die Bescheinigung kann ich Herrn Görnemann geben.«

Er ging mit gleichgültigen Schritten ab, den Kopf etwas vornübergeneigt, wie es auch sein Vater zu tun pflegte.

In der Tür traf er mit Frau Clo zusammen.

Er trat zur Seite und sah in ihr feines, blasses Gesicht, auf dem Sorge zu liegen schien.

»Grüß Gott, Papa!« Tiedemann drückte ihr einen Kuß auf die Stirn und betrachtete sein schönes Kind vom Kopf bis zu den Füßen. Mit gezwungenem Lächeln klopfte sie ihm auf die Wange: »Gut siehst du aus, Papa!«

»Nicht wahr?« sagte Lecart, »man sieht, er hat keine Sorgen.«

»Gott sei dank, nein; ihr doch wohl auch nicht? Nun setzt euch aber!«

Frau Clo setzte sich auf den Diwan und schlug die Füße übereinander, daß der feine Knöchel ihres Fußes sichtbar wurde. »Laßt euch nur nicht aufhalten, wenn ihr Geschäftliches zu tun habt! Ich blättere einstweilen in der Zeitung,« sagte sie. Dann schob sie den Schleier in die Höhe.

Sie tat alles mit einer langsamen, eleganten Ruhe der Bewegung, die über ihrem ganzen Wesen lag und alles Leben und unmittelbare Empfinden verschleierte. So hatte es ihre Mutter gewollt, und so kam sie am besten mit ihrem Manne aus. Der hatte ein fahriges Temperament und steckte immer tief in eigenen Angelegenheiten, die ihm für sie wenig Zeit ließen. Sie hatte sich einen Wall aus Ruhe und Takt gebildet, der sie vor vielerlei schützte.

Lecart rieb die Hände:

»Ich habe jetzt furchtbar viel zu tun. Ueberall Unannehmlichkeiten. Die Kerls streiken mir wieder zur Abwechslung. Der Betrieb in den Gruben steht seit einer Woche still.«

Der Alte schüttelte den Kopf. »Immer nur Forderungen und keine Gegenleistung, das ist so recht neumodisch.«

»Nun, nein; die Leute haben ein Stück recht, aber,« Lecarts markiertes Gesicht belebte sich, die eingefallenen Wangen bekamen Farbe, »warum soll man ihnen das _zugeben_, wenn man selbst nur Schaden davon hat?«

»Wenn sie im Rechte sind, werden sie ihr Ziel erreichen«, sagte der andere bedächtig.

»Wir werden sehen. Einstweilen haben wir uns organisiert und sie im ganzen Bezirk ausgesperrt; es sind schon viele in der _einen_ Woche mürbe geworden; mehr als ich brauchen kann. Wenn sie für Weib und Kind nichts zu fressen haben, dann kriechen sie zu Kreuze. Am Montag fange ich wieder mit vollem Betrieb an.«

»Du sagst doch, daß ihr sie ausgesperrt habt?«

»Ja, aber ich brauch' doch nur so lange mitzumachen, als ich will.«

Klaus Tiedemann schüttelte unwillig den Kopf: »Ihr müßt doch einig sein, wenn ihr 'was erreichen wollt. Die anderen sind's auch.«

»Hat sich was mit der Einigkeit! Die Hauptsache ist, daß man kein Geld verliert.«

»Hm, das weiß ich nicht.«

»Aber ich. Bitt' dich, wohin soll denn das führen? Ich muß jetzt schon meine ganzen Akzepte hergeben und teuer verzinsen, wenn ich Geld haben will. Das ist ein starker Verlust für mich, wo ich so immer sehr viel mit Rimessen arbeite.« Er schwieg, als fürchte er, zuviel gesagt zu haben. Unsicher sah der Alte auf:

»Gehen denn die Gruben schlecht? Du wirst doch nicht in Schwierigkeiten kommen?«

»Davon ist keine Rede.« Lecart nahm einen leichtfertigen Ton an. »Wo denkst du hin: Charles Lecart in Geldverlegenheiten?« Er lachte. Es klang häßlich und gepreßt, daß Clo einen schnellen Blick herüberwarf. »Im Gegenteil, ich denke jetzt die Mansbergschen Fabriken an mich zu bringen und viel Nutzen daraus zu schlagen.«

»Das ist etwas anderes.« Erleichtert atmete Klaus Tiedemann auf.

»Jetzt werdet ihr auch bald den Zinsfuß herabsetzen müssen?« sagte Lecart so nebenbei.

Der Alte schüttelte den Kopf. »Das weiß ich nicht genau, da frage den Görnemann, aber ich glaube nicht, denn das Geld hat nach der amerikanischen Erdbebenkatastrophe wieder reichliche Verwendung.«

»Das kann doch nicht so viel ausmachen.« Lecart hielt einen Augenblick nachdenklich inne, dann fuhr er lebhaft fort: »Uebrigens, ich werde mich gleich erkundigen, ich habe so eine Menge mit Görnemann zu besprechen. Du bist, wie ich sehe, nicht mehr auf dem Laufenden?«

»Ich habe mir zum Prinzip gemacht, mich von dem Augenblicke an, als Fred an meine Stelle trat, um nichts mehr zu bekümmern.«

»Sehr klug. Ich glaube, Fred wäre auch nicht der Mann, der sich hineinreden ließe.« Lecart trat in gemachter Zärtlichkeit zu seiner Frau: »Servus, Clo; dein armer Mann muß jetzt arbeiten ... Dich sehe ich noch, Papa,« fügte er in einer Art herablassender Höflichkeit hinzu, die er seinem Schwiegervater gegenüber öfters zur Schau trug. »Lecart ist ein Kavalier in jeder Bewegung,« hatte Clos Mutter gesagt, wenn sie das Widerstreben der Tochter, ihrem jetzigen Manne gegenüber, besiegen wollte. Lecart ging; Tiedemann und Clo waren allein.

Es blieb für einige Augenblicke still im Zimmer, als wollten die beiden nicht an das Leben rühren, das sie selbst gezimmert hatten, dessen sie nun nicht froh werden konnten.

Klaus Tiedemann setzte sich an seines Kindes Seite und schlang den Arm um sie. »Nun, wie geht es, Clo?«

»Gut, Papa,« sie legte ihre mit Ringen bedeckte schmale Hand in die klobige Rechte ihres Vaters und sah ihm unsicher in die Augen, die so viel von Milde und ehemaliger Tatkraft sprachen.

»Dann ist's recht.« Er seufzte. »Du kamst mir vorhin verstimmt vor?«

»O nein!«

»Doch! Jeder Mensch hat etwas zu tragen.«

»Ich nicht.« Allzuschnell kam die Antwort.

»Doch Kind,« er wiegte den Kopf, daß das straffe, weiße Haar darauf zu schwanken anhub; »ist es dies oder jenes, eines ist es gewiß.« Sie schwieg; so redete er weiter: »Mutter ist schon ein Jahr tot.«

»Wirklich, ich bin schon bald zwei Jahre mit Charles verheiratet.«

Wieder saßen beide schweigend.

Dann fragte sie lebhaft:

»Sag', Papa, hat Fred eigentlich mit dir über Charles' Absichten gesprochen?«

»Warum, Kind?«

»Es wäre mir eine Beruhigung gewesen!«

»Wenn es Wichtiges ist, so kommt Fred schon selbst. Er hängt viel zu sehr an mir, um einen wichtigen Schritt -- wenn es eben einer wäre -- zu verschweigen.«

»Wirklich, Papa?« Ihre Stimme klang freier. »Wie geht es überhaupt Fred? Hat er die neue Würde noch nicht satt?«

»Wo denkst du hin? Gut geht es ihm in jeder Beziehung, auch im Geschäft. Ich glaube, vor allem hilft ihm dabei sein großer Bekanntenkreis. Keine Woche vergeht, ohne daß er nicht in ein neues Haus eingeladen wird! -- Er ist auch ein fescher Bursch«, fügte er wohlgefällig hinzu und lachte in befriedigtem Vaterstolz. »Seine neueste Errungenschaft ist die Wolny.«

»Die? So?«

»Kennst du sie?«

»Freilich, wir treffen sie öfters bei Behrens. Du,« sie legte die Zeitung beiseite, »ist es wahr, daß Fred sich ankaufen und die Bank mit der Zeit in eine Aktiengesellschaft umwandeln will?«

Ueber Klaus Tiedemanns Gesicht lief ein Schatten; er war bleich geworden: »Wer hat das gesagt?«

»Ich habe es bei Behrens gehört.«

»Dummes Geschwätz.«

Es litt ihn nicht länger beim Sitzen; er legte die Hände auf den Rücken und begann hin und her zu gehen mit hastigen Schritten.

»Sogar von einem Tiedemannschen Fideikommiß oder Aehnlichem sprachen sie.«

Er blieb stehen und stampfte mit dem Fuße: »Da sieht man, wie die Leute daherreden.«

»Das habe ich mir auch gedacht. Ich weiß doch, daß du stets dagegen warst.«

»Deine Mutter hätte es schon gern durchgesetzt! Lassen wir das,« unterbrach er sich; »es geschah ja auch von ihrer Seite nur aus Liebe,« er hustete, »wenn sie auch manchmal die Mittel vergriff.« Er senkte den Kopf und schwieg; sein Kind blickte ihn mit großen geängstigten Augen an.

»Sag, Papa,« fuhr sie fort, »war das nicht der Grund, daß du dich so schnell vom Geschäft zurückgezogen hast?« Er gab keine Antwort. »Du wolltest nicht in der Arbeit überrumpelt werden und selbst Fred überwachen, bis er aus Gewohnheit an nichts anderes mehr dachte und dein Erbe gutwillig antrat?«

Er sah sie erstaunt an.

»Du bist eine gute Beobachterin geworden.«

»Das wird jede Frau.«

»Mag sein, deine Mutter war es gewiß. Das hab' ich merken müssen.« Er lachte bitter.

»Sie war krank, Papa, und glaubte niemandem als uns Kindern trauen zu können, sie hat uns in ihrer blinden Liebe alle überschätzt. Darum war ja auch für uns Mädchen kein Mann recht! Wie das Leben so merkwürdig ist.« Mit zitternden Fingern schob sie ihr Kleid zurecht.

»Ob Fred nicht nur so daherredet bei Behrens, um den Weibern zu imponieren?« Langsam, schier unbewußt, hatte Klaus Tiedemann die Worte gesagt.

»Aber, Papa, darüber sollst du gar nicht nachdenken,« sie streckte ihm die Hand hin und lächelte, »das wird gesprochen und vergessen.«

»Hast recht -- übrigens kommen Behrens Sonnabend zu uns.«

»Es soll über das Wohltätigkeitsfest gesprochen werden?«

»Gewiß! Fred hat sich die Sache ganz gut ausgedacht. Vor dem Souper ist eine kleine Komiteesitzung, in der sich die Leute besser kennenlernen. Er will die Wolny zur Präsidentin haben.«

»Fred hat wirklich Geschick zu solchen Veranstaltungen: voriges Jahr war es ein hübsches Reinerträgnis, das er erzielte.«

»Er hat eben Glück bei den Weibern, und die sind in solchen Dingen die Hauptsache. _Ich_ habe es nie gehabt.« Der Siebzigjährige furchte die Brauen, als grollte er heute noch dem Schicksal seiner Jugend.

»Uebrigens,« er lächelte schon wieder, »Leo fängt, glaube ich, auch schon an.«

»Aber, Papa, das ist doch viel zu früh?«

»Das muß _er_ wissen, Kind.«

»Aber das ist Unsinn!«

»Das sagt Hilde auch.«

»Aber, Papa, wirklich, da solltest du besser auf ihn achtgeben.«

»Du sprichst wie eine kleine Mutter.« Er legte ihr liebkosend die Hand auf die blasse Wange. »Dein Sohn möchte ich einmal nicht sein.«

Brennendes Rot lief wie Hauch über ihr Gesicht: »Ich glaube, Papa, wir bekommen keine Kinder.«

»Na,« er lachte gutmütig, »abwarten ...«

Sie stand auf in jäher Bewegung:

»Jetzt möchte ich zu Hilde; ich habe sie eine Ewigkeit nicht mehr gesehen.«

»Komm, Kind, sie wird sich gewiß freuen ...«

Leo lag auf dem Diwan und horchte den Stimmen, die aus dem Nebenzimmer kamen.

Er hatte die Augen geschlossen in schwerer Mattigkeit. Der Kopf schmerzte, und sein Puls ging schwer. Man gab ihm keine Ruhe: jetzt mußte ihn auch Hilde bei Papa anschwärzen. Was wußte die von all dem, was in ihm vorging? Für sie war er der Bub, der lernen sollte. Was rechnete die mit seiner Eigenart? Schwerer Groll stieg in ihm gegen die Schwester auf, die sein Bestes wollte.

Er fuhr wider Willen zusammen und stellte sich schlafend.

Die Tür war geöffnet worden.

Er fühlte den Blick seines Vaters auf sich ruhen und regte sich nicht.

Ein Stuhl wurde gerückt; nun mochte er sich wohl zu ihm gesetzt haben. Da war einer Aussprache nicht mehr zu entgehen! Er wußte, daß Papa nun warten würde, bis er aufwachte.

Langsam, blinzelnd schlug er die Augen auf und richtete sich verschlafen in die Höhe.

»Bleib nur liegen, Bub!« Tiedemann betrachtete ihn mit forschenden Blicken. »Du siehst elend aus, Leo.« Er furchte die Stirn.

»Aber Papa, das ist nur, weil ich Kopfweh habe, und die Tapete hierinnen macht jeden grün! Du siehst auch schlecht aus.«

»Laß die Tapete in Ruhe und sag' mir lieber, wann du heute nach Hause gekommen bist!«

»Nicht spät,« Leo brachte schnell zwei Stunden in Abzug, »es wird noch nicht zwölf gewesen sein. Ich bin von Jan Wolny direkt hierher.«

»Ist das wahr?«

»Ja.« Aus gepreßter Brust kam die Antwort.

»Du lügst mich nicht an?«

»Aber Papa!« Wieder richtete er sich heftig auf.

»Bleib nur ruhig! Ich glaub' dir ja ...«

Mit unsicherem Blick sah Leo auf seinen Vater. Es war Scham in ihm, daß er die Unwahrheit gesprochen, trotzdem ihm sein Vater vertraute, und doch sah er keinen anderen Ausweg.

»... Es ist mir gleich, ob du gestern früh oder spät nach Hause gekommen bist. Aber jedenfalls lumpst du zu viel. Deine Gesundheit verträgt das nicht.« Tiedemann suchte seiner Stimme Strenge zu geben und sich an Hildes und Clos Worte zu erinnern. »Du bist doch noch zu jung und hast genug Zeit, später alles mitzumachen; wenn du aber jetzt deine Nerven ruinierst, so leidest du dein ganzes Leben daran.«

»Ja, Papa, aber ...« Leo biß sich auf die Lippen und schwieg.