Part 2
»Dafür gilt aber der Offizier dortselbst mehr als hier in der Großstadt. Besonders bei der Damenwelt. Nicht?«
Olthoffs Stimme wurde interessiert: »In der Provinz sind meist nur verheiratete Damen. Die sind gewiß für uns Junggesellen _sehr_ angenehm; aber in einer Kleinstadt läßt sich so etwas nicht ausnutzen.«
»Ich verstehe.« Klaus Tiedemann lachte in der ihm eigenen bedächtigen Art und sah fragend nach Hilde hinüber: ob die zimperlich sei?
Olthoff bemerkte den Blick und sagte: »Gnädiges Fräulein verzeihen, daß ich so sprach?«
»Bitte!« Sie erhob sich jäh; auch er stand. »Nun habe ich lange genug gestört.«
»Nicht im geringsten,« sagte Klaus Tiedemann, vor Hilde tretend, »ich werde sofort Fred rufen lassen. Ich weiß nicht, warum er so lange fortbleibt.«
Olthoff legte Klaus Tiedemann die Hand auf den Arm; er sagte verbindlich »Bitte, ihn herzlich von mir zu grüßen, und nochmals Verzeihung für mein Stören!«
»Aber ich bitte!«
»Sie müssen es auf Kosten Ihrer Liebenswürdigkeit setzen.«
Klaus Tiedemann verneigte sich: »Kommen Sie recht oft und recht bald wieder, Herr Baron!«
»Wenn Sie gestatten, mit größtem Vergnügen!« Olthoff schlug die Hacken zusammen. »Bitte Fred zu sagen, er soll mich antelephonieren. Er will ein Auto kaufen, und da möchte ich ihm gern fachmännisch raten,« fügte er erläuternd hinzu.
»Herr Baron sind sehr liebenswürdig!«
Olthoff sandte noch einen Blick zu Hilde, die unmerklich den Kopf neigte. Dann ging er. Der alte Tiedemann begleitete ihn.
Hilde stand auf und seufzte:
Ein Tag war begonnen in alter Art.
Nach Tisch gab es eine erregte Szene: Fred aß nicht mit den Seinen, weil er sich nicht, wie er sagte, bei seinen mannigfaltigen Obliegenheiten an eine feste Eßstunde binden konnte. Heute war er jedoch auf ein paar Minuten gekommen, um seinem Vater die letzten Abmachungen für die morgige Eröffnung des Industriehauses mitzuteilen. Darüber war Klaus Tiedemann in Aerger und Aufregung geraten. Er sollte den Minister mit einer kurzen Ansprache begrüßen. Solange zu arbeiten gewesen und zu raten, hatte man auf ihn bauen können, jetzt sollte man ihm seine Ruhe lassen.
»Ich tu's nicht,« sagte er mißmutig und sah ärgerlich zu Boden.
»Du mußt; es bleibt dir nichts anderes übrig, willst du uns nicht alle bloßstellen.«
»Wen? Alle?«
»Du bist Obmann des Aktionskomitees und hast als solcher die Pflicht, zu sprechen.«
Klaus Tiedemann gab voll Grimm keine Antwort.
Hätte man ihn nicht hineingejagt in das Ganze, wäre alles gut; die Geschichte mit dem Industriehaus ging jetzt schon über vier Jahre! Die Vereinigung der Großindustriellen hatte sich nach langem Herumstreiten zum Bau eines Vereinshauses entschlossen, und Tiedemanns verstorbene Frau hatte es verstanden, dafür zu sorgen, daß ihr Mann dem Werke in leitender Stelle gegenüberstand. Er hatte sich gefügt, in einer Anwandlung befriedigten Stolzes, daß man zu ihm gekommen war.
Die anderen Mitglieder des Ausschusses waren damit zufrieden, ihre Namen so oft als möglich in die Zeitungen, anläßlich der Sitzungsberichte, zu lancieren. Klaus Tiedemann hatte gestützt auf seine reichen Erfahrungen, sich voll in den Dienst der Sache gestellt und gearbeitet. Sein Aerger, über die Aufforderung und seine Unfähigkeit, ihr zu entsprechen, waren desto größer, als er wußte, daß es ihm eigentlich im wahrsten Sinne des Wortes zustand, das Haus zu eröffnen.
Aber er war zu befangen! Woher auch in der Geschwindigkeit eine Rede nehmen? Er war keiner von denen, die für das, was sie empfanden, gleich die richtigen Worte fanden.
Das sagte er Fred.
Doch der lachte: »Sei nicht so schwerfällig -- so ein paar leere Worte sind doch bald beisammen.«
»Meinst du?«
Ueber den alten Mann kam ein leises Zittern der Freude; es würde ihn doch eigentlich freuen, wenn er den Minister begrüßen könnte. Unverwischbar waren die Vorurteile des niederen Standes, in dem er geboren. »Du könntest mir eigentlich ein paar Worte aufsetzen,« sagte er gepreßt zu Fred und sah angelegentlich auf seine Fingernägel, die breit und gewölbt waren. »Ja?«
»Ich?« Fred Tiedemann fuhr ärgerlich auf, »was fällt dir denn ein? Ich kann doch nicht stumm daneben stehen, wenn du _meine_ Worte redest!«
Klaus Tiedemann hing den Kopf.
»Fred! _Den_ Gefallen mußt du Papa tun!« sagte Hilde.
»Was weißt denn du! Wenn Papa spricht, soll er sich die Sätze auch selbst zusammenstellen.«
»Du bist häßlich.«
»Laß nur, Hilde,« ihr Vater drückte sie auf den Sessel nieder, »ich werde es schon allein machen.« Er atmete schwer; es war ihm nicht leicht gefallen, seinen Sohn darum zu ersuchen; er ging zur Tür hinaus.
»Du hast Papa weh getan,« sagte Hilde vorwurfsvoll.
Schnell war Leo in die Höhe:
»_Ich_ werde Papas Rede aufsetzen,« rief er und lief zur Tür, »du bist ein Esel, Fred.«
»Wird hübsch werden«, rief ihm Fred nach. Er trommelte auf die Tischplatte: »So ein Frechling!«
»Ich versteh' dich nicht.« Hilde schüttelte den Kopf. »Du mußt doch gesehen haben, Fred, wie viel Papa daran lag, daß du ihm behilflich bist. Was hat er für dich getan!«
»Wär' ich der Vater, so hätt' ich's auch getan.«
Sie sah ihn mit langem Blicke bittend an[.] »Setze ihm die Rede auf, Fred! Nachmittags lernt er sie auswendig, und alles ist recht.«
»Nein! Ich seh' nicht ein, warum man ihn in seiner Schwäche unterstützen soll. Er hat oft genug davon gesprochen, was er für ein tüchtiger Kaufmann gewesen ist; er wird das auch zusammenbringen.«
Sie gab keine Antwort.
In reichem Schmucke prangte das Industriehausvestibül. Die Herren im Frack streckten die Hälse, vorsichtig balancierten sie die Zylinder. Draußen, nur durch Glas und Eisen getrennt, klatschte der Regen auf die breiten Granitstufen, welche das Vestibül gegen die Straße abschlossen. Jeden Augenblick mußte der Minister vorfahren.
Klaus Tiedemann stand mit leise murmelnden Lippen neben der gleißenden Statue Merkurs. »... festhalten in Treue am zünftigen Beruf ...« Er konnte sich Leos Worte nicht merken, es war zuviel jugendlicher Schwung darin. Der Schweiß war auf seiner Stirn, polternd fiel der Zylinder zu Boden. Er hob ihn auf und ließ das Konzept fallen. Die Umstehenden sahen ihn an: »Das konnte gut werden!« Es waren meist Altersgenossen Freds, mit deren Vätern er gearbeitet hatte. Sie empfanden keinen Zusammenhang mit dem alten Mann.
»Er kommt.«
Ein Wagen fuhr vor, die mächtigen Torflügel öffneten sich, brausend sprang der Wind von der Straße in die Topfpflanzen, welche des Landesherrn Büste schmückten.
Alles verneigte sich vor dem Minister und drängte vorwärts.
Klaus Tiedemann fühlte sich gestoßen, in den Vordergrund geschoben; unordentlich saß der Frack auf seiner vierschrötigen Gestalt. Jedes Wort war ihm entfallen; die Knie zitterten. Er sah gebeugte Rücken. Lackschuhe schliffen auf den Fließen.
Die Vorstellung der Herren war schon im besten Gang.
Instinktiv suchte Klaus Tiedemann einen Ausweg aus der Menge; er drängte der Tür zu. Sein Herz hob an, in schweren Schlägen zu pochen.
Er sah, wie sich die Köpfe nach ihm wendeten. Plötzlich war Fred an seiner Seite. Wie ein Ertrinkender griff Klaus Tiedemann nach dessen Arm:
»Ich kann nicht reden.«
»Warum?«
Klaus Tiedemann rang nach Luft. »Mir ist nicht gut; ich glaube, mich trifft der Schlag«, er zwängte die weißbehandschuhte Rechte in seinen Hemdkragen. »Hilf mir!«
»Ich will dich vertreten.«
Die Worte waren rasch hin und her geflogen; vor beiden öffnete sich eine Gasse. Die Herren sahen erwartungsvoll auf Klaus Tiedemann.
Mit schnellem Schritt trat Fred vor und verneigte den wohlfrisierten Kopf; seine Gestalt deckte die seines Vaters. »Eure Exzellenz. Hochbeglückt sieht der Verein der Großindustriellen unseres geliebten Heimatlandes seit langem dem heutigen Tage entgegen, der uns ein Heim geben soll für dauernde Zeiten ...«
In leichtem Tone flossen wohlgesetzte Worte an Klaus Tiedemanns Ohren vorbei, daß er freudig den Kopf hob und zur Seite trat, um in Freds Gesicht Ausblick zu gewinnen.
»... Euerer Exzellenz Gegenwart gibt uns die frohe Zuversicht, daß unser Bestreben von maßgebender Seite gewürdigt und unterstützt wird ...«
Er war stolz auf seinen Sohn!
Der sprach zu Ende:
Er pries den Kaufmannsstand, dem die ganze Welt offen stünde, er sprach davon, wie verfehlt es sei, wenn die Gewerbetreibenden ihre Söhne die Mittelschule nur zu dem Zwecke besuchen ließen, um sie die Beamtenkarriere oder einen der gelehrten Berufe ergreifen zu lassen: »... Der Kaufmannsstand selbst bedarf tüchtiger, gebildeter Kräfte, die ins Leben hinausziehen, den Ruhm unseres Vaterlandes zu mehren.«
Er schloß unter allgemeinem Beifall mit einem Hoch auf die Person des hohen Gastes ...
Sie umdrängten Fred Tiedemann, dem der Minister die Hand schüttelte. Dann sprach auch der ein paar Worte; seine Rede klang aus in ein Hoch auf den Landesherrn.
Dann begann der Rundgang.
Klaus Tiedemann wollte seinem Sohne danken, doch er konnte ihn nicht erreichen; vergebens sah er sich nach ihm um. Fred ging ganz vorn, an der Spitze des Zuges.
Tafeln hingen an den Wänden und zeigten die Zunahme des Exportes. Steile Kurven klommen an den Mauern hinan; sie wiesen die enorme Entwicklung einzelner Branchen.
Durch den Festsaal und das Stenographenzimmer ging es zu den Fremdenappartements. Dann kamen die ausgedehnten Bureaus, die Schreib- und Lesezimmer, die ausgewählte Fachwerke enthielten über sämtliche Handelsgebiete. Klaus Tiedemann drängte sich vor. -- Sie waren in das Informationszimmer getreten, eine Neueinrichtung, zu der er geraten hatte. Die Nächststehenden wehrten ihm den Ausblick; dunkle Röte stieg in sein Gesicht.
Er hörte, wie sein Sohn die Erklärung gab, wie er die Schemas zeigte, nach denen die einschlägigen Adressen und sonstigen Informationen schnell zu finden waren. Klaus Tiedemann hatte hier die Erfahrungen seines arbeitsreichen Lebens niedergelegt. Jeder Interessent konnte sich hier über alles Wissenswerte unterrichten; sämtliche Länder der Erde waren vertreten. Klaus Tiedemann hörte lobende Stimmen, die seinem Werke galten; ihn selbst beachtete niemand. Er drehte sich um; hinter ihm stand der Architekt, der das Gebäude geschaffen hatte, der Wochen und Monate mit ihm gearbeitet hatte, derweil die anderen sich um nichts bekümmerten. Auch der lächelte bitter. Sie verstanden sich ...
Der Zug ging weiter, dem nächsten Stockwerk zu; wie eine lange Schlange wand er sich durch die Räume.
Klaus Tiedemann senkte den Kopf; er ging als letzter.
Sie saßen am nächsten Tage, nach dem Abendessen beisammen. Klaus Tiedemann hatte einen großen Bogen weißen Papiers vor sich liegen.
»Ich bin auf jeden Fall _dagegen_!« sagte Fred und streifte die Asche von seiner Zigarre.
»Ich auch.«
»Ihr wollt Görnemann diesmal nicht einladen?« Hilde sah erstaunt von ihrer Stickerei in die Höhe. »Warum denn?«
Klaus Tiedemann ließ seinem Sohn das Wort. Er sah ihn erwartungsvoll und ermunternd an. Fred sprach:
»Mit den alten Gewohnheiten muß endlich einmal gebrochen werden. Jetzt, wo wir nach Mamas Tod das erste Souper geben, ist die beste Gelegenheit dazu. Was soll Görnemann in dieser Umgebung? Unser Bekanntenkreis ist, Gott sei Dank, mit der Zeit ein anderer geworden. Einen Fürsten Solt und eine Baronin Wolny können wir nicht mit Herrn Sebastian Görnemann zusammenbringen. Da gibt es doch gar nichts zu reden, und auch Olthoff würde sich für eine solche Bekanntschaft bedanken.«
Er nahm seinem Vater den Bleistift aus der Hand und zog einen dicken Strich durch den Namen seines ersten Angestellten.
»Ganz richtig«, sagte Leo, den es gar nichts anging. Hilde schwieg und beugte sich tief über ihre Arbeit.
»Es wird ihm selbst so lieber sein«, tröstete der alte Tiedemann eine Regung in seinem Innern. Dann atmete er gleich wieder schwer: »Das ist bei Gerhard etwas ganz anderes, der trägt unseren Namen.«
»Du willst Gerhard bei uns haben?« Aus Freds Frage klang Ueberraschung und Ungeduld. »Ja, sage mir nur, aus welchem Grunde?«
»Ich denke wohl? Was würden denn die Leute sagen, wenn ich es nicht täte; sie tratschen ohnehin genug, daß er nicht bei uns wohnt! Er ist doch mein Sohn.«
»Nun ja; aber eben -- aus deiner ersten Ehe!«
Unsicher blickte der Alte um sich. Scheue und herannahender Unwille kämpften in ihm. Er spreizte die Daumen gegeneinander und sah mit schiefem Kopf zu Fred hinüber; in ihm war die Erinnerung an gestern: »Laß das«, grollte es aus ihm. »Genug, daß er mein Kind ist. Er hat das Recht, dasselbe zu verlangen wie ihr.«
»Du sprichst doch nicht im Ernst, Papa?«
Fred lief mit langen Schritten im Zimmer herum.
»Setze dich her!« des alten Tiedemanns Stimme gewann Schärfe, »laß das Räsonieren! Er ist mein Sohn und hat bis heute bei Gott noch nicht zu viel Anspruch darauf erhoben! Ich habe ihn zwanzig Jahre nicht gesehen. ~Bon!~ Mutter hat er nicht gekannt ...« des alten Mannes Rede begann zu hasten, »sie ist gleich nach seiner Geburt gestorben, und ich bin herüber nach Europa und bin hier geblieben. Er hat von mir nur gewußt, daß ich sein Vater sein muß, weil ich denselben Namen habe und ihm Geld schicke. Er ist mir fremd, ich hab' euch lieber als ihn, aber er bleibt mein Kind.«
»Gut!« Fred schlug mit zynischem Lächeln die Hand auf den Tisch. »Gut, daß Mama tot ist.«
Die Zornesader schwoll auf des Alten Stirn.
»Fred«, sagte Hilde mahnend, und auch Leo, der von seinem üblichen Halbschlummer aufgewacht war, winkte dem Bruder ab. Doch der war viel zu zornig, um es zu bemerken:
»Da willst du Gerhard wohl auch einmal in die Firma aufnehmen, ihn vielleicht gar zu meinem Mitchef machen?« fragte er herausfordernd.
»Und wen würde das kümmern?«
Für einen Augenblick zögerte Fred mit der Antwort: er kannte den Vater von dieser Seite nicht; dann brach er los: »Nun, hörst du, Papa, das übersteigt alles Erdenkliche! Das hätten Mama oder ihre Verwandten erfahren sollen! Sie hätten nie eingewilligt, daß Gerhard zu uns kommt; das sind die Folgen ...«
Eine tiefe Falte zog sich um des alten Tiedemanns Mund. »Wer hat die Firma Klaus Tiedemann gegründet und hochgebracht?« fragte er. »Deine Mutter oder ich? Wer hat mir dabei geholfen? Die Wesenheims vielleicht? Die haben mir nicht das Leben vergönnt! Wie ein Hund hätte ich zugrunde gehen können, sie hätten nicht die Hand gerührt. Erst als ich ihnen Stück für Stück ihren Boden entrissen hatte und der Bankerott unausbleiblich war, dann waren sie umgestimmt. _Dann_ durfte ich sogar die Tochter heiraten ...« Fred stand auf.
»Papa! Kein Ehrenmann spricht so über seine Frau, am wenigsten vor seinen Kindern. Wenn du so zu sprechen fortfährst, muß ich das Zimmer verlassen.«
Erschreckt und verlegen hielt sein Vater inne. War er zu weit gegangen? Die Unsicherheit seiner niederen Geburt nahm ihn oft gefangen seinem eigenen Kinde gegenüber. Fred kannte sich in solchen Sachen aus! Gewiß war ihm wieder der Zorn durchgegangen; er wollte ja niemandem unrecht tun; gerade darum hatte er ja so gesprochen! Es war ja auch nur zur Hälfte seine Ueberzeugung, was er über Gerhard gesagt hatte, aber es war durch Freds Widerspruch etwas in ihm aufgerührt worden, das von seiner hart durchlebten Jugend in ihm zurückgeblieben war als eiterndes Geschwür. Er suchte einzulenken:
»Für diesmal müssen wir Gerhard wohl einladen. Wer weiß, ob er kommt, und wegen dem anderen, Fred,« er blickte seinen Sohn begütigend an, »laß dir keine grauen Haare wachsen, du kommst gewiß nicht zu kurz; meinst du nicht selber?«
Fred nickte, er konnte nur schwer ein befriedigtes Lächeln verbergen:
»Machen wir weiter!«
Schnell griff der Alte nach der Liste; er sagte:
»Fürst Solt, den mußt du persönlich auffordern, Fred.«
»Ich treffe ihn heute im Klub.«
»Gut.«
»Baronin Wolny werde ich selbst morgen einladen. Ich fahre vormittags zu ihr, vielleicht könnte man auch bei uns am gleichen Abend über das Wohltätigkeitsfest einig werden -- so eine kleine Komiteesitzung ~entre nous~ wäre nicht schlecht!«
»Und ihren Sohn soll sie auch mitbringen; vielleicht wird das ein Verkehr für Leo!«
»Für mich?« fragte der erstaunt.
»Ich glaube nicht, Papa,« sagte Fred, »er ist ein hochmütiger, überspannter Bursche. Kaum zu glauben, daß eine so natürliche Mutter einen solchen Sohn hat.«
Hilde mischte sich ins Gespräch: »Sie ist Kunstreiterin gewesen? Der Gesandte, ihr verstorbener Mann, mußte mit seiner Familie brechen, als er sie heiratete?«
»Dummes Geschwätz,« fuhr Fred auf, »kein wahres Wort ist daran; sie ist eine riesig gebildete, feine Frau, die in den ersten Kreisen der Stadt verkehrt.«
»Hilde hat's ja auch nur von Hansen gehört,« lachte Leo, »und bei dem muß man immer nur die Hälfte glauben mit seinem frechen Maul.«
»Leo,« in bitterer Verlegenheit preßte die Schwester die Lippen zusammen, »du weißt wohl wieder nicht recht, was du daher redest?«
»Oh, ganz genau,« kam in streitseliger Behaglichkeit die Antwort, »es ist so.«
»Apropos,« sagte Fred Tiedemann, »weil Hansen erwähnt wurde: den müssen wir diesmal entschieden einladen!«
»Hansen? Nein! Warum den?« Der alte Tiedemann schien dem Karikaturenzeichner wenig Sympathie entgegenzubringen, »den kann man doch nicht mit Solt zusammenbringen.«
»Wir brauchen ihn für das Wohltätigkeitsfest! Laden wir ihn nicht ein, macht er uns dann nicht den Narren -- und wir haben keinen anderen, der so schnell arbeitet und uns die Sachen umsonst überläßt.«
»Aber die Geschichte mit den Solts!«
»Welche denn?«
»Na hörst du!«
»Ich weiß wirklich nicht.«
»Daß du das vergessen hast!«
»Was ist denn?«
»Als Hansen seine Karikaturen zum erstenmal gesammelt erscheinen ließ, rückten die Solt-Hansen doch in die Zeitung die Notiz ein ...«
»Jetzt erinnere ich mich: daß sie mit dem Zeichner T. A. Hansen weder verwandt noch irgendwie in Beziehung wären? Das meinst du Papa?« Fred mußte lachen. »Grob war schon seine Antwort! Ich hätte mich allerdings in ähnlichem Fall tödlich beleidigt gefühlt, aber: Fürst Solt verkehrt mit den Solt-Hansen nicht, weil sie bürgerliche Frauen haben, und er lachte über Hansens Erwiderung am nächsten Tage: ‚Der Zeichner T. A. Hansen teilt mit, daß er mit der Familie Solt-Hansen, deren jüngster Sohn kürzlich wegen betrügerischer Wechselschulden verurteilt wurde, weder verwandt ist noch in irgendwelchen Beziehungen steht.’«
»Ein ganz famoser Bursche, der Hansen,« meinte Leo nachdenklich, »der schert sich um niemanden als um sich selbst und ...«, er zwinkerte mit den Augen zu seiner Schwester hinüber.
Die senkte den Kopf tief auf ihre Arbeit, während der Vater langsam, widerwillig sagte: »Also den auch.« Und dann hörte sie, wie der Bleistift bei Hansens Namen den Haken machte, der seine Einladung sicherte. Sie mußte bitter lächeln, daß es gerade Fred war, der ihn wieder zu ihnen ins Haus zog. Gerade der, der ihn am wenigsten verstand, und dessen Art Hansen am heftigsten bekämpfte.
Fred sah auf die Uhr und sagte:
»In einer Viertelstunde muß ich fort, sonst treffe ich Lecart nicht mehr im Klub.« Er griff nach der Adressenliste und durchflog die Namen. »Der Karsten hat quittiert und ist Agent geworden, den natürlich nicht«, er strich den Namen des ehemaligen Gardeoffiziers und las flüchtig weiter ..., »die junge Büdener nicht, die hat einen armen Teufel geheiratet, man sagt aus Liebe. Die kann sich kein ordentliches Gesellschaftskleid kaufen.« Wieder kratzte der Bleistift und schied eine junge Frau vom Hause Tiedemann ... Er las rasch: »Die anderen stimmen so.« Er ließ das Papier fallen. »Richtig, was ich noch sagen wollte: du mußt dir den Schneider kommen lassen, Papa, du brauchst einen neuen Frackanzug.« Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf; doch sein Sohn ließ ihm nicht das Wort: »Es ist die höchste Zeit für dich.«
»Schon wieder einen neuen Frack?« Der alte Tiedemann runzelte die Stirn. »Ich habe nur ohnehin erst voriges Jahr einen machen lassen.«
Fred wurde ungeduldig:
»Man hat jetzt anderen Schnitt und einen Vorstoß an der Weste. Ich habe mich gestern im Industriehaus geschämt, wie dein Gilet saß. Du kannst als Hausherr nicht so aussehen! Ich versteh' dich wirklich nicht, Papa, wie du in derart primitiven Anstandssachen anders denken kannst.« Wieder sah er auf die Uhr: »Ich werde dir morgen die neuen Muster schicken lassen.«
Der alte Mann fuhr sich müde über die Augen.
»Dann soll sich Leo aber auch etwas bestellen«, sagte er.
Der sah mit flinkem Blick auf: »Ich brauche schon lange wieder einen Tennisanzug, Pa.«
Fred Tiedemann knöpfte eilig den Rock zu:
»Gute Nacht! Ich gehe. Bald hätte ich vergessen. Ich habe morgen vormittag keine Zeit fürs Geschäft, muß zur Wolny usw. Bitte, Papa, gehe morgen 'mal wieder hinunter. Es werden Berichte von drüben gekommen sein, und auch Lecart hat bei uns zu tun. Sei so gut und besprich dich mit Görnemann; aber den Gerhard laß aus dem Spiele, den geht die Sache nichts an.« Fred schritt zur Tür. »Olthoff läßt sich dir empfehlen, Hilde, er behauptet, noch nie ein so hübsches Mädchen als dich gesehen zu haben, aber du seiest herb.« Er lachte. »Ist schon 'was Wahres dran; na, das gibt sich! Addio.«
Klaus Tiedemann erhob sich, er hielt die Lider geschlossen, als schmerzten sie ihn.
»Gehen wir schlafen!« sagte er.
Ueber den Spieltischen des Klubs hing dichter Rauch.
Fred Tiedemann hörte mit halbem Ohr seinem Schwager zu, der eindringlich in ihn hineinredete. Seine Augen wanderten die Reihen der Sitzenden entlang, ob er nicht einen Bekannten darunter fände, der ihm Grund gab, sich der Umklammerung Lecarts zu entziehen.
Er hatte nicht Lust, jetzt von Geschäften zu sprechen; doch dem anderen galt das heute alles: »Wenn ich meine Geschäftsinteressen euch gebe und dafür schweres Geld zahle, so könnt ihr mir doch entgegenkommen!« Lecart strich aufgeregt seinen pechschwarzen ~Henry quatre~ und sah hochmütig nachdenkend vor sich nieder. »Das Bankhaus Tiedemann«, fuhr er mit heiserer Stimme fort, »wird wohl nicht auf den Verdienst mit seinen Verwandten angewiesen sein, und jetzt ist der richtigste Moment, in dem ich mich rangieren und schweres Geld dabei verdienen kann.«
»Wenn man das sicher wüßte!«
»Erlaube,« Lecart machte eine hastige Bewegung, »ich hoffe, für das Reelle der Unternehmung bürgt mein Name!«
»Natürlich, selbstverständlich; aber es handelt sich um große Summen, da habe ich die Verpflichtung, vorsichtig ans Werk zu gehen!« Fred kam sich unendlich wichtig vor, als er so sprach, trotzdem er gerade mit seinen Gedanken bei Frau Maja Wolny war und sich die Worte überlegte, mit welchen er sie morgen einladen wollte.
»Das ist mir klar. Aber die Hausse in Spiritus hält noch längere Zeit an!«
»Ist das sicher?«
Lecart erwiderte mit lebhaften Worten:
»Daran ist doch nicht zu zweifeln. Die disponible Ware ist in festen Händen und wird nicht abgegeben, weil die Eigner sich den Sommerbedarf sichern wollen, die Zufuhr mangelt. Nach der letzten Notierung ist«, er griff nach dem Börsenblatt und klemmte das Monokel ein, »jetzt bereits gegen den niedrigsten Preisstand des Vorjahres eine Steigerung von 7,80 zu verzeichnen.« Auf Lecarts bleichem hageren Gesichte begannen zwei rote Flecken zu brennen: »Wenn ich die Mansbergschen Fabriken übernähme; in zwei Tagen habe ich sie in vollem Betrieb, dann schmeiß' ich in kurzer Zeit so viel Ware auf den Markt, daß sie mir, bei den hohen Preisen, enormen Gewinn bringen muß.«
»Du drückst dir aber dann doch selbst die Preise herunter durch forcierte Abgaben!«
»Bis es so weit ist, habe ich meine Sache im Trocknen.« Immer eindringlicher und überredender wurden Lecarts Worte: »Es muß dir doch einleuchten, daß an der ~chose~ keine Gefahr, sondern nur Gewinn zu finden ist!« Wieder stand der abweisende Zug um seinen schmalen Mund, während sich seine hagere Gestalt weit vorneigte und die kalten schmalen Finger nach Freds fleischiger Hand griffen: »Schlag ein, wir haben beide Nutzen und die anderen haben das Nachsehen; sie sollen spüren, daß mit den Lecarts und Tiedemanns nicht leicht zu kämpfen ist ...« Er fuhr halb in die Höhe und grüßte einen vorübergehenden Offizier: »Mein Kompliment Durchlaucht.«