Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück: Eine Erzählung

Chapter 6

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Das Bewußtsein, nicht mehr im Gefängnis, sondern eigentlich im Hause des Bischofs zu sein, an dessen Gutmütigkeit sie immer noch glaubte, vor allem das Gefühl der Einsamkeit in der Höhe zwischen den winterlichen Lüften tat Lux wohl; sie hob Lisutt auf ihre Schulter, ließ sie durch die vier Gucklöcher sehen, küßte sie ungestüm und fing allerlei Spiele mit ihr zu spielen an mit mehr Fröhlichkeit, als sie seit langem getan hatte, so daß Lisutts Jauchzen zwischen den dicken Mauern erklang, wie wenn ein kleiner Vogel sich darin verflogen hätte und zwitscherte. Nach einigen Stunden jedoch stellte sich Müdigkeit und Hunger ein, und mit minderer Lust als im Anfang erzählte Lux Märchen und Schnurren, damit das Kind nicht zu essen verlangte, bevor sie ihm etwas zu geben hätte. Dann, nachdem es gemerkt hatte, was ihm fehlte, und herzlich nach Brot und Wasser verlangte, galt es allerlei zu ersinnen, um es zu vertrösten und zu zerstreuen; aber zwischen dem Sprechen senkte sich dunkle, unheimliche Furcht auf ihr Gemüt. Wenn sie nach der Treppe horchte, ob kein Schlurfen von Schritten käme, war es drinnen still wie Stille im Grabe, die unendlich und unabänderlich ist. Früh kam die Dämmerung und brachte wachendes Bewußtsein der Kälte und Verlassenheit mit sich; Lisutts Tränen stürzten nun unaufhaltsam, die sie bisher im Gefühle, wie weh sie ihrer Mutter taten, bitterlich kämpfend hatte zurückhalten können.

In Lux war Staunen und Schrecken: es hätte sie nicht verwundert, wenn ein neuer schöner Stern über dem unschuldigen Haupte ihres Kindes aufgegangen wäre und Könige und Weise ihm Gaben gebracht und ihm gehuldigt hätten; anstatt dessen sollte es auf nackten Steinen verhungern. Sie fühlte ihr Herz voll der reichsten, stärksten, tapfersten Liebe, und nichts konnte sie tun, um das vergötterte Kind vor grausamen Leiden zu retten, nicht so viel wie der Tod, der Feind der Menschen, der es erlösen könnte, indem er es ihr entriß. Frühlingstage und Sommertage waren gewesen, wo die Leute, wenn sie das süße Antlitz unter Blumenkränzen hervorlachen sahen, stehen blieben und es grüßten und segneten, wie man Leben, Sonne und Jugend segnet. Sie konnte es nicht fassen, daß jene Tage gewesen waren und daß dieser war.

Mit der Dunkelheit wurde es kälter, und der Wind, der lauter und schneller daherfuhr, blies durch die Fensterluken; es war Lux, als jagte der Tod auf wieherndem Roß in engen, immer engeren Kreisen um den Turm, um ihr die Seele der kleinen Lisutt zu entführen. Sie nahm das Kind, das allgemach von Erschöpfung überwältigt war, so daß es nicht mehr weinte, und stellte sich mit ihm an ein Fenster: da lag in kalter, heller, glorreicher Wintereinsamkeit der Berg, den sie von ihrem Häuschen aus täglich gegenüber gesehen hatten, und deutlich schimmerte der nackte Pfad, der sich geduldig an ihm in die Höhe wand. »Siehst du?« flüsterte Lux, »da werden wir, wenn wir noch eine kleine Weile still warten, zusammen in den Paradiesgarten hinter dem Berge gehn, wo der Himmelvater wohnt und uns Milch und Honig gibt, so viel wir mögen.« Lisutt nickte und lallte träumerisch: »Da werde ich deine Mutter sein und dich niemals hungern und dürsten lassen.« Lux zog ihre Jacke ab, um ein notdürftiges Bett für das Kind daraus zu machen, und sie hatte es kaum darauf gelegt, als es in einen Schlaf fiel, der erst sehr tief war, dann rastlos und fieberisch wurde. Sie selbst lag daneben auf dem Steinboden, zu besorgt um Lisutt, um das Nagen und Zehren des eignen Hungers zu spüren, aber schwach, mit flackernder Seele, bald in Träume, bald in Phantasien, bald in Betäubung hingerissen.

Sie sah Lisutt vor sich, wie sie als Säugling mit zahnlosem Mündchen ausgesehen hatte, das begehrlich schnuppernd ihre Brust suchte, und dachte, wie göttlich es gewesen war, sich dem geliebten Geschöpf selber zu Speise zu geben. Dann dachte sie an die alte Resi, wie sie jetzt im Bett lag, klein, holzdürr und holzbraun, mit traurig verrunzeltem Gesicht, eine krumme, empfindungslose Hand, die man nicht anrühren konnte, ohne zu weinen, auf der sauberen Bettdecke. Dann dachte sie an den hinkenden Klaus, der die weißen Stoppeln auf dem ledernen Gesicht hatte, wie er sich mit seinem Stumpf von der einen auf die andre Seite wälzte, ohne Schlaf zu finden, von stechenden Schmerzen und grämlichen Gedanken gepeinigt. Dann dachte sie an Brun, seinen reinen, festen Blick und sein unbeirrbares Herz, und was er jetzt einsam und verschwiegen um sie leiden würde. Dann wieder dachte sie, daß alles das bald nichts mehr für sie bedeuten würde, wenn sie mit Lisutt in jenes Tal hinübergegangen wäre, wo die Welt jenseit aller Gedanken bliebe, und dies Bewußtsein durchdrang ihr auf Augenblicke Leib und Seele mit Entzückung wie ein berauschender Stoff; aber es wich sogleich einem krampfhaften Schauder und dem Gedanken, daß sie leichten Herzens alle Himmel hingeben würde, um noch einmal Lisutt in ein goldbraunes, knuspriges, wohlriechendes Brot beißen und essen sehen zu können. Zwischen allen diesen hastigen Vorstellungen hörte sie den Tod, der um den Turm herumjagte und sang: Zu mir, o Leben, zu mir komm! Lachendes, grollendes, klagendes, ewig schönes Leben, ich liebe dich! In Purpur und Flören und Fetzen, o Leben, liebe ich dich! Ich singe Nacht für Nacht unter deinem Fenster und erzittre, wenn du eine Rose von deinem Haupt auf meine Brust wirfst!

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Daß Lux und ihr Kind in solcher Weise vernachlässigt wurden, hing folgendermaßen zusammen: der Bischof hatte Befehl gegeben, daß niemand sich in die Bewachung und Bedienung der Gefangenen einmische, die er sich selbst vorbehalten habe, aber es fügte sich, daß er sich länger, als er gemeint hatte, bei der Hermenegilde, der er eben an diesem Tage einen Besuch abstattete, verweilen mußte. Die Kammerfrau, die mit ihm im Einverständnis die Entfernung des Neugeborenen besorgt hatte, spiegelte der Wöchnerin vor, daß das Kind zur Schonung ihrer Gesundheit zunächst von ihr getrennt bleiben müsse, fand indessen damit wenig Anklang bei Hermenegilde, denn diese war jetzt durch und durch in Mutterliebe entbrannt, sprach von allen Männern ohne Ausnahme mit Geringschätzung, und es kostete die erdenklichste Mühe und Gewandtheit, um sie im Bette zu halten. Wonnebald litt an ihrer Seite scharfe Höllenpein sowohl durch die augenblicklichen Angriffe, mit denen Hermenegilde ihm zusetzte, wie durch die Angst vor der weiteren Entwicklung der Dinge, und dachte zwischendurch mit Groll und manchem Seufzer an Lux, die wegen ihrer albernen Sprödigkeit schuld an dieser Not wäre.

Nichtsdestoweniger verharrte er in der Absicht, die Flucht der Gefangenen zu bewerkstelligen, und nachdem er am späten Nachmittag zurückgekehrt war und sich bei einer kräftigen Mahlzeit von der Strapaze und Gemütsbewegung erholt hatte, schritt er zur Ausführung des Planes. Als er ins Freie trat, blies ihm der Wind so stark entgegen, daß er den Mantel, den er umgehängt hatte, fester zusammenfaßte und die Kapuze über den Kopf zog, worauf er entschlossen über den freien Platz eilte, der zwischen dem Hauptgebäude der Burg und dem Turme sich erstreckte.

Nun traf es sich, daß Lando, der schon seit einiger Zeit mit dem Vorsatz umging, die einst Geliebte, wenn auch nicht für sich zu befreien, worüber er mit dem Schicksal nicht mehr streiten wollte, wenigstens doch vor Schande und vielleicht gar gewaltsamem Tode zu bewahren, ebendieselbe Stunde wie der Bischof gewählt hatte, um das Rettungswerk zu verwirklichen. Er hatte, sowie Lux in den Turm geführt war, eingesehen, daß die Gelegenheit jetzt günstig wäre, sich Werkzeuge verschafft, um das Torschloß zu erbrechen, und sich dann in das leerstehende Häuschen des alten Bernkule begeben, um die Zeit bis zum Hereinbrechen der Dunkelheit mit wehmütigen Träumereien zu betrügen. Er setzte sich an das Fenster, wo Lux viele Male mit ihm gekost und geflüstert hatte, und versenkte sich in die Wonnen der Vergangenheit, bis ihn der brummende Schlag der Burguhr weckte und ermahnte, sein Vorhaben zu beginnen. Die Nacht war nicht so dunkel, wie er hätte wünschen mögen, allein es war rings kein Mensch wahrzunehmen, und die Burg war unerleuchtet, wie wenn bereits alles schliefe. Gerührt und hingerissen von der Betrachtung, daß er das unglückliche Weib in kurzem wiedersehen würde, um sich sofort auf immer aus ihren Armen zu reißen, ging er mit verschlossenen Sinnen vorwärts, als er, eben der Pforte des Turms sich nähernd, einen Schritt hörte und in derselben Entfernung vom Turm, wie er selbst war, den Bischof erblickte, der gleichzeitig seiner gewahr wurde. Es schoß beiden eine Reihe von Empfindungen des Ärgers und der Eifersucht durch den Kopf, vor allem aber beherrschte einen jeden der Wunsch, er möchte vom andern nicht bemerkt worden sein, und obwohl dies dem Augenscheine nach durchaus unmöglich war, machten sie doch unwillkürlich eine Wendung von der Tür weg, so daß sie einander den Rücken zukehrten, und setzten eilig und beflissen ihre Wege in entgegengesetzter Richtung fort. Es konnte nun so scheinen, als ob sie, von den Reizen der Novembernacht angezogen, einen Spaziergang unternommen und dabei den Turm gestreift hätten, worauf sie nach einigen beliebigen Umwegen wieder unter das schützende Dach zurückgekehrt wären, was freilich in Wirklichkeit keiner vom andern glaubte. Sie hörten einander heimkommen und zu Bett gehen, und jeder horchte aufmerksam, ob sich noch etwas mit dem andern begäbe; auf diese Weise verhielten sich beide still und wachsam, bis sie endlich über dem anhaltenden Aufmerken einschliefen.

Es verstand sich von selbst, daß die Befreiung nunmehr bis zum nächsten Abend, wo das Dorf wieder in der Dunkelheit schlief, verschoben werden mußte, und inzwischen dachten Wonnebald und Lando darüber nach, unter was für einem Vorwande sie den andern zur betreffenden Stunde von der Burg entfernen könnten. Plötzlich indessen wurden sie durch ein überraschendes Ereignis von ihren Vorbereitungen abgelenkt: unangemeldet nämlich erschien der Erzbischof von Casalba auf der Burg, der nicht länger davon abstehen wollte, das Treiben seines Neffen sowohl wie des Bischofs durch eigne Anschauung zu untersuchen. Dem Bischof, der den Tag übellaunig begonnen hatte, kam die Zerstreuung erwünscht, und er ließ köstlich auftischen; aber Giselbert frühstückte mäßig und schnell und ging sogleich zur Besprechung der vorliegenden Angelegenheiten über, zunächst des Hexenprozesses, den er für ein anstößiges und bedenkliches Gemächte erklärte. Wonnebald brachte manches vor über die Gefahren des Zauberns, über die Neigungen und Gewohnheiten des Teufels und über Kobolde und Gespenster im allgemeinen, worüber es dem Erzbischof heiß und absonderlich zumute wurde, da er es für nichts andres als den Ausfluß blöden Aberglaubens halten konnte. Es schwante ihm, daß er Pück seinerzeit nicht treffend eingeschätzt und nicht an den rechten Platz gestellt habe, und er sagte sich, daß es jetzt an ihm sei, den verfahrenen Karren, wenn irgend möglich, ohne Lärm und Aufhebens aus dem Sumpfe zu heben. Darum ließ er die Frage selbst unerörtert und sagte nur, daß man auch die beste Sache nicht in schroffer Weise und bis zum äußersten führen dürfe, daß Formen veralteten und daß es wesentlich sei, nicht zum Trotz der allgemeinen Meinung an solchen festzuhalten, schließlich, daß man es aufgeben müsse, mittelalterlichen Brauch und Glauben bis aufs letzte Tüpfel wieder lebendig machen zu wollen. Wonnebald war schlau genug, die Meinung des Erzbischofs herauszuwittern, und beeilte sich, zu versichern, daß er ebenso denke, aber einer Partei habe nachgeben müssen, die im Lande mächtig sei und an deren Spitze der Medizinalrat von Boll stehe. Dieser sei ein fanatischer und blutdürstiger Charakter und würde ganz anders gewütet haben, wenn er, der Bischof, ihn nicht einigermaßen im Zaume gehalten hätte; auch hätte er bereits daran gedacht, die Zauberin entweichen zu lassen, damit der Prozeß hängen bleibe und die böse Sache im Sande verlaufen könne. Damit erklärte sich der Erzbischof einverstanden, nur müsse vermieden werden, sagte er, daß Lando der Person wieder in die Arme liefe, den sie in Tat und Wahrheit verzaubert zu haben scheine.

Er fand jedoch Lando, den er nun zu sich beschied, ruhiger und zugänglicher, als er sich nach seinem Briefe vorgestellt hatte: bei allen Anzeichen äußerster Melancholie und Hoffnungslosigkeit zeigte er sich doch willig, nicht nur auf die Geliebte zu verzichten, sondern auch dem Oheim in seine Residenz zu folgen, vielleicht sogar die ihm zugedachte Braut zu heiraten, die Giselbert ihm als krank vor Sehnsucht und mit mädchenhafter Scham verhülltem Kummer überaus anziehend schilderte. Mit feucht umflorten Augen und tiefer als sonst herabhängender Unterlippe versprach er dem Erzbischof, sich seinen Wünschen fügen zu wollen, da er sowieso den Möglichkeiten des Lebens nichts mehr nachfrage, wenn ihm dagegen verbürgt würde, daß die Geliebte ungekränkt entfliehen und ihr ferner nicht nachgestellt werden solle, worauf der Erzbischof nach einigem gespielten Bedenken und Zögern einging. Er streichelte seinen Neffen zärtlich und fing, um ihn zu zerstreuen, ein Gespräch über die Torheiten des Bischofs an, worauf Lando lustiger und gesprächiger wurde, freilich ohne seine Schwermut abzulegen, so daß auf dem schwarzen Grunde seine frechen Witze desto blendender funkelten.

Nachdem es beschlossene Sache war, daß Lux entfliehen sollte, überlegte sich der Erzbischof, daß es weiser wäre, anstatt Wonnebald oder Lando mit der Ausführung des Werkes zu betrauen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, wodurch zugleich eine gewisse Neugierde, die er empfand, befriedigt werden würde. Da es infolge seiner Frage, wer die Aufsicht und Verpflegung der Gefangenen im Turme besorgt hätte, herauskam, daß sie nicht nur am laufenden, sondern auch am vorigen Tage ohne Nahrung geblieben waren, erklärte der Erzbischof, nun nicht bis zum Untergange der Sonne warten zu wollen, bis er hinüberginge, besonders weil es sich um ein kleines Kind handle, das einer solchen Entbehrung leicht erliegen könne. Die Bestürzung Wonnebalds zeigte deutlich an, daß dem Versehen nicht mörderische Absicht, sondern Vergeßlichkeit zugrunde lag, weshalb es der Erzbischof bei einem kurzen, scharfen Fluch, der in vornehmen Kreisen gebräuchlich war, bewenden ließ und schnell von der bischöflichen Tafel Fleisch, Brot, Leckereien, Obst und Wein zusammenraffte und in einen Korb packte, um ihn den Darbenden zu bringen.

Der Aufstieg der steilen Treppe nahm ihm den Atem, so daß er mehrere Male keuchend stehen bleiben mußte; doch beschleunigte er die Schritte immer wieder, so gut er konnte. Beim Eintritt in das Turmstübchen sah er sogleich die Frau und das Kind allem Anschein nach bewußtlos auf dem Boden liegen; doch richtete sich Lux ein wenig auf und sah ihn aus tief umschatteten Augen so traurig an, daß sich sein Herz vor Mitleid und Grauen zusammenzog. Er kniete schnell neben ihr nieder und setzte die Weinflasche an ihre Lippen, indem er sie mit dem Arm unterstützte; erst als sie getrunken hatte, bemerkte er, daß ihr Hemd offen stand und Hals und Brust sehen ließ, und das Blut stieg ihm langsam in die zarten, verwelkten Wangen. Schleunig beugte er sich über das Kind, das still mit halb offenen Augen dalag, und über dessen Körper dann und wann ein kleines Zucken lief, rieb seine Schläfen mit Wein und versuchte, einige Tropfen in das offene Mündchen fließen zu lassen, während welcher Bemühungen Lux anfing zu weinen, und je eifriger er sich bemühte, desto leidenschaftlicher schluchzte. Allgemach belebte sich Lisutt und konnte dazu gebracht werden, daß sie ein wenig Brot und Fleisch aß, worauf sie sich zusehends erholte, ihre Mutter und den fremden Mann betrachtete und diesen mit freundlich ernstem Blick und zutraulichem Nicken fragte: »Bist du der Himmelvater?« Dem Erzbischof kamen Tränen in die Augen, und er bückte sich ein wenig, um eine von den kältestarren Händen der Kleinen zu ergreifen und sie an sein Gesicht zu drücken, was sie sich feierlich froh gefallen ließ.

Während Giselbert Geld zwischen die Lebensmittel im Korbe versteckte, Lux Anweisungen gab, welchen Weg sie einschlagen und wohin sie sich wenden sollte, dann wieder Lisutt vorsichtig mit kleinen Bissen fütterte, war es Abend geworden, und er mahnte zum eiligen Aufbruch. Auf der Treppe jedoch gab es einen Aufenthalt: denn unten war Brun, der, obwohl er sich kaum auf den Beinen halten konnte, als er seine Mutter herunterkommen hörte, ihr entgegenging und an ihren Knien zusammenbrach. Es stellte sich heraus, daß er, sowie Lux in den Turm geführt worden war, sich dorthin geschlichen und in dem Gebüsch, das ihn umgab, versteckt gehalten hatte, in der Hoffnung, bei irgendeiner Gelegenheit hineinschlüpfen zu können, jedenfalls aber ihre Gefangenschaft freiwillig zu teilen und, wenn auch von ihr ungesehen und ungeahnt, ihr nah zu sein. Nachdem er mit Essen und Trinken ein wenig gestärkt war, verlangte er Lisutt zu tragen, mußte sich aber mit dem Korbe begnügen, da Lux die Kleine nicht aus den Armen lassen wollte. Der Erzbischof sah den dreien nach, wie sie sich den schlängelnden Pfad des Burghügels hinunterbewegten, bald verschwindend, bald von neuem auftauchend, bis er sie nicht mehr erkennen konnte, und ging dann langsam ins Haus zurück.

Am Kopfe der Brücke, die unweit des Wassersturzes über den Strom führte, hatte sich Lando aufgestellt, um Lux, wenn sie hinüberginge, das letzte Mal zu sehen, ihr Lebewohl zu sagen und vielleicht noch einmal ihre Hand zu drücken und ihren Mund zu küssen. Er wartete mit klopfendem Herzen und in prickelnder Erregung, die ebenso lieblich wie peinlich war; allein als er sie kommen sah, in einer Bewegung, wie ein Sturmvogel leicht und kräftig durch milde, nasse Luft schneidet, das helle Gesicht dem kalten, schwarzen Himmel, die Augen dem gegenüberliegenden Berge zugewendet, empfand er plötzlich bitteres Weh im Herzen und weinte verstohlen auf den hölzernen Pfosten, an den er sich so dicht preßte, als ob er eins mit ihm wäre. Lux hätte ihn ohnehin nicht gesehen, oder wenn sie ihn gesehen hätte, nicht erkannt oder nicht beachtet; nichts war da für sie, außer sie selbst und die beiden getreuen kleinen Wesen, die sie nah bei sich fühlte, miteinander getragen und gehalten von der Erde und der Luft und dem Wasser, die sie rauschend, atmend, zitternd, wissend umgaben. Eben als sie über die Brücke gingen, erwachte Lisutt, vielleicht durch das Dröhnen des Wassers, und sagte verschlafen, indem sie, wie es ihre Gewohnheit war, ihr weiches Gesicht mit der kalten Nase in den Hals ihrer Mutter grub: »Du riechst gut!« worauf sie sofort wieder einschlief. Es kam Lux eine unwiderstehliche Lust an zu lachen, daß es von dem breiten Bergrücken widerhallte, die Frostluft über dem winterlich schlafenden Dorfe durch lautes, jauchzendes Geschrei zu erschüttern; aber sie hielt an sich und drückte nur Bruns magere Hand und Lisutts leise schmorenden Körper fester.

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Die Einwohnerschaft von Klus war noch in Aufregung über die Flucht des Schermäusers, welche offenbar durch Magie oder schwarze Kunst war bewerkstelligt worden, als eine weit ärgere Neuigkeit laut wurde: die Stiftsdame Hermenegilde nämlich, die inzwischen der Beseitigung ihres Kindes auf die Spur gekommen war, erschien auf dem Rathause und rief den Bischof als ruchlosen Bösewicht aus, der nicht nur der Millionenmaria die Krone gestohlen, sondern dazu noch einen Unschuldigen des Verbrechens bezichtigt habe. Um ihre Aussage gehörig zu bekräftigen, wies sie eine Handvoll Rubine, Saphire und andrer Edelsteine vor, die er ihr geschenkt habe, und die allerdings als zu dem vermißten Heiligtume gehörig erkannt wurden. Das Diadem selbst, sagte Hermenegilde, würde sich zweifelsohne im Besitze des Bischofs finden, der sich ohne Erröten als Entwender desselben ihr gegenüber bekannt habe, und auf Befragen, warum sie sich zur Hehlerin eines solchen Frevels gemacht habe, gab sie an, daß in ihrer Brust ein langes Kämpfen verschiedener Pflichtgefühle, als der Rücksicht gegen ein hohes geistliches Haupt und den Bischof, ihren Beichtvater, insbesondere, der Wahrheitsliebe, der Nächstenliebe und mehr dergleichen stattgefunden, und daß eben jetzt das Mitleid mit dem fälschlich Beklagten, von dessen Flucht sie noch nichts gewußt hätte, gesiegt habe.

Diese Aussage der von Mutterliebe und Rachsucht gestachelten Hermenegilde setzte die Justiz von Klus in unerträgliche Verlegenheit, und sie hätten die peinliche Angelegenheit vielleicht vertuscht, wenn nicht einige Herren darunter gewesen wären, die, scharf und scheel, immer bei der Hand waren, wenn es galt, der Geistlichkeit etwas aufzumutzen, und wenn die Stiftsdame nicht bereits wie eine gackernde Henne von Haus zu Haus gegangen wäre, um ihr faules Geheimnis in jedes offene Ohr zu legen.

Es wäre nicht unnatürlich gewesen, wenn der Bischof, durch das rasch verbreitete Geschwätz gewarnt, die verräterische Krone auf die Seite gebracht hätte, bevor eine Untersuchung in Gang kam; aber er war an diesem Tag abwesend, weil er den Erzbischof in seiner großen Kutsche bis zur nächsten Eisenbahnstation begleiten mußte, die mehrere Stunden weit entfernt lag, und kam erst zurück, als sich bereits einige Gerichtsbeamte in seiner Wohnung festgesetzt hatten, um sie nach dem heiligen Gegenstande zu durchstöbern. Wonnebald war zu überrascht, um seinen Schrecken verhehlen zu können, und warf sich laut ächzend in einen Sessel, von dem aus er die Nichtswürdigkeit der Hermenegilde verwünschte, die es nicht für zu entmenscht hielte, einen treuen Freund, Vater, Berater und Seelsorger öffentlicher Schande preiszugeben. Die Herren hörten diese Klage achtungsvoll im Hintergrunde mit an, wagten aber endlich, sie durch die Bitte um Schlüssel zu unterbrechen, mit denen sie die Kasten, Schränke und Türen öffnen könnten, worauf Wonnebald mit müder Handbewegung auf eine silberne Truhe deutete, in der sich ein Schlüsselbund befand. Während sie damit hantierten, fuhr er fort zu jammern, daß er schon am vergangenen Tage durch den Besuch des Erzbischofs aus seinen Gewohnheiten herausgerissen sei, daß er in aller Frühe habe aufstehen müssen, um im Wagen Knochen und Eingeweide durcheinander geschüttelt zu bekommen, daß man ihm in der Bahnhofswirtschaft ein Huhn vorgesetzt habe, das fader als gekochtes Kalb gewesen sei, und einen Wein, der wie Blausäure und Essig geschmeckt habe, daß er keine Mittagsruhe habe halten können, und daß er nun, da er gehofft habe, sich endlich wiederherstellen zu können, in eine solche Wirtschaft gerate, so daß er sich in Wahrheit einen großen Märtyrer und Leidensgenossen nennen dürfe.

Unterdessen war die Messingkrone in einem Ofenloch gefunden worden, das Wonnebald im Laufe des Sommers als Rumpelkammer zu benutzen pflegte, und das zufällig noch nicht gebraucht war, und die Herren entfernten sich, indem sie dem Bischof höflich empfahlen, die Burg nicht zu verlassen, deren Ausgänge übrigens mit Polizeisoldaten besetzt wurden. Wonnebald atmete auf, als die Störenfriede sich entfernt hatten, und da er der Meinung war, es würde töricht sein, nachdem das Schicksal ihn dermaßen gepeinigt habe, sich freiwillig weiter zu kreuzigen, ließ er sich eine auserlesene Abendmahlzeit auftragen und schlief gut gesättigt bis in den lichten Morgen. Es zeigte sich, daß dies eine glückliche Maßregel gewesen war, denn während er bei frischen Kräften den Morgenkaffee zu sich nahm, kam ihm ein vortrefflicher Einfall, mit dessen Hilfe er sich aus dem Netz zu ziehen hoffte, das man ihm umgeworfen hatte. Bald darauf wurde er im Wagen abgeholt, um auf das Rathaus geführt zu werden, was nur langsam vonstatten ging, da brüllendes Volk das Gefährt umdrängte, um ihn zu beschimpfen und womöglich zu ermorden, der, ohne seine Furcht merken zu lassen, die Menge mit milder Gebärde durch das verschlossene Fenster segnete.