Lebenswende

Part 10

Chapter 103,784 wordsPublic domain

Alles ließ sich erzwingen, der Widerstand gegen den Tod nicht.

Die heißeste Sehnsucht nach Liebe und Genuß, halbfertige Jugend und verfehlte Leidenschaft, Kindlichkeit und werdende Eigenart -- all das lag still da drunten und zerfiel in nichts.

Klaus Tiedemann seufzte, seine Augen waren naß. Mächtig kam die Erinnerung über ihn.

Wofür hatte er gerungen, wenn das das Ende war? Wenn er selbst in seinen Kindern starb und nicht weiterlebte? Was blieb als Lebenswerk? Ein Quell des Verdienstes! Und auch der konnte versiegen, verlangte man allzuviel von ihm. Er dachte Freds.

Gleich da, rechts drüben, lag seine Frau. Wo mochte Gerhards Mutter ausruhen von ihrer Irrfahrt? Lebte sie noch -- wie kam es, daß zwei Menschen überhaupt sich fremd sein konnten?

Im Grabe mußte alles verstummen, und doch ruhte der Kampf nie.

Schwere Zweifel faßten den alten Mann, er legte den Arm um Hilde. »Hätt' ich dir doch gefolgt!«

Aus großen, erschreckten Augen sah sie auf. Sie schüttelte den Kopf. »Nicht daran denken, Vater!«

Er seufzte. »Wie wird die Zukunft werden?«

Ihre Blicke glitten über die Friedhofsmauer, auf stahlharten Schienen jagte ein Zug vorbei.

Dann begann er wieder:

»Mir ist es manchmal, als hätt' ich schon einmal gelebt und wäre gestorben gewesen, lange Zeit. So manchen Gedanken, der mir jetzt kommt, hab' ich schon einmal gedacht, vor vielen Jahren. Ist er damals richtig gewesen? Ist er es heut? Es ist so schwer für etwas zu entscheiden, noch schwerer gegen etwas. Jedes Ding hat zwei Seiten. Ich war Leo ein zu schwacher Vater, vielleicht kann ich für Fred ein zu harter werden?« In inniger Liebe sah er sein Kind an. »Du mußt mir beistehen, Hilde; du bist die einzige, die wirklich zu mir hält -- willst du?«

»Vater!« Sie warf sich an seinen Hals, ihre Lippen fanden sich; mit tastenden Fingern richtete er ihren Kopf in die Höhe; forschend sah er in ihre Augen: »Bin ich jetzt auf rechtem Weg?«

Sie nickte.

Noch einmal zog er sie an sich:

»Leo wird nicht allzu lange auf mich warten müssen.«

Er brach eine Ranke und verwahrte sie in der Tasche.

Dann winkte er dem Hügel zu:

»Leb' wohl!«

Langsam näherten sie sich dem Ausgang.

Im Heimfahren sprachen sie von Fred. Noch immer hoffte der Vater auf Besserung. Er wartete auf irgendein Ereignis, das ihn zum Handeln zwingen würde; das Schicksal mußte eingreifen -- allein fand er nicht die Kraft dazu! Was sollte auch werden, wenn es so weiter blieb?

Als sie in bekannte Straßen bogen, drückte er Hildes Hand. »Ich danke dir ...«

Sie merkte, daß er noch etwas sagen wollte, seine Rede floß wirr und krumm weiter. Er redete vom Erfolg, und wie man sich im Menschen täuschen könnte. Dann kam er auf Clo und Gröden zu sprechen. Dann auf Hildes freudlose Zeit, die er so gern ihr besser gestalten wolle.

Sie verstand ihn nicht.

Der Umschweife überdrüssig, fragte er plötzlich ganz unvermittelt:

»Würde dich Hansens Bild interessieren?«

Das war es! Sie nickte; die Aufregung benahm ihr die Stimme.

»So gehen wir!«

Er öffnete eilig den Schlag des Wagens.

Gleich beim Eingang der Gemäldeausstellung hatten sie Hansen getroffen.

Es war ein glücklicher Zufall.

In freudiger Erregung geleitete er die beiden durch die ersten Säle, durch die dichten Gruppen der Besucher, welche sich vor einzelnen Bildern stauten.

Für einen kurzen Augenblick fand er Hildes Hand. Sein Blick ging fragend zu ihrem Vater.

Sie zuckte mit den Achseln und lächelte glücklich.

Einzelne erkannten Hansen und grüßten; mechanisch lüftete Klaus Tiedemann den Hut, er wußte nicht recht, wem der Gruß galt.

Hansen lenkte rechts; Klaus Tiedemann ging geradeaus weiter.

»Hier, Papa!« Hilde nahm ihn beim Arm und blieb eingehängt.

In einem zurückspringenden Seitensaal ist Hansens Werk, die schmale Wand allein einnehmend.

In ruhigem Lichte sieht es ernst herab.

Seitwärts von seinem Fauteuil erhebt sich eine kleine, alte Frau, sie macht einen Knicks und hält krampfhaft die Enden ihrer Mantille übereinander.

Mit ruhiger Bewegung schiebt Hansen sie in den Vordergrund und stellt vor:

»Meine Mutter!«

Ihre kleinen, zittrigen Augen bleiben, als sie den Namen der beiden hört, an Hilde hängen. Aengstlich, forschend und flehend! Hansen mag wohl zu Hause gesprochen haben. Sie nickt ihr zu.

Fliegende Röte jagt über Hildes Gesicht.

Ihr Blick geht über die Köpfe der Leute zu dem Bild.

»Erdgeist.«

Ein blasser Bursch, halb Knabe, halb Mann, beugt sich zurück; er ist im Gesellschaftsanzug, eine verwelkte Blume zierte das Knopfloch. Mattigkeit und Erschöpfung liegen über der sitzenden Gestalt, ein Schauder scheint ihn zu fassen. Die Augen sehen müde, verträumt in fiebrigem Schimmer in die Höhe nach dem Gesicht der üppigen Frauengestalt, die, tief dekolletiert, sich über ihn neigt. Die Sphinx, die die weibliche Form des Welträtsels birgt! Alle Sinnlichkeit ist in dem Weibe konzentriert; beklemmender Geruch scheint ihren dünnen Gewändern zu entsteigen. Ihre Augen sind untermalt, in brennendem Rot schimmern ihre vollen Lippen. Wie ein leichter Hauch scheinen Linien durch, wie eine Silhouette aus einer anderen Welt zeichnet sich hinter den vollen Wangen die Kontur des Totenschädels.

Hilde tritt zurück; Leos Züge sehen ihr entgegen, verallgemeinert, doch unverkennbar.

Sie atmet tief und streckt die Hand nach Hansen.

Der steht abseits mit gesenktem Kopf.

Seine Mutter hat Hildes Bewegung bemerkt:

»Du!«

Er fährt zusammen und sieht Tränen in Hildes Augen.

»Sie sind ein großer Künstler!«

Hand in Hand stehen die beiden.

Klaus Tiedemann hat die Arme über der Brust gekreuzt. In ihm ist ein Singen und Klingen: er sieht zwei Gestalten, deren intime Details er mit seinen stumpfen Nerven nur zum Teil erkennt und bemerkt, und doch packt ihn unbewußt des Bildes Kraft; schnell verfliegt der Gedanke, ob Hansen wohl einen Käufer hat.

Er sieht den Mann, den das Weib quält und der doch nicht von ihm lassen kann. Das ist sein Leben, und das versteht er! Das ist auch das Leben Leos gewesen und ist auch vielleicht jenes von Fred. Wieder flattert die Erinnerung seiner ungestümen Jugend empor. Er ist wieder der arme Kontorschreiber, der mit scheuem Blick am Sonntag die breiten Hauptstraßen durchquert, in die er unter der Woche nie kommt. Er sieht die eleganten Damen der Gesellschaft, hört Spitzen rascheln und sieht Formen, wie sie die Weiber des Volkes, durch schwere Arbeit gedrückt, nur selten haben. Die Gier, reich zu sein, kettet ihn; kein Blick haftet auf seiner unschönen Gestalt in den dürftigen Kleidern, die abseits steht und mit brennenden Augen der strahlenden Menge folgt. Ist sein Aeußeres unausgeglichen und inkonsequent, so reihen sich doch die Gedanken in spiegelnder Kette aneinander. Zähneknirschend kehrt er in die schmutzigen Hafenstraßen zurück und setzt sich zur Arbeit; er will sie durch Kraft und Zähigkeit zwingen, ihm zu Willen zu sein. Ein bitteres Lächeln geht über Klaus Tiedemanns Züge. Keiner der Umstehenden, auch sein eigenes Kind nicht, wissen, daß er nun der zwei unglücklichen Ehen gedenkt, die sein Leben vergifteten.

Schwer holt er Atem.

Er kann es nicht überwinden, daß sie nur seinen Erfolg liebten und nicht ihn.

Er starrt in Leos Züge.

Auch der ist unterlegen, er konnte ihn nicht schützen.

Der Wolny Züge nimmt das Weib an der Wand an, und Fred sitzt auf dem Sessel.

Seine Umgebung vergessend, stampft er mit dem Fuße auf, daß er seine Art den Kindern vererben mußte! Was will er tun, wenn sie dafür Rechenschaft fordern? ...

Er wendet sich; mit gesenktem Kopfe fragt er Hansen nachdenklich und ernst: »Sie meinen das ganz allgemein, das Weib dem Manne gegenüber?« Er zeigt nach dem Bilde. »Der dort kann jeder von uns sein?«

Unsicher sieht Hansens Mutter drein.

Als er die Antwort erhält, blickt er ernst zu Boden; dann streckt er Hansen die Hand hin:

»Sie haben recht.« Er nickt der alten Frau zu. »Er versteht das Leben.«

Sie macht einen eiligen Knicks.

»Gewiß, Herr Kommerzienrat, gewiß,« sagt sie und denkt an ihren Mann, der ihr elterliches Erbteil verspielt hat und den sie erhalten mußte die letzten Jahre durch ihrer Hände Arbeit.

Dann gehen sie weiter durch die übrigen Räume. Hilde weiß nicht recht, warum; doch Klaus Tiedemann will wohl nicht zeigen, daß sie nur Hansens wegen gekommen sind.

Er sieht gleichgültig über die farbigen Flecken an den Wänden.

Beim Ausgang schüttelt er Hansen nochmals die Hand und sagt: »Besuchen Sie uns doch wieder einmal; wir sind seit Leos Tod fast immer zu Hause.« Er bewegt den Kopf auf dem gedrungenen Halse hin und her, als beengte ihn der Kragen; dann fügt er in alter Art hinzu: »Wir werden uns freuen, Sie begrüßen zu können.«

Die alte Frau nickt ununterbrochen in ihrer Verlegenheit; mit sicherer Bewegung faßt sie ihr Sohn beim Arm: »Ich werde es mir demnächst erlauben.« Er verneigt sich und grüßt Hilde mit den Augen: »Leb' wohl!«

Er sieht dem davoneilenden Wagen nach und beugt sich zu der alten Frau hinab:

»Nun, Mutter?«

»Sie hat dich gern.«

Sie lächelt glücklich und denkt nicht, daß sie nun ihr Kind wird teilen müssen mit einer anderen.

Als sie nach Hause kamen, wartet Gerhard im Herrenzimmer auf den Vater. Mit großen Schritten geht er hin und her.

Als Klaus Tiedemann eintritt, bleibt er stehen.

»Was gibt es?«

»Ich weiß nicht, Vater, ob ich es dir sagen soll.«

»Wieder was Unangenehmes?« Klaus Tiedemann hat in seines Sohnes Hand ein Zeitungsblatt entdeckt, hastig greift er danach:

»Gib her!«

Nur widerwillig läßt es Gerhard, er beobachtet seinen Vater mit forschenden Blicken.

Der liest mit zusammengezogenen Brauen:

Es ist ein Artikel, »Moderne Industrie« überschrieben, in dem das sozialistische Organ sich in heftigen Ausdrücken Luft macht über die Einstellung der Untersuchung gegen Charles Lecart, den Bluthund der »Freundschaftszechen« -- wie sie ihn nennen. Sein Privatleben ist aufgedeckt, entstellt geschildert; niemand kann nach den bestimmt gegebenen Daten an der Richtigkeit der Angaben zweifeln. Doch nicht genug damit! ... Klaus Tiedemann spürt einen Stich im Herzen: auch sein Name ist genannt, mit heftigen Anklagen überschüttet: er soll um das schwindelhafte Unternehmen gewußt, wissentlich dem Betrug Vorschub geleistet haben. Warum wären sonst die Liegenschaften in den alleinigen Besitz der Firma übergegangen? Es ist abgekartetes Spiel! Sein Mitleid mit den Arbeitern und die schweren Opfer seines Kindes wegen werden so verstanden!

Fester faßt er das dünne Blatt, die Augen werden groß und starr.

Hier steht mit erbarmungslosen Buchstaben die Beschuldigung, daß Fred Tiedemann, der jetzige Chef der Firma, der nur in Kreisen des Hochadels verkehrt, bedeutende Summen, es ist eine enorm hohe Zahl genannt, angeblich zu Wohltätigkeitszwecken, gespendet hätte, die in Wirklichkeit nur dazu dienen sollten, ihm den Adel zu verschaffen. Heftige Anklagen gegen die Regierung sind eingeflochten, die einen solchen Kuhhandel förderte; in flammenden Worten ist das Unrecht verwiesen, das den Armen angetan würde durch solche Schädlinge der Industrie, die eigentlich in den Kerker gehörten. Auch die Firma als solche ist beschuldigt. Wie könnte man von einem derartig geleiteten Institut Garantien verlangen, wenn das »Hungergeld der Armen« dazu benutzt würde, Hochstapler in ihrem strafwürdigen Beginnen zu unterstützen? Jedermann wird aufgefordert, sich die Depots ausfolgen zu lassen und diese in sicheren Instituten anzulegen. Der Prospekt einer Firma, deren Chef der Bruder eines Parteimannes ist, liegt bei. Auch ist auf eine Interpellation verwiesen, welche jener bei der übermorgigen Parlamentssitzung einbringen wird. Man wird kein Mittel unversucht lassen, um dem arbeitenden Manne zu seinem Rechte zu verhelfen, die Machinationen der Lecart-Tiedemannschen Sippschaft an den Pranger zu stellen! Es folgen längere Erörterungen, daß man aus dem vorstehend gekennzeichneten Spezialfall schließen könnte, wie geradezu unerläßlich das Verlangen der Bergarbeiter nach Grubeninspektoren aus ihren eigenen Reihen wäre.

Klaus Tiedemann läßt das Blatt mit zitternder Hand sinken. »Nur gut, daß sie weit übers Ziel schießen und sich so ins Unrecht setzen«, sagt Gerhard.

Tiedemann gibt keine Antwort.

Nun fassen sie sein letztes, seinen ehrlichen Namen, sein Geschäft an!

Sinnlos vor Wut zerreißt er den Fetzen Papier und tritt ihn mit Füßen:

»Es kann nicht sein!«

Gerhard zuckt die Achseln.

Dieser schweigende Widerspruch reizt den alten Mann, sein Aerger sucht Ableitung. Daß Gerhard über Fred schlecht denkt, ist nur natürlich, aber er als Vater muß gerecht sein.

Er pflanzt sich vor Gerhard hin und schreit:

»Daß du es weißt! Daran ist kein wahres Wort!«

»Dann ist's gut, Vater.«

»Ich sag' es dir,« schreit Klaus Tiedemann in der Angst seines Herzens, »ich, dein Vater!«

Schweigend sieht ihm Gerhard in die Augen; Klaus Tiedemann senkt den Blick.

Gerhard wendet sich zur Tür; Mitleid in seiner Stimme: »Bezüglich des geschäftlichen Angriffes werde ich heute noch eine Berichtigung einrücken lassen.«

Er geht.

Klaus Tiedemann läßt den Kopf nach vorn fallen; er weint wie ein Kind.

Nun greifen sie an sein Lebenswerk.

Sein ehrlicher Name ist gebrandmarkt, in den Schmutz gezogen. Er hat von jeher Angst vor der Oeffentlichkeit empfunden. Dem Hause, das er gründete, drohen schwere Krisen. Die Uebernahme der Lecartschen Verpflichtungen hat Opfer gefordert; Freds teure Lebensführung ist nicht dazu angetan, der Tiedemanns Besitz zu mehren. Wenn er wirklich so ungeheure Summen dem Phantom, adelig zu werden, geopfert hat, bedarf es nur eines größeren Verlustes, wie er oft in Kauf genommen werden muß, um die Firma in Schwierigkeiten zu bringen!

Klaus Tiedemann stöhnt auf; dann kommt die Aktiengesellschaft, dann verschwindet der individuelle Zug, die Kunde wird zur Nummer.

Er knirscht mit den Zähnen.

Was bleibt ihm anderes übrig, wenn die Depositensumme sinkt? Damit fällt des Hauses Macht. Unreelle Firmen und Betrüger hatten das Publikum in den letzten Jahren nervös gemacht, altangesehene Firmen waren zusammengebrochen. Wenn die Einleger, auf die alarmierende Nachricht hin, Sturm liefen? Klaus Tiedemann zweifelt als erfahrener Kaufmann nicht daran. Wenn sie die Spreu nicht vom Weizen zu sondern wußten, was dann? Schon lange bestand Argwohn gegen den Stand der Privatbankiers: die Kunden gingen lieber zu den großen Banken mit ihrem Riesenaktienkapital, das ihnen mehr Garantie zu bieten schien. Ein hartes Gesetz stand seit Jahren gegen den kleinen Mann und förderte den großen, trotzdem man es geschaffen hatte gegen das Großkapital. Die Aktiengesellschaft griff vom Anfang ihres Entstehens an mit reichen Geldmitteln in die Konkurrenz. In langen Jahren bittersten Kampfes hatte Klaus Tiedemann sein Kapital errungen. Seine Person war den Kunden Bürgschaft, seine offene Geschäftsführung verhalf ihm zu seinem Erfolg.

Er ballt die Faust. Wenn es Fred wirklich getan hat!

Stunden vergehen in grübelndem Sinnen.

Hilde kommt, ihn zum Abendessen zu holen; er gibt keine Antwort. Krampfhaft die Tränen zurückhaltend, geht sie wieder.

Schatten fallen ein, kaum daß die Sonne gelächelt.

Er hört Clo im Nebenzimmer sprechen; auch Hilde sagt ein paar Worte.

Sie wünschen sich gegenseitig »Gute Nacht«.

Er rührt sich nicht. Er muß Fred sprechen, heute noch. Er muß die Gewißheit haben, daß alles erlogen ist.

In stummer Verzweiflung wartet er.

Wo er so lange weilt? Er ist seit früh nicht zu Hause gewesen!

Auf jeden Ton hört er, der durch die Nacht dringt.

Die Zeit verstreicht.

Er denkt an Leo und an Lecart: die Scheidung ist eingeleitet.

Was wird Clo tun? Oft spricht sie von Gröden?

Was will Fred gegen die Angriffe unternehmen?

-- -- -- Nun ist er einundsiebzig; noch immer findet er keine Ruhe!

Hansens Bild steht vor ihm, wieder trägt das Weib Frau Wolnys Züge. -- -- -- »Wo ist Fred?«

Er sieht Jan Wolnys Augen, sie leuchten durch das Dunkel.

-- -- -- Er fährt auf. Er muß geschlafen haben. Es ist dunkel um ihn geworden.

Er hört Schritte.

Die Tür geht auf. Fred steht vor ihm.

In dem ungewissen Dämmerlicht, das von der Straße kommt, sieht er totenblaß aus.

Als er seinen Vater erkennt, fährt er zusammen. »Was tust du hier?«

Sie stehen sich gegenüber.

Schwer hebt sich Klaus Tiedemanns Brust; der scheue Blick seines Sohnes scheint ihm schreckliche Gewißheit zu geben: »Hast du's getan?« keucht er.

Der andere tritt einen Schritt zurück, die Schultern zieht er ein: »Was?«

In übereilenden Worten, die Rechte in seines Sohnes Rock gekrampft, daß er ihm nicht entkommen kann, schildert Klaus Tiedemann, was vorgefallen ist. Mit bebender Stimme bittet er um Gewißheit. In seinen unruhigen Augen flackern Angst und Wut.

Fred Tiedemann hält die Faust geballt, scheu läuft sein Blick im Zimmer rundum: Nun muß auch das kommen!

»Rede!« Sein Vater schüttelt ihn. Er hat ihn vorn an der Brust gefaßt und knirscht mit den Zähnen, sinnlos vor Wut. Mit hastigem Ruck befreit sich Fred. Er findet seine Art wieder:

»Hast du zu viel getrunken?« Sein Blick sticht dem alten Mann in die blutgeröteten Augen. »Du mußt doch einsehen, daß du mir unrecht tust, schon die ganze letzte Zeit, mit deinem ewigen Mißtrauen! Alles, was du hörst, hat nur einen Grund: sie sind uns neidisch, sonst nichts. Das ist auch jetzt wieder so. Ich werde morgen beim Minister vorsprechen, ihn informieren: es ist der ganzen Sache damit die Spitze abgebrochen.« Klaus Tiedemann scheint seinen Worten Glauben zu schenken. »Doch jetzt laß uns schlafen gehen, ich bin redlich müde« fügt Fred hinzu.

»Es ist also nichts?« Zitternd vor Freude, die tiefster Seelenangst entsprungen ist, kommt Klaus Tiedemann seinem Kinde näher.

»Nichts.«

»Verzeih!« Wieder schlägt Klaus Tiedemann um, er sieht nicht des anderen verstörtes Wesen, nicht den sonst so glatten Scheitel, der unordentlich unter den Haaren verschwindet. Sein Sohn kann nicht unwahr sprechen, mag er auch sonst Fehler haben, er ist doch ein guter Mensch. Er drückt den Widerstrebenden an sich: »Ich habe solche Angst gehabt.«

Mit leerem Blick, in dem Unruhe lauert, sieht Fred Tiedemann über seines Vaters schneeigen Kopf, der an seiner Brust ruht.

Er scheint unangenehmen Gedanken nachzuhängen.

Er preßt die Lippen zusammen und klopft dem alten Mann mechanisch auf die Schulter: »Laß gut sein, es ist alles recht.«

Er macht eine schnelle Wendung, damit sein Vater den blutroten Streifen nicht sieht, der quer über die linke Wange läuft in hochgeschwollenem Zuge.

Er gähnt.

Noch viel will Klaus Tiedemann wissen, doch Fred gibt nur einsilbige Antworten.

Mitternacht ist vorbei, als sie zur Ruhe gehen.

Mit langem Blick sieht Klaus Tiedemann seinem Sohn über den Gang nach.

Für einen Augenblick beschleicht ihn ein unangenehmes Gefühl; des anderen Haltung ist gebeugt; fast vorsichtig ängstlich klingt sein Schritt gegen die sonst geübte selbstsichere Art. Doch Klaus Tiedemann lächelt: Gewiß kommt er von der Wolny.

»Ich hab' ihm unrecht getan«, sagt er leise vor sich hin, und ohnmächtige Wut gegen die Verleumder beschleicht ihn.

Zwei Tage später. -- Es ist in der Reitschule der Husaren, bei denen Fred Tiedemann in der Reserve steht.

Ein kalter Herbstwind wirft dürre Blätter an die schmutzigen Fensterscheiben.

Jan Wolny sitzt auf der Fensterbrüstung mit übereinandergeschlagenen Beinen. Weste und Kragen hat er abgelegt, den Rock nachlässig über die Schultern geworfen.

Man sieht ihm nicht an, daß er auf den Tod wartet.

Seine Augen blicken starr in stählerner Härte gegen die Tür, durch die Fred Tiedemann kommen muß.

Fürst Solt zieht langsam die Uhr und schüttelt den Kopf. »Fünf Minuten über die Zeit.« Ein feines Lächeln kräuselt für einen Augenblick seine Lippen. Die Blicke des alten Aristokraten und des jungen Mannes treffen sich verständnisvoll -- es muß im Blute liegen! In solchen Augenblicken drängt sich alte Ueberlieferung der Nerven in den Vordergrund.

Die beiden Aerzte stehen bei ihren Instrumenten; sie sind in lebhafter Debatte, ob ein Schuß in die Lunge, bei der soundsovielten Rippe, tödlich sein muß oder nicht?

Laut tönen ihre Stimmen.

Jan Wolny zündet sich eine Zigarette nach der anderen an; kaum daß er ein paar Züge getan hat, läßt er sie wieder in die Lohe fallen.

Drüben, auf der anderen Seite, geht sporenklingend der Husar auf und ab, den das Regiment bestimmte, Fred Tiedemann zu sekundieren. Ungern hat er dem Befehl Folge geleistet: das waren die Kehrseiten, wenn man derlei Einjährige hatte. Doch das Regiment hielt dadurch seinen Ruf als erstes der großen Garnison. Die Reserveoffiziere von reichen Eltern fanden manchmal Spaß daran, ritterliche Tugenden zu üben.

Jan Wolnys Blick geht nach dem Pistolenkasten, auf dem hier und da die Herbstsonne spielt, wenn sie durch die dichten Wolken dringt:

Wieder sieht er seine Mutter in des anderen Arm, als er die Tür aufreißt.

»Du hast gehorcht?« fährt sie auf.

»Ja!« stöhnt er und reißt den Riemen von der Wand. »Da hast du, Hund«, er schlägt ihn Fred Tiedemann ins Gesicht.

Dann stehen sie Aug' in Auge.

Alles, was die heutige Ordnung zum Glück verlangt, ist auf des anderen Seite, auf seiner nur tote Ueberlieferung und entwürdigtes Andenken. Warum muß der andere ihm das letzte rauben, die Illusion, daß seine Mutter ehrlich sei?

Ihr Leib hat Unglück über die Wolnys gebracht von dem Tage an, da Wladimir Wolny sie aus der Manege an seine Seite zog.

Sie schlägt die Tür zu und läßt sie allein.

Mit stoßender Hand hält er Fred Tiedemann zurück; er soll es teuer zahlen, das Spiel mit der Ebenbürtigkeit!

Er ist ja Kavalier, nun soll er ihm Rechenschaft geben!

Fürst Solt muß ihm helfen; der alte Edelmann ist noch keinen Strich gewichen von alter Art. Er fragt nicht viel, er hat schon so viel Aehnliches gesehen. Er verneigt sich und nimmt an.

Dunkle Flecken brennen um Jan Wolnys flackernde Augen; die zwei letzten Tage haben ihn alt gemacht.

Er hält die schmale Hand wagerecht vor sich hin, sie ist ruhig und zittert nicht.

Wieder repetiert Fürst Solt seinen Chronometer.

Er schüttelt den Kopf:

Vor fünfundzwanzig Jahren erschoß sich Fürst Grobow, weil die Sekundanten ihn vom Zweikampf ausschlossen, da er um wenige Minuten zu spät kam. Und damals handelte es sich um weniger! Das Weib eines jeden ist vogelfrei, kann es der Mann nicht hüten, aber schweigend muß er sie besitzen und sich dem anderen stellen Aug' in Auge, das ist uraltes Herrenrecht!

Eine Viertelstunde ist vorüber.

Es ist Zeit zum Handeln:

Er tritt zu Jan Wolny, der gibt ihm freie Hand. Seine Augen erlöschen, müde Resignation legt sich über die Lider. Ein dumpfes Leben steht vor ihm, in zerrissenen Fesseln, die desto fester binden.

Blutrot ist der Husar:

»Ich werde sofort meinen Mandanten aufsuchen, es muß ihm etwas zugestoßen sein ...«

Fürst Solt verneigt sich. »Wenn Sie ihn treffen; ich lege Wert darauf, daß er darüber nicht im Zweifel ist: wir sind trotz allem jederzeit zur Austragung bereit.«

Der andere grüßt: »Gewiß,« er macht rasch eine Wendung, doch der Fürst hält ihn zurück, »erst wollen wir ein Protokoll aufnehmen, wenn es angenehm ist, es kann später wertvolle Dienste leisten.«

Unruhig ging Hilde Tiedemann umher, von einem Zimmer ins andere. Die Angst vor etwas Ungewissem war in ihr.

Bald mußte ihr Vater heimkommen von der Sitzung, in der sie seinen Namen an den Pranger stellten.

Er hatte es sich nicht nehmen lassen, der Parlamentseröffnung beizuwohnen.

Unerkannt wollte er auf der Galerie sitzen und das hören, was sie gegen ihn vorbrachten.

Mittag war vorbei.

Mit gesenktem Kopfe war er die letzten Tage herumgegangen; einsilbig im Gespräch, murmelte er halblaut vor sich hin.

Er glaubte Freds Worten, daß alles nur von der Konkurrenz aufgegriffen worden sei, um ihnen zu schaden, und doch fand er keine Ruhe.

Der belastende Artikel hatte seine Schuldigkeit getan. Die Einleger drängten sich stündlich vor den Schaltern; sie verlangten ihr Geld zurück.

Das war ein schwerer Schaden, und nur mit Seufzern und zögernden Händen folgte Görnemann die Depots aus. Mit feindseligem Blick streifte er die Menschenreihen, die vor ihm standen.