Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück: Eine Erzählung

Chapter 7

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Die Entrüstung über die offenbare Schandtat des Bischofs war ohne Maß. In Hinsicht der Art, sie aufzufassen, bildeten sich zwei Parteien, von denen die eine glaubte, er habe mit dem Schermäuser unter einer Decke gespielt, ihm nur zum Schein den Prozeß gemacht und schließlich zur Flucht verholfen, während die andre behauptete, der Jüngling sei unschuldig gewesen und als Opfer des Bischofs zu betrachten, der ihm das eigne Verbrechen aufgehalst habe. Das Ergebnis war bei beiden Parteien das gleiche, nämlich, daß der Bischof ein fluchwürdiger Charakter und Wolf im Schafspelze wäre, für den keine der gewöhnlichen Strafen, sei es Hängen oder Halsabschneiden, hinreichend wäre. Niemand war so erbost wie der Medizinalrat, der, während einige darauf bestanden, dem Bischof von Anfang an mißtraut und den jugendlichen Maulwurffänger im Herzen bemitleidet zu haben, frei bekannte, daß er sich habe täuschen lassen und sich dessen nicht schäme, da es dem schwarzen Herzen ein leichtes sei, die Reinen zu betrügen. Ein Lamm, das in den Mist falle, sagte er, bleibe noch unter dem Unflat ein unschuldiges, weißes Lamm, und so sei es mit der Kirche, die aller Unflat, mit dem niederträchtige Diener sie beschmutzten, nicht entstellen könne; freilich gäbe es schwache Seelen, die sich durch solchen zufälligen Schmutz irremachen ließen, und darum seien die Urheber des Unflats die gottlosesten unter den Sündern und müßten auf langsamem Feuer geröstet oder mit glühenden Zangen gezwickt und zerrissen werden.

Der Bischof hatte in einem kleinen Saale, wo man ihn warten ließ, Muße, sich zu sammeln, und erschien in würdevoller Fassung vor den düsterblickenden Herren, die seine Aussage protokollieren sollten. Er blickte still und rätselhaft über ihre Köpfe weg, während sie ihm vorlasen, aus was für einem Grunde er verhaftet wäre, und entgegnete auf ihre förmliche Aufforderung, er könne sich wohl verantworten, wolle es aber an keiner andern Stelle tun als in seiner Kirche und vor seinem Volke, welches ein Recht darauf habe, die Wahrheit aus dem eignen Munde seines Hirten zu vernehmen. Einer der Herren, welche Kirchenfeinde waren, erwiderte unwirsch, das sei ungesetzlicher Firlefanz und könne nicht gestattet werden; da aber der Bischof, immer noch still über die Köpfe wegblickend, erklärte, er sei mit allem zufrieden, was ihm auferlegt würde, und könne schweigen, bis es Gott gefalle, ihren Willen umzuwenden, entschied die Mehrheit, daß ihm willfahrt werden solle, und es wurde bekanntgemacht, daß der Bischof in der Kirche vor allen, die es hören wollten, sich wegen der gegen ihn vorliegenden Beschuldigung verantworten würde.

Es wirkte auf das Gemüt eines jeden versöhnend, daß der Bischof auch ihm das Bekenntnis seiner Schuld oder Unschuld ablegen wolle, und keiner dachte daran, sich seinem Wunsche zu versagen, so daß die Wallfahrt den Burghügel hinan kein Ende nahm und nicht nur die Kirchenschiffe, sondern auch die anstoßenden Räumlichkeiten von tiefbewegten Christen voll wurden. Der Bischof hatte bis zur festgesetzten Stunde im Rathause verbleiben müssen, doch hatte man ihm auf sein Verlangen sein veilchenfarbiges Prachtgewand geholt, mit welchem bekleidet er dann glanzvoll aus einer Seitenkapelle in die Kirche hereinbrach. Kaum erschienen, tauchte er wiederum vor einem halbverborgenen Altare unter und kauerte dort eine Viertelstunde in augenscheinlichem Gebete, während welcher Zeit die Menge in andächtigem Schweigen verharrte und die wenigen, die vorlaut pfeifen wollten, murrend zur Ruhe verwies. Nach Beendigung des stillen Gebets bestieg der Bischof eine niedrige Kanzel, welche mehr zur Zierde als zum Gebrauch da war, betete nochmals mit aufgehobenen Händen lautlos und begann nach diesen Vorbereitungen eine Rede, in welcher er sich etwa folgendermaßen verbreitete:

»Ach, wie veränderlich ist die Zeit! Ach, wie wechseln Glück und Unglück im verschlungenen Reigen! Hier, wo ich als euer Hirt und Vater stand und euch segnete, stehe ich jetzt wie ein armer Sünder, wessen angeklagt? Gestohlen soll ich haben wie ein Räuber! Meine Kirche soll ich beraubt haben wie ein wütender Skorpion, der den eignen Schwanz frißt! Ihr Kleingläubigen, ihr seid schuld, daß ich meine Zunge entsiegeln, meine Seele entblößen und schamrot werden muß. Hört, was sich an jenem gebenedeiten Tage begeben hat, den ihr für einen Tag des Diebstahls und der Schande haltet.

Eine lange Nacht durch hatte ich schlaflos mit Zweifeln gekämpft, wie ich oft zu tun pflege, ob ich Wurm vor Gott würdig sei, die Herde der Menschen mit geistlichem Stabe zu lenken, und unter vielem Tränenvergießen und Händeringen forschte ich in mir nach den Tugenden des vollkommenen Christen. Hast du, fragte ich mich, alle zehn Gebote gehalten? Hast du deinen Nächsten wie dich selber geliebt? Wie ist es mit der Reue? Wie ist es mit der Buße? und so weiter und weiter, bis mir der Schweiß von den Schläfen tropfte und ich zu ersticken glaubte, weswegen ich vom Bett aufstand und mich in die Kirche begab, um Gott als Schiedsrichter zwischen mir und meinem Gewissen anzurufen.

Als ich an der Kapelle der himmlischen Mutter vorüberkam, zog es mich wundersam, daß ich nicht unterlassen konnte, vor der fürbittenden Jungfrau niederzuknien, und heftig betete, sie möchte mir ein Zeichen geben, ob ich des hohen Amtes, das ich bekleide, würdig sei. Nicht lange hatte ich in solcher Weise gebetet und geweint, als sie plötzlich den hochheiligen Arm bewegte, an ihre Krone langte, sie lüftete und mir armen Sünder auf den gebückten Kopf setzte. Ich jauchzte und triumphierte nicht, sondern schauderte, als ob das Heiligtum mich zermalmen sollte! O der Gnade! O der unverdienten Gnade! Ferne sei es von mir, so dachte ich, mit der Gunst Gottes wie mit einem Orden zu prahlen! Ich verbarg die Himmelsgabe und begoß sie stündlich mit inbrünstigen Tränen, wobei ich bereits am folgenden Tage entdeckte, daß die beiden größten Steine, die das weihevolle Diadem zierten, entwendet worden waren. Nachdem ich für die Seele des Diebes gebetet hatte, nahm ich, um nicht noch ein irrendes Schaf in Versuchung zu führen, sämtliche übriggebliebene Edelsteine und händigte sie der Stiftsdame Hermenegilde ein, damit sie aus dem Erlös die Nackten kleide und die Hungernden speise, ihr, die mich heute mit falscher Zunge zu durchbohren sucht.

Teure Gemeinde, glaubst du ihr oder mir? Glaubst du, ich könnte im Hause Gottes lügen? Würde mich nicht auf der Stelle sein Blitz zerschmettern, wenn ich lästerte? Aber tut mit mir, was ihr wollt; konnte die Mutter Gottes den Arm heben, um mir die Krone aufzusetzen, wird Gott sich nicht minder regen können, um mich mitten aus brennendem Feuer oder aus kochendem Öl herauszuholen.«

* * * * *

Nach einigen andern prahlerischen Redensarten dieser Art beendete der Bischof seine Rede, die er durch gewaltige Gebärden ausgeschmückt und dann und wann durch lautes Weinen unterbrochen hatte, worin das Volk andächtig einstimmte, so daß ein hörbares Schluchzen und Glucksen durch die Kirche rauschte. Viele von den Anwesenden fielen vor Inbrunst auf die Knie und bekreuzten sich eifrig, und als Wonnebald von der Kanzel herunterkam, rutschten sie zu ihm hin, küßten sein Gewand und baten um seinen Segen, den er rüstig und flink aus dem Handgelenk, wie es seine Art war, rechts und links austeilte. In der Meinung, durch die Stimme des Volkes von jedem Verdachte freigesprochen zu sein, begab sich der Bischof sogleich durch einen zu seiner Wohnung gehörenden Gang nach Hause, woran ihn auch niemand hinderte, da ein solcher ohne Zweifel durch die begeisterte Volksmenge in Stücke zerrissen worden wäre.

Die Gebildeten waren keineswegs von der Wirklichkeit des geschilderten Wunders überzeugt, aber durch das schwungvolle Benehmen des Bischofs einigermaßen in Verwirrung gesetzt und warfen einander stillschweigend Blicke zu, die ebensowohl nachdenkliche Rührung über einen solchen Beweis von Übernatürlichkeit wie Erstaunen über die Unverschämtheit des Schwindels bedeuten konnten. Da sich indessen ein fortwährend wachsendes Glaubensfeuer im Volke offenbarte, hielten es die meisten für ratsam, keine dem Gottesliebling nachteilige Äußerung laut werden zu lassen, besonders nachdem der Medizinalrat wiederum bewiesen hatte, wie schön auch dem Manne frommer Kindersinn anstehen könne. Diese feurige Natur nämlich entbrannte bei Enthüllung der bischöflichen Makellosigkeit und seiner überirdischen Krönung sofort in andächtigen Eifer und beanspruchte für sich nur den Ruhm, vor aller Welt zum Besten der Kirche von dem stattgehabten Wunder Zeugnis abzulegen.

Gab es ein Herz, das noch mehr als das seine durch den Einblick in ein auserwähltes Gemüt war entflammt worden, so war es das der Stiftsdame Hermenegilde, deren Gefühl plötzlich einen neuen Umschwung, von der Mutterliebe zur Gottesminne, nahm. Die Erkenntnis, aus selbstsüchtiger Rache einen hochehrwürdigen und geradezu heiligen Mann beinahe ins Verderben gestürzt zu haben, erfüllte sie mit Reue und Sehnsucht, so daß sie sich dem Angebeteten schon in der Kirche zu Füßen geworfen hätte, wenn das Gedränge um seine Person nicht zu groß gewesen wäre. Schmelzend vor Zerknirschung suchte sie in seine Wohnung vorzudringen, allein ungeachtet ihrer demütigen Versicherungen blieb Wonnebald taub, freilich nicht ohne eine künftig wiederkehrende Gnadenzeit in tröstliche Aussicht zu stellen.

Als dem Erzbischof das Gerücht sowohl der gegen den Bischof erhobenen Anklage wie seiner Verantwortung zu Ohren kam, seufzte er mehrere Male und verwünschte im Innern Wonnebald und denjenigen, der ihm zum erstenmal seinen Namen genannt hatte. Am meisten plagte ihn der Ärger über sich selbst, daß er sich in der Beurteilung und Behandlung des Menschen so arg vergriffen habe, indessen auf einem Spaziergang, den er nach vollbrachten Tagesgeschäften unternahm, beruhigte er sich ein wenig durch die Betrachtung, daß ihn eine solche Erfahrung vielleicht vor Selbstüberhebung schützen sollte, daß außerdem Dummheit und Dreistigkeit zuweilen das beste Echo aus der Welt herauslockten und also auch diesmal vielleicht die Spitzbüberei des Bischofs der Kirche mehr zum Nutzen als zum Schaden gereiche. Vollends als an den folgenden Tagen Nachrichten einliefen, wie sich infolge des Wunders das kirchliche Leben in Klus verdoppelt und verklärt habe, ertappte er sich des öfteren bei einem unwillkürlichen Lächeln und machte sich selbst das Zugeständnis, daß er mit Wonnebald zwar viel gewagt, aber am Ende denn doch das Richtige getroffen habe. Zwar entsprach es seinem Geschmack, sich persönlich so wenig wie möglich mit dem wundertätigen Benehmen der Millionenmutter einzulassen, doch unternahm er auch nichts dagegen und ließ der Begeisterung ihren Lauf, und wenn er es nicht umgehen konnte, sich darüber zu äußern, tat er es vorsichtig und in feinen Wendungen, wie daß bei Gott kein Ding unmöglich sei oder daß für den Gläubigen jedes Wunder wirklich sei und ihm von niemand bestritten werden dürfe noch könne.

Mochten den Papst ähnliche Betrachtungen leiten, oder war ihm das Wunder von Klus durch so feurige Zungen geschildert worden, daß das Unkraut des Zweifels dabei nicht aufgehen konnte, kurz, er beschloß, den Bischof durch Überreichung der Tugendrose auszuzeichnen, was denn freilich auch, nachdem die Muttergottes sich zu seinen Gunsten ihrer eignen, kostbaren Kopfbedeckung entäußert hatte, nicht anders als billig genannt werden konnte. Hierdurch wurde das Wunder erst eigentlich beglaubigt, und seit die Nachricht von der bevorstehenden Verleihung sich verbreitete, fingen auch die besseren Kreise an, ihre Ehrfurcht vor dem Bischof lauter zu äußern, und wo etwa noch zerstreute Gedanken den mystischen Vorfall unschlüssig und makelsüchtig umschwirrt hatten, lösten sich diese nunmehr gänzlich auf wie Nebelgebräu vor der triumphierenden Tagessonne.

Der geistliche Kammerherr, der dem Bischof die goldene Rose zu überbringen hatte, glaubte weder an Gott noch an die Heiligen noch an sonst etwas und konnte sich nichts andres vorstellen, als daß der Kluser Bischof ein Mann von feinster Klugheit und Überlegenheit sein müsse, daß er den Leuten eine so abgeschmackte Wundergeschichte habe eingeben und verdaulich machen können. Er selbst war in der diplomatischen und schriftstellerischen Laufbahn zu einem großen Ansehen gelangt, niemals aber hatte er sich in den Geruch der Frömmigkeit bringen können, und bewunderte deshalb nichts so sehr wie die Hinterlist und Gaukelkunst, vermöge der es einem gelang, die Rolle des Gottesmannes zu spielen. Der Bischof feierte nach seiner Weise die Anwesenheit des päpstlichen Gesandten durch ein prächtiges Mahl in seiner Burg, wobei alle Kunstwerke und Erzeugnisse des Gewerbes, als Bilder, Statuen, Gläser, Schüsseln und Silberzeug, zur Ausstellung gebracht worden waren, so daß man nicht wußte, wohin man blicken und was man kosten sollte. Es war auch um diese Zeit der Justizrat Schimmelmann von seiner Reise zurückgekehrt und zum Feste eingeladen, das er durch geistreiche Erzählungen und vieldeutige Witze aufs anmutigste belebte. Wonnebald aß und trank mit Lust und ließ es an geeigneter Stelle nicht an einem munteren Ausruf fehlen, meistens aber schwieg er mit beifälliger Herablassung, denn er hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, das Lamm Gottes darzustellen, und träufelte nur von Zeit zu Zeit, wie wenn er nicht anders könnte, etwas Salbungsvolles und Erbauliches ins Gespräch. Der Überbringer der Rose beobachtete den durchtriebenen Ränkeschmied, als den er den Bischof ansah, neidvoll bescheiden, behandelte ihn mit Ehrerbietung und hinterbrachte dem Papste einen über alle Maßen günstigen, fast begeisterten Bericht über den erleuchteten Betrieb des Pückschen Bischofssitzes.

Indessen bekam Wonnebald die Mahlzeit, die er beim Rosenfeste zu sich genommen hatte, schlecht; was erst nur eine leichte Störung in den verdauenden Organen zu sein schien, erwies sich als tückische Krankheit, die den prangenden Körper in wenigen Tagen zerstörte und als Leiche zurückließ. So unerwünscht dies jähe Sterben dem Bischof sein mochte, der sein Dasein so geschickt und fröhlich zu benutzen verstand, so gewinnbringend war es für sein Gedächtnis, das sich nun an den glorwürdigsten Punkt seiner Laufbahn anknüpfen mußte. Das Trauergepränge dauerte mehrere Tage, und während derselben verbreitete sich das Gespräch häufig um die Frage, wie man den Verblichenen geziemend und dauerhaft ehren könne, sei es durch ein Denkmal oder eine beschreibende Darstellung seines Lebenswandels, was aber alles dem allgemeinen Gefühl noch nicht Genüge tat. Da nun im Reden der Bevölkerung sowie in dem Nachruf, den der Medizinalrat zum Andenken Wonnebalds in den Zeitungen drucken ließ, derselbe beiläufig als ein heiliger Mann war bezeichnet worden, kam man von selbst dazu, ohne daß ein bestimmter Urheber des Gedankens hätte genannt werden können, an die Heiligsprechung des Bischofs zu denken und ebendiese als die passendste Würdigung seiner Verdienste anzusehen. Die hohen Verbindungen des Medizinalrats ermöglichten es ihm, den Plan als einstimmigen Wunsch der Kluser Bevölkerung zu Ohren des Papstes zu bringen, der, obwohl er von allen Seiten nur das Beste über den Pückschen Lebenswandel gehört hatte, sich doch vorsichtig in einer so wichtigen Angelegenheit zurückhielt. Wie ausdrücklich sich auch die göttliche Meinung durch Aufsetzen der Marienkrone für den Bischof ausgesprochen hatte, schien es vom Standpunkte des nicht allwissenden Menschen doch geboten, die Lebensführung des Kandidaten Punkt für Punkt, gleichsam wissenschaftlich, auf seine Heiligkeit hin zu untersuchen, wodurch sich denn freilich auch seine unbedingtesten Verehrer zunächst in eine gewisse Verlegenheit versetzt fanden. Bei näherem Bedenken indessen sagten sie sich, daß, wenn Wonnebald auch nicht in Höhlen gelebt, noch sich ausschließlich vom Tau des Himmels oder durch Berührung der Hostie ernährt, noch überhaupt in dieser gewissermaßen älteren Richtung Löbliches und Wunderwürdiges vollbracht habe, er hingegen die Tugenden der Demut und Einfalt, welche die eigentlich christlichen seien, bis zum äußersten getrieben habe, wie er denn die von Gott empfangene Auszeichnung vor jedermann verheimlicht habe und bis zum Ende haben würde, wenn ihn nicht die Verleumdung der Bösen zur Mitteilung gezwungen hätte. Er hätte, sagten sie, ohne sich je der Wissenschaft zu bedienen, die so oft die Feindin des echten Glaubens sei, eine hohe kirchliche Würde erlangt, von innen erleuchtet oder durch Eingebung von oben zur Verwaltung eines so schweren Amtes befähigt. Immer mehr im frommen Eifer sich erhitzend, fügten diese Sachwalter des Bischofs hinzu, daß, wenn nicht mehr oder überhaupt gar keine staunenswerten Taten von ihm bekannt seien, dies sich eben von seiner vollkommenen Demut herschreibe, mit der verglichen die meisten Heiligen, von denen die Geschichte wisse, unchristlicher Ruhmsucht gefrönt hätten.

Diese nachdrücklichen Begründungen konnten in harmonischer Weise durch ebenso bedeutende materielle Kräfte unterstützt werden, was bei den großen Kosten, die die Heiligsprechung mit sich bringt, nicht gering anzuschlagen war. Ein glücklicher Einfall erinnerte die Unternehmer an die Marienkrone, die, nachdem sie aus dem Ofenloche des Bischofs ans Licht gefördert, mit Beschlag belegt war und sich nebst sämtlichen dazugehörigen Edelsteinen noch immer in gerichtlicher Verwahrung befand, und deren Geldwert hinreichte, um die Vollziehung des großen Geschäftes daraus zu bestreiten. Es hatte zwar die Absicht bestanden, der Gottesmutter ihre Krone zurückzugeben, doch ließ sich dagegen einwenden, daß sie dieselbe freiwillig und vermutlich aus guten Gründen an Wonnebald abgetreten habe, und daß man in ihrem Sinne handle, wenn man sie zur Erhöhung und ewigen Krönung seiner Person nutzbar mache.

Die Bevölkerung von Klus hatte die Sache ihres Bischofs während der Entwicklung der Dinge völlig zu ihrer eignen gemacht und sah in der Verzögerung eine ihr angetane Kränkung, woraus denn wiederum geschlossen werden konnte, was für ein dringendes Bedürfnis die Anbetung des Wonnebald im Volke sei. In Erwägung aller dieser Umstände zeigte sich der päpstliche Rat endlich geneigt, und die Einreihung des Bischofs in die Schar der Heiligen fand unter den üblichen Zeremonien zu vollkommener Befriedigung der Kluser Frommen statt. Das Bild Pücks wurde in der Burgkirche aufgehängt, mit nach oben gedrehten Augen, von wo eine Hand im Begriff war, das bekannte Diadem herunterzulassen, kunstlos gemalt, aber der andächtigen Gemeinde durch Vergegenwärtigung der seligen Gesichtszüge erbaulich. Auch der Erzbischof von Casalba, der an gewissen Festtagen in der Kluser Kirche einen Gottesdienst abhielt, verweilte gern einige Augenblicke vor dem Bilde und beglückwünschte mit gedankenvollem Lächeln sich und die Menschheit über den zeitigen Tod des Bischofs, da, wenn er länger gelebt und seine Laufbahn so schleunig wie bisher fortgesetzt hätte, die Kirche schließlich gezwungen gewesen wäre, ihn zum Herrgott zu machen, um ihn seinen Verdiensten und dem allgemeinen Bedürfnis entsprechend weiter zu befördern.

21. bis 30. Tausend * Druck der Offizin Fr. Richter in Leipzig