Lebenswende

Part 11

Chapter 113,891 wordsPublic domain

Nach schlafloser Nacht hatte sich Klaus Tiedemann angekleidet und war frühzeitig vom Hause weggegangen. Er mußte allein sein mit seinen Gedanken.

Bis zum Sitzungsbeginn war er in den hallenden Gängen auf und ab geschlichen, scheu an die Mauer gedrückt, als müßte jedermann ihn erkennen, ihn, der sich ein langes Leben vergebens gemüht hat.

Wenn er ihm das getan hätte!

Sie wußten ja alle nicht, was für ihn auf dem Spiele stand; sie kannten nicht seinen Gedankenkreis, der in strenger Ehrlichkeit die schreiende Oeffentlichkeit mied. Und nun war alles dahin.

Er hatte gestern die Bücher einer genauen Revision unterzogen. So gut es in der Eile ging, hatte er das Fehlen großer Beträge konstatiert. Aber Fred war tagsüber nicht zu Hause gewesen -- wie oft in letzter Zeit -- und bei dem ausgedehnten Geschäft durfte man nicht gleich Schlechtes denken. Noch immer wollte er sein Kind nicht fallen lassen, wenn er auch in schwerer Sorge an die Zukunft dachte.

-- -- -- Hilde Tiedemann geht an die Tür ihrer Schwester und horcht. Als sie Stimmen hört, drückt sie auf die Klinke. Die Tür ist gesperrt.

»Was ist?« ruft Clo.

»Nichts.« Hilde Tiedemann erinnert sich, daß bei ihrer Schwester die Friseurin ist; sie geht wieder zurück in den Salon.

Es läutet.

Sie läuft zur Tür und horcht.

Verständnislos sieht sie auf die Visitenkarte, die ihr das Mädchen reicht. Sie kennt den Namen nicht:

»Ich lasse bitten!«

Ihres Bruders Sekundant steht in der Tür.

Er verneigt sich.

Hilde erkennt die Farbe des Regiments: »Papa ist nicht zu Hause«, sagt sie zitternd.

Der andere bleibt bei der Tür.

Für einen Augenblick fallen in seinem Gesicht die konventionellen Falten, als er Hildes Erscheinung sieht, doch gleich wieder preßt er den Säbelkorb an die Brust: »Könnte ich Herrn Fred Tiedemann sprechen?« Seine Stimme ist aufgeregt.

Hilde zuckt zusammen, dunkle Vorahnung bemächtigt sich ihrer. »Mein Bruder ist auch nicht hier.«

»Nicht zu Hause?« wiederholt der Husar und fängt die Unterlippe mit den Zähnen. »Dürfte ich mir die Frage erlauben, wann Ihr Herr Bruder von hier wegging?«

»Das weiß ich nicht, ich habe ihn seit gestern mittag nicht mehr gesehen, er hat oft auswärts zu tun.« In schweren Schlägen klopft dem Mädchen das Herz. Nervös zuckt die Hand und preßt krampfhaft das Taschentuch zusammen, um Ruhe zu finden.

Unschlüssig steht der Husar: »Gnädiges Fräulein wissen also nicht, wo Ihr Herr Bruder sich befindet?«

»Nein.« Sie legt die zitternde Hand auf die Stirn. »Vielleicht ist er mit Papa im Abgeordnetenhaus.«

Er schüttelt verneinend den Kopf: »Dort ist er nicht!« Er rafft sich zusammen; seine Augen sehen starr und abweisend. »Dann ist meine Mission erfüllt.«

Er schlägt die Füße zusammen, daß die Sporen klingen. »Bitte zu entschuldigen!«

Mit schnellen Schritten kommt Hilde näher, flehend sehen ihre Augen, ihr Mund ist geöffnet. »Was ist mit Fred? Es ist ihm doch nichts zugestoßen?«

»Nein, gnädiges Fräulein können beruhigt sein.« Eiserne Disziplin ist in seinen Augen. »Es ist ihm nichts geschehen.«

Er neigt den Kopf und zieht die Tür hinter sich zu.

Hilde Tiedemann preßt die Handflächen gegeneinander. Nun weiß sie, daß sich wieder Unheil vorbereitet, vielleicht bereits vollzogen hat.

Sie lehnt die heiße Stirn an die eiskalten Fensterscheiben.

Ein rauher Sturm fegt durch die Straßen.

Nun sieht sie Freds scheues Wesen in den letzten Tagen mit anderen Augen; nun gewinnt sein unruhiges Kommen und Gehen unheilvolle Bedeutung.

Kam das Haus wirklich in Schwierigkeiten? Stand der Bankerott vor der Tür? Sie hatte es vorausgesehen und vergebens gewarnt.

Doch sie will jetzt nicht daran denken, sie will arbeiten und ihrem Vater zur Seite stehen.

Doch das kann es nicht sein, da wäre der Offizier nicht hier gewesen.

Sie läuft in Freds Zimmer, es ist bereits aufgeräumt; sie weiß nicht, daß das Bett die letzte Nacht leer geblieben ist.

Sie fragt das Stubenmädchen; doch Fred Tiedemann ist oft Nächte außer Hause gewesen. Das ist kein Beweis!

Wieder steht sie beim Fenster.

Der Himmel hat sich mit einförmigem Grau überzogen.

Die Fensterscheibe bläht sich im anprallenden Wind. Im Kreise tanzen unten auf dem Platz die dürren Blätter.

Sie ist einsam, und ihre Gedanken flattern ohne Ordnung.

An die Scheiben schlägt es mit leisem Ton; kleine weiße Nadeln bringt der Sturm vom Meer herüber -- den ersten Schnee.

Sie schaudert und sieht auf die verlassenen Parkanlagen vor dem Fenster, wo sich zwei Krähen streiten.

Die Leute schlagen die Kragen hoch, der Schnee überzieht sie mit weißen Strichen.

Quer über den Platz kommt T. A. Hansen, schon von weitem zieht er den Hut.

Sie preßt die Rechte ans Herz und atmet schwer.

Nun kommt die Entscheidung.

In banger Stunde muß sie sich ihm geben ...

Schon hört sie seinen Schritt.

Er drückt ihre Hand; in seinem Gesicht ist große, leuchtende Freude.

Scheue liegt über ihr und heißt sie schweigen.

Er spricht von seinem Werte, von froher Hoffnung auf die Zukunft.

Eine blutrote Rose steckt er ihr an die Brust, von seiner Mutter.

Sie bebt im schwarzen Kleide und horcht mit todtraurigen Augen.

Er will arbeiten und schaffen, Gedanken und Pläne wirft er hin mit wenigen Worten für ein ganzes Leben. Er spricht von den letzten Monaten, in denen er sein Werk den Augen der anderen preisgab; fast schien es ihm Entweihung. Sie hätte es als erste sehen sollen! Und dann die Urteile: Erst glaubten sie etwas zum Aussetzen finden zu müssen, war er doch ein Neuer, ein Junger. Dann aber verstummten diese Stimmen immer mehr. Anerkennung wurde ihm zuteil, daß er sich manchmal selbst fragte, ob er sie denn auch wirklich verdiente, ob er die anderen wirklich so viel überragte.

Nur mit halbem Ohr hört Hilde; jedes Geräusch von der Straße läßt sie zusammenfahren.

In seiner frohen Erregung hat es Hansen nicht bemerkt; doch jetzt stutzt er und tritt näher: »Was ist?«

»Nichts.« In dem Mädchen kämpft Willenskraft und Sorge mit der Liebe des sich unterwerfenden Weibes. »Wirklich nichts!« Sie versucht ein Lächeln.

Er legt den Arm um sie; Schauer rieseln über ihren Leib: »Nicht«, wehrt sie mit schwachem Widerstreben.

Er sieht ihr in die Augen: kleine, braune Punkte, die ängstlich auf ihn starren. Sie legt den Kopf zurück und atmet schwer. Seine Lippen berühren ihre Stirn.

»Nicht!« haucht sie noch einmal; dann wirft sie sich ihm an die Brust in zitterndem Schluchzen.

»Ich hab' dich so lieb!«

Er hebt ihren Kopf und küßt sie auf beide Augen.

Sie klammert sich fest; nun verläßt sie die Kraft, da sie sich geborgen weiß. Mit hastigen Worten redet sie von ihrer Angst, nun muß sie nicht mehr schweigen. Sie will kein Geheimnis vor ihm haben.

Mit milden Worten beruhigt er sie; er läßt sie an seiner Brust sich ausweinen, und wilder Haß gegen Fred befällt ihn. Unter Tränen lächelnd sieht sie zu ihm auf: »Nun lassen wir uns nimmer!«

»Nein, mein Lieb!«

»Es ist doch nichts Schlechtes,« fragt sie in rührender Hilflosigkeit, »daß ich es dir jetzt gesagt habe?«

»Aber, Kind!«

»Nun ja!« Sie legte den Kopf an seine Schulter und schmiegt ihre Wange mit glücklichem Lächeln fest an die seine. »Ich hab's auch nicht länger verschweigen können.«

Er preßt seinen Mund auf ihre roten Lippen; ein Zittern geht durch ihre Gestalt.

Dann reißt sie sich aus seinen Armen. Klaus Tiedemann steht in der Tür.

Auch T. A. Hansen ist zurückgewichen.

Der da vor ihm scheint kein Lebender! Der Kopf ist ihm auf die Brust gesunken, schlaff hängen die Arme.

Mit irrem Blick sieht er um sich: »Ist Alfred hier?«

Hilde will antworten, doch wie gelähmt hält sie inne.

Mit hastigem Ruck hat ihr Vater den Kopf gehoben; seine Augen schießen Blitze, er steht vor Hansen:

»Nun malen Sie das Bild: ein Tiedemann als Betrüger. Sie treffen derlei Sachen, Herr!« Er lacht schneidend und wirft sich in einen Fauteuil, den Kopf in den Händen vergraben.

Der beiden Blicke finden sich, über des alten Mannes gebeugter Gestalt halten sie schweigende Zwiesprache.

Dann greift Hansen nach dem Hut, einen stummen Gruß winkt er Hilde zu und geht.

Die sitzt regungslos neben ihrem Vater und horcht auf dessen keuchenden Atem.

Mitten im Glück!

Doch nur Mitleid findet sie als Antwort; sie fährt mit leichter Hand über des alten Mannes Scheitel.

Stöhnend steht er auf: »Was wollte Hansen?« fragt er.

»Ich weiß nicht,« im Sprechen findet sie Mut; »er hat mich gern, Vater!«

Er sieht sie verständnislos an und murmelt: »Betrüger sind alle, die um solches wissen und schweigen.« Dann legt er wieder den Kopf in die zuckenden Finger.

So sitzt er stundenlang, nur hier und da fragt er nach Fred.

Sein Denken macht Sprung auf Sprung.

Er hört den Beifall, welcher den Worten gilt, die ihn und Fred treffen; aus dem Klatschen der Hände springt ihn die Feindschaft der Masse an. Keiner steht für ihn ein, keiner tritt an seine Seite; die einen schweigen, die anderen hassen!

Draußen fällt der Schnee, die Kälte kriecht aus den Ecken hervor und greift nach der beiden einsamen Menschen Herz.

Vergebens spricht Hilde, er gibt keine Antwort.

Als es dunkelt, geht er hinunter; er muß Görnemann fragen, ob er um Freds Ausbleiben weiß.

Er _muß_ ihn haben, muß Aug' in Auge stehen mit ihm ...

Schon ist es Sperrstundenzeit, noch immer stehen Leute vor den Kassen.

Sie wollen ihr Geld zurück.

Morgen ist Sonntag, und wer weiß, was übermorgen ist!

Klaus Tiedemann ist nicht mehr sicher! Die Zeitungen haben's geschrieben, die Konkurrenz hat's gesagt.

Ein irres Lächeln spielt um des alten Mannes Züge:

Des Lebens Wertung!

Er sieht Gerhard bei den Kassen; er hantiert mit ruhigen, gleichmäßigen Bewegungen.

Das gibt Klaus Tiedemann wieder Kraft.

Er muß Görnemann haben.

Quer durch die Schreibzimmer eilt er; gedrückte Stimmung liegt auf den Gesichtern der Leute: es geht ums tägliche Brot.

Die Tür des Privatkontors ist offen, er tritt ein.

Görnemann steht vor dem eisernen Tresor; als er ihn sieht, läßt er die Papiere fallen, die er hält.

Er stürzt auf Klaus Tiedemann zu, die Knie versagen ihm den Dienst, er faltet die zitternden Hände und schreit: »Herr, ich kann nichts dafür, ich bin unschuldig!«

Wie eine giftige Schlange zucken die Worte an Tiedemanns Ohr. »Was?«

»Es fehlt Geld!« Görnemann reißt die Bücher auf den Tisch; mit zitternden Händen weist er die langen Kolonnen. Starr steht Klaus Tiedemann; für einen Augenblick schließt er die Augen, um zu vergessen.

»Es hat alles gestimmt auf Heller und Pfennig,« beteuert Görnemann, »noch gestern; jetzt fehlt eine Menge, aber die Kasse ist in Ordnung.« Er fährt mit unruhigen Händen in seinen grauen Haaren herum. »Wir müssen seit zwei Stunden die Reserven angreifen.«

Klaus Tiedemann wirft die Anweisungen und Schecks durcheinander mit bebenden Fingern; er hält inne und tritt zum Tisch, er schlägt eine Seite des Buches auf, dann sagt er: »Rechnen Sie hier noch einmal nach!«

Görnemann gehorcht, trotzdem er es schon ein halbes dutzendmal getan hat und weiß, daß _hier_ kein Fehler sein kann; mit langem Bleistift folgt er den einzelnen Posten. Einen scheuen Blick wirft Klaus Tiedemann auf den Arbeitenden und macht einen lautlosen Schritt zur Kasse.

Er reißt das Kuvert an sich, das er vorhin hat liegen sehen; es trägt Freds Schrift.

Er verbirgt das Schreiben über dem klopfenden Herzen.

Görnemann hat nichts gefunden. --

Noch ein paar Worte wechseln sie; es ist draußen leer geworden. Es ist Feierabend.

Gerhard kommt herein: »Es wird sich alles aufklären,« sagt er in seiner ruhigen Art.

Görnemann läuft verzweifelt von einem Regal zum anderen. Planlos schlägt er Skonti auf und wieder zu.

»Lassen Sie's, Görnemann,« sagt Gerhard, »so kommen Sie nicht darauf. Unsere Aufzeichnungen sind richtig.« Sein Blick geht zu seinem Vater hinüber. »Wo ist Fred?«

»Er muß bald kommen.« Klaus Tiedemann verträgt seines Sohnes Blick nicht.

»Bevor er nicht hier ist, läßt sich überhaupt nichts machen!«

»Es muß heute nacht geschehen sein,« sagt Görnemann mit großen Augen.

Klaus Tiedemann drängt zur Ruhe: »Man muß warten, bis Fred hier ist.« Er stellt sich, als wüßte er um dessen Ausbleiben.

Er wird auf ihn warten.

Die beiden anderen sollen ruhig nach Hause gehen, morgen früh wird sich alles geklärt haben.

Sie folgen mit leisem Widerstreben, weil sie merken, daß er allein sein will.

Mit traurigen Augen mißt ihn Görnemann.

»Soll ich nicht doch bei dir bleiben?« fragt Gerhard.

»Nein!« Er drückte beiden die Hände. »Geht nach Hause, es ist besser so!«

Die Tür fällt zu, die Schritte verhallen: Gerhard geht hinauf zu Hilde. Er wird die Nacht über aufbleiben; wenn sie jemandes benötigt, soll sie nach ihm schicken.

Zum erstenmal sprechen Bruder und Schwester.

Als er geht, kommt Hansen.

Es ist dunkel um Klaus Tiedemann geworden. Stunden sind vorüber. -- Der Lärm der Straße ist verstummt. Straßenbahn und Stellwagen verkehren nicht mehr.

Nur hier und da hallen Schritte; sie klingen gedämpft durch die herabgelassenen Rollbalken.

Er sitzt in den Sessel zurückgelehnt, den Kopf gesenkt.

Der Schnee, der draußen fällt, wirft einen weißen Reflex durch die Oberlichte.

Er hat die Augen geschlossen; ihn fröstelt.

So saß er in vergangenen Nächten, wenn die Frau in Gesellschaft war und oben die Kinder schliefen.

Die anderen lernten solche Stunden fürchten.

Mit müdem Lächeln sah er seine Erfolge.

Er wurde ihrer nicht froh.

Nur die Schultern hingen tiefer und plumper wurde sein Gang. Das war's, was seine Frau von seiner Arbeit merkte.

Er griff hart zu in allzu großer Liebe und seine Lippen waren rauh.

Ein qualvolles Lachen stößt er aus.

Nun hat er ihre Liebe errungen!

Die suchenden Finger zucken; ein Blatt knistert unter ihnen auf; als wäre es Gift, fährt er zurück.

Der Abschiedsbrief seines Sohnes!

Er hat ihn gelesen, Wort für Wort; er will ganz sicher gehen, wenn er sein Kind von sich stößt.

Er sieht Lecarts spöttische Augen; nun ist's ein Tiedemann selbst!

Sein Erbteil hat er sich aus Eigenem genommen und ist in die Fremde geflohen, ohne Wort, ohne Abschied! Ein Tiedemann feig!

Nun hat Klaus Tiedemann die Antwort, warum er in jener Nacht so scheu vor ihm zurückgewichen, warum sein Auge den Boden gesucht.

Er billigt nicht die konstruierten Ehrbegriffe der Gesellschaft, aber er haßt die Feigheit. Nun werden sie mit Fingern auf ihn weisen, den Verkehr abbrechen, um den er Jahre gekämpft hat.

Das Regiment muß Fred Tiedemann ausstoßen als Ehrlosen; in den Zeitungen steht morgen sein Name als der eines kindisch eitlen Bestechers.

Unsummen hat er geopfert, mit denen er Tausende von Tränen hätte stillen können. Klaus Tiedemann zweifelt nicht mehr, daß er es getan hat. Nicht genug war ihm der ehrliche Name seines Vaters.

Er mußte etwas Häßliches bergen, daß alle von ihm abfielen!

Fred hatte keine Lust mehr am Geschäft. Seine Stellung ist nach der Interpellation -- so schreibt er -- ohnehin im öffentlichen Leben geschädigt; so legt er alles zurück, er will fortan nur seinen Passionen leben -- das sei die erste Pflicht des Menschen! In der Hauptstadt des Nachbarreiches gedenke er sich niederzulassen, da sei ein Wiedersehen leicht.

Kein Wort der Reue und keines der Liebe, sonst keine Silbe! Wie ein Fremder ist er von ihm gegangen.

Klaus Tiedemann stöhnt auf, die Wände rücken näher.

Als Leo starb, da war ihm leichter; er gab ein Kind der Erde zurück, das allzu schwach gewesen war, sie länger zu ertragen. Wäre Fred gefallen, wäre er ermordet worden vom beleidigten Sohn, er hätte geweint und die Gesellschaft angeklagt, so aber fällt alles auf seines Kindes eigenes Haupt. Er weiß nicht Bescheid in den Ehrbegriffen Jan Wolnys, aber er kennt trotzdem die Ehre, die er sein Leben lang besessen hat. Er kennt nicht den Mut, den Fred zeigen sollte, aber er kennt den Mut, einstehen zu müssen für seine Handlungen. Immer wieder legt sich Klaus Tiedemann die Lage klar:

Fred hat Geld genommen, große Summen, die jetzt nötig wären. Heimlich hat sein Kind sie entwendet, daß andere nicht um sein Handeln wußten. Das ist nicht besser als ein Dieb! Wohl ist sein Erbteil, das er mal erhalten wird, größer, aber das Geld steht ihm jetzt noch nicht zu, solange sein Vater lebt.

Feig hat er alles im Stiche gelassen und die Firma auf schlechte Wege geführt. Seine Flucht wird bekannt werden, die Gegner werden sie für ihre Zwecke ausnützen.

Schwer ringt Klaus Tiedemann mit seinen Gedanken, die ihn fesseln und umstricken.

Er sieht keinen Ausweg.

Immer wieder kommt er zum selben Punkt zurück.

Streng war er mit sich Zeit seines Lebens gewesen, allzu streng. Er hat seine Gedanken stets gezwungen, darum sah er nicht der anderen Fehler.

Wie Schuppen ist's ihm nun von den Augen gefallen, da er Fred nicht mehr hier weiß. Nun erst ist seine zweite Frau wirklich gestorben. Klaus Tiedemann findet die Gedanken seiner Jugend.

Er steht auf, dumpf klingen seine Schritte durch den schweigenden Raum.

Abgeschieden von den anderen, muß er sich entscheiden: nun gibt es keine andere Lösung mehr.

Er hört den schweren Schritt des Wächters vorüberstampfen, von Stunde zu Stunde leiser; der fallende Schnee dämpft den Hall.

Dann wieder ist's Ruhe.

Fred kommt nicht mehr, die Firma braucht eine starke Hand, besonders jetzt!

Clo und Hilde sehen auf ihn, sie wollen Rat und Hilfe.

Er muß sich entscheiden!

Starrsinn ist in ihm, mit allem zu brechen, was er für richtig gehalten hat.

Er legt den Kopf auf die Tischplatte in bleierner Müdigkeit, doch er darf nicht ruhen.

Er dreht das Licht auf und geht zur Kasse.

Aus einem geheimen Fach nimmt er seine Schatulle; sie ist alt und abgegriffen.

Er hält inne und horcht:

Leichte, schnelle Schritte gehen ganz nahe am Fenster vorbei, sie machen halt und gehen hartklingend wieder zurück.

Ein bitteres Lächeln ist auf seinen Lippen: es mag wohl eine sein, die auch um Liebe geht.

Kalt scheint das Licht der Glühlampe auf sein zermartertes Gesicht, als er nun den Deckel hebt. Briefe fallen ihm entgegen.

Es ist die Schrift von Gerhards Mutter: alte, vergilbte, eckige Federzüge.

Sie floh und brach die Liebe um anderer Liebe willen!

Dürre Blätter liegen, halb zerrieben, zwischen den Papieren; Klaus Tiedemann weiß nicht, woher sie stammen. Er mag sie wohl von einem Spaziergang nach Hause gebracht haben, derweil die Frau an einen anderen dachte.

Zeitungsausschnitte mit rot und blau unterstrichenen Stellen zeigen Klaus Tiedemanns Erfolge; mit gierigem Blick liest er die nebensächlichen Berichte, daß ein Klaus Tiedemann in der Union-Street sein Geschäft vergrößert, daß er die Vertretung der European Company übernommen hat. Es sind Anzeigen, die er einst selbst bezahlte. Heute, in der schweren Stunde, müssen sie ihm Zeuge sein, daß ihn die Welt anerkannt hat. Daran klammert er sich fest ....

Ein schweres Kuvert mit dem Monogramm auf pergamentartigem Papier zeigt die Vermählung des Bankiers Klaus Tiedemann mit Fräulein von Wesenheim, Tochter des Konsuls Ernst von Wesenheim, Kammerrat, Börsenrat usw., in würdevollen Worten an.

Dann kommen mannigfaltige Erinnerungen an die Zeit der Kinder:

Hilde und Clo haben einen Wunsch aufgesagt; in zierlichen Worten ist er hier niedergeschrieben; man merkt nicht die vielen Püffe der Erzieherin, bis endlich die kleinen Köpfe die Worte faßten. Klaus Tiedemann war stets tief gerührt und hatte in seiner bescheidenen, scheuen Art die Leistungen weit überschätzt.

Unbeholfene Zeichnungen aus Fetzen Papieres finden seine tastenden Hände: Indianer zu Pferde und Engel mit schlagenden Flügeln! Der kleine Fred hat sie gezeichnet. Ein weher Laut zittert von seinen Lippen. Klaus Tiedemann legt den Kopf auf die Tischplatte; endlich kommen die erlösenden Tränen:

Warum ist das Leben so hart?

Sie waren alle so liebe, so herzige Kinder, die von den Häßlichkeiten der Welt nichts wußten. Und nun ein Betrüger!

»Er ist es.« Laut ruft Klaus Tiedemann die Worte, daß er selbst scheu zusammenfährt.

Warum wäre er sonst geflohen? Warum hat er Geld unterschlagen? Warum hat er nicht seiner Geschwister gedacht?

Das Kind seiner Zeit!

Rücksichtslos, Altes verachtend, nur dem Genuß lebend, das Leben sich leicht machend, das Geld als Hauptmittel ansehend, um etwas zu erreichen. Schwer stöhnt Klaus Tiedemann auf:

Er selbst hat ihm den Weg gewiesen, hat aus Liebe und Nachgiebigkeit die häßlichen Züge nicht im Keime erstickt. Das Geld hat höhere Werte als die der Bequemlichkeit. Es legt Verpflichtungen auf, die schwer zu erfüllen sind. Nur der Erwerb bringt Freude, nicht der Besitz. Der Mensch muß weiter streben, darf nicht halten und nicht rasten! _Ganz_ soll er leben! Nicht scheu nach anderen fragen; aufrechten Blickes gehen; soll das aussprechen, was er denkt, nicht das, was andere wollen!

So war er als Kaufmann gewesen, nicht so als Mensch! Klaus Tiedemann hat sich nach der Meinung der Leute gerichtet, um deren Liebe zu erwerben.

Das ist der schwere Irrtum seines Lebens.

Er läßt sich auf den Sessel fallen; seine Augen stieren durch das Dunkel. Ihm kommen schwere Gedanken.

Wenn Fred recht hätte? Wenn es die erste Pflicht des Menschen wäre, nur sich zuliebe zu leben? Vielleicht ist seines Sohnes Art die richtige?

Sorgenlos ging dann die Zeit an einem vorbei. Aber das war nur möglich, wenn andere nicht so dachten? Das konnte das Rechte nicht sein. Doch alles ist in der Welt; sie schreitet fort nach oben -- in harter Selbstsucht.

Warum sollte das Leben nicht doch darin bestehen?

Er hatte anders gedacht und war unglücklich gewesen. In froher Laune floß das Leben Freds.

Aus tiefer Qual stöhnt er auf. Zu spät kommt ihm die Erkenntnis: er hat seine Zeit verlebt.

Ein Zittern befällt ihn, eine furchtbare Angst vor dem Ungewissen, Ungenützten, vor dem Zuspät!

Totenstille ist um ihn.

Dann hätten die recht, die von selber gingen?

Dann wäre es Pflicht, das Kind zu tilgen, ehe es geboren?

Wofür die langen Qualen, wenn ein Fingerdruck Ruhe gab auf ewig?

Ein paar Schritte, und es ist getan!

Klaus Tiedemann weiß die Waffe im Kasten, die er als junger Mann bei sich getragen hat; er braucht nur einige Schritte zu machen, dann starrt ihn die schwarze Mündung an: ein Druck, und es ist vorbei. Während er stürzt, dreht sich die Kammer weiter, zum nächsten Schuß.

Wie leicht findet der Mensch seine Ruhe!

Schon einmal hat Klaus Tiedemann an den Selbstmord gedacht, als er hungerte; doch nur Schwäche glaubte er damals darin zu sehen.

Nun dünkt er ihm Erlösung.

Fahrige Eile kommt über ihn: wie wohlig muß es sein, ausruhen zu dürfen nach langer Qual!

Wilder Haß ist in ihm; er knirscht mit den Zähnen. Niemand liebt ihn, er war einsam, und einsam will er sterben. Sie sollen machen, was sie wollen, ihm ist alles gleich, er will endlich Ruhe finden. Er tastet sich in die Höhe und geht dem Kasten zu; ein irres Lachen ist auf seinen Lippen. Des Lebens Krone!

Die Faust schlägt an die kalte Mauer; ohnmächtige Anklagen wirft die lallende Zunge durch die ruhende Nacht. Schwarze Hände streifen seine Stirn, ein Fallen ist um ihn, ein Drehen und Winden. Er glaubt Arme zu spüren, die sich nach ihm strecken, ihn festhalten wollen. In rasenden Schlägen teilt er die Luft, er will sterben! Er will Leo folgen, dem einzigen, der ihn geliebt hat.

Sein Kind wird ihn verstehen.

Aus dem Dunkel leuchten ihm gespenstige Augen entgegen: er hört des Toten Stimme:

»Das Leben hat keinen Wert.«

Hansens Bild zerfließt mit dem Gebilde seiner erregten Phantasie zu einem Ganzen.

Er tut einen wilden Schrei. Ein furchtbarer Druck raubt ihm plötzlich den Atem. Er bäumt sich auf; schwarz wie ein Grab umgeben ihn die finsteren Wände.

Ist das der Tod?

Sein Herz macht schwere, unregelmäßige Schläge. Er merkt, wie ihm das Blut durch die Adern schnellt; er sinkt nach rückwärts. Kraftlos fallen die Glieder herab; weit treten die Augen hervor und starren entsetzt in das Dunkel.

Schwerer Druck lastet auf seiner Brust; in seinen Ohren ist ein heulendes Sausen und Brausen. Wie gelähmt liegt die Zunge im Munde. Kein Glied kann er rühren. Kalter Schweiß rinnt über sein Gesicht.

Der Kopf fällt vornüber.

Hart, erbarmungslos starr stehen die Wände.