Lebenswende

Part 12

Chapter 12755 wordsPublic domain

Regungslos liegt Klaus Tiedemann; nur die Uhr in seiner Tasche tickt weiter. -- -- --

Fred Tiedemann, auf seiner Flucht, in dem Hotelzimmer, wacht auf und wirft sich von einer Seite auf die andere; doch den Schlaf findet er nimmer.

Nach langen Sekunden tut Klaus Tiedemann einen tiefen Atemzug und zieht die eiskalten Beine an sich.

Er will nicht sterben!

Langsam kriecht das Blut wieder durch die Adern; schwer und ungleichmäßig fängt der Puls zu arbeiten an. Er hebt den Kopf mit fieberheißen Augen.

Nun ist er neben ihm gestanden. Der Segenspender!

Mühsam richtet er sich auf und atmet schwer.

Die erste Mahnung.

Er schauert zusammen.

Sie hätten ihn finden müssen, in wenigen Stunden; schon hebt leise der Verkehr auf den Straßen an.

Er hat sein Haus nicht bestellt.

Zitternd läßt er sich in den Sessel fallen.

Sein Herz hat ihn aufgerüttelt, geschwächt durch die furchtbaren Erregungen der letzten Tage.

Es können noch Jahre sein, die er als alter Mann zu leben hat, es können vielleicht aber auch nur Stunden sein.

Nun weiß er, daß er alt ist, was seine Pflicht ist!

Die Hand auf die Brust gepreßt, geht er hin und wider.

Hier und da bleibt er stehen und horcht den Schritten, die leise vom oberen Stockwerk durch die Decke klingen.

Es mag wohl Hilde sein, die wacht.

Manch Fenster in Tiedemanns Haus war hell erleuchtet geblieben; die Sorge fuhr durch das Dunkel und schlug mit ihren Gewändern.

Klaus Tiedemann streckt mit glücklichem Lächeln die Arme; unendliche Liebe zu den Menschen erfaßt ihn. Noch lebt er!

Er will die Tage nützen, seinen Kindern lang entbehrte Gerechtigkeit geben.

Kein Baum ist so gut, daß er nicht schlechte Zweige hätte.

Von selbst ist Fred gegangen.

Doch andere warten im Vertrauen; bei ihnen muß Glück wohnen.

Er will zur Tür; auf halbem Wege kehrt er wieder um.

Noch ist er mit sich nicht im reinen.

Er hört den Lärm auf der Straße. Fahl fällt das Winterlicht durch die Fenster.

Zu neuem Leben drängt die Welt.

In tiefen Gedanken steht Klaus Tiedemann, die Augen sehen einwärts, mechanisch fahren die Hände den Sessel entlang.

Er hört eine Tür gehen und eilige Schritte, dann drückt eine Hand auf die versperrte Schnalle: »Herr Tiedemann!«

»Ich komme.«

In dem Türrahmen steht Görnemann, hektische Röte auf den Wangen: »Gott sei Dank!«

Die beiden Greise sehen sich lange in die Augen.

»Und nun holen Sie mir meine Kinder!«

»Ja!« Görnemann rafft sich auf, noch immer zucken ihm die Knie: nicht lebend glaubte er seinen Herrn wieder zu finden. »Auch Gerhard?« fragt er unsicher.

Klaus Tiedemann nickt ernst:

»Auch Gerhard; der ist der wichtigsten einer.«

Er bleibt beim Tische stehen, aufrecht und fest.

Hilde stürzt auf ihn zu.

In tränenlosem Schluchzen liegt sie an seiner Brust. Klaus Tiedemann preßt sein Kind an sich; seine Lippen streifen ihre Stirn:

»Und dann laß Hansen holen!«

Durch Tränen lächelnd sieht sie zu ihm auf: »Du Lieber, du Guter!«

Mit schmerzlichem Zucken um den Mund sagt er:

»Er gehört nun auch zu uns, Hilde; er muß mich glauben machen, daß das Leben noch Glück für uns hat.«

Er hebt den Kopf, er hört der anderen Schritte; schon steht Gerhard in der Tür.

Er streckt ihm die Hände entgegen.

»Laß gut sein, Vater,« sagt der, »ich will's den anderen schon auswischen, du sollst nicht umsonst gelebt haben!«

Es ist der Blick des alten Tiedemann, der ihm aus den jungen Augen seines Sohnes entgegenkommt, in Liebe und Kraft.

Buchdruckerei Rudolf Mosse Berlin SW

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