Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück: Eine Erzählung

Chapter 5

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Sie machte sich allerlei im Hause zu schaffen und bog sich zwischendurch öfters aus dem Fenster in der Erwartung, daß Lando kommen würde, um sie, wenn ihm etwas von dem seltsamen Vorfall zu Ohren gekommen wäre, zu trösten oder ihr Rat und Hilfe anzubieten. Da es Nachmittag wurde und er noch nicht gekommen war, hielt sie sich vor, daß er sich gewiß nicht habe freimachen können, und schalt sich wegen ihrer Ungeduld, trotzdem wuchs ihr Verlangen, ihn zu sehen, so, daß sie nur zerstreut auf Lisutts Spiele einzugehen vermochte. Früher als sonst brachte sie die Kinder zu Bett und atmete auf, als sie schliefen und sie sich ins Fenster setzen und endlich unbehelligt der Sehnsucht hingeben konnte. Es hatte sie während des langen Tages zuweilen ein Gefühl heißer Bangigkeit überlaufen, als müsse doch etwas Wichtiges und Peinliches gegen sie im Werke sein, aber es verflog immer wieder, und vollends, wie sie in den Frieden des Abends hineinsah, der baldigen Ankunft des Freundes gewiß, wich die Beklemmung, und die Herrlichkeit eines zukünftigen Glückes ging strahlend vor ihr auf. Allmählich verblichen diese Träume in der Länge des Wartens, und sie fing an so inständig zu horchen, daß das Donnern des Wassersturzes, das jedes kleinere Geräusch verschlang, sie aufregte und ihr unerträglich vorkam und sie wünschte, daß nur ein obdachloser Vagabund oder eine jagende Katze vorbeigeschlichen käme, um doch einmal die spöttische Leere zu unterbrechen. Sie wurde darüber müde und abgespannt, gerade indessen, als sie sich hoffnungslos abgewandt hatte, hörte sie den leisen, lässigen Schritt, den sie kannte, und kehrte mit einem halblauten Aufschrei der Freude an das Fenster zurück. Ohne Gruß oder Anrede von ihm zu erwarten, bog sie sich hinaus, lehnte sich auf seine Schulter und erzählte, wie sehnlich sie ihn erwartet habe, doch machte er sich sachte los, fragte, ob sie wisse, was für eine Anklage gegen sie erhoben wäre, und teilte ihr mit, was er gerüchtweise vernommen hatte, wobei er sie unsicher und fast verlegen ansah. Lux sagte befremdet, indem sie sich langsam aufrichtete, ein Verbrechen habe sie doch nicht begangen, was ihr also widerfahren könne, wohingegen Lando meinte, das natürliche Recht und das geschriebene seien nicht immer gleich, auch der Unschuldige könne sich in den Netzen des Lebens verwickeln oder in Fallen fangen, die Böswillige aufgestellt hätten, er wolle froh sein, wenn alles ohne Gefahr und böse Folgen vorüberginge. Sie betrachtete ihn wehmütig lächelnd und sagte: »Und wenn ich nun unterliege? Und wenn ich nun schuldig wäre? Würdest du mich noch lieben, wenn ich einen Span vom heiligen Kreuze aus der Kirche gestohlen hätte? oder wenn ich dem Bischof Gift eingegeben hätte?« Es flammte in seinen Augen, und er flüsterte leidenschaftlich: »Wenn du deinen Vater ermordet und deine Kinder verkauft hättest, und wenn ich wüßte, daß du mir selber das Blut aussaugen würdest, ich würde dich immer lieben und nimmer verlassen! Eher könnten diese Wasser versiegen und jene Berge versinken, als daß ich aufhören könnte, dein zu sein!«

Während dieser Beteuerungen versuchte er sich zu ihr hineinzuschwingen, allein sie drängte ihn sanft zurück und sagte, sie wolle nicht haben, daß ihre Kinder erwachten und ihn bei ihr fänden, überhaupt wäre jetzt Vorsicht geboten, und sie dürften nicht zusammen gesehen werden. Er empfand, er wußte selbst nicht warum, einen kühlen und fremden Hauch in ihrem Wesen, und schmeichelte ihr mit vielen kosenden Worten, doch leuchtete ihm ein, was sie von Vorsicht sagte, und so nahm er den Abschied, zu dem sie ihn drängte. Kaum war er ihr verschwunden, als die Tränen aus ihren Augen zu fließen begannen, aber zugleich atmete sie tief auf und fühlte sich wunderbar gekräftigt. Es war ihr, als hätte bisher ein farbiges Gewölk zwischen ihm und ihr geschwebt, durch das er ihr geheimnisvoll, prächtig und reizend erschienen wäre, und als hätte eben ein zufälliger Windstoß den Nebel geteilt, so daß sie ihn gesehen hätte, wie er in der Tat wäre, aller Wunder bar, schwächlich, kümmerlich und ein wenig lächerlich. Ja, obwohl ihr das Herz noch weh tat, mußte sie am andern Morgen doch lachen, indem sie sich vorstellte, wie der arme Lando ebensoviel Angst hätte, sie zu verlieren, wie sie festhalten zu müssen, und bald fürchtete, sie möchte die ganze Millionenmutter samt der Krone gestohlen, bald sie möchte es nicht getan haben.

Sie fühlte sich heiter und lieblich müde wie eine Genesende, als sie auf das Rathaus abgeholt und dort sogleich dem Goldschmied gegenübergestellt wurde, der ohne Zaudern erklärte, in ihr den jungen Menschen wiederzuerkennen, der ihm die Edelsteine zum Verkauf angeboten habe. Lux dachte nicht daran, zu leugnen, und sagte aus, daß die Steine dem Bischof gehörten, der sie nicht in eigner Person habe verkaufen wollen, damit nicht bekannt würde, daß er sich in Geldverlegenheit befinde. Diese Behauptung, der niemand die mindeste Glaubwürdigkeit beimaß, machte den übelsten Eindruck sowohl auf die Richter wie vollends auf den Bischof, der einen jähen Zorn auf sie warf und laut seine Entrüstung über die Undankbarkeit und Dreistigkeit des Pöbels äußerte. Am folgenden Tage wurde Lux, die nunmehr in das Untersuchungsgefängnis verbracht worden war, nochmals befragt und ernstlich ermahnt, die Wahrheit zu sagen und nicht einen frommen und hochwürdigen Mann, wie der Bischof sei, zu verunglimpfen, worauf sie erstaunt und ein wenig ungeduldig erwiderte, etwas andres könne sie nicht aussagen, weil sie nichts andres wisse und nichts andres sich begeben habe.

Es folgten nun die Zeugenverhöre, wobei eine große Anzahl von Bauern und Bäuerinnen zu Worte kamen, die zwar nichts über den Kirchenraub beizubringen hatten, desto mehr aber über die Maulwurfplage und wie sie den jungen Schermäuser zaubern gesehen hätten. Da dies nicht zur Sache gehörte, versuchten die Richter die umständlichen Berichte abzuschneiden, und der Justizrat Schimmelmann gab einigen Zeugen anheim, daß sie dumme Tröpfe wären, so daß das Geschwätz im Sande verlaufen wäre, wenn der Bischof nicht die Meinung ausgesprochen hätte, daß hier ein der Aufmerksamkeit höchst würdiger Fall vorliege, der scharf untersucht und unnachsichtig bestraft werden müsse. Wenn der Kirchenraub etwas Gottloses sei, so sei die Zauberei vollends teuflisch, in der Bibel schon als Haupt- und Todsünde gebrandmarkt, und man müsse die Gelegenheit ergreifen, um der Welt zu zeigen, daß der Satan immer noch umgehe, die Kirche aber so rüstig wie je sei, ihm die List einzutränken.

Abends, als Wonnebald, Boll, Schimmelmann und mehrere andre Justizpersonen gemütlich im Gasthaus beieinander saßen, kam die Angelegenheit zur Sprache; der Bischof hätte seine Meinung dem Justizrat gegenüber schwerlich verteidigen können, wenn Medizinalrat v. Boll ihm nicht zur Seite gestanden hätte, dem es zwar meist an richtiger Einsicht und vernünftigen Gedanken, nie aber an Dreistigkeit fehlte, seiner Überzeugung Geltung zu verschaffen. Er wisse wohl, sagte er, daß man verlacht werde, wenn man an Wunder, Teufelei und Hexerei und dergleichen glaube, aber der Glaube an Gott und die unbefleckte Jungfrau werde nicht minder verspottet; er und seine Ahnen wären von jeher Kämpfer für die heilige Wahrheit gewesen und fürchteten den Hohn der Ungläubigen so wenig wie der Soldat die Kugel des Feindes. Ob man nicht täglich hören könne, daß die Kühe verhext wären, daß kleine Kinder, vom bösen Blick getroffen, in Krämpfe fielen? Im einfachen unverdorbenen Volke sei diese Erkenntnis noch anzutreffen, und es suche sich durch geweihte Talismane gegen die Einwirkung des allgemeinen Feindes zu schützen. Die Aufklärer sollten nur fortfahren in ihrer gottlosen Arbeit den Tempel des Glaubens zu unterwühlen! Einstürzend werde er sie zuerst begraben! So wahr wie Christus durch Gott Wunder gewirkt habe, hätten von jeher Böse durch den Teufel gezaubert.

Dasselbe und ähnliches wiederholte er häufig mit Nachdruck und lautem Hall und Dröhnen der Stimme, so daß der Bischof nun erst die Wichtigkeit und Richtigkeit seines Einfalls, das Geschwätz der Leute gegen Lux zu benutzen, ganz begriff und auch die übrigen ihre Zweifel an der Möglichkeit des Zauberns nicht mehr schlechthin auszusprechen wagten. Das männliche Auftreten des Medizinalrats zeigte klar, daß sich hingebende Gläubigkeit wohl mit schneidiger Kraft vereinigen lasse, und mancher erinnerte sich, gehört oder gelesen zu haben, daß die Aufklärung auch nicht unfehlbar sei. Einzig der Justizrat lachte von Herzen über die Reden seines Freundes, aber nur bei sich im Innern; äußerlich ging er mit fröhlicher Ironie darauf ein, da er aus Erfahrung wußte, daß Boll diese Art sich auszudrücken nicht begriff, vielmehr alles für bare Münze nahm, und er somit das Vergnügen genießen konnte, ihn auszuspotten, ohne seine Freundschaft, an der ihm wegen des Flötenspiels viel gelegen war, einzubüßen. Er erzählte mit verstelltem Ernst, daß er seine Köchin im Verdacht der Hexerei habe, denn sie verzaubere häufig die Speisen, so daß sie mißrieten, lasse auch durch Kraft des bösen Blicks den Braten schwinden und dergleichen mehr, was die meisten von den Anwesenden wohl richtig auffaßten, aber als eines ernsten Mannes unwürdigen Mutwillen mißbilligten, weswegen sie sich durch die stillschweigend darin ausgedrückte Meinung auch nicht beeinflussen ließen.

Immerhin war es keinem geheuer bei dem Gedanken, einen Hexenprozeß einzuleiten, was seit hundert Jahren nicht vorgekommen war; aber der Bischof sagte, es sei eben hohe Zeit, wieder damit anzufangen, und erklärte sich bereit, den Vorsitz zu übernehmen, da es geistliche Dinge wären, die geistlich müßten gerichtet werden. Der Medizinalrat zeigte hohe Begeisterung über diese Wendung und frohlockte, es sei ein herrlicher Sieg der guten Sache, wodurch viele mit hingerissen wurden, während der Justizrat, um einem solchen Schauspiel nicht beizuwohnen, als dessen Gegner aufzutreten er sich auch nicht entschließen mochte, eiligen Urlaub nahm und eine Reise antrat.

* * * * *

Sowie die öffentliche Anklage auf Zauberei gegen Lux erhoben wurde, schrieb Lando einen Brief an seinen Oheim, den Erzbischof Giselbert, und teilte ihm die unerhörte Tatsache mit, zugleich bittend, er möge den Bischof sogleich verwarnen, damit diese Torheit nicht weiter getrieben und die Kirche ganz und gar lächerlich gemacht werde; worauf der Erzbischof sich behutsam bei Wonnebald erkundigte, was an der Sache sei, und ihm auf alle Fälle riet, sich und der Kirche keine Blöße zu geben. Obwohl er nicht verraten hatte, von wem er seine Nachrichten habe, zweifelte der Bischof doch nicht, daß Lando dahinter stecke, und antwortete mit Würde, der Erzbischof möge sich nicht von einem leichtfertigen Knaben, wie sein Neffe sei, in so ernsten und schweren Dingen beraten lassen; er wolle ihm insgeheim mitteilen, daß die beklagte Person weiblichen Geschlechts sei und mit Lando einen weitgehenden Liebeshandel unterhalten habe, und daß dies der Grund sei, warum er den Gang der Justiz zu hintertreiben versuche; anstatt sich von ihm betören und ausnützen zu lassen, solle Giselbert ihm lieber behilflich sein, den verblendeten Jüngling aus dem Garn der Teufelin zu erretten. In diesem Schreiben leuchtete dem Erzbischof vornehmlich das ein, was die Liebschaft seines Neffen betraf, an deren Bestand er nicht zweifelte, und er beschloß, ihn sofort zu sich zu rufen und ihn auf andre Gedanken zu bringen, zugleich aber über die wunderlichen Veranstaltungen des Bischofs Kunde einzuholen. Lando hatte kaum den Befehl seines Oheims erhalten, als seine Liebe hoch aufloderte und er bei sich schwur, allen Versuchen, ihn den Pflichten der Treue und Ehre abwendig zu machen, Trotz zu bieten, nicht vom Flecke zu weichen und die Geliebte im Notfall mit Aufbietung des letzten Blutstropfens zu beschützen.

Indessen dachte die arme Lux nicht daran, daß ihr eine ernstliche Gefahr drohe, vielmehr, als der Bischof im Ornat, umringt von vielen stirnrunzelnden Männern, ihr vorhielt, daß sie, anstatt demütig ihres Amtes zu walten und die Maulwürfe einzufangen, wie vorgeschrieben sei, durch verbotene Zauberei dieselben vermehrt habe, sei es, um ihren Verdienst zu erhöhen, sei es, um den Menschen zu schaden, konnte sie sich nicht enthalten zu lächeln und, obwohl es ihr leid tat, den Ruf des verstorbenen Bernkule anzutasten, entschloß sie sich, den Zusammenhang freimütig zu erklären. Sie schilderte deutlich und nett das Verfahren bei Anfertigung der Schwänze, wie es ihr Schwiegervater erfunden hatte, und gestand, daß sie auf die Ermahnung des Magistrates zu größerem Fleiße mehr und mehr künstliche Ware eingeliefert habe, und wie dadurch der Anschein einer wunderbaren Vermehrung des Ungeziefers natürlich entstanden sei. Als sie geredet hatte, sah sich der Bischof mit triumphierendem Lächeln im Kreise um, welches bedeutete, daß diese freche und listige Erfindung, mit der der Beklagte sich aus der Schlinge zu ziehen suche, ihn schlagend überführt habe, und erklärte Lux, daß es nicht erlaubt sei, die Justizpersonen mit gröblichen Aufschneidereien zum besten zu haben. Lux errötete und versprach, wenn man ihr das dazu Nötige geben wolle, vor den Augen der Versammlung so viel falsche Maulwurfschwänze man wolle herzustellen, die von echten nicht zu unterscheiden sein sollten, allein die Herren weigerten sich, so weit auf die schamlosen Lügen eines Bösewichtes einzugehen; denn nun waren sie überzeugt, es mit einem verzweifelten Sünder zu tun zu haben.

Ohne länger auf ihre Verteidigung zu achten, wurden jetzt sämtliche Zeugnisse zu Protokoll genommen, welche die Bauern über die Zauberei des jungen Schermäusers aufzubringen wußten: daß man ihn öfters Holunderzweige habe abbrechen sehen, die man freilich im allgemeinen dazu gebrauche, den Maulwurf zu vertreiben, was aber jedenfalls auch Hexerei sei, und was nicht unwahrscheinlich auch dem entgegengesetzten Zwecke dienen könne; daß man ihn auch oft im Schatten von Holunderbüschen habe sitzen sehen, was von jeher ein seltsamer Ort und Aufenthalt gewesen sei; daß man ihn den lieben langen Tag durch Felder, Gärten und Wiesen hätte streifen sehen, Lieder trällernd, die wohl ihre Bedeutung gehabt hätten, niemals mit dem Aufstellen der Fallen oder andrer ehrlicher Arbeit beschäftigt; daß man ihn ferner auch nachts beim Mondschein habe laufen sehen oder am Fenster sitzend, was als ungewöhnlich aufgefallen sei. Daß er auch in der Erde gegraben habe, aber augenscheinlich nicht nach Maulwürfen. Daß er der Kleinen, die er stets mit sich geführt habe, öfters breite Blumenkränze auf den Kopf gesetzt habe. Daß man von jeher das Blut unschuldiger Kinder zu Zaubersuppen verwendet habe, und daß man nicht wissen könne, was er im Sinn gehabt habe. Daß man ihn an einem Teich habe sitzen sehen, wo die Frösche gesungen hätten, und daß er überhaupt gern mit dem Vieh umgegangen sei, auch gern in Höfen und Ställen sich aufgehalten habe.

Schließlich trat der Bischof selbst als Zeuge auf und meldete, daß Lux ihm, zweifelsohne durch Anwendung teuflischer Mittel, eine unüberwindliche Zuneigung eingeflößt habe, wie es denn wohl jedermann bekannt gewesen sei, daß der junge Bursch in seiner Gunst gestanden habe und mancher ihn vielleicht zu seiner hohen Verwunderung mit dem Schermäuser habe spazieren sehen; bis derselbe ihn habe bereden wollen, sich eines Alrauns zu bedienen, nämlich einer goldschwitzenden Wurzel, und ihm auch Anweisung gegeben habe, wie dem Fetisch durch Verfluchung des Christengottes müsse gehuldigt werden, vermutlich um seine Seele dem Teufel zuzuwenden, worauf ihm denn endlich die Augen über die wahre Natur des gottlosen Menschen aufgegangen wären. Nach eignem Geständnis hätte er seine Kenntnis solcher Zauberei aus einem alten Buche, worin auch allerlei verschwiegene Mittel vorgestellt wären, um unbeliebte Personen unmerklich vom Leben zum Tode zu bringen.

Diese Erzählung des Bischofs wirkte wohltuend und erleuchtend auf alle die Leute, denen es noch in peinlicher Erinnerung lebte, wie lieb ihnen der junge Geselle gewesen war, der ihnen lauter Freundlichkeit und Güte erwiesen hatte, was sie nun nicht mehr zu verbergen brauchten, da sich ja nur seine schwarze Kunst desto deutlicher darin offenbarte. Es wurden eine Menge Beispiele von seiner Verzauberung der Menschen zusammengetragen: wie er den schwarzen Tobias um die Abendzeit in seiner Hütte besucht, ihn herzlich angeblickt und ihm Unterstützung versprochen hatte, um ihn zu trösten, weil er um seinetwillen die Stelle als Hilfsjäger des alten Bernkule verloren habe; wie er sich häufig zur schiefen Resi auf die Bank vor dem Hause gesetzt und ihre gichtgekrümmten Hände gestreichelt hatte; wie er dem stelzfüßigen Klaus, der nicht Weib noch Kind besaß, Kleider und Strümpfe geflickt und oft mit eignen Händen eine Suppe gekocht hatte; wie er die Kinder an sich gelockt und ihnen Pfennige geschenkt hatte; wie die Mädchen in ihn vernarrt gewesen waren, obwohl er sich öffentlich nie um sie gekümmert hatte; wie er so sanfte Hände und vor allen Dingen einen zärtlichen Blick gehabt habe, wodurch er die Seelen habe betören können, wie sich nun herausstelle, um sie dem Teufel als schuldigen Tribut oder als Lösegeld in die Krallen zu spielen. Auch jetzt flößte Lux, die bald verwundert, bald wehmütig die Verhandlungen an sich vorübergehen ließ, ohne viel dazu zu sagen, vielen von den Richtern ein Gefühl ein, das ihnen wie natürliche Zuneigung erschienen wäre, wenn sie nicht durch die Bekenntnisse der übrigen Betroffenen eitel Teufelei dahinter hätten erkennen müssen, so daß ihr Abscheu vor dem gefährlichen Satansbuben dadurch nur vermehrt wurde.

Als nun auch in Zweifel gezogen wurde, ob Lux wirklich, wie sie angegeben hatte, der Enkel des verstorbenen Bernkule sei, zeigte sich, daß sie keine Papiere besaß, um sich auszuweisen, und ihr der Aufenthalt in Klus seinerzeit nur auf eine mündliche Erklärung des Alten und wegen der bischöflichen Fürsprache war gestattet worden. Es wurde für das beste gehalten, den kleinen Brun zu befragen, der, während man Lisutt bei dem angeblichen Bruder gelassen hatte, einem Lehrer zu vorläufiger Obhut übergeben worden war und von diesem als ehrlicher und zuverlässiger Bursche geschildert wurde. Als Brun sich unversehens seiner Mutter gegenübersah, ohne sich ihr nähern, geschweige denn mit ihr sprechen zu dürfen, die ihm aber ermunternd zulächelte und zunickte, wurde er blaß, und das Weinen stieg ihm so heftig in die Kehle, daß er es kaum verschlucken konnte. Nach einer feierlichen Ermahnung des Bischofs, die Wahrheit zu sagen, wurde er gefragt, ob Lux sein Bruder sei, worüber er aufs äußerste erschrak, da er wohl wußte, wie sie ihm eingeprägt hatte, daß er sie vor den Leuten nicht Mutter nennen dürfe, und er glaubte, es hänge ihr Glück oder ihr Leben von seinen Worten ab; aber es war ihm unmöglich, eine Lüge auszusprechen, und mit einem herzzerreißenden Blick auf Lux sagte er, nein, sie sei sein Bruder nicht, war aber zu weiteren Erklärungen durch kein Zureden zu bewegen.

Nachdem somit das vagabundenhafte, auf Lug und Trug gebaute Dasein der Lux nachgewiesen war, sollte auch Lisutt von ihr getrennt werden, und der Medizinalrat übernahm es, indem er sich für einen Kinderfreund erklärte, die Kleine an sich zu locken. Lisutt aß zwar die Süßigkeiten auf, die er ihr brachte, als er sie aber auf den Arm nehmen wollte, schlug sie nach ihm und schimpfte mit heller Stimme so kräftig, daß er sich eilig bekreuzte und entfernte und berichtete, das Kind habe sich wie ein feuerspuckender Teufel gebärdet, entweder es sei doch von einer Brut mit dem Schwarzkünstler, oder er habe es bereits von Grund aus verhext, so daß man sie füglich beieinander lassen könne, bis das Urteil gefällt sei.

Damit hatte es aber noch einige Schwierigkeiten: der Bischof nämlich war der Ansicht, ein Zauberer müsse mit Feuer verbrannt werden, die andern dagegen fanden, ein Scheiterhaufen passe nicht in die neuen Zeitläufte, er solle sich mit dem Galgen begnügen, ja verschiedene wollten weder vom Brennen noch vom Hängen etwas wissen und sagten, man hätte einzig die Sache mit dem Kirchenraub verfolgen sollen als etwas Handfestes und allgemein Verständliches, mit der Zauberei könnten sie viel Anfechtung und üble Nachrede erfahren.

So standen die Dinge, als plötzlich ein Umschwung in der galligen Laune des Bischofs eintrat, die zum großen Teil die Ursache war, daß er der armen Lux einen kläglichen Tod bereiten wollte. Die Stiftsdame Hermenegilde hatte sich, um ihre Entbindung zu erwarten, in einem kleinen, ihr gehörigen Schlößchen in der Nähe von Klus einquartiert, das für gewöhnlich nur von einem Verwalter und seiner Frau bewohnt wurde, und es war ihr Plan, daß das Kind bei diesen Leuten als bei seinen Eltern aufwachsen sollte, so daß sie es, wenn sie immer Lust hätte, besuchen und seine Erziehung beaufsichtigen könnte. Diese Vorstellung ängstigte den Bischof über alle Maßen, doch ging er scheinbar auf alle Wünsche der reizbaren Freundin ein und verständigte sich nur insgeheim mit der alten Dienerin, die sie begleitet hatte, indem er sie beredete, das Kind, kaum daß es völlig auf der Welt wäre, geschwind in das nächste große Findelhaus zu tragen, wo es denn für alle Zeit verschollen bleiben sollte. Die Sorge, ob der heikle Auftrag sich würde ausführen lassen, verkehrte die übliche Zufriedenheit Wonnebalds in Erbitterung, die er in dem Prozeß gegen Lux ausließ und die ihm das Brennen auf dem Scheiterhaufen als etwas Wünschenswertes und Notwendiges erscheinen ließ. Indessen, als er die Nachricht erhielt, daß das Kind zwar lebendig ans Licht getreten, aber stracks in das Findelhaus verbracht wäre, wo niemand es suchen und noch weniger finden könnte, glättete sich die Unruhe seines Herzens und machte der ihm angeborenen Behaglichkeit Platz. Er fing an, zärtliches Mitleiden für die unschuldig gepeinigte Lux zu empfinden, und zugleich regte sich die vernünftige Betrachtung, daß am Ende noch ihr Geschlecht bekannt werden würde und diese Entdeckung ihm nachträglich böse Ausdeutungen der Gunst, die er ihr hatte angedeihen lassen, eintragen könnte. Im stillen ärgerte er sich über den Medizinalrat, daß er ihn in eine so dornige Sache hineingestoßen hätte, die seinem Gemüt nicht zusagte, und es dünkte ihn in jeder Hinsicht das beste zu sein, wenn dem lieben Weibe zur Flucht verholfen und damit der leidige Prozeß für immer begraben würde. Zu diesem Zweck ordnete er an, daß Lux aus dem allgemeinen Untersuchungsgefängnis in einen Turm überführt würde, der zum Umfange der Burg gehörte und der in alten Zeiten als Luginsland sowie zur sicheren Aufbewahrung von Gefangenen war gebraucht worden; wobei er sich des Vorwandes bediente, daß der Zauberer vermutlich mittels schwarzer Kunst zu fliehen versuchen würde, wogegen jener feste Zwinger das beste Bollwerk wäre. Also wurden Lux und Lisutt eines Morgens in den Turm gebracht, in dessen pechdunkelm Innern eine Wendeltreppe mit hohen steinernen Stufen zu einer kahlen Stube mit einem Guckfenster nach jeder Himmelsrichtung führte.